Warum vibrieren Musiker eigentlich

  • Heute bin ich bei Facebook auf einen Artikel aus classic.fm gestoßen:
    Why musicians use vibrato


    Der Artikel ist etwas oberflächlich, die Zielgruppe sind aber auch keine Musikwissenschaftler.
    Übrigens kann man Hörgewohnheiten auch ändern: "weil uns Vibrato so vertraut erscheint, fällt es nicht schwer, Norringtons Aufnahmen beunruhigend zu finden".
    Mir geht es inzwischen umgekehrt.


    Vor allem möchte ich die Vibrato-Frage gerne von opi/omi oder hip/hup trennen. Ich kann auch hup omi spielen und TROTZDEM sparsam vibrieren und dafür lieber präzise intonieren.


    Ich, ganz persönlich, habe mich am Vibrato ziemlich leid gehört und schätze sparsamen Einsatz dieses Mittels, auch bei Solisten, als hohe Kunst.

    Lucius Travinius Potellus
    Those who would give up essential Liberty, to purchase a little temporary Safety, deserve neither Liberty nor Safety. (B.Franklin)

  • Es gibt schon einen historischen Background (russische Schule oder sowas?) ... da müßte ich mich erst wieder einfinden. Ich weiß aus Erfahrung an der hiesigen MuHo, daß das Vibrato Jahre und - wenn es sein muß - Jahrzehnte lang geübt wird und manche Schülereltern darauf abfahren („Sie hat das Vibrato von Hoelscher" ...). Da sind sie stolz drauf.
    ;(*beiss**hide*
    Ich habe mich oft gefragt: wofür? Wenn man es für die meiste Musik nicht wirklich benötigt, allenfalls - und nun muß man eben leider doch zumindest zu HIP/HUP greifen - als korrekte Auszierung für z.B. lang anhaltende Töne; das war auch bereits zu Leopold Mozarts Zeiten üblich und erwünscht, wahrscheinlich auch früher schon. Beim Clavichord z.B. ist das Vibrato auch möglich (hier nennt sich das „Bebung") und gehört sozusagen zu den besonderen Gimmix ... aber man sollte es auch da nicht übertreiben, sonst klingt es wie gewollt und nicht gekonnt. Auch Holzbläser können Vibrato.


    Das Vibrato ist ein klangästhetischer Effekt - ein Gewürz. Mit Gewürzen sollte man es nicht zu doll treiben, sonst ist die Suppe schnell versalzen. Aber zerstörte Geschmacksknospen registrieren soetwas eben nicht mehr.


    John Powell: (über den Vibrato-Effekt)


    S. 71 schrieb:

    [...] Vibrato und man verwendet ihn, um Tönen (insbesondere langen Tönen) eine gewisse bebende, „romantische" Tiefe zu geben. Er lässt sich auf mehreren Instrumenten erzielen [...] und mitunter wird er auch von Sängerinnen und Sängern eingesetzt (manchmal bis zum Überdruss).


    Gerade beim Gesang (ich denke aber, darum geht es Dir hier nicht?) sollte man aber das Vibrato vom Tremolo unterscheiden können.


    Bei einem großbesetzten Orchester mit beispielsweise jeweils 40 ersten und zweiten Geigen ist ein Vibrato im Prinzip überflüssig, da ohnehin nicht jeder der 80 Beteiligten exakt den gleichen Ton trifft - eine gewisse Unschärfe, die auch das Vibrato bewirkt, ist hier also bereits naturgegeben. Durch den Einsatz des Vibratos kommen dann typische 1950er -60er-Jahre-Sounds heraus; sowas wie Filmmusik (wo das vielleicht erwünscht ist): alles verschwimmt, kein Ton ist mehr deutlich erhörbar, alles geht in der (versalzenen) Suppe unter.


    Anders ist das bei solistischem Auftreten: hier kann das Vibrato eben - wie oben zitiert - zu seinem seufzerischen, „romantischen" Ansatz führen (sofern sinnvoll, werkgerecht und gewünscht); aber auch da sollte nicht übertrieben werden. Wenn ich so manche HUPe Aufnahme höre, sehe ich immer Elefanten mit den Amplituden seilspringen ...

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790


    Plaudite, amici, comedia finita est. Finis coronat virus. (Covid)

  • Möglicherweise wird es ja nicht gern gesehen, wenn auf die Erkenntnisse aus anderen Foren verwiesen wird. Die vielfältigen Mitteilungen von Michael S. zum Thema Vibrato/Non-Vibrato/vibratöse Zwischenstufen, ggf. in Abhängigkeit zu Darmsaiten/Stahlsaiten fand ich jedenfalls sehr interessant - nachlesbar hier.

  • Letztlich ist das auch wie „Pedal" beim Klavier, wenn ich MS richtig verstanden habe:


    Zitat

    Was die Händ' nicht dichten, wird's Pedal schon richten ...

    (Lieblingsspruch meiner seel. Clavierlehrerin)

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790


    Plaudite, amici, comedia finita est. Finis coronat virus. (Covid)