Yoricks Nachtgedanken bei Tage

    • Offizieller Beitrag

    Zeitreisen sind natürlich ein vollkommen idiotisches Genre, in sich unlogisch und hochgradig albern. Zudem könnte es für mich persönlich nur ein Ziel geben, nämlich an den Anbeginn der Zeiten zu reisen, um den lieben Herrgott zu bewegen, seine Schöpfung am 6. Tag ordentlich zu modifizieren oder wenigstens neun Monate vor dem Februar 1971 ein wenig besser achtzugeben, damit ich nicht wieder als genetische Müllhalde zur Welt komme.


    Ansonsten gäbe es natürlich jede Menge Aufgaben: Man müsste unbedingt am 13. April 1627 in Schloss Hartenfels bei Torgau sein, um nach der Uraufführung der ersten deutschsprachigen Oper,"Dafne" von Heinrich Schütz, die Partitur zu retten. Man könnte zwischendurch am 7. Mai 1824 nach Wien, wo der taube Beethoven die Neunte und Teile der Missa firigiert; mehr Musikgeschichte geht ja kaum; aber dann müsste man sich wieder sputen, um im Sommer 1945 nach Ainola zu reisen und die 8. Sinfonie retten, die Sibelius zusammen mit seiner Frau Aino verbrannt hat. Wobei sich schon hier die Frage stellt, ob das in Ordnung gewesen sein würde; denn der Komponist fühlte sich danach wohler.


    Sollte man also am 20. Juli 1968, möglichst lange vor 19.45 Uhr ins Nationaltheater München hasten und Joseph Keilberth vom Dirigat Tristan und Isolde abhalten und in die Kardiologie rechts oder links der Isar einliefern lassen? Im zweiten Aufzug, nach Tristans Worten "So stürben wir, um ungetrennt ewig einig ohne End', ohn' Erwachen …" stürzte er wie vom Blitz getroffen zu Boden und ist sofort tot, alle Wiederbelebungsversuche scheitern. Es kam völlig überraschend, ohne Vorzeichen; kein einziges Warnzeichen, kein Schwächeanfall. Die Einsätze waren präzise bis zur letzten Sekunde. Sollte man einen solchen Kapellmeister nicht in seinen Stiefeln sterben lassen?

    • Offizieller Beitrag

    Es mag seltsam anmuten, wenn jemand wie ich; der früher über 90 Minuten lang auf den Stadionrängen schrie, tobte, schimpfte, fluchte; vor Glück weinte und vor Wut heulte; wild gestikulierend und hin und her laufend; auf und nieder springend; sich gegen die Art von öffentlich zur Schau gestellten Emotionen ausspricht, die ich für mich Gefühlsexhibitionismus nenne. Schon im Ferienlager war mir das suspekt, wenn zum Abschied die Kinder sich umarmten, weinten und einen Terz und Zinnober veranstalten, als sähe man sich nicht nur nicht in diesem Leben nicht wieder, sondern auch in allen anderen und ganz besonders im nächsten.


    Es war doch offensichtlich, dass diejenigen, die sich am Lautesten gebärdeten, auch diejenigen waren; die die anderen am Schnellsten und Gründlichsten vergessen hatten. Vielleicht noch eine Postkarte, ein Anruf; aber dann ging das Leben im jeweiligen Alltag weiter. Das ist auch in der Ordnung so, aber da muss man sich doch nicht so theatralisch geben und coram publico so tun, als stürbe man tausend Tode im Abschied. Heute ist das ja gang und gäbe und man nimmt das kaum noch wahr; wenn vor allem Frauen im öffentlichen Raum sich in diesen Dramoletten gegenseitig überbieten und die sterbenden Schwäne zelebrieren.


    Es sollte jeder Mensch nicht nur eine begrenzte Zahl von Wörtern pro Tag und Stunde haben, sondern auch eine an Pseudoemotionen.

    • Offizieller Beitrag

    Letztes Wochenende beim 74. Geburstag meines Vaters sitzt zufällig mein jüngerer Neffe bei Tisch mir gegenüber und ich frage ihn, wie es ihm in der Schule gefällt, in die er gerade gekommen ist. Er lächelt unsicher und meint, es gefalle ihm gut. Da ich anderslautende Nachrichten schon vernommen hatte und er wie ich ein hundsmiserabler Lügner ist, hake ich nach: "Wirklich?" "Na ja, so mittel." Später allein unter uns sage ich zum ihm: "Weißt du, ganz ehrlich; ich gehe schon lange nicht mehr gern zur Schule." "Ach, Onkel", sagte er; "Ich auch nicht; ich mag die Schule überhaupt nicht!"


    Nun bin ich schon der Überzeugung, dass die Entwicklung des Freudschen Über-Ich absolut notwendig ist und Kinder aus egoistischen kleinen Monstern zu verständigen Gliedern der Gesellschaft werden sollten; aber es ist dennoch erschreckend, dass schon Kinder mit sechs Jahren wissen, was sie den Erwachsenen sagen müssen, was diese hören wollen, damit man nicht geschimpft und in Ruhe gelassen wird. Ich finde das sehr traurig und würde es gerne sehen, dass der Prozess hin zur Konformität später begänne.


    Mein Neffe ist nicht menschenscheu oder dumm; er ist ungeheuer sensibel, mathematisch begabt und praktisch veranlagt bei großem Freiheitsdrang. Die festgelegten Strukturen in der Schule mit klarer Hierarchie liegen ihn genausowenig wie die permanente Unterschreitung seiner Individualdistanz, auf die er sehr großen Wert legt; der aber in einer 1. Klasse keinerlei Beachtung geschenkt wird, nicht von den Lehrern und nicht von den Mitschülern. Und er hat schon gelernt, dass man seine Befindlichkeiten und Bedürfnisse nicht versteht; und es deshalb besser ist, sie zu verschweigen.

    • Offizieller Beitrag

    Gemütlichkeit ist vielleicht das schönste deutsche Wort, das ich kenne; auch bin ich aufgewachsen mit einem Vater, der stets und ständig und bei jeder Gelegenheit sagte "Heute machen wir uns es so richtig gemütlich!"; was freilich immer erst nach endlosen Arbeiten geschah.


    Für mich gibt es da keine zwei Meinungen und nur ein Bild: Ich sitze im Winter bei schöner Musik mit einem guten Buch in der Stube; der Kachelofen wummert; der Hund liegt schnarchend in der einen Ecke; die Katze zusammengerollt schnurrend auf dem Sofa; dazu ein alkoholisches Heißgetränk und die Aussicht auf weitere so gemütliche Stunden.


    Im Sommer wechseln nur die Klamotten; die Location und die musikalischen Untermalungen: Ich sitze die Füße im Wasser den Vögeln lauschend mit einem guten Buch in kurzer Hose und mit Shirt im Schatten eines Baumes im Garten; der Hund neben mir und die Katze auch; dazu ein alkoholisches Kaltgetränk, ein Pfeifchen und die Aussicht darauf, dass die Hitze hoffentlich bald vorbei ist.

    • Offizieller Beitrag

    Ich bin ganz dezidiert der Meinung, dass neben den Delikten an Leib und Leben der Straftatbestand der Ruhestörung entschiedener verfolgt und härter bestraft werden müsste. Die deutsche Rechtssprechung behandelt solche Fälle viel zu nachsichtig und verhängt geradezu lächerliche Strafen. Dabei ist bewiesen, dass Lärm an sich den Menschen krank- und kaputtmacht; aber der von Menschen aus reinem Egoismus gemachte ist noch um ein Vielfaches übler.


    Die Menschen sind einfach zu laut, viel zu laut: Sie reden zu laut; sie hören zu laut Musik; sie haben ihren Fernseher zu laut; sie feiern zu laut; sie telefonieren zu laut, sie kaufen zu laut ein; sie reden beim Fahren und im Auto zu laut, auch und besonders in öffentlichen Verkehrsmitteln; sie sind in der Natur zu laut und auf Reisen und im Urlaub sie sind auf dem Klo zu laut und in jedem Restaurant. laut, laut, laut.


    Mit Tränen in den Augen und immer noch mit ungegheurem Zorn denke ich an die Passagen aus "Arbeit und Struktur" von Wolfgang Herrndorf, der sich dem Tode nah diesen Blog und späteres Buch abgerungen hat:


    23.9. 2011 16:35

    Versuch eines ruhigen Tages. Keine Arbeit, mittags Mensa, dann Schlaf. Dann Bumsmusik meines Nachbarn, dann Anfall.


    24.9. 2011 13:32

    Zum Nachbarn runter. Wie so oft öffnet er nicht. Aber die Musik wird leiser. Als ich wieder oben bin, wieder lauter. Ein, zwei Stunden kann ich mit Ohrstöpseln dasitzen, dann tut der Kopf weh und ich muß flüchten vor den Stimmen, die sich an den Rändern einnisten.


    29.9. 2011 12:57

    Musik. Gehe zum Nachbarn und schlage vor, ihn umzubringen. Oder die Musik leiser zu drehen. Eine friedliche Möglichkeit, eine unfriedliche. Biete an, wenn es am Geld liegen sollte, ihm die teuersten, drahtlosesten, luxuriösesten Kopfhörer zu schenken, die es gibt. Aber er will gar keine Kopfhörer. Die störten auf dem Kopf, und er wolle einfach nur seine Bumsmusik hören.


    Wenn ich das lese, möchte ich den Burschen ausfindig machen; seine Tür eintreten und ihn verdreschen, dass er nicht mehr weiß, wo oben und unten ist. Dann würde ich ihn in eine leere Fabrikhalle sperren und solange mit 150 Dezibel Schlagermusik beschallen, bis ihm die Ohren bluten und er um Gnade winselt.


    Es ist mir unbegreiflich, wie jemand in einem Mietshaus seine Anlage so laut laufen lässt; dass alle anderen Mitmieter in ihrer Ruhe gestört werden?! Und dass man so einen Zustand duldet?! Und dass Polizei und Justiz hier nicht härter durchgreifen?! In der eigenen Wohnung sollte man NICHTS aus anderen Wohungen hören müssen.


    Wolfgang, Wolfgang; warum hast du dir nicht helfen lassen?! Ich hätte dir geholfen und wenn ich dafür eingefahren wäre!

    • Offizieller Beitrag

    Weil ich es neulich von Schusswaffen hatte: In der Episode Smoke on the water der SOKO Potsdam (Staffel 04, Folge 13) überfallen zwei maskierte und mit Pistolen bewaffnete Gestalten ein Boot; einer der Überfallenen zieht eine Waffe und erschießt einen der Verbrecher. Am Ende wird er natürlich überführt und verhaftet mit der Bemerkung, man sei hier nicht in Amerika Gott sei Dank.


    Ich meine ganz entschieden; dass jemand, der eine Straftat begeht; damit rechnen muss, dass er seine Unversehrtheit, Gesundheit und womöglich auch sein Leben riskiert. Eine Verhältnismäßigkeit vom Opfer zu fordern, halte ich angesichts der jeweiligen Lage für zynisch und den oder die Täter schützend. Wer fremdes Eigentum widerrechtlich betritt oder an sich nehmen will oder sogar Leib und Leben anderer bedroht, sollte auch mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln gestellt werden können.


    Was weiß denn ich, was die beiden bewaffneten Maskierten noch wollen außer dem Geld und den Wertgegenständen? Soll ich warten, bis ich es rausfinde? Nein, nein; auch hier wäre das bundesdeutsche Strafrecht zu reformieren.

    • Offizieller Beitrag

    The same procedure as last year. Weihnachten naht und alle Welt beklagt sich in Corona-Zeiten über die Einschränkungen und gesetzlichen Verbote. Ich erinnere gerne noch einmal: Niemand muss hungern in der Bundesrepublik Deutschland; niemand muss ohne Obdach unter freiem Himmel schlafen; niemand muss frieren; niemand hat nichts anzuziehen; niemand wird im Krankenhaus abgewiesen; niemand wird eingesperrt, gefoltert, getötet. Jeder hat Zugang zu einem Fernseher oder Computer; jeder kann Briefe schreiben, Nachrichten verschicken via SMS oder WhatsApp; jeder kann skypen oder sonstige Videokonferenzen abhalten; jeder hat die Möglichkeit im Rahmen bestimmter Vorkehrungen seine Familie, Verwandten und Freunde zu besuchen.


    Wozu also der Lärm? Feiert die Scheinheiligkeit mal wieder Hochzeit mit Doppelmoral und Egoismus?! Sind die Menschen nur mal wieder mit Luxusproblemen befasst, weil es nicht alles seinen sozialistischen kapitalistischen Gang geht wie sonst auch? Weil sie sich nicht sinnlos zerstreuen können wie sonst; sinnlos konsumieren können; feiern, Fettlebe halten und saufen in der Öffentlichkeit und in Familie? Und dafür die Verwandten und Freunde vorgeschoben werden, die man nicht treffen dürfe? Die sonst auch das ganze Jahr über allein und vergessen einsam in ihren Wohnungen und Altenheimen sitzen; damit sie nur ja nicht den emsigen Selbstvergnügungsbetrieb stören. Wenn man die Leute derart jammern hört; wünscht man sich manchmal ein größeres Elend für die Republik.


    Wir erreichen den normalen Standard erst wieder; wenn wir begreifen, auf was für einem hohen Niveau wir klagen. Diese Einsicht wird sich erst wieder durchsetzen; weenn wir ein paar Monate ohne Strom und Wasser bei Wasser und Brot gesessen haben in kalten Wohnungen, dicht gedrängt aneinander in Familie und Bekanntschaft. Vielleicht sollte man sich das vom Christkind oder vom Weihnachtsmann wünschen; ein wenig Not und Elend und Seuchen und Kriege und Erdbeben und Überschwemmungen und Feuersbrünste und Blitzschläge zu Millionen. Vielleicht müssen erst wieder Millionen Menschen sterben, damit die Überlebenden aufwachen und wieder zu Menschen werden und den Konsumenten und Spaßbürger begraben.


    The same procedure as last year? Ich fürchte, bald heißt es “The same procedure as every year!” Aber nicht mit mir; ich bin auf dem Absprung ...

    • Offizieller Beitrag

    Aber natürlich nicht raus aus dem Leben; sondern im Gegenteil rein ins Leben! Nicht raus aus der Beziehung, der Familie, dem wunderschönen Thüringen im wunderschönen Deutschland; der gesundheitlichen Versorgung und der gemäßigten Klimazone Mitteleuropas. Aber raus aus der Konsumwelt, raus aus der Konsumgüterrafferei; raus aus den Massenmedien, raus aus dem Internet; raus aus dem Beruf; raus aus der gesellschaftspolitischen Idiotie; raus aus der Stadt, raus aus den Menschenmassen, raus aus der Verschwendung und geringen Nachhaltigkeit, raus aus der wachsenden demografischen, ökologischen und biologischen Verantwortungslosigkeit, der Energieverschwendung und der Vernichtung aller Ressourcen; raus aus Völlerei, Trunksucht, Tabakabusus und Focussierung auf den Sexus; raus aus Kapitalismus und Sozialismus; raus aus einer Welt, die nicht die meine ist und niemals werden wird.

    • Offizieller Beitrag

    Nachrichten aus der pädagogischen Provinz


    Fördern durch Fordern! Eines der grundlegenden pädagogischen Prinzipien; das bei uns seit Jahrzehnten mit Füßen getreten wird unter der Flagge falsch verstandener Demokratie und Gleichheitsideale. Wir müssen die Schüler da abholen, wo sie herkommen und stehen und wir müssen unbedingt alle erreichen und ganz besonders die schwächsten fördern. Und genau so geschah es nun ein halbes Jahrhudert lang: Das Ergebnis ist desaströs und zynisch; weil es eine reine Verliererrechnung geworden ist; eine Lose-lose-lose-Situation.


    Die Klügsten und Intelligentesten wurden praktisch nicht gefordert und damit gefördert und konnten so nicht noch klüger, noch intelligenter; ausgezeichnet, herausragend und genial werden. Der breite Durchschnitt wurde nicht wie früher ein wenig in die Höhe gezogen; sondern sackte durch breites Desinteresse an ihm ganz nach unten. Und die Schwächsten, die man zu fördern als wichtigstens Zeil vorgab; interessierten sich in der Regel nicht für ihre Förderer und verschwanden dortin, wo Bildungsgrade nicht mehr messbar sind.


    Oder planer gesprochen: Um denen zu helfen, die gar nicht um Hilfe gebeten haben und die ganz sicher nicht auf ein Gymnasium gehörten von Anfang an; haben wir das eigentliche Ziel der höchsten Schulform vor der Universität, gesellschaftliche Eliten auszubilden, nicht nur vernachlässigt, sondern regelrecht torpediert. Indem wir alle erreichen wollten, haben wir keinen erreicht; indem wir uns an den Schwächsten orientierten, haben wir die Vermassung und Nivellierung erreicht und der Bildungspyramide die Spitze abgebrochen; während das Fundament so schwer und massig wurde, dass es nach unten abzusinken beginnt ins Erdreich.


    Dabei sind alle so wichtigen Errungenschaften seit Beginn der Industrialisierung von nur ganz wenigen großen Geistern ausgegangen, aber dann allen Menschen zugute gekommen. Was werden wir in Zeiten tun; da uns diese großen Geister fehlen?

    • Offizieller Beitrag

    Nachrichten aus der pädagogischen Provinz


    Die naseweise Arroganz, mit der Lehrer und Pädagogen der letzten Jahrzehnte immer wieder auf Fächer wie Kunst, Musik und Sport niederschauen, als ob diese Fächer gänzlich unwichtig wären und man sich in deren Stundentafel ruhig bedienen könnte, wenn mal wieder die Zeit drängt und mal wieder der Baum brennt im Schulalltag, versinnbildlicht so recht anschaulich, wie verzerrt der klassische Bildungsgedanke inzwischen ist und wie wenig man noch immer über die Aufgabe von Bildung begriffen hat.


    Dass Deutsch und Mathematik die Kernfächer sind, daran gibt es nichts zu deuteln; auch nicht an der Wichtigkeit von Sprachen, Natur- und Gesellschaftswissenschaften. Aber Musik und Kunst etwa sind genauso wichtig, weil sie ganz andere Areale im Gehirn beanspruchen; ganz andere Arten von Kreativität und Denken entwickeln, ganz andere Fähigkeiten und Fertigkeiten; weil sie eine andere Weltsicht und Einstellung zu Kunst, zur Natur und zum Menschen ausbilden, als es rein positivistische Haltung zu tun vermöchte.


    Denn genauso wie man in Deutsch keine Dichter heranzüchten will oder Mathematiker in Mathematik; ist das Ziel von Kunst und Musik auch nicht der bildende Künstler oder der Musiker; auch wenn das alles so nebenher hin und wieder mit abfällt. Nein, es geht um die allseits entwickelte Persönlichkeit; die ihre Anlagen in einem optimalen Umfeld optimal entfalten kann, um als selbstständig denkendes und handelndes Individuum Teil unserer Gesellschaft zu werden und diese mit zu gestalten.


    Ich werde nie begreifen, wieso mittlerweile selbst Erwachsene in den uralten Chor der Schüler einstimmen, sie möchten in der Schule etwas für das richtige Leben lernen; womit sie den Alltag meinen. Eine Schülerin aus Köln hat 2015 mit einer kurzen Bemerkung in einem sozialen Netzwerk für viel Medienwirbel gesorgt: „Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann ‘ne Gedichtsanalyse schreiben. In 4 Sprachen“. Mal abgesehen davon; dass der letzte Satz einfach nicht wahr ist; denn die wenigsten deutschen Schüler schreiben ordentliche Gedichtananalysen in ihrer Muttersprache; geschweige denn in noch drei anderen Fremdsprachen; ist das die typische Beschwerde eines Schülers, die seit Jahrhunderten vorgebracht wird. Man möchte in der Schule etwas lernen, was man wirklich brauche, also täglich im Alltag benutzen kann.


    Jeder Pädagoge wird diese Schülerperspektive verstehen; aber genauso hat er die Pflicht; immer wieder auf die grundlegenden Gedanken von Allgemeinbildung hinzuweisen; deren Ziel es ist, die gesamte Persönlichkeit des Schülers allseitig zu entwickeln und ihm die komplexen Strukturen der Gesellschaft, in die er mehr oder weniger organisch hineinwächst, verständlich zu machen. Und dazu gehören eben auch alle Wurzeln dieser Gesellschaft; die bis in die griechisch-römische Antike, die Ursprünge des Christentums und die germanisch-slawisch-keltische Welt zurückreichen. Auch wenn wir seit der Französischen Revolution diese Wurzeln immer wieder zu kappen versucht haben; spenden sie noch heute in so vielen Bereichen Wasser und Nahrung, dass wir sie einfach nicht achtlos beiseite schieben können, im Gegenteil, sie wären wieder bewusster zu machen und in den Blick zu rücken.


    Bildung und Ausbuildung sind zwei verschieden Paar Schuhe; das begreifen heute nicht mal mehr die Lehrer. Wenn wir nur lernen wollten; was reicht, um den Alltag einer primitiven Urhordezu meistern, bräuchten wir keine Schule. Die Eltern bringen uns bei, wie wir essen, trinken, schlafen und uns den Hintern abwischen; den Rest lernen wir, wenn wir alt genug sind; in der Berufsausbildung. Wenn die Schule dafür da sein soll, zu lernen, wie man Steuererklärungen ausfüllt; Behördengänge erledigt; staubsaugt, kocht; dem Ehepartner zu willen ist; eine Wunde versorgt; den Opa wäscht, im Supermarkt vernünftig einkauft und im Möbelhaus spart; wäre vieles einfacher. Die Ausbildung der Lehrer entfällt; es unterrichten einfach Leute, die alt genug sind, um das alles schon zu wissen und zu können.


    Das hat natürlich auch den Vorteil, dass alle kulturellen Einrichtungen von der Bibliothek über die Museen, Ausstellungen, Theater und Konzerthäuser geschlossen und aufgelöst werden können, weil sie niemand mehr braucht. Sie erfüllen ja keinen Zweck, haben keinerlei praktischen Nutzen und verstehen würde man ohnehin nicht mehr; was dort gezeigt und aufgeführt wird. Mit anderen Worten, so langsam gefällt mir diese Vorstellung. Weg mit der Bildung, wir setzen alles auf praktische Ausbildung - das werden paradiesische Zeiten!

    • Offizieller Beitrag

    Je älter ich werde, desto mehr bedaure ich; nicht zeichnen und malen zu können. Ich habe so viele Ideen, wie ich meine Texte vom Märchen bis zum Roman illustrieren könnte; auch zu Karikaturen, Comics, Cartoons und so weiter. Neuerdings geht mir Dürers berühmter Kupferstich Melencolia I nicht aus dem Kopf; nur sitzt bei mir statt der geflügelten Figur der Weihnachtsmann den Kopf in die Hand gestützt da.


    Alternativ in einem eigenen Sujet säße dieser völlig versunken lesend in einem Sessel; auf dem Tisch liegen Bücher von Kierkegaard, Schopenhauer, Nietzsche; gerade aber vertieft er sich in Heideggers "Sein und Zeit"; und zwar so sehr, dass die Kalender hinten an der Wand schon den 27. Dezember anzeigen und die prall gefüllten Säcke mit Weihnachtsgeschenken immer noch wild herumstehen; das Rentier traurig in die Stube hineinschaut und über allem eine eigenartige existenzielle Stimmung liegt.

    • Offizieller Beitrag

    Ich denke, es gibt für einen Journalisten, Schriftsteller oder Filmemacher kaum ein spannenderes Genre als die Biografie und für den Leser und Zuschauer, soweit er menschlichen Ursprungs ist; sowieso nicht. Nicht nur die klassische Biografie an sich, die auch in meiner Bibliothek zwei stattliche Regale umfasst; obwohl die Erledigten mit Ausnahme der ganz großen Geister in der Regel nach der Lektüre aussortiert und weitergegeben werden; sondern vor allem auch die biografischen Formate im Fernsehen; all die Lebensläufe und Lebenslinien; denn die besten Geschichten schreibt das Leben selbst, weiß das Bayerische Fernsehen zu Recht.


    Aber die besten Geschichten sind allzuoft auch die traurigen und tragischen; seltener die lustigen mit ausgesprochen gutem Ende. Sowohl der Mitteldeutsche Rundfunk als auch der Bayerische wie im Grunde alle dritten Programme der ARD, auch ARTE und 3sat; machen hier dem Zuschauer selten etwas vor und zeigen die ganze ungeschönte Wahrheit; wo nach dem vermeintlichen Happy End nicht abgeblendet wird. Bei Ernest Hemingway heißt es in Tod am Nachmittag: „Madame, alle Geschichten enden, wenn man sie weit genug verfolgt, mit dem Tod, und der ist kein echter Geschichtenerzähler, der Ihnen das vorenthält.“ Und mittlerweile hat man die Chance durch die technischen Möglichkeiten, selbst ein langes Leben von der Wiege bis zur Bahre zu verfolgen.


    Die für mich erschütterndste Dokumentation in dieser Hinsicht ist Die Kinder von Golzow; eine filmische Langzeitdokumentation über die Schüler einer Schulklasse aus dem brandenburgischen Golzow im Oderbruch, die aus chronologisch angeordneten Filmen besteht, die die ganze Klasse in den Blick nehmen; und später solchen zu einzelnen Personen. Das Einzigartige und wahrscheinlich so schnell nicht Wiederholbare dieser Filmreihe liegt in dem Umstand, dass es wirklich kleine Leute aus der Provinz sind, um die es geht; und dass ausgerechnet in diese Biografien mit der Wende 1989/90 ein schicksalhafter Einbruch für alle Beteiligten erfolgt, der das Leben aller komplett auf den Kopf stellt, die Weichen komplett neu stellt, was von niemandem im Jahr 1961 vorausgesehen werden konnte; auch nicht von Winfried und Barbara Junge, den Filmemachern. Dass diese Langzeitdokumentation heute kaum jemanden im Westen bekannt ist und nicht einmal nachträglich den Deutschen Dokumentarfilmpreis bekommen hat, lässt tief blicken.


    Ich habe die meisten dieser Filme spätsnachts gesehen; wenn sie im Fernsehen ausgestrahlt wurden eben. Zuerst, ich erinnere mich deutlich; Brigitte und Marcel – Golzower Lebenswege. Die früh mit 29 verstorbene Brigitte traf mich mitten ins Herz und auch ihr Sohn Marcel wurde vom Schicksal nicht geschont. Elke steigt aus dem Filmprojekt aus nach Wende; Scheidung, Arbeitslosigkeit, später heiratet sie einen Unternehmer aus Frankfurt am Main; Marieluise zieht nach Jahren in Berlin nach Köln und so weiter. Ganz normale Lebensläufe von ganz normalen Leuten; praktisch keine Großkopferten; keine Akademiker, keine erfolgreichen Sportler, Genies, Künstler oder irgendwie auffällige Leute. Diese Leben werden in all ihrer Tragik und Komik behutsam und leise erzählt; Juwelen der Dokumentarfilmkunst und berührender als alle Vanitaspredigten.

    • Offizieller Beitrag

    Ich bin ja nicht zuletzt deshalb ein eingeschworener Feind des Karnevals, des Faschings und aller Arten von öffentlich verordneter Narretei; weil ich absolut einer Meinung bin mit den Brandreden von Uwe Dick in seiner Sauwaldprosa; die ich hier auch schon irgendwo zitiert haben mag. Wo die Menschen ganzjährig in vielerlei Verkleidungen umhergehen; ihre Masken tragen; sich bunt kostümieren und überhaupt eine einzige Maskerade veranstalten; scheint jeder ElfteElfte völlig sinnlos, weil unsinnig verdoppelnd, was ohnehin geschieht im Lande.


    Aber man ist selbst nicht frei davon, weil es sich sonst schwer leben ließe; wie man ja auch um die kleinen Lügen im Alltag nicht herumkommt. Aber wer kann sich schon so geben, wie er wirklich ist? Ein sensibler Schöngeist vor einer Schulklasse wird bald verzweifeln; eine zarte Seele gäbe im Fußballstadion eine seltsame Figur ab; und man versuche einmal, mit zwanzig Jahren als lyrischer Tenor eine junge Frau zu Beischlaf oder Beziehung zu bewegen. Nein, nein; das ist ganz unmöglich; man muss die Rollen spielen, die das Terrain verlangt.


    Erst mit dem Alter und dem Verlust von Ansprüchen und Scham verwächst sich das und man beginnt mit dem Blick in Richtung Grab das eigene Ich sein Ding machen zu lassen. Dann ziert man sich nicht mehr; zu gestehen, wie scheiß sensibel und harmoniesüchtig man ist; wie abhold jedem Streit; wie weich, wie wankelmütig und wie wehleidig. Dass man es gern hat, gern gehabt zu werden; es mag, gemocht zu werden; es liebt, geliebt zu werden. Dass man am liebsten auf Siegfriede und Hagens verzichtete, wenn man nur in Ruhe als Mönch im Ruhestand Bücher, Bier und Busen genösse.

    • Offizieller Beitrag

    Jon Krakauer gibt seinem Kapitel Vier "Detrital wash" des Romans In die Wildnis. Allein nach Alaska folgendes Zitat mit auf den Weg aus "Man in the Landscape: A Historic View of the Esthetics of Nature" von Paul Shepard:


    Die Wüste ist die Landschaft der Offenbarung. Sie ist uns sowohl genetisch als auch physiologisch fremd, sie ist karg, ästhetisch abstrakt und seit jeher feindseliges Gebiet… In Form und Gestalt ist sie kühn und von erregender Wirkung auf die Phantasie. Die Sinne werden von Licht- und Raumeindrücken überwältigt, von dem kinästhetischen Novum der Leblosigkeit, den hohen Temperaturen und dem Wind. Der Wüstenhimmel ist allumfassend, majestätisch und grauenerregend zugleich. In allen anderen Lebensräumen ist der blaue Rand über dem Horizont stets durchbrochen oder verschleiert; hier dagegen zeigt er sich in seiner ganzen unermesslichen Weite, unendlich viel weiter als in hügeligen Landschaften und bewaldeten Regionen… In einem unverstellten Himmel wirken die Wolken mächtiger, plastischer, so als spiegele sich an ihrer konkaven Unterseite die Rundung des Erdballs selbst. Die kantige Klarheit der Wüste verleiht den Wolken ebenso wie der Landschaft das Antlitz einer monumentalen Architektur… Propheten und Eremiten ziehen in die Wüste, Pilger und Verbannte ziehen durch sie. Hier haben die Gründer der großen Religionen ihr therapeutisches und spirituelles Refugium gesucht, nicht als Zuflucht vor der Wirklichkeit, sondern, im Gegenteil, um sie zu finden.


    Ita est!

    • Offizieller Beitrag

    Optimisten sind nur schlecht informiert; heißt es sinngemäß bei Heiner Müller. Daran muss ich oft denken; wenn mir vorgeworfen wird, ich sei ein Pessimist; worauf ich wie alle Pessimisten antworte; das stimme nicht, ich sei nur Realist. Denn an dem Fakt ist nun mal nicht zu rütteln; dass für pessimistische Weltsichten eine Unmenge an empirischen Daten bereitstehen; für einen wie auch immer gearteten Optimismus praktisch überhaupt keine. Im Grunde nimmt es wunder, dass optimistische Ansichten nicht unter Strafe stehen, weil sie ja offenkundig jeder Grundlage entbehren und den Tatbestand der Lüge erfüllen, ja des Meineids.


    Optmisten sind psychoanalytisch gesehen Meister der Verdrängung und vor allem absolute Ignoranten der geschichtlichen Vorgänge und Prozesse, der Erkenntnisse und Wahrheiten über den menschlichen Charakter und das menschliche Wesen. Ich verstehe natürlich; dass es ein gewisses Maß an Optimismus braucht, um in dieser verrückten Welt bestehen zu können; aber Pessimisten für die Bösen zu halten, weil sie hellsichtig und stark genug sind, die Wahrheit zu erkennen und zu ertragen, finde ich nicht in Ordnung. Pessimisten sind gut informiert, das heißt aber nicht; dass sie diese Informationen gut finden und triumphierend verkünden.

    • Offizieller Beitrag

    Ich mag Weihnachtsbäume und am liebsten habe ich sie in ihrem natürlichen Habitat, im Wald. In der Zeit mit meinem Hunderudel suchte ich mir jedes Jahr einen aus und besuchte ihn täglich in der Advents- und Weihnachtszeit. Steht dann doch einer in der Stube; so wird er spartanisch und zurückhaltend geschmückt; meist nur ein paar rote (andere Farben kann ich nicht ab) Kugeln und vielleicht vier oder fünf Fäden Lametta, meist aber gar keines. Diese widerlich mit Tonnen an Lametta, geschmacklosen Kugeln in allen Farben und Größen und weiterem Glitzerkram und Schnickschnack überladenen Weihnachtsbäume, die man so sieht in den Kirchen und im Fernsehen; finde ich persönlich zum Kotzen und absolut unangemessen. Ich habe als Kind bitterlich über Hans Christian Andersens Der Tannenbaum geweint; dieses Weihnachtsmärchen sollte von der Kanzel verlesen werden und hinter den Bildschirmen.

    • Offizieller Beitrag

    Hans Christian Andersen
    Der Tannenbaum


    Draußen im Walde stand ein niedlicher kleiner Tannenbaum. Er hatte einen guten Platz; Sonne konnte er bekommen, Luft war genug da, und rings umher wuchsen viele größere Kameraden, sowohl Tannen, als Fichten. Der kleine Tannenbaum wünschte aber so sehnlich, größer zu werden! Er achtete nicht der warmen Sonne und der frischen Luft, er kümmerte sich nicht um die Bauernkinder, die da umhergingen und plauderten, wenn sie herausgekommen waren, um Erdbeeren und Himbeeren zu sammeln. Oft kamen sie mit einem ganzen Topf voll oder hatten Erdbeeren auf einen Strohhalm gereiht; dann setzten sie sich neben den kleinen Tannenbaum und sagten: "Nein! wie niedlich klein ist der!" Das mochte der Baum gar nicht hören.
    Im folgenden Jahre war er um ein langes Glied größer, und das Jahr darauf war er um noch eins länger; denn an den Tannenbäumen kann man immer an den vielen Gliedern, die sie haben, sehen, wie viele Jahre sie gewachsen sind.
    "O, wäre ich doch so ein großer Baum, wie die andern!" seufzte das kleine Bäumchen; "dann könnte ich meine Zweige so weit umher ausbreiten und mit der Krone in die weite Welt hinausblicken! Die Vögel würden dann Nester in meinen Zweigen bauen, und wenn der Wind wehte, könnte ich so vornehm nicken, gerade wie die andern dort!"
    Er hatte gar keine Freude am Sonnenschein, an den Vögeln und an den rothen Wolken, die Morgens und Abends über ihn hinsegelten.
    War es dann Winter, und der Schnee lag funkelnd weiß rings umher, so kam häufig ein Hase angesprungen und setzte gerade über den kleinen Baum weg - o, das war ihm so ärgerlich! - Aber zwei Winter vergingen, und im dritten war das Bäumchen so groß, daß der Hase um dasselbe herumlaufen mußte. O, wachsen, wachsen, groß und alt werden: das ist doch das einzig Schöne in dieser Welt, dachte der Baum.
    Im Herbste kamen immer Holzhauer und fällten einige der größten Bäume; das geschah jedes Jahr, und der junge Tannenbaum, der nun ganz gut gewachsen war, schauderte dabei; denn die großen, prächtigen Bäume fielen mit Knacken und Krachen zur Erde, die Zweige wurden ihnen abgehauen; die Bäume sahen ganz nackt, lang und schmal aus; sie waren fast nicht mehr zu erkennen. Aber dann wurden sie auf Wagen gelegt, und Pferde zogen sie davon, aus dem Walde hinaus.
    Wo sollten sie hin? Was stand ihnen bevor?
    Im Frühjahr, als die Schwalben und Störche kamen, fragte der Baum sie: "Wißt Ihr nicht, wohin sie geführt wurden? Seid Ihr ihnen nicht begegnet?"
    Die Schwalben wußten nichts, aber der Storch sah nachdenklich aus, nickte mit dem Kopfe und sagte: "Ja, ich glaube wohl! Mir begegneten viele neue Schiffe, als ich aus Aegypten flog; auf den Schiffen waren prächtige Mastbäume; ich darf annehmen, daß sie es waren; sie hatten Tannengeruch; ich kann vielmals grüßen; die prangen, die prangen!"
    "O, wäre ich doch auch groß genug, um über das Meer hinfahren zu können! Wie ist das eigentlich, dieses Meer, und wie sieht es aus?"
    "Ja, das zu erklären, ist zu weitläufig," sagte der Storch, und damit ging er fort.
    "Freue Dich Deiner Jugend!" sagten die Sonnenstrahlen; "freue Dich Deines frischen Wachsthums, des jungen Lebens, das in Dir ist!"
    Und der Wind küßte den Baum, und der Thau weinte Thränen über ihn; aber das verstand der Tannenbaum nicht.
    Wenn es gegen die Weihnachtszeit ging, wurden ganz junge Bäume gefällt, Bäume, die oft nicht einmal so groß oder gleichen Alters mit diesem Tannenbaum waren, der weder Ruhe noch Rast hatte, sondern immer davon wollte. Diese jungen Bäume, und es waren gerade die allerschönsten, behielten immer alle ihre Zweige; sie wurden auf Wagen gelegt, und Pferde zogen sie davon, aus dem Walde hinaus.
    "Wohin sollen die?" fragte der Tannenbaum. "Sie sind nicht größer, als ich, vielmehr war einer da, der war viel kleiner! Weshalb behalten sie alle ihre Zweige? Wo fahren sie hin?"
    "Das wissen wir! das wissen wir!" zwitscherten die Sperlinge. "Unten in der Stadt haben wir in die Fenster gesehen! Wir wissen, wohin sie fahren! O, sie gelangen zur größten Pracht und Herrlichkeit, die man nur denken kann! Wir haben in die Fenster gesehen und haben wahrgenommen, daß sie mitten in der warmen Stube aufgepflanzt und mit den schönsten Sachen, vergoldeten Aepfeln, Honigkuchen, Spielzeug und vielen Hunderten von Lichtern geschmückt werden."
    "Und dann - ?" fragte der Tannenbaum und bebte in allen Zweigen. "Und dann? Was geschieht dann?"
    "Ja, mehr haben wir nicht gesehen! Das war unvergleichlich."
    "Ob ich wohl auch bestimmt bin, diesen strahlenden Weg zu betreten?" jubelte der Tannenbaum. "Das ist noch besser, als über das Meer zu ziehen! Wie leide ich an Sehnsucht! Wäre es doch Weihnachten! Nun bin ich groß und ausgewachsen, wie die andern, die im vorigen Jahre weggeführt wurden! - O, wäre ich erst auf dem Wagen! Wäre ich doch in der warmen Stube mit aller Pracht und Herrlichkeit! Und dann -? Ja dann kommt noch etwas Besseres, noch weit Schöneres, weshalb würden sie mich sonst so schmücken! Es muß noch etwas Größeres, noch etwas Herrlicheres kommen -! Aber was? O, ich leide! ich sehne mich! ich weiß selbst nicht, wie mir ist!"
    "Freue Dich unser!" sagten die Luft und das Sonnenlicht; "freue Dich Deiner frischen Jugend im Freien!"
    Aber er freute sich durchaus nicht und wuchs und wuchs; Winter und Sommer stand er grün, dunkelgrün stand er da; die Leute, die ihn sahen, sagten: "Das ist ein schöner Baum!" Und zur Weihnachtszeit wurde er vor Allen zuerst gefällt. Die Art hieb tief durch das Mark; der Baum fiel mit einem Seufzer zu Boden; er fühlte einen Schmerz, eine Ohnmacht; er konnte gar nicht an irgend ein Glück denken, er war betrübt, von der Heimath scheiden zu müssen, von dem Flecke, auf dem er emporgeschossen war; er wußte ja, daß er die lieben alten Kameraden, die kleinen Büsche und Blumen rings umher, nie mehr sehen würde, ja vielleicht nicht einmal die Vögel. Die Abreise war durchaus nicht angenehm.
    Der Baum kam erst wieder zu sich selbst, als er, im Hofe mit andern Bäumen abgepackt, einen Mann sagen hörte: "Dieser hier ist prächtig! Wir brauchen nur diesen!"
    Nun kamen zwei Diener in vollem Putz und trugen den Tannenbaum in einen großen, schönen Saal. Rings herum an den Wänden hingen Bilder, und neben dem großen Kachelofen standen große chinesische Vasen mit Löwen auf den Deckeln; da gab es Schaukelstühle, seidene Sophas, große Tische voller Bilderbücher, und Spielzeug für hundertmal hundert Thaler - wenigstens sagten das die Kinder. Und der Tannenbaum wurde in ein großes mit Sand gefülltes Faß gestellt; aber Niemand konnte sehen, daß es ein Faß war, denn es wurde rund herum mit grünem Zeug behängt und stand auf einem großen bunten Teppich. O, wie der Baum bebte! Was wird nun wohl vorgehen? Sowohl die Diener, als die Fräulein schmückten ihn. An einen Zweig hängten sie kleine Netze, ausgeschnitten aus farbigem Papier; jedes Netz war mit Zuckerwerk gefüllt; vergoldete Aepfel und Wallnüsse hingen herab, als wären sie festgewachsen, und über hundert rothe, blaue und weiße Lichterchen wurden in den Zweigen festgesteckt. Puppen, die leibhaftig wie Menschen aussahen - der Baum hatte früher nie solche gesehen - schwebten im Grünen, und hoch oben auf der Spitze wurde ein Stern von Flittergold befestigt; das war prächtig, ganz außerordentlich prächtig.
    "Heut Abend," sagten Alle, "heut Abend wird es strahlen!"
    "O!" dachte der Baum, "wäre es doch Abend! Würden nur die Lichter bald angezündet! Und was dann wohl geschieht? Ob da wohl Bäume aus dem Walde kommen, mich zu sehen? Ob die Sperlinge gegen die Fensterscheiben fliegen? Ob ich hier festwachse und Winter und Sommer geschmückt stehen werde?"
    Ja, er rieth nicht übel! Aber er hatte ordentlich Borkenschmerzen vor lauter Sehnsucht, und Borkenschmerzen sind für einen Baum eben so schlimm, wie Kopfschmerzen für uns Andere.
    Nun wurden die Lichter angezündet. Welcher Glanz! Welche Pracht! Der Baum bebte dabei in allen Zweigen so, daß eins der Lichter das Grüne anbrannte; es sengte ordentlich.
    "Gott bewahre uns!" schrieen die Fräulein und löschten es hastig aus.
    Nun durfte der Baum nicht einmal beben. O, das war ein Grauen! Ihm war so bange, etwas von seinem Schmuck zu verlieren; er war ganz betäubt von all dem Glanze. - Und nun gingen beide Flügelthüren auf - und eine Menge Kinder stürzten herein, als wollten sie den ganzen Baum umwerfen; die ältern Leute kamen bedächtig nach. Die Kleinen standen ganz stumm - aber nur einen Augenblick, dann jubelten sie wieder, daß es nur so schallte; sie tanzten um den Baum herum, und ein Geschenk nach dem andern wurde abgepflückt.
    "Was machen sie?" dachte der Baum. "Was soll geschehen?" Und die Lichter brannten bis dicht an die Zweige herunter, und jenachdem sie niederbrannten, wurden sie ausgelöscht, und dann erhielten die Kinder die Erlaubniß, den Baum zu plündern. O, sie stürzten auf ihn ein, daß es in allen Zweigen knackte; wäre er nicht mit der Spitze und mit dem Goldsterne an der Decke befestigt gewesen, so wäre er umgestürzt.
    Die Kinder tanzten mit ihrem prächtigen Spielzeug herum, Niemand sah nach dem Baume, ausgenommen das alte Kindermädchen, welches kam und zwischen die Zweige blickte, aber nur, um zu sehen, ob nicht noch eine Feige oder ein Apfel vergessen worden wäre.
    "Eine Geschichte, eine Geschichte!" riefen die Kinder und zogen einen kleinen dicken Mann zu dem Baume hin; und er setzte sich gerade unter denselben, "denn da sind wir im Grünen," sagte er, "und der Baum kann besondern Nutzen davon haben, zuzuhören! Aber ich erzähle nur Eine Geschichte. Wollt Ihr die von Ivede-Avede oder die von Klumpe-Dumpe hören, der die Treppen herunterfiel und doch zu Ehren kam und die Prinzessin erhielt?"
    "Ivede-Avede!" schrieen Einige, "Klumpe-Dumpe!" schrieen Andere; das war ein Rufen und Schreien! Nur der Tannenbaum schwieg ganz stille und dachte: "Komme ich gar nicht mit, werde ich nichts dabei zu thun haben?" Er war ja mit gewesen, hatte ja geleistet, was er sollte.
    Und der Mann erzählte von "Klumpe-Dumpe," welcher die Treppen herunterfiel und doch zu Ehren kam und die Prinzessin erhielt. Und die Kinder klatschten in die Hände und riefen: "Erzähle! erzähle!" Sie wollten auch die Geschichte von Ivede- Avede hören, aber sie bekamen nur die von Klumpe-Dumpe. Der Tannenbaum stand ganz stumm und gedankenvoll; nie hatten die Vögel im Walde dergleichen erzählt. "Klumpe-Dumpe fiel die Treppen herunter und bekam doch die Prinzessin! Ja, ja, so geht es in der Welt zu!" dachte der Tannenbaum und glaubte, daß es wahr sei, weil es ein so netter Mann war, der es erzählte. "Ja, ja! wer kann es wissen! Vielleicht falle ich auch die Treppe herunter und bekomme eine Prinzessin." Und er freute sich darauf, den nächsten Tag wieder mit Lichtern und Spielzeug, Gold und Früchten angeputzt zu werden.
    "Morgen werde ich nicht zittern!" dachte er. "Ich will mich recht aller meiner Herrlichkeit freuen. Morgen werde ich wieder die Geschichte von Klumpe-Dumpe und vielleicht auch die von Ivede-Avede hören." Und der Baum stand die ganze Nacht still und gedankenvoll.
    Am Morgen kamen der Diener und das Mädchen herein.
    "Nun beginnt der Schmuck aufs Neue!" dachte der Baum. Aber sie schleppten ihn zum Zimmer hinaus, die Treppe hinan, auf den Boden, und hier, in einem dunkeln Winkel, wo kein Tageslicht hinschien, stellten sie ihn hin. "Was soll das bedeuten?" dachte der Baum. "Was soll ich hier wohl machen? Was mag ich hier wohl hören sollen?" Und er lehnte sich an die Mauer und dachte und dachte. - - Und er hatte Zeit genug, denn es vergingen Tage und Nächte: Niemand kam herauf; und als endlich Jemand kam, so geschah es, um einige große Kasten in den Winkel zu stellen. Nun stand der Baum ganz versteckt; man mußte glauben, daß er völlig vergessen war.
    "Jetzt ist es Winter draußen!" dachte der Baum. "Die Erde ist hart und mit Schnee bedeckt, die Menschen können mich nicht pflanzen; deshalb soll ich wohl bis zum Frühjahr hier in Schutz stehen! Wie wohlbedacht das ist! Wie die Menschen doch so gut sind! - Wäre es hier nur nicht so dunkel und so erschrecklich einsam! - Nicht einmal ein kleiner Hase! - Das war doch so niedlich da draußen im Walde, wenn der Schnee lag und der Hase sprang vorbei; ja, selbst als er über mich hinwegsprang; aber damals konnte ich es nicht leiden. Hier oben ist es doch schrecklich einsam!"
    "Pip, pip!" sagte da eine kleine Maus und huschte hervor; und dann kam noch eine kleine. Sie beschnüffelten den Tannenbaum und dann schlüpften sie zwischen seine Zweige.
    "Es ist eine gräuliche Kälte!" sagten die kleinen Mäuse. "Sonst ist es hier gut sein! Nicht wahr, Du alter Tannenbaum?"
    "Ich bin gar nicht alt!" sagte der Tannenbaum; "es gibt viele, die weit älter sind, als ich!"
    "Wo kommst Du her?" fragten die Mäuse, "und was weißt Du?" Sie waren so gewaltig neugierig. "Erzähle uns doch von dem schönsten Ort auf Erden! Bist Du dort gewesen? Bist Du in der Speisekammer gewesen, wo Käse auf den Brettern liegen und Schinken unter der Decke hängen, wo man auf Talglicht tanzt, mager hineingeht und fett heraus kommt?"
    "Das kenne ich nicht!" sagte der Baum. "Aber den Wald kenne ich, wo die Sonne scheint und wo die Vögel singen!" Und dann erzählte er Alles aus seiner Jugend, und die kleinen Mäuse hatten früher dergleichen nie gehört und sie horchten auf und sagten: "Nein, wie viel Du gesehen hast! Wie glücklich Du gewesen bist!"
    "Ich?" sagte der Tannenbaum und dachte über das, was er selbst erzählte, nach. "Ja, es waren im Grunde ganz fröhliche Zeiten!" - Aber dann erzählte er vom Weihnachtsabend, wo er mit Kuchen und Lichtern geschmückt war.
    "O!" sagten die kleinen Mäuse, "wie glücklich Du gewesen bist, Du alter Tannenbaum!"
    "Ich bin gar nicht alt!" sagte der Baum. "Erst diesen Winter bin ich vom Walde gekommen! Ich bin nur so im Wachsthum zurückgeblieben."
    "Wie schön Du erzählst!" sagten die kleinen Mäuse. Und in der nächsten Nacht kamen sie mit vier andern kleinen Mäusen, die den Baum erzählen hören sollten, und je mehr er erzählte, desto deutlicher erinnerte er sich selbst an Alles und dachte: "Es waren doch ganz fröhliche Zeiten! Aber sie können wieder kommen; Klumpe-Dumpe fiel die Treppen herunter und erhielt doch die Prinzessin; vielleicht kann ich auch eine Prinzessin bekommen!" Und dann dachte der Tannenbaum an eine kleine, niedliche Birke, die draußen im Walde wuchs; das war für den Tannenbaum eine wirkliche, schöne Prinzessin.
    "Wer ist Klumpe-Dumpe?" fragten die kleinen Mäuse. Und dann erzählte der Tannenbaum das ganze Märchen; er konnte sich jedes einzelnen Wortes entsinnen; und die kleinen Mäuse waren nahe daran, aus reiner Freude bis in die Spitze des Baumes zu springen. In der folgenden Nacht kamen weit mehr Mäuse, und am Sonntage sogar zwei Ratten; aber die meinten, die Geschichte sei nicht hübsch, und das betrübte die kleinen Mäuse, denn nun hielten sie auch weniger davon.
    "Wissen Sie nur die eine Geschichte?" fragten die Ratten.
    "Nur die eine!" sagte der Baum; "die hörte ich an meinem glücklichsten Abend; damals dachte ich nicht daran, wie glücklich ich war."
    "Das ist eine höchst jämmerliche Geschichte! Wissen Sie keine von Speck und Talglicht? Keine Speisekammer-Geschichte?"
    "Nein!" sagte der Baum.
    "Dann danken wir dafür!" erwiederten die Ratten und gingen zu den Ihrigen zurück.
    Die kleinen Mäuse blieben zuletzt auch weg, und da seufzte der Baum: "Es war doch ganz hübsch, als sie um mich herum saßen, die beweglichen kleinen Mäuse, und zuhörten, wie ich erzählte! Nun ist auch das vorbei! - Aber ich werde daran denken, mich zu freuen, wenn ich wieder hervorgenommen werde!"
    Aber wann geschah das? - Ja! es war eines Morgens, da kamen Leute und wirthschafteten auf dem Boden; die Kasten wurden weggesetzt, der Baum wurde hervorgezogen; sie warfen ihn freilich ziemlich hart gegen den Fußboden, aber ein Diener schleppte ihn sogleich nach der Treppe hin, wo der Tag leuchtete.
    "Nun beginnt das Leben wieder!" dachte der Baum; er fühlte die frische Luft, die ersten Sonnenstrahlen und - nun war er draußen im Hofe. Alles ging so geschwind; der Baum vergaß völlig, sich selbst zu betrachten; da war so Vieles rings umher zu sehen. Der Hof stieß an einen Garten, und Alles blühte darin; die Rosen hingen so frisch und duftend über das kleine Gitter heraus, die Lindenbäume blühten, und die Schwalben flogen umher und sagten: "Quirre-virre-vit, mein Mann ist kommen!" Aber es war nicht der Tannenbaum, den sie meinten.
    "Nun werde ich leben!" jubelte dieser und breitete seine Zweige weit aus: aber ach, die waren alle vertrocknet und gelb; und er lag da im Winkel zwischen Unkraut und Nesseln. Der Stern von Goldpapier saß noch oben in der Spitze und glänzte im hellen Sonnenschein.
    Im Hofe selbst spielten ein paar der muntern Kinder, die zur Weihnachtszeit den Baum umtanzt hatten und so froh über ihn gewesen waren. Eins der kleinsten lief hin und riß den Goldstern ab.
    "Sieh, was da noch an dem häßlichen, alten Tannenbaum sitzt!" sagte es und trat auf die Zweige, sodaß sie unter seinen Stiefeln knackten.
    Und der Baum sah auf all die Blumenpracht und Frische im Garten; er betrachtete sich selbst und wünschte, daß er in seinem dunkeln Winkel auf dem Boden geblieben wäre; er gedachte seiner frischen Jugend im Walde, des lustigen Weihnachtsabends und der kleinen Mäuse, die so munter die Geschichte von Klumpe- Dumpe angehört hatten.
    "Vorbei! vorbei!" sagte der alte Baum. "Hätte ich mich doch gefreut, als ich es noch konnte! Vorbei! vorbei!"
    Und der Knecht kam und hieb den Baum in kleine Stücke; ein ganzes Bündel lag da; hell flackerte es auf unter dem großen Braukessel; und er seufzte so tief, und jeder Seufzer war einem kleinen Schusse gleich; deshalb liefen die Kinder, die da spielten, herbei und setzten sich vor das Feuer, blickten in dasselbe hinein und riefen: "Piff! Piff!" Aber bei jedem Knalle, der ein tiefer Seufzer war, dachte der Baum an einen Sommertag im Walde, oder eine Winternacht da draußen, wenn die Sterne funkelten; er dachte an den Weihnachtsabend und an Klumpe-Dumpe, das einzige Märchen, welches er gehört hatte und zu erzählen wußte, und dann war der Baum verbrannt.
    Die Knaben spielten im Garten, und der kleinste hatte den Goldstern auf der Brust, den der Baum an seinem glücklichsten Abend getragen; nun war der vorbei, und mit dem Baume war es vorbei und mit der Geschichte auch; vorbei, vorbei - und so geht es mit allen Geschichten!

    • Offizieller Beitrag

    Seit Wolfgang Herrndorfs Arbeit und Struktur, das ich erst als Blog las und später postum als Buch; ist mein Interesse an tagebuchartigen Texten enorm gestiegen. Interessanterweise hat dieses Genre in den letzten zehn Jahren auch wieder stark reüssiert; zum einen der multimedialen Möglichkeiten des Internets wegen und zum anderen auf Grund der Zeitläufte und besonders der gesellschaftspolitischen Entwicklung in der Bundesrepublik. Das Angebot ist so kaum noch überschaubar; um so mehr freut man sich, wenn man wirklich gelungene selbstlebensläufliche Prosaminiaturen findet wie ich zuletzt die von Alexander Wendt. Stärker polarisierend, weil politischer, die von Michael Klonovsky; literarisch wertvoll die von Frank Witzel, die leider nur in Buchform erhältlich sind. Eines von den beiden erschienenen Metaphysischen Tagebüchern (Uneigentliche Verzweiflung und Erhoffte Hoffnungslosigkeit) trage ich inzwischen immer in meiner Rocktasche umher, um überall wieder und wieder darin zu lesen. Es ist mir fast unheimlich, dass es einen anderen Menschen gibt; der genauso denkt und lebt wie ich; obwohl er im Westen sozialisiert wurde.

    • Offizieller Beitrag

    Whats-App-Image-2021-12-20-at-08-09-34.jpg Whats-App-Image-2021-12-20-at-08-09-44.jpg


    Für Babsi zu hoch, für mich zu niedrig; diese Toilette auf unserem frühmorgendlichen Hausweg hinunter zur Ilm. Wer auch immer diese Kloschüssel dort hingestellt hat; vergaß auch die Wasserspülung zu installieren und eine Klärgrube zu buddeln; kein Papier, kein WC-Stein und keine Bürste. Also mal wieder ein übereilter Geniestreich der kommunalen Administration; ein Schnellschuss der Bürokratie oder gar ein populistisches Werk populistischer Parteien?


    Oder doch eher ein braver Bürger, der zu faul war; die Entsorgungsgesellschaft um die Ecke anzufahren, wo er unentgeltlich das Becken hätte abgeben können? Ich wünschte, ich könnte frotzeln, es wäre ein Wähler der Grünen gewesen; aber das ist hier im Osten ziemlich unwahrscheinlich. Erwischen, bestrafen, anprangern: Diese Buben würden bei mir über Wochen an den Straßenrändern den Müll auflesen; auf dem Arbeitsshirt "Ich bin ’ne alte Umweltsau".