Yoricks Nachtgedanken bei Tage

  • Die letzten Wochen im Garten wieder Eimer um Eimer Pflaumen gepflückt; von den einst 27 Bäumen ist zwar nur noch ein Drittel vorhanden, aber es reicht dennoch für endlose Bleche Kuchen, für Mus und Saft. Es ist die schönste Zeit im Jahr und es erfüllt mich eine Befriedigung, wie ich sie sonst nicht kenne. Manchmal kommt es mir vor, als habe ich in meinem ganzen Leben nichts Sinnvolleres getan, als die Früchte der Bäume zu ernten und zu verarbeiten, die mein Urgroßvater vor einem guten Jahrhundert gepflanzt hat. Wie weit müssen wir Menschen uns von unseren Ursprüngen entfernt haben, dass wir das Natürliche als Besonderheit erleben? Wie sehr haben wir uns der Natur entfremdet und unserem eigentlichen Wesen, wenn wir Ansätze zur Rück- und Umkehr schon als Therapie gebrauchen? Wer die Nabelschnur durchschneidet, sollte alleine überleben können; aber soweit ist die Menschheit noch nicht.

  • Spätestens seit dem Einstieg des Privatfernsehens in den 80ern ist das Niveau bundesdeutscher Fernsehunterhaltung stetig gesunken. Dass es mittlerweile sogar noch niedriger ist als jemals vorstellbar, hat einen einfachen Grund; es liegt an den viel zu vielen viel zu viel fernsehenden Frauen. Frauen schauen wesentlich mehr Fernsehen als Männer, was den Sendern nicht entgangen ist, und sie schauen eben auch ganz andere Sachen. Die Verantwortlichen sprechen also von frauenaffinen Sendungen, ohne die kein Sender mehr überleben kann. Was dabei herauskommt, können wir jeden Tag, jeden Abend und jede Nacht beobachten; spätestens, wenn wir 20.15 Uhr resigniert die Glotze ausschalten, weil trotz 50 bis 100 Kanälen wieder nichts für XYer kommt und das Skrotum ungekratzt bleibt.


    Der gemeine Mann schaut seinen Fußball, seine Blockbuster, Dokumentationen und Krimis; aber wer schaut den ganzen anderen Rotz? Wer die unzähligen Soaps, die Krankenhausserien, die Koch- und Einrichtungssendungen, die unendlich vielen Formate an Reality-TV und Doku-Soaps, die Liebesfilme á la Pilcher, Danella. Lindström, Katie Fforde und wie sie alle heißen. Wer schaut diese ganzen primitiven Unterhaltungsshows, diese vielen Deutschland sucht irgendetwas-Formate, diese Tanz- und Stylingshows, diese Kuppelshows mit Bauern und Bachelors? Ich mag gar nicht mehr aufzählen, was es mittlerweile an komplett sinnfreien und hohlen Formaten gibt, die nur existieren, weil Frauen zu viel Zeit haben und ihre Launen auch medial ausleben können. Dass dieses Übergewicht an Frauensichtweisen auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen für großen Schaden sorgt, will ich erst einmal nur andeuten.

  • Der „Held“ in einem meiner frühen Texte bekannte: „Mir ist der berufliche Werdegang gleichgültig, desgleichen Ehe, Familie, Staat und Gesellschaft. Über die Wissenschaft kann ich nur noch lachen. Die Natur ist abgeschmackt und langweilig. Die meisten Menschen sind mir egal. Ich ihnen auch.“ So weit ist es bei mir selbst noch nicht gekommen; der ich mittlerweile sogar einmal längerfristig liiert und leidenschaftlich mit Hund in der Natur unterwegs bin. Aber intellektuell, von den kulturellen Interessen her und auch politisch-gesellschaftlich bin ich inzwischen ein erfahrener Eremit, der sich mit seinen abertausenden Bänden und Klassik-CDs in seiner Bücherscheune in der südostthüringischen Waldeinsamkeit vergräbt und am Liebsten via Internet kommuniziert.


    Wenn man mich also, auf die 50 zugehend, fragt; was ich mir noch im und vom Leben erwarte, was ich noch vorhabe oder erreichen will; so kann ich darauf nur wenig und von ungefähr antworten; ich wüsste keine Dinge der Art „Ich möchte Karriere machen“, doch noch ein Kind zeugen oder ein Buch schreiben zu nennen und ein gesellschaftliches Engagement verbietet sich angesichts der haarsträubenden Agonie unserer bundesrepublikanischen Gesellschaft von selbst. Wenn ich an die Zukunft denke, denke ich vor allem daran, so lange als möglich ohne Schmerzen, Krankheit und Siechtum leben zu können; ich denke an die kleinen Momente, die mich auch jetzt glücklich machen; an einsame Spaziergänge im Nebel, an gute Lektüre, schöne Musik, Bier oder Wein und vielleicht ein paar Momente mit einer warmen und weichen Frau.


    Wenn ich wirklich könnte, wie ich wollte, hätte ich nur einen konkreten Wunsch: Ich würde auf meinem riesigen Grundstück einen Gnadenhof für alte, kranke und misshandelte Hunde einrichten; eine Art Alters- und Pflegeheim für Caniden, die vom Homo Sapiens schlecht behandelt, vergessen oder verlassen wurden. Den ganzen Tag an der frischen Luft hätte ich genug zu tun und wäre dennoch ausgeglichen und glücklich, mit einer Ahnung von Sinn und nützlicher Nächstenliebe. Der Tod würde immer wieder zwischen uns treten und so heiter wie gelassen würden Tier und Mensch ihm begegnen, bis man selbst an der Reihe ist. Natürlich würde man mich dann endgültig für verrückt erklären, aber das wäre mir egal; ja nicht einmal das, ich bemerkte es gar nicht im erfülltem Sein.

  • Vielleicht das größte Problem unserer bundesdeutschen Gesellschaft ist derzeit, dass wir das verantwortungsvolle Individuum, den mündigen Bürger nur noch postulieren, nicht aber leben. Wir erziehen die Menschen zur Unmündigkeit, belassen sie im Stadium einer verlängerten Kindheit; der Infantilismus wird zum Programm.

    Ich kenne kaum noch einen Menschen, der wirklich Verantwortung für sein Leben oder das der anderen übernehmen will; kaum jemanden, der bereit ist, der Idiotie eines verabsolutierten Sicherheitsdenkens eine gesunde Weltsicht mit einem Kern Fatalismus entgegenzusetzen. Der Bürger der BRD möchte heute die größtmögliche Sicherheit für sich in Anspruch nehmen; es muss alles so eingerichtet sein, dass in der eigenen Biografie nichts Unvorhergesehenes passiert, man keinen Unfall hat, man nicht erschossen wird oder ausgeraubt; aber auch nicht verbal oder virtuell beleidigt und so weiter. Und wenn doch mal etwas passiert, dann muss es einen Schuldigen geben, den man haftbar machen kann. Niemand fällt heute mehr bei Schnee und Eis hin auf der Straße, ohne sofort nach dem Hausbesitzer zu rufen, der nicht hat ordentlich räumen lassen; um ihn juristisch beizukommen und finanziell zu melken. Stirbt ein Mensch bei einem Umfall; muss jemand schuld sein, der nicht bloß die Natur mit ihren Unbilden ist. Gleichzeitig aber mit diesen Forderungen nach einer allseits geltenden Rundumversicherung für die Fährnisse des Lebens weist man jede persönliche und private Verantwortung an allem und jedem strikt von sich; man trägt nie Schuld, immer sind es die Umstände, die Kindheit, Zufälle und so weiter.

    Wenn man überlegt, mit welchen Anliegen die Aufklärung seinerzeit den Menschen in die moderne Welt entlassen hat; kann man sich angesichts der genau diametralen Entwicklung nur die Augen wischen. In einer Zeit des größten Wohlstands und einer Gesellschaft mit der größten Sicherheit für den Einzelnen mutieren die Glieder der Gemeinschaft nicht zu besseren Menschen, zu reiferen Erwachsenen; sondern zu ungezogenen, verwöhnten Kindern mit einer absurden Anspruchshaltung.

    Und es wäre so leicht, dem zu begegnen …

  • Ich persönlich glaube an ein kollektives Bewusstsein auch der Völker und das hat nichts mit Nationalismus zu tun. Für mich ist Heimat nicht nur ein Gefühl (das auch) oder der Ort, wo meine Lieben (Familie, Freunde) leben; sondern auch und besonders eine Landschaft, in echt und der Seele. Bei mir ist das die zwischen Saale und Elster; zwischen Heinrich Schütz und Jean Paul. Dabei reichen die Wurzeln nicht nur väterlicherseits ins Thüringische, sondern mütterlicherseits bis ins ferne Ostpreußen. Im Geiste bin ich schon immer Alt-Europäer, Abendländer; Kosmopolit und Weltbürger; aber ich vergesse nie, woher ich komme, denn ohne Bodenhaftung gibt es auch keine Weltseele. Und wenn ich im Wald mit meinem Schäferhund laufe, raunen mir hunderte Generationen an Ahnen zu; wir alle lieben den Wind in den Kronen und das Laub auf dem weichen Boden, die würzige Luft und die Verheißung von Frieden.

  • Der Schlosspark in Ebersdorf – verträumtes Kleinod hinter den Bergen

    Der Liebe wegen wieder häufiger in Kernthüringen unterwegs, im Weimarer Land immer in sicherer Entfernung zur Autobahn 4, ging mir erneut wie schon so oft in den vielen Jahren seit spätestens der Wende auf, wie ungerecht doch die Welt und die Verteilung der Publikums- und Touristengunst ist. Die Klage ist sicher nicht neu und will ich daher nicht abermals das Lied anstimmen, wonach die Achse Erfurt, Weimar, Jena den angeblich peripheren Regionen und Landschaften (Eichsfeld, Nord-, Süd- und Ostthüringen) touristisch oder kulturell das Wasser abgräbt und die Vokabel Thüringen unzulässig verkürzt. Einer Tendenz entgegenzuarbeiten, die in alte Fehler verfällt und die nichtwettinischen Territorien Thüringens ausblendet; sollte oberstes Gebot sein, aber die Dinge sind nun mal, wie sie sind.

    Trotzdem muss man es als Thüringer sagen dürfen, dass im Reußischen Oberland so manche Blume im Gehölz und zwischen den Bergen versteckt der Entdeckung und Bewunderung harrt und dass man nicht immer nach Wörlitz, Bad Muskau, Potsdam oder München schauen und weit fahren muss, wenn man an englische Landschaftsgärten denkt. Wie viele Besucher ergehen sich in Tiefurt, im Park an der Ilm, im Park Ettersburg, im Park Belvedere; und wie schön und wie romantisch und wie unvergleichlich beeindruckend ist doch der Schlosspark zu Ebersdorf! Natürlich, in Weimar und Umgebung konzentriert sich deutsche Geistes- und Kulturgeschichte auf engstem Raum; zu viel schon, wie Wulf Kirsten erst kürzlich verlauten ließ. Aber wie oder woran misst man Bedeutung? Die erwähnten Parks und Gärten sind schön und in Verbindung mit Goethe, Schiller oder Wieland überaus reizvoll; aber sind deswegen die Anlagen der Grafen und Fürsten zu Reuß-Ebersdorf weniger interessant und weniger besuchenswert? Im Ebersdorfer Schlosspark herrscht eine einzigartige Atmosphäre, die den Begriff der Kulturlandschaft oder wie Dieter Wieland ihn prägte, der Landschaftskultur, geradezu greifbar manifestiert. Hier begegnen sich Natur und Mensch, ohne sich Gewalt anzutun; hier geht eines naht- und übergangslos ins andere über; alles schmiegt sich harmonisch in eins und verzaubert den Besucher, wenn himmlische Ruhe und frische Luft auf traumwandlerischen Pfaden Hand in Hand für ein Erlebnis sorgen, das sich so schnell nicht vergessen lässt. Es sind vor allem die Bäume, die den Park prägen, und mit Sträuchern und Wiesen eine einzigartige Stimmung gestalterisch in Wirklichkeit verwandeln. Und wenn man vor dem von Ernst Barlach entworfenen Grabmal der Fürstlichen Familie andächtig zur Ruhe kommt und sich des Wichtigen besinnt; feiern Kunst, Kultur und Natur in heilig-nüchterner Dreieinigkeit Hochzeit auf dem Lande. Selbst die erst spät, nach dem Krieg dazu gekommene Schule zerstört nicht das Gesamtbild; Kinderstimmen beleben das Grün und die Lüfte tönen von Zukunft.

    Hilflose Begriffe wie der von der Kleinstaaterei verblassen vor der Wirklichkeit gelebter Geschichte und tradierter Ordnungen. Gerade in einer Zeit des europäischen Einigungsprozesses, der dem Einzelnen oft wenig greifbar und zuweilen unheimlich erscheinen kann, beruhigt der Zugriff auf die Vielfalt deutscher Verhältnisse vom Alten Reich bis hin zum Ende der Monarchie. Es ist immer die Peripherie, das Randlägige, das Provinzielle im besten ursprünglichen Wortsinne; die das große Ganze und allzu Bekannte im neuen Licht erstrahlen lässt. Wer Ebersdorf nicht kennt, wird Weimar nicht würdigen können; und wer in Weimar steht und staunt, der sollte immer auch dessen eingedenk sein, dass sich keine 100km südöstlich Gleichwertiges, anders Schönes im Gebiet der Oberen Saale und des Thüringer Schiefergebirges verbirgt; das darauf wartet, entdeckt und genossen zu werden. Es mag traurig sein, dass ein reiches Land wie die Bundesrepublik ein solches Ensemble aus Schloss und Park mit Orangerie, Barlachdenkmal, „Teichhäuschen“ verfallen lässt und keiner sinnvollen Nutzung zuführt; aber gerade dieser morbide Charme des Vergänglichen haftet an und verführt zu Kontemplation und reizt zu Widerspruch. Spätestens zur Buga Erfurt 2021 kann man Versäumtes nachholen und unsagbar viel gewinnen; aber der Park steht auch sonst immer offen und ist jedem Suchenden zugänglich, wartet auf Menschen, die ihn beleben und ihm die letzte Gestalt geben, indem sie sich ergehend seiner bemächtigen, ohne ihn zu zerstören.

  • Falls Bier tatsächlich auf welche Art auch immer weibliche Hormone aktiviert, sollte ein starker Konsum bei Männern doch als Geschlechtsumwandlung eingestuft und deshalb von den Kassen bezahlt werden?!

  • Wenn man mich fragt, was ich am Meisten, ja abgrundtief hasse; antworte ich immer Lügen und Halbwahrheiten, Doppelmoral und Heuchelei und das stimmt auch immer noch. Aber was mich wirklich immer mehr beschäftigt, je älter ich werde; ist die Unfähigkeit so vieler Menschen zur Empathie und dazu, sich in die Lage eines anderen zu versetzen, einfach mal die eigene Perspektive zu ändern und über den Tellerrand des eigenen Egos zu schauen. Natürlich ist mir klar, dass es sowohl evolutionsbiologische Gründe als auch historische und gesellschaftliche hat, dass so viele Menschen gefangen sind in ihrem Körper und ihrem Geist und ihre Seele keinerlei Anteilnahme am Geschick anderer zulässt. Dennoch: Ich möchte privat mit niemandem zu tun haben, der zum Beispiel die gesundheitlichen Probleme anderer nicht mit Mitgefühl betrachtet, der sich etwa auf einem Amt nicht auch mal in sein Gegenüber versetzt und Denk- wie Handlungsspielräume von dort abwägt und ganz besonders mit keinem, der nicht willens oder in der Lage ist, sein eigenes Fühlen, Wollen, Verstehen, Denken und Handeln nicht als allgemeinen Maßstab zu setzen und auch andere Weltsichten und Anschauungen zuzulassen.



    Meine Schwiegermutter meinte neulich, sie könne überhaupt nicht verstehen, dass so viele Leute wegen der Zeitumstellung so ein Theater machten; sie selber hätte keine Umstellungsprobleme und schlafe immer gut und sie sagte das in einem ganz und gar verächtlichen Ton. Meine Gute, sage ich, es gibt aber Millionen Menschen da draußen, deren Biorhythmus eben wesentlich sensibler reagiert und die deshalb über Wochen zu kämpfen haben mit allerlei Folgen; und statt du einfach froh bist über deine gesunde Physis und Psyche in deinem Alter, schmähst du Menschen, die etwas aushalten müssen, was dir erspart bleibt. Sie hörte mir gar nicht zu und wischte meine Einwürfe schnaubend beiseite. Dabei ist es normalerweise oft so, dass Menschen, denen man ihr diesbezügliches Verhalten und Sprechen erklärt; einsichtig sind und sich kurzzeitig schämen für ihre Kleingeistig- und Borniertheit. Aber der Reflex ist erst einmal da, übrigens auch bei mir: Andere sind nie so krank wie man selber, andere haben die leichteren Berufe und sind stinkend faul und andere sehen die Welt und die Menschen falsch. Vielleicht ist dieser Automatismus menschlich; allzu menschlich; aber wer nicht wenigstens hin und wieder versucht, aus diesem Gefängnis des eigenen Ich auszubrechen, verdient den Namen Mensch nicht wirklich.

  • Ich gehöre ja zu der Sorte Menschen, die auf einem schummrigen spinnwebigen Dachboden in vergilbten Büchern blättern, alte Fotos anschauen; uralte Zeitungen lesen, mit denen in Kisten etwas verpackt war; also zu den Menschen, die dem kindlichen Forscherdrang nachgeben und immer wieder versuchen, Geschichte im Kleinen wie im Großen am eigenen Leib zu erfahren und vielleicht auch einmal den großen Fund zu machen. Und da frage ich mich immer öfter, ob in hundert, zweihundertfünfzig oder fünfhundert Jahren einmal Menschen vor einem alten PC sitzen werden und beispielsweise in längst nicht mehr existierenden Internetforen lesen, immer wieder staunend, was für spinnerte und kluge Sachen das drinnen für immer und ewig begraben liegen. Denn nie gab es eine schnelllebigere Zeit als heute und nie gingen mehr Informationen verloren als im digitalen und virtuellen Zeitalter. Noch heute besitze ich Aufzeichungen auf Papier von vor über 30 Jahren, aber wie viele andere Dinge haben den Weg von der Diskette über die Festplatte, die CD-Rom, den Stick etc. nicht geschafft bis ins Heute.

  • Volkstrauertag: Und ich gedenke wie jedes Jahr an einem anderen Denk- und Mahnmal der Gefallenen von Kriegen und Gewaltherrschaft, heute in Oberroßla. Dabei denke ich an die Menschen aller Nationen, die in Kriegen ihr Leben lassen musssten, besonders aber an die deutschen, denn auch meine Vorfahren haben zum Beispiel in den großen Kriegen des 20. Jahrhunderts gedient. Denn als Dienst haben das sehr viele Deutsche verstanden, aber auch Engländer, Franzosen, Russen, Italiener usw.; als Dienst am Vaterland und Pflicht, die zu erfüllen man nicht ablehnen konnte, wenn man für sein Land und die eigenen Nachkommen nur das Beste wollte.


    Aber wir Satten, die wir nie Krieg, Hunger, Zerstörung erleben mussten, stellen uns heute hin und sprechen aus dem Wohlstandssessel abfällig darüber, dass diese Menschen alle sinnlos gestorben wären für Kaiser, Führer, Volk und Vaterland; für Kapitalisten, Imperialisten oder Stalinisten und am Liebsten würden wir sie ganz aus der Erinnerung verbannen, aus dem kollektiven Gedächtnis. Wir pinkeln auf die Gräber derer, die allzu oft ihr Leben hingegeben haben, weil sie an etwas Höheres als das eigene Ich glaubten, weil sie sich als Individuum einem Ganzen unterordneten. Wer von uns heute würde denn für sein Land, seine Nachkommen oder überhaupt seine Mitmenschen in den Krieg ziehen und im Notfall sein Leben opfern, aus einem Volk von Konsumenten und Egoisten?


    Wir täten gut daran, als Einzelne und als Nation wenigstens am Volkstrauertag derer zu gedenken, die vor uns da waren und auch für uns starben, auch wenn wir davon nichts mehr wissen wollen.

  • Totensonntag: Gelegenheit nachzusinnen, welche Menschen einem schon weggestorben sind, die einem wirklich etwas bedeutet haben. In meiner familiären Biografie, denn von all den anderen teuren Toten aus anderen Reichen will ich hier nicht sprechen, sind mir bislang die großen menschlichen Tragödien erspart geblieben und mein Verhältnis zum Tod ist schon immer ein eher persönliches und philosophisches und ich würde es begrüßen, wenn unsere Gesellschaft dem Tod wieder das gleiche Recht einräumt wie der Geburt, denn beide gehören zum Leben und gehören nicht ausgegrenzt aus unserem Erleben.


    Ich erinnere mich zuerst an meinen Urgroßvater väterlicherseits, einen Bauern und Heilpraktiker, der sehr zum Verdruss seiner praktischen Gattin mit der Bahn nach Leipzig fuhr hin und wieder, um sich Bücher zu kaufen, denn er war auch ein Laiengelehrter und Prediger. Ich war erst fünf, als er starb, aber ich fühlte mich ihm sehr verbunden und nannte ihn Opa Guterle, weil er mich immer auf den Schoß nahm, mich herzte und eben „Mein Guterle, mein Guterle“ nannte. Man sagt in der Familie, ich habe von ihm und von meiner Großmutter mütterlicherseits, einer sehr schweren, klugen und lebenslustigen Frau, die ich als Knirps nicht zu umfassen vermochte, das Meiste geerbt. Sie starb mir mit 17 weg, kaum 60 Jahre alt, der Diabetes hatte sie hinweggerafft und bei mehr Mäßigung in vielerlei Dingen hätte sie viel älter werden können.


    Der Tod meines Opa väterlicherseits ging mir mit 25 Jahren nicht so nahe, weil er schon länger krank lag und auch sein Leben genossen hatte mit viel Tabak und Schnaps; auch meine Oma, seine Frau, die in diesem Frühjahr mit fast 90 starb, konnte auf ein langes erfülltes Leben mit geliebter Arbeit und in Gesundheit zurückblicken. Einschneidend und für mich existentiell bedrohend war dagegen – und man traut sich das gar nicht niederzuschreiben – der Tod meiner ersten Schäferhündin Sarah am 10. Februar 2012. Da habe ich geheult wie ein Mädchen und über Wochen und Monate sehr gelitten und da fragt man sich dann doch, ob man sich dafür schämen müsse. Ist der Tod eines Menschen schlimmer als der eines Tieres? Was sagt das über einen, wenn man trauert über die Kreatur und weniger traurig ist bei Mensch und Co.?

  • Alleine leben hat Vorteile und Nachteile; in einer Beziehung leben hat Vorteile und Nachteile. Ich gehe jetzt auf die 50 und kann immer noch nicht sagen, ob das Pendel in die eine oder andere Richtung ausschlüge.

  • Vom Kriege und dem Wesen des Menschen


    Wer über den Menschen und sein Wesen etwas lernen will, muss sich nur den großen Komplex Kriege ansehen. Wir alle wissen, dass Krieg furchtbar ist und das Schlimmste, was Menschen anderen Menschen antun können. Das Übermaß an Zerstörung und Leid, das Kriege über uns bringen, lässt sich nicht beziffern, es ist schier unendlich und dazu noch total sinnlos. Es gibt keine Gewinner, keine Sieger im Krieg; nur Verlierer. Und am Meisten leiden immer die Unschuldigen, die Zivilisten, die Alten, die Kranken, die Frauen, die Kinder; Bombenhagel, Brandschatzung, Verstümmelung, Vergewaltigung und so vieles mehr – so viel unermessliches körperliches und seelisches Leid, das man es kaum fassen kann.


    Der moderne Massenkrieg seit spätestens 1914 wird durch Menschen und Material entschieden, durch Wirtschaftskraft, Geld und Vorsprung an Technik und nicht durch militärisches Können. Das Heer des Deutschen Kaiserreiches kämpfte jahrelang auf fremdem Boden und ließ feindliche Truppen nicht ins Land, musste aber dennoch der Übermacht der Entente weichen; die Wehrmacht, nach Ansicht all ihrer Gegner die beste und effizienteste Armee des 20. Jahrhunderts, hatte trotz jahrelangen Widerstandes keine Chance gegen die Alliierten im Zweifrontenkrieg.


    Der einzelne Soldat oder Offizier starb seit der Industrialisierung des Krieges nicht oder überlebte, weil er besonders fähig war, robust oder versiert; sondern weil er Glück hatte oder Pech. Zufall und blindes Geschick bedingen das Überleben oder Sterben; zwar können erfahrene Militärs länger überleben, aber aufs Ganze gesehen ist es immer nur eine Frage der Zeit, bis man an der Front draufgeht. Und dann hoffte man auf einen Kopfschuss oder einen sauberen mitten ins Herz, einen Granatenvolltreffer; auch in Zeiten der postmodernen Kriegsführung mit Helmkamera und pseudovirtuellen Realitäten aus der Fliegerperspektive.

    Aber es gibt viele Arten zu sterben im Felde: Man kann im Kugelhagel fallen, von MG-Feuer zerfetzt werden, von Fliegerbomben, Handgranaten; man kann auf Minen treten, mit dem Bajonett erstochen werden im Nahkampf oder mit durchgeschnittener Kehle enden, zerbrochenem Rückgrat oder Genick; Panzerketten können einen zermalmen, Flammenwerfer verbrennen, Giftgas die Lungen verätzen. Oder aber man stirbt ganz unmilitärisch an Hunger, Kälte, Krankheiten, Seuchen; denn man erfriert schnell bei Frost und Entbehrung und ohne Essen und Trinken kämpft es sich schlecht; auch mit Ruhr, Typhus oder Grippe. Man steht aber auch hin und wieder vor einem Erschießungskommando, dem der eigenen Truppen oder dem des Gegners; man kann in den Kriegsgefangenenlagern krepieren mit tausenden seiner Kameraden. Selbst in der Etappe ist alles möglich, von der Alkoholvergiftung über die Syphilis bis hin zur Bleivergiftung der Dosen wegen; eine Prügelei im Kasino kann tödlich enden oder es erwischen einen die Partisanen oder Widerständler.

    Und da ist der Tod, zumal der ehrenvolle fürs Vaterland, immer oft noch besser als die vielerlei Arten der Verwundungen, die es gibt: Man kann ja so ziemlich alles verlieren, ohne gleich zu sterben: Manche verlieren ihr Augenlicht oder Gehör, andere Arme oder Beine oder beides; man kann Schüsse praktisch überall in den Körper überleben, ist dann halt vielleicht gelähmt oder hat sein Leben lang Schmerzen in Knie oder Rücken. Dann humpelt oder hinkt man, geht an Krücken oder fährt im Rollstuhl oder man liegt gleich für immer und ewig im Bett. Oder man schießt einem Zwanzigjährigen Eier und Schwanz weg und der lebt dann womöglich, wenn er Pech hat, noch 60 Jahre, ohne jemals mit einer Frau schlafen zu können. Die seelischen und psychischen Verwundungen haben es auch in sich, vom Kriegszittern früher bis zur posttraumatischen Belastungsstörung heute; aber das lässt sich natürlich kompensieren im zivilen Leben, man säuft dann halt viel Schnaps, nimmt Drogen oder schlägt Frau und Kinder. Das ist ein weites Feld.

    Im 20. Jahrhundert gab es zwei Weltkriege, zwei der schlimmsten Kriege überhaupt, mit wenigstens 200 Millionen Toten und trotzdem hat es seit 1945 immer wieder Kriege gegeben in allen Teilen der Welt, begrenztere zwar wegen des eingeläuteten atomaren Zeitalters; aber dennoch mit weiteren 25 Millionen Opfern. Ja in den 80ern stand die Menschheit wegen des atomaren Wettrüstens der Supermächte sogar kurz vor ihrer eigenen Auslöschung und trotzdem betrachten ALLE Nationen der Welt den Krieg nach wie vor als Mittel der Politik, obwohl in allen ihren Lehrbüchern für die Schulen etwas anderes steht, vom Pazifismus und von Friedensbemühungen. Im Lehrplan Geschichte der BRD für das Gymnasium ist einer der Leitgedanken die Friedenserziehung - da heißt es mehrfach, man wolle die "Erziehung zu Gewaltfreiheit, Toleranz und Frieden" in den Mittelpunkt stellen. Von den andauernden Rüstungsexporten in alle Welt steht da aber nichts und auch nichts davon, dass auch die BRD zu den Waffen greift, wenn sie es für angezeigt hält. Die Mittel seit 1914 für Militär aufgewendet weltweit für friedliche Zwecke genutzt und wir flögen schon in ferne Galaxien, aber das soll hier jetzt nicht Thema sein.

    Es geht darum und damit will ich schließen, dass der Krieg eben nicht die Ausnahme ist, sondern die Regel und dass er zum Wesen des Menschen gehört. Wie anders wäre zu erklären, dass die männliche Jugend jeden noch so realistischen Antikriegsfilm schaut und immer wieder begeistert ist und am Liebsten gleich in den Krieg ziehen möchte. Woher kommt diese Begeisterung für alles Militärische und Kriegerische? Wie viel schöner ist es, bei einem Weibe zu liegen; mit Freunden in geselliger Runde zu sitzen; ein gutes Buch zu lesen; sich bei deftigen Mahlzeiten sanft zu betrinken; starken Tabak in die Luft zu blasen; mit dem Hund durch die Wälder zu ziehen oder Bach und Beethoven zu lauschen?! Schöner doch jedenfalls, als bei Eis und Schnee im Schützengraben zu vermodern; die eigenen Eingeweide wieder zurückzustopfen in die Bauchhöhle oder selbst Frauen und Kinder zu erschießen!? Doch nein, es scheint, als wäre mit jeder verblichenen Kriegsgeneration auch das Wissen um die Schrecken des Krieges verblasst; und stets neu geboren steigen die Jünglinge in die Stiefel, ziehen sich die Uniformen an und schultern ihre Gewehre. Der Krieg ist in uns und hin und wieder müssen wir ihn nach außen tragen, um nicht zu verfaulen; und ja, die Gesellschaft, zumal die ausbeuterische nutzt ihn für ihre Zwecke, aber er ist viel älter als Kapitalismus und Imperialismus zusammen. Wir sollten uns nichts mehr vormachen! Wir sind der Krieg, wir brauchen ihn, wir ernähren ihn und er nährt uns.


  • Mit jedem Jahr mehr fühle ich mich ambivalent während Advent und Weihnachten: Ich liebe diese Zeit abgöttisch als meine stille Zeit und den Ort schöner Erinnerungen und ich hasse sie wegen meiner gesellschaftlichen Umwelt und dem Treiben und Wesen der Menschen.


    Ich liebe sie, obwohl ich selbst als Atheist und Freigeist und geborener DDR-Bürger natürlich nicht religiös bin im herkömmlichen Verständnis, weshalb mir Weihnachten nicht im ursprünglich christlichen Sinn in Erinnerung ist. Aber ich hatte Glück mit meinen Eltern und erlebte viele wunderschöne Weihnachtsfeste. Auch mit vielen, sehr vielen Geschenken; meist Büchern, Kassetten und Schallplatten. Die Heimlichkeiten begannen im Advent, da wurde viel geraunt und hinter Türen versteckt; da gab es gemeinsame Vorfreude, am 24. vormittags das gemeinsame Ritual des Baumholens und Schmückens; nachmittags nach dem Kaffee die Bescherung, abends dann Festmahl bei den Großeltern. Erst am 25. früh konnte man seine Geschenke so richtig fassen, man saß unterm Weihnachtsbaum und spielte, später las ich viel im Bette, den Kopf aufgestützt. Und natürlich die köstlichen Speisen, all der Stollen, die Plätzchen; Heiligabend immer Kartoffelsalat mit Bockwurst, mittags nur eine schnelle Suppe, meist selbstgemachte Nudeln, die gar nicht schnell zuzubereiten waren, sondern den Hausfrauen Stunde und Stunde kosteten; wie es mir bis heute ein Rätsel ist, wie diese berufstätigen Frauen über die Feiertage Jobs erledigten in Haus und Hof, die heute kein Cateringservice für teuer Geld vermöchte. Dann die obligatorische Ente am Weihnachtstag, meist Wild am zweiten; viel Fernsehen auch, denn in meiner Kindheit und Jugend liefen die Kracher alle nur in diesen Tagen, wie sehnsuchtsvoll erinnere ich mich der ZDF-Vierteiler um den Seewolf oder David Balfour, der DEFA-Märchen und der russischen, der Komödien mit Louis de Funès und Pierre Richard. Da waren Höhepunkte noch Höhepunkte in einer im Verhältnis kargen Zeit, in der es uns trotzdem an nichts fehlte und wir Buben uns draußen genauso oft aufhielten wie drinnen, Schlitten fuhren oder Ski oder einfach nur tobten und unnützten. Diese Erinnerungen sind tief in meinem Herzen verankert und sie werden mich bis an mein Ende begleiten und wärmen, sie sind auch jetzt Teil meiner adventlichen und weihnachtlichen Verrichtungen und Stimmungen, wenn ich bei Kerzenschein Sakrales höre und meinen Rosegger lese. Und wenn ich dann am Neujahrsmorgen ausgeruht und ohne Kater früh um sechs Uhr mit Hund bei Frost über schneebedeckte Felder laufen kann, hinein in den Wald; dann ist alles gut gewesen und wird alles gut sein und werden. Denn hernach in der guten Stube, in der warmen, wird mich Mozart weiter mit der Welt versöhnen.


    Aber ich hasse diese Zeit eben auch, weil es Weihnachtskram schon im Spätsommer oder Frühherbst in den Läden zu kaufen gibt; Weihnachtsbeleuchtungen an Häusern angebracht werden, dass man Angst haben muss, es möchte eine Boeing nebenan landen; weil überladene Weihnachtsbäume voller Glitzerkram und mit Bergen an Lametta wie ein Hohn über die schlichte Erhabenheit der Natur erscheinen; weil enthemmter Konsum eine Droge ist, die leider nicht strafrechtlich verfolgt wird; weil die Schenkerei, wie Sheldon ganz richtig sagt, dem Beschenkten eine Verpflichtung auferlegt; weil Fresserei und Völlerei gehuldigt wird, während anderswo die Leute verhungern; weil Trunksucht gefördert wird durch kilometerlange Regale mit Hochprozentigem in den Supermärkten; weil Langeweile und falscher Müßiggang in ihrem Weg nicht in etwa karitative Zwecke münden; weil Autofahrer jeden einzelnen der Feiertage die Straßen verstopfen, meist schuldlos, weil ihre Familien unbedingt den Weihnachtsabend bei den Eltern verbringen wollen sollen, den ersten Feiertag bei den Schwiegereltern und den zweiten bei Freunden etc. und so nie jemand wirklich zur Ruhe kommt und zur Einkehr. Weil Kirchgänge nur zum Fest oder an Ostern stattfinden und sich statt wahren Glaubens Frömmelei und Bigotterie Hand in Hand die Wangen tätscheln; weil Weihnachten die Zeit der Selbstmorde ist, weil von vielen das Alleinsein, die Einsamkeit nicht ertragen wird; obwohl sich die eigentlichen Dramen der Feiertage in den Familien abspielen. All das, was Menschen immer schon so widerlich macht, wirkt in dieser eigentlich stillen Zeit ohrengellend laut und wie in einem Brennspiegel vergrößert. Diese ganze oberflächliche verweltlichte Heuchelei und Doppelmoral wird dann unerträglich und ich sehe das dunkelhäutige Mädel aus dem Libanon vor mir mit ihrem Neugeborenen oder ihrem noch berstenden Bauch und wie sie abgewiesen wird Tür um Tür. Nein, nein, nein – mit so einem Weihnachten soll man mir gehen, das kann mir gestohlen bleiben. Der Geist der Weihnacht ist eben auch das, Geist nämlich; der den meisten Menschen abgeht, genau wie auch Herzensbildung. Ich wünschte, ich übertriebe, aber ich untertreibe eher.

  • Woher kommt bei einem friedliebenden und sanften Menschen wie mir diese Begeisterung für alles Militärische und Kriegerische? Seit ich lesen und denken kann, fasziniert mich das Militär und interessiert mich die Kriegsgeschichte. Dabei habe ich nicht gedient und würde an der Front keinen Tag überleben; ich kann keiner Fliege etwas zu Leide tun und nach einer körperlichen Auseinandersetzung bin ich immer für Tage wie traumatisiert. Ich bin kein Soldat, ich bin ein Zivilist; ich bin kein Krieger, sondern ein Schreibtischhengst.


    Und doch begann es in frühester Kindheit damit, dass sich in meinem Zimmer gewaltige Schlachten abspielten: Ich war ganz gut ausgestattet, es gab in den 70ern in der DDR Spielzeugsoldaten der NVA zu kaufen, ich weiß leider nicht mehr, aus welchem Material die waren. Da gab es unterschiedliche Typen in unterschiedlichen Haltungen mit unterschiedlicher Bewaffnung, ich erinnere mich an den typischen Helm und natürlich die obligatorische Kalaschnikow. Dazu gehörte auch ein Fuhrpark aus Plastik, mit dem T55, Brückenpanzern, Raketenwerfern, Transportern; die Schützenpanzer waren glaube ich sogar aus schwererem Material. Diese Einheiten waren meist die meinen; ich erinnere mich nicht, ob ich eine bestimmte Armee war in diesen jungen Jahren; aber ich kämpfte meist gegen meine Cowboys und Indianer, die schlecht bewaffnet und ohne Technik oft wenig Chancen hatten und so sie überlebten, von einem Militärgericht abgeurteilt und hingerichtet wurden.


    Später vertauschte ich das Kinderzimmer mit Scheune und Garten im Oberland. Ich kam ja aus einer staatstreuen Familie, Vater und Mutter Genosse, und auch ich glaubte bis zum Zusammenbruch der DDR an den bärtigen Weihnachtsmann aus Trier und seinen weitaus sympathischeren Kumpel aus Barmen. So hätte ich also kindlich entweder als Nationaler Volksarmist dienen sollen oder als Rotarmist und somit Soldat der Freunde, wie die Sowjets bei uns daheim hießen. Aber ohne dass ich einen Grund dafür nennen könnte, vermochte ich das einfach nicht; ich steckte als kaum Zehnjähriger in der Uniform, die meine beiden Großväter getragen hatten und versuchte, die anrückende Rote Armee aufzuhalten, die meist von oben den steilen Hang den Garten runter anrückte mit mehr als nur einer Vorhut. Wieder war ich recht gut bewaffnet: Ich besaß als Spielzeug eine PPSch-41, die auch aus Filmen sehr bekannte sowjetische Maschinenpistole; wenn man den Abzug drückte, rotierte es schussimitierend im Trommelmagazin. Mein ganzer Stolz aber war eine sicher seinerzeit viel verkaufte Spielzeugkalaschnikow, der ich den Lauf absägte, damit sie der MP 40 der Wehrmacht ähnlicher sah. Natürlich musste ich ihn hin und wieder provisorisch ankleben, damit mein Vater keinen Wind davon kriegte, dass ich Tag um Tag die Russen in mörderischen Abwehrschlachten quasi allein aufhielt und zermürbte. Im Gürtel steckten meine Stielhandgranaten, kleine Holzscheite, die mein Großvater in mühevoller Detailarbeit in diese Form gebracht hatte mit der Axt, freilich zu einem anderen Zweck. Da die Rote Armee meist im Winter ihre Offensiven begann, blieb mir nichts anderes übrig, als im scharfen Feuergefecht aus sicherer Deckung heraus immer wieder dutzende Handgranaten zu schleudern; oft fand man die Blindgänger unter ihnen erst wieder, wenn der Schnee zu Ostern endgültig weggetaut war, das gab nicht selten ein großes Zeter und Mordio seitens der Ahnen, die nichtsahnend beim Mähen mit der Sense meine Munition aufspießten. Mein Vater hatte mir in der Scheune auch einen Panzer gebaut aus Holz, mit einer Bordkanone aus einem alten Ofenrohr und einem schweren Maschinengewehr aus alten Rechen; leider nutzte mir der nur etwas, wenn ich die Scheunentore aufmachen konnte, das ging nur im Sommer richtig gut und da ließ sich selten ein Russe blicken; es sei denn, ein Unvorsichtiger verirrte sich beim Plündern zur Tür hinein, dann gab es natürlich keine Gnade und volle Breitseite.


    Noch später, ich war inzwischen belesener und weniger selbst aktiv, verlegte ich mich von der Front in die Etappe; oder genauer gesagt aus dem Feld in den Stab. Überhaupt sah ich mich in dieser Zeit, als meine Lehrer darauf drangen, ich möchte Berufsoffizier der NVA werden, woraus später dem Herrn und meiner Knie sei Dank nichts wurde, als künftigen Stabsoffizier und vielleicht sogar Generalstäbler, denn schon damals war mir klar, dass ich am Kartentisch eine bessere Figur abgeben würde als vis-à-vis mit dem Feind im Schützengraben und im offenen Gelände. Ich hatte eine gewisse Begabung für Strategie und Taktik, auch Logistik und Organisation, konnte Karten lesen und verfügte über ausreichend militärgeschichtliche Kenntnisse; ich lernte englisch und russisch in der Schule und konnte so mit beiden Supermächten eigenständig kommunizieren, wenn auch ein wenig südostthüringisch gefärbt. Die ambivalente Zeit war vorbei, ich pubertierte noch nicht restlos und besaß einen festen Klassenstandpunkt: Daher verwundert es nicht, dass ich mich zum Generalstabschef der Vereinten Streitkräfte des Warschauer Paktes beförderte und mir durch die Vertragsstaaten der Auftrag erteilt wurde, einen Angriffsplan gegen die NATO mit Schwerpunkt einer Invasion der USA auszuarbeiten. Das stellte mich vor nicht unerhebliche Probleme, die zu lösen ich aber mit Eifer anging: Ich benötigte zunächst eine große Lagekarte der Vereinigten Staaten, die sowohl politisch als physisch recht detailliert auszusehen hatte, um die Truppenbewegungen auch ohne Platznot ausweisen zu können. Also pauste ich die Umrisse aus einem alten Schulatlas ab, übertrug diese auf eine Folie; jene legte ich auf einen Polylux; um dann später an der Wand die Linien nachzuzeichnen, wozu ich vorher mehrere der größten damals erhältlichen DIN-A-Blätter zusammenleimte und aufhängte. Diese riesige Karte musste ich dann auf den Fußboden legen, einen Tisch dieser Größe gab es nämlich nirgendwo; das störte mich aber wenig, denn ich war ganz in meinem Element. Ich hatte aus diversen Lexika und Büchern wie Zeitschriften versucht, halbwegs korrekte Angaben zu den Truppenstärken, Waffengattungen etc. der Warschauer Vertragsstaaten zu eruieren; Informationen übrigens, die mein acht Jahre jüngerer Bruder später einem 24bändigen Brockhaus entnahm und die man heute mit wenigen Klicks im Internet erhält. Für mich in den frühen 80ern dagegen schien das eine Mission Impossible schon bei meinen eigenen Armeen, fast unmöglich aber bei denen des Gegners, der Bundeswehr oder der US-Army. Ich musste daher mit Näherungswerten agieren und setzte einfach voraus, dass die sowjetische Armee um ein Vielfaches derjenigen der Amerikaner überlegen war. Ich setze gleichfalls voraus, dass Europa nur ein Nebenkriegsschauplatz sein würde, die Rote Armee stünde nach drei Tagen ohnehin am Atlantik, wer sollte sie aufhalten, die Belgier? Und ich setzte voraus, dass die Vernunft der beteiligten Staaten einen Kernwaffeneinsatz nicht zulassen würde. Unter all diesen Voraussetzungen konnte ich nun die größte Landungsoperation der Militärgeschichte planen: Die Westküste der USA sollte der UdSSR vorbehalten bleiben, die mit mongolischer, vietnamesischer, koreanischer und chinesischer Teilunterstützung zwischen Los Angeles und San Francisco den Hauptschlag führen wollte; während an der Ostküste unter Führung der NVA die Truppen aus Polen, Ungarn, Rumänien, Bulgarien und der CSSR anlandeten und die Wucht ihrer Angriffe die Metropolen und Wirtschaftszentren treffen sollte. Natürlich war mir klar, dass so ein Unternehmen nur gelingen kann, wenn vor der Landung von Infanterie und Grenadieren bzw. mot. Schützen eine umfassende Vorbereitung im Zusammenspiel aller Waffengattungen erfolgte. Das hieß zuallererst eine gezielte Belegung wichtiger urbaner und militärischer Ziele mit Interkontinentalraketen, die von Sibirien aus gestartet wurden; nach den Einschlägen unterstützt vom Flächenbombardement tausender schwerer Jagdbomber, die von hunderten Flugzeugträgern aus starteten; wiederum sekundiert von pausenlosem Artilleriesperrfeuer tausender Kriegsschiffe, währenddessen mehrere hunderttausend Mann Elitefallschirmeinheiten hinter den feindlichen Linien absprangen, bevor dann die ersten Landungswellen anrollten, um Brückenköpfe zu bilden und die feindlichen Verbände aufzureiben. Es war zu diesem Zeitpunkt schwer abzusehen, wie sich das Ganze entwickeln würde; ob es einen Bewegungskrieg im mittleren Westen gäbe oder permanenten Häuserkampf in den großen Städten.


    Freilich riss es mich, bevor ich alle Planungen abschließen und alle Eventualitäten prüfen konnte, jäh vom Kartentisch des Generalstabs weg hin ins richtige und viel wichtigere Leben; denn ich interessierte mich plötzlich viel mehr für Fußball, Alkohol und Frauen. Das ist auch bis heute so geblieben; wobei der Erfolg in diesen Sparten sehr wechselt; das Interesse an der Militärgeschichte aber hat mich durch das Studium und auch meine 25 Berufsjahre begleitet. Und wer weiß, vielleicht hält ja jemand an meinem Grab die Totenwache, trommelt und trompetet und schießt den Salut in den Himmel über Thüringen.

  • Eine der faszinierendsten und verstörendsten Beobachtungen der Postmoderne scheint mir die neue Leibfeindlichkeit zu sein bzw. planer gesprochen, die Ausblendung des physischen Aspekts aus der gesellschaftlichen Wahrnehmung.


    Auf den ersten Blick klingt das absurd, denn während man heutzutage die Welt des Mittelalters mit ihrer weltanschaulichen absoluten Dominanz des Geistigen und Seelischen und ihrer Verachtung alles Leiblichen als Ursachen allen Übels mit Abscheu betrachtet; hat man in den letzten 200 Jahren seit Beginn der Aufklärung nichts hektischer und brachialer betrieben, als die Entseelung und Verkörperlichung des Menschen, mit seiner Hochzeit spätestens seit den 68ern in allen Teilen der westlichen Welt. Jugend-, Gesundheits-, Fitness- und Körperkult dominieren bis heute alle relevanten gesellschaftlichen Bereiche von der Politik bis hin zur Massenkultur.


    Dennoch und unerachtet auch dessen, dass man nun schon seit Jahren wieder die Einheit von Seele und Geist propagiert und einen ganzheitlichen Ansatz in der Medizin, Heilkunde, Homöopathie und Alltag kultiviert; scheint es so, als ob die Menschen im gesellschaftlichen Raum keinen Körper mehr haben oder haben dürfen. Welcher Lehrer würde sich heute noch trauen, einem kleinen Schüler über’s Haar zu streichen, wenn er etwas sehr gut gemacht hat; oder einem größeren auf die Schulter zu klopfen? Welcher Sportlehrer wird nicht seine liebe Not haben mit dem korrekten Ansatz seiner Haltegriffe und Hilfestellungen? Wieso pflanzt sich die Unsitte aus den alten Bundesländern, das Händeschütteln mit Naserümpfen zu betrachten und daher zu unterlassen, nun auch im Osten fort? Welcher Trainer im Breiten- und Leistungssport achtet nicht sehr genau darauf, wen er wie anfasst und ob er alleine sein darf mit seinen Schützlingen? Welcher Galan sichert sich nicht zehnmal vorher ab, ehe er sich seiner Angebeteten körperlich nähert und sei es ein längerer Händedruck oder ein Küsschen auf die Wange. Wieso steigt die Zahl an Haustieren wie Hund und Katze jedes Jahr, schon jetzt zusammen über 20 Millionen? Wieso gehen viele ältere Menschen nur deshalb zum Hausarzt, um auch einmal wahrgenommen und berührt zu werden? Für wie viele Menschen ist die Physiotherapie, die Osteopathie, die Sportgymnastik etc. die einzige Möglichkeit, überhaupt einmal berührt zu werden und den Körper eines anderen Menschen zu spüren? Wieso schämen sich erwachsene Großstädter nicht, abends Kuschelseminare zu besuchen?


    Wieso haben wir den menschlichen Körper im 21. Jahrhundert vergessen? Warum beleidigen kleine dürre Männlein im Internet oder vis-à-vis wesentlich größere und kräftigere, ohne Angst zu haben, von denen auf Grund physischer Präsenz zermalmt und schwer verletzt zu werden? Man kommt mit dem letzten Beispiel der Ursache nahe: Unsere Gesellschaft, die massenmedial körperliche Gewalt und Täter verherrlicht, hat diese im wirklichen Leben geächtet. Körperlicher Missbrauch in der Geschichte an Kindern in Schulen oder an Frauen in Ehe und Beruf werden stark verfolgt und zu Recht stigmatisiert; gleichzeitig aber übersieht man, dass der Mensch ein Körpertier ist und demzufolge körperliche Bedürfnisse hat, die auch befriedigt werden müssen, wenn man nicht jung, schön, schlank und sexy ist. In der Angst vor physischen Übergriffen vergessen wir tatsächlich die Einheit von Leib und Seele; all unsere Sinne und Empfindungen funktionieren nur über den Körper, im negativen wie auch im positiven Sinne. Das sollten wir wieder lernen, bevor es zu spät ist und die bislang ausschließlich seelen- und geistlosen Massen auch noch körperlos werden; leider ohne dann zu verschwinden von diesem Planeten.

  • Mensch, sage ich zu meinem türkischen Frisör, der eigentlich Syrer ist; habt ihr ein Glück, dass ihr nicht jedes Jahr die Geburt Christi hinter euch bringen müsst mit dem ganzen Brimborium drumrum und er meint, ja, man habe nur den Ramadan, der sei aber auch recht anstrengend. Nun lese ich aber, dass es innerhalb der islamischen Festtage auch einen Maulid an-Nabī, einen Geburtstag des Propheten gibt; der am 12. Tag des Monats Rabīʿ al-auwal des Islamischen Kalenders gefeiert wird und in in mehreren islamischen Ländern sogar Staatsfeiertag ist.

  • War es die Sachensklinik oder das Johannes-Thal-Klinikum, ich weiß es nicht mehr: In einer Episode jedenfalls behält man eine junge Frau wegen ein paar Extrasystolen im sonst unauffälligen EKG über Nacht zur Beobachtung da; ich laboriere seit dem Beginn meiner Adoloszenz an massiven Extrasystolen und kein Arzt ist im letzten Vierteljahrhundert auf die Idee gekommen, mich deshalb in ein Krankenhaus einweisen zu lassen; Internisten und Kardiologen haben mich mit lebensbedrohlichem Vorhofflimmern wieder nach Hause geschickt. In der gleichen Folge wird ein neuer Patient wiedererkannt und begrüßt: "Ach, Herr Soundso; sie waren doch vor drei Monaten hier mit diesem und jenem; wie geht es ihnen denn, ist alles verheilt?" Und dann denkt man an die eigenen Einlieferungen auch in lang bekannte Kliniken mit ihrer sattsam bekannten Anonymität, den immer neuen Gesichtern; wobei auch die alten einen natürlich nicht erkennen, geschweige denn wissen, dass man schon mal hier war und was man hatte; im Gegenteil muss man 30 verschiedenen Ärzten immer wieder die gleiche Geschichte erzählen, als gäbe es keinen Informationsfluss im Haus und keine Krankenakten von früher, die man konsultieren könnte.

    Natürlich, das eine ist Fiktion und das andere die Wirklichkeit; das eine ist seichte Fernsehunterhaltung, das andere die Realität; das eine ein auf die Damenwelt zugeschnittenes TV-Format, das andere das richtige Leben. Aber, so frage ich mich, muss denn nicht auch hier eine gewisse Verhältnismäßigkeit gewahrt bleiben, ein Rest Plausibilität trotz aller Gräben zwischen den Welten? Warum muss man es sich immer so leicht machen in den Redaktionen, wieso schämen sich die Drehbuchautoren nicht; verweigern die Schauspieler albernste Szenarien und Dialoge? Will das Publikum das wirklich so haben, sich so behumsen lassen; sich so einlullen wider jede Vernunft? Ich verstehe durchaus die Sehnsucht der Zuschauer nach einer heilen Welt, wenigstens im Flimmerkasten geboten zu bekommen, was im wahren Leben nie und nimmer so stattfindet; aber wo ist die Grenze zwischen dem berechtigten Wunsch nach Utopien und der Verhöhnung der Opfer des medizinischen Alltags. Der klassische Arztroman ist so alt wie das Auftreten der Frauen als Leserschaft und mit dem Aufkommen der Massenmedien multiplizieren sich natürlich Bedarf und weitere Niveausenkung ins beinahe Unendliche. Dennoch, die Suada muss erlaubt sein; soll das wirklich so weitergehen?