BWV 1066-1069 - Ouvertüren (Suiten)

    • Offizieller Beitrag

    Gilles Cantagrel meint im Booklet zu der unten gezeigten Einspielung, man habe im 18. Jahrhundert weniger den Begriff Suiten als Ouvertüren für derartige Kompilationen verwendet. Wie dem auch sei, im heutigen Sinne handelt es sich tatsächlich um Suiten, wie der Aufbau der Werke deutlich zeigt: Jede Ouvertüre [Suite] beginnt mit einer mehr oder minder pompösen Ouvertüre, auf die jeweils eine unterschiedliche Anzahl von Sätzen folgt, die "in einer Tanzfolge angeordnet waren" und auch entsprechende Satzbezeichunngen tragen:


    Ouvertüre [Suite] Nr. 1 C-Dur BWV 1066

    • (Ouvertüre)
    • Courante
    • Gavotte I - alternativement - Gavotte II
    • Forlane
    • Menuett I - alternativement - Menuett II
    • Bourée I - alternativement - Bourée II
    • Passepied I - Passepied II


    Ouvertüre [Suite] Nr. 2 h-moll BWV 1067

    • (Ouvertüre)
    • Rondeau
    • Sarabande
    • Bourée I - alternativement - Bourée II
    • Polonaise; Double
    • Menuett
    • Badinerie


    Ouvertüre [Suite] Nr. 3 D-Dur BWV 1068

    • (Ouvertüre)
    • Air
    • Gavotte I - Gavotte II
    • Bourée
    • Gigue


    Ouvertüre [Suite] Nr. 4 D-Dur BWV 1069

    • (Ouvertüre)
    • Bourée I - Bourée II
    • Gavotte
    • Menuett I - alternativement - Menuett II
    • Réjouissance


    Am bekanntesten ist wohl der mit Air bezeichnete 2. Satz der Suite D-Dur BWV 1068. Mir persönlich gefällt der Satz auch von allen Suiten am besten, gleich gefolgt von der Gavotte aus dem selben Œuvre. Überhaupt hat hier in BWV 1068 die Ouvertüre meiner Meinung nach eine starke Ähnlichkeit zum Brandenburgischen Concert Nr. 3 G-Dur BWV 1048. Ansonsten geben mir diese Werke ansich nichts - sie sind schön anzuhören, nerven mich aber nach einer Weile schon...


    Auffallend ist, dass die jeweiligen Ouvertüren der Ouvertüren jeweils etwa ein gutes Drittel des entsprechenden Werkes einnehmen, es meiner Meinung nach damit überlagern; es folgen dann die relativ kurzen Tanzsätze bzw. Air (1068) oder Rondeau (1067). Auch ist die Instrumentbesetzung der vier Suiten nicht ganz identisch: bei der h-moll-Suite beispielsweise spielen nur Streicher, Continuo und Flöte, während die C-Dur-Suite zusätzlich zweier Oboen und eines Fagotts bedarf. Pompös kommen beide D-Dur-Suiten daher - passend zur Tonart mit glänzenden Trompeten, gleich drei an der Zahl, sowie Pauken und eine dritte Oboe bei BWV 1069.


    Die Suiten haben mich noch nie so richtig vom Hocker gerissen (vielleicht fehlt mir zu dieser "Anlassmusik" nur der richtige Anlass(er)?), aber diese Einspielung mußte ich dann doch haben - allein wegen des Orchesterklanges:



    Jean Sebastién Bach
    Les Quatre Ouvertures


    Suite Nr. 3 in D BWV 1068
    Suite Nr. 1 in C BWV 1066
    Suite Nr. 2 in h BWV 1067
    Suite Nr. 4 in D BWV 1069


    Le Concert des Nations
    La Capella Reial de Catalunya


    Jordi Savall

    Alles sollte sein wie es war - und nicht wie wir es uns wünschen!

    (HIPpokrates)

  • Guten Abend


    Bachs Suiten gelten oft als festliche, repräsentative Eingangsstücke, sie entstanden aber zunächst als Kammermusik. Pauken und Trompeten, bei der h-moll Suite die Traversflöte, wurden erst später zugefügt. Verschiedene Autoren behaupten, dass es von den vier Overtüren J.S. Bach frühe Fassungen, teils aus seiner Weimarer oder Köthner Zeit, gibt.


    Diskutiert werden u.a.:


    Overture No. 1
    Hier liegt eine Besetzungskopie â 2 Hautbois, 2 Violini, Viola, Fagotto, con Cembalo vor.
    Es handelt sich um ein solistisches Septett .


    Overture No. 2
    Hier wird eine Fassung in a-moll für vierstimmiges Streicherensemble - evtl. mit Solovioline -, wie es für Bachs Orchester in seiner späten Weimarer Zeit Norm war, favorisiert. Auch die Verwendung einer Oboe statt der Traversflöte wurde in Betracht gezogen.


    Overture No. 3
    Hier sollen die Trompeten- und Paukenstimme erst später hinzu komponiert und dabei die Oboenstimmen ergänzt worden sein.


    Overture No. 4
    Hier sollen ebenfalls die Trompeten- und Paukenstimmen erst später - und zwar im Rahmen der Bearbeitung des Eingangssatzes zum Eingangschor der Kantate BWV 110 „Unser Mund sei voll Lachens“ - hinzugefügt worden sein.


    Als Datierung der Frühfassungen nimmt man bei der Overtüre D-Dur BWV 1069 Weimar um 1716, der Overtüre D-Dur BWV 1068 Köthen um 1718, bei der Overtüre D-Dur BWV 1066 Köthen um 1719/20 und bei der h-moll Suite BWV 1067 Köthen vor 1722 an.



    Gruß :wink:


    aus der Kurpfalz


    Bernhard

    «Es ist wurscht, ob das jemand versteht, aber es muss gesagt werden» (Samuel Beckett)

  • Da ich leider wirklich total knapp mit der Zeit bin, wehre ich mich dies mal, nur sehr kurz!! Und zwar gegen die Aussage, die Suiten seien langweilig nach einige Zeit. Ich finde diese Bachwerke wunderbar! Ich habe noch die ganz alten Platten von meiner Mama, daher hier kein Link. Ich habe dieses Werk definitiv schon vor 15. Lebensjahr liebgewonnen, und das für immer und ewig. Die erste Aufnahme, die ich in meinem Leben gehört habe, ist auch natürlich meine liebste! Wahrscheinlich gerade daswegen! Oder nicht?? Ich weiß es nicht...


    Ich habe es mit Karl Richter und Münchener Bach-Orchester (aufgenommen in Herkulessaal in München 1960 /1961)


    Wer Bach gerne hört, dann ist diese Aufnahme etwas Aufmerksamkeit doch Wert.
    Ich würde es für keine andere tauschen wollen.


    P.S. Datierung:
    1. C-dur Köthen 1721?
    2. h-moll Leipzig zwischen 1735 und 1746
    3. D-dur Leipzig zwischen 1727 und 1736?
    4. D-dur Leipzig zwischen 1727 und 1736?


    VG :wink:


    "Wenn du von allem dem, was diese Blätter füllt,
    Mein Leser, nichts des Dankes wert gefunden:
    So sei mir wenigstens für das verbunden,
    Was ich zurück behielt."
    (Lessing)

  • Die Orchestersuiten von Bach mag ich auch sehr.
    Sie waren mit die ersten Werke die ich aus der barockzeit kennen gelernt hatte und mich auch sofort begeisterten.


    An diesen barocken Tanzsuiten hat man bestimmt noch mehr Freude, wenn man auch den Barocktanz vor Augen hat.



    Zitat

    Als Datierung der Frühfassungen nimmt man bei der Overtüre D-Dur BWV 1069 Weimar um 1716, der Overtüre D-Dur BWV 1068 Köthen um 1718, bei der Overtüre D-Dur BWV 1066 Köthen um 1719/20 und bei der h-moll Suite BWV 1067 Köthen vor 1722 an.


    Zitat

    P.S. Datierung:
    1. C-dur Köthen 1721?
    2. h-moll Leipzig zwischen 1735 und 1746
    3. D-dur Leipzig zwischen 1727 und 1736?
    4. D-dur Leipzig zwischen 1727 und 1736?


    Ich denke, dass wahrscheinlich die Suite No.1 BWV 1066 die früheste der Suiten ist, aufgrund ihrer Tanzsätze. Tänze wie die Courante waren eigentlich ab 1720 völlig aus der Mode, um 1700 - 1715 aber noch recht präsent, ebenso die Forlane die in vielen Bühnenwerken der Zeit auftaucht (ich weiß: die Bach-Forschung ist anderer Meinung...)


    Die Ouvertüren der beiden D-Dur Suiten sind übrigens fast schon Kopien von Delalande Simphonies pour les Soupers du Roy. Man höre sich mal das "Premier Caprice pour les Villers Côteres" an - das gleiche Motiv, nur bereits um 1685 entstanden. Die Suite in h-moll scheint eine Adaption der berühmten Suite in a-moll von Telemann zu sein, die wohl auch einige Jahre früher entstanden ist. In beiden Suiten wird die Flöte (bei Bach Travers, bei Telemann Blockflöte) als Soloinstrument eingesetzt.


    Was das berühmte Air anbelangt, so wurde das oft mit dem englischen "Air" = Luft gleichgesetzt, also entsprechend leicht, schwülstig und langatmig gespielt. Es ist jedoch so, dass bei den deutschen Lullisten wie z.B. Erlebach oder Kusser alle Sätze einer Orchestersuite als "Air" benannt wurden, nur im frz. Sinne von "Weise" oder "Melodie". Das sieht dann wie folgt aus: Air - Courante / Air - Sarabande / Air - Gavotte usw.


    Es gibt auch die These, dass die beiden Suiten in D-Dur ursprünglich Ballettmusiken für den Hof in Köthen gewesen sein sollen. Ich habe insgesamt 10 Aufnahmen der Orchestersuiten, darunter ebenfalls Richter, dann Hogwood, Pearlman, Suzuki, Harnoncourt, Savall, Koopman und Goodman.


    Und Goodman hat für meinen Geschmack eine wirklich herausragend schöne Aufnahme gemacht:



    The Brandenburg Consort - Goodman

  • weiteres Beitrag zu Datierung:


    Zitat

    Genaue Entstehungsdaten lassen sich im Falle der Bach-Suiten schwer festsellen, da die Primärquellen fast völlig fehlen. Die Bach-Forschung hat sich jedoch dahin geeinigt, anzunehmen, dass die ersten beiden Suiten in C-dur und h-moll für die Köthener Kapelle komponiert worden sein müssen, während die beiden mehr amibitiös intrumentierten Suiten in D-dur vielleicht den Leipziger Jahren (etwa zwischen 1727 und 1736) ihre Entstehung verdanken. Der Verlust einer autographen Partitur sowie die Abwesenheit authentischen Stimmenmaterials haben eine bindende Echtheitserklärung für Suite Nr. 4 bis zum jahre 1876 verzögert. Erst die damals erfolgte Erstveröffentlichung der Kantate Nr.110 "Unsere Mund sei so voll Lachens" enthülte die Identität ihres Einletungschores mit dem Einleitungssatz der letzteren. Andererseits hat das Vorhandensein vollständiger Stimmenmateriale der anderen Suiten (die einzelne, von Bach selbst ausgeschriebene Stimmenhefte enthalten) in Philipp Emmanuel Bachs hamburger Archiv bewiesen, dass diese Suiten während der Leipziger Jahre unter der Leitung Bachs wiederholt gespielt worden sein müssen.


    Aus der Versenkung, in die sie im späteren 18. Jahrhundert gefallen waren, wurden diese Suiten erst durch Felix Mendelssohn hervorgeholt, der die dritte Suite - zum erstenmal seit Bachs Tode - am 15. Februar 1838 im Leipziger Gewandhaus aufführte. Ihre Wiederentdeckung wurde auch gefördert durch den Erstdruck der ersten drei Suiten, die 1853/54 im Verlage C. F. Peters, Leipzig, herausgegeben von S. W. Dehn, erschienen. Erst im Jahre 1881 konnte sich der Verlag dazu entschließen, die "zweifelhafte" vierte Suite zu veröffentlichen, obwohl ihre Echtheit bereits 1873 durch Philipp Spitta im ersten Band seiner Bachbiographie einwandfrei festgestellt worden und die Kantate Nr. 110 als Band XXIII der Bach-Gesellschafts-Ausgabe im Jahre 1876 erschienen war. Weder Wilhelm Rust im Vorwort zu Band XXIII noch sein Kollege Alfred Dörffel, der Herausgeber aller vier Suiten in Bach-Gesellschafts-Ausgabe, im Vorwort zu Band XXXI, datiert Dezember 1885, haben es für nötig gehalten, auf Spittas frühere Identifizierung des Werkes hinzuweisen.


    H.F.Redlich (Text auf dem Plattencover)


    Mehr in zehn Tagen!!


    VG :wink:


    Melina


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    Mein Leser, nichts des Dankes wert gefunden:
    So sei mir wenigstens für das verbunden,
    Was ich zurück behielt."
    (Lessing)

  • Eine Interessante Fassung der 2. Suite hat Monic Huggett hier aufgenommen:



    J.S.Bach: Orchestralsuites for a Young Prince
    Ensemble Sonnerie - Monica Huggett


    (Bitte die dämliche Amazon-Rezension ignorieren, die Aufnahme ist großartig und für die Dummheit eines Kunden und die fehlende Fähigkeit des Lesens was auf dem Cover steht, kann Monica Huggett nun wirklich nichts)


    Zurück zu dieser Aufnahme:
    Sie wagt den Versuch, nach den Forschungsthesen eines Rifkin, Rampe u.a. die Suiten in ihren möglichen Urfassungen zu spielen.
    Das bedeutet, die 2. Suite erklingt nun in a-moll und als Soloinstrument erklingt nun eine Oboe: das Ergebnis ist phantastisch - das ist der originale französische Stil!
    Auch wird noch eine Kleinigkeit berichtigt, aus der Badinerie wird eine Battinerie (ein wohl uralter Schreibfehler) und verändert damit auch völlig den Charakter dieses abschließenden Stücks.
    Auch wird in der Kürze des Booklets sehr logisch erklärt, wieso Bach wohl die Suite für Traversflöte umschrieb.
    Ein tolles Experiment, das mich zumindest absolut überzeugt!


    Auch die Suiten 3 und 4 wurden auf ihren möglichen Ursprung zurück geschnitten - das mag nicht jedem gefallen, aber es ist doch sehr plausibel und reizvoll. Sie verlieren natürliche ihren pompösen Charakter, gewinnen aber gleichzeitig mehr Eleganz und Esprit zurück.


    Eine Aufnahme, die sicher keinen Alleinstellungsanspruch erhebt, aber eine extrem interessante Alternative zu den bekannten Fassungen darstellt und dadurch viel Spaß macht.
    Tolle Aufnahme!