Geistliche Musik im Laufe der Jahrhunderte

  • Es gibt eine interessante Anfangsfrage:


    Was ist geistliche Musik?


    Klar - die Musik, die mit geistlichen Inhalten ausgefüllt sind. Nur: welche sind das? In erster Linie sind es die Texte, der Bibel entkommen - dann gewiß die Art des Gesangs. Da kommt einem gleich der Gregorianische Choral in den Sinn, wobei hier schon eine besondere Einschränkung zum Tragen kommt: es ist nur der Gesang der katholischen Kirche, beginnend im 8. Jahrhundert ursprünglich im Frankenreich. Doch später sollte die Reformation dazustoßen, lokale Dialekte werden ausgebildet, und die Harmonik verändert sich im Laufe der Zeit ebenso. Das Thema Mehrstimmigkeit darf auch nicht helfen, geschweige vom Einsatz von Instrumenten.


    Kurz: es gibt viele größere und kleinere Veränderungen der konkreten Behandlung solches Repertoires, wo es also etwas schwierig werden kann, eine genaue Definition zu ermitteln, denn irgendwann verändert sich auch die gesellschaftliche Akzeptanz der Kirche als Mittelpunkt im Alltag. Unsere heutige (westliche) Generation hat ein sehr - sagen wir mal - "lockeres" Verhältnis zu Religion im Allgemeinen, doch es kommt heutzutage in der Klassischen Musik das Phänomen hinzu, daß geistliche Musik gehört wird, die keinerlei liturgische Funktion mehr ausfüllt; man hört sie davon entkoppelt, erfreut sich an ihrer musikalischen Qualität, ohne jedoch dafür einen Gottesdienst aufsuchen zu müssen.


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    In diesem Thread soll allgemein erörtert werden, was geistliche Musik ausmacht und welche Veränderungen es unterliegt, welche Merkmale spezifisch sind und was sich immer wieder neu erfindet. Die Diskussion im Missa Solemnis-Thread zeigte schon deutlich, daß es einige interessante Gedanken dazu geben kann.

  • Um mal wieder damit zu beginnen:


    ich sehe die Missa Solemnis Beethovens als ein Bindeglied zwischen den Werken eines Mozarts, Haydns oder früher Bachs (speziell die h-moll-Messe) zu denen eines Schubert, Mendelsslohn oder Schumann. Zu der Zeit (1820er Jahre) war es noch anscheinend so, daß man die MS nur innerhalb einer Liturgie gesamthaftig aufführen konnte oder Teile davon allenfalls im Konzert. Aber auch hier kommt die Frage auf wie bei BWV 232: ist die Messe insgesamt nicht zu lang für die Liturgie? Ist speziell die Musik nicht zu eigenwillig, weil zu ebenbürtig dem Text gegenüber? Zwar würde ich nicht so weit gehen, die MS als Sammlung eines vollständigen Messe-Zyklus zu betrachten, doch Beethoven hat schon sehr genau recherchiert, was er liturgisch machen konnte und was nicht ging. Klar, vielleicht hat er später darauf gepfiffen, als er den Termin nicht mehr einhalten konnte; dennoch sehe ich keinen größeren Bruch in der liturgischen Tradition als vielmehr eine Beugung, wie sie Künstler wie Beethoven öfters versuchen.


    Vor Kurzem kam mir auch in den Sinn, daß aufgrund der verschiedenen lokalen Liturgie-Verordnungen die zwei Textvarianten in der h-moll-Messe möglicherweise gar nicht so frappierend wichtig sind wie es bereits andiskutiert wurde. Kann es sein, daß Bach diese Varianten nicht so wichtig nahm, weil sein Hauptaugenmerk auf die Anlage des Werkes selbst gerichtet war? In der Tat ist es doch so, daß die Messe auch viel zu lang für jeden regulären oder besonderen Gottesdienst war - egal, ob lutherisch/prostetantisch oder römisch-katholisch. Was machen da diese Textvarianten noch aus, wenn das andere wesentlich auffälliger war?


    Mir scheint, daß sich im Laufe der letzten Jahrhunderte gewisse "Traditionen" für diese beiden Werke herausgebildet haben - aufführungstechnisch wie auch musikwissenschaftlich - , die durch allzuviel Wertungen ein bißchen den Weg dafür verstellen, was 1. damals von Bedeutung gewesen sein könnte und 2. was heute propagiert wird. Ich beginne allmählich zu verstehen, wie wichtig es ist, daß man unbefangen an die Werke tritt, ohne gleich mit dem Holzhammer serviert zu bekommen, was für Genieleistungen diese Messen sind, was für Gipfelpunkte der Musik sie darstellen, wie einmalig sie sind und niemals wiederholbar und auch nicht "einholbar" - kurz: daß mit ihnen die Musik vollendet wurde und danach nichts mehr kam.


    Naja, gewisse Vorurteile schwirren im Kopf herum und müssen mal rausgelassen werden, sonst sehen sie keine Sonne mehr...;) Doch ist es nicht sonderbar, wie sehr selbst manche noch so traditionsbewußte Bildungsbürger trotz der Hochkultur-Bildung früherer Zeiten sich dennoch genötigt sehen, darüber zu berichten, wie sehr ihnen der IV. Satz von Beethovens 9. Symphonie den Genuß verleidet? Das ist immerhin auch so ein Werk, daß als Gipfelpunkt gilt - welch Sakrileg wagen die da denn sich anzumaßen!?! Früher hätte es Ohrfeigen gegeben - heute kann man Gott sei Dank darüber normal berichten, ohne gleich gefoltert zu werden. Und dennoch existiert immer noch diese Vorliebemasche, das als richtig vorzuschlagen, was man selbst für richtig erachtet.


    Um konkreter zu werden: wenn jemand (Neuling oder erfahrener Hörer) nach Hörtipps für ihnen unbekannte Werke fragen, werden immer gerne die Profis ihre eigenen Favoriten nennen - man kann den Kompaß danach stellen, daß jemand Bestimmtes nur dieses Besondere nennt, woran sich alles andere messen lassen muß. Und lustigerweise kann man es in manchen Fällen schon blind voraussagen, was vorgeschlagen wird. Selbst die Methode wird dann klargemacht: "Bloß keine Boxen mit 50 CDs drinne! Da sind drei gute und 47mal Mist dabei, und du hast keine Muße, das alles in Ruhe zu hören..." - "Nein, ich kann so viel nicht hören - da werde ich von den CDs erpreßt [gehört wollen zu werden...*yes*]." - "Um Gottes Willen, 50,- € für 50 CDs von <Labelnamen einsetzen> - da bringen sie ein paar Klassiker mit einer Menge an unbekannten Dreck nochmals heraus, um die schnelle Mark/€/$/Yen zu machen." - "Was für eine Schande, daß diese großartigen Aufnahmen alle verramscht werden!" Soll ich weiter machen?...^^


    Zurück zum Gedanken: wie kann man sich sinnvoll befreien von einem Ballast, der sich an das Werk wie eine Patina gesetzt hat? In Säure auflösen, ganz klar: mir fällt auf, daß ich mit großen Meisterwerken der Klassischen Musik ganz gut fahre, wenn ich sie anfangs nicht besonders beeindruckend empfinde. Klingt bescheuert, aber so ist das! Vermutlich war es ein Glück, daß ich die h-moll-Messe durch Karajan 1954 kennenlernte, denn so hat mir das Werk überhaupt nicht imponiert; inzwischen höre ich es doch ganz gern, zumal ich es durch verschiedene Einspielungen gut kennengelernt habe. Manche Klavierkonzerte (Tschaikowski 1, Mozart 20-27, Beethoven 1-5 usw.) und Violinenkonzerte (Bruch, Mendelssohn, Beethoven, Tschaikowski usw.) sind anfangs nur im Hintergrund gelaufen, weil ich wenig mit diesen Gattungen anfangen konnte. Chopin ist auch so ein Fall - wirklich mögen tue ich seine Musik erst seit Schoonderwoerd (und ich habe nicht gerade wenige Aufnahmen mit seiner Musik). Aber irgendwie werde ich immer vertrauter und stelle mir zunächst eben nicht die Frage nach Bedeutung, sondern höre mich in diese Klangwelt an Harmonie und Form ein; dann erst kann ich instinktiv und/oder bewußt an der Frage der Bedeutung herangehen.


    Wieder abgelenkt - also nochmals zurück: kann man den verstellten Weg auf ein Gipfelwerk freischaufeln und es ganz nüchtern neu betrachten? Ja. Kommt man zu anderen Erkenntnissen als die üblichen Urteile. Gewiß. Doch genausogut kann man ebenso zu dieser Meinung kommen, daß man es mit etwas Außergewöhnlichem zu tun hat. Der Weg ist frei und kann in jede Richtung gehen. Das ist mir lieber.


    Ich will offen an die Musik herangehen und mich fragen, was diese Musik für eine Klasse hat. Das Umfeld, in dem ein Werk entsteht, ist natürlich ein wichtiges Element zum Verstehen seiner Form und seines Inhalts, auch wenn sich dieses Umfeld später wandelt. Denn auch das gehört zum Werk dazu: seine Aufführungsgeschichte. Ob man sie erhält oder eben unterbricht.


    Tja, jetzt bin ich meilenweit entfernt, worum es gehen soll. Ich mach mal einen Cut und ende heute hier. Noch Fragen?:beatnik: