Messe von Tournai: Allgemeines

  • Im Jahre 1862 entdeckte Monsignor Voisin im Archiv des Domkapitels von Tournai einen Folioband, an dessen Ende - nach der Auflistung diverser einstimmiger Mariengesänge - sich eine komplette Messe befand. Das Besondere: sie war durchgängig dreistimmig gesetzt. Da die Sammelhandschrift aus dem 14. Jahrhundert stammte, hatte man hier eine der ältesten mehrstimmigen Messe-Vertonungen vor sich. Die erste Beschreibung erfolgte durch Edmund Coussemaker (Une Messe du XIIIe Siecle, 1869). Neuere musikwissenschaftliche Forschungen haben inzwischen ergeben, daß dessen Verortung ins 13. Jahrhundert nicht aufrecht zu halten ist, sondern daß sie vielmehr in die erste Hälfte des 14. Jahrhunderts datiert werden muß.


    Die Messe besteht aus folgenden Sätzen:

    • Kyrie eleison
    • Gloria
    • Credo
    • Sanctus
    • Agnus Dei
    • Ite missa est/Cum venerit/Se grasse


    Im Gegensatz zur Messe de Notre Dame von Guillaume de Machaut (1300-1377) handelt es sich hier nicht um das Werk eines einzigen Komponisten - die einzelnen Sätze sind nämlich stilitisch so dermaßen verschieden voneinander komponiert, daß sie nicht mal zur selben Zeit entstanden sein können. Man geht davon aus, daß die Messe als bewahrenswerte Ansammlung von Einzelsätzen ins Manuskript kopiert wurden und daß ihre Aufführung zu besonderen Anlässen erfolgte. Das Kyrie, Gloria, Sanctus und Agnus Dei sind nur hier zu finden, während das Credo noch in drei weiteren Handschriften auftaucht (die Codices von Apt, Madrid und Las Huelgas); das Ite steht in dieser dreistimmigen Form noch im Ivrea-Codex.


    Die ältesten Sätze sind das Kyrie, das Sanctus und das Agnus Dei. Sie laufen eher homophon ab und sind klanglich noch dem Fauxboudon ähnlich; daher nimmt man hier eine reelle Entstehungszeit in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts an. Neuerer Natur ist dagegen das Credo, dessen rhythmische Struktur und kontrapunktische Verarbeitung eher auf den Beginn des 14. Jahrhunderts hinweist. Die jüngsten Sätze sind einerseits die dreistimmige Motette, dessen Basis das Ite missa est darstellt: in den zwei Oberstimmen werden zwei unterschiedliche Texte in zwei unterschiedlichen Sprachen (Lateinisch und Altfranzösisch) ausgeführt, die deutliche Erkennungsmerkmale der Ars Nova sind; andererseits das Gloria, welches allein schon durch das abschließende Amen zeigt, daß es sich um eine damals moderne Komposition handelt, denn hier werden sämtliche Hoquetus- und Isorhythmik-Techniken auf die Spitze getrieben.


    Die Niederschrift dieser Werke ins Manuskript wird auf den Zeitraum 1325-1350 geschätzt. Es ist möglich, daß die Messe bei einer Stiftung ertönte, die man der Jungfrau Maria ab 1349 in Tournai täglich zelebrierte; im Jahr zuvor hatte die Pest in Europa Einzug gehalten, und damals soll die Statur der Maria am Altar Tränen vergossen haben.


    Die Messe von Tournai ist nicht die einzige mehrstimmige Vertonung des Ordinariums aus dem 14. Jahrhundert: neben Machaut gibt es noch weitere anonyme Messen (Sorbonne, Toulouse und Barcelona), die aber alle später entstanden. Die Besonderheit der Tournai-Messe ist neben dem stilistischen Alter ihre dennoch homogene Zusammenstellung jener unterschiedlichen Sätze, die zweifellos von Kennern dieser Musik gemacht wurde. In ihr hört man die höchste Kunst an Mehrstimmigkeit, zu denen damals die Musiker an den Kathedralen und Klöstern Frankreichs fähig waren.


    Signatur: [Tournai, Bibliothèque Capitulaire 476, fol. 28-33v (3/2)]



    Links:
    Tournai Mass Wiki englisch
    Mediaeval Music Database