Yoricks Nachtgedanken bei Tage

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    Wenn Saša Stanišic schreibt ,Herkunft ist erste Zufall unserer Biographie“, irrt er natürlich vorsätzlich. Es ist erst der zweite, denn der erste ist das genetische Roulette, das unsere unmittelbaren Vorfahren und ferneren Ahnen spielen. Wir werden in diese Welt geworfen, ohne gefragt zu werden, ohne bestimmen zu können, wie wir aussehen und wie stark und klug und gesund wir sein wollen und wo auf diesem Planeten wir gerne von welchen Eltern geboren werden würden. Das Ganze ist ein einziger Beschiss und ich frage mich, warum sich Frauen aus der 1. Welt einfach so in der Samenbank einen Cocktail aussuchen dürfen; selektiert nach Aussehen, IQ und Gesundheit des Spenders und hier niemand von Rassismus und Ungerechtigkeit spricht.

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    Nachrichten aus der pädagogischen Provinz


    In Thüringen gibt es die sogenannte Seminarfacharbeit, die von Schülern der gymnasialen Oberstufe in Gruppenarbeit von üblicherweise drei bis fünf Schülern angefertigt wird und auf die Abiturnote einen wesentlich größeren Einfluss hat als bei den Facharbeiten der anderen Bundesländer. Diese Arbeit soll an wissenschaftliches Arbeiten heranführen und also wissenschaftspropädeutisch angelegt sein.


    Als das Fach Ende der 90er Jahre in die Entwicklungsphase ging, war ich bereits in meiner ersten regulären Schule an den Planungen beteiligt; in meiner nächsten Schule habe ich dann 1998-2002 zusammen mit dem jetzigen Fachberater für das Seminarfach im Schulamtsbereich Ostthüringen die Strukturen komplett und quasi aus dem Nichts mit aufgebaut, sodass meine Materialien später in meiner dritten Schule, an der ich fast 20 Jahre unterrichtete, 1:1 übernommen werden konnten von der dortigen Beauftragten.


    In den 15 Jahren meiner aktiven Zeit habe ich über 80 Seminarfacharbeiten hauptamtlich betreut und in über 100 Kolloquien als Fachprüfer, Protokollant oder Prüfungsvorsitzender gesessen. Ich weiß also sehr gut Bescheid in dem Bereich und fühlte mich auch deshalb besonders gut aufgehoben, weil ich selbst über Jahrzehnte geschichtswissenschaftlich gearbeitet und publiziert habe.


    Ich habe dann vor einigen Jahren auf meinen Rückzug gedrungen, weil ich gesehen habe; dass nicht nur jede Schule das Seminarfach anders handhabt, sondern sogar jeder Kollege anders herangeht und zu oft nicht mit der nötigen Sorgfalt und Kompetenz. Das Seminarfach wurde seinerzeit ja installiert, weil damals die Stundentafel nicht stimmte im Verhältnis zu denen mit 13 Schuljahren in anderen Bundesländern; inzwischen hat es sich aber bezüglich des wissenschaftspropädeutischen Arbeitens als sehr sinnvoll erwiesen und bewährt. Dennoch liegen meines Erachtens viele Dinge im Argen: Die Verpflichtung zur Gruppenarbeit widerspricht allen Aspekten einer auch nur annähernden Bewertungsgerechtigkeit und schränkt unzulässig die Eigenverantwortung des lernenden Individuums ein; das Verhältnis der Noten (Prozess, Arbeit, Kolloquium) ist prekär, die Prozessnoten sind niemals plausibel und transparent justiziabel zu machen; Fachthemen dürften AUSSCHLIESSLICH auch von Fachleuten bewertet werden; also keine Chemiearbeit von einem Geschichtslehrer u.a.m.


    Und eine Sache hat mich immer wieder maßlos geärgert. Ich freute mich trotz der gewaltigen Anstrengungen immer auf die Kolloquien im Januar; weil der monotone, oft langweilige und intellektuell unbefriedigende Schulbetrieb hier einmal eine Abwechslung erfuhr. Und dann sitzt man in der Prüfungskommision, hört gespannt und interessiert den einzelnen Gruppen zu, wie sie eine halbe bis eine ganze Stunde ihre Arbeit präsentieren; macht sich seitenweise Notizen und notiert sich Fragen, gegliedert und unterteilt nach Fach- und Sachkenntnis, Argumentationsstruktur und Hintergrundwissen; und dann fällt den mitprüfenden Kollegen nichts weiter ein als die banalen und primitiven Fragen der Art "Warum habt ihr denn das Thema gewählt?"


    Nein, ich bin kein Nestbeschmutzer und kein Kameradenschwein, aber was wahr ist, muss wahr bleiben; und was gesagt werden muss, das muss gesagt werden dürfen. Während ich meistens versuchte, exakt am eben Gehörten meine Fragen auszurichten und zwar immer dicht am Thema; und immer wissen wollte, wie tief die Schüler in jenem steckten und wieviel wohl wirklich dahinter steckt und was Eltern und Betreuer zu verantworten haben; hörte ich von vielen (nicht allen) Kollegen nur Verlegenheits- und Allerweltsfragen, die auch ein Idiot hätte stellen können, der das Kolloquium gar nicht besucht hat und erst später dazukam. Der Verdacht, dass gar nicht richtig zugehört wurde oder das Thema nicht verstanden und durchdrungen; nährte sich so prächtig; aber nein, man wolle ja nur die Schüler nicht vorführen oder eine schlechtere Note zu verantworten haben.


    Nur niemandem wehtun; Hauptsache, man kann die Kolloquien abhaken, die Zensuren stimmen und alle - Schüler, Eltern, Kollegen, Schulleitung, Kultusbürokratie - sind zufrieden. Nur der Yorick, der alte Querulant und Miesepeter, hat wie immer was zu meckern. Der wird das so nicht lange aushalten im Schulbetrieb.

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    Manchmal wird mir regelmäßig klar, welche ungeheure Leistung Bruckner und Mahler vollbracht haben, emotional war es wenigstens bei Bruckner Liebe auf den ersten Blick (Ton), denn die Neunte Keilberths traf mich unvorbereitet wie ein Hammer, während ich zu Mahler erst viel später einen Zugang fand, er auch nicht, wie Thielemann meint, Pubertierenden in den Schoß fällt. Aller Schwierigkeiten der Beethovennachfolge haben sich diesen beiden grundverschiedenen (?) Meister souverän (?) entledigt: Bruckner, indem er die Gattung bis zum Äußersten mit einem (gerade noch gesunden?) Pathos auflud, sich ins Sakrale, Transzendente hineinsteigerte und die große Form in eine noch größere münden ließ; Mahler, indem er die Form weiter expandieren ließ und gleichzeitig durch eine fortwährende Ironisierung und Dekonstruktion des einmal Etablierten sprengte. Bruckner also als der Hohepriester der Sinfonie, der überhöht ihr Ende feiert; Mahler als der Harlekin und Spaßmacher mit den bitteren Tränen, der zerstört, was er liebt. Bruckner sozusagen der zu spät gekommene deutsche Idealismus in der Musik; katholisch statt protestantisch; Mahler als der moderne Postmoderne, ein Erlöser wider Willen.

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    Nachrichten aus der pädagogischen Provinz


    Ja, so flüstere ich in die Ohren von Arbeitsmedizinern und Kultusbürokraten; früher, nach dem Krieg, in den Zeiten von Blume mit h; da sind die Lehrer mit Holzbein zur Schule, einarmig, mit der Klappe über der leeren Augenhöhle, taub auf einem Ohr, unterernährt und herzkrank. Aber da hat einem auch der Primus die Schultasche bis in Klassenzimmer getragen und am Lehrertisch abgestellt, da konnte man sechs Stunden am Stück vom Katheder aus dozieren und es reichte ein Blick, die Bengels zu disziplinieren; da konnte man, wenn das Herz raste, sich zurücklehnen und den Schweiß abtupfen mit dem riesigen Taschentuch von der Stirn, während die Eleven drunten sich über ihre Hefte beugten.


    Aber das war eben früher, spreche ich lauter; heute muss man mit einem leeren Hosenbein und Gehhilfe aufpassen, im Treppenhaus nicht beiseite geschubst zu werden und sich festhalten, damit man nicht zwei Stockwerke in den Tod stürzt; da hält einem niemand mehr die Tür auf oder bietet seine Hilfe an. Und da kann man nicht die Füße im Zement am Lehrertisch sitzen; man muss den Klassenraum in Sekundenschnelle durchqueren können und an der Tafel eine gute Figur abgeben; akrobatisch mit der einen Hand Folien auf den Overheadprojektor legen, mit der anderen die nicht vorhandene Verdunklung in Gang setzen und mit der dritten der Klasse drohen, dass sie endlich Ruhe gibt.


    Mit wenigstens einem halben Dutzend unterschiedlichen Aktions- und Sozialformen und dem Einsatz von genausovielen unterschiedlichen Medien wäre der Kriegsinvalide wahrscheinlich auch überfordert; zumal er nicht auf eine durch verbürgte Autorität gesicherte Diszplin bauen kann wie ehedem. Zudem sitzen statt der Sextaner, Quintaner, Quartaner, Tertianer, Sekundaner, Primaner bestenfalls durchschnittliche Volksschüler vor ihm im Plenum und so kann er sich nicht allein auf Stimme und Blick verlassen, wenn er ihnen auch nur das grundlegende Wissen vermitteln möchte in seinen Disziplinen.


    Früher und heute ... das sind zwei verschieden Paar Schuhe ...

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    Vor wenigstens zwölf Jahren, als in meinem Rudel im Oberland vier Deutsche Schäferhunde lebten; versuchte eine unvorsichtige, leichtsinnige, altersschwache oder lebensmüde Katze, deren Auslauf zu durchqueren. Sie hat das nicht geschafft und ich wurde zu spät aufmerksam, aber sie atmete noch. Ich rief den befreundeten Tierarzt an, der nach einer gewissen Weile, obwohl er eigentlich keine Zeit hatte; kam; und die erlösende Spritze setze.


    Warum, fragte er mich, hast du sie nicht gleich totgemacht und erlöst, fragte er mich. Ja, wie denn um Himmels willen; erwiderte ich; ich habe weder Spritze noch Waffe, wie hätte ich das denn tun sollen und außerdem bringe ich so etwas nur schwer über's Herz. Dein Großvater hätte das noch gewusst und gekommt, sagte er; die Bauern wussten aus den Jahrhunderten immer, was zu tun, was richtig und falsch ist. Und ja, der Veterinär hatte natürlich Recht.


    Wir Modernen halten uns für menschlicher als alle Menschen vor uns, dabei sind wir nur armselige Stümper, die nichts mehr auf die Reihe kriegen. Auch der Tod gehört zum Leben, er definiert es erst; und wahrscheinlich ist das Töten in bestimmten Momenten auch eine Kulturtechnik und der einzige Weg. Mich erinnert das immer an den ersten der drei fiktiven Lebensläufe "Der Regenmacher" von Josef Knecht aus Hermann Hesses Roman "Das Glasperlenspiel"; als der Schamane in einer Dürreperiode sein Leben opfert und der Junge das ritual nicht zu vollziehen vermag , aber ein alter Mann voller Einverständnis.

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    Gestern wieder Volkstrauertag und ich denke an Situationen früher, als ich der gefallenen Soldaten des 1. Weltkrieges gedachte und man sich schützen musste vor vermummten Linksautonomen, die es für pietätvoll erachteten, die stille Andacht zu stören und auch Gewalt anzudrohen. Als ob die Trauer um Kriegstote eine Einteilung vornehmen könnte in solche Opfer, die eine Erinnerung verdienen; und solche, die man aus dem Gedächtnis der Menschheit auslöschen will.


    Ganz unabhängig von konkreten geschichtswissenschaftlichen Befunden, die auch für das 20. Jahrhundert eine naive Einteilung in Gut und Böse fernlegen; scheint hier die schier einzigartige Hybris und Selbstgerechtigkeit der ach so guten Moderne auf. Das erinnert mich an den vielzitierten und stets missverstandenen Satz aus dem großartigen Essay „Anschwellender Bocksgesang" von Botho Strauß aus dem Jahr 1993: "Daß ein Volk sein Sittengesetz gegen andere behaupten will und dafür bereit ist, Blutopfer zu bringen, das verstehen wir nicht mehr und halten es in unserer liberal-libertären Selbstbezogenheit für falsch und verwerflich."


    Peter Sloterdijk meint dazu zeitnah zu Carlos Oliveira: "Er veranstaltet ein Experiment über die Frage: Was ist es, was für die Opferer eine Wirklichkeit ist und für uns keine? Was verstehen wir da nicht oder nicht mehr? was ist mit uns geschehen, dass wir es nicht verstehen? [...] Was heißt es in einer Zeit und einer Welt zu leben, die alles, was hart, schwer, unerträglich, grausam, aber doch in manchen Weltlagen unumgänglich war, in unser Inneres überhaupt nicht mehr eingeht?


    Und ein paar Jahre später zu Hans-Jürgen Heinrichs, dass der der alte Leopold von Ranke Recht gehabt habe, wenn er den Begriff der Entwicklung für eine Beleidigung für die menschliche Würde hielt. "Jede Epoche ist unmittelbar zu Gott, und ihr Wert beruht gar nicht auf dem, was aus ihr hervorgeht, sondern in ihrer Existenz selbst, in ihrem Eigenen selbst", so Rankes geschichtsphilosophisch bedeutendster Satz. "Wollten wir diesen Gedanken aufheben und die Evolution absolut setzen, dann verstricken wir uns in einen unheilbaren Zynismus gegenüber jeder Vergangenheit und Gegenwart, weil das Leben in beiden Zeitstufen für den Evolutionisten wenig bedeutet gegenüber dem, was die sogenannte Höherentwicklung der Späteren erreicht haben wird."


    Wer also meint, man dürfe nicht derer gedenken, die für Kaiser, Gott und Vaterland den grauen Feldrock anzogen; weil sie glaubten, ihrer Nation ein Opfer bringen zu dürfen; und die zu Millionen die Schlachtfelder deckten mit ihren Leibern; der ist nicht nur ignorant und hoffärtig, sondern seinsblind nach Heidegger und vor allem unmenschlich und inhuman in Potenz. Es ist gleichgültig, ob man die Uniform der Wehrmacht, der Roten Armee oder der US-Army trug; die Menschen in ihr lebten und starben zu ihrer Zeit und es nicht an uns, sie zu richten. Daher mit Botho Strauß, Cato und Cicero mein Veto gegen die Verhöhnung des Gestern.

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    Ich möchte nicht unerwähnt lassen, dass; schreitet man nach reichlich einstündiger Autofahrt strahlenden Antlitzes und hierbei euphorisch "Ich habe einen neuen Messias und ich liebe ihn" ausrufend in die Gemächer seiner Freundin; jenes durchaus falsch verstanden werden kann!


    *Geschehen im November 2014 nach der Ersthörung des Händelschen Messias von Edward Higginbottom während der Autofahrt.

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    Wenn ich als Jugendlicher eine besondere Vorliebe für Thomas Müntzer hatte und jenen Martin Luther vorzog; so lag das zum einen natürlich an seiner Verklärung zum ideologischen Führer des Bauermkrieges und damit zum großen Helden der Frühbürgerlichen Revolution durch die offizielle DDR-Historiografie; zum anderen aber vor allem am Brief an den Grafen Ernst von Mansfeld vom 12. Mai 1525, wo er ihn anspricht mit "du elender dorftiger madensack". Ein Traum, ich freue mich bis heute immer wieder über diese grandiose Formulierung.

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    Wer schaut denn noch lineares Fernsehen? Ich ertappe mich schon dabei, dass ich via Mediathek eine Folge irgendeiner SOKO schaue, obwohl die justament gerade zeitgleich im TV ausgestrahlt wird. Dann denke ich daran, dass es früher snobistisch war, mit dem Taxi ins Autokino zu fahren; heute bräuchte man sich nur bei AmazonPrime kostenpflichtig einen Film bestellen und zur gleichen zeit anzusehen, wenn er offiziell im Free-TV gesendet wird.

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    Nicht nur die Naturromantiker und Naturschwärmer, die beim ersten Käfer im Schlafsack schreiend in ihre überheizten städtischen Quartiere flüchten würden, gehen fehl in der Betrachtung und Einschätzung der Natur; sondern auch diejenigen, die sie für grausam, gnadenlos, furchtbar, gleichgültig halten. Die Natur ist dem Menschen gegenüber nicht grausam oder gleichgültig; das wäre ein unzulässiger Anthropomorphismus; die Natur IST einfach, nichts weiter.


    Natur lässt sich also nur insoweit definieren, als sie in einem Verhältnis zum Menschen steht, oder planer gesprochen, als sich die Menschen zu ihr in Beziehung setzen. Sie kann also nicht schweigen, weil damit der Entschluss einherginge, nicht zu sprechen; sie kann uns gegenüber nicht gleichgültig sein, weil wir für sie nicht existieren. Sie bedroht uns auch nicht, liefert uns nicht ihren Gewalten aus, trachtet uns nicht nach dem Leben; sie ist enfach da und was uns in ihr widerfährt, geht sie nichts an, weil sie gar nichts angeht.


    Einem Schriftsteller wie Jack London ist seine Geschichte „Das Weiße Schweigen“ nachzusehen; aber ansonsten nehmen wir doch bitte auch Abschied von der Vorstellung einer beseelten Natur, einer urwüchsigen Natur, einer naturbelassenen Natur. Die Natur, die wir heute nur noch kennen; ist eine vom Menschen gemachte. Seit dem Zeitpunkt, da der Mensch als nur Primat nur IN der Natur im großen Gleichgewicht der Kräfte lebte, sind inzwischen Millionen von Jahren vergangen. Mit dem Beginn der Hominisation und dem Eingreifen der menschlichen Vorfahren in die Natur, gibt es diese nur noch als Objekt der Ausbeutung und Nutzbarmachung und als Projektionsfläche für Sehnsüchte und Allmachtsfantasien aller Art.


    Zurück zur Natur bedeutete die Auslöschung der Menschheit. Soweit hat aber ein Rousseau nicht gedacht; wenn er sich je etwas gedacht hat in seinen Schriften.

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    Mensch, Yorick; du alter Querulant, Quertreiber und Miesepeter; du Griesgram, Miesmacher und Spaßbremse; du Schwarzmaler, Pessimist, Melancholiker, ja Depri; du Lamentierer, Rumheuler und Nörgelheini, du Rumjammerer und Zeterer; du Sauertopf und ewiger Jeremias; du Unke und Kassandra; du Schlechtwettermacher, grausliger Sänger von grausligen Klageliedern; verschone uns doch endlich mit deinen endlosen Litaneien; deinem Zeter und Mordio, deiner Salbaderei; deinen Moralpredigten, Sermonen und Brandreden; deinen Jeremiaden und gallebitteren Ergüssen; erspare uns Suada und Pamphlet mit deiner unerträglichen Larmoyanz; du gehst uns damit tierisch auf den Sack, auf den Zeiger, auf die Nerven; das heißt, du würdest das tun, wenn dich jemand läse oder wahrnähme, was natürlich nicht der Fall ist; aber trotzdem; halt endlich einmal die Fresse, stopf dir einen Schal ins Maul, mache die Schnauze zu; verschließe deine Lippen, verknote deine Finger, versiegele deine Tatstatur!!! Mensch, Yorick; gibs endlich auf; gibs auf; machs Wort aus, den Ort.

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    Da sitze ich nun heutigen Tages als Grab einer mächtigen Martinsgans feist in meinem Bürostuhl und dass ich nicht geplatzt bin und es womöglich hieße vom ganzen Entenschmaus guckt nur noch ein Bein heraus, verdanke ich natürlich auch dem Heiligen Martin, dessen mildtätige Handlung an einem Bettler, mit dem er den Mantel teilte; mir von meiner Gattin in Erinnerung gerufen wurde bei Tisch, als ich die vierkommasieben Kilogramm schwere Gans alleine verzehren wollte, mich aber dann doch zm Teilen mit dem Rest der Familie verstand.

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    Das Gehen ist und bleibt der einzige Weg, sich als Mensch in Würde fortzubewegen und die Welt zu erfahren. Ich muss gar nicht die lange Reihe von passionierten Wanderern, Spaziergängern, Flanierern, Promenierern von Johann Gottfried Seume über Robert Walser bis zu WG Sebald erwähnen und die Literaturgeschichte weiter durchsehen nach den Aberhunderten Dichtern, Schriftstellern, Philosophen, Gelehrten etc.; die zu Fuß gingen nicht nur zur Entspannung von ihrer geistigen und meist im Sitzen oder Stehen ausgeübten Tätigkeit; sondern weil diese Art der Fortbewegung essenziell war für ihre Lebensweise, existenziell für ihre Weltwahrnehmung und damit ihr Schreiben. Darüber gibt es Bücher die Menge, zuletzt unter anderem Vom Glück des Wanderns Eine philosophische Wegbegleitung von Albert Kitzler.


    Es bleibt dabei; dass jede andere Art der Bewegung als diese an den eigenen Motor mit einer MS (Menschenstärke) gebundene uns überfordert und mattsetzt als anschauendes und mitfühlendes Wesen. Früher zu Pferde oder durchgerüttelt in der Postkutsche; heute in Bus oder Bahn, mit dem Auto oder selbst mit dem Fahrrad – all das ist zu schnell, um wirklich in eine Landschaft eintauchen, in ihr verweilen und atmen zu können; eins zu werden mit ihr; das geht nur per pedes; im gleichmäßigen Rhythmus des Laufens, immer wieder auch mal stehen bleibend, auf den Wander- oder Spazierstock gestützt den Blick in die Weite oder Enge gerichtet. Der Kutschbock mit stoischen Kaltblütern wäre vielleicht noch eine Möglichkeit, aber da fehlt die körperliche Bewegung, die den Atem in den Gleichklang mit der Natur bringt. Und die Anschauung jener aus dem Flugzeug, dem Ballon oder vom Paragleiter ist eine andere Dimension, weil hier die Füße die Erde verlassen und der Mensch Gott näher ist.

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    Der Müll macht mich wahnsinnig! Restmüll haben wir so gut wie kaum; der Biomüll wandert in den Kompost; aber die blaue Tonne ist permanent brechend voll, dass die Leerung aller vier Wochen kaum hinreicht; und die gelben Säcke stapeln sich regelmäßig, obwohl wir schon versuchen, so weit es geht, Verpackungsmaterial einzusparen und so einzukaufen, dass die Lebensmittel nicht eingschweißt sind. Aber so, wie die Lebensmittelindustrie derzeit strukturiert ist; kommt man kaum auf einen grünen Zweig.


    Es sind einem die Hände gebunden; wir können nicht jeden Tag zum Bäcker oder Fleischer; alles länger Haltbare aus dem Supermarkt ist einfach, zweifach oder dreifach (Schnittkäse!!!) eingeschweißt; sämtliche Konsumgüter muss man erst aus einem plastenem Gefängnis befreien - wer einmal versucht hat, einen Nassrasierer aus seiner Behausung zu entkernen; weiß, dass man sich dabei so schwer verletzen kann, dass das Blut in Strömen fließt. Wie dankbar bin ich schon dem Verlag Matthes & Seitz Berlin, dass er seine Bücher nur noch uneingeschweißt ausliefert.


    Wie kann man das ändern? Der derzeitigen großindustrielle Lebensmittelbranche mit ihren kaum überschaubaren Produkten und Angeboten, die möglichst lange halten sollen; sind die Hände gebunden durch die eigene Struktur; den Konsumgüterproduzenten und Großhändlern wie Amazon auch; solange der Markt sie in ihrem Tun bestätigt; die Politik ist zu feige, um wirklich etwas zu verändern und der Bürger zu faul und zu geizig, um seinen vollmundigen Bekundungen in Sachen Umweltschutz und Nachhaltigkeit Taten folgen zu lassen.

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    Lob der Schulküche


    Meine Oma weinte, als man Anfang der 70er die letzte Kuh aus dem Stall trieb und in die LPG-Anlagen führte. Sie war ihr Leben lang Bäuerin gewesen; jetzt, mit Mitte 40, schulte sie um auf Köchin, wobei sie schon besser kochen konnte als jeder Sternekoch heute; aber auch in der DDR ging nichts ohne Aus- und Weiterbildung.


    Die LPG-Küche war personell schon gut bestückt, also fing sie in der des Kindergartens an und wechselte dann Mitte der 70er in die der Polytechnischen Oberschule, wo sie schnell zur stellvertretenden Chefin aufstieg. Dort beginnt auch meine Geschichte, denn in den Ferien, wenn alle Ferienlager absolviert waren, als meine Eltern noch in der großen Stadt wohnten, wurde ich bei meinen Großeltern abgeladen. Opa ging früh in sein Büro, er war stellvertretender Bürgermeister; und meine Oma ging in die Schulküche. So nahm sie mich an der Hand und wir schritten sehr früh sehr zeitig durch den eigenen Garten bergan in Richtung POS; die noch vor der Turnhalle einen großen Nebentrakt als Schulküche mit Speiseraum erhalten hatte.


    Denn in den 70ern wäre kein Mensch auf die Idee gekommen wie heute; dass Oma und Opa dazu da sind, für die Enkel extra freizunehmen und sie den ganzen Tag zu bespaßen, mit ihnen in den Urlaub zu fahren oder täglich mit dem Auto zu irgendwelchen Ablenkungen und Belustigungen. Das lag zum einen daran, dass die Großeltern noch jung waren, jünger als ich jetzt mit 50; und zum anderen daran, dass man jede Arbeitskraft in der DDR so lange wie möglich brauchte. Und zuletzt war das Konzept einer eigenen Kinderbetreuung schlichtweg unbekannt, weil nicht umsetzbar und wenig zielführend.


    Ich jedenfalls liebte diese Zeit, nicht nur, weil ich schon damals ein starker Esser war und gerne vor 5 aufstand; sondern weil der Mikrokosmos Großküche eine Faszination ausstrahlt, die bis heute anhält und mich in alle möglichen diesbezüglichen Einrichtungen bis hin zum kleinsten Imbissstand führt. Die Küche bestand aus zwei Stockwerken; oben lag die eigentliche Küche, in der in riesigen Töpfen und Pfannen das Essen zubereitet wurde nicht nur für die Schüler, sondern auch für die umliegenden Betriebe und die Menschen aus dem Dorf; mit dem Büro der Chefin, und ein großer Speisesaal, der einen Zugang zur eigentlichen Schule hatte. Unten lagen die ganzen Lager- und Vorbereitungsräume; auch diverse Kämmerchen, die der Hausmeister nutzte. Einen Aufenthaltsraum für das Küchenpersonal gab es nicht; die Frauen setzten sich im Falle des Falles an einen großen Tisch im Speisesaal.


    Der Tag begann meist mit dem Kartoffelschälen in der sogenannten Kartoffelküche, einem großen gefliesten Raum im Erdgeschoss. Da saßen dann bis zu acht (sic!!!) für mich alte bis uralte Frauen (die waren kaum älter als ich jetzt bis vielleicht an den Beginn des Rentenalters) in einem Stuhlkreis rund um eine große Schüssel und schälten unentwegt schnatternd mit der Hand zentnerweise Kartoffeln. Meine Oma, die für das eigentliche Kochen zuständig war, schälte nicht mit, sie hatte natürlich andere Aufgaben morgens; aber die Schwester meiner Oma, die nur eine Hand hatte, war mit dabei und noch eine entferntere Verwandte; wobei ich eigentlich auch alle anderen Weiber irgendwie so genau kannte, als gehörten sie zur Familie. Ich liebte diese Atmosphäre da unten sehr, das Geschnatter; den Dorfklatsch und die rohen Kartoffeln, die ich immer mal wieder zwischendurch einschob. Ich blieb unsichtbar und störte niemanden; nur manchmal, wenn eine Zotiges erzählte und man sie ermahnte, es sei auch ein Kind anwesend, brandete das Gelächter der Küchenfrauen durch das Gebäude.


    Meist schon sehr zeitig erschienen die ersten Frühstücksgäste; der brummige Hausmeister, Gatte einer der Frauen; stand eigentlich immer mit einem Kaffee und einer Zigarre in der Gegend herum; außerhalb der Ferien viele Lehrer in ihren Pausen und Freistunden; ansonsten die Arbeiter aus umliegenden Betrieben, auch Bauern und Rentner. Da gab es neben dem Kaffee vor allem belegte Brötchen und die ersten News des Tages, die dann durch die Küchenfrauen multipliziert wurden in alle Himmelsrichtungen. Mittags holten die Betriebe das Essen in Kübeln ab und zwischen 11 und 13 Uhr herrschte Hochbetrieb im Saale, wenn die Klassen kamen oder in den Ferien mehr Leute aus dem Dorf. Ich habe eigentlich immer mit geholfen irgendwo, ungern in der Waschküche beim Spülen der Teller und Tassen, denn Geschirrspüler gab es damals noch nicht; also es gab sie schon, es waren aber Geschirrspüler*Innen; denn die Hände der Mädels, die früh Schälmesser hielten, tauchten jetzt ein ins Spülwasser, wobei die Guschen natürlich auch nicht stillstanden. Überhaupt entsinne ich mich kaum an eine Minute ohne irgendwelches Gerede und Gegacker; was mich heute wahnsinnig machen würde, mir damals aber wie Musik in den Ohren klang.


    Ich verbrachte den ganzen Tag unter den Frauen, ohne aufzufallen und zu nerven. Letzteres tat ich nur, wenn ich mit dem Lastenaufzug fahren wollte. Das war natürlich verboten und sicher auch nicht ungefährlich, bedenkt man die Störanfälligkeit dieses einzigen Hightech-Elements in der ganzen Großküche. In Embryonalstellung quetschte ich mich in den engen Aufzug und wurde vom Erdgeschoss in den 1. Stock befördert; ein Heidenspaß, der mit dem Wachstum sein Ende nahm. Aber so prinzipiell kümmerte sich niemand um mich, ich lief so nebenbei mit; wenn ich Lust hatte, zog ich mich ins Büro zurück und malte; oder ich ging auch mal raus vor die Tür oder ich streifte eben durch das Gebäude mit seinen vielen Winkeln und Kammern, traf auch befreundete Kinder, spielte mit denen einzelner Küchenfrauen, die vorbeigekommen waren. Wie oft und in welcher Art ich mitgewirkt habe am sozialistischen Arbeitsprozess mittels Kinderarbeit, vermag ich heute nicht mehr genau zu sagen.


    Nachmittags wurde es dann allmählich leer; viele Frauen arbeiteten halbtags und hatten dann noch genug in Haus und Hof zu tun. Die Chefin blieb und machte den Schreibkram und meine Oma bereitete Sachen für den nächsten Tag vor. Die beiden Frauen waren sozusagen die einzigen Brains im Betrieb, denn ohne das auch nur ein bisschen arrogant oder abwertend zu meinen, waren die anderen eher schlichte Gemüter, oft ohne Schulabschluss oder im Kriege abgegangen nach der siebten Volksschulklasse. Meine Oma hattes es aber auch nicht so mit dem Lesen und Schreiben und Planen, was ich erst ab Mitte der 80er merkte, als die Chefin das Boot verließ und meine Oma plötzlich die Speisepläne machen musste, was ihr sehr schwerfiel. Da konnte ich helfen und ich fertigte ihr für jeweils fünf Wochen welche an, bei denen sich die Speisen nicht wiederholten und ich auch auf die jeweiligen Versorgungsengpässe Rücksicht nahm, was natürlich nicht verhinderte, dass meine Oma trotzdem regelmäßig umdenken und improvisieren musste, wenn beispielsweise Eier plötzlich knapp waren in der Republik.


    Aber hier schlug ihre große Stunde; denn kochen konnte sie. Sie zauberte nicht nur die typischen bürgerlichen und bäuerlichen Gerichte, soweit das unter DDR-Mangelverhältnissen möglich war in Massenproduktion; sie konnte auch aus dem Nichts mit quasi Nichts Mahlzeiten für hunderte Leute zubereiten und es schmeckte dennoch hervorragend. Wenn ich die Sternstunden und ihr Gegenteil benennen sollte aus 40 Jahren Entfernung, stehen die Gummiklöße mit Braten ganz sicher ganz oben auf dem Podium; zumal ich als einziges Kind nachholen durfte, was ich reichlich ausnutzte und den Grundstein legte für meine Leibesfülle heute. Ganz unten auf der Skala standen für mich als Kind Reissuppe und Mehlgraupen, da hätte ich speien mögen damals; aber diese Montage gab es Gott sei Dank immer seltener. Es gab auch immer Rohkostsalat dazu und natürlich Kompott; auf dem Land konnte man sich ohnehin insgesamt etwas besser versorgen als in den größeren Städten.


    Gegen vier Uhr nachmittags endete der Arbeitstag und meine Oma nahm mich in die eine Hand und in die andere den uralten Essenskübel aus Aluminium. Denn so wie die weggeworfenen Essensreste umgehend in den örtlichen Schweinestall verbracht wurden zur Fütterung; nahm sich jede Küchenfrau bei Bedarf Essen mit nach Hause, das vorher meist noch nicht auf irgendwelchen Tellern gelegen hatte. Der Rückweg führte aber nicht durch den eigenen Garten, sondern den übernächsten, wo ihre alte Freundin lebte, mit der sie jeden Tag Kaffee trank und die Neuigkeiten auswertete. Mir war das oft zu langweilig und ich ging schon rüber zu meinem Opa, der unter großen Reden mit dem Mann der einhändigen Großtante um diese Zeit bei Bier und Schnaps und endlosen Zigaretten saß, was ich mir nur selten entgehen ließ.


    Wahrscheinlich rührt meine Vorliebe für den gemeinen Mann, für das einfache Volk; oder wie es bei Thomas Mann über Christian Buddenbrook heißt, der Zug zu den niederen Ständen, aus dieser Zeit in der Schulküche her. Ich habe mich trotz meiner eher geistigen als praktischen und mithin durch und durch intellektuellen Anlage und meiner ganz und gar anderweitigen Interessen am Stammtisch einer jeden Kneipe immer wohler gefühlt als beim Sektempfang der Großkopferten; lieber unter Bauern und Arbeiter und Handwerkern gesessen als unter sogenannten Intellektuellen, Künstlern und Wissenschaftlern. Die Schulküche unter DDR-Bedingungen als Ort der Hinwendung zum normalen Menschen mit ganz normalen Bedürfnissen, Sorgen, Nöten und einfachen Freuden hat mich bis heute geprägt und lässt mir den Wahnsinn heutiger Wertvorstellungen und Lebensforderungen umso greller erscheinen.

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    Als unser Hausarzt meiner Oma, sie ging schon auf die 90, in schlichter Sprache mitteilte, sie habe mittlerweile eine leichte Form der Hypertonie; konnte sie das gar nicht fassen und sprach jeden Morgen verständnislos zu mir, früher hätte sie keinen Blutdruck gehabt.

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    Ich versuche nun seit Längerem mit einem Experten für solche Sachen eine eigene Homepage einzurichten; um unter anderem die Nachtgedanken hier auszulagern und das Forum damit von sach- und wesensfremden Beiträgen zu entlasten. Leider ist es in der Bundesrepublik aber momentan rechtlich nicht möglich, eigenverantwortlich anonym zu publizieren; was mir angesichts der aufgeheizten Situation in so ziemlich allen gesellschaftlichen Bereichen wichtig wäre. Für private Websites sind zwar Pseudonyme wie meiner hier zulässig, im Impressum muss aber dennoch die korrekte Anschrift stehen.

    Ich hatte nun wirklich gedacht, es gäbe die Möglichkeit, so zu publizieren; dass man als Privatperson seinen Namen herauszuhalten vermag, solange Fragen von Sicherheit oder Recht nicht berührt werden. Man kann ja auch über einen Verlag veröffentlichen unter Pseudonym und wenn jemand Kontakt möchte, wendet er sich an diesen. Dass also eine Zwischeninstanz existiert; die man nur aushebeln könnte, wenn strafrechtlich relevante Aspekte vorlägen. Letzteres schließe ich natürlich aus; aber ich möchte einfach gerne publizieren, ohne meine Privatsphäre vollständig preiszugeben. In meinem Beruf und mit meiner dienstrechtlichen Stellung ist das besonders wichtig; aber auch prinzipiell als kritischer und polarisierender Geist verspüre ich wenig Lust, mich dem Pöbel oder humorlosen Kleingeistern auszuliefern.


    Eine vertrackte Geschichte ...

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    Wenn mich jemand fragte, wen ich für den bedeutendsten Autor der deutschen Gegenwartsliteratur halte; würde ich ohne mit der Wimper zu zucken und ohne Umschweife auf meinen gleichaltrigen Nachbarn daheim verweisen; der mit mir aufgewachsen ist und mit mir gemeinsam die Schulbank gedrückt hat. Er wäre gerne nach der 8. Klasse abgegangen, um einen Beruf zu lernen und zu arbeiten; aber das war Mitte der 80er nicht mehr möglich; so musste er mit Mühe und Not die 10. hinter sich bringen und lernte dann Maurer; also Baufacharbeiter; neben Dreher (Zerspanungsfacharbeiter) der typische niedrigschwellige Ausbildungsgang für praktisch veranlagte junge Männer ohne gesteigertes Interese an den freien Künsten.


    Mein alter Freund ist bis heute sportlich, drahtig und kräftig, strotzt vor Gesundheit und ist ein wahrer Tausendsassa in allen Lebenslagen. Er kann mit jedem Arm Zentner heben, ist handwerklich geschickt in praktisch allen Gewerken; und hat so auch in vielen Berufen bislang gearbeitet und natürlich hunderttausende Stunden daheim in Haus und Hof und Garten. Sein lockiges Haar über dem Spitzbubengesicht ließen ihn früh zum Frauenliebling avancieren und so ließ er auch in den allzumenschlichen Bereichen nur wenig aus und lebt bis zum heutigen Tage so recht in der Gegenwart, wie man das einem Menschen nur wünschen kann.


    Und wenn er ins Erzählen kommt aus seinem reichhaltigen Berufs- und Privatleben; dann möchte ich jedesmal den Notizblock dabeihaben oder besser noch das Aufnahmegerät; denn man kann sich auf die Schnelle gar nicht alles merken, was da aus ihm an Geschichten und Beobachtungen und Reflexionen heraussprudelt. Ich kenne niemanden, auch keinen Schriftsteller von Rang dieser Jahre, der so plastisch, so farbig, so anschaulich und mit so überbordender Fantasie und nie versiegender Formulierungskunst mitten aus dem prallen Leben eine Geschichte nach der anderen erzählt, dass man atemlos lauscht und sich ausschütten möchte vor Freude und Lachen.


    Wie es ihm gelingt, immer wieder in wenigen Strichen Charaktere zu schildern oder Figurenkonstellationen zu zeichnen; wie er in einer unglaublich bilderreichen, aber nie blumigen Sprache, wirklichkeitsgesättigt jede blutarme und gedankendürre Mundprosa vermeidet und immer die Mannigfaltigkeit und Vielgestaltigkeit des Lebens selbst zu Wort kommen lässt, ist mir immer aufs Neue unbegreiflich; denn ich glaube nicht, dass er jemals auch nur ein einziges Buch gelesen hat im letzten halben Jahrhundert. Er ist ein absolutes Naturtalent, eine originäre Begabung und in der Kraft seiner Sprache nur Luther, Fischart, Grimmelshausen vergleichbar; ohne dass er je auch nur ein Wort zu Papier gebracht hätte. Seine Gabe steht am Anfang aller Literatur, sie wird mündlich tradiert und verweigert sich der Fixierung.

    • Offizieller Beitrag

    Der Vollständigkeit halber muss ich natürlich noch erwähnen, dass obige Martinsgans aller Wahrscheinlichkeit nach ein sehr langes, glückliches und erfülltes Leben unter freiem Himmel mit viel Auslauf hatte; in Folge dessen sie Muskeln und Sehnen die Menge ausbilden konnte, ohne noch ein einziges Gramm Fett aufzuweisen, sodass sich wahrscheinlich nicht nur ihre letzten Blut- und Lebwerte sehen lassen konnten und auch das letzte EKG sicher unauffällig war; was aber dennoch bei Tisch die nach Menschenmaß gleichaltrigen Teilnehmer der gemeinsamen Mahlzeit die Waffen, also erst das Besteck und dann die bewegliche und unbewegliche Habe hinter den Lippen strecken ließ, während sich meine eisernen Kiefer von mal zu mal brachialer um den einen oder anderen Oberschenkelhals schlossen, urwüchsig und blindwütig mahlend; Fleisch, Gewebe und Knochen zermalmend wie der Steinbeißer in der unendlichen Geschichte.

    • Offizieller Beitrag

    Wolf Larsen zu Humphrey van Weyden in „Der Seewolf“ von Jack London:


    „Nein“, entgegnete Wolf Larsen mit einem unbeschreiblichen Ausdruck von Trauer. „Und er ist um so viel glücklicher, da er sich nicht um das Leben schert. Er ist zu beschäftigt, es zu leben, um darüber nachzudenken. Mein Fehler war, daß ich jemals Bücher aufgeschlagen habe.“