Yoricks Nachtgedanken bei Tage

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    Ich habe ja die letzten 20 Jahre mit den Hunden viel Wetter erlebt und bin diesbezüglich im Gegensatz zu meiner sonstigen Funktion als Dauernörgler eher gelassen; weil man sich ja nur entsprechend zu kleiden braucht. Aber heute Morgen, das war der Hammer: Von rechts vorne kam bei Nebel der Wind samt Regen bei wenigen Graden; plötzlich wurde es noch dunkler und aus den Böen wurde ein Sturm von schneeregenartigen Hagelkörnchen, die einem mit 100 Sachen in die Augen schlugen wie Glasscherben. Klitschnass und wie aus den Okularen blutend wieder heimgekommen; selbst der Hund hatte keine Lust mehr.

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    Nur einen ganzen Tag mal gesund sein; nur einen einzigen: Mal eine Nacht durchschlafen und morgens ausgeruht und erholt erwachen; aus dem Bett steigen ohne stechende Schmerzen in den Knie; eine Strecke laufen ohne Herzrhythmusstörungen; Musik hören ohne Tinnitus; lesen ohne Migräne; überhaupt ohne Brille zurechtkommen; keine Angst mehr haben vor plötzlichem Schwindel und Gleichgewichtsstörungen. Einen Tag ohne innere Unruhe und Panikattacken; ohne Gedankenkarussell und dunkle Stimmungen; nicht permanent erschöpft und matt und müde; nicht nutzlos und ohne jeglichen Gebrauchswert. Und dann abends ohne CPAP-Therapie wieder wie selbstverständlich ins Bett gehen und wie von selbst einschlafen, ohne physische, geistige und seelische Not. Das ist ein Traum von mir; dessen Erfüllung natürlich gar nicht gut wäre; denn wer wollte nach so einem Tag in sein altes Leben zurück?

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    Am 13. Oktober letzten Jahres informierte ich in meinem Stammforum im Internet darüber, dass ich aus gesundheitlichen Gründen wahrscheinlich zunächst vorübergehend in den Ruhestand versetzt werde. Ein langjähriger Freund meinte daraufhin; diese Hybris sei schon genial, einerseits den ganzen Tag über das System zu schimpfen und es dann aber auf der anderen Seite selber bis zur Perfektion auszunutzen. Es stehe dahin, ob es im Eifer des Gefechts geschah, nicht ganz so gemeint war oder einfach nur eine Neckerei; ich habe mich tierisch darüber aufgeregt und kann mich im Grunde bis heute nicht beruhigen und wir schreiben schon den 21. Januar des neuen Jahres. Wenn der Urheber jener unverschämten Injurien heute vor mir stünde und ich mich wieder in Rage geredet und geschrieben hätte, würde ich ihm eine auf sein freches Maul hauen und ihm so richtig die Fresse polieren. Natürlich würde ich das nicht machen; weil ich den Burschen mag und ich prinzipiell die Feder dem Schwert vorziehe; ich versuche nur deutlich zu machen, wie sehr mich die Sache noch jetzt emotional beschäftigt und auf 180 bringt.


    Daher sehe man mir meine Oratio pro domo nach und dass ich den Advocatus Dei in eigener Sache gebe; aber die Causa beinhaltet eben nicht nur persönliche Befindlichkeiten; sondern streift nahezu alle gesellschaftspolitischen Aspekte der Gegenwart; besonders den von mir seit Jahren mit Vehemenz verteidigten Sozial- und Wohlfahrtsstaat. Sieht man einmal vom banalen Anwurf ab; einem Menschen mit Behinderung und schweren gesundheitlichen Problemen überhaupt etwas vorzuwerfen; was in etwa so ist, als nehme man einem Rollstuhlfahrer übel, dass er zur Begrüßung nicht aufstehe; so bündelt doch der Vorwurf so viele Halb- und Unwahrheiten; dass ich einfach nicht umhinkomme, diese aus meiner Sicht geradezurücken.


    Ich habe knapp 30 Jahre in einem Beruf gearbeitet; der; auch wenn das heute kaum noch anerkannt wird; zu denen gehört, die einen gewaltigen gesellschaftlichen Nutzen haben und deren Ausübung physisch, psychisch und seelisch außerordentlich anspruchsvoll ist. Meine Eltern haben beide 45 Jahre lang im Berufsleben gestanden und gearbeitet; meine Groß- und Urgroßeltern noch länger, denn Bauern kannten weder Urlaub oder Sonn- und Feiertag. Bis zum Ende des 30jährigen Krieges konnte ich die Geschichte meiner Familie in Mitteldeutschland, in Ostpreußen und im Sudetenland zurückverfolgen und alle waren sie Handwerker, Bauern, kleine Beamte, Pastoren etc. Sie alle haben auf deutschem Boden gesellschaftlichen Mehrwert erbracht; so wie alle Deutsche seit dem frühen Mittealter zunächst den Boden urbar machten; Siedlungen gründeten und später Städte; Landwirtschaft, Handwerk, Handel vorantrieben und schließlich als Motor der Industrialisierung in Europa und der ganzen Welt fungierten. Selbst die Krisen nach dem Schwarzen Tod 1350; dem erwähnten langen Krieg 1650; nach den napoleonischen Kriegen 1815; nach dem 1. und 2. Weltkrieg haben die Deutschen und mit ihnen meine Vorfahren überwunden und das wohlhabende Deutschland geschaffen, dessen Nutznießer wir heute alle sind. Und so gehe ich zunächst in medias res mit der nicht bloß rhetorischen Gegenfrage, wer um alles in der Welt das Recht hat, sich bei schwerwiegender Krankheit auf das eigene Sozialsystem verlassen zu können; wenn nicht ich; der ich 30 Jahre für das System mit gewirtschaftet habe und dessen Ahnen in unzähligen Generationen für den Erfolg und Aufschwung dieses unseres Landes stehen?!


    Mittlerweile gibt es in der Bundesrepublik Deutschland Millionen Menschen, die nie auch nur einen einzigen Pfennig oder Cent in unsere Sozial- und Sicherungssysteme eingezahlt haben und die dennoch seit Jahren und Jahrzehnten und oft schon in der zweiten und dritten Generation beinahe ausschließlich von Sozialleistungen leben; Deutsche wie Migranten. Wobei die Biodeutschen eben auch meist Vorfahren vorweisen können, die einen gesellschaftlichen Mehrwert erwirtschaftet haben und daher nicht einfach mit Neubürgern verglichen werden können. Und es gibt genügend Menschen mit einem sehr ordentlichen Einkommen; die alle Möglichkeiten nutzen; um mit wenig Arbeit, großer Geste und ausgestellter Opfermiene ihre Gehälter beziehen, obwohl sie im Jahr keine zehn Tage arbeiten; ich kenne Beispiele genug aus der Politik oder der Ministerialbürokratie. Es gibt also keinen einzigen Grund für einen Menschen mit gesundheitlichen Problemen; sich zu schämen dafür; wenn sein Körper den Anforderungen seines Berufes nicht mehr gewachsen ist. Im Gegenteil sollte man endlich darüber nachdenken; wie man in der Zukunft mehr Gerechtigkeit schafft im Sozial- und Rentensystem.


    Des Weiteren wird man von mir keine einzige Wortmeldung; keinen einzigen schriftlichen oder mündlichen Beleg finden; der unsere Republik; unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung desavouiert. Ganz im Gegenteil habe ich mehrfach darauf hingewiesen; dass wir in der bestmöglichen aller derzeit möglichen Gesellschaften leben; weil man im Gegensatz zu allen früheren und teilweise auch gleichzeitigen nicht einfach aus dem Bett geholt, verhaftet, eingesperrt, gefoltert und umgebracht werden kann und dass man weder verhungern, erfrieren oder unbehandelt krank sterben muss! Meine anderweitig vorgetragene Gesellschaftskritik bewegt sich immer auf dem Boden des Grundgesetzes und speist sich aus traditionell linken, klassischen liberalen und mittlerweile auch aus dezidiert konservativen Quellen. Es geht mir also darum, den Entrechteten und Deklassierten, die sich nicht selbst äußern können; eine Stimme zu geben; über die strikte Einhaltung der Grund- und verbrieften Freiheitsrechte wie etwa der Meinungsfreiheit und der Freiheit von Kunst und Wissenschaft zu wachen; mehr demokratische Partizipation und politische Mitsprache des mündigen Bürgers einzufordern und aus kulturkritischer bis kulturpessimistischer Perspektive etwa auf die desaströsen Zustände unseres Bildungswesen und überhaupt unserer Kultur hinzuweisen.


    Dabei gibt es genügend richtige Beispiele für offen verfassungsfeindliche Elemente; die sich im öffentlichen Raum eindeutig verfassungswidrig äußern und die Grundgedanken unserer Ordnung mit Füßen treten und die Demokratie westlicher Prägung ablehnen. Diese Stimmen kommen aus links- und rechtsextremen Kreisen; aus den Reihen des politischen Islam und verschiedenen anderen Bereichen gesellschaftlicher Subkulturen. Oft genug leben deren lautstärksten Vertreter von den Sozialleistungen des Staates, den sie abgeschafft sehen wollen. Hier bin ich ganz ehrlich ein Verfechter eines harten Kurses, einer strikten Linie: Wer nicht mit dem Grundwerten unserer Gesellschaft und unseres Staatswesens übereinstimmt und sich für die Zerstörung unserer gegenwärtigen Strukturen und Verhältnisse ausspricht; sollte auch keine Sozialleistungen beziehen dürfen und im Idealfall ausgewiesen und ausgebürgert werden. Ich halte das nicht nur für absolut vertretbar; sondern gerade mit Blick auf den diesen Text hier auslösenden Vorwurf ad hominem für nur konsequent.


    Ich fasse in persönlicher und gesamtgesellschaftlicher Hinsicht zusammen: Die Segnungen des Sozial- und Wohlfahrtsstaates müssen zuallererst denen zugutekommen, die in die Sozial- und Sicherungssysteme eingezahlt oder in irgendeiner Form einen gesellschaftlichen Nutzen für das Gemeinwesen erbracht haben. Dazu zählen in erster Linie diejenigen; die über Jahre und Jahrzehnte in welchem Beruf auch immer arbeiten und natürlich alle die, deren Vorfahren auch schon auf deutschem Boden Mehrwert und Wohlstand erwirtschaftet haben. Und damit natürlich auch diejenigen; denen auf Grund von Alter oder Krankheit die Berufstätigkeit nicht mehr möglich ist. Alle anderen, besonders die Neubürger aus anderen Regionen der Welt, müssen sich zunächst einmal hinten anstellen und alles in ihrer Macht Stehende tun; um baldmöglichst ihren Beitrag für das Gemeinwesen leisten und ihr Recht auf angemessene Sozialleistungen auch in Anspruch nehmen zu können. Gleichermaßen wären die Menschen autochthonen Zuschnitts; die aus Familien mit Sozialhilfebiografie über Generationen stammen, angemessen zu beteiligen an der gesellschaftlichen Arbeit und im Idealfall wieder oder erstmals einzugliedern in den Arbeitsprozess überhaupt. Der Sozialstaat beruht auf dem schlichten Grundsatz von Geben und Nehmen; wird er überdehnt, indem mehr Menschen von ihm profitieren als ihn finanzieren; wird er auf die Länge zusammenbrechen. Solidarität, Generationenvertrag, Verantwortung für den Mitmenschen – das alles funktioniert nur, wenn die wirtschaftliche Grundlage des Gemeinwesens gesund ist.

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    Ist es nicht verrückt, dass neben dem armen alten Yorick einer der größten Komponisten der Weltgeschichte in Halle an der Saale geboren wurde und auch einer der größten Massenmörder der Weltgeschichte?! Welch letzterer in der Stadt starb, in der ein ebenfalls aus Halle gebürtiger aerodynamischer ehemaliger Bundesaußenminister seinen Satz nicht zu Ende sprechen konnte, weil die Massen ihn übertönten? Koinzidenzen allüberall!

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    Was mich wirklich wundert, ist; dass man dem Fuchs in der sonntäglichen Sandmannserie Herr Fuchs und Frau Elster noch nie zeitgeistig den Prozess gemacht, abgesetzt oder in ein Umerziehungslager geschickt hat. Der Fuchs ist ja offenkundig ein alter weißer roter Mann, er flucht gottserbärmlich, poltert und meckert; weiß alles besser und gesteht keine Fehler ein und vor allem verhält er sich gegenüber der Elster oft abfällig und spart nicht an sexistischen Bemerkungen. Ich sollte den zuständigen Stellen mal einen Wink geben; das kann man doch Kindern und Heranwachsenden nicht länger zumuten.

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    Weil ich es kürzlich von der, dem, das Autor­_*In hatte; die den wunderbaren neuen Lolita-Roman vorlegte und bei dem die Kritiker ausweichend meinten in der ästhetischen Urteilsfindung; es würde keinen Unterschied machen, wenn ein alter Mann das geschrieben hätte. Das Problem lässt sich ja problemlos erweitern: Als Jonathan Littell 2006 den überragenden Roman Die Wohlgesinnten vorlegte, war völlig klar; dass man einen deutschen Autor in der Luft zerrissen hätte; aber einem französischen Schriftsteller amerikanischer Herkunft konnte man nicht ans Zeug flicken. Und so geht es allüberall zu: Romane über den Holocaust? Da ist es besser, man hat jüdische Wurzeln. Romane über Migration? Da ist es gut, wenn man selbst einen Migrationshintergrund hat. Romane über den Islam und Moslems? Am besten stammt man selbst aus dem arabischen Raum.


    Man kann das drehen und wenden, wie man will; die „Literaturkritik“ zieht vom Autor eine Linie zum Werk und dann eine rote Linie zwischen dem von jemand Sagbarem und dem Nichtsagbaren. Da kann die Literaturwissenschaft seit Jahrzehnten den Biografismus für überwunden halten; das interessiert die Redakteure in den Feuilletons wenig und man arbeitet sich statt am Text am Autor ab. Dabei ist das selbstredend grober Unfug: Warum sollte ein alter Mann nicht über die Faszination für junge Mädchen schreiben können; eigentlich doch gerade dieser?! Warum kann ein Deutscher keinen Roman über die NS-Zeit und die Judenvernichtung schreiben und zwar aus der Perspektive der Täter oder zumindest der Mitläufer?! Warum sollte ein alteingesessener Europäer nicht über die Erfahrungen mit Migration und Migranten in seinem Land schreiben können? Warum kein Christ über muslimische Nachbarn?


    Wenn bald nur noch jeder über das schreibt; was von anderen als ihm zuzubilligen bestimmt wird; können wir die Literatur auch beerdigen. Die besten Bücher schreiben immer die anderen.

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    Kürzlich ging es in einer SOKO-Folge mal wieder um das Phänomen Sugar-Daddy. Da bestritt ein älterer Herr die Lebenshaltungskosten einer jungen Studentin, zahlte also die Miete, die Autorate und dergleichen; machte aber auch teure Geschenke, finanzierte Urlaube und Weiterbildungen. Gleichzeitig förderte er die angehende Juristin, half ihrer Karriere auf die Sprünge, stellte sie den richtigen Leuten vor und führte sie in die wichtigen Kreise ein. Und das alles für unterm Strich eher seltene sexuelle Begegnungen; dafür aber mit viel gemeinsamer Zeit und Repräsentation.


    Interessant ist das für mich in mehrfacher Hinsicht. Zum einen scheint es den Herren nicht um den Sex an sich zu gehen; denn für zum Beispiel 2000 Euro monatlich, die viele ihrem Sugar baby zukommen lassen; könnten sie in einem normalen Puff sicher 30 bis 40 Mal zum Schuss kommen und dass ohne den ganzen Schmus und Zinnober drumrum. Aber da geht es für die dirty old Men wohl neben der Schiene Trophäe und Vorzeigen und Status wohl doch auch um Nähe und zuweilen richtige Gefühle. Zum anderen scheint die Gesellschaft hier durchaus einen Unterschied zur "normalen" Prostitution machen zu wollen; was auf der einen Seite mit Blick auf die vielfältigen Abhängigkeitsverhältnisse in der "normalen" Berufs- und Arbeitswelt schlüssig scheint; und doch auch wieder verlogen, wenn man die Basis dieser Art von Beziehung betrachtet.

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    Ich habe mich lange intensiv beschäftigt mit dieser Konferenz am Wannsee im Januar 1942, habe auch mal Schüler die beiden früheren Filme vergleichen lassen. Die alte deutsche Version ist viel besser als die angloamerikanische; weil letztere zu dick aufträgt und Kenneth Branagh Shakespeare mimt; Dietrich Mattausch dagegen ist der Pragmatiker Heydrich par excellence. Ich finde unabhängig von der albernen Frage, ob nun der Führer wirklich hinter der Judenverfolgung steckt (siehe auch erhellend von Longerich Der Ungeschriebene Befehl. Hitler und der Weg zur „Endlösung“ ), diese Verquickung von NSDAP-Oberen, SS und Ministerialbürokratie unglaublich aufschlussreich; weil sie verdeutlicht, dass eben nicht nur ein paar Nazis den ganzen Wahnsinn in Szene setzten, sondern dass ohne die bereits vorhandenen bürgerlichen Regierungseliten gar nichts gegangen wäre. Der Film mit Kenneth Branagh überzeichnet die Figuren und verharrt in Äußerlichkeiten und ich wüsste zu gerne, ob die Differenzierungen des deutschen Films der Wahrheit entsprechen.


    Nun lief die neue Verfilmung im ZDf und mir schwante Böses; zu Unrecht, wie ich ganz klar feststellen muss. ach der Erstsichtung eindeutig sagen; dass meine Befürchtungen; hier würde mal wieder in zeitgeistiger Art und Weise das BÖSE groß ausgestellt und in moralischer Überlegenheit gebadet; um beim Publikum sichere Kasse zu machen; unbegründet waren. Meine Bedenken sind nicht völlig zerstreut worden; aber im Ganzen halte ich den Film für recht gut und auch als dritte Verfilmung überhaupt und zweite deutsche für absolut gerechtfertigt.


    Wie die beiden Vorgänger hält man sich weit es geht an das Protokoll und fügt nur hin und wieder eigenständige Szenen ein. Mit der Besetzung ist dem Regisseur, dem Sohn eines meiner Lieblingsschauspieler aus DDR-Zeiten; ein regelrechter Geniestreich geglückt. Wer sich in der bundesdeutschen Vorabend- und Krimilandschaft nicht so auskennt; wird das gar nicht recht zu würdigen wissen; aber praktisch alle Schauspieler gehören nicht zu den ganz großen Mimen, die abendfüllende Kinofilme für den Auslands-Oscar abdrehen; sind aber praktisch allabendlich auf deutschen Fernsehbildschirmen präsent.


    Johannes Allmayer, dessen Alemannisch das Schweizerische ahnen lässt und der immer kauzige und langweilige bis eigenbrötlerische, ja überexakte Figuren an der Grenze zu Asperger interpretiert, ist die Idealbesetzung für Adolf Eichmann; wenn auch ganz leicht kabarettistisch übersteuert. Maximilian Brückner; der obersympathische Bursche von nebenan aus der 2. Reihe, auch komödiantisch begabt; spielt mit Inbrunst, auch schon fast ein wenig übertrieben den Dr. Karl Eberhard Schöngarth, einen fanatischen Nationalsozialisten. Matthias Bundschuh; meist in Krimis aller Art als Übersensibelchen, schwuler Künstler oder extravaganter Adliger und Schöngeist unterwegs; gibt hier zwischen Kalkül und kalter Rechnerei bei prinzipiellem Einverständnis Erich Neumann, den Staatssekretär in Hermann Görings Behörde für den Vierjahresplan. Fabian Busch, auch Homo Sympathicus durch und durch; durfte im Untergang schon mal einen SS-Obersturmbannführer spielen, der sich nach der Kapitulation erschoss; und agiert hier überzeugend als Dr. Gerhard Klopfer, Martin Bormanns Faktotum in der Parteinkanzlei. Jakob Diehl als Gestapo-Müller ist eine prinzipiell starke Idee, der Bruder August spielte ja schon und auch international oft fanatische Vorzeigenazis; hier aber in dieser so vorsätzlichen bösen Pose; so ernst und als Einziger in der Runde ohne jedes Lächeln geht das an Heinrich Müller doch vorbei, dessen Persönlichkeit nicht so eindimensional war; Overacting durch Eingleisigkeit; verstörend dennoch und allemal. Godehard Giese kennt man aus unzähligen Folgen von Tatort und Polizeiruf; er gibt den eitlen, machtbewussten, aber auch klugen Dr. Wilhelm Stuckart, den Verfasser der Nürnberger Rassengesetzte; der weiß, wann er Heydrich nicht weiter reizen darf; geradezu adäquat. Peter Jordan; Bundschuh ähnlich im Gestus, aber etwas maskuliner; auch viel im Krimi unterwegs; überzeugt als Dr. Alfred Meyer, einen von zwei Vertretern des Ostministeriums.


    Auch Arnd Klawitter spielt in der Liga Jordan-Bundschuh und brilliert als Dr. Roland Freisler; der unbedingt den Führer treffen will und sich dafür nicht zu schade ist, die Stiefel anderer zu lecken. Frederic Linkemann kennt man aus den beliebten Eberhofer-Krimis und füllt mit kaum gebremster Lust die Rolle des Dr. Rudolf Lange aus; der auf Heimaturlaub von der mordenden Einsatzgruppe A keinen Hehl aus seiner Verachtung für die Bürokraten in Parteien, Staat und Verwaltung macht. Thomas Loibl, mit der bekannteste Schauspieler; versucht den Friedrich Wilhelm Kritzinger, den Ministerialdirektor und Staatssekretär in der Reichskanzlei, als vorsichtigen, servilen und fast devoten Zweifler und Nichtvonbeginnanmitmacher zu spielen; was zumindest geschichtswissenschaftlich noch umstritten ist. Sascha Nathan, mehr so der dickliche Losertyp in der TV-Besetzungslandschaft, spielt Dr. Josef Bühler, den Intimus des besonders großen Scheusals Hans Frank, Generalgouverneur und hauptverantwortlich für alle Verbrechen in Polen. Markus Schleinzer, in Deutschland nicht so bekannt, spielt Otto Hofmann Otto Hofmann, der als Chef des SS-Rasse- und Siedlungshauptamts immer wieder das Wort nimmt und die ideologischen Prämissen vorträgt. Simon Schwarz, den Mitstar aus den Eberhofer-Krimis, sehr präsent im Fernsehen; komödiantisch begabt und oft leicht trottelig dargestellt; ausgerechnet Martin Luther spielen zu lassen, grenzt an Wahnsinn auf der Besetzungscouch; denn der Unterstaatssekretär im Auswärtigen Amt (AA) spricht sechs Sprachen und gilt als Überflieger. Rafael Stachowiak ist noch nicht so bekannt; aber er hat ein sehr einprägsames Gesicht wie weiland Arno Wyzniewski oder ein abgemagerter Ulrich Matthes; der Dr. Georg Leibbrandt vom Ostministerium gerät ihm aber ein wenig zu aufdringlich vordergründig.


    Die von der neueren Forschung also erbrachte Erkenntnis, dass die Planer des Holocaust und der Endlösung keine abartigen Gestörten waren; sondern dynamische, karrierebewusste Männer aus der Mitte der Gesellschaft; wird hier wunderbar allein durch die Besetzungspolitik illustriert. Nur einer fällt aus dem Rahmen und das ist natürlich besonders schlimm: Philipp Hochmair ist ein wunderbarer Schauspieler; ein attraktiver Mann mit viel Volumen ohne dick zu sein, konziliant und leutselig; ein moderner Managertyp; dem man seine Kinder anvertrauen würde, fast sympathisch irgendwie. Ein Reinhard Heydrich ist das natürlich nicht: Dieser war weder so dämonisch; wie uns seine Kollegen im RSHA nach Kriegsende weismachen wollten, um ihre eigene Haut zu retten; noch war er ein reiner Technokrat ohne Interesse an weltanschaulichen Aspekten. Der SS-Obergruppenführer und General der Polizei, Leiter des Reichssicherheitshauptamts (RSHA) und Stellvertretende Reichsprotektor in Böhmen und Mähren hätte der Konferenz ganz sicher anders präsidiert; Dietrich Mattausch spielt das 1984 wesentlich überzeugender. Einzig der lange Blick vor dem persönlichen Gespräch mit Stuckart nach dessen Vorschlag zur Sterilisation lässt ahnen; in welchen Dimensionen man sich das Ganze vorzustellen hat. Diese Unterhaltung unter vier Augen übrigens einer der Tiefpunkte des Films; die gequälte Wendung zu privaten Fragen wirkt peinlich. Aber es muss doch möglich sein, einen großen, schlanken, blonden Mann mit etwas höherer Stimme und dominanter Nase zu finden; der Heydrich ein wenig ähnlich sieht; der Schauspieler muss doch nicht bekannt sein. Und der ein Alphatier vorstellt, der zwar die Ministerial- und Parteibürokratie für seine Vorhaben einspannen und sich die Federführung garantieren lassen will; der aber auch genau weiß, dass er bei seinem Status und seiner Protektion durch Hitler, Himmler und Göring im Kreis von Gleichgesinnten keine Gefangenen machen muss.


    Etwa störend empfinde ich die an dieser Stelle eher unwahrscheinlichen Monologe ideologischer Natur, zu denen sich verschiedene Teilnehmer mehrfach bequemen; wohl, um dem unbedarften Zuschauer etwas beizubringen. Das gilt insbesondere auch für die Erklärung der genauen Vergasungsvorgänge zum Schluss; denn auch das halte ich in diesem Rahmen für wenig plausibel, die erste Verfilmung hielt sich hier bedeckter. Aber wahrscheinlich haben die Drehbuchschreiber wohl leider nicht zu Unrecht ein Publikum im Blick, dem die historischen Tatsachen nicht mehr so präsent sind wie meiner Generation, die wir mit der Familie Weiss aufgewachsen sind und zumindest im Osten zu KZ-Gedenkstätten-Besuchen zwangsverpflichtet wurden vor der Jugendweihe.

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    Was wäre wenn?


    Es gibt Tage, die die Weltgeschichte mehr beeinflussen als andere. Der 14. Juni 1931 ist so ein Tag. An diesem Tag fährt der eben unehrenhaft aus der Reichsmarine entlassene Reinhard Heydrich; Spross einer Hallenser Bildungsbürgerfamilie, auf Drängen seiner zukünftigen Frau Lina von Osten und Vermittlung eines Freundes seiner Familie, Friedrich Karl von Eberstein, mit dem Zug nach München und stellt sich dem Chef der noch unbedeutenden SS vor, der sich gerade mit Planungen für einen eigenen Nachrichtendienst in der SS und der NSDAP trug, den späteren Sicherheitsdienst (SD) des Reichsführers SS, um angesichts der stetig steigenden Mitgliederzahlen in allen nationalsozialistischen Organisationen Spione und Saboteure in den eigenen Reihen aufzuspüren und natürlich den politischen Gegner auszuschalten.


    Himmler war von Heydrich beeindruckt, nicht nur von seinem Aussehen und seiner Statur, die für ihn exemplarisch den idealen SS-Mann verkörperten; sondern auch von dessen angeblichen Vorkenntnissen im Nachrichtenwesen. Dem lag eine schlichte Verwechslung sich eben wandelnder Begriffe vor: Heydrich war bei der Marine zeitweise im Fernmeldewesen aktiv; nicht im Geheimdienst; aber er hatte in seiner Jugend jede Menge Kriminal-, Detektiv und Spionageromane gelesen; später auch Publikationen zum militärischen Nachrichtendienst. So breitete er selbstbewusst und militärisch knapp vor Himmler sein angelesenes Halbwissen aus und konnte damit überzeugen. So wurde er eingestellt und was als Einmannunternehmen begann in einer winzigen Stube in München; wurde neben dem NKWD zum gewaltigsten Terrorapparat der Welt und verantwortlich für Tod und Zerstörung, für millionenfachen Mord.


    Was also wäre wenn? Wenn Reinhard Heydrich nach dem eher unglücklich gebrochenen Heiratsversprechen vor dem Ehrenrat der Marine nicht so arrogant und wenig ritterlich aufgetreten wäre und sich Admiral Raeder in letzter Konsequenz für eine Entlassung entschieden hätte, was in solchen leichten Fällen eigentlich nie vorkommt; wenn der Offizier einsichtig ist und sich entschuldigt. Für Heydrich bedeutete dieser unerwartete Karriereknick die entscheidende Wendung in seinem persönlichen Leben; diese berufliche Katastrophe trieb den bis dahin fast unpolitischen Militär in einer entscheidende Phase in die Hände der Nationalsozialisten. Es ist wenig wahrscheinlich, dass er ohne diesen Bruch in seinem Leben bei der SS gelandet und zum Henker von Prag und 6 Millionen Juden avanciert wäre. Er hätte sicher Karriere bei der Marine gemacht; wäre Admiral geworden und hätte im Krieg eine Flotte kommandiert; aber eben als „normaler“ Soldat und Offizier, nicht als professioneller Massenmörder von Männern, Frauen und Kindern.


    Ich meine bei Karl Marx gelesen zu haben; das Auftreten einer historischen Persönlichkeit sei ebenso zufällig wie notwendig. Hätte ein anderer Heydrichs Stelle einnehmen können und wäre genauso strikt verfahren? Wer will das sagen …

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    In einer staatstreuen Familie mit engagierten Genossen aufgewachsen habe ich nach der Wende erlebt; wie allen möglichen Funktionären, Parteikadern oder Mitarbeitern des MfS aus unserer weiteren Bekanntschaft, allesamt nur mittlere bis untere Ebene ohne auch nur ein Verbrechen wider die Menschen oder gar die Menschlichkeit; Rentenbezüge, Anrechnungen und weitere Versorgungsansprüche aus ideologischen und politischen Gründen verweigert wurden seitens der altbundes- und nun gesamtdeutschen Behörden.


    Wenn man dann liest, dass eine Lina Heydrich vierzig Jahre lang (sic!!!) vom bundesdeutschen Steuerzahler eine Witwen- und Waisenrente erhielt; eine Frau, die nicht nur mit einem der größten Massenmörder der Geschichte verheiratet war, sondern die selbst so widerwärtig aufgetreten ist in Prag, dass man sie nach Kriegsende in der Tschechoslowakei in Abwesenheit, weil sie nicht ausgeliefert wurde durch die britische Besatunsgmacht, zu lebenslanger Haft verurteilte; und die bis zu ihrem Tod kein Bedauern zeigte über die Untaten ihres Mannes und bis zum Schluss finanziell abgesichert durch den von ihr verachteten Staat überzeugte Nationalsozialistin geblieben ist; dann möchte man irre werden an Recht und Gerechtigkeit.

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    Mag sein, dass Friedrich Georg Jünger mit seiner „Perfektion der Technik“ aus dem Jahr 1946 als Vorläufer und Urheber der neueren Technikkritik und des ökologischen Denkens gilt; aber ich erinnere gerne daran, dass Friedrich Schiller seine "Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande" bereits 1788 veröffentlichte.

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    Sei dem, wie ihm wolle; aber mir kann keiner erzählen; dass die dritte Strophe der Motette Jesu, meine Freude (BWV 227) rein theologisch, volksfromm oder mythologisch gemeint ist. Egal, ob schon der Textdichter Johann Franck oder erst Bach selbst hier Akzente sehr viel weltlicher Natur setzten; es scheint mir evident; dass dieses kämpferisch-verzweifelte "Trotz dem alten Drachen" nur einer Schwiegermutter gewidmet sein kann oder allen Schwiegermüttern auf Gottes weiter Erde. Unter diesem Aspekt hätte ich zu gerne einmal eine Interpretation des Textes schreiben lassen in der Schule:


    Trotz dem alten Drachen,
    trotz des Todes Rachen,
    trotz der Furcht darzu!
    Tobe, Welt, und springe;
    ich steh hier und singe
    in gar sichrer Ruh!
    Gottes Macht hält mich in acht;
    Erd und Abgrundt muss verstummen,
    ob sie noch so brummen.


    Auf die Deutungen wäre ich gespannt gewesen.

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    Ich halte mal fest, ich, der ich dreimal geimpft bin und bis heute ehrlich gesagt nicht weiß, was ich von COVID-19, den Pandemie-Regeln und dem Pandemiemanagement halten soll:I

    1. Die Politik ist mit dem Szenario seit 2 Jahren komplett überfordert. Das ist erstens kein Wunder, weil wir mittlerweile nicht mehr von Eliten regiert werden; aber ich denke, die besondere Situation hätte auch altgediente Politiker mit Erfahrung im Krisenmanagment überfordert.


    2. Entsprechend ist die Transparenz und Kommunikation eine Katastrophe. In Zeitalter der Massenmedien darf so etwas nicht passieren. Vielleicht das größte Problem der ganzen Misere.


    3. Die Suche nach Schuldigen ist ein zutiefst menschlicher Zug. Das Procedere ist so alt wie die Menschheit selbst; angefangen bei Eva und vorläufig endend bei den Juden. Die politischen Ausgrenzungsmechanismen aber, die wir derzeit erleben; erinnern an die schlimmen Zeiten des Totalitarismus im III. Reich und in der DDR; da beißt die Maus keinen Faden ab. Das ist einer entwickelten Demokratie unwürdig.


    4. Wie schnell Grundrechte ausgehebelt werden, kann einem trotz aller ins Felde geführten Notwendigkeiten bis ins Mark erschrecken.


    5. Statt auf mittel- und langfristige Strategien zu setzen; agiert die Politik nach wie vor kurzfristig. Niemand hat den Mut zu erklären; dass man künftig mit Corona wird leben müssen; eine neue Variante wird die alte ablösen.


    6. Bei allem Theater und Spektakel: Die wirklich wichtigen Probleme wie eine Erhöhung der Anzahl der Intensivbetten EINSCHLIESSLICH des dazugehörigen medizinischen Personals wurden nicht angegangen.


    7. Neben den tagesaktuellen Problemen liegen durch Corona wichtige zivilisationsphilosophische Fragen auf dem Tisch; das Verständnis von Langlebigkeit, Gesundheit, Eigenverantwortung und Staatsmutterschaft muss endlich besprochen werden.


    8. Die bitterste Erkenntnis: Auch für einen intelligenten Menschen mit Lebenserfahrung ist diese Welt nicht mehr zu durchschauen. Politik und Medien verhindern einen eigenverantwortlichen, kritischen, reflektierten Umgang mit nicht nur diesem Thema. Der Satz von Kant ist nicht umsetzbar:


    "Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung."

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    Dass die deutsche Sprache ohne ihre Dialekte ärmer wäre, im Literarischen wie im Alltag, muss nicht eigens betont werden, wie man das heute in manchen Medien findet. Das ist eine Selbstverständlichkeit und eher sollte es wundernehmen, dass man die Dialekte über Jahrzehnte vergessen hat; abgetan als Beifang des Provinziellen, Völkischen, Ausdruck gar einer Blut-und-Boden-Ideologie; rückständig, archaisch, beschränkt und bäuerisch; etwas, das man nicht nur ignorieren sollte; sondern das überwunden, ja ausgemerzt werden muss. Aber der Dialekt war widerständig wie die orthodoxe Kirche im bolschewistischen Russland – die hat 70 Jahre nach der Revolution einfach wieder weitergemacht, als habe es Lenin, Stalin und den Atheismus nie gegeben; und auch die Mundarten sind bislang nicht wie erwartet mit ihren vermeintlich letzten Sprechern ausgestorben.


    Denn die besonderen Eigenarten, die die besondere Lebenswirklichkeit samt den zu Grunde liegenden Wurzeln spiegeln; machen die Dialekte attraktiv auch für jüngere Menschen. Wer sich seiner Wurzeln besinnt, seiner Herkunft; wer Wert auf die Pflege von Traditionen legt und Brauchtum, der findet im Dialekt seiner Vorfahren, Ahnen und Landsleute eine Heimat. Und so wie er den eigenen liebt, achtet er auch die anderen und so wird mitnichten aus der Liebe zum Eigenen der Hass auf alles Fremde; sondern im Gegenteil schweißt das volkstümlich gesprochene Wort zusammen in den weiten deutschen Landen.


    Was mich als gelernten Ossi nur so ärgert, ist die mediale Vermittlung der verschiedenen Dialekte in den letzten Jahrzehnten. Und da zuallererst die Verhunzung des Sächsischen zum Soziolekt; die letztlich alle ostmitteldeutschen Mundarten in Sachsen, Thüringen, Anhalt etc. stigmatisiert, da sie in Film und Fernsehen immer von zurückgebliebenen, minderbemittelten Versagern und primitiven Nazis gesprochen werden. Mancher Kabarettist und Comedian hat daraus inzwischen eine Goldgrube geschachtet; Wolfgang Stumph staatstragend bieder; Uwe Steimle sarkastisch; Olaf Schubert genial und Elsterglanz als Thrash. Es bleibt dennoch eine denunziatorische Schweinerei: Ausgerechnet das Obersächsische, aus dem sich über Martin Luther und die Meißner Kanzleisprache unser schriftsprachliches Hoch- und Standarddeutsch entwickelt hat; die Sprache Goethes, Nietzsches und Thomas Manns; wird verhohnepipelt als Ausdrucksform des ewigen Ossis.


    Im Gegenzug feierte in zahlreichen Filmen und Serien etwa das Ober- und Niederbayerische Auferstehung und zog in alle Stuben ein von den Alpen bis zur Nordsee; auch das Ruhrpottdeutsch erlangte Kultcharakter; spätestens seit den Werner-Filmen auch das Niederdeutsche; die Berliner Schnauze hat ihren Ruf als Mundart der hauptstädtischen Großfressen nie verloren; Heinz Becker führte das Saarländische über die Kleinkunst in die Hochkultur ein; das Schwäbeln wurde sympathisch, die Rheinfränkischen Dialekte kennt man durch Günter Strack und Co.; das Wienerische war seit jeher populär, nicht erst durch Kottan; und heutzutage verlangt die Flut an regionalen Krimiformaten nach Mundartsprechern, wobei die Macher hier oft genug Schwierigkeiten haben; solche im reinen Typus zu finden.


    Mich wundert eigentlich, dass es noch nie ein Format gab im TV, bei dem die wichtigsten deutschen Dialekte eine Rolle spielen. Alleine eine Diskussionsrunde zwischen einem Oberbayern, einem Schwaben, einem Ruhrpottler, einem Sachsen, einem Berliner; einem Norddeutschen, einem Hessen, einem Kölner, einem Oberfranken; einem Wiener etc. wäre doch eine Gaudi schlechthin. Wenn man sich beeilt, findet man vielleicht auch noch genuine Sprecher des Ost- und Westpreußischen, des Schlesischen und des Sudetendeutschen; bevor diese Dialekte mit ihren letzten Zeugen ganz verschwinden.


    Dass die Dialekte komplexer und ausdifferenzierter sind als gemeinhin angenommen, ist natürlich klar; aber das lässt sich im Fernsehen für die Massen kaum vermitteln: Allein in Thüringen gibt es mehr Dialekte als man glaubt; im Osten spricht man ganz anders als im Westen, Norden und Süden. In Bayern gibt es große Unterschiede nicht nur zwischen Bayerisch und Fränkisch; viele halten vieles für Oberbayrisch, was eigentlich niederbayerisch (Fredl Fesl!) ist und die Münchner sind schon wieder ein eigenes Kapitel. Der norddeutsche Raum kennt neben dem aussterbenden Platt, einer eigenen Sprache und keinem Dialekt im eigentlichen Sinne; so viele Mundarten wie Landstriche; das Gleiche gilt für alle Naturräume und historischen Regionen. Manchmal klingen zwei Städte im Ruhrgebiet einander sehr ähnlich, dann wieder gar nicht. Dialekt bedeutet ja auch nicht nur einen eigenen Wortschatz und eine eigene Semantik; viel geht über die Betonung, die Sprach- und Sprechmelodie; den Slang.


    Und große Literatur im Dialekt? Ja, das geht auch; aber selten; schon wegen der problematischen Rezeption. Fritz Reuter mag das bekannteste Beispiel aus der deutschen Literaturgeschichte sein, aber Uwe Dick lebt noch und verbindet experimentelle Sprachgewalt in der Tradition Johann Fischarts und Arno Schmidts mit der Kraft des niederbayerischen Dialekts.

    • Offizieller Beitrag

    An Giskon, den großen Suffeten, den Suffeten des Meeres, meinen Herrn, Dein Knecht Abdichiba, durch Deine Gnade Aufseher der Festung Chebar bei Gadir : Zu Deinen Füßen falle ich siebenmal siebenmal nieder, ich will Deine Befehle getreulich ausführen, Deinen Tempel will ich bauen, Deine Entscheidungen erfüllen. Möge es Dir, o Herr, gut gehen; Deinem Hause, Deinem Harem, Deinen Söhnen, Deinen Großen, Deinen Pferden, Deinen Streitwagen, Deinen Ländern möge es recht gut gehen. Möge Moloch Deinen Fäusten weiterhin Kraft geben, daß sie die räuberischen Römerhunde treffen wie Felsen.

    […]

    So schreibt Abdichiba, der Knecht der Knechte vor den Füßen des großen Suffeten, ich schlage die Stufen Deines Stuhles mit meiner niedrigen Stirn, mein Rücken sei Dein Schemel; gebiete über mich und mein Haus, meine Weiber, meine Töchter und Sklavinnen, meine Söhne, meine Knechte, mein Vieh, mein Vermögen, gebiete über alles, o Liebling des Moloch, o Wonne der Gerechten, Du mein Herr! –"


    So Arno Schmidt in seinem frühen Kurzroman Gadir oder Erkenne dich selbst über die letzten Stunden des Pytheas von Massalia als karthagischer Gefangener in der Festung Chebar nahe der phönizischen Stadt Gadir. Man kann sagen, was man will; so ein Zeremoniell hat was; dass die Form auch heute über vielerlei Unbill siegte, scheint indes zweifelhaft.

    • Offizieller Beitrag

    (Dionysius von Halikarnassos stellt als Hauptforderungen an den Historiker : keine Religion; kein Vaterland; keine Freunde : das kannste haben!).


    So das so bekannte wie wahre Diktum Arno Schmidts in Das steinerne Herz; wobei er auch und besonders den Dichter meint, den Schriftsteller, jeden Autor.


    Peter Sloterdijk hat das anlässlich Botho Straußens Anschwellendem Bocksgesang gegenüber Carlos Oliveira explizit ausgeführt und erweitert:


    Es ist nicht die Aufgabe des Schriftstellers, harmlos zu sein. Mir scheint, wir haben aus dem Auge verloren, was ein Schriftsteller ist und was er tut, wenn er seinem Metier nachgeht. Schriftsteller sind Experimentatoren, ihr Job ist das Aufspüren der gefährlichen Substanzen, die man die Themen nennt, die Tiefenthemen der Epoche. Die werden von den Autoren prozessiert, zerlegt, gefiltert, umgekehrt, rekomponiert. Das ist eo ipso ein riskanter Job, mit gutem Willen allein nicht zu bewältigen.

    […]

    Ich muss es noch einmal sagen – diese einfachen Linken und Vorsichtsintellektuellen, die haben vergessen oder nie gewusst; was ein Autor ist. Autoren von Qualität tun und sagen Unerhörtes, Schwerhörbares, Neuhörbares, sie experimentieren mit neuen und alten Sätzen im ästhetischen und logischen Raum, sie proben Setzungen, sie haben die Qual und die Freiheit der Form – zwei Dinge, die unmittelbar zusammenhängen, denn Freiheitsgewinn in der Form ist meistens die Kehrseite von leiden. Ein Autor ist ein Studio für schwere Stücke, für wenig gespielte Gedanken. Sein Inneres dient als Experimentalraum, in dem virulente thematische Materie getestet und geformt wird – darunter sind hochgiftige Substanzen. Es gibt eine direkte Relation zwischen der Größe eines Autors und der Gefährlichkeit der Stoffe, die er prozessiert und meistert. Aus Harmlosigkeit entsteht nur wieder Harmlosigkeit, aus gefährlichem entsteht Denken, und wenn das Denken den Form-Punkt findet, kommt der Augenblick der Kunst. Ein Autor, der etwas taugt, infiziert sich selbst mit den Stoffen, an denen er arbeitet – das ist nun einmal nicht anders. Thomas Mann hat das so gemacht, Kafka, Hans Henny Jahnn, Benn, Musil, Broch, alle Großen des Jahrhunderts, sie sind alle auch Meister des gefährlichen Denkens gewesen.


    Und ihrer aller Lehrmeister Friedrich Nietzsche wusste schon im „Zarathustra“ die Worte, die jener zum strebenden Seiltänzer sprach:


    Nicht doch«, sprach Zarathustra; »du hast aus der Gefahr deinen Beruf gemacht, daran ist nichts zu verachten. Nun gehst du an deinem Beruf zugrunde: dafür will ich dich mit meinen Händen begraben.


    Und solange die heutigen Kritiker, Kritikaster und Rezensenten nicht begreifen, dass sie einen Autor kastrieren und unfruchtbar machen, indem sie landläufige Mainstreamanforderungen an ihn herantragen und von ihm einfordern; solange wird auch kein neuer Großer auftauchen zu Lebzeiten und Mittelmaß unser Los sein.

    • Offizieller Beitrag

    Jörg Magenau stellt seinem schönen Buch Brüder unterm Sternenzelt Friedrich Georg und Ernst Jünger. Eine Biographie diese Tagebucheintragung der Gebrüder Edmond und Jules de Goncourt vom 3. September 1855 voran:


    "Alle vier- oder fünfhundert Jahre ist ein Einbruch von Wildheit vonnöten, um die Welt neu zu kräftigen. Die Welt würde sonst an der Zivilisation zugrunde gehen. Wenn die Mägen gefüllt´sind und die Männer nicht mehr vögeln können, brechen aus dem Norden sechs Fuß hohe Burschen ein. Heutzutage gibt es zwar keine Wilden mehr, aber die Arbeiter werden es sein, die in einigen fünfzig Jahren diese Aufgabe übernehmen. Man wird es die soziale Revolution nennen."


    Auch wenn sie mit dem Proletariat irrten, behielten sie mit der Grundaussage Recht und es blieb Oswald Spengler vorbehalten, ein halbes Jahrhundert später diese zyklische Abfolge der Hochkulturen in eine Form zu bringen. Dass wir in so einer Spätphase einer Hochkultur leben, dürfte kaum noch überraschen angesichts der Entwicklungen in den letzten anderthalb Jahrhunderten. Ob diesmal die potenten wilden Burschen aus dem arabischen Raum kommen, stehe dahin; das wird sich weisen.


    Interessanter finde ich; dass sich die gleichen Entwicklungen auch auf atomarer oder molekularer Basis, in den Familien und Geschlechtern abspielen; was aber nur logisch erscheint, denn die Gesamtheit der Gesellschaft, die als Kultur und später Zivilisation agiert, besteht ja aus diesen familären Keimzellen. Aber wie oft findet man das, dass sich in der ersten Generation nach der Unsichtbarkeit in der armen Masse einer mühsam und mit Macht hocharbeitet; den Kindern Bildung und sozialen Aufstieg ermöglicht, die Enkel dann solidieren und wenn möglich weiter progredieren, bis irgendwann eine Schwelle erreicht ist; von der an es wieder abwärts geht.


    Meist sind die Nachfahren, die schon in sozialer Sorglosigkeit und ohne Existenzkampf aufwachsen; weniger robust in physischer, geistiger und seelischer Hinsicht; oft verfeinern sich die Sitten und Genüsse, man studiert nicht mehr Jura oder Ökonomoie, sondern etwas Musisches oder Literatur und Kunst, gefällt sich in Dekadenz und Exzentrik. Und es folgt auf den den biologischen der familiäre Verfall, der soziale und gesellschaftliche. Am Ende stehen Spital, Irrenhaus, Gottesacker und die totale genealogische Auslöschung. Thomas Mann hat das alles in den Buddenbrooks geradezu paradigmatisch beschrieben.


    In meiner Familie ist das nicht anders; mein Bruder ist noch der außerordentlich Tüchtige im guten bürgerlichen Sinne; und ich bin das Schwarze Schaf auf Abwegen; der Intellektuelle und Möchtegernkünstler, der Grübler und Mystiker, der Wanderer ohne Schatten, der Einsame in der lauten Welt, der Rufer in der Wüste, der Verzweifelte voller Zweifel; der Niedergeschlagene und Verworfene, der Leidende und Suchende, der Resignierende und so überaus traurige Mensch voller Lebensfreude; der von der Genetik und Geschichte Betrogene, eine rundum gescheiterte Existenz ohne Reue. Mein Zweig endet mit mir und was meine Neffen an Zukunft gestalten, werde ich sicher nicht mehr erleben. Das alles ist nicht schlimm; es ist eben so.