Die Passionen: Allgemeines

  • In der Heiligen Woche werden je nach Liturgie-Ordnung die biblischen Passionen nach den vier Evangelisten vorgetragen. In der katholischen Kirche zur Zeit des Mittelalters und der Renaissance gab es bestimmte Tage, an denen sie vorgetragen wurden:

    • Palmsonntag: Evangelium nach Matthäus
    • Dienstag in der Heiligen Woche: Evangelium nach Markus
    • Mittwoch in der Heiligen Woche: Evangelium nach Lukas
    • Karfreitag: Evangelium nach Johannes


    Die Tradition, die Leidensgeschichte Jesu vorzutragen, wurde seit dem 5. Jahrhundert gepflegt und wurde ursprünglich nur von einem Sänger im Rezitationston gesungen. Im 13. Jahrhundert tauchten aber die ersten Quellen auf, in denen bestimmte Teile einer Passion neu und individueller vertont waren. Es gab eine Trennung des Evangelisten, der den eigentlichen Text vortrug, und einem anderen Sänger, die die Worte Jesu sang, sowie einer weiteren Stimme, die alle anderen Worte der restlichen Charaktere wiedergab. Diese Differenzierung wurde im Laufe der nächsten zweihundert Jahre weitergetrieben: neben dem Evangelisten, Jesus, den Einzelcharakteren wie Pilatus oder Petrus gab es auch eine Stimme für sämtliche Gruppen wie das jüdische Volk oder die Hohepriester. Interessant ist dabei, daß manche Stimmen mehrstimmig ausgeführt wurden. Zunächst wurde damit nur die dritte Stimme mit den restlichen Charakteren komplett belegt; später wurde dies nur auf die Stimme der Gruppen beschränkt (der einzigen Charaktere, die eine Mehrzahl an Personen beinhalten).


    Dazu kam noch eine Veränderung der Stimmlage: der Evangelist rezitierte in der mittleren Tenorlage (vox evangelista), Jesus wurde von einem tiefen Baß vorgetragen (vox Christi), die dritte Stimme als hoher Alt (Soliloquent genannt). Als sich nochmals die dritte Stimme aufteilte in die Einzelpersonen und den Gruppen (die Turbae), wurden die Lagen ein weiteres Mal verwendet; es wurde auch differenziert nach männlichen und weiblichen Stimmlagen.


    Die mehrstimmigen Teile waren häufig 2-3stimmig gesetzt und wurden zunächst homophon gesetzt und als Note gegen Note, später auch freier im Rhythmus und Stimmführung behandelt. Im 16. Jahrhundert trat durch die Reformation ein neuer Typus dazu, dessen wichtigstes Merkmal der Text in deutscher Sprache war, doch zunächst noch der alten Form verhaftet blieb, die sich in der katholischen Kirche bis dato ausgebildet hatte - das wurde aber innerhalb kürzester Zeit überwunden und weiter verfeinert.


    Ich werde mich aber hier bewußt nur auf den "katholischen" Typus beschränken. Der Grund ist einfach: in dem Augenblick, wo der Rezitationston des Evangelisten und der biblische Text nicht mehr vorhanden waren, verläßt die Passionsvertonung die Basis des Gregorianischen Chorals und wird zu etwas Neuem. An der Stelle halte ich eine Zäsur vonnöten.


    Link:
    Passion Wiki dt.