Yoricks Nachtgedanken bei Tage

    • Offizieller Beitrag

    Ich habe übrigens noch immer das Gefühl, dass ich mit Menschen aus den alten Bundesländern (ich rede hier meist von der Mittelschicht und akademischen Kreisen; die einfachen Leute von drüben kenne ich zu wenig) ganz schwer warm werde; sie kommunizieren anders, denken und fühlen anders; so meine ich jedenfalls das zu erleben. Ich persönlich erlebe das so, dass man bei gemeinsamen Interessen oder Freunden schnell in Kontakt kommt; sich aber die "Wessis" nie so leicht vollständig öffnen, wie ich das vom gemeinen "Ossi" gewohnt bin; also alle Themen, die die Familie, die eigene Biografie, das soziale Umfeld, den Beruf und vor allem die ganze konkrete Lebenssituation und Lebenseinstellung betreffen, werden streng abgeschirmt; in diesen Bereichen erscheinen sie mir so undurchlässig wie vollständig wasserdichte graue Gummikleidung. Mich erinnert das immer an das Klischee vom Amerikaner, mit dem man leicht ins Benehmen kommt; aber nie tiefgründig und ernsthaft.


    Woran das liegen mag, weiß ich nicht so recht. Natürlich kann man historische und individual- wie gruppenpsychologische Gründe anführen; ich habe ja hier oft genug davon gesprochen; dass den meisten Bundesbürgern aus den alten Ländern die existenzielle Grunderfahrung des vollständigen Scheiterns fehlt und drei Generationen Wohlstandvorsprung auch eine große Rolle spielen. Aber das kann nicht die ganze Erklärung liefern; da muss es noch andere Ursachen geben; wobei ich nicht einmal sicher bin, ob es sich tatsächlich um Tatsachen, sondern um Projektionen von uns Ossis handelt, denn ich kenne sehr viele Landsleute, die meinen Befund sofort unterschreiben würden; aber keinen Wessi, der sich überhaupt zu diesem Thema äußern würde mir gegenüber. Daher interessiert mich sehr, wie da die Wahrnehmung von westlicher Seite aussieht? Findet man dort Ossis zu direkt und offenherzig; zu wenig distanziert und zu mitteilsam in Sachen sehr privater Belange?

    • Offizieller Beitrag

    Als es der britische Historikers Lord Acton auf den Punkt brachte; "Power tends to corrupt and absolute power corrupts absolutely"; hätte er sicher auch ergänzen können, Publizität und Öffentlichkeitswirksamkeit pervertieren selbst kluge Menschen zu Omnipotenzmonstern mit Hang zum Größenwahn. Das beste, also schlechteste Beispiel ist leider der, wie es bei Wikipedia heißt, deutsche Astrophysiker, Naturphilosoph, Wissenschaftsjournalist, Fernsehmoderator und Hörbuchsprecher Harald Lesch. Seine naturwissenschaftlichen Sachen habe ich immer gerne gesehen; aber mittlerweile glaubt er sich für alle Themen, auch historische und gesellschaftspolitische, zuständig; aber diese überschaut er nicht ansatzweise.


    Nicht ganz so schlimm ist es bei Richard David Precht, denn dass sich Philosophen immer wieder naiv und ungeschickt in tagespolitische Diskussionen einklinken; ist nicht wirklich neu und beunruhigend. Freilich gilt auch für ihn seit seinem letzten Buch Von der Pflicht der Gedanke von Boethius, si tacuisses, philosophus mansisses.


    Aber ich möchte nicht wissen; was ich alles verlautbaren würde; wenn meine Nachtgedanken von hunderttausenden Leuten gelesen würden und ich in jede Talkrunde geladen wäre. Das stiege einem wahrscheinlich ganz schnell zu Kopf und man äußerte sich bald über Dinge, über die man wirklich nichts zu sagen hätte, zumindest nicht öffentlich vor Millionen Zuschauern.

    • Offizieller Beitrag

    Irgendwo schrieb jemand einmal, dass es ein Glück bzw. sogar ein Wunder sei, dass Umberto Eco heil aus seinen thomistischen Studien herausgekommen sei und die erfolgreichsten Romane der Postmoderne hätte schreiben können; womit natürlich die Dissertation über die Ästhetik des Thomas von Aquin gemeint ist, so als ob die Beschäftigung mit der scholastische Theologie und Philosophie des Aquinaten von Schaden hätte sein können für einen rastlosen und beweglichen Geist.


    Übertrüge man diese ebenso falsche wie zweifellos richtige Prämisse auf das 20. Jahrhundert, wäre zu fragen, ob einmal ein genuiner Schriftsteller aus dem Studium und der tiefen Versenkung in Sein und Zeit oder Die Grundbegriffe der Metaphysik unbeschadet auftauchte wie Eco aus der Summa theologica und nach den Strapazen dieser Studia Heideggeriana plötzlich gescheite und unterhaltsame Bücher auf den Markt würfe, die im Gewand des historischen Romans das Bild unserer literarischen Möglichkeiten und Zeit malen.

    • Offizieller Beitrag

    Da mich hier sehr oft schon die Frage des Verhältnisses zwischen Ost und West beschäftigt hat, und natürlich klar ist, dass sich 40 Jahre getrennte Entwicklung und 30 Jahre gemeinsame ohne nennenswerte Aufeinanderzubewegungen nicht einfach so wegwischen lassen; scheint es mir mit Blick auf das inzwischen eklatant unterschiedliche Wahlverhalten doch an der Zeit; ein gewaltiges gesellschaftlich-historisches Rollenspiel ins Werk zu setzen, um vor allem den Menschen aus den Alten Bundesländern die existenzielle Grunderfahrung des vollständigen Scheiterns zu vermitteln.


    In den 1990er Jahren erschien im Eulenspiegel, dem Satire-Magazin der DDR, das die Wende überlebt hat trotz der Titanic-Konkurrenz aus dem Westen; regelmäßig eine Doppelseite des sogenannten „West-ND“ mit einer Parodie auf die Tageszeitung Neues Deutschland, die sich an die Leser der „fünfzig neuen Bezirke der DDR (ehemals BRD)“ richtete. Wenn man sich also vorstellt; dass nicht der Ostblock, sondern der freie Westen zusammengebrochen wäre; ergäben sich natürlich die sinnigsten Gedankenspiele.


    Nichts ist mehr, wie es war! Die kompletten politischen, wirtschaftlichen, juristischen und kulturellen Eliten würden entmachtet; ohne Differenzierung, ohne Prüfung ihrer fachlichen Qualitäten, einfach nur, weil diese das alte System des Westens verkörperten. Da sitzen dann die ganzen Wirtschaftsbosse, ehemaligen Richter und Staatsanwälte daheim und verstehen die Welt nicht mehr; sie werden nie wieder einen Fuß in die Tür kriegen und können ihre Jahre bis zum Renteneintritt nur noch verbittert verärgerte Leserbriefe schreiben, die keiner druckt oder ernstnimmt; und natürlich an der Wahlurne ihren Unmut mit einem Kreuz an der richtigen falschen Stelle manifestieren.


    An den Universitäten werden alle Lehrstühle neu besetzt mit Leuten aus dem Osten; vorher eilig eingerichtete Evaluierungskommissionen befinden über gestandene Akademiker und Professoren und wenn jemand Mitglied bei einer der bürgerlichen Parteien war, dann kann er Reputation haben, wie er will; er darf nie mehr lehren. Das gleiche Procedere setzt sich nach unten in allen Strukturen bis zu den Schulen fort, wo alle Lehrer, die Ethik und Sozialkunde lehrten; ohne jede Einschränkung aus dem Dienst entlassen werden. In allen kulturellen Einrichtungen verläuft das ebenso und bald sitzen auf allen irgendwie bedeutsamen kulturellen und wissenschaftspolitisch Posten Funktionäre aus der DDR.


    In den Gerichten und Amtsstuben sowieso; bis hinauf zu den wichtigen Ämtern in Politik und Verwaltung; in den Staatskanzleien und Ministerien. In der Wirtschaft wird komplett enteignet und in Größenordnung Privat- zu Volks-, also Staatseigentum; dafür wird mit der Treuhand eine Behörde eingerichtet; die diese Prozesse zu überwachen und zu steuern hat. Innerhalb von ein paar Jahren ist das komplette System umgestellt; die gesellschaftliche Struktur komplett verändert und das öffentliche Leben ein völlig anderes.


    Nichts mehr mit Überfluss und dem Schwelgen in Konsumgütern; nichts mehr mit Reisen, wohin man will; nichts mehr mit freier Rede und Meinungsäußerung; nichts mehr mit Individualität, nur das Kollektiv zählt noch. Wo nicht gleich Mangelgesellschaft, wird der Alltag dennoch ärmer und die Freizeit ist limitiert, denn das Gemeinwesen verlangt Aufopferung und das freiwillige Einbringen in gesellschaftliche Arbeit. Dazu kommt; dass alle, die früher das alte System gestützt und verkörpert haben; jeden Tag über alle Kanäle zu hören bekommen; dass ihr bisheriges Leben sinn- und nutzlos war; ja sogar kriminell und ethisch-moralisch unter aller Kanone. Erst nach 30 Jahren hört das langsam auf; weil sich kein Mensch mehr an das Frühere erinnern kann und will. Die Geschichtsschreibung zur alten BRD beschäftigt sich nur mit einigen wenigen sehr offensichtlichen Punkten; lässt aber die Lebenswirklichkeit und die vielen positiven Entwicklungen außen vor.


    Überhaupt ändern sich Stück für Stück nicht nur die Gegenwart und damit die Zukunft; sondern auch die Vergangenheit. Man durchmustert die alten Geschichtsbücher und merzt aus, bewertet völlig neu und etabliert so ein ganz anderes Geschichtsbild. So verändert sich unmerklich auch die Vergangenheit; alle Frühere wird ausschließlich unter der Prämisse des weltweiten Sieges des Sozialismus über den Kapitalismus gesehen. Das ließe sich noch besser vorstellen; wenn nicht der Ostblock gesiegt hätte, sondern europaweit rechte und faschistische Bewegungen die Macht übernommen hätten. Dann würden alle demokratischen Episoden vom Alten Griechenland bis zur BRD als Verirrungen gelten und alle monarchistischen, diktatorischen und totalitären als Königswege in die Gegenwart, die man nun als Endergebnis und ewig bestehend wertet, als Ende der Geschichte.


    Ein paar Jahre müsste man das Rollenspiel natürlich durchhalten; sonst bringt es nichts. Auf die Auswertung wäre ich jedenfalls gespannt wie ein Flitzebogen.

    • Offizieller Beitrag

    Woher kommt eigentlich diese Vorliebe für das Sujet der Lesenden Frau in der bildenden Kunst bei mir, den Künstlern und den vielen anderen Kunstliebhabern? Besäße ich ein englisches Landhaus, ein Château an Loire oder Garonne oder ein barockes Schloss in Deutschland, ich würde alle Wände, die nicht mit Bücherregalen zugestellt sind; mit Gemälden von lesenden Frauen behängen; wie ich jetzt jedes Jahr einen diesbezüglichen Kalender in der Stube hängen habe und jeden Kunstdruck sammle und jedes Kunstbuch, das dieses Sujet aufgreift. Woher also diese Vorliebe, diese Neigung?


    Zum einen sicher der Leser in mir; wenn man wie ich für die Literaur und für die Bücher lebt, seit man hören und lesen kann; dann sieht man jeden anderen Leser natürlich gerne, so als Spiegel von sich selbst; was besonders reizvoll ist, wenn man als heterosexueller Mann das wesentlich schönere Geschlecht über die Seiten gebeugt sieht. Aber es muss da noch etwas dahinterstecken; das ich zunächst noch nicht ergründe. Denn eine lesende Frau ist heute so selten nicht mehr, als dass man das Sujet ein exotisches nennen könnte. Arno Schmidt schrieb zwar in anderem Zusammenhang ...

    Zitat

    Denn es hat zu allen Zeiten eben stets 2 verschiedene Literaturen gegeben; nämlich

    1.) die allbeliebten guten 99% gedruckten Geschwätzes, die Wonne der Strickerinnen & Laternenanzünder, und weiter ‹hinauf›, über den ‹kaufmännischen Angestellten›, bis hin zum süßen Lesepöbel, der sich auf Ministersesseln spreizt, (und der ja sogar der mit Abstand widerlichere Typ ist). Und

    2.) die wirklich ‹Große Literatur›.

    ... und wies damit den Damen eher den Platz am literarischen Katzentisch zu und sicher sind hauptsächlich Frauen für den reißenden Absatz von Liebesromanen seit um 1800 verantwortlich wie heute für den von Arzt- und Frauenromanen und solcher Dauerbestseller wie die von Uta Danella, Rosamunde Pilcher, Christiane Sadlo (Inga Lindström) und Katie Fforde. Aber darin erschöpft sich deren Lektüre nicht, es gibt sehr viele sehr gute Schrifstellerinnen und sehr viele, sehr gute Leserinnen; das weiß ich auch aus persönlicher Erfahrung und nicht nur über soziologische Erhebungen. Wobei man auf den Bildern selten sieht, welches Buch eine Frau da gerade gespannt oder insbrünstig; nachdenklich und abwesend; entspannt oder aufgeregt liest.


    Warum also diese Vorliebe? Es muss doch dem männlichen Betrachter klar sein, dass eine lesende Frau für einen Mann ein ernsthaftes Ärgernis darstellen kann. Eine Frau, die auch tagsüber liest; scheint offensichlich keiner beruflichen Tätigkeit nachzugehen?! Sie kümmert sich mehr um ihr Buch als um den Haushalt; warum steht sie nicht mit dem Kochlöffel in der Küche; wer beschäftigt sich mit den Kindern? Wer arbeitet im heimischen Garten, wenn umgegraben, Unkraut gezupft, gesät, gepflanzt und geerntet werden muss? Wer geht einkaufen und macht die Wäsche? Und was glaubt denn der Mann, sagt eine Frau, die den ganzen Tag gelesen hat; wenn es im Bett zur Sache gehen soll? Die Kopfschmerzen sind doch programmiert, da muss er sich nicht wundern , wenn er noch häufiger als seine Geschlechtsleidensgenossen unbefriedigt einschlafen muss.


    Ich verstehe das alles nicht ...

    • Offizieller Beitrag

    Als ich von Marion Brasch Ab jetzt ist Ruhe. Roman meiner fabelhaften Familie las vor sieben oder acht Jahren, rückte diese Familie Brasch in meinen Blick, von der ich bislang nur Thomas Brasch, den bekanntesten und sicher auch bedeutendsten Autor und Filmemacher kannte. Ich sah dann bald darauf die Dokumentation BRASCH – Das Wünschen und das Fürchten von Christoph Rüter und später Familie Brasch von Annekatrin Hendel; beide habe ich mir inzwischen mehrfach zu Gemüte geführt, sie lassen mich jedes Mal aufs Neue melancholisch bis depressiv zurück.


    Faszinierend und bedrückend; diese sehr deutsche Familiengeschichte; die dartut, wie wenig sich die Generationen verstehen können und wie sehr das eigene Leben von den gesellschaftlichen und historischen Umständen abhängt. Die Familie jüdischer Herkunft und daher im III. Reich immer am Rande der Vernichtung; die Flucht ins Exil rettet diesen Zweig. Der Vater überzeugter Kommunist, die Mutter gutbürgerlich aus Wien wäre zu gerne in England geblieben; statt ausgerechnet in die Ostzone zurückzukehren. Aber Horst Brasch träumt von einem neuen Deutschland und will unbedingt an diesem mitarbeiten nach der unglaublichen Katastrophe der NS-Zeit. Er steigt rasch auf und bringt es bis zum stellvertretenden Kulturminister; bevor ihn sein ältester Sohn die Karriere versaut. Die Mutter fühlt sich fremd im Osten, ist berufstätig und zieht vier Kinder groß.


    Diese Familiengeschichte ähnelt einer altgriechischen Tragödie, nimmt Dimensionen biblischen, ja shakespeareschen Ausmaßes an. Denn von dieser Familie gibt es nur noch die kleine Schwester Marion, die nun selbst eine Tochter hat. Die Mutter Gerda starb schon 1975 mit nur 54 Jahren an Krebs; der zweitälteste Sohn Klaus, Schauspieler, starb 1980 mit nur 30 Jahren wohl versehentlich an einem Cocktail aus starkem Alkohol und zu vielen Schmerztabletten; der jüngste Sohn Peter, Hörspielautor und Schriftsteller, starb 2001 mit nur 46 Jahren an schwerem Alkoholismus. Thomas starb etwas später 2001 mit nur 56 Jahren an einem Loch im Herzen; ein medizinischer Kunstfehler; der bei der Behandlung mehrerer versteckter Herzinfarkte passiert ist, die wahrscheinlich über kurz oder lang einschließlich des Kettenrauchens und Schnapstrinkens ohnehin zu einem frühen Tod geführt hätten. Der Vater Horst war schon 1989 gestorben und wurde immerhin 67 Jahre alt, verlebte aber die letzten in Einsamkeit und Verbitterung.


    Natürlich bewundere ich die Widerständigkeit und Kompromisslosigkeit der drei Brüder; die trotz oder wegen ihres Vaters keine Probleme damit zu haben schienen; als Dissidenten frühzeitig aufzufallen und Freiheit und Ärgeres zu riskieren. Dieser Hang zur Nonkonformität wurde von Thomas auch im Westen ausgelebt, etwa, als er bei der Verleihung des Bayerischen Filmpreises durch Franz Josef Strauß für einen Eklat sorgte mit seiner Rede. Ich bewundere das literarische Werk von Thomas Brasch und seine Filme; auch seinen fast vollständigen Rückzug nach der Wende und sein Vergraben in seinem neuen Prosaprojekt Mädchenmörder Brunke, das wohl 10 000 Seiten umfasste; auch wie er ganz zum Schluss noch die Kraft fand für Shakespeare und Sophokles-Pound auf der Bühne.


    Dann aber wieder überkommt mich die Wut und ich möchte den Braschs im Nachhinein und also posthum die Leviten lesen. Die hatten doch alles! Besonders der Thomas Brasch, der hatte doch alles und noch viel mehr! Was wollte der denn noch? Aus gutem Hause, gesund und gut aussehend, glänzend begabt; charismatisch und erfolgreich; von jedem geliebt und gefördert; die Frauen liefen ihm nach; ich muss nur Bettina Wegner, Anna Thalbach, Ursula Andermatt erwähnen; alles blutjunge, bildschöne Frauen; erfolgreich im Beruf und ihm dennoch verfallen. Er hätte bei etwas Mäßigung und weniger Hang zur Selbstzerstörung älter werden können und produktiver bleiben. Aber nein, er soff und qualmte bis zu seinem Ende maßlos; auch seine beiden Brüder waren Alkoholiker und wiesen selbstzerstörerische Züge auf; sodass man schon einen gewissen pathologischen Erbfall in der Familie mutmaßt.


    Und zuletzt und vor allem stehe ich wie paralysiert vor diesem unauflösbaren Konflikt, dass die Söhne ihre Väter nicht verstehen können; obwohl diese im historischen Vergleich so viel Gutes wollten und ihr ganzes Leben dem Traum von einer klassenlosen und gerechten Gesellschaft widmeten. War es also bloß die Revolte von sehr frühen ostzonalen Wohlstandverwahrlosten einer zumindest dem Namen nach privilegierten Klasse, die nicht wussten, was mit ihrem Leben anfangen in einem Land ohne Freiheit, aber mit engen Grenzen? Für die Brüder weiß ich das nicht zu sagen; aber Thomas litt sehr unter seiner Unbehaustheit; weder im Osten noch im Westen willkommen; und im wiedervereinigten Deutschland nie angekommen. Die Gewalt dieser Tragik lässt sich kaum noch ermessen; wenn das, an dem man sich zum Künstlertum hin rieb; plötzlich verschwunden ist aus der Geschichte; und das Neue so unangreifbar, dass Widerstand nicht mehr lohnt; er bliebe ungehört.

    • Offizieller Beitrag

    Nachrichten aus der pädagogischen Provinz


    Eines meiner zusammengerechnet vielen Projekte, die in meiner aktiven Zeit nicht zustandekamen, obwohl ich im Vergleich diesbezüglich eine ganze Menge durchsetzen konnte; ist der Vergleich zweier Bücher, die mir persönlich viel bedeuten und die im Zusammenspiel geeignet sind wie kaum zwei andere, eine Menge über den Menschen und seine Natur zu vermitteln.


    Das eine ist Zwei Jahre Ferien von Jules Verne aus dem Jahr 1888 und das andere Herr der Fliegen von William Golding aus dem Jahr 1954. Diese beiden Bücher trennen nicht nur 60 oder 70 Jahre; sondern mehrere Tragödien historischen Ausmaßes und eine Veränderung des Blicks auf den Menschen, die man niemals mehr vergessen sollte. Ich muss hier im Einzelnen nicht ausführen, welche Stoffeinheit mir vorschwebte; aber hier wäre über das rein Literarhistorische und den komparatistischen Zuschnitt hinaus so viel zu machen; dass eigentlich jeder Fachkollege, jeder Schuldirektor und jede Kultusbehörde Hurra schreien müsste.


    Dass die Realität anders aussieht, ahnt man sicher bereits. Diese Stoffeinheit konnte nie absolviert werden aus drei Gründen:


    1. Es ist schon schwer, ein Buch pro Schuljahr als Lektüre durchzusetzen; zwei wird kein Gymnasiast lesen, schon gar nicht gleichzeitig oder hintereinander. Meine Verne-Ausgabe von Neues Leben hat 230 Seiten, die neuere von Diogenes über 400; Goldings Buch in Broschur hat etwa 220.


    2. Die meisten Eltern weigern sich, zwei Bücher zu kaufen in einem Schuljahr; 22 Euro für beide Bücher neu sind den meisten zu viel. Ich muss da jetzt gar nicht gegenrechnen, was sonst so für Geld ausgegeben wird; der Erwerb von Büchern für einen Gymnasiasten erscheint der Masse der Eltern entbehrlich.


    3. Das Sujet stößt bei vielen Eltern, Kolleginnen und Teilen der Schulaufsicht auf Widerstand: Das wäre doch zu arg und Kindern und Jugendlichen nicht zuzumuten; dieser ungeschönte Blick auf die menschliche Natur. Man müsse denen doch das Positive zeigen und sie vor Unbill behüten.

    • Offizieller Beitrag

    Die Zahlen epidemiologischer Studien belegen, dass in Deutschland jedes Jahr fast ein Drittel der erwachsenen Bevölkerung von einer psychischen Erkrankung betroffen ist; 14 Millionen Tagesdosen Psychopharmaka wurden etwa 2017 verschrieben.


    Dass diese beunruhigende Zunahme an der immer komplexer und unübersichtlicher werdenden Gesellschaft liegt, an der Kluft zwischen dem permanenten Wollen der Menschen und der eher tristen Wirklichkeit, der Überforderung des narzisstischen Individuums nicht nur durch das Arbeits-; sondern vor allem auch das Freizeitleben mit den schier unendlichen Möglichkeiten; den Einflüsterungen der massenmedialen Unkultur; am Zerbrechen und Verschwinden von Traditionen und Sinngebungen; was zur Unbehaustheit in der welt führt, dürfte wenig verwundern.


    Aber es liegt sich auch daran, dass die Möglichkeiten früherer Zeiten; erleichternde Gespräche über die Schwere der Dinge und den Ernst der Lage zu führen, seltener geworden sind und man daher heute einen Psychotherapeuten bezahlen muss, um sich Gehör zu verschaffen. Früher gab es eben die Möglichkeit der Beichte bei einem katholischen Priester, des vertraulichen Gespräches mit dem evangelischen Pastor; das Geplauder mit dem Frisör oder der Stammnutte; die nächtlichen Saufdialoge mit den Kumpels über Gott und die Welt, überhaupt die Stammtischrunden, bei denen man loslassen konnte verbal und seelisch; auch die Auswahl unter so vielen Gliedern der Familie.

    • Offizieller Beitrag

    Aus der Reihe, besser kann man es nicht schreiben: Matthieu Ricard: „Glück“, S.54:


    Zitat

    Wie oft müssen wir noch hören, dass wir uns mit Geld kein Glück kaufen können, dass Macht auch den rechtschaffensten Menschen verdirbt, dass Ruhm die Privatsphäre zunichte macht. Misserfolg, Trennung, Krankheit und Tod können uns in jedem Augenblick heimsuchen.

    • Offizieller Beitrag

    Wunderbar auch diese Passage aus der 3. Szene des 1. Aktes von Georg Büchners Lustspiel Leonce und Lena:


    Für alle, die wie ich überlegen; was sie mit sich anfangen sollen ...

    • Offizieller Beitrag

    Bei Sahra Wagenknecht las ich neulich in ihrem wunderbaren Buch Die Selbstgerechten. Mein Gegenprogramm – für Gemeinsinn und Zusammenhalt; dass der Kapitalismus in den letzten Jahrzehnten kaum noch mit wirklichen Innovationen hervorgetreten sei. Ich hielt das erst für einen polemischen Seitenhieb, um mal wieder die Überholtheit der Gesellschaftsformation zu brandmarken; allein, wenn man darüber nachdenkt, kommt man schon ins Grübeln.


    Natürlich hat sich nur in den Jahren seit dem Krieg und besonders seit der Etablierung von Rechner und Internet der Alltag in den westlichen Staaten geradezu revolutionär verändert; wir leben und kommunizieren heute völlig anders als 1980. Aber diese wissenschaftlich-technischen Innovationen betrafen alle mehr oder weniger Aspekte von Kommunikation, Informationsverarbeitung und Massenmedien; Erfindungen wie die des Autos, Flugzeugs oder von Weltraumtechnik gab es keine.


    Keinen Schritt weiter sind wir bei erneuerbaren Energien; bei der Kernfusion, bei der Speicherung von Energie; bei schlimmen Krankheiten wie Krebs, ALS oder MS; der Gentechnologie; in Sachen nachhaltiger Bauweise und der Konzeption lebenswerter Städte; der Überbrückung des Stand-Landgefälles und so weiter und so fort.


    Ich habe immer wieder gesagt, dass wir wesentlich weiter wären; hätten wir im 20. Jahrhundert nicht gigantische Ressourcen an Menschen, Material und wissenschaftlich-technischen Potenzialen verbrannt im Kampf untereinander, um uns gegenseitig zu vernichten und den Planeten samt Menschheit gleich mit. Aber auch jetzt kann man davon sprechen; dass der nur noch auf schnellen Profit schauende Unterhaltungskapitalismus sich einen Dreck für die Bereiche interessiert, auf die es wirklich ankommt.


    Und vielleicht sind unsere Möglichkeiten auch erschöpft, wie sollte denn ein desaströses Bildungssystem wie das unsrige auch Naturwissenschaftler und Ingenieure hervorbringen; die die Welt so verändern könnten wie ihre Vorgänger mit Dampfmaschine und Eisenbahn?!

    • Offizieller Beitrag

    Kann man eigentlich so im Nachhinein, post eventu sozusagen; sich 120 Jahre rückwärts in der Geschichte verlieben nicht nur in eine wunderbare Frau und Künstlerin; sondern auch in deren Männer und Bewunderer; sodass aus der fast historischen Ménage-à-trois eine Ménage-à-quatre über die Zeiten hinweg wird?! Clara, Robert, Johannes et Yorick unis dans l'amour ...

    • Offizieller Beitrag

    Vor knapp zwei Wochen ereignete sich in der Frauenbergkirche in Nordhausen am Harz eine Straftat. Ein aus Afghanistan stammender 25-jähriger Muslim räumte die komplette Inneneinrichtung – Mobiliar, Gegenstände vom Altar, Gesangsbücher, Kerzen und ein Kreuz – aus der Kirche. Bei dem Versuch, das sehr alte und sehr wertvolle Kruzifix aus der Kirche zu tragen, ist es auf den Boden gefallen und dabei zerbrochen. Der hinzugekommene Pfarrer versuchte mit dem Mann zu reden, die von der Kirchgemeinde herbeigerufene Polizei erteilte dem Mann einen Platzverweis.


    Der Vorfall an sich Tagesgeschäft, aber die mediale Berichterstattung des Thüringen Journals ließ mich wieder an meinem Verstand zweifeln und ob ich mich wirklich als mündiger Bürger in einem demokratischen Rechtsstaat befinde. Es beginnt mit der Anmoderation, dass "ein junger Mann anderen Glaubens" in der Kirche gewütet habe; der Pfarrer betont, der Mann sei nicht dialogbereit gewesen; er habe sich aber auch zu keinem Moment bedroht gefühlt, jener habe das Kreuz auch nicht vorsätzlich beschädigt. Der anwesende Polizist erklärt wider alle vorliegenden Befunde in die Kamera, nachdem die Moderatorin schon einen islamistischen Hintergrund ausgeschlossen hat; die Tat zeige keinen religiösen Hintergrund. Der evangelischen Bischof Friedrich Kramer verurteilt später den Vorfall deutlich; doch man dürfe bei aller Wut wegen einer Einzeltat nicht einen ganzen Glauben verurteilen. Thüringens Innenminister Georg Maier (SPD) fordert auch eine harte Strafe, aber es gehe nicht, grundsätzlich daraus zu schließen, dass hier Afghanen besonders auffällig seien.


    Ich wiederhole mich, der Sachverhalt an sich interessiert mich weniger; so etwas kommt vor und es ging Gott sei Dank glimpflich aus. Aber warum sagt man in den Nachrichten nicht klipp und klar, ein aus Afghanistan stammender Muslim hat eine christliche Kirche geschändet? Warum schließt man bereits vor den Ermittlungen einen islamistischen Hintergrund aus? Warum fürchtet ein Polizist, die simple Wahrheit in die Kamera zu sprechen? Warum fühlen sich Bischof und Minister gemüßigt, ihren halbherzigen Forderungen sofort einschränkende Bemerkungen hinterherzuschicken? Der ebenso besonnene wie gutgläubige und letztlich auch sehr leichtsinnige Pfarrer fragte den Mann ja selbst, was denn wäre; wenn er nach Afghanistan gehen würde und dort eine Moschee ausräume. Dieser habe das gar nicht zu denken vermocht; wir aber wissen natürlich; dass man das islamische Gotteshaus sicher kaum lebendig verließe.


    Warum also verkauft mich mein Heimatsender für dumm und hält mich für zu bescheuert, mir mein eigenes Urteil bilden zu können ohne Pauschalisierungen? Warum gelten für den Islam Rücksichtnahmen aller Art, die niemand sonst für sich in Anspruch nehmen könnte: Man stelle sich wirklich einmal vor, ein fundamentalistischer Christ hätte tatsächlich, allerdings hier bei uns in Deutschland, eine Moschee verwüstet; wie sähe denn dann die Berichterstattung aus? Oder ärger noch, ein etwas tumber junger Neonazi wäre in eine Synagoge eingedrungen und hätte dort alles Hab und Gut auf die Straße geschmissen? Ich muss nicht ausführen, was da (zu Recht) auf allen Kanälen losgewesen wäre und ich bezweifle, dass die Anmoderation von einem Mann anderer politischer Gesinnung gesprochen hätte und dass Geistliche und Minister nach schwersten Geschützen noch Sätze der Art, man dürfe nicht von einem verwirrten Mann auf alle schließen, hinterhergeschoben hätten.


    Ich will verdammt noch mal ernstgenommen werden; ich bin ein intelligenter Mann mit einiger Lebenserfahrung und ich verfolge das gesellschaftspolitische Geschehen seit über 40 Jahren. Ich brauche keine antizipierende primitive Didaktik, die mich lehrt, was ich zu wissen und zu glauben habe; ich kann meinen Kopf selbst gebrauchen. Es ist genau diese hilflose Art und Weise des gegenwärtigen Journalismus, die mich mehr ärgert als die problematischen gesellschaftlichen Verhältnisse selbst.

    • Offizieller Beitrag

    In der Dokumentation Höllenfahrt - Das Leben des Johannes R. Becher von Ulli Wendelmann aus der Reihe Lebensläufe des MDR sagt ganz zum Schluss der Liedermacher Hans-Eckardt Wenzel; man müsse versuchen zu lernen, andere Biografien und andere Lebensläufe in ihrer Widersprüchlichkeit zu akzeptieren; das falle uns sehr schwer; aber wenn wir das nicht lernten, seien wir nicht in der Lage, die politische Welt, in der wir jetzt leben, weiterzuentwickeln.


    Viel mehr Recht kann man gar nicht haben, denke ich! Und ich muss da gar nicht eigens auf Heidegger, Pfitzner, Strauss; Schostakowitsch, Sloterdijk, Osho und so viele andere hinweisen; mit denen man es sich so verdammt leicht macht; obwohl es eben meist die ganz großen Schwergewichte im Reiche des Geistes bleiben; die so verdammt schwer zu fassen sind, weil man sie eben nicht katalogisieren, schubladisieren und in kleine Häppchen portioniert schön handlich aufbewahren kann, um sie, wenn man sie braucht, hervorzuholen aus dem Schreibtisch, um sie zu benutzen, zu kommentieren und zu bewerten.


    Dass der Mensch Schubladen benötigt, um sein Leben und Denken im Griff zu behalten, verstehe ich gut; das ist menschlich, allzumenschlich. Stereotype, Vorurteile und Klischees haben auch ihre kleinen Nutzen; aber sie versagen natürlich, wenn es um wesentlich Größeres geht. Wer die Vielgestaltigkeit der Existenz, die Mannigfaltigkeit der Natur und die Zerrissenheit eines jeden Menschen, die sich in bestimmten gesellschaftlich-historischen Epochen stärker gefährdet sieht als in anderen; ignoriert und leugnet; wird niemals zum Wesen der Welt und des Menschen vorstoßen.

    • Offizieller Beitrag

    In den diversen Vorabendkrimiformaten kommt regelmäßig der Stoff Treuetester vor, natürlich immer in der Form, dass eine sehr junge, bildschöne Frau den zu testenden Mann in einer Bar oder einem Restaurant anspricht, anflirtet und darauf aus ist; ein eindeutiges Angebot zu erhalten, das den potenziellen Fremdgänger überführt. Ich dachte erst, das sei Fiktion; aber dieses Geschäftsmodell gibt es wirklich und scheint kaum über einen zu kleinen Markt zu klagen.


    Mal unabhängig von ethischen Implikationen und Fragen nach der Sinnhaftigkeit eines solchen Unterfangens; die sich einfach ergeben; wenn man einen Mann so in Versuchung führt; dass selbst die Treuesten der Treuen zumindest schwankend werden; und man sich schon fragt, wie es um eine Beziehung steht, die so einen Unfug nötig hat; frage ich mich immer, ob ich wirklich ein richtiger Mann bin oder doch eher kopf- statt schwanzgesteuert. Denn wenn ich im Cafè säße und eine 25 Jahre jüngere gertenschlanke bildhübsche Frau bei mir Platz nehmen möchte, mich in ein Gespräch verwickelte und dann eindeutige Avancen machte; würden bei mir doch alle Alarmglocken schrillen; nicht, weil ich an einen Treuetest dächte, sondern weil da auf jeden Fall irgendetwas faul ist im Staate Dänemark.


    Die Mehrheit meiner Geschlechtsgenossen muss aber ernsthaft in Erwägung ziehen, tatsächlich selbst gemeint zu sein; obwohl alles im Grunde darwider spricht, wenn man halbwegs objektiv die Szenerie betrachtet. Ist das evolutionsbiologisch zu erklären oder was steckt hinter diesen grandiosen Selbstüberschätzungen von Männern; die vor dem Spiegel die Luft anhalten und die Plautze einziehen und sich in diesem schlank und großartig abgebildet sehen. Ist das eine Frage von Intelligenz und Dummheit, von zu viel oder zu wenig Testesteron; von Charakter oder Hybris; Erziehung oder Genetik?

    • Offizieller Beitrag

    George Steiner schreibt in seinem lesenswerten Buch Martin Heidegger. Eine Einführung (1979; deutsch 1989), dass die geistige Krise, die Deutschland 1918 durchmachte; tiefgreifender war als die 1945. Der metaphysisch-poetische Diskurs, der sich aus ihr entwickelte, brachte Bücher hervor, die anders waren als alles andere, „was in der Geschichte des abendländischen Denkens und Fühlens zuvor produziert worden war.“ Er nennt die 1. Auflage von Ernst Blochs Geist der Utopie (1918); den 1. Band von Oswald Spenglers Der Untergang des Abendlandes (1918); die ursprüngliche erste Fassung von Karl Barths Der Römerbrief (1919); Franz Rosenzweigs Der Stern der Erlösung (1921) und eben Martin Heideggers Sein und Zeit (1927). Ob Adolf Hitlers Mein Kampf (1925/27) in diese Reihe gehört, hält er für eine der schwierigsten Fragen überhaupt; und wenn man sie bejahe, müsse man weiterfragen, in welcher Art und Weise.


    Interessant ist nun für einen Jahrgang wie mich, der in der DDR sozialisiert wurde mit Marx und Engels; dass von den sechs Titeln vier in meinem Leseleben schon lange eine Rolle spielten; während ich von einem noch nie gehört hatte und mir vom anderen nur der Name des Verfassers bekannt war. Bevor ich Ernst Blochs Buch selbst las, hielt ich dank Reclam Leipzig Freiheit und Ordnung, Abriß der Sozialutopien (1985) und Thomas Münzer als Theologe der Revolution (1989) in Händen und war damals hingerissen von dem Stil und dem großen Gestus. Spengler kam sofort nach der Wende, sprach mir aus der Seele und ist bis heute mein ständiger Begleiter geblieben; genau wie Heidegger, den ich aber erst nach Safranskis Buch lesen und verstehen lernte. Hitlers Buch ist seit der kommentierten Ausgabe vom Münchener Institut für Zeitgeschichte, die 2016 erschien, endlich in sicherer Textgestalt zugänglich; auch wenn der Kommentar sehr zu wünschen übriglässt


    Karl Barth war mir dem Namen nach bekannt, aber gelesen hatte ich noch nichts von ihm. Dabei gehören Theologen auch zu meiner regelmäßigen Lektüre; Autoren wie Harnack, Bultmann, Küng; kann man nicht übergehen; wenn man sich mit der Geistesgeschichte der Moderne beschäftigt. Und Eugen Drewermann hat ja sogar einen besonderen Einfluss auf mich gehabt, seitdem ich dessen Bücher für mich zu entdecken begann. Franz Rosenzweig aber kannte ich nur von seiner Bibelübersetzung mit Martin Buber; von dort her war mir der sehr eigene Stil schon geläufig; aber die Erstlektüre vom Stern der Erlösung kürzlich hat mich dennoch fast vom Hocker gehauen.

    • Offizieller Beitrag

    Die Themenwoche im Ersten beschäftigte sich endlich einmal ausführlicher mit dem von mir schon oft angesprochenen Problem Stadt.Land.Wandel "Wo ist die Zukunft zu Hause?". Da gibt es tatsächlich Leute; auch Politiker und Wissenschafter, die meinen; es mache eben mehr Sinn, Investitionen mit Steuergeldern dort zu tätigen, wo die meisten Menschen leben, damit diese eben auch mehr Menschen zugute kommen. Dass man künftig nicht mehr alle Dörfer retten könne und dass das angesichts der mentalen Verhältnisse und politischen Denkungsarten auf dem Land auch besser wäre, denn dort sei der Nährboden für reaktionäre Ansichten und falsche Weltanschauungen.


    Wenn Juli Zeh sagt, Politik werde nur noch von Städtern für Städter gemacht; hat sie natürlich Recht. Aber das Problem wächst sich zu einem noch prinzipielleren aus, weil die oben angeführten Milichmädchenrechnungen und pauschalen Zuweisungen in ihrer Unmenschlichkeit, gesellschaftlichen Dummheit; ja ihrem Zynismus, in eine Richtung weisen, die man nur als selbstzerstörerisch und inhuman bezeichnen kann. Denn seit wann kann man denn in entwickelten Gesellschaften wie den westlichen rein statistisch und mit Mehrheitsverhältnissen argumentieren, wenn es um das große Ganze einer Kultur geht!


    Sieht so der Traum der Planer aus: Ein Dutzend große Metropolregionen, ein paar hundert urbane Zentren mittlerer Größe und dazwischen entvölkertes Ödland und von Maschinen bewirtschafte Ackerflächen? Alle modernen europäischen Industriegesellschaften des Westens waren bis weit ins 19. Jahrhundert hinein Agrargesellschaften; die Land- und Fortswirtschaft prägt nicht nur den Alltag, sondern auch Kultur und Metalität. Die Stadt ist eine verhältnismäßig späte Erscheinung des Abendlandes, deren Entwicklung erst im Spätmittelalter explodierte; wobei die Anzahl der Städte sich in der Neuzeit kaum noch nenneswert erhöht hat und erst die Industrialisierung brachte dann die exponentiell wachsenden Millionenstädte hervor.


    Dass die Stadt als Zentrum von Wissenschaft, Bildung, Technik, Politik und Kultur enorm wichtig ist; stellt niemand in Abrede. Aber dass man versucht, das jahrtausendealte Verhältnis von Stadt und Land; also eher Land und Stadt; zu nivellieren und aus reinen Kostengründen zu Gunsten der Stadt zu verändern, kann man nicht verstehen. Das abendländische Europa lebt in seiner besonderen Eigenart genau von diesem Wechselverhältnis; von dieser Spannung zwischen zwei völlig unterschiedlichen Lebensbereichen, die dennoch immer durchlässig blieben und einander befruchteten. Denn wie die Stadt wichtig ist für den Fortschritt der Gesellschaft, ist das Land wichtig nicht nur für die Bereitstellung von Nahrungsmitteln, sondern auch und besonders für die Herstellung eines natürlichen Gleichgewichts in Sachen Natur, Landschaft, Mentalität, Natur- und Welt-Anschauung; als so wichtiges in sich ruhendes Korrektiv einer schnelllebigen urbanen Gesellschaft.


    Warum strömen denn die Menschen seit Jahrhunderten in die Städte? Zunächst aus rechtlichen und politischen, später aus wirtschaftlichen und sozialen Gründen; heute aus infrastruktuellen und solchen der Freizeitmöglichkeiten und Unterhaltungsindustrie. Dabei ist mehr denn ja klar, dass schon jetzt die Probleme dieser unverhältnismäßig wachsenden Großstädte ihre Vorteile bei Weitem überwiegen. Deutschland umfasst eine Fläche von 357.386 km², ist territorial gesehen ein großes Land; will man wirklich die über Jahrhunderte entstandene Kulturlandschaft aufgeben, nur weil sie sich angeblich nicht rechnet? Es ist doch nicht so, dass die Landbewohner wie zu DDR-Zeiten in jedem Dorf einen Konsum, einen Bäcker, einen Fleischer; eine Schule, einen Arzt und eine Post wollen - daher ist der Dörfler ja kein Städter, weil er nicht all das braucht, was der benötigt. Auf dem Dorf ist man sich selbst genug, hat genügend Möglichkeiten im eigenen Garten und genießt die Natur, die Ruhe, den persönlichen Umgang und die Gemeinschaft.


    Aber es muss doch möglich sein, in einem Radius von 25-50km um jedes Dorf eine Infastruktur wieder aufzubauen; die neben Einkaufsmöglichkeiten vor allem Schulen, Land- und Fachärzte, Krankenhäuser umfasst. Um mehr geht es doch gar nicht und damit das alles funktiniert, ist das Wichtigste ein öffentlicher Personennahverkehr, der nicht privatwirtschaftlich auf den Profit schauen muss, sondern sich als Service am Bürger versteht und als Investition in die Zukunft eines vielgestaltigen neuen Deutschlands mit verschiedenen Lebensformen. Man redet so gerne in der Stadt davon, dass man hier so leben könne, wie man das möchte; aber dass man das auf dem Land auch können muss, davon redet niemand. Und nicht zuletzt täte unserer urbanen Hybris das Bodenständige, Gelassenere, Langsamere und vor allem Beständigere des ländlichen Umfelds nicht schlecht als Gegengewicht und matter Spiegel in die Vergangenheit unserer Kultur.


    Ich selbst würde in einer großen Stadt zugrunde gehen; obwohl ich immer wieder in eine muss, wenn ich Theater, Oper, Bibliothek oder Auststellung besuchen will. Aber der Lärm, die Menschenmassen; die Architektur, das wenige Grün, die Luftverschmutzung; die Enge, die Überreizung aller Sinne - nein, das wäre nichts für mich und ich weiß, das geht vielen anderen Menschen auch so. Ich bin dem Wesen nach ein Landbewohner, der sich gerade so noch am Rande einer Kleinstadt wohlfühlt und sich auf Grund seiner intellektuellen und kulturellen Interessen wohl oder übel hin und wieder in eine Stadt bequemen muss; und ich bin der festen Überzeugung, dass diese persönliche Konstitution auch das eigene Denken und Fühlen prägt. Es ist kein Zufall, dass es nur einen einzigen modernen Philosophen von Rang gibt, der sich vom Dorf her kommend sah, seinen ländlich-provinziellen Habitus kultivierte und Urbanitätsverweigerung betrieb und vielleicht dennoch gerade deshalb tiefer dachte als alle Professoren in den Städten.

    • Offizieller Beitrag

    Man kann von Karl Popper halten, was man will; aber sein vielzitierter Satz "Wer's nicht einfach und klar sagen kann, der soll schweigen und weiterarbeiten, bis er's klar sagen kann" hat einiges für sich; sollte aber unbedingt mit einigen wenigen Einschränkungen versehen werden; denn obwohl Popper als einer der schärfsten Kritiker und Gegner Heideggers vor allem auch jenen im Blick hatte; meint er dennoch vor allem die Mediokritäten auf dem Feld einer falsch verstandenen Wissenschaftssprache.


    Schwierig wird es da, wo die Luft dünner wird, ganz oben. Dieter Henrich hat sich sein ganzes universitäres Leben mit dem Werk von Georg Wilhelm Friedrich Hegel beschäftigt, hat Vorlesungen und Seminare zu ihm gehalten, ihn ins Englische übersetzt und in angelsächsischen Ländern erklärt in beiden Sprachen; mehrere Bücher zu ihm geschrieben und auch nach seiner Emeritierung nicht aufgehört ihn zu lesen. Und dennoch gesteht er in seiner Autobiografie, dass er selbst jetzt, mit über 90 Jahren und nach wie vor im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte noch immer einige Sätze und Passagen Hegels nicht versteht. Dieses Problem kann man mühelos auf Martin Heidegger übertragen und sicher noch auf einige andere; aber die beiden Namen stehen ganz oben auf der Liste, weil sie in der Philosophiegeschichte eine Ausnahmestellung innehaben.


    Und ja, es gibt Stellen bei beiden; die nicht zu verstehen sind; und das darf und muss man kritisieren. Aber man darf auch nicht vergessen, vor welchen Schwierigkeiten beide Philosophen standen; bislang nicht Gedachtes und Gesagtes in Worte zu fassen und damit auf und in die Welt zu bringen. Die Klarheit des Stils eines Schopenhauer und die Brillanz eines Nietzsche war beiden nicht gegeben; aber dieser Vergleich ist auch ungerecht; weil die Intentionen so verschieden sind. Hegel als letzter, der eine Gesamtschau und ein großes System wagte; Heidegger als erster, der vom Sein ausgehend die gesamte Geschichte des Nach-Denkens neu ordnete mit sich als imaginiertem Vorläufer und materialisiertem Vollender. Sich gar nicht mit beiden zu beschäftigen, weil sie stellenweise unklar und dunkel schrieben; wäre ein großer Fehler; ein Irrtum mit weitreichenden Folgen.