Secret Consolationes: Einspielungen


  • Secret Consolations
    Chansons, Motets, Mass Mouvements; Instrumental Musik

    Le Miroir de Musique
    D: Baptiste Romain. vielle, rebec, baritone


    Sabine Lutzenberger, soprano
    Dina König, mezzosoprano
    Bernd Oliver Fröhlich, soprano
    Tim Scott Whiteley, bass
    Claire Piganiol, harp
    Marc Lewon, lute
    Baptiste Romain. vielle, rebec, baritone


    Gäste (Messen):
    Grace Newcome, soprano
    David Munderloh, tenor
    Giacomo Schiavo, tenor
    Coangor Szántó, baritone
    Elam Rotem, bass

    Rec.: Schlosskirche Beuggen, 2016
    Cover: Rogier van der Weyden (1399/1400-1464), Mary Magdalene reading, The National Gallery London
    Das Booklet enthält alle Texten und einen Beitrag zu Tinctoris E/F/D



    Johannes Tinctoris (c1435-1511)
    01. O virgo miserere mei (motet)
    02. Helas, le bon temps quej'avoie (instrumental rondeau)
    03. O invida fortuna (canzona)
    04. Missa L'homme armé: Kyrie
    05. Missa sine nomine (3): Gloria
    06. Missa sine nomine (3): Credo
    07: Virgo Dei throno digna
    08. Missa sine nomine (3): Sanctus
    09. Missa sine nomine (2): Agnus Dei
    10. Le souvenir [a 4] (instrumental arrangement of Morton's rondeau)
    11. Fecit potentiam (Magnivicat verse)
    12. Le souvenir [a 2]


    Robert Morton (c1430 c1475)
    13. Le souvenir de vous me tue (rondeau)


    Francesco Spinacino (fl. 1507)
    14. Dung autramer (instrumental arrangement of Ockeghem's rondeau)


    Johannes Tinctoris (c1435-1511)
    15. D'un autre amer (instrumental arrangement of Ockeghem's rondeau)


    Alexander Agricola (c1446-1506)
    16. Dung aultre amer (instrumental arrangement of Ockeghem's rondeau)


    Johannes Tinctoris (c1435-1511)
    17. Vostre regart si tresfort m'a feru (rondeau)


    Anonymous
    18. Ou lit de pleurs, paré de plainte (rondeau)


    Johannes Tinctoris (c1435-1511)
    19. De tous biens playne (instrumental arrangement of Ghizeghem's rondeau)



    Quellen


    1, 7, 18: Mellon Chansonnier, New Haven, Yale University, Beinecke Library of Rare Books and Manuscripts, MS 91
    2, 10, 11, 12, 15, 19: Segovia Codex (1500-3), Segovia, Archivo Capitular de la Catedral, MS s.s
    3: (1475-80) Florence, Biblioteca Nationale Centrale, MS Magl. XIX.176
    4: Rome, Vatican City, Capp. Sist. Cod. 35
    5, 6, 8: Librone 2 (early 1480s?) Milan, Archivio del Duomo MS 2268
    9: (1480s?) Verona, Biblioteca Capitolare MS DCCLIX
    13: (1480s) Perugia, Bibliotheca Comunale Augusta, MS 431
    14; adapted from Francesco Spinacino, Intabulatura de Liuto, Libro secondo, 1507
    16: Basevi Codex (1508) Florence, Conservatorio di Musica Luigi Chreubini, MS Basevi 2439
    17: Laborde Chansonnier (1470s) Washington, Library of Congress, M2.1.L25



    Verglichen mit der Aufnahme der Clerk's Group ist der Unterschied zu dieser neuen Interpretation schon enorm, und das liegt m.M. nach nicht nur an der Verwendung von Instrumenten, auch die Vokalstimmen scheinen hier aus einer anderen Zeit zu kommen, nicht so weit entfernt und fremd, wie man es bisher hören konnte. Die Stimmen scheinen manchmal schon zu verschmelzen, woran dann aber auch die Instrumentalbegleitung ihren Anteil hat.



    Mit der vorliegenden Aufnahme und ihrer musikwissenschaftlichen Begründung hat Le Miroir de Musique einiges Aufsehen verursacht; so viele Hinweise und Rezensionen der CD schon kurz nach Erscheinen habe ich noch selten erlebt.




    David Fallows im Booklet:



    James Ross schreibt dazu in early music:


    Zitat

    [...] In an intriguing and highly informative programme note David Fallows attempts to follow the composers erratic progress across Europe and to tie this in with his various sacred and secular compositions. At one point a series of rapid yo-yo swings back and fore across many miles reminded me of a similar situation I encountered with a Renaissance composer, which turned out to involve two entirely separate people! In Tinctoris case the surprising conclusion is that the bulk of his compositions and theoretical works all date from one brief period in the 1470s when he was in Naples an interesting lesson for those of us tempted to spread composition dates throughout the often blank canvas of a Renaissance composers lifetime. The emerging picture of Tinctoris simply pouring out music and musical theory in one brief burst of activity must also increase the likelihood that he has something to do with the six brilliant and anonymous LHomme Armé mass cycles from around this period associated with the Naples court. [...]


    Auch der BR geht auf diesen Beitrag von Fallows in seiner Rezension ein:


    Zitat

    Ein besonderes Bonbon ist zudem der aufschlussreiche Booklettext von David Fallows. Der Musikwissenschaftler wagt hier eine spannende These: das gesamte musikalische Schaffen des Johannes Tinctoris könnte innerhalb nur einer Dekade entstanden sein, nämlich in den 1470er Jahren. Die Frage, womit sich der 1511 gestorbene Komponist und Musikgelehrte die letzten 30 Jahre seines Lebens beschäftigt hat, die bleibt allerdings offen.



    Die erste CD von Le Miroir de Musique, The Birth of the Violin, räumt auf ähnliche Weise mit einem vergleichbaren Thema und bisheriger Lehrmeinung auf. Auch da ging es um eine neue zeitliche Verortung.



    Es sind schon gestandene und spezialisierte Musiker*innen aus dem Umfeld der Schola Cantorum Basiliensis, die hier zusammen spielen; einige von ihnen haben selbst erfolgreiche Ensembles gegründet. Viele Mitglieder dieser Ensembles spielen mehrere der doch auch sehr ungewöhnlichen alten Instrumente (bzw. Nachbauten), allerdings in der Regel Blas-, Streich- und Zupfinstrumente.


    Dr. Matthias Lange von klassik.com schreibt dazu:


    Zitat

    In den Messsätzen beweist die vokale Besetzung eine enorme Autorität und Expertise, formen sich die individuellen Farben zu einem formidablen, im Klang charismatischen Ensemble. Dafür stehen Namen wie Sabine Lutzenberger, Bernd Oliver Fröhlich, Tim Scott Whiteley, David Munderloh oder Elam Rotem. Auch solistisch bringen die Akteure Fantasie, Nuancierungskunst und eine geschmeidig gestaltete Linearität ein. Und sie suchen nicht nur reinen Schönklang, sondern gehen für eine gesteigerte Wirkung auch Risiken ein. Heikle Gewebe werden mit großer Eleganz phrasiert, rhythmische Vertracktheit gleichermaßen souverän entfaltend wie subtil in den Klangstrom integrierend.


    Die erklingenden Instrumente sind sehr viel mehr als bloße klangliche Ergänzung: Sie sind gleichrangiges Komplement, agieren selbstbewusst auf Augenhöhe, sind an der Schaffung der feinen Gewebe substanziell beteiligt. Vor allem zarte Farben bestimmen das Bild Vielle, Rebec, Harfe oder Laute liefern luzide Beiträge. Intoniert wird gemeinsam ohne Schwächen; die charmanten Eigenarten der Instrumente bereichern das Bild sehr gelungen. Technisch ist die Realisierung überzeugend, wirkt das Bild gesammelt und konzentriert, ist es ein feines Porträt der oft heiklen Konstellationen.


    Fazit: Eine großartige Platte, voller Qualität und Inspiration. Baptiste Romain und sein Ensemble Le Miroir de Musique behaupten das kompositorische Gewicht des Johannes Tinctoris nicht sie zeigen es einfach eindrucksvoll, in großer Lebendigkeit und natürlicher Frische.]



    Dem habe ich nichts hinzu zu fügen.



    lg vom eifelplatz, Chris.



    ______________________


    Informationen und Nachweise:


    Baptiste Romain
    Le Miroir de Musique


    Baptiste Romain SCB
    Marc Lewon SCB


    MusicWeb-International
    klassik.com
    BR
    Wunderkammern
    Early Music
    Medieval.org(runterscrollen auf 17. September)