HWV 07 - Rinaldo (1711)

  • Zuerst einmal eine grobe Skizze der Handlung:


    Im Jahre 1099 im heiligen Land (ein eigener Thread zum Hintergrund folgt noch) belagert ein christliches Kreuzfahrerheer die Stadt Jerusalem, um sie aus den Händen des muslimischen Fürsten Argante zu befreien. Anführer des Kreuzheeres ist Goffredo, seine wichtigsten Gefolgsleute und Freunde sind Eustazio und der Titelheld Rinaldo. Rinaldo liebt Almirena, Goffredos Tochter und bittet ihn um die Hand der Geliebten. Goffredo verspricht ihm ihre Hand, wenn Jerusalem gefallen ist. Es kommt zu Verhandlungen zwischen Argante und Goffredo, wo ein dreitägiger Waffenstillstand vereinbart wird. Rinaldo nutzt die Pause vom Kampf und eilt zu Almirena. Als sich die beiden treffen, erscheint die Zauberin Armida und entführt Almirena. Armida und Argante machen gemeinsame Sache und die Zauberin hinterlässt zwei Furien, die Rinaldo verspotten. Rinaldo ist wütend und will mit Waffengewalt gegen die Zauberin vorgehen, während Goffredo und Eustazio den Rat eines Zauberers einholen wollen, um die Zauberin mit ihren eigenen Waffen zu schlagen.


    Doch Armida will mehr – Almirena reicht ihr nicht, sie schickt Sirenen, die die Kreuzfahrer verwirren sollen und Rinaldo zu ihr locken sollen. Es gelingt den Sirenen, den Widerstand Rinaldos zu brechen und ihn auf ihr Schiff zu locken, das mit Rinaldo davonsegelt. Das Schiff bringt ihn in Armidas Zaubergarten, wo schon Almirena und Argante warten. Argante gesteht der verzweifelten Almirena seine Liebe und verspricht ihr sie und das Kreuzheer zu schonen, wenn sie ihn heirate.


    Armida feiert ihren Triumph über Rinaldo, der sie aber mit seiner Kühnheit und der Dreistigkeit als Gefangener Forderungen zu stellen begeistert. Er begeistert sie so sehr, dass sie sich in ihn verliebt und ihm dies auch mitteilt. Armida verwandelt sich abwechselnd in Almirena und dann wieder zurück, um Rinaldo für sich zu gewinnen, doch Rinaldo bleibt in seiner Liebe zu Almirena unbeirrbar. Armida ist wütend und schwört ihm Rache und nimmt erneut die Gestalt Almirenas an. Da kommt Argante, der versucht sich an Almirena heranzumachen, er wird aber abgewiesen, da diese Almirena ja Armida ist. Sie beschimpft ihn des Verrats und er stürmt wutentbrannt davon und schwört auf sein Schwert, dass er die Kreuzritter besiegen werde. Von fernem sieht man Armidas Zauberschloss, ebenso Eustazio und Goffredo, die mit dem Zauberer versuchen das Schloss zu infiltrieren. Der Zauberer warnt die beiden vor den Kräften Armidas und die beiden bekommen diese auch sofort zu spüren: Ein Drache vertreibt die beiden. Doch mit Hilfe zweier Zauberstäbe gelingt es ihnen den Drachen zu vertreiben und den Berg, auf dem Armidas Schloss steht zu überwinden. Der Berg wandelt sich zu einem See, zu dem die beiden Ritter hinabsteigen.


    Im Garten der Armida hat sich die Situation zugespitzt. Armida will Almirena töten, da sie hofft, dass Rinaldos Liebe zu Almirena so enden wird. Rinaldo will Armida aufhalten, doch die Zauberin sendet zwei Erdgeister, die Rinaldo festhalten. Als Armida Almirena mit dem Schwert durchbohren will, tauchen Goffredo und Eustazio auf und berühren mit den Zauberstäben die Sträucher des Gartens, die daraufhin verschwinden, mit ihnen die Geister, wodurch Rinaldo Armida vertreiben kann. Im Hintergrund sieht man in der Ferne Jerusalem, dass man nun mit vereinten Kräften erobern will. Armida und Argante versöhnen sich und lassen ihre Truppen vor ihnen in Richtung Jerusalem erobern. Man bereitet sich auf die Schlacht vor, die beiden Parteien sind fest entschlossen sie zu gewinnen.


    Es kommt zum Kampf, der durch den Mut und den Einsatz Rinaldos zu Gunsten der Kreuzritter entschieden wird. Am Ende des Kampfes nimmt Rinaldo Argante gefangen und führt ihn zu Goffredo, ebenso gelang es Eustazio mit seinem Zauberstab Armida gefangen zu nehmen, die er nun ebenfalls zu Goffredo bringt.


    Armida und Argante gestehen ihre Niederlage und erkennen an, dass sie von einem viel mächtigeren Gott als dem ihren geschlagen wurden und nehmen den neuen Glauben an. Almirena und Rinaldo bekommen den Segen Goffredos und Argante und Armida gehen eine Liebschaft ein. Mit allgemeinem Jubel endet die Oper.

    Ich bin ich! Und wär ichs nicht, so möcht ichs werden!
    [Errol Flynn in einem Film über mich...;) ]

  • Wie ihr schon an der Inhaltsangabe erkennen könnt, hat die Oper alles, was ein Stück der damaligen Zeit haben musste, um das Publikum zu begeistern: Special-Effects en masse, Massenszenen, Pferde auf der Bühne (auch wenn bei der UA keine vorhanden waren, wie ein Zuschauer, der das Libretto mitlas entsetzt feststellte) und natürlich große Sänger und Sängerinnen und in diesem Falle eine der besten „Musicken“, die Händel überhaupt komponierte. Wie kam es überhaupt zum „Rinaldo“? Im Jahre 1710 wurde Händel der Posten des Kapellmeisters von Hannover angeboten, eine Folge von einflussreichen Kontakten, die Händel auf der Italienreise geknüpft hatte. Gemäß einer älteren Vereinbarung des Komponisten mit dem Prinzen Ernst, dem Bruder des Fürsten, war es Händel gestattet, sich längere Zeit von seinem Dienstort zu entfernen, was der Maestro auch sogleich tat. Er reiste nach Halle, um seine Mutter zu besuchen, danach nach Düsseldorf und dann nach London, wo er hoffte, ein Libretto zum Vertonen zu bekommen. Es sollte so geschehen und so blieb er ganze acht Monate in London, um auch die Aufführung der Oper zu überwachen. Der Librettoentwurf stammte vom Impresario Aaron Hill, der sich bei Torquato Tassos „Gerusalemme liberata“ bediente.


    In London selbst war die italienische Oper unterrepräsentiert, da italienische Ensembles nur als „Pausenfüller“ für die Pausen in Schauspielen dienten. Im Jahre 1710 plante der schon genannte Aaron Hill, Impresario am Haymarket Theatre ,„die englische Oper in größerem Glanze als ihre italienische Mutter zu etablieren“, sodass er sich einfach das Libretto von Giacomo Rossi griff und es auf englisch übersetzen ließ, sodass jeder im Publikum verstehen konnte, was auf der Bühne geschah. Eigentlich wollte Hill ja Bononcini für diesen „Job“, doch dieser lehnte ab, da ihm das Risiko eines Fiaskos zu hoch erschien.


    Im Vorwort des übersetzten Librettos, das bei der Uraufführung verteilt wurde, bedauert Hill die Fehler, die bei der Übersetzung gemacht wurden, da es ihm nicht möglich war, in der kurzen Zeit (Händel schrieb die Musik in nicht einmal drei Wochen) alle Texte redigieren zu lassen, da Händel einige ältere Texte und Noten in die Oper einfügte (u.a. aus „Il trionfo del tempo e del disinganno“).


    Am 24. Februar 1711 kam es am Queens Theatre am Haymarket zur Uraufführung. Es sangen:


    Rinaldo: Nicolini (Altkastrat)
    Goffredo: Francesca Vanini-Boschi (S)
    Eustazio: Valentini (Altkastrat)
    Almirena: Isabella Girardeau
    Armida: Elisabetta Pilotti-Schiavonetti
    Argante: Giuseppe Maria Boschi (B)
    Magier: Giuseppe Cassani (Altkastrat)


    Bühnenbild Marco Ricci


    Die Oper wurde ein unglaublicher Erfolg und man sparte nicht an Spezialeffekten: Zum Beispiel stürzte die komplette Bühne zweimal ein (Armidas Zauberberg/Schlacht), in der Waldszene wurden echte Spatzen eingesetzt, was allerdings auch einige Kritiker auf den Plan rief, die die unglaubwürdige Handlung und die übertriebenen Kostüme (Nicolini trug Roben aus Hermelin, während die Boote aus Papier waren) kritisierten.
    Nichtsdestotrotz war die Oper ein Publikumsmagnet, alleine bis zum Saisonende wurde sie 15 Wiederholungen, bis zum Jahr 1717.


    Natürlich wechselten die Sänger. Hier ein Überblick über die Aufführungen in den Jahren 1711-1717 (soweit bekannt):


    RINALDO
    Nicolini (Niccolo Grimaldi) (AK) 1711+1712
    Jane Barbier (S) 1713
    Diana Vico (S) 1714, 1715


    ARMIDA
    Elisabetta Pilotti-Schiavonetti 1711-1717


    ALMIRENA
    Isabella GIrardeau 1711
    Maria Manina 1712+1713
    Anastasia Robinson 1714+1715


    GOFFREDO
    Francesca Vanini-Boschi 1711
    Francesca Margherita de l´Epine 1712+1713
    Caterina Galerati 1714+1715
    Antonio Bernacchi 1717


    EUSTAZIO
    Valentini 1711
    Jane Barbier 1712


    ARGANTE
    Giuseppe Maria Boschi 1711
    Salomon Bendeler 1712
    Richard Leveridge 1713
    Angelo Zanoni 1714,1715
    Gaetano Berenstadt 1717


    Nach der Aufführung reiste er zurück nach Hannover, aber er blieb dort nicht lange, denn es zog ihn zurück nach London, um dort die italienische Oper voranzutreiben, aber das ist eine andere Geschichte…


    Im Jahre 1718 wurde der Rinaldo umgearbeitet, allerdings nicht von Händel, sondern von Leonardo Leo, der diese eine Aufführung auch leitete. Am 1.10.1718 feierte Kaiser Karl VI. in Neapel seinen Geburtstag. Diesem Anlass entsprechend arbeitet Leo Rinaldo um, die Sängerriege ist heute unbekannt bis auf die Tatsache, dass Leo den Rinaldo von 1711 als Goffredo engagierte und Anna Vincenza Dotti als Almirena sang.


    Es entstand dann noch eine zweite Fassung (dritte Fassung, wenn man die Leo Fassung mitrechnet) im Jahre 1731, als Händel das Haymarket Theatre selbst leitete. Er änderte einige Arien für seinen Hauskastraten Senesino. Diese Fassung hatte am 6.4.1731 Premiere und wurde 6 mal wiederholt. Die Besetzung lautete damals:


    Rinaldo: Senesino
    Almirena: Anna Strada del Po
    Armida: Antonia Margherita Merighi
    Argante: Francesca Bertolli
    Goffredo: Annibale Bio Fabri
    Zauberer: Giovanni Giuseppe Commano


    Weiters wurden ab dem Jahr 1715 in Hamburg am Theater am Gänsemarkt regelmäßig Vorstellungen vom Rinaldo gespielt. Bis zum Jahr 1730 (aber nicht jede Saison) ca. 40. Die musikalische Leitung der Aufführung hatte ein gewisser Reinhard Keiser inne.


    Händel schafft es, in dieser Oper soviele eingängige Melodien zusammenzusuchen, wie in kaum einer anderen Barockoper. Beinahe jede Arie ein Ohrwurm, manche haben sich durchgehend gehalten „Lascia chío pianga“, z.B. Für mich ist diese Oper ein Paradebeispiel der Barockoper und gleichzeitig auch ein zeitloses Stück Musiktheater, in dem die (zweifellos fragwürdige) Überlegenheit einer Religion gepriesen wird. Eine Thematik, die wohl nie sterben wird. Wie gesagt, im Rinaldo finden sich zuhauf wunderbare, große und zutiefst berührende Momente. Meines Erachtens nach sein größtes Meisterwerk und das ohne große Chorszenen (gut der Schlussgesang ist als Coro tituliert, aber das ist in beinahe jeder Seria-Oper so).



    LG joschi

    Ich bin ich! Und wär ichs nicht, so möcht ichs werden!
    [Errol Flynn in einem Film über mich...;) ]

  • Meines Erachtens nach sein größtes Meisterwerk und das ohne große Chorszenen (gut der Schlussgesang ist als Coro tituliert, aber das ist in beinahe jeder Seria-Oper so).


    Der finale Coro der Opera Seria hat mit dem, was wir heute unter Chor verstehen, wenig zu tun. Es handelt sich dabei in der Regel um eine Zusammenballung aller an der Oper teilnehmenden Solisten (sofern sie am Ende noch lebendig sind oder nicht durch andere Umstände wegrationalisiert wurden), die in der Art eines Chores singen, also nicht solistisch hervortreten, sondern als Ganzes (und in der Regel homophon gesetzt) auftreten. Das Wort Chor stammt aus dem Griechischen und bedeutet zunächst nichts anderes als Tanz (davon leitet sich auch das Wort Choreographie ab, welches zunächst die Tanzschrittabfolge definierte). Diese "Chöre" - teilweise auch als Quartetto oder Quintetto (z. B. Finale von Mozarts Mitridate bezeichnet - sind eine Art verkürztes Vaudeville, wie es z. B. später in Mozarts Entführung und/oder Schauspieldirektor vorkommt (hier allerdings besteht der Unterschied darin, daß die Sänger auch solistisch hervortreten). Auch das Vaudeville ist - wie diese Art Coro - ein eher vergnüglicher Schlußgesang mit liedhaft-einfacher Melodie, zumeist in A-B-A-Form aufscheinend. Diese "Chöre" sind in der Regel auch vierstimmig gesetzt (bei Fehlen einer Tenor- oder Baßpartie dreistimmig oder geteilte Stimmen), wobei jeder Solist der Oper die ihm zugehörige Stimmlage singt, die dann ggfs. auch mehrfach besetzt ist. Eine Uminterpretation fand bei Händel z.B. in seinem Fernando (Sosarme) statt: hier ist der Schlußchor eine nicht gar fröhliche Mahnung an die Zuhörer, die dies aber nicht akzeptierten und was u.a. dazu beitrug, daß dieser Oper nicht gerade ein großer Erfolg beschieden war.


    Es wäre auch bei diesen ohnehin sehr kostspieligen Opern-Unterfangen undenkbar gewesen, daß bei Opern, deren Handlung kein regelmäßiges Auftauchen von (z.b. Militär-) Chören (Radamisto, Arminio) erfordert, ein solcher stundenlang im Verborgenen ausharrt, um schließlich wenige Sekunden am Ende des Stückes aufzutreten. Das konnte sich erst Beethoven bei seiner neunten Sinfonie erlauben...


    Diese Interpretation von 'Coro' hat natürlich auch große Bedeutung bei der Frage nach der solistischen Chor-Besetzung, aber das sollte zu gegebener Zeit ein anderer Thread werden.


    Bei Rinaldo ergibt sich in der Zusammensetzung des finalen Coro eine kammerchorische Besetzung: 2 x Sopran (Almira, Armida), 3 x Alt (Rinaldo, Goffredo, Eustazio), 1 x Bass (Argante).


    :wink:

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790