02 - Wellingtons Sieg oder: Die Schlacht bey Vittoria

  • Dieses Werk lässt sich keiner besonderen Kategorie in Beethovens Schaffen einordnen - es ist keine Ballettmusik, keine Schauspielmusik, keine Ouvertüre dazu, am ehesten noch eine kleine sinfonische Dichtung, daher im DG-Gesamtkatalog unter: IV Tänze, Märsche und weitere Orchesterwerke ingeordnet. Dort ist es das einzige mit einer Opuszahl versehene Werk unter lauter WoOs. Komponiert wurde dieses Werk 1813, uraufgeführt am 8. Dezember desselben Jahres, Widmungsträger ist Georg IV., damaliger Regent von England.


    Wellingtons Sieg wurde etwa parallel mit dem Ende der 7. Sinfonie op. 92 komponiert, die im gleichen Konzert am 8. Dezember erstmals öffentlichen Ohren vorgestellt wurde. Und ich empfinde, daß beide Werke einander ähneln: Besonders im letzten Teil der Sieges Sinfonie sind deutliche motivische Anklänge an die 7te Sinfonie zu hören. Als lustig und urkomisch empfinde ich die Rule Britannia-Verwurstung.


    Das Werk gliedert sich wie folgt:


    Erster Theil
    Die Schlacht


    Trommeln und Trompeten an der englischen Seite
    Marcia: Rule Britania
    Trommeln und Trompeten an der französischen Seite
    Marcia: Marlborough
    Trompete an der französischen Seite: Aufforderung
    Trompete an der englischen Seite: Gegenruf
    Schlacht. Allegro
    Sturm-Marsch. Allegro assai


    Zweyte Abtheilung
    Sieges Sinfonie


    Intrada: Allegro ma non troppo
    Allegro con brio
    Andante grazioso
    Tempo di Menuetto moderato
    Allegro



    Zitat

    Im Juni 1813 besiegte Sir Arthur Wellesley (1769-1852), der spätere Herzog von Wellington, die napoleonische Armee nahe der baskischen Stadt Vittoria. Hier erhielt der ehemalige Konsul, dem Beethoven anfangs seine Eroica gewidmet hatte, den Gnadenstoß. Jetzt huldigte er dem Besieger des Dispoten, der sich selbst zum Kaiser hatte krönen lassen. [Quelle: Pieter Andriessen]


    Dieser Zusammenhang der Eroica zu op. 91 ist sehr interessant - schafft er mir doch die Möglichkeit, wegen der motivischen Nähe von op. 91 und 92 die 3. und 7. Sinfonie (welche ja auch eine Art marcia funébre als 2. Satz enthält) als ungleiche Zwillinge und die Schlachten-Sinfonie als Anti-Eroica zu betrachten.


    Zunächst wurde das Werk für ein Panharmonikon komponiert - eine Art mechanische Orgel, deren Erfinder Mälzel war (welcher auch das nach ihm benannte Mälzelsche Metronom erfand). Für das Konzert am 8. Dezember 1813 schuf Beethoven eine Orchesterfassung des Werkes. Dieses Mammutkonzert stand unter Beethovens Generalleitung. Neben ihm dirigierte aber auch Antonio Salieri, weiters wirkten Giacomo Meyerbeer (1791-1864) und Ignaz Moscheles (1794-1870) mit.


    Der große Erfolg von op. 91 ließ das Werk alsbald in allen denkbaren Bearbeitungen kursieren: für beispielsweise Streichquintett, Klaviertrio, vierhändiges Klavier, Klaviersolo... und für sogenannte vollständige türkische Musik. Diese ist wie folgt besetzt:


    2 Piccoloflöten (G/F), 2 Flöten, 2 Oboen, 6 Clarinetten (Es/D/C/C/B/B), 2 Fagotte, Kontrafagott, 4 Hörner (Es/Es/C/C), 4 Trompeten (C/C/D/D), Bassposaune, Serpent, kleine (türkische) Trommel, große Trommel, Becken, türkische Triangel.


    Diese Version hat das Ensemble Octophorus unter Leitung von Paul Dombrecht aufgelegt:



    Diese Fassung hat mich schier vom Hocker gehauen - natürlich interessiert mich jetzt noch eine Einspielung on peroid instruments mit Sinfonieorchester.


    Vorläufig jedoch nehme ich mit dieser hervorragenden Orchestereinspielung (omi) vorlieb:



    Swedish Chamber Orchestra Örebro
    Thomas Dausgaard

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790


    Plaudite, amici, comedia finita est. Finis coronat virus. (Covid)

  • Ich habe nur die Klavierfassung des Werkes, die auf einer der CD-Boxen "Tage Alter Musik Herne" enthalten war (mit Brunner und Pixl). So ist das Stück noch halbwegs erträglich.



    Kleine historische Korrektur: In der Schlacht bei Vittoria (21.06.1813) besiegte Wellington nicht Napoleon, der zu dieser Zeit auf seinem Feldzug in Deutschland war, sondern dessen Bruder Joseph (König von Spanien) und Marschall Jourdan. Die Niederlage der Franzosen besiegelte auch (noch) nicht das Ende des korsischen Artilleriehauptmanns, sondern nur das Ende der französischen Herrschaft in Spanien. :wink:

  • Ich habe nur die Klavierfassung des Werkes, die auf einer der CD-Boxen "Tage Alter Musik Herne" enthalten war (mit Brunner und Pixl). So ist das Stück noch halbwegs erträglich.


    Was findest Du denn daran unerträglich? Bzw. wie ermittelst Du Dein Urteil, wenn Du nur die Clavierfassung kennst (ich weiß, daß zwischen haben und kennen ein Unterschied besteht und wollte nur um Aufklärung ersuchen...)?


    Das 'Rule Britannia' wirkt in dieser pompösen Machart in der Tat etwas kitschig (bei Thomas Arne (Finale der Masque of Alfred) klingt das wohl etwas unauffälliger). Von Beethoven gibt es ja (randbemerkt) noch die 5 Variationen WoO 79 für Clavier solo aus 1803 - das Stück muß also damals wieder über einen längeren Zeitraum populär gewesen sein.


    Die Clavierfassung kenne ich persönlich nicht - und es scheint auch offiziell keine Einspielung davon zu geben, vielleicht weil diese Bearbeitung nicht von Beethoven selbst stammt.


    :wink:

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790


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  • Ich kann mit derartigen Stücken einfach nichts anfangen. Der Versuch, den Ablauf einer Schlacht mit musikalischen Mitteln einzufangen, ist von vornherein zum Scheitern verurteilt. Tschaikowskys 1812 ist auch so ein Schinken.


    Brunner donnert auf seinem Pianoforte herum, Pixl spricht den begleitenden Kommentar für den Hörer, damit der überhaupt die Musik entsprechend dem Ablauf der Schlacht einordnen kann. Wenn ich mir ausmale, wie anstelle des Klaviers die volle Besetzung mit ua 6 Trompeten, 3 Posaunen, 4 Hörnern, 2 Oboen, 2 Klarinetten usw. spielt, dann ist mein Interesse gleich Null, weil ich nur pompöses Gedonner erwarte. Und pompöses Gedonner kann ich nun mal in den seltensten Fällen leiden.


    Beethovens eigene EInschätzung lt. engl.Wiki und allmusic.com: "Beethoven, having no illusions about the merits of this particular piece, responded protectively to similar criticism in his own time: "What I shit is better than anything you could ever think up! "


    Tans Einspielung von WoO79 ist übrigens sehr angenehm zu hören. Die Melodie ist zu recht populär. Aber eben nicht in einem akustischen Schlachtengemälde.

  • Ich kann mit derartigen Stücken einfach nichts anfangen.


    Dagegen kann ich nichts tun - vielleicht hat ratiopharm etwas im aktuellen Programm? Aber das folgende lasse ich so nicht gelten:


    Der Versuch, den Ablauf einer Schlacht mit musikalischen Mitteln einzufangen, ist von vornherein zum Scheitern verurteilt. Tschaikowskys 1812 ist auch so ein Schinken.


    Warum sollte ein solches Unterfangen von vorneherein zum Scheitern verurteilt sein? Bereits lange vor Beethoven war es sportiv, derlei Schlachtenbeschreibungen zu komponieren - und die meisten waren sehr beliebt. Der Tschaikowsky sagt mir allerdings stilistisch auch nicht unbedingt zu.


    Brunner donnert auf seinem Pianoforte herum, Pixl spricht den begleitenden Kommentar für den Hörer, damit der überhaupt die Musik entsprechend dem Ablauf der Schlacht einordnen kann. Wenn ich mir ausmale, wie anstelle des Klaviers die volle Besetzung mit ua 6 Trompeten, 3 Posaunen, 4 Hörnern, 2 Oboen, 2 Klarinetten usw. spielt, dann ist mein Interesse gleich Null, weil ich nur pompöses Gedonner erwarte. Und pompöses Gedonner kann ich nun mal in den seltensten Fällen leiden.


    Warum ausmalen? Höre es doch einfach mal nach. Ich finde gerade die Orchesterversion sehr gelungen, zumal sie ja eine zeitliche wie musikthematische Nähe zur Siebten aufweist (klar, wirst Du vermutlich die Siebte selbst als 'besser' empfinden). Die (für mich auch eher befremdliche Textrezitation dazu) unterbleibt ja bei der Orchesterfassung.


    :wink:

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790


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  • Schlachten mit musikalischen Mittel zu illustrieren hat in der Tat eine lange Tradition, gerade auch in der Oper. Beethovens Werk, das ich bisher auch nur in der Version von Brunner kenne, hat allerdings keinen bleibenden Eindruck hinterlassen. Wohl aber der passende, fast schon lächerliche Pathos der Rezitation und die unfreiwillige (?) Komik des Herumprügelns auf dem Fortepiano (Kanonschüsse) bleiben im Gedächtnis. Ich denke, man hat aber nichts verpasst, wenn man das Stück nicht kennt.


    Alte Militärmusik, und von mir aus auch hohlen Pomp mit Pauken und Trompeten mag ich ganz gerne. Dies hängt aber vor allem auch mit meiner Faszination für höfische Zeremonien wie auch des militärischen Pomps des 17. und 18. Jahrhunderts zusammen. Mich würde das Werk mit vollem Orchester durchaus auch mal reizen - aber die Militärmärsche der Franzosen und Engländer in der Originalversion bleiben reizvoller.


    Generell bleibt aber ein fader Beigeschmack, weil es eben Musik des Todes und des sinnlosen Mordens ist. Die Noten triefen vor Blut - das darf man bei allem Pomp nie vergessen.


  • Warum sollte ein solches Unterfangen von vorneherein zum Scheitern verurteilt sein? Bereits lange vor Beethoven war es sportiv, derlei Schlachtenbeschreibungen zu komponieren - und die meisten waren sehr beliebt. Der Tschaikowsky sagt mir allerdings stilistisch auch nicht unbedingt zu.


    Wir bewegen uns sicher im Bereich des persönlichen Geschmacks, aber für mich besteht der Unterschied darin, daß die mir bekannten gelungenen Werke zwar lose vom historischen Ereignis ausgehen, aber versuchen, die Essenz eines Schlachtgeschehens musikalisch eigenständig umzusetzen, zB. die Turkaria von JJFux (klingt für mich um Längen besser als WS). WS dagegen klebt zu stark am chronologischen Ablauf der Schlacht, an der plakativen Abbildung („Jetzt kommen die Engländer von da“ (Tamtamtamtam), jetzt die Franzosen von da (Dumdidumdidum), jetzt der Sturmangriff Wellingtons (Täterätätä) uswusf.).


    Kann man übrigens auch beim Film feststellen. Da ist es der Unterschied zwischen den epischen US- und UK-Schinken á la THE LONGEST DAY oder A BRIDGE TOO FAR einerseits, Filmen wie THE THIN RED LINE, CAPITAINE CONAN, TAKING CHANCE oder LEBANON andererseits. Bebilderte Schlachtenbeschreibungen die einen, filmische Haikus die anderen.


    Ich kann mir gut vorstellen, daß „Wellingtons Sieg“ sehr populär war, der Mann war es ja auch; Wochenschau und Kino gab es noch nicht. Da kam die Musik als akustisches Ereignis gerade recht.


    Aber wenn LvB selbst WS so geringgeschätzt hat, kann ich ja nicht ganz falsch liegen...


    Warum ausmalen? Höre es doch einfach mal nach.


    Aber erst, wenn ich alle Lieder von Schubert, alle Bachkantaten, alle Werke von Mozart und alle geistlichen Werke der Renaissance auswendig kenne...


    Im Ernst, dafür ist mir meine Zeit einfach zu schade. Auch unter Beethovens Werken habe ich noch so manches zu entdecken, die sind mir wirklich wichtiger.

  • Aber wenn LvB selbst WS so geringgeschätzt hat, kann ich ja nicht ganz falsch liegen...


    Immerhin hat er seinen Kopf öffentlich dafür hingehalten und (s)ein opus 91 daraus gemacht. Sicher, hier stand wohl das finanzielle Interesse im Vordergrund, aber Beethoven hat weitaus 'bessere' Werke unveröffentlicht gelassen, weil sie seiner Meinung nach der Öffentlichkeit nicht würdig waren (diese finden sich heute zumeist in den WoO wieder).


    der Lullist schrieb:

    Generell bleibt aber ein fader Beigeschmack, weil es eben Musik des Todes und des sinnlosen Mordens ist. Die Noten triefen vor Blut - das darf man bei allem Pomp nie vergessen.


    So ganz fern ist aber die Eroica dieser Auslegung auch nicht.


    Ich glaube auch nicht, daß man alle Werke Beethovens kennen muß... darunter befinden sich mit Sicherheit etliche, die an Wellingtons Sieg nicht im Traum heranreichen. Zu meinen Lieblingswerken gehört Wellingtons Sieg sicherlich auch nicht; dennoch höre ich es als Ergänzung zu den Sinfonien recht gerne in der Orchesterfassung (ohne Sprechtext) und verorte das Geschehen gerne anhand der musikalischen Lautmalerei.


    :wink:

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790


    Plaudite, amici, comedia finita est. Finis coronat virus. (Covid)

  • Inzwischen liegt auch eine HIPpe Einspielung der originalen Orchesterfassung von op. 92 vor:



    Orchester der Wiener Akademie
    Martin Haselböck


    Komponiert in unmittelbar zeitlicher Nähe zur 7. (op. 92) und 8. (op. 93) Sinfonie wird dieses Werk trotz ihres Titels nicht als Sinfonie gezählt, die 6. (op. 68) hingegen schon, obwohl auch sie m. E. keine wirkliche Sinfonie ist, sondern mehr Programm-Musik darstellt. Die Anklänge von op. 92 an die 7. Sinfonie empfinde ich als sehr deutlich. Außerdem steht sie wie die 3., ggfs. 5. und 7. ebenfalls deutlich im Kontext mit der musikalischen Auseinandersetzung Beethovens mit dem aktuellen Kriegsgeschehen; von Artur Schindler werden op. 91 und 92 jedenfalls in einem Atemzug genannt: „Die Jubelausbrüche während der A-Dur-Sinfonie und der ‚Schlacht von Vittoria‘ […] übertrafen alles, was man bis dahin im Konzertsaal erlebt hatte...“ (zitiert nach Wikipedia).


    Insofern versuche ich, die Musik mit damaligen Ohren zu hören und kann die Begeisterung durchaus nachvollziehen. Ich hatte auch beim Hören eher den Eindruck des Gebrülls im Fußballstadion - bei Dausgaard ging es da m. E. etwas gesitteter zu (worin ich zunächst keine Wertung sehe). Ich werde das nochmals vergleichshören müssen.

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790


    Plaudite, amici, comedia finita est. Finis coronat virus. (Covid)

  • Die Aufnahme von Haselböck habe ich gehört. Wellingtons Sieg gehen noch zwei zeitgenössische Märsche voraus von Pleyel und Dussek. Die Besonderheit, hier wird ein Nachbau eines "mechanischen Feldtrompeters" eingesetzt - nicht schön anzuhören, aber mal interessant, sowas zu hören. Eine Abbildung ist im Booklet auch zu sehen.


    Es ähnelt vom Klang her einer gestopften / gedämpften Trompete mit einem Hauch Kirmesorgel ...



    Zum Glück wurde da bei Wellingtons Sieg drauf verzichtet. Was ich hier insgesamt positiv empfinde, es gibt keine eingespielten Gewehr und Kanonenschüsse wie z.B. bei Karajan. Etwas was mir das Stück jahrelang verleidet hat.


    Denn das funktioniert auch einfach nicht: Wer mal Kanonen und Steinschlossgewehre live erlebt hat (man besuche Reenactmentveranstaltungen) versteht sofort was ich meine - kein derzeitiges Medium kann diese Gewalt einfangen und bei Karajan hat es zudem noch übersteuert. Selbst bei entsprechenden Veranstaltungen bekommt man nur eine Ahnung, die kämpfenden Parteien waren ja damals weitaus umfangreicher und es waren noch mehr Waffen im Einsatz. Ich habe einmal erleben dürfen, wie 10 Kanonen (nur mit Pulver und Mehl geladen) aufeinander geschossen haben - der Boden hat gebebt - man kann nur schauderhaft erahnen was mit echter Ladung los gewesen wäre ... von daher ist es gut, auf so einen Blödsinn zu verzichten, das braucht die Komposition auch wirklich nicht.


    Die Janitscharen-Variante des Ensembles Octophoros fand ich auch ausnehmend gut gelungen.