Yoricks Nachtgedanken bei Tage

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    Nachrichten aus der pädagogischen Provinz


    Ganz anders als bei den Dienstberatungen sieht das mit den wesentlich wichtigeren Klassenkonferenzen aus, also der Zusammenkunft aller in einer Klasse unterrichtenden Fachlehrer. In meinen beiden letzten Schulen lief das die letzten 20 Jahre so ab: Ab einer bestimmten Uhrzeit am Nachmittag wurden im Viertelstundentakt die einzelnen Klassenkonferenzen durchgezogen; 14.00 Uhr: 5a; 14.15 Uhr: 5b und so weiter; oft in parallelen Strängen, dass man nicht einmal an allen Klassenkonferenzen, die einen als Fachlehrer betreffen, teilnehmen konnte. Zu Beginn einer jeden trägt der die Beratung leitende Klassenlehrer oder dessen Stellvertreter einführend vor zur pädagogischen Situation, dann werden die Versetzungsgefährdungen und Laufbahnempfehlungen angesprochen; aber ehe man auch nur ansatzweise ins Detail gehen könnte, drängt schon die nächste Konferenz ins Klassenzimmer. Ein einziges Gehetze, es wird abgearbeitet, abgehakt. Ein bürokratischer und schulrechtlich relevanter Akt, sonst nichts.


    Dabei wäre diese Klassenkonferenz die eigentlich wichtigste pädagogische Institution einer Schule, hier könnte man sowohl die Klasse als Organismus einschätzen und Möglichkeiten zu deren Entwicklung erörtern als natürlich auch den einzelnen Schüler als Individuum und Teil des größeren Ganzen. Was es dafür braucht, ist Zeit; und eine sowohl entspannte als auch konzentrierte Atmosphäre. Hier könnte der Lehrer als Teil des Lehrkörpers wirklich pädagogisch handeln und Weichen stellen für die allseitige Entwicklung von Schüler und Klasse; hier könnten sich alle Fachkollegen in Ruhe austauschen zu jedem einzelnen Schüler; welche Stärken und Schwächen vorliegen; wie man vernünftig fördern und fordern könnte; wie man die Eltern und anderen Schüler einbezieht in die eigenen Überlegungen und Konzepte; welche außerschulischen Maßnahmen in Frage kämen; wer vielleicht dem einen oder anderen eine Art Vertrauenslehrer und Pate sein könnte. Mithin wäre die Klassenkonferenz der Schlüssel zur Zukunft des Schülers.


    Warum also legt man solche wichtigen Veranstaltungen nicht auf einen Vormittag; lässt den Unterricht an diesem Tag ausfallen, beaufsichtig die Schüler nur oder nutzt einen Samstag? Warum nur um Himmels Willen diese Gleichgültigkeit gegenüber den augenfälligen Schwächen des bisherigen Systems; warum ereifert sich nicht einer der engagierten Pädagogen gegen diese seelenlose Abarbeitung administrativer Vorgaben? Den meisten Lehrern wäre das nicht egal; aber die Hürden des schulorganisatorischen Alltags scheinen immer öfter unüberwindbar. Wie immer seit etwa fünf Jahrzehnten stehen wir uns auf dem Bildungssektor selbst im Wege; weil wir Bildung und Hochkultur durch Bürokratie und Scheinwelten ersetzt haben.

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    Es war durchaus nicht so, dass man zu DDR-Zeiten nicht ohne Parteibuch, blaues oder rotes Halstuch oder das sehr blaue Hemd Karriere machen konnte und ohne ein Pawel Morosow zu sein; zumal auf dem Lande, wo man immer Leute brauchte für die verschiedenen Tätigkeiten im Kampf gegen die Feinde des Sozialismus, Frühjahr, Sommer, Herbst und Winter; schon gar für die jeweilige Ernteschlacht, welches Wort ich wesentlich ernster nahm, als sich die Verantwortlichen jemals zu träumen wagten.


    So habe ich zum Beispiel eine Bilderbuchkarriere auf dem Acker hingelegt. Für uns auf dem Land hießen die Herbstferien ganz selbstverständlich immer noch Kartoffelferien; aber auch in den Wochen davor und danach sah man uns Buben und Mädels oft genug nach Schulschluss auf den Feldern und die Erdäpfel einbringen. Wir taten das zum einen, weil wir es gar nicht anders kannten und die meisten von uns auch den Eltern und Großeltern auf den heimischen Flächen halfen, zum anderen, weil wir gesellschaftspolitisch dazu angehalten, wo nicht gar genötigt wurden; und nicht zuletzt auch, weil man sich auf diese Weise gutes Geld verdienen konnte, mehr etwa als beim ebenfalls angezeigten Sammeln von Heilkräutern.


    Man begann in der Regel als Stift damit, auf dem Acker zu knien oder in der Hocke die Kartoffeln in einen Korb zu lesen; der von schon älteren oder kräftigeren Kindern oder Jugendlichen abgeholt und zum Hänger transportiert und dort ausgeleert wurde. Manche waren sehr fleißig und flink beim Lesen, oft diametral zu den Leseleistungen im Deutschunterricht; andere agierten lustlos oder ungeschickt. Ich brauche sicher nicht eigens zu erwähnen, zu welcher Gruppe ich zählte. Ich war daher heilfroh, als ich mich körperlich rasch entwickelte und zum Abtragen der Körbe eingeteilt wurde; das lag mir mehr und ich konnte zwischendurch die Mädels foppen. Richtig geil wurde es aber, als ich einer Kombine zugeteilt wurde, auf der ich mit lauter Bäuerinnen der LPG die Kartoffeln am Band sortierte; was im Klartext in unserem steinreichem Oberland hieß, die Steine und anderes störendes Zeug vom Band zu klauben in nicht zu mäßigem Tempo. Bald avancierte ich zum Lenker der Kombine; eine Tätigkeit; die zwar einfach aussieht, aber ein Höchstmaß an Konzentration und Augenmaß erforderte. Als ich dann mit 14 Jahren den Traktorführerschein gemacht hatte, durfte ich mit zwei Hängern neben der Kombine fahrend die große Abfahrt erledigen und die Kartoffeln zur Sammelstelle bringen; an diese Zeit erinnere ich mich sehr gerne, ich fühlte mich sehr wohl unter den Bauern.


    Aber, und das vergisst man gerne; die Arbeit des Bauern ist eine sehr harte und vor allem auch oft monotone, stupide und geistlose. Für einen halbwegs aufgeweckten Burschen mit Herz, Seele und Geist kann die Maloche zwischen Stall, Feld, Wald und Wiesen schnell zur Einbahnstraße werden in den Alkoholismus, die Interesselosigkeit und geistige Armut. Es konnte daher nicht wunder nehmen, dass ich, der ich schon immer ein ausgeprägtes Interesse für alles Militärische zeigte; mir meine bäuerliche Tätigkeit in Tagträumen aufpeppte und quasi innovativ umgestaltete. So las ich natürlich keine Erdäpfel in den Drahtkorb; sondern räumte unter feindlichem Beschuss und bei äußerster Lebensgefahr als Angehöriger eines Pionierbataillons ein ganzes Minenfeld. Und ich trug nicht die Kartoffelkörbe ab, sondern lief als Panzergrenadier schwer bepackt mit Munitionskisten neben den motorisierten Einheiten her. Und ich lenkte nicht die Kombine, ich bediente natürlich eine Selbstfahrlafette oder fuhr einen Panzerkampfwagen; ich saß nicht wie in der Fahrschule im ZT 300 oder neben der Kombine im MTS-50 Belarus, bei uns nur 50er Russe genannt; sondern in diversen Zugfahrzeugen der Wehrmacht auf ihrem Vormarsch in die russischen Weiten. Wenn ich abends dreckig und kaputt heimkam als Landser, Offizier oder General; dann war der Gegner geschlagen oder wenigstens bis zum nächsten Morgen Waffenruhe


    Ich hätte mir auch die NVA imaginiert, aber die führte zu meinem Verdruss nirgendwo Krieg; und so blieben mir nur die historischen Vorbilder. Auch die sehr hügelige und zuweilen steile Landschaft des Reußischen Oberlandes im Thüringischen Schiefergebirge an der Oberen Saale machte Kompromisse notwendig; denn nur in Mecklenburg hätte ich mir die weiten Ebenen und Steppen Weißrusslands, der Ukraine und Russlands vorstellen können; nun zwangen mich Geografie, Landschaft und Bodenbeschaffenheit, die Schlachtfelder in die Karpaten zu verlegen, wenn ich gegen die Rote Armee verteidigte; und in die Ardennen, wenn es gegen die westlichen Alliierten ging. Auch meine Mannschaften ließen oft zu wünschen übrig und brachten nicht die hohe Kampfmoral auf, die ich glaubte von einem Angehörigen der Streitkräfte verlangen zu dürfen. Die Mädels auf der Kombine klatschten und tratschten unablässig; anstatt die Augen offen zu halten und feindlichen Kräfte ins Visier zu nehmen; die anderen Fahrzeugführer qualmten unablässig und tranken bereits frühmorgens Hochprozentiges; Aufklärer und Stoßtrupps kehrten nicht wieder, weil sie das Frühstück in der Dorfkneipe dem Dienst vorzogen; und die Mechaniker und Schlosser in ihren meist selbst kaputten Reparaturfahrzeugen verfügten weder über Ersatzteile noch über sonderlichen Elan, im Felde unter Artilleriefeuer und bei Tieffliegerangriffen ihre Arbeit wenigstens provisorisch zu erledigen. Überhaupt konnte man sich auf den Nachschub und die rückwärtigen Dienste nicht verlassen; nur die Verpflegung aus der Feldküche konnte sich sehen lassen.

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    Nachrichten aus der pädagogischen Provinz


    Dass sich die Bildungsmisere, ja – Bildungskatastrophe, inzwischen in der 2. und 3. Lehrergeneration fortschreibt, ist nicht verwunderlich, wenn Natur und Biologie ihre Wege gehen die letzten fünfzig Jahre. Inzwischen unterrichten also bereits Lehrer an den allgemeinbildenden Schulen, die selbst schon dieses durch und durch abgehalfterte, ineffiziente und krisengeschüttelte Bildungs- und Schulsystem durchlaufen haben, als deren Zöglinge sie sich leider auch beinahe durchweg erweisen. Ein heute 30jähriger Gymnasiallehrer weist im Durchschnitt seiner Berufs- und Fachkollegen ein derartig niedriges Bildungsniveau auf, dass man ihn fast auf die Ebene seiner Eleven würde stellen können, wenn diese nicht wieselflink bereits noch tiefer grüben unterhalb der virtuellen Grasnarbe.


    Schon seine Vorgänger eine Generation früher zeichneten sich in der Masse nicht durch ein übermäßiges Interesse an Bildung, Hochkultur oder eben allgemeiner gesprochen dem Geist oder dem Geistigen aus. In der alten Bundesrepublik wütete schon die Kulturrevolution der inzwischen Alt-68er; in der DDR stand man bürgerlicher Bildung und damit einhergehend dem Bildungsbürgertum immer schon skeptisch gegenüber. Der einzige Unterschied bestand darin, dass im Osten innerhalb der Ideologie die Formung eines bestimmten sozialistischen Menschentypus dem Lehrer eine Aufgabe abverlangte, die ihn pädagogisch und methodisch stark prägte; während man im Westen die Kinder und Jugendlichen im Wesentlichen sich selbst überließ.


    Der heutige Junglehrer aber hat zum Konzept klassischer Bildung, zu den verschiedenen Aspekten der Hochkultur, der Wissenschaften und der pädagogischen Konzeptionen überhaupt keine Beziehung mehr. Er liest nicht nur keine Bücher mehr, schaut sich keine niveauvollen Sendungen im Fernsehen an; geht in keine Ausstellungen und Museen, interessiert sich nicht für die Fortschritte in den Naturwissenschaften und hat sich noch nie mit den verschiedenen anthropologischen und philosophischen Implikationen der Pädagogik befasst; er beherrscht noch nicht einmal seine Muttersprache so, dass er sie halbwegs fehlerfrei sprechen und schreiben könnte; er kann oft genug groß daherreden, aber unter der Hülle und dem Schein ist leider Gottes oft genug nichts als leere Luft. Die vorherrschende Unbildung ist derart gravierend, dass man nicht umhin kann zu sagen; dass diese Lehrer sich von ihren Schülern nur durch die Jahre und die Motive ihrer Tattoos unterscheiden.


    Denn tätowiert sind sie inzwischen alle, ob Mann oder Frau; also Lehrer oder Lehrerin. Oft sind sie sympathische und nette Zeitgenossen, umgänglich und hilfsbereit. Nur ein Gespräch über „höhere“ Dinge darf man eben nicht mit ihnen anfangen. Ich persönlich habe in meiner aktiven Zeit drei Typen kennengelernt: Der erste hat den Beruf wirklich wegen des Geldes, der sozialen Sicherheit und der vielen Ferien gewählt. Das ist ein Job wie jeder andere und sobald man Halsschmerzen hat, meldet man sich zwei Wochen krank ohne jedes schlechte Gewissen. Man fordert ein, was man für seine Rechte hält; und absolviert die Pflichten im Dienst nach Vorschrift. Wirklich wichtig ist ihm seine Work-Life-Balance, seine nächste Urlaubsreise, seine neueste Beziehung; welche Muskelgruppen er gerade im Fitnessstudio definiert und was auf Netflix läuft. Der zweite hält es nicht viel anders, gibt aber zu jedem gesellschaftlich relevanten Thema seine unreflektierten und pawlowschen Äußerungen zum Besten, immer Mainstream, immer aus der moralisch höherstehenden Position, immer bar aller gesellschaftspolitischen und historischen Kenntnisse; praktisch so eine Art Social Media von Angesicht zu Angesicht. Der dritte Typus hält sich ganz bedeckt, gibt nichts preis in beruflicher und privater Hinsicht; huscht wie ein Schatten durch das Schulgebäude und ward nach dem letzten Klingelzeichen nicht mehr gesehen.


    Was wir also heute etwa im Gymnasium vor den Klassen stehen haben; mutet dem unbefangenen Betrachter wie eine Karikatur an; wie eine Komödie in Art der „Feuerzangenbowle“, in der sich die Primaner als Lehrer verkleidet haben und niemand es merkt. Aber der Vergleich hinkt natürlich, weil ein Oberschüler der letzten großen Zeit deutscher Allgemeinbildung um ein Vielfaches mehr wusste und konnte als ein Lehrer heute mit 25 oder 30 Jahren. Das Grundproblem daran ist nicht nur die fehlende Bildung an sich und das fehlende Interesse an ihr; sondern auch, dass die heutigen Jungpädagogen auch eine jahrzehntelange „Gehirnwäsche“ hinter sich haben, die die letzten Reste selbstständigen und kritischen Denkens ausgemerzt hat. Mit großem Erschrecken registriere ich immer wieder, wie gleichgültig oder gar zustimmend diese jungen Kollegen Fragen der Emanzipation, des Genderwahns oder der Verstümmelung der deutschen Sprache und eigentlich allen Politikfeldern von der Energiewende bis zur Flüchtlingspolitik gegenüberstehen. Aber wir haben doch die Frauen über Jahrhunderte unterdrückt, in der Sprache muss jedes Geschlecht angesprochen werden; das Klima muss gerettet werden um jeden Preis, auch um den des Untergans der eigenen Nation; wir müssen doch menschlich sein und alle Menschen aufnehmen. Wobei sie die ersten wären, die Einschnitte in ihr Wohlfühldasein beklagen würden.


    Im Grunde hat die gesellschaftlich herrschende politisch-mediale Meinungselite erreicht, was sie wollte: Den ungebildeten, dummen; unkritischen, nichts hinterfragenden und nur konsumierenden und sich unterhalten lassenden Bürger. Die neuen Lehrer fungieren hier als Schnittstelle, als Scharnier; sie sind die Transmissionsriemen einer linksliberalen Globalisierung der Unbildung. Sie selbst halten sich freilich für geistig und vor allem moralisch überlegen; vor allem gegenüber den wenigen wirklich Gebildeten, die es im Lande und an den Schulen noch gibt. Natürlich sind nicht alle so, es gibt Ausnahmen; wenige, aber es gibt sie. An meiner letzten Schule bin ich so einer Ausnahme begegnet und ich sehe meinem Kollegen und inzwischen Freund dabei zu, wie er leidet; sich verschleißt und aufreibt in einem durch und durch geistlosen Betrieb ohne Sinn und Verstand. Es ist, als sähe ich in einen Spiegel vor 25 Jahren; er tut mir leid; wir reden stundenlang über die Probleme unseres Bildungssystems und die der Gesellschaft überhaupt; aber auch er wird irgendwann aufgeben müssen, wenn er nicht stärker und gesünder ist als ich oder, worauf nicht zu hoffen ist, die Zeiten sich ändern. Es ist alles verloren; die Defizite wieder aufzuholen, würde Jahrzehnte dauern; wenn wir jetzt umdächten. Danach sieht es aber nicht aus.

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    Es gibt diese unerklärlichen Wunder auch im Reich der Literatur: Einem der schlechtesten Romane überhaupt, Haruki Murakamis1Q84. Buch 1 & 2“ folgt mit „Buch 3“ ein durchaus gutes, konventioneller erzählt, aber dichter und vor allem zur Identifikation mit einem „Helden“ einladend, der im Vorgänger noch arg schlecht wegkam. Der Detektiv Toshiharu Ushikawa ist die eigentlich interessante Figur im ganzen Romanwerk, vielleicht musste er auch deshalb sterben.


    Eine Lesefrucht (S. 236), die mir das Buch mehrfach aus der Hand fallen ließ, weil ich so lachen musste:


    Im Laufe der Jahre wurde aus dem hässlichen Jungen ein hässlicher Jüngling. Und irgendwann ein hässlicher Mann im mittleren Alter. Ganz gleich, in welcher Lebensphase Ushikawa war, die Leute drehten sich auf der Straße nach ihm um, und die Kinder glotzten ihm ungeniert ins Gesicht. Manchmal fragte er sich, ob er, wenn er einst ein hässlicher alter Mann geworden war, noch immer so viele Blicke auf sich ziehen würde. Oder ob seine angeborene, individuelle Hässlichkeit dann vielleicht weniger auffallen würde als in seiner Jugend, da alte Menschen ohnehin meist hässlich waren. Doch er wusste ja nicht, wie er als alter Mann wirklich aussehen würde. Vielleicht würde ja auch ein besonders unansehnlicher alter Knacker aus ihm.


    Später (S. 241) heißt es, „seine Töchter konnte man sogar als hübsch bezeichnen. Keine von beiden hatte die geringste Ähnlichkeit mit Ushikawa, worüber man natürlich sehr erleichtert war.“ Nach der Trennung von seiner Frau sah er sie jahrelang nicht, sie vermissten ihn auch nicht, aber das störte ihn kaum. Denn „eins wusste er immerhin. Nämlich dass in den Adern seiner beiden Töchter sein Blut floss, ganz gleich, wie sehr sie sich von ihm entfernten. Selbst wenn sie ihn völlig vergaßen – dieses Blut würde nie seinen Weg verlieren. Blut hatte ein langes Gedächtnis. Irgendwann, irgendwo würde das Zeichen des Wasserkopfs wieder zum Vorschein kommen. Wenn niemand damit rechnete. Und dann würde man sich mit einem Seufzer an Ushikawa erinnern.“ (S. 242)


    Das ist wirklich gut. Auch wenn es nicht entschädigt für die 1000 Seiten der ersten beiden völlig misslungenen Bücher.

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    Wenn es im Deutschen in einer Redewendung heißt, zwei Menschen oder Sachen glichen einander wie ein Ei dem anderen, frage ich mich immer, ob das vielleicht doch ironisch gemeint sei. Denn irgendwo las ich, dass sich keine zwei Testikel wirklich glichen, immer sei ein Testis größer oder schwerer oder höher bzw. tiefer positioniert; jeder Testiculus also sozusagen ein Unikat, unvergleichlich, selbst und besonders im gleichen Scrotum.

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    Und eine andere idtiomatische Wendng, die ich neulich in aller Unschuld gebrauchte, bedarf dringend ihrer Ausmerzung. Ich ließ mich, als ich das Zimmer eines Jugendlichen sah, dazu hinreißen auszurufen, es sähe aus wie bei den Hottentotten. Aber hier handelt es sich natürlich um einen unreflektierten und nicht mehr politisch korrekten Sprachgebrauch; denn arroganter, kolonialer, chauvinistischer, rassistischer und diskriminierender geht es kaum noch in heutigen Zeiten. Daher schlage ich alternativ "Hier sieht es ja aus wie bei Hempels untern Sofa" vor; wobei nicht ganz klar ist, ob nicht doch seit Luther einfältige und unkultivierte Menschen diskriminiert werden, denn nicht jeder Dummkopf ist auch unreinlich. Und wenn die Geschichte stimmt, dass der berühmte Zoodirektor Carl Hagenbeck, der auch eine Art Schaustellerbetrieb und Zirkus unterhielt, peinlich auf Sauberkeit und Ordnung achtete, weil Zirkusleute und Schausteller übel beleumundet waren; und deshalb eine dieser Familien mit Namen Hempel, die in dieser Hinsicht eher kontraproduktiv agierte, diese Wendung ungewollt ins Leben rief seitens entrüsteter Bürger; dann muss man auch diese aus dem Sprachgebrauch streichen, denn eine Herabwürdigung fahrenden Volks käme ja einer Ausgrenzung aller nomadisierenden und als Zigeuner verunglimpften Volksgruppen gleich. Jetzt herrscht also leider schon Wortfindungsnot, wenn es irgendwo aussieht wie Sau, das reinste Chaos herrscht und alles dreckig und verschmutzt ist. Für Vorschläge wäre ich dankbar.

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    Die Fachschaften oder Fachkonferenzen, wie sie im Thüringer Schulgesetz und in der Thüringer Schulordnung genannt werden, vereinen alle Fachlehrer einer Schule, die das gleiche Schulfach unterrichten. Im Schulgesetz heißt es genauer, die „Fachkonferenz besteht aus allen Lehrern, die in dem Fach oder den Fächern die Lehrbefähigung haben oder unterrichten.“ Dem kann man entnehmen, dass man es für unproblematisch hält, wenn etwa ein Sozialkundelehrer auch Geschichte unterrichtet. Die Schulordnung legt fest:


    Die Fachkonferenz berät und beschließt über Angelegenheiten, die ein Fach oder eine Fächergruppe betreffen. Neben den Aufgaben, die in dieser Verordnung sowie in den Bestimmungen über die Genehmigung und Zulassung von Lehr- und Lernmitteln festgelegt sind, gehören insbesondere zu den Aufgaben der Fachkonferenz die Erörterung der didaktischen und methodischen Fragen eines Fachs oder einer Fächergruppe,


    1. die Absprache über die Unterrichtsarbeit in sich ergänzenden Fächern,

    2. die Erarbeitung von Empfehlungen zur Koordination der fachlichen Anforderungen und der Leistungsbewertungen,

    3. die Beratung zu Fragen der fachlichen Fortbildung der Lehrkräfte,

    4. die Anregung zur Einrichtung von Arbeitsgemeinschaften und sonstigen freiwilligen Unterrichtsveranstaltungen,

    5. die Erarbeitung von Vorschlägen zur Anforderung und Verwendung von Haushaltsmitteln für die Ausstattung der Schule sowie

    6. das Erstellen von Benutzungsplänen für Fachräume und Sammlungen.


    Ich selbst nahm also knapp 30 Dienstjahre oder netto über ein Vierteljahrhundert an solchen Fachschaftssitzungen teil und zwar in den Fächern Geschichte, Deutsch und im Seminarfach. Das mir oft angetragene schuljahrlange Unterrichten in anderen Fächern habe ich aus grundsätzlichen Erwägungen heraus immer abgelehnt, obwohl ich es mir in den Fächern Sozialkunde, Ethik, Religion, Wirtschaft/ Recht (themenabhängig), Geografie (themenabhängig), Kunst (themenabhängig), Musik (themenabhängig) durchaus zugetraut hätte.


    Wenn ich aus meiner Erfahrung heraus die Arbeit in den jeweiligen Fachschafften resümiere, war es arbeitsklimatechnisch immer eine gute Atmosphäre, weil einem die Schulleitung nicht über die Schultern schaute; es sei denn, man hatte Pech und diese unterrichtete auch noch selbst im gleichen Fach und fand auch die Zeit zum Besuch der Fachkonferenz, was aber sehr selten vorkam. Betrachtet man aber, worum es laut Schulordnung und mit Blick auf ein gymnasiales Selbstverständnis gehen sollte, so haben diese Sitzungen nie das erreicht, wozu sie eigentlich dagewesen wären. Das hat viele und sehr unterschiedliche Gründe. Wenn man ehrlich ist, ging es hauptsächlich darum, den reibungslosen Ablauf schulorganisatorischer Aspekte zu garantieren; dass Termine eingehalten werden, Exkursionen organisiert, Fortbildungen angezeigt, Prüfungen vorbereitet, Schulbücher geordert oder Lehrmittel bestellt werden. Die meiste Zeit nahm fächerübergreifend die immer wieder zermürbende und sich so endlos wie fruchtlos hinziehende Diskussion des prozentual zu gliedernden Leistungsbewertungsmaßstabs ein. Um die wichtigen Fragen Fachwissen, Fachlichkeit, Didaktik, Methodik ging es praktisch nie; zum einen, weil kein Interesse daran herrschte beim Großteil der Kollegen; und zum anderen, weil dafür auch keine Zeit mehr zur Verfügung stand.


    In der Fachschaft Geschichte habe ich über Jahrzehnte dafür gekämpft; endlich wieder abfragbares Grundwissen zu etablieren; also Jahreszahlen, Daten, Fakten, Begriffe etc.; der Widerstand war trotz der Unterstützung übrigens meist männlicher Kollegen immer sehr groß und bis zum Schluss konnte ich an keiner Schule trotz meiner eigens erarbeiteten Handreichungen durchsetzen, dass die Grundorientierung der Schüler in Zeit und Raum von allen angestrebt und bewertet wird. Wer nicht weiß, so meine Argumentation, was sich wann und wo abgespielt hat; kann auch keine Zusammenhänge herstellen. Ohne Vokabeln zu lernen könne man auch keine Fremdsprache lernen. Dieses immer wieder zu erlebende Geplauder ohne belastbares Wissen mag den Kolleginnen entgegenkommen, deren historische Bildung sich kaum von der der Schüler unterscheidet; nicht aber einem anspruchsvollen gymnasialen Geschichtsunterricht entsprechen. Wie oft habe ich versucht, dem völlig unausgewogenen und falsch gewichteten Lehrplan eine Strategie entgegenzusetzen, die die Tiefendimension von Geschichte in den Blick nimmt und nicht nur auf die letzten 100 Jahre schielt; aber umsonst. Es fand nie eine wirkliche didaktische und methodische Diskussion statt; also über die wichtigste Problematik überhaupt; was für einen Stoff man warum wie unterrichtet. Niemand ließ sich in seine Karten schauen und schon gar nicht kontrollieren oder „bevormunden“.


    In Deutsch war das unter Umständen noch schlimmer: Bestand eine Geschichtsfachschaft in der Regel aus fünf bis acht Lehrern; kamen dort schonmal 20 Kollegen und vor allem Kolleginnen zusammen; der Anteil der Frauen lag immer bei gut 80 bis 90 Prozent. Die „Diskussionskultur“ war dann auch danach; alles wurde zerredet, verkompliziert, personalisiert und zu Tode diskutiert. Dabei ging es selten bis nie um Sachfragen; ich kann mich in knapp dreißig Jahren an keinerlei inhaltliche Diskussion erinnern, die irgendwie mit germanistischen Fragestellungen; mit Literaturwissenschaft, Sprachwissenschaft oder der Mediävistik zu tun hatte. Tiefergehenden und weiterführenden Problemen ihrer Wissenschaft über den Schulstoff hinaus standen fast immer beinahe alle Kollegen gleichgültig bis ablehnend gegenüber. Das zeigte sich nicht nur in der Weigerung, beispielsweise grammatische Aspekte vertiefend zu behandeln oder sprachgeschichtliche Aspekte stärker einzubeziehen; sondern vor allem auch im jeweils eigenen Leseleben und Lektüreniveau. Ich weiß, das klingt arrogant und wie Nestbeschmutzung; aber ich schwöre beim Leben des mir liebsten Wesens; dass die meisten Deutschlehrerinnen, mit denen ich zu tun hatte 28 Jahre lang, so gut wie gar keine Hochliteratur lasen, sondern, wenn überhaupt, nur Bestseller und Frauenromane. Manche lasen aber tatsächlich überhaupt nicht; für Bücher war zwischen Gartenarbeit, Kochen und Töpfern einfach keine Zeit. Das sind die gleichen Kolleginnen, die bei der Korrektur emotional statt sachlich vorgehen; vermeintliche Kraftausdrücke anstreichen im Aufsatz und nicht unterscheiden können, ob jemand frei spricht vor der Klasse oder auswendig. Wie nötig wären didaktische (Kanon!!!) und methodische Diskussionen gewesen; aber alles war froh, keine Diktate mehr schreiben und die Orthografie im Aufsatz nicht mehr gleichberechtigt bewerten zu müssen. Ich pauschalisiere nicht; denn es gab durchaus auch Kolleginnen, die fachlich sehr gut waren und für manche Sachen ein entschieden besseres Händchen hatten als ich; nicht umsonst sind Frauen Meister der Kommunikation und unvergleichlich in der Analyse sozialer Beziehungen. Aber mehrheitlich saßen in den Deutschfachschaften Lehrer, die in diesem Fach eigentlich nichts zu suchen haben sollten, legte man bildungsbürgerliche Ansprüche zu Grunde.


    Das Seminarfach kam ja erst später hinzu; es wurde seinerzeit installiert, weil damals die Stundentafel nicht stimmte im Verhältnis zu denen mit 13 Schuljahren in anderen Bundesländern; inzwischen hat es sich aber bezüglich des wissenschaftspropädeutischen Arbeitens als sehr sinnvoll erwiesen und bewährt. Es gibt nur ein Problem: Die Zeiten, in denen Gymnasiallehrer neben ihrer Schultätigkeit auch noch zum Beispiel historischen Forschungen oblagen, sind längst vorbei. Die meisten Kollegen haben ihre letzte in Ansätzen wissenschaftliche Arbeit am Ende ihres Studiums absolviert und seitdem nie wieder wissenschaftlich gearbeitet oder publiziert. Aber sie sollen die Befähigung der Schüler zur wissenschaftspropädeutischen Arbeit einschätzen und bewerten; das beißt sich natürlich. Genauso absurd ist es, dass fachfremde Kollegen Facharbeiten bewerten, die sie rein inhaltlich gar nicht verstehen können; ich habe daher etwa solche zur Chemie oder Informatik immer abgelehnt; aber da war ich der einzige. Und zuletzt widersprach das Bewertungssystem mit seiner Gewichtung der drei Hauptteile Prozessnote, Seminarfacharbeit und Kolloquium so ziemlich allen pädagogischen Idealen. Aber es führte an keiner Schule in keiner Fachschaft zu irgendwelchen grundsätzlichen Überlegungen und Entscheidungen oder wenigstens zu Kompromissen in Detailfragen.


    Ich bilanziere: Fachschaften erledigen ihre eigentlichen Aufgaben nicht, treten nicht selbstbewusst genug gegenüber der Schulleitung auf und werden von dieser oft genug instrumentalisiert. Eine Fachschaft kann natürlich nur so gut und effizient sein und arbeiten wie die in ihr versammelten Kollegen. Und genau da liegt das Problem: Genau wie wenigstens die Hälfte der Schüler nicht an ein Gymnasium gehört, hat auch der gleiche Prozentsatz an Lehrern dort nichts verloren.

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    Das Wort vom "Warmduscher" erfährt derzeit auch einen semantischen Wandel: War es ursprünglich rein pejorativ und als Injurie gemeint für einen schwachen und feigen Menschen; so steigt er durch die Sparpolitik der Bundesregierung in Folge der selbst verursachten Krise auf der Anerkennungsleiter für unangepasste Geister und Hygienefreunde ganz nach oben; weil das Warmduschen und das noch möglichst lang als Fanal des Widerstands gedeutet und verstanden werden kann; während es für die regierungstreuen woken Nichtdenker und Meinungsvervielfältiger ein Akt des Bösen zur Beförderung der Energiekrise und Schädigung des Weltklimas darstellt, der strafrechtlich verfolgt werden muss. So wird der Warmduscher vom belächelten Schwachmaten zu einem Guerillakämpfer für das Gute und Böse und also einem willensstarken und reinlichen Kämpfer, der Freiheit, Leben und Gesundheit aufs Spiel setzt für die Sache; welche auch immer das sei.

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    Im dritten und letzten Roman seiner Venedig-Trilogie, in Gerhard Roths "Es gibt keinen böseren Engel als die Liebe"; hatte der Vater der Heldin seit deren Kindheit immer behauptet, "domani", also "morgen", sei der ewige Kalender der Italiener. Bei meiner Oma hing ein uraltes Schild "Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen." in der Küche. Wenn ich meine Ahnen so betrachte, so haben die alle bis ins letzte Glied lieber vorgestern alles für übermorgen erledigt. Und ich habe diese Zwangshandlung geerbt.

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    Die schönsten Kindheitserinnerungen? Vielleicht die, wenn man krank war; nicht zu krank; aber doch krank genug, dass einen die Eltern zu Haus ließen statt in die Schule zu schicken; aber da musste man schon etwa 38 Grad Fieber haben; so mit 37-Komma-irgendwas, das reichte nie und nimmer in einem preußisch-sozialistischen Hauhalt; dann lag man gemütlich im Bett, leicht anbetäubt von der erhöhten Temperatur; Mutti brachte auf einem Tablett Kakao und Zwieback; auf den Arm gestützt las man wieder und wieder die innig geliebten Mosaikhefte und hoffte, dieses Paradies würde nie enden.

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    Wenn ich etwas zu sagen hätte in diesem schönen Land, würde ich als erstes verbieten; dass Politiker und Entscheidungsträger in sozialen Netzwerken posten. Dass vor einigen Jahren der mächtigste Mann der Welt morgens beim Frühstück twitterte, war schon schlimm genug; dass sich aber im weiteren Tagesverlauf alle Netzwerke mit den einzelnen Äußerungen beschäftigten und selbst die "seriöse" massenmediale Welt in ihren digitalen und virtuellen Plattormen darauf einstieg, ist nur noch als vollkommener Kontrollverlust zu charakterisieren. Mein Verbot brächte allen Seiten Vorteile: Wichtige politische Fragen würden dort diskutiert, wo sie hingehören; und unsere Politiker und Politikerinnen würden sich nicht mehr so oft in aller Öffentlichkeit zum Obst machen.

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    Wenn man schweißgebadet erwacht, muss man nicht mehr die Wanne mit heißem Wasser vollaufen lassen und unterläuft daher nicht die Regierungsdirektiven und den allgemeinen Umweltschutz. Auch wenn einem der kalte Schweiß auf der Stirne steht, muss man diesen nicht eigens erhitzen und spart Energie. Insofern macht die Ampel alles richtig; denn man hat täglich Gelegenheit sich den heißen oder kalten Schweiß von Gesicht und Leib zu wischen.

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    In seinem wichtigen Buch "Der Kampf um die Deutung der Neuzeit. Die geschichtsphilosophische Diskussion in Deutschland vom Ersten Weltkrieg bis zum Mauerfall" führt Hauke Ritz den Philosophen, Theologen und Pädagogen Georg Picht (1913-1982) an; der die Moderne als ein Zeitalter beschreibt, dessen Verhängnis darin besteht, dass es bewusst atheistisch und unbewusst religiös sei. Hans Blumenberg würde dem widersprochen haben; aber natürlich scheint die These kaum widerlegbar. Wenn wir uns die großen Ideologien des 19. und 20. Jahrhunderts anschauen; so sind sowohl der Kommunismus als auch der Faschismus Heilslehren, nicht einfach nur säkularisierte Religionen, sondern so komplexe wie simple theologische und vor allem teleologische Universalkonzeptionen. Auch die siegreiche westliche "Demokratie" auf der Basis des Kapitalismus trägt religiöse Züge und was die postmoderne Wissenschaftsgläubigkeit, die Klimaretterbewegung oder Gendersekte angeht; so ist eine sich verschärfende religiöse Grundhaltung in Richtung fundamentalistischer Bestrebungen zu beobachten. Das alles ließe sich leicht von den jeweiligen Grundlagen, den Glaubenssätzen; den Dogmen, dem Verhältnis zur "Wahrheit" und zu den Anderen, den Nichtgläubigen; der eigenen Theologie, Sprache usw. nachzeichnen. Ich bin sicher, so eine Arbeit wird dereinst leicht unternommen werden können; und vielleicht erledigt sie ein katholischer Theologe oder ein budddhistischer Mönch; also geistige und geistliche Menschen; die aus einer mehrtausendjährigen Tradition in dieser Hinsicht schöpfen können..

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    Gibt es als erwachsener Mann einen schöneren Zustand, als wenn man nach gutem Essen und einigen Bieren aus dem Dorfkrug hinaus ins Freie tritt, um schwer und gewissenhaft atmend am Misthaufen sein Wasser abzuschlagen; der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir; sich dann in aller Ruhe eine Zigarette anzuzünden und genüsslich zu rauchen, während die Schwaden aus Speisen und Kneipenlärm sich langsam verflüchtigen; und wenn es dann frisch wird, zieht man die Schultern ein und stapft heiter und voller Erwartung wieder in die heimelige Wirtsstube zum frischen halben Liter, zum Kurzen und zu langen Gesprächen über das Wesen der Welt; die Aussicht auf weiteres Wasserlassen inklusive; wahlweise auf der Innentoilette, wo man zwar nicht rauchen darf, aber sich mit der Stirn an den Fliesen über dem Urinal abstützen kann, wenn der Strom des Wassers und der Gedanken nicht versiegen will. Bierseligkeit mag das Wort für diesen Zustand sein, wenn sich die Schwere der Natur und Biologie mit der Leichtigkeit des Fühlens, Denkens und Seins vermählt; dann denke ich oft, hier und jetzt müsste einen der Schlag treffen, zielsicher und endgültig; wer spricht da noch von einem schönen Tod im Bett mit einem Weibe oder im Schlaf?!

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    Ich erwähnte es schon vor Monatsfrist: Im Stadtpark leben in zwei Teichen neben vielen Enten auch zwei Schwäne (Singschwäne?), ein Pärchen, weiß wie die aus dem Ballett. Vor vier Wochen machte eine Graunschwänin (Höckerschwan?) Rast mit ihren beiden Jungen im Schlepptau. Einen Tag nachdem sie weiterreisten, kam einer der Jungen, das Männchen, zurück. Seitdem herrscht Krieg zu Wasser und zu Lande. Der Graue hält sich immer in der Nähe der beiden Einheimischen auf; wird aber vom anderen Männchen permanent verfolgt, gemobbt, attackiert und heftig gebissen. Zu Lande geht es ruhiger zu, aber sobald sich die Wasservögel einschiffen, beginnt das Theater von vorne.


    Da sich Schwäne ein Leben lang binden und zwischen 10 und 20 jahre alt werden können und noch älter; und sie ihr Revier erbittert verteidigen; scheint mir das Szenario hier die Chronik eines angekündigten Todes; denn die Revierkämpfe verlaufen meist tödlich. Nun kämpft der jüngere Schwan aber nicht, sondern sucht immer nur die Nähe; als suche er Anschluss zunächst einmal ohne Ansprüche auf das Mädel, das sich betont zurückhält und in Frauenmanier dann wohl auch den Neuen als Sieger empfinge. Momentan aber ist mir unbegreiflich, warum der Graue sich seit Wochen dieser Tortur aussetzt und nicht wieder abreist. Die Natur bleibt ein großes Rätsel.

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    Eines der größten Probleme der Idee von Demokratie ist das unterschiedliche Bildungsniveau der Bürger, ihre unterschiedliche Intelligenz und Klugheit. Schon immer gab es daher Bestrebungen, eine Art Technokratie ins Spiel zu bringen; also die Herrschaft von wissenschaftlichen und technischen Eliten, die sich möglichst wenig um ideologische und sozusagen rein irrationale menschliche Fragen bekümmern müssten. Das Marxsche Wort, dass die Herrschaft eines Genies besser sei als die eines Idioten, weitergedacht; käme man wieder zu einer Oligarchie, diesmal nicht der reinen politisch-militärischen Macht, des Besitzes und des Geldes; sondern der des Geistes, der Intelligenz, Klugheit, des Verstandes und letztlich der Weisheit. Abgesehen davon, dass ich beide Möglichkeiten für abwegig halte; weil sie sich in der gesellschaftlichen Wirklichkeit nicht so abbilden ließen; dass sie wirksam werden könnten, wäre das eben keine Demokratie mehr. Wer wirkliche Demokratie will, muss entweder davon ausgehen; dass die Mehrheit klüger ist als der Einzelne; oder bei geschätzt 75 Prozent weniger geistig Bemittelten pro Volk einkalkulieren, dass Mehrheitsentscheidungen nicht durchweg die klügsten sind und am Ende sogar kontraproduktiv und existenzgefährdend.

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    In der interessanten Dokumentation „Kloster auf Zeit - Eine Woche als Shaolin-Mönch“ aus der SWR-Reihe „Mensch Leute“ bekommt man nicht nur einen Einblick in das tägliche Training, sondern überhaupt in den normalen Alltag vom Saubermachen, Gärtnern, Essen vorbereiten bis hin zu den Mahlzeiten. Oder wie der beleibte Abt ausführt: „Wir sind keine Kung-Fu-Schule mit Altarecke, sondern ein buddhistisches Kloster.


    Vor dem Mittagessen beten Mönche, Personal und Gäste zusammen:


    Ich denke daran, woher diese Speise kommt und wieviel Arbeit damit verbunden war. Beim Empfang des Essens ist mir mein eigenes Handeln bewusst. Ich achte darauf, nicht zerstreut oder gierig zu sein. Beim ersten Bissen geloben wir, nichts Böses mehr zu tun. Beim zweiten Bissen geloben wir, nur Gutes zu tun.


    Mich hat das sehr berührt, weil mir selbst das so schwerfällt. Die Achtsamkeit ist heute in aller Munde im Westen; es gibt hunderte Seminare, jeden Tag werden Millionen diesbezüglicher Sharepics in den Sozialen Netzwerken geteilt; jeder Wohlstandbürger von der saturierten Edelhausfrau bis zur alternativen Ökobraut achtet darauf, achtsam zu sein und dass andere achtsam sind. In der Psychotherapie kommt mittlerweile die Achtsamkeitsbasierte Kognitive Therapie (engl. Mindfulness Based Cognitive Therapy, MBCT), die Elemente der Achtsamkeitsbasierten Stressreduktion (engl. Mindfulness Based Stress Reduction, MBSR) mit Interventionen der Kognitiven Verhaltenstherapie bei Depressionen kombiniert, zur Anwendung. Der Buddhismus kennt das alles schon 3000 Jahre und zwar ohne Abkürzungen.


    Beim Essen merke ich zuerst, dass ich nicht achtsam genug bin. Wenn man wie ich als Erwachsener überwiegend allein gelebt hat, entwickelt man oft genug ungesunde und a-soziale Esssitten. Man is(s)t ungern allein; schmeißt sich also mit dem Teller vor die Glotze, speist auswärts an Tanke und Imbiss oder bei Freunden, besucht die Eltern samt Kühlschrankplünderung oder trinkt einfach, was man gegessen hätte. Aber so alleine in der Küche sitzen, die Wand anstarren und sein Essen wertschätzen; das kann ich bis heute nicht wirklich. Dabei wäre das so wichtig und der erste Schritt zu Nachhaltigkeit, Zufriedenheit und Glück.


    Für das Eisbein letzten Sonntag starb ein Schwein, das hoffentlich gut gelebt hat; aber wahrscheinlich stammt es aus Massentierhaltung und wurde in kurzer Frist gemästet. Ein Bauer hat hart gearbeitet und seine Seele belastet; die Nahrung des Schweins muss auch irgendwo herkommen; nicht immer reicht, was Kinder in der Schulspeisung wegschmeißen, obwohl das viele Tonnen pro Schule sind. Der Kohl für das Sauerkraut hat genau wie die Kartoffeln einen langen Weg hinter sich mit Blut, Schweiß und Tränen der Agrarwirte und Gemüsebauern. Dass der Zwischenhandel noch seine Aktie am Weg auf meinen Teller hat, will ich gar nicht weiter bedenken. Ich will eigentlich nur vor meinem dampfenden Teller sitzen und wertschätzen, was ich da zu mir nehmen werde.


    In alter Zeit gab es auch im Abendland die Sitte des Tischgebets, heute natürlich verpönt und vergessen. Oft genug sicher einfach Tradition und bloße Pflichtübung; aber vom Wesen her der Dank an Gott für Speis und Trank, der den an die Bauern und Händler einschloss. Das wäre wirklich etwas, wenn die Kinder und Jugendlichen heute daheim mit ihren Eltern wenigstens beim gemeinsamen Abendbrot rekapitulierten, wie wenig selbstverständlich eigentlich ist; was da vor ihnen auf dem Tisch steht und wieviel Arbeit und Energie da drinsteckt. Oder eben in der Schule, alle beim Mittagessen zusammen und einer ist immer dran, der das jeweilige Mahl im Vorfeld beschreibt, woher die Nahrungsmittel und Zutaten kommen; fast wie früher eine Lesung im Refektorium. Die Buddhisten mögen den Durchblick haben, aber wir haben in der Mitte Europas auch unsere Wurzeln.