Yoricks Nachtgedanken bei Tage

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    Zur documenta muss man weiter nicht sagen; ich freue mich eigentlich nur; dass man die Abläufe und Mechanismen auf die Sekunde genau voraussagen kann. Auf sachliche Debatte und rationale Argumente braucht man nicht hoffen; aber wiederum ist schön zu sehen, wie komplett irrational hier wieder alles abläuft. Von der Freiheit der Kunst will ich gar nicht erst reden; gäbe es sie, würden wir keinen "Skandal" haben. Aber erst deutet man wie immer Kritik an Israel um in Antisemitismus; dann überträgt man diesen vermeintlichen Antisemitismus von einer asiatischen Künstlergruppe auf das deutsche Volk und schließlich kulminiert das in der Feststellung, dass dieser Antisemitismus in Deutschland wieder wachse, woraufhin die üblichen Verdächtigen vom Zentralrat der Juden, den entsprechenden Eiferern aus der bunten Politik- und Medienwelt von Stellungnahmen über Podiumsdiskussionen, Aufarbeitungsforderungen, Strafanzeigen, Entlassungsforderungen die Erregungshysterie schüren und eine bodenlose mediale Lawine lostreten. Das ist inzwischen genauso vorhersehbar wie langweilig; Peter Sloterdijk hat in der Berliner Zeitung dazu das Nötige gesagt.


    Mein Interesse am Antisemitismus aber wächst; denn ich stehe nun im 52. Lebensjahr, habe in zwei politischen Systemen gelebt und trotzdem in meinem Umfeld noch niemanden getroffen, den man als Antisemiten bezeichnen könnte; schon allein deshalb, weil 99,9 Prozent noch nie einem richtigen Juden leibhaftig begegnet sind. Ich selbst kenne einige, aber die stammen alle aus einem eher akademischen Milieu und praktizieren ihre Religion nur sporadisch an besonderen Feiertagen; sehen sie als Intellektuelle eher als familiäres und historisches Erbe denn als existenzielle persönliche Notwendigkeit; vergleichbar so vielen westlichen Bildungsbürgern der letzten 200 Jahre. So bleibt es eine unergründliche Geschichte, wenn periodisch ein wachsender Antisemitismus in Deutschland seitens der biodeutschen autochthonen Bevölkerung konstatiert wird. Dabei wächst der Judenhass tatsächlich auch in der Bundesrepublik; aber nicht in den Reihen der dritten und vierten Nachkriegsgeneration, sondern durch die vielen Millionen muslimischer Einwanderer, die aus verschiedenen Gründen einen starken antisemitischen Impetus haben.

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    Das Lübzer ist ein wirklich gutes Bier, für das Pils eines Großkonzerns erstaunlich eigen im Geschmack, sehr süffig, leicht malzig; irgendwie von leichter Schwere, eher dunkel als hell, sehr ausgeglichen. Aber es schmeckt draußen besser als drinnen und in Mecklenburg im Urlaub besser als daheim in Thüringen im eigenen Garten. Da ich ich jetzt das Lübzer im Urlaub nicht auch drinnen getrunken habe, kann ich leider nicht sagen; wie es da schmeckt.

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    Ich fand die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts immer besonders spannend und vor allem tragisch aus zum Beispiel deutscher Perspektive - da gab es Menschen, die in vier unterschiedlichen Systemen gelebt haben: Kaiserreich, Weimarer Republik, III. Reich, DDR/BRD. So viele Brüche, Verwerfungen und Zäsuren in einem einzigen Leben! Und noch immer gibt es keinen deutschen Gesellschaftsroman, der diesen biografischen Weltlauf zu einem organischen Ganzen gewebt hätte; aber das ist auch eine schier unvorstellbare Aufgabe; da braucht es ein Genie mit langem Atem.


    Nun erkenne ich aber mit Entsetzen, dass auch ich schon in zwei verschiedenen politischen Systemen gelebt habe und es inzwischen so aussieht, als müsste ich noch ein weiteres erleben; noch dazu eine DDR 2.0. Für einen Ossi kommt es nämlich knüppeldick: Über 30 Jahre nach der Einheit könnte es wieder zu einem neuen autokratischen System kommen, das in vielen Details schon jetzt ostdeutschen Zuständen zwischen 1949 und 1990 ähnelt. Das ist keine Ironie der Geschichte mehr, das ist blanker Zynismus. Daher möchte ich offiziell Beschwerde einlegen; eigentlich wären die angelsächsischen Völker mal dran.

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    Im Nachbardorf während des Urlaubs südlich des Plauer Sees an der Mecklenburger Seenplatte lebt und arbeitet ein Künstler mit Frau, Hund, Kind und Galerie. Natürlich schauten wir bei ihm rein, er entsprach optisch allen Klischees – lange ungepflegte Haare, Russenhemd, undefinierbare Beinkleider, kaputte Sandalen. Auch typisch die Biografie, er stammt aus dem tiefsten Westdeutschland, hat sich nach verschiedenen Ausbildungen und Studiengängen viele Jahre in der ganzen Welt herumgetrieben und dann natürlich lange in Berlin gelebt und gearbeitet, wo er seine Frau kennenlernte; mit der er aufs Land zog und zwar wirklich an den Arsch der Welt. Mal sehen, wie lange er durchhält; vom Kunstbetrieb ist er jedenfalls etwas abgenabelt trotz einiger Ausstellungen, sagt er selbst.


    Wir mochten uns gleich, auch unsere Hunde vertrugen sich. Er führte kurz in seine Werke ein, besonders den brandneuen Kriegszyklus, über den ich sehr gelehrt sprach; weil ich nicht umhinkonnte, ihn darauf hinzuweisen, dass sich Käthe Kollwitz und Otto Dix als Vorbilder nicht verleugnen ließen und er sich auch nicht gescheut hatte, Pablo Picasso direkt zu zitieren (kopieren) und Munchs „Schrei“ in mehreren Variationen auftauchte. Ich bin der letzte, der das kritisieren würde; epigonale Kunst bedeutet für mich schon noch etwas Anderes als diese Anverwandlung und Benutzung im positiven Sinne. Am besten gefielen mir aber seine langzeitbelichteten Fotografien und seine Bilder aus Lappland; hätte ich mehr Geld und Platz daheim, ich hätte die paar hundert Euro sicher ausgegeben.


    Beim Abschied fragte er, woher wir eigentlich kämen und als ich Thüringen sagte, staunte er nicht schlecht und meinte, er hätte mich für einen Wessi gehalten. Darauf ich ehrlich entsetzt, so sehr hätte mich noch niemand beleidigt; worauf er ganz erschrocken sagte, er sei ja auch einer, das wäre nicht böse gemeint gewesen. Ich konnte ihn beruhigen, man dürfe nicht alles so ernst nehmen, was ich von mir gebe. Aber im Ernst: In meinem ganzen Leben hat mich noch niemand für etwas anderes als einen Ossi gehalten, allein des Dialektes und meines bäurischen Gestus, des proletarisches Gehabes wegen. Er entschuldigte sich nochmals, meinte, er dachte wegen meiner Kenntnisse der Kunstgeschichte und meines Interesses für Kunst und Kultur; da winkte ich ab und rief, er solle es nicht noch schlimmer machen; als ob nun die Wessis kultivierter wären als wir ...

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    Michel Houellebecq: "Vernichten" (S.615f.):


    Ganz am Ende des Romas: Der sterbende Paul auf einem Waldspaziergang mit seiner wiedergewonnenen Frau Prudence:


    "Sie schmiegte sich an ihn und fragte ihn dann oder sie sagte zu ihm, es war nicht klar, ob es eine Frage war: "Wir waren nicht so richtig zum Leben gemacht, nicht wahr?" Das war ein trauriger Gedanke, und er spürte, dass sie kurz davor war zu weinen. Vielleicht hatte die Welt letzten Endes doch recht, dachte Paul, vielleicht gab es für sie keinen Platz in einer Realität, die sie nur mit ängstlichem Unverständnis durchschritten hatten. Aber sie hatten Glück gehabt, sehr viel Glück. Für die meisten Menschen war die Durchquerung vom Anfang bis zum Ende eine einsame Angelegenheit.


    "Ich glaube nicht, dass es in unserer Macht lag, die Dinge zu ändern, sagte er schließlich zu ihr. Ein eisiger Windstoß umfasste sie, und er drückte sie fester an sich.


    "Nein, mein Schatz." Halb lächelnd sah sie ihm in die Augen, doch auf ihrem Gesicht schimmerten ein paar Tränen. "Wir hätten wunderbare Lügen gebraucht."


    Ita est ...

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    Ich habe ein großes Problem erkenntnistheoretischer Natur: Mir ist nach wie vor unbekannt, ob ich Bier besser oder schlechter vertrage, wenn ich es aus meinem geliebten Halbliterglas aus DDR-Zeiten trinke oder direkt aus der Flasche. Das Vermaledeite an der Geschichte ist die Versuchsanordnung, um auf ein halbwegs objektives Ergebnis zu kommen. Natürlich verfüge ich über Erfahrungen der Art, dass ich den einen Abend zehn Bier aus dem Glas getrunken habe und den anderen auch zehn aus der Flasche. Aber da liegt in der Regel ein ganzer Tag dazwischen, wie soll man da entscheiden, ob man sich besser oder schlechter fühlt?! Theoretisch müsste ich zeitgleich beide Versuchsreihen bewältigen können; aber wie soll das funktionieren, ohne dass ich ein Paralleluniversum bemühe; von dem ich ja auch nicht weiß, die die Braukunst dort entwickelt ist?! Soll ich also erst ein Bier aus dem Glas und dann aus der Flasche trinken und so weiter? Das bringt keinerlei Fortschritt in der in Rede stehenden Angelegenheit! Es ist so vertrackt; weil man an zwei aufeinander folgenden Tagen nicht wirklich die gleichen Ausgangsbedingungen garantieren kann: Wetter, Klima, Tagesform, Frau im Haus oder unterwegs und so weiter. Selbst wenn man es schaffen würde; zwei quasi identische Abende zu erwischen; weiß man nicht, welche kosmischen Strahlungen, mikrobiologischen Prozesse oder sonstige kaum wahrnehmbaren Einflüsse das Ergebnis verfälschen. Das gilt im Übrigen auch für die Frage, ob man Bier aus nullfünfer oder nulldreiunddreißiger Flaschen besser verträgt; natürlich wieder aufgedröselt in die Frage Glas oder Flasche.

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    Das Problem, für zeitgenössische Kunst hinreichend Käufer zu finden; liegt weniger im Finanziellen an sich begründet; denn ob man 50, 500, 5000 oder 50000 Euro für etwa ein Gemälde ausgibt; ist gar kein so großes, zieht man heran, wofür die Leute sonst so Geld ausgeben; im Restaurant, im Puff, für den Urlaub oder ein Auto. Das Problem ist eher, wo man es hinhängen soll; das gute Bild?! Das ist wie schon früher von mir beschrieben das gleiche Problem wie mit einer Privatbibliothek. Man hat nie und nimmer genügend bezahlbaren Wohnraum zur Verfügung. Es sei denn, man ist reich und besitzt mehrere sehr große Immobilien mit vielen hohen Wänden. Bei mir hier ist nirgendwo mehr ein Platz frei; alles steht voll mit Büchern und CDs; normalem Hauskram und so weiter; und überall, wo ein Kunstwerk hängen könnte, hängt schon eines. Ich könnte mir also durchaus für 500 Euro das Bild eines noch lebenden Künstlers kaufen, aber ich könnte es nirgendwo hinhängen. Und würde ich sparen wie verrückt und mir ein größeres Haus kaufen; hätte ich kein Geld mehr für den Erwerb von Gegenwartskunst. Also alles wie immer, nur die Reichen können sich Kunst leisten.

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    Ich frische gerade meine Russischkenntnisse auf; mit dem dtv-Bändchen Klassische russische Erzählungen; eine zweisprachige Ausgabe mit sieben Erzählungen großer Russen des 19. Jahrhunderts; Puschkin; Gogol; Turgenjew; Dostojewkij; Lew Tolstoj; Ljesskow und Tschechow. ты никогда не узнаешь ...

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    Das ist ja so eine Grunderfahrung einer jeden Kindheit: Wenn Mannschaften gewählt wurden im Schulsport oder der Freizeit draußen - meist natürlich Fußball, bei uns auch Volley- oder Basketball, wobei man da eben ein Netz brauchte oder einen Korb, beides gab es praktisch nie; während für das runde Leder ein alter Ball und vier Schulranzen reichten - schlug der Moment der Wahrheit. Für die, die erst zu allerletzt, weil es nicht mehr anders ging, gewählt wurden, war das sicher hart. Ich war nie der erste, aber auch nicht der letzte; es gab immer noch einen schlimmeren Körperklaus, von daher ging das. Heute würde man sagen, das Kind würde diskriminiert oder gemobbt; wir haben das einfach als das empfunden, was es ist, die Wirklichkeit, auch wenn sie hin und wieder schmerzte. Diese Erfahrungen, an denen man wächst oder die Realität ertragen lernt, will man heute einfach ausblenden. Das ist nicht gut.

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    Der Teufel steckt nicht im Detail, sondern ganz im Gegenteil in den allgemeinen Aussagen wie die Menschheit oder das Gute und das Böse. Er verkörpert die konkrete Erfahrung, die ehrliche Mikrostruktur; er ist ganz nah am Menschen und abhold jeder Theorie, der sich eine vielgestaltige Wirklichkeit anpassen soll. Er ist der einzige, der Gottes Schöpfung so respektiert wie sie ist.

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    Im diska gibt es „Deutsche Kirschen“ zu kaufen; ich bin entsetzt, dass das in diesem Land noch möglich ist. Es müsste schließlich heißen, „Kirschen, die auf dem Staatsgebiet der Bundesrepublik Deutschland von Mitgliedern der deutschen Bevölkerung angebaut wurden und aller Wahrscheinlichkeit nach von vor allem südosteuropäischen Unterprivilegierten geerntet worden sind“. Der radikale und extreme Nationalismus in diesem Land macht selbst 80 Jahre nach Kriegsende auch vor Steinobstgewächsen nicht Halt. Ich fordere die Entlassung der gesamten Führungsetage der Edeka-Gruppe, der Filialleiterin und auch der Kassiererin, die mich nicht darauf hingewiesen hat; dass es auch Kirschen aus anderen Ländern zu kaufen gäbe und mich das „deutsch“ diskriminieren und traumatisieren könnte. Des Weiteren sollte ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss eingesetzt werden, um diese Auswüchse zu untersuchen und künftig zu unterbinden; die Lehrpläne der Schulen müssen unbedingt in dieser Hinsicht modifiziert werden. Darüber hinaus wäre zu prüfen, ob die Kirsche an sich künftig gender-neutral (der/die/das Kirsch) zu benennen wäre, um reaktionären patriarchalischen Interventionen; es gebe gar keine männliche Form der Frucht; präventiv den Wind aus den Segeln zu nehmen.

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    Obwohl es sogar noch verrücktere, anspruchsvollere und längere Disziplinen gibt; etwa die Mehrfachdistanzen des von mir eben anzusprechenden Triathlon; bleibt mir die klassische Form desselben die größte Unbegreiflichkeit meines ganzen Sesselsportlerlebens. Mir ist absolut unbegreiflich, wie ein einzelner Mensch erst 3,86 km in offenem Gewässer schwimmt; dann 180 km mit dem Rad fährt und schließlich noch einen Marathon von 42,2 km absolviert. Jede Einzeldisziplin für sich halte ich schon für undurchführbar; aber auch noch alle hintereinander am Stück und das nicht im Sparmodus, sondern volle Kanne auf Zeit und Sieg im Wettstreit mit hunderten, tausenden anderen Athleten; das will mir nicht in den Kopf.


    Ich könnte zusammen in einem Ruck ohne meine kaputten Knie vielleicht 1,5km schwimmen; 15km Radfahren und 1500 Meter laufen; aber da müsste ich schon noch trainiert haben ein Jahr oder zwei. Und wenn ich sehr lange übe und mich fitmache, schaffe ich vielleicht die gesamte Distanz im Wasser, wenn ich vorher und nachher ein paar Wochen habe zur Vorbereitung und Regeneration. Mehr als 80km mit dem Rad wäre auch mit Training nicht drin; und laufen konnte ich noch nie lange; kaum 3000 Meter. Also auch wenn ich die gesunden und leistungsfähigen Körper und Jahrzehnte an Leistungssport mitdenke, fügt sich in meinem Kopf nicht zusammen, dass man einen Triathlon bewältigen könnte. Meine Bewunderung für diese Sportler ist grenzenlos; denn zum Physischen kommt ja noch das Mentale; wie zäh müssen diese Menschen sein, wie stark in allen Bereichen.

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    Ist es nicht nachgerade unglaublich komisch; dass sich die Mitglieder heutiger Generationen für die individualistischsten Individuen der gesamten Weltgeschichte halten; für frei und mündig, für weltoffen und tolerant; für die Träger einer in alle Bereiche vordringenden technologisch grundierten Wissensgesellschaft, für moralisch und ethisch, integer und gut; uneigennützig und altruistisch, für sozial und gerecht; letztlich also die Krone der Schöpfung, mithin das Endziel der Geschichte, aller Theologie und Teleologie?!


    Da sie doch in Wirklichkeit die am wenigsten individualistische Masse der Weltgeschichte ist; ununterscheidbar in ihrer beispiellosen Konformität; in der alle das Gleiche (nicht) denken und (nicht) fühlen; buckelnd vor den jeweiligen Autoritäten und Machtinhabern; die unfreiesten und unmündigsten Menschen im Vergleich zu den eigentlich existierenden Möglichkeiten; weltabgewandt bis zur Realitätsflucht und -leugnung; intolerant gegenüber jeder Abweichung von auch nur einem Jota; dumm, ungebildet und eingeschworene Feinde einer jeden wirklichen Bildung; unfähig und nicht willens, das vorhandene Wissen wirklich zu nutzen; moralisch verkommen und ethisch verblendet; Charakterkrüppel mit verkrümmtem Rückgrat; böse aus gutem Glauben; egoistisch bis egomanisch; a-sozial und ungerecht in den essenziellen Dingen?!


    Und ausgerechnet diese „Individuen“ schreien ihre Selbsteinschätzung Tag für Tag und lauter und lauter in die Welt hinaus; über alle Kanäle, Fernsehen und Radio; im Internet und in den sozialen Medien. Wie kann man da anders, als an die Szene im „Leben des Brian“ denken; als jener zum versammelten Volk ruft:“ Ihr seid doch alle Individuen." Und dieses schreit zurück: „Ja, wir sind alle Individuen.“ Und Brian: „Und ihr seid alle völlig verschieden.“ Und das Volk im Chor: „Ja, wir sind alle völlig verschieden.“ Man muss einfach diabolisch lachen, um nicht göttlich zu verzweifeln.

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    Heute zur Ledernen Hochzeit, da die Braut von vor drei Jahren mit dem elenden Virus und nicht mit dem Bräutigam von einst schwer zu Bett liegt; frage ich mich, ob der gutbürgerliche Yorick von jetzt der eigentliche ist oder der einsame unsoziale Bürgerschreck und Bauerntölpel von damals? Was war eigentlich angelegt, der Mann, der sich trotz aller notwendigen Auszeiten in Klausur seiner Familie freut; der seine Frau mehr liebt als sich selbst und alles für sie tun würde; oder der ewige Mönch im Oberland in seiner Bücherscheune mit seinen Hunden; melancholisch, verträumt, illusionslos und auch ein wenig verbittert? Hat sich der eine nur so entwickelt, weil er eben keine Frau fand zur rechten Zeit und keine Familie gründen konnte; oder macht sich der neue Yorick nur etwas vor in seinem gegenwärtigen Leben und hat sich eine Fassade aufgebaut, hinter der es bröckelt? Kann man so eine Frage überhaupt beantworten? Gibt es nicht nur kein richtiges Leben im falschen; sondern auch das falsche Leben im falschen?

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    Seit ein paar Wochen dusche ich dreimal am Tag heiß und zwar jeweils über eine halbe Stunde; das ist zwar anstrengend und die Haut leidet; aber ich beiße mich da durch. Überhaupt versuche ich so oft wie möglich, heißes Wasser so lange und so nutzlos wie möglich laufen zu lassen. Ich habe auch alle technischen Geräte im Haus von morgens bis abends an und wenn möglich auch die ganze Nacht über: Man denkt ja immer, man hätte so viele Sachen, die Strom ziehen; aber es ist gar nicht so leicht, dreißig oder vierzig Geräte gleichzeitig laufen zu lassen. Viele aus dem Haushalt sind ja fest installiert, andere aber muss man erst mühsam zusammensuchen; oft liegt das Ladekabel woanders oder es fehlt inzwischen ganz. Aber wenn man Geduld hat und auch beim Nachbarn borgt, kriegt man seine siebenmalsiebzig Sachen schon zusammen.


    Das permanente hochtourige Heizen im Hochsommer bei 35 Grad Außentemperatur bekomme ich nur in den Griff; weil ich eine moderne Klimaanlage habe; die dann ebenfalls permanent auf höchster Stufe arbeitet. Gas ist noch ein Problem; da wir hier nicht darauf eingerichtet sind; ich horte zwar die Flaschen und leere sie mit Campingkochern etc.; aber das kann noch nicht die ultimative Lösung sein; das dauert einfach zu lange, ist nicht effizient; aber ich bin auch hier zuversichtlich. Ich plane unterdessen, draußen auf dem Feld Kohle schwelen und abbrennen zu lassen; wenn ich im Monat 100 Zentner verbrauchen könnte, wäre das ein angemessener Schnitt für einen Privathaushalt. Richtig schwer und momentan noch so gut wie unmöglich für den einzelnen Nutzer ist es, an spaltbares Material, Brennstäbe und nur auch an Uran zu gelangen; da sind die bürokratischen Hürden so hoch wie die technologischen Möglichkeiten der privaten Nutzung gering.


    Das alles macht sehr viel Arbeit und beansprucht mich derzeit völlig, da bleibt leider keine Zeit; um jede Woche eine Fernreise mit dem Flieger zu absolvieren. Ausgleichend kann ich bestenfalls mit eigens importierten amerikanischen Benzinschleudern jeden Weg erledigen; bei 25 Litern auf den Kilometer ist man natürlich noch weit entfernt von den Möglichkeiten des Verhältnisses Kerosin zu Personenkilometern, aber der Wille zählt. Wenn man bei jeder Fahrt Plastikflaschen in der Landschaft verteilt, kommt man der Sache immerhin symbolisch näher; am besten lässt man das die Kinder machen, so lernen die gleich, wie das geht.

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    Aus der Reihe "Gut gebrüllt, Löwe";


    Michael Klonovsky am 16. März 2022 in seinen Acta diurna:


    "Es ist absurd zu glauben, dass alles, was die vielen Generationen vor uns leben und überleben ließ, was sie befähigte, die großartigste aller Zivilisationen zu schaffen, plötzlich überholt sei, dass diese Generationen vor uns, denen wir alles verdanken, was uns heute als Komfort dient, und die dafür entbehrt, geschuftet, geopfert, geblutet und gelitten haben, komplett falsch lagen, und ausgerechnet die Heutigen, die nichts erlitten, nichts entbehrt, nichts verehrt, nichts gelernt, nichts geschaffen haben, sondern nur alles aufzehren, kritisieren und demolieren können, dass diese Generation übergeschnappter und wohlstandsverwahrloster Mitläufer, diese Generation Fatzke berufen sei, der Menschheit den Weg zu weisen."


    Im Übrigen am Ende der Rezension des Buches „Die große Verkehrung“ von Monika Hausammann; eines der besten, das ich je las zum Thema.

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    Ich denke, es steht außer Frage, dass ich von allen Zeitformen das Futur II am meisten liebe. Das liegt zum einen natürlich daran, dass es wie der Konjunktiv II, das Passiv, Genitivattribute oder Partizipialkonstruktionen als angeblich zu vertrackt aus dem Sprachgebrauch fast verschwunden ist und den meisten Ohren schon so fremd klingt wie ein entlegener Dialekt. Vor allem aber hat es mit meinen beiden schon pathologisch zu nennenden Charakterzügen Vollständigkeitswahn und Erledigungsfanatismus zu tun: Wenn etwas in der Zukunft schon geschehen und abgeschlossen ist; bin ich einfach nur zufrieden und glücklich; mehr kann man doch eigentlich nicht verlangen.


    Das Futur I dagegen, das in Aussicht stellt; was man erst noch tun muss in der Zukunft, kann daher meinen Beifall nicht finden; es setzt mich unter Druck, das mag ich gar nicht. Im Präsens lässt es sich sehr schon parlieren, alles bekommt dann so etwas Gegenwärtiges, Aktuelles, Lebendiges; ich mache dies, ich mache das; aber wie ich blindem Aktionismus misstraue, wahre ich auch eine gesunde Skepsis gegenüber der Möglichkeit eines Lebens in der unmittelbaren Präsenz, ich halte das einfach nicht für möglich und auch nicht für erstrebenswert. Das Präteritum verlagert dieses Problem nur in die Vergangenheit; aber ob man aß oder trank oder liebte und las; es bleibt zweifelhaft und höchst anrüchig ohne Reflexion.


    Dem Perfekt muss man ganz entschieden entgegentreten mit gerunzelter Stirn und einem strengen Blick über den Rand der Lesebrille: Vollendete Handlungen und Vorgänge zu suggerieren ist einfach weder geschichtsphilosophisch noch ganz allgemein legitim und letztlich auch unmoralisch; auch die simple Gleichung actio-reactio, die hier oft genug Kausalität überzeichnet; darf man dieser Zeitform negativ anrechnen. Das Perfekt ist eine Konstruktion und zwar eine üble; man sieht das schon daran, dass sie Hilfsverben braucht; mithin prothetisch daherkommt. Kein Wunder also; dass es ambivalent und multifunktional nicht exakt festzulegen ist: Es kann sowohl eine abgeschlossene Vergangenheit ausdrücken, aber auch eine, die in der Gegenwart ankommt; und es kann sogar dem Futur II in die Quere kommen und Zukünftiges ausdrücken. Das Perfekt ist also in summa ein niederträchtiges und ehrenrühriges grammatisches Phänomen.


    Das Plusquamperfekt ist dessen nicht ganz so missratene Blutsverwandte, allein, weil der Name eine romanische Verwandtschaft bis hin zur reinen Latinität verspricht und sich im Deutschen so herrlich gebieterisch und gelehrt aussprechen lässt. Wenn etwas vor einer ebenfalls schon vergangenen Zeit auch schon vergangen ist; ist das philosophisch und erkenntnistheoretisch immer noch zu bezweifeln, allein, es beruhigt einen doch so ganz allgemein und prinzipiell und bestätigt einem das eigene Menschsein mit all seinen Fährnissen, Hoffnungen und Wünschen. Dass alles endlich vorbei sein möchte und am besten schon länger; das gehört zumindest für die sensibleren Naturen und helleren Köpfe wohl zur anthropologischen Grundausstattung. Wie das Futur II steht das Plusquamperfekt also für etwas Abgeschlossenes, Vollendetes; richtet sich also gegen jede Vorstellung von Unendlichkeit und eines Denkens und Hoffens ad infinitum. Es sind beide demnach dezidiert gottlose Tempusformen, die vom Glück des Endlichen künden und damit dem Menschen die Krone der Vergänglichkeit aufsetzen. Ihre Uhr bleibt auch einmal stehen und was kann es Beruhigenderes geben? Kein Wunder, dass heutzutage, da alle Welt unendlich sein will und jeder Popanz ewig leben, beide so selten gebraucht werden und sich in heutigen Ohren so seltsam ausnehmen.

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    Diese weise Voraussicht dieser ersten großen Erzähler, die die ersten Superhelden schufen, kann man nicht genug bewundern: Hätten sie Achilles oder Siegfried unverwundbar geschaffen, wie langweilig und steril würden die Epen um sie geworden sein. So aber verhindern Achillesferse und Lindenblatt den Übermenschen, die unbesiegbare blonde Bestie; den Tod aller Literatur, bevor sie überhaupt begonnen hätte. Heldentum, besonders sehr großes, gibt es nur zusammen mit dem frühen Tod. Und dieser ist die Geburtsstunde der Erzählung aus dem Geiste der Verwundbarkeit.