Yoricks Nachtgedanken bei Tage

  • Der Klassikliebhaber und sein Medium oder Wie die Musik ins Haus kommt!


    Ich habe mir schon oft Gedanken über die unterschiedlichen Wege gemacht, wie die klassische Musik über das jeweilige Medium in unsere vier Wände gelangt und daher versucht, einige Aspekte aus meiner Sicht zu analysieren, zu systematisieren, zu gewichten und in Worte zu fassen und ich freue mich schon jetzt über eure diesbezüglichen Erfahrungen und Erlebnisse, die ihr den anderen und mir hoffentlich nicht vorenthalt


    1. „Quadratisch“, praktisch, gut: Die Compact-Disc (CD)


    Die M(usic)C(assette) abgelöst, die Schallplatte und das Tonband praktisch verdrängt und das alles aus zwei Gründen - der Aufnahme- und Wiedergabetechnik und der praktischen Handhabbarkeit. Die meisten von uns werden das gottgleiche Erscheinen der CD Ende der 80er und den unvergleichlichen Siegeszug zu Beginn der 90er Jahre noch selbst erlebt haben, einer Epiphanie gleich, die Apotheose eines Artefakts, die Revolution im Bereich der medialen Wiedergabetechnik, das digitale Speichermedium der Zukunft. Nie wurden alte Geräte schneller entsorgt und neue noch schneller erworben, obwohl es sich hier keineswegs um eine billige Austauschaktion handelte. Plötzlich gerieten geheimnisvolle Kürzel wie numinose Abbreviaturen zu geradezu göttlichen Insignien; AAD, ADD, DDD, DAD und nun auch SACD; sie alle verhüllten kaum ihre Herkunft von etwas ganz Außerordentlichem – dem Klang, den man eigentlich nur in einem Konzertsaal so erleben kann und im Grunde nicht einmal dort. Mit einem ordentlichen CD-Player, einem Verstärker und dem für angemessen erachteten Soundsystem wurde selbst jeder nicht High-End-Fanatiker plötzlich zum Herr über unendlich viele akustisch saubere Klassikwelten. An diese Klangqualität und die vielen neuen Finessen hat man sich schnell gewöhnt und die meisten aus unserer Bruderschaft der schon mehr als nur ein wenig begeisterten und glühenden Klassikliebhaber werden die Masse ihrer Sammlung im Hüllenformat 12cm-8cm im Regal stehen haben, sei es nun als Jewelcase oder Slimcase oder in anderen Formen. Dennoch weiß man im Gegensatz zu den anderen hier behandelten Medien relativ wenig über die Compact Disc zu sagen; sie ist praktisch, schnell herausgeholt und eingelegt; man kann vorspulen und innerhalb der Aufnahme springen; sie lässt sich auch im Auto hören und auch überallhin mitnehmen, wenn man nicht zu viele braucht. Aber es fehlt mir persönlich das gewisse Etwas, das Flair, das Raunende und letztlich der Stempel des Göttlichen, das sie schließlich im Speicher trägt. Die CD ist das Spiegelbild der Moderne, unserer betriebsamen und hektischen Zeit: Von hoher technischer Qualität, die man niemals mehr missen möchte; aber auch kalt und steril und sehr unpersönlich. Sie war der resolute und unauffällige Pragmatiker unter allen Medien, bevor die Zeit der Personalcomputer und der Festplattenspeicher anbrach. Vielleicht ist sie einfach zu klein, um sie hätscheln und lieben zu können wie eine Schallplatte und zu groß, um über ihre Gefühlsneutralität hinwegzusehen wie bei einem Stick oder einem iPod. Allein ihr im Vergleich zum vinylen Kunstwerk winziges Cover fällt immer wieder ins Auge und leider haben sich mit der Masse der produzierten und ausgestoßenen CDs auch die Booklets in winziger Schrift qualitativ nicht weiterentwickelt, meistens bieten sie in mehrsprachigen Versionen nur die absoluten Basics an Informationen, oft genug aber nicht einmal die.


    2. Erinnerungen und Träume in Vinyl: Die Schallplatte


    Totgesagte leben länger und so ist es tatsächlich! Ich selbst habe seit über zwanzig Jahren keine Schallplatten mehr gehört, die verschiedenen Plattenspieler wurden mit dem Aufkommen des CD-Players und besonders nach der Wende weggeschmissen und entsorgt oder verstaubten zusammen mit der elterlichen und eigenen Plattensammlung auf dem Boden des großen Bauernhauses. Erst jetzt habe ich mir zu meiner neuen Anlage auch wieder einen Schallplattenspieler gekauft, den ich gut zwei Jahrzehnte nicht entbehrte, wiewohl ich eigentlich nicht der Typ bin, der sorgsam den Staub von der Platte pustet und das Cover andächtig zwischen den Fingern hält. Aber klassische Musik von Langspielplatten zu hören ist doch eine ganz eigene und faszinierend andere Welt, wie ich erneut und wiederum feststellen musste. Im Gegensatz zur schnelllebigen Art und Weise, Klassik von der CD oder der Festplatte zu hören; erfordert die LP als Medium eine ganz andere, langsamere und sozusagen entschleunigte Herangehensweise. Die Platte macht den Akt des Musikhörens wieder zu einem Ereignis, zu einem Ritual, einem Gottesdienst! Der rituelle Akt beginnt mit dem Hervorziehen der gewünschten Scheibe aus der Sammlung und dem vorsichtigen Herausnehmen der Platte aus der meist doppelten Hülle (nicht zu vergleichen mit der pragmatischen Entnahme einer CD aus der Plastikhülle), es spinnt sich fort im Auflegen auf den Plattenteller, im Säubern und Reinigen mit einem entsprechenden Tuch und endet mit dem behutsamen Herunterlassens des Tonarms, währenddessen man schon dem Knistern lauscht und bang und voller Vorfreude den ersten Ton erwartet. Die vinyle Präsenz erfordert auch unsere: Nach keiner halben Stunde muss man aufstehen und die Platte umdrehen, da ist nichts mit schnell mal vorspulen oder in einen anderen Satz springen; Platten hören ist nach modernen Maßstäben unbequem und wenig komfortabel; kein Fast Food, sondern eine deftige und wohl dosierte Mahlzeit, die geplant und ausgenutzt werden will, kein Fest der Austauschbarkeit und Beliebigkeit. Das Hören von Schallplatten führt uns zum Essentiellen zurück, zum Wesen des Musikhörens; zu Zeit, Ruhe, Muße und Genuss. Die Schallplatte ist ein Gesamtkunstwerk, weil sie uns nicht nur die Musik ins Haus und zu Gehör bringt, sondern auch eine Einstellung fordert, die dem Musikgenuss zuträglich ist; und weil das Cover als Ausfluss der bildenden Kunst sinnfällig dem Komponisten oder Musikstück korrespondiert und die Texte darauf meist fundierter waren als die heutigen Surrogate in den schmalen Booklets mit der winzigen Schrift. Und zuallerletzt behaupten ja einige Highendexperten; die LP sei der CD auch aus akustischen und klangtechnischen Gründen vorziehen; aber ich verstehe zu wenig (eigentlich gar nichts) von den technischen Details und bräuchte daher eine Erklärung, die ein Laie wie ich auch versteht.


    3. Ein Augen- und Ohrenschmaus: Die DVD


    Wiewohl ich schon eine recht große digitale Sammlung mit Filmen und Dokumentationen besitze, trat die DVD als Medium klassischer Musik erst recht spät vor meine Augen. Ich war wie viele andere Klassikliebhaber auch immer der Meinung, dass man Musik mit geschlossenen Augen erleben muss und nicht abgelenkt werden darf durch äußere Eindrücke. Natürlich verstand ich hierunter nicht den Besuch eines Konzerts oder einer Oper, diese Art des Musikerlebens ist ein eigenes und weites Feld und wird ja nicht über die hier in Rede stehenden modernen Medien vermittelt. Aber daheim auf dem gemütlichen Sofa und vor dem großen Fernsehgerät (gilt also auch für das Fernsehen an sich, siehe unten) ist das etwa anderes; wenn ich dem Dirigenten folge oder dem Orchester und mich überhaupt der Bildregie ausliefere, kann es schon passieren, dass die Musik in den Hintergrund tritt und damit die Hauptsache ihren Wert verliert. Ich unterscheide dabei für mich zwischen Opern und allen anderen Formen des Konzertbetriebs. Natürlich kann es sehr informativ und aufschlussreich sein, bei einer Sinfonie von Beethoven, Bruckner oder Mahler dem Dirigenten bei seiner Arbeit zuzusehen; zu erkennen, wie die einzelnen Orchesterteile, Instrumentengrupppen und Instrumente zusammenwirken; nachzuvollziehen, wie sich so ein Werk musikalisch entwickelt, indem man den Akteuren bei ihrer Arbeit sieht – allein, mich persönlich lenkt das zu sehr von der Musik ab und daher bereue ich den nicht gerade günstigen Erwerb der Beethovenzyklen von Thielemann und Järvi sehr. Bei Solokonzerten ist das schon ein wenig anders, da genieße ich die Möglichkeit, dem Pianisten oder Violinisten genau auf die Finger sehen zu können; erst neulich sah ich durch die für jene Zeit der 60er Jahre hervorragende Bildregie Alexis Weissenberg grandios in Szene gesetzt, wie er sich etwa zum Dirigenten und Orchester verhielt, was er in den Pausen machte usw.; wie er die schwierigen Passagen technisch meisterte, wurde sogar in einer Draufsicht von oben auf die Tasten illustriert. Das kann natürlich auch nach hinten losgehen, wenn wie heute üblich bei modernen Aufnahmen und noch sehr jungen Künstlern manieriertes und affektiertes Auftreten nach Art „Der Virtuose“ von Wilhelm Busch in den Vordergrund treten; was immerhin von der meist unzulänglichen musikalischen Interpretation abzulenken vermag. Und auch nicht jeden noch so begabten und verdienstvollen Liedsänger will man da am Klavier in konvulsivischen Zuckungen stehen sehen. Bei Opern allerdings schätze ich das Medium DVD jetzt sehr, da ich als Thüringer tief in Wald und Gebirge wohne und kaum noch Gelegenheit habe, welche vor Ort anzusehen; zumindest keine hochwertigen Aufführungen, die in großen Städten und damit meist mehrere Autostunden entfernt stattfinden. Freilich ist es auch hier schwer, hörbare und ansehnliche Inszenierungen zu erwerben: Ohne jetzt wider das Regietheater zu fechten und zu lamentieren, findet man kaum noch vernünftige, die das richtige Maß wahren. Und so ist man schnell wieder auf seine Gesamtaufnahmen auf CD zurückgeworfen.


    4. Das Übermedium der Massen, der große Bruder und Gleichmacher: Das Fernsehen


    Das Fernsehen spielt natürlich in Sachen Klassik eine wesentlich geringere Rolle, als wir Klassikliebhaber uns das alle wünschen würden; aber dieser Befund spiegelt eben nur den Stellenwert klassischer Musik in der bundesrepublikanischen und vermutlich auch österreichischen Gesellschaft wider und der ist nun mal gering und da hilft alles Klagen nichts und kein Zetern über den Verfall der Kultur und den Untergang des Abendlandes. Klassische Musik war nie eine Sache der breiten Masse, früher nicht und heute angesichts der vielfältigen anderen Angebote erst recht nicht. Das einzige Medium, das hieran etwas ändern könnte, ist das Fernsehen! Aber selbst die Öffentlich-Rechtlichen Anstalten, die immerhin einen Kultur- und Bildungsauftrag haben und dafür ihre Gebühren beziehen, halten sich auf diesem Feld sehr zurück. Ich weiß nicht, wie das in den 50er, 60er oder 70er Jahren war; aber derzeit engagieren sich zwar DasErste und das ZDF mit ihren jeweiligen digitalen Kanälen mehr als in den 80er und 90er Jahren und auch die gleichfalls alimentierten Spartensender des Kulturbereichs 3sat, ARTE, Phoenix und BayernAlpha; aber auch das ist meines Erachtens noch viel zu wenig und vor allem zu selten. Zumal mir die Auswahl der gezeigten Stücke und Orchester samt Dirigenten oft suspekt ist, was sicher oft seinen Grund in finanziellen und rechtlichen Rücksichtnahmen hat; so zeigt der Bayerische Rundfunk natürlich vornehmlich die in München beheimateten Klangkörper. Wir wissen nun nur zu gut, dass es Bravourstücke wie Beethovens Fünfte oder Tschaikowskis erstes Klavierkonzert sind, die musikalische Laien und Jugendliche zu faszinieren vermögen und die als Einstieg in die Welt der Klassik taugen, aber nein, man zeigt „Lohengrin“ auf ARTE, für uns spannend, für die Masse sicher eher nicht, und ich könnte noch viele solcher Beispiele nennen. Dass man im Pay-TV Solides geboten bekommt, zielt auch nur auf eine verschwindend kleine Klientel; natürlich ist Sky Unitel Classica ein Highlight auf dem Fernsehmarkt, mit gutem Programm, abgewogen zwischen alten und neuen Aufnahmen; meist gutem Klang und passablem Bild; aber auch hier unterliegt die Auswahl sicher ebenfalls gewissen Zwängen. Zu viel Bruckner und Mahler (Konzession an den Zeitgeist); zu viele alte Aufnahmen (eine Frage der Rechte); zu viele Opern (im Verhältnis zur Instrumentalmusik, fressen aber Sendezeit).


    5. Es überlebt uns alle: Das Radio


    Über meine Satellitenschüssel und meinen Receiver habe ich über meinen Fernseher mit angeschlossener Soundanlage einen kristallklarer Empfang der meisten bei uns gängigen Radiosender und natürlich sind bei mir die wichtigsten Klassiksender auf den ersten Plätze der Favoritenliste programmiert: MDR Figaro, BR-Klassik, hr2, SWR2, SWR3, NDR Kultur, SR2 Kulturradio, Klassik Radio, D(eutschlandsender) Kultur, Nordwestradio und noch andere. Allein, mit der verständlichen Ausnahme meines mitteldeutschen Heimatsenders kenne ich von den wenigsten die Programmstrukturen und nutze die Möglichkeiten, welche die Klassiksender bieten, äußerst selten; zumal ich im Auto keine ernsthafte Musik hören kann (maximal Heavy Metal) und es im Übrigen an einer ordentlichen, also einigermaßen vollständigen, übersichtlichen, informativen und lesbaren Radioprogrammzeitschrift fehlt. Überdies ist die Konkurrenz der anderen Medien enorm groß und wer eine große Sammlung von CDs, Schallplatten und DVDs sein eigen nennt, wird nur noch selten Zeit für das Radio finden. Das Radio bleibt dennoch die einzige Alternative für finanziell schwächere Klassikliebhaber und für jene, die sich nicht mit einer eigenen Sammlung belasten wollen, um sich nicht dem Druck auszusetzen, immer selbst entscheiden zu müssen, was man gerade hören möchte. Aber ich denke, auch so mancher leidgeplagte Mensch im Krankenhaus oder einsam daheim wird sich gerne des ARD-Nachtkonzerts erinnern, dass ihm die dunklen Stunden auszufüllen und zu vertreiben half. Die meist angenehmen Stimmen der Klassik darbietenden Radiomoderatoren zwischen den Musikstücken sind Anker und Ruhepole in einer hektischen und oberflächlichen Welt.


    6. Die Zukunft auch des Klassikhörens: Rechner/ moderne Speichermedien/ Internet


    Ohne den Computer geht heute gar nichts mehr, auch ich habe meine komplette Sammlung auf Festplatte eingelesen und verwalte sie trotz aller Unzulänglichkeiten des Programms meist über iTunes. Das ist zu Beginn sehr zeitaufwendig und umständlich, lohnt sich aber auf die Länge. Gerade für die Interpretationsfanatker unter uns mit ihren permanenten Vergleichen von Aufnahmen sind jene auf Festplatte rasch zugänglich und man kann innerhalb dieser leicht vor- und zurückspringen, auch innerhalb verschiedener Aufnahmen; man kann ohne Umstände Zeiten von Sätzen oder Akten und Szenen messen und ablesen, Zyklen zusammenlegen oder ganze Opern. In Kombination mit einem iPod für unterwegs im Auto, im Urlaub, wenn man mal ins Krankenhaus etc. muss oder auch mit Musikanlagen an anderen Standorten ist der Rechner samt mobilen Datenträgern für uns Klassikliebhaber einfach nicht mehr wegzudenken. Das Internet unterstützt uns natürlich zusätzlich, indem wir problemlos per Mausklick einkaufen können; aber auch probehören bei Amazon oder JPC oder sogar hören und sehen bei Portalen wie youtube. Einziger Nachteil: Die wenigsten von uns werden an ihrem Rechner vergleichbare Boxen mit Verstärker installiert haben, so dass sich der Hörgenuss natürlich nicht mit dem einer richtigen Anlage vergleichen lässt. Aber ich denke, die Zukunft wird solchen Projekten gehören.

    "Wir trinken leise." Polizeiruf 110 (Halle/ Saale: neues Team): An der Saale hellem Strande - Tilla Kratochwil als Trinkerin Silke Berger

  • Jetzt, da ich erstmals länger als einen Tag von meiner Schäferhündin Babsi, deren Vater ich neulich erwähnte; getrennt bin; erinnere ich mich auch meiner ersten Schäferhündin Sarah, die ich vor etwa zehn Jahren über die Regenbogenbrücke gehen lassen musste und deren Tod folgeden Text veranlasste:


    Viele Menschen werden das nicht verstehen; aber es gibt noch immer Momente; da ich über Sarahs Tod und auch den Hectors im Herbst 2013 schier verzweifeln will.

    "Wir trinken leise." Polizeiruf 110 (Halle/ Saale: neues Team): An der Saale hellem Strande - Tilla Kratochwil als Trinkerin Silke Berger

  • Die Radiojodtherapie ist keine große Geschichte: Sie soll die Schilddrüsenüberfunktion bei vergrößerter Struma beseitigen, die durch autonome, also unkontrollierte und nicht zielführende Ausschüttungen von Hormonen neben vielem anderen auch Herzrhythmusstörungen hervorrufen kann, wie bei mir vermutet. Man kann alternativ auch die Schilddrüse rausoperieren lassen, ist dann aber neben den normalen Risiken einer OP auch ein Leben lang auf Tabletten angewiesen. Die von mir zunächst bevorzugte Verödung mit Alkohol ließ ich dann doch fallen; nachdem ich nachgelesen hatte, dass es sich bei der Perkutanen Ethanol-Injektionstherapie eben tatsächlich um Injektionen handelt und der Alkohol nicht über eine Schluckimpfung verabreicht wird.


    Man schluckt also zu Beginn nach wochenlangen umfangreichen Voruntersuchungen und Messungen eine ominöse Kapsel mit dem radioaktiven Jod-Isotop Jod-131, vor der selbst der behandelnde Oberarzt so viel Schiss hat, dass er behend zur Seite springt bei der Einnahme durch ein strahlenschutzsicheres Röhrchen. Ab diesem Moment ist man kaserniert, inhaftiert, gefangen, in Klausur. Man darf erst wieder unter richtige Menschen, wenn man den in Deutschland geltenden Grenzwert unterschreitet; „die Dosisleistung darf in 2 Meter Abstand vom Patienten 3,5 µSv pro Stunde nicht überschreiten.“


    In der Regel verbleiben die Patienten drei bis fünf Tage auf Station; bei sehr großen Strumen wie natürlich meiner mit großem Zielvolumen kann die Aufenthaltsdauer auch zehn Tage erreichen. Man hat also überhaupt nichts auszustehen auf dieser anders geschlossenen Station; man muss die Sache nur aussitzen und dreimal am Tag eine halbe Stunde flach im Bett liegen, damit die Strahlung gemessen und der Entlassungstag bestimmt werden kann. Und genau das ist sehr schwer für viele, die meisten erwarten täglich gierig die neuen Messzahlen, hoffen auf das Einverständnis des Oberarztes und fiebern so also von Tag zu Tag mehr ihrer Entlassung entgegen.


    Ich selbst bin da vollkommen anders; mir hat der Tag fast zu wenig Stunden für alle meine Vorhaben. Lesen, Musik hören, schreiben, korrigieren, telefonieren; schlafen, essen, ruhen und vor allem viel nachdenken. Mich quält nur, dass meine Schäferhündin Babsi solange von mir getrennt ist; aber auch sie weiß ich in guten Händen bei meinen Mädels daheim. Was aber trotzdem interessant ist, scheint der Blick auf das, was der moderne Mensch des 21. Jahrhunderts so braucht für eine knappe oder reichliche Woche. Na klar, der Mensch braucht Nahrung, Essen, Trinken; Kleidung, Obdach; heutzutage auch einen Fernseher und einen Rechner mit Internetanschluss. Und all das findet man auf der isolierten Station; ich habe sogar dank meiner privaten Krankenversicherung mit erhöhtem Tarif die Option Einzelzimmer ziehen können. Und doch komme ich nicht so zurecht, wie ich mir das wünsche.


    Der winzige Fernseher hängt in der entferntesten obersten Ecke des Zimmers und dessen Bild ist also ohne Opernglas für eine Blindschleiche wie mich nicht zu erkennen; das WLAN hängt sich ständig auf alle paar Minuten, womit das Internet auch ausfällt. Es gibt nur Ober- und Deckenlicht, keine Nachttisch- oder Schreibtischlampe, die für lange Lektüren zu jeder Tages- und Nachtzeit notwendig wäre. Und, am Schlimmsten, es gibt nur einen winzigen Tisch, auf den gerademal der Laptop passt, sonst nichts. Wie soll man da lesen, schreiben, studieren, arbeiten? Ich habe alle Hebel in Bewegung gesetzt, ein größerer oder weiterer Tisch ist nicht zu bekommen. Aber die Tischproblematik verfolgt mich schon ein ganzes Leben lang, dazu später hoffentlich mehr.


    Meine Gemahlin meinte natürlich gleich, ich sei zu verwöhnt; und da sähe ich mal, wie gut ich es daheim habe bei ihr. Unbestritten, aber ist man zu anspruchsvoll, wenn man einen Tisch möchte zum Arbeiten und eine Lampe zum Lesen? Ich verlange doch kein gekühltes Bier, keine Edelnutten, kein Wasserbett oder einen Flachbildschirm von der Größe einer Zimmerwand? Ich brauche kein Fünfgängemenü, bin mit allen Mahlzeiten hochzufrieden; auch mit dem Getränk, von dem es heißt, es sei Kaffee; obwohl der Tee daneben genauso schmeckt.


    Ich brauche kein Entertainmentpaket, keine Rundumbespaßung; keine Dauerberieselung mit irgendetwas. Ich bin ein absolut ruhiger, unauffälliger Patient; gehe analog und Face to Face niemandem auf den Keks; sitze in meiner Stube; beschäftigt mit Lektüren, Korrekturen, Redaktionen, Lektoraten und Schreibarbeiten. Und da kann ein Tisch nicht nur Spielzeugausmaße haben; genauso wichtig wie der Stuhlgang, der im Krankenhaus täglich nach Frequenz und Konsistenz protokolliert wird, ist die Tischgröße meines Erachtens und die Division der Lumen durch die Buchquadratzentimeter vor meinen Augen.

    "Wir trinken leise." Polizeiruf 110 (Halle/ Saale: neues Team): An der Saale hellem Strande - Tilla Kratochwil als Trinkerin Silke Berger

  • Ich bin ein großer Fan von Frauen im Sport mit allem Drum und Dran; ob Fußball, Handball, Tennis, Schwimmen, Leichtathletik, Wintersport oder Boxen; ich schaue mir das inzwischen genauso an wie den Sport der Männer und je älter ich werde, desto lieber. Und ich unterstütze auch den Einsatz als Schiedsrichterin beim Männerfußball, an der Seitenlinie wie auf dem Platz sind Frauen genauso, wenn nicht besser in der Lage, in die Pfeife zu blasen und die Burschen auf dem Rasen in Schach zu halten. Wo sie aber nicht hingehören, ist der Platz der Kommentatoren; mich machen aufgeregte weibliche Stimmen völlig fertig, ja krank bei einem ohnehin schon aufregenden Fußballspiel. Ich reagiere da richtig allergisch und werde aggressiv; eine mentale Reaktion, die ich auch schon bei Hörbüchern erlebt habe, freilich in abgemilderter Form. Man muss sicher keine Psychoanalyse bemühen für diesen Befund.

    "Wir trinken leise." Polizeiruf 110 (Halle/ Saale: neues Team): An der Saale hellem Strande - Tilla Kratochwil als Trinkerin Silke Berger

  • Wenn mich jemand fragt, warum und wann ich eigentlich zum Historiker geworden bin; dann antworte ich; spät, sehr spät; aber nicht zu spät; immer noch früh genug und vor allem früher als all die Geschichtswissenschaftler, die es in ihrem ganzen Arbeits- und normalen Leben nicht geschafft haben.


    Als ich mit fünf Jahren zu lesen und wohl auch zu denken begann; kamen mir schnell auch Bücher mit historischen Themen unter die Augen, die mich sehr interessierten. In der Schule war Geschichte noch vor Deutsch zwölf Jahre lang mein absolutes Lieblingsfach. Dass ich Geschichte auf jeden Fall würde studieren wollen, stand für mich zeitig fest; egal, in welcher Kombination. Und so studierte ich sie auch fünf Jahre lang an zwei Universitäten und begann sie zu unterrichten. Ich beschäftigte mich auch weiterhin wissenschaftlich mit ihr und publizierte.


    Aber ein Historiker war ich bis dahin noch keiner; obwohl ich im Gegensatz zu vielen meiner Fachkollegen das Handwerkszeug beherrschte; ich war lange Jahre mächtig stolz auf meine Fähigkeiten und Fertigkeiten in sämtlichen historischen Hilfswissenschaften: Quellenkunde (Diplomatik [Urkundenlehre], Aktenlehre), historische Geographie, Chronologie, Genealogie (Geschlechterkunde), Heraldik (Wappenkunde), Sphragistik (Siegelkunde), Numismatik (Münzkunde) und Paläographie (Lehre von den Schriftarten) – da kannte ich mich aus und wusste das den unkundigen Zöglingen an der Universität immer wieder vorzuhalten. So nach dem Motto, lerne erst mal dein Handwerk, ehe du Urteile über Stalin oder Hitler abgibst!


    Zum richtigen Historiker hat mich aber erst der gesellschaftspolitische Umbruch der Wende 1989/90 gemacht; und zwar nicht sofort; sondern Jahre später, so ab Mitte bis Ende der 90er. Und das hing damit zusammen, dass ich hautnah an der Universität, in Forschung und Lehre, im Unterricht und überhaupt der gesellschaftlichen Diskussion erlebte, dass das nunmehr propagierte Geschichtsbild von der DDR so überhaupt nicht dem entsprach, was ich selbst, also persönlich noch fast 20 Jahre erlebt hatte. Die Darstellung aller möglichen Aspekte der DDR-Geschichte war so eindimensional und verengt im Blickwinkel und unterschied sich inhaltlich und im methodischen und methodologischen Zugang so sehr von allem, was ich bislang als seriöser Geschichtswissenschaftler gewohnt war, dass ich erstmals anfing ernstlich zu zweifeln an den Möglichkeiten der Geschichtsschreibung, zumal im ideologischen Zeitalter seit der Französischen Revolution.


    Mir wurde nicht schlagartig, aber doch schleichend bewusst; dass vieles von dem, was in den Lehrbüchern zum Zeitraum zwischen 1789 und 1990 zu lesen war, eingehender überprüft werden musste als etwa ohnehin schon eher legendäre Berichte über Hannibal oder Alexander den Großen. Und während ich vorher eigentlich eher ein Spezialist für die Frühe Neuzeit und auch das Mittelalter war, wandte ich mich nun auch unter dem Eindruck der Schülerinteressen der neueren und auch Zeitgeschichte zu, wobei ich neben der Quellenkritik besonders geschult wurde, den ganz und gar unterschiedlichen Interpretationen der gleichen Quellenlage mein Augenmerk zu widmen.


    Was ich da feststellen musste, erschütterte mich zutiefst und hat mein Vertrauen in die Geschichtswissenschaft nachhaltig und sozusagen endgültig erschüttert. Ich wusste zwar aus DDR-Zeiten, wie sehr eine Ideologie sich Geschichte zurechtbiegen kann; aber dass das kein Vorrecht der Kommunisten oder Nationalsozialisten ist, sondern auch in der freien Welt so gehandhabt wird, ließ mich konsterniert zurück. Selbst die eigentlich so klare, deutlich auf der Hand liegende deutsche, europäische und internationale Geschichte der 20er und 30 Jahre und insbesondere der Vorgeschichte des 2. Weltkrieges erschien in ganz anderem Licht.


    Also wage ich das Diktum, dass ein richtiger Historiker nur werden kann; wer einen kompletten Umsturz und Umbau aller gesellschaftlichen Verhältnisse am eigenen Leib, an eigener Seele, am eigenen Geist erlebt hat und damit auch die Umdeutung all dessen, was Marx und Engels früher den Überbau (Staat, Religion, Kultur, Kunst, Wissenschaft, Denkweise) genannt haben über den ökonomischen Verhältnissen. Nur diese werden die Perspektive und den Mut haben, unbequeme, unordentliche, böse Fragen an die Geschichte und deren Deuter zu stellen; die der wirklichen Wirklichkeit, an die man sich ohnehin nur annähern kann, wenigstens auf die Hacken treten. Nur, wer Theorien und Geschichtsmodellen misstraut; die Eigengesetzlichkeit der Geschichte nicht unterschätzt und die Gestaltungsmöglichkeiten des Menschen in der Welt nicht überschätzt, wird sich den nüchternen Blick für die historische Realität erhalten.

    "Wir trinken leise." Polizeiruf 110 (Halle/ Saale: neues Team): An der Saale hellem Strande - Tilla Kratochwil als Trinkerin Silke Berger

  • Tischlein, streck dich …


    Während sich Stühle aller Art allgemeiner Beliebtheit erfreuen in der Alltagskommunikation und sie Moden mitmachen wie die Kleidung auch, scheint sich in den letzten Jahrzehnten und Jahrhunderten kaum noch jemand um Tische zu bekümmern. Dabei ist der Tisch das Symbol schlechthin des geistig Arbeitenden, des Gelehrten; Bücherwurms und überhaupt recht viel lesenden und studierenden Menschen.


    Mit dem Beginn meiner Leselaufbahn verfestigte sich bei mir gleichzeitig der Wunsch nicht nur nach einer eigenen Bibliothek, sondern auch nach einem großen, massigen Tisch in derselben; auf dem man bergeweise Bücher und Manuskripte stapeln konnte, aufgeschlagene Atlanten Platz fanden und natürlich meine Schreibutensilien; ohne dass die eigene Bewegungsfreiheit auch nur im Mindesten eingeschränkt wäre, wenn man sitzt und liest und schreibt oder um den Tisch aufgeregt herumrennt oder drunter etwas verzweifelt sucht, auf ihm tanzt oder Liebe macht. Natürlich findet man solche Tische, die an jene im preußischen Generalstab erinnern und später die beim OKW, also eigentlich reine Kartentische sind; in keiner neueren Bibliothek mehr, bestenfalls in älteren Einrichtungen oder Archiven. Im privaten Raum fehlt dafür der Platz: Selbst, als ich endlich auf meinem Landsitz im Oberland eine eigene Bibliothek mit mehreren Räumen mein Eigen nennen konnte; passte in das größte Zimmer von fast 40 Quadratmetern kein Tisch aus meinen Tag- und Nachtträumen hinein.


    So war das eigentlich immer. In meiner Kindheit, als ich noch das Zimmer mit meinem jüngeren Bruder teilte, besaß ich einen Klappschrank; dessen geöffnete Klappe als Tisch diente für die Schularbeiten. Natürlich war der nicht wirklich stabil, man konnte seine Arme nicht richtig aufstützen und bei zu viel Last wäre die Konstruktion abgebrochen. Auch im Wohnheim später natürlich nur normale Tische und in den ersten kleineren Wohnungen auch nur entsprechende kleine. Später in meiner Bibliothek konnte ich mich wenigstens mit zwei Schreibtischen aus dem Möbeldiscounter behelfen, die je zwei Meter breit und 90cm tief waren.


    Irgendwie scheint im öffentlichen Bewusstsein die Vorstellung vom geistigen Arbeiten am Schreibtisch abhandengekommen zu sein. Mal meine vernünftigen hedonistischen Spinnereien vom Generalstabstisch beiseite muss doch aber Platz genug sein für das eigene Schreibzeug, für mehrere Bücher und auch mittelgroße Atlanten, für Zeitschriften und Zeitungen. Wenn man sich nicht ausbreiten kann als Geistes-, Gesellschafts-, Kultur- und Sozialwissenschaftler; ist man genauso nackt und hilflos wie ein Naturwissenschaftler ohne Mikroskop, Labor und Bunsenbrenner. Selbst die größten Bibliotheken bieten hier dem einzelnen Forscher kaum genügend Raum; alle scheinen davon auszugehen; dass Platz für einen Laptop und eine Broschüre ausreichend ist, wenn man einen Internetzugang hat, gesunde Augen und einen schlanken Leib.


    Im öffentlichen Raum spitzt sich diese Problematik zu; denn weder in Hotels noch in Krankenhäusern gibt es heute mehr Tische, die nicht nur als Ablage taugen. Selbst die alltäglichsten Verrichtungen fern jedes Studiums scheinen nicht mehr möglich; wenn man weder die Ellenbogen aufstützen kann noch mehr als ein Taschentuch und einen Schlüssel drauflegen. Vielleicht wird man uns in ferner Zukunft als die tischlose Generation bezeichnen - getrennt von Tisch und Bett ist ja eine gängige Redewendung; wollen wir hoffen, die Liegestatt bleibt uns wenigstens vorerst erhalten.

    "Wir trinken leise." Polizeiruf 110 (Halle/ Saale: neues Team): An der Saale hellem Strande - Tilla Kratochwil als Trinkerin Silke Berger

  • Kant hat in seiner Kritik der praktischen Vernunft sehr genau hingesehen und analysiert; dass ein Mensch, der einem Blinden ein Almosen gibt, nicht automatisch moralisch handelt, sondern sich der Spender womöglich in ein gutes Licht stellen wolle vor anderen, an sein mögliches eigenes Leiden im Alter denkt und vielleicht eine Belohnung seiner Handlung im Jenseits. Moralisch handelt nach Kant nur jemand, der guten Willens ist und ohne äußere Rücksichten und Interesse an der Sache; bloß auf Grund eines allgemeinen Sittengesetzes.


    So sind wir gegenwärtig fast 250 Jahre nach dieser mittleren der drei bahnbrechenden Kritiken wieder zurückgefallen in den Stand der Pharisäer und Philister; der Heuchler und Pseudosamariter. Der gemeine Gutmensch tut nur etwas, wenn alle ihm dabei zusehen; wenn er darüber stolz ins Mikrophon berichten kann, nicht ohne mehr oder weniger subtil anklagend all die, die nichts Gutes tun für die Welt, das Klima, die Menschen; anzuklagen und abzuurteilen als schlechtere Menschen. Alles muss im weltweiten Netz angekündigt, fotografiert und gefilmt, im Nachgang nachempfunden und reflektiert werden im großen Stil und je mehr Menschen dem Gutsein zusehen, desto besser fühlt sich der Gutmensch; der ein Seiltänzer ist zwischen dem normalen schlechten Menschen und dem Übergutmenschen. Moralisch überlegen und ethisch vollkommen ohne Fehl und Tadel wandelt er den Pfad des Gerechten vor aller Augen. Nur coram publico vollzieht sich das Messopfer am Altar der Menschlichkeit; die Transsubstantiation, die Epiphanie und Apotheose des säkularen Humanen.


    Der einfache Mann aber von der Straße, die einfache Frau von nebenan; die helfen dem Nachbarn ohne viel Worte; tragen dem Großmütterchen unterm Dach die Kohleneimer hoch; die geben Flüchtlingen in der Volkshochschule oder auch privat Sprachkurse, ohne auch nur einer Menschenseele da draußen im Land davon zu berichten; die setzen sich in die Hospize zu den Sterbenden und halten deren Hände; ohne davon viel Wesens davon zu machen. Ohne viel Federlesen gräbt man und vielleicht ein wenig fluchend im Februar die Autos von anderen Verkehrsteilnehmern aus dem Schnee; der kranke Mann der Freundin wird zum Facharzt oder ins fernere Krankenhaus über Land gefahren; dem Gartennachbarn schneidet man die Hecke oder fällt einen Baum, ohne das angebotene Bierchen zu verschmähen; man kocht für den Bettlägerigen gegenüber und betreut die Kinder der alleinstehenden Frau mit den zwei Jobs. Und wenn keiner hinsieht, spendet die Oma drei Euro für Greenpeace, weil sie Tiere so mag; und der alte Grantler vom Stammtisch mit den deutschnationalen Parolen im Suff kann die Bilder im Fernsehen von hungernden Kindern in Afrika nicht ertragen und überweist klammheimlich 100 Euro, obwohl er selbst fast nichts hat zum Leben und Saufen.


    Natürlich sind beide Absätze hier drüber so pauschal, wie sie auch im Kern richtig sind. Es würde mir aber schon reichen; wenn all die Zampanos und Claqueure mal in sich gingen, in sich hineinhorchten und ein ganz klein wenig hinterfragten, ob sie ihr Maul immer so weit aufreißen müssen oder ob es nicht an der Zeit sei, das Gute im Stillen zu tun und nur darum, weil es gut ist als Sache und nicht für sich selbst und die Aufmerksamkeit von Medien und Masse. Und die kleinen Leute sollen das ihre ruhig mal öffnen und wenigstens einmal den Nachweis führen; dass eine arrogante, naserümpfende Haltung der moralischen Überlegenheit ihnen gegenüber ebenso falsch wie unfruchtbar ist und letztlich die Gesellschaft spaltend.

    "Wir trinken leise." Polizeiruf 110 (Halle/ Saale: neues Team): An der Saale hellem Strande - Tilla Kratochwil als Trinkerin Silke Berger

  • Die Ironie der Geschichte, so WG Sebald in einem Interview der frühen 90er, lässt die Menschen immer wieder wie Narren aussehen, treibt ihren bösen Spott mit ihnen, spricht aller ihrer Bemühungen Hohn und schlägt gerade dort zu, wo es keiner erwartet. So wird ausgrechnet das Land, das sich in der NS-Zeit mittels unvorstellbarer Verbrechen so bemühte, sich von allem Fremden zu befreien; nun überschmemmt von Asylanten aus alller Welt, die auf Kosten des deutschen Steuerzahlers leben. Eine späte Rache der Geschichte, meint Sebald, und man möchte ihm fast rechtgeben, gerade jetzt, 30 Jahre später.


    Aber es geht auch in kleinerer Münze. Da bin ich nun seit fast einer Woche kaserniert in der nuklearmedizinischen Abteilung, kann weder Station noch Zimmer verlassen, der Blick aus den geschlossenen Fenstern auf marode Bausubstanz und hitzeflirrende Agonie; und ausgerechnet jetzt schicken mir meine Eltern ihre hundertseitigen Berichte über ihre viermonatige Weltreise mit dem Schiff rund um den Globus zur Korrektur, Redaktion und zum Lektorat. Und als wäre das nicht genug, legt mir ein Satan Christoph Ransmayrs Roman „Cox oder Der Lauf der Zeit" unter die Augen, dessen Hauptthema die unterschiedliche Wahrnehmung von Zeit ist, deren Gewalt und Macht; aus der es kein Entrinnen gibt.


    Danke, du Demiurg! Klopfst dir sicher die Schenkel ... *yes*

    "Wir trinken leise." Polizeiruf 110 (Halle/ Saale: neues Team): An der Saale hellem Strande - Tilla Kratochwil als Trinkerin Silke Berger

  • Das Unbehagen an der Person Friedrichs des Großen, welcher von der Linken diffamiert und von der Rechten glorifiziert wird, während die liberale Mitte anlässlich des dreihundertsten Geburtstages eine ausdrückliche Bewertung peinlich vermeied und bildungsbürgerlich herumlavierte; rührt schlicht daher, dass jener wie kein zweiter Monarch und erst recht wie keine andere deutsche historische Persönlichkeit ersten Ranges geradezu symbolisch das Dilemma des 20. Jahrhunderts vorwegnimmt; als alle Welt ungläubig staunend und so entsetzt wie (un)heimlich bewundernd auf den angeblich neuen deutschen Typus schaut, der sich anschickt, sich die halbe Welt untertan zu machen – den kultivierten und aufgeklärten Schöngeist mit Interessen für Kunst und Kultur und größter Aufmerksamkeit für die Probleme seines Volkes auf der einen Seite und auf der anderen den kalten, zynischen, gewissenlosen, grausamen und pragmatischen Machtpolitiker, der für seine Ziele unerbittlich und scheinbar ungerührt über Leichen geht, für die Seinen aber treulich sorgt und auch den Tod nicht scheut! Das entspricht nur zu überdeutlich dem fast schon Klischee gewordenen Bild vom Bach spielenden deutschen Soldaten aus „Schindlers Liste“, während zeitgleich neben dem Klaviervirtuosen Wehrmacht, SS, Polizei und andere Einheiten brutal das Krakauer Ghetto räumen. Reinhard Heydrich, der Organisator des millionenfachen Massenmordes; liebte auch seine Violine und das Spiel darauf. Der germanische Übermensch preußischen Geistes und deutschen Schlages; der, was er auch anfasst, besser macht als alle anderen – sei es im Bereich der Künste oder als schrecklicher Meister des Todes!


    Wie romantisierend und dämonisierend und also gänzlich ahistorisch, wenig hilfreich und unsinnig solche Zuschreibungen und Charakterisierungen sind, muss man eigentlich gar nicht ausführen! Dass Friedrich als Preuße so gar nichts mit der Idee eines geeinigten Deutschlands zu tun hat und erst recht nicht mit den Allmachtsfantasien späterer Zeiten; ficht die Gegenwart nicht an – in der stark konstruierten Ahnenreihe Friedrich II., Bismarck, Hindenburg, Hitler steht er für allzu viele seit Jahrzehnten ehern am Ursprung des preußisch-deutschen Militarismus, der die Welt in tragische Kriege verstrickte und Deutschland ins Unglück stürzte. Symbolisch genug hing sein Bild im Arbeitszimmer des Führers im Bunker unter der Reichskanzlei! Weder Alexander der Große noch Napoleon müssen mit solchen Nachfahren konkurrieren und an jenen gemessen werden: Die Toten können sich nicht wehren und wer als König vor den Augen der Zeitgenossen und der Nachwelt eine derart ambivalente Rolle spielt, darf sich über Deutungsschwierigkeiten nicht wundern! Das Besondere und Bedeutende entzieht sich der pauschalen Klassifizierung und dem schablonenhaften Denken; Friedrich passt in keine der üblichen Schubladen.


    Und dabei ist die Ambivalenz nur eine scheinbare, denn der wirkliche Alte Fritz ist eindeutig der preußische König der Staatsräson; alles andere bleibt marginal und scheint kaum mehr als höfisches Geplänkel. Aber wie man es auch betrachtet; Friedrich fällt durch alle gängigen Raster und taugt so wenig zum Dämonisieren wie zum Profanieren: Zu entmythologisieren wäre allenfalls das moderne janusköpfige Porträt preußisch-militaristischer Ästheten und deutscher Kulturfaschisten; in welcher Ahnengalerie Friedrich den Anfang macht und Hitler das Ende markiert! Wenn man endlich aufhört, den Flöte spielenden und schlesische Kriege führenden Monarchen und den Wagner verehrenden und Weltkrieg wie Völkermord kalkulierenden Diktator und alle ihre näheren und ferneren Verwandten gleichzusetzen und das verzerrte Bild eines diabolischen Verbrecherkünstlers deutscher Zunge und Kulturnation zu kultivieren, wird vielleicht endlich der Weg frei für eine vorurteilsfreie Bewertung des großen Königs! Aber so recht mag ich daran nicht glauben!

    "Wir trinken leise." Polizeiruf 110 (Halle/ Saale: neues Team): An der Saale hellem Strande - Tilla Kratochwil als Trinkerin Silke Berger

  • Was sofort auffällt, wenn man W. G. Sebald liest – und zu ihm fällt mir so viel ein, ich könnte Bücher füllen; aber dazu später - ist, wie selbstverständlich er englische, französische und italienische Passagen in seinen deutschsprachigen Büchern einfügt und genauso selbstverständlich unübersetzt stehen lässt, ohne dass es zumindest mir irgendwie manieriert vorkommt, überheblich, unverschämt, dreist oder abgehoben; im Gegenteil, alles fügt sich organisch ineinander, scheint absolut am Platz so.


    Man kennt das ja schon von Schopenhauer, der in seinen Büchern Zitate aus dem Altgriechischen, Lateinischen immer im Original gibt und sich bestenfalls für das seinerzeit weniger bekannte Englische zu einer Übersetzung hinreißen lässt. Denn für ihn war es selbstverständlich, dass ein Mensch mit klassischer Bildung, wozu eben auch unabdingbar die Kenntnis der Alten Sprachen gehörte, diese zumindest lesen und verstehen kann. Und genauso geht Sebald davon aus, dass ein gebildeter Mensch des ausgehenden 20. Jahrhunderts die großen europäischen Kultursprachen wenigstens ansatzweise kennt und beherrscht.


    So wird dennoch einem wie mir, der im Vergleich immer noch eine halbwegs umfassende Bildung lebt, schmerzhaft bewusst, wie wichtig eben doch die Sozialisation ist und das Milieu, aus dem man stammt. Denn seien wir ehrlich: Ohne die Kenntnis von wenigstens drei oder vier Sprachen darf man sich nicht gebildet nennen; nicht weltläufig, europäisch, abendländisch, kosmopolitisch.


    Neben Latein, das hier natürlich nicht zählt, und das ich erst auf der Universität belegen konnte, weil es zu DDR-Zeiten angehenden Ärzten und Juristen vorbehalten war; hatte ich in der Schule Russisch und Englisch. Russisch ab der 5. Klasse bis zur 12., danach noch zwei Jahre an der Uni; da ich mich später oft in Russland, der Ukraine etc. aufhielt, ist das die Sprache, die ich am Besten beherrsche und die mich in der vereinigten Bundesrepublik fast schon wieder zu einer Rarität unter den halbwegs Gebildeten macht. Unsere Russischlehrer hatten in der Regel Praktika in der Sowjetunion absolviert, Rotarmisten hatten ihre Kasernen in den größeren Städten und überhaupt spielte historisch verständlich die Kultur Osteuropas eine sehr große Rolle in Bildung und Kultur.


    Beim Englischen sah das natürlich ganz anders aus; weshalb ich hier auch früher schon schrieb: My English is not that good, because my english teacher doesn't come so weit raus aus seinem Dorf. Keiner meiner Englischlehrer in POS, EOS und auch während des Studiums war jemals in einem englischsprachigen Land gewesen, hatte mit Muttersprachlern gesprochen und gelebt, woher sollten also Vokabelkenntnis und Aussprache kommen? Englisch lernten wir Teenager also über das Westfernsehen, das Radio, über auf Umwegen ergatterte Platten und einige Großväter, die in englischer und amerikanischer Kriegsgefangenschaft saßen. Mein Englisch ist dadurch bis heute so schlecht geblieben; dass ich immer noch Mühe habe, wissenschaftliche und auch belletristische Texte zügig zu lesen. Für die Alltagskommunikation in fremden Ländern reicht es natürlich aus, weil die dort lebenden Menschen meist auch nicht besser englisch sprechen.


    Wirklich Zeit es zu verbessern habe ich mit dem Eintritt ins Berufsleben nicht gefunden; denn ich unterrichte seit dem 23. Lebensjahr und habe neben dem Schulbetrieb lange Jahre geschichtswissenschaftlich gearbeitet, ein Privatleben geführt und auch geunnützt. Mit dem Reisen hörte ich so etwa um das 30. Lebensjahr auf, aus Gründen, die ich anderswo schon eingehend beschrieben habe. So blieb also auch weder Zeit noch Muße, um die Sprachen zu lernen, die mich noch interessiert hätten; an erster Stelle das Spanische, aber auch italienisch und französisch; vielleicht noch arabisch; Hindi oder Mandarin schienen mir ein aussichtsloses Beginnen.


    Unser multimediales Zeitalter scheint ja zu glauben; Sprachenkenntnis sei eine rein technische Frage geworden; wo es nicht einmal mehr Wörterbücher braucht und man einfach Wörter, Sätze oder ganze Textabschnitte im Internet in die entsprechenden Programme kopiert, um eine ungefähre Übersetzung zu erhalten. Wie stets zielt man dabei am Kern, am Wesen von Bildung, von Allgemeinbildung vorbei. Es ist eben nicht nur wichtig zu wissen, wo etwas steht und es reicht eben nicht aus, Methoden ohne Inhalte zu beherrschen, was im Übrigen ohnehin per se gar nicht geht. Die Beherrschung verschiedener Sprachen in Wort und Schrift hat nicht nur mit der Persönlichkeits- und Charakterbildung zu tun; sondern auch mit der Erziehung zu selbstdenkenden, kritischen Bürgern, zu freien unabhängigen Geistern eben, die in der Lage sind, sich unabhängig von Autoritäten selbst ein Urteil zu bilden.


    Denn nur wer viel reist und andere Kulturen kennenlernt, kann jene multiperspektivische Weltsicht erwerben, die so notwendig ist für alle gesellschaftspolitischen Projekte heute weltweit und speziell auch in der Mitte Europas. Wer sich abseits ausgetretener Touristenpfade wirklich im jeweils einheimischen Milieu bewegen will, um Land und Leute von der Pike auf grundhaft kennenzulernen, wird das nur mit wenigstens minimalen, rudimentären Sprachkenntnissen zu Wege bringen. Ohne Spracherwerb kein Kulturerwerb und keine Integration bei längeren Aufenthalten, weshalb zum Beispiel auch für jeden Migranten in Deutschland die Verpflichtung gegeben sein sollte, in Jahresfrist wenigstens so viel Hochdeutsch zu können wie die Bayern oder Friesen.


    Es mutet mich immer wieder wie Hybris und eitel Hoffart an, wenn ich sehe; wie ungebildet und aller Kultursprachen unkundig unsere Politiker und Diplomaten sind. Für frühere Generationen war es selbstverständlich, dass man etwa als Deutscher auf diplomatischem Parkett englisch, französisch, italienisch, russisch oder spanisch sprach; ich verweise auf Harry Graf Kessler, ganz einfach, um auf dem Laufenden zu bleiben zwischen den Großmächten und weil das Zeremoniell und Rituale forderten und ganz besonders deshalb; weil man sich auch unter vier Augen ohne Dolmetscher mit einem gleichrangigen Politiker oder Diplomaten unterhalten können musste. Aber wie viele Sprachen beherrscht unsere Kanzlerin, wie viele unser Außenminister, die verschiedenen Botschafter in aller Herren Länder und erst recht die Parvenüs und aufstrebenden jüngeren Politikergenerationen diverser Provenienz und Lager? Man kennt die Antwort und weiß auch, dass sich bundesdeutsche Politiker schon einmal lächerlich machen, wenn sie bloß vom Blatt englisch vorlesen sollen.


    Dabei wären heute alle, aber auch wirklich alle Möglichkeiten gegeben, Sprachen ohne Not und Probleme zu lernen; nicht nur in der Schule, sondern auch privat und in anderen gesellschaftlichen Bereichen. Nie gab es so viel Zugang zur Welt, analog wie digital und virtuell; nie konnte man ungehinderter und günstiger reisen; nie gab es mehr Hilfen in Buchform, als CD oder Programme im Internet. Aber die reale, praktische und damit vor allem anwendbare Sprachenkenntnis geht zurück wie alle anderen Bildungsprozesse auch. Die Abiturienten hatten fast 12 Jahre Englisch, mehr als ich können sie aber auch nicht; es sei denn, sie waren ein Jahr im Ausland. Sprachlosigkeit ist die Folge, im Ausland und auch daheim; denn das Deutsche wird nicht etwa nur für Einwanderer zur ersten Fremdsprache.

    "Wir trinken leise." Polizeiruf 110 (Halle/ Saale: neues Team): An der Saale hellem Strande - Tilla Kratochwil als Trinkerin Silke Berger

  • Meine Eltern haben von Anfang Januar bis Ende April 2019 eine Seereise gemacht einmal rund um die Welt auf der COSTA Luminosa – von Italien aus über Spanien, Marokko, die kanarischen Inseln nach Südamerika, von dort über Hawaii nach Neuseeland und Australien; dann über die Inselwelt Südostasiens nach Indien und über den Suezkanal und Athen wieder nach Venedig.


    Ich, für den eine solche Reise nicht nur ein Unding wäre, sondern einer Strafe gleichkäme, hatte nichtsdestoweniger Muttern und Vatern angehalten, schon auf der Reise sich Notizen zu machen, um später im Nachgang jeweils einen Reisebericht zu verfertigen und zwar ganz nach Gusto, also wie jeder sich das persönlich vorstellte. So völlig freie Hand gelassen schrieb mein Vater auf 30 Seiten kurz und knapp, prägnant und prosaisch, nüchtern und rein deskriptiv auf; wo man gewesen war, wer wie mit einem reiste; was so geschah und vor allem, was man unterwegs so alles zu sehen bekam. Meine Mutter dagegen nutzte die einzelnen Reisestationen, um auf 50 Seiten immer wieder Gedanken, Betrachtungen, Reflexionen einfließen zu lassen; sodass aus dem Text ein sehr persönlicher, ja fast poetischer wurde.


    Sie war sich unsicher, ob das so ginge und so beruhigte ich sie, dass genau diese Art des Schreibens in der Fremde über sie und das eigene in ihr genau das Richtige sei und im Grunde der einzige Weg; dem allfertigen konventionellen Reiseführerjargon zu entkommen. Denn nichts ist langweiliger, als von jemandem über Stunden Dias vorgeführt zu bekommen, die in ihrer Unpersönlichkeit allen bereits vorhandenen Postkarten und Fotos in Büchern gleichen wie ein Ei dem anderen. Erst das Persönliche macht einen Reisebericht interessant; wenn das eigene Ich in der Welt sich spiegelt, diese in sich hineinlässt und anverwandelt und dadurch auch sich selbst verwandelt, so sehr, dass selbst die Welt ein wenig neu wird. Das ist ja im Grunde die Essenz des Bildungsbegriffes, wie ihn Humboldt und auch Hegel geprägt haben; unser Ich mit der Welt in die größtmögliche Wechselwirkung zu bringen, mit dem letzten Ziel der Selbsterkenntnis und Freiheit. Der Geist des Menschen will sich, die anderen und die Welt besser verstehen und sein Handeln so freier machen; so ist das Reisen der Katalysator einer jeden Bildung und sollte verpflichtend sein für jeden wie die Kavalierstour früher für die jungen Adligen.


    Und so wird die Weltreise einer gelernten DDR-Bürgerin, die ihren sozialen und akademischen Aufstieg dem ersten Staat der Arbeiter und Bauern auf deutschem Boden zu verdanken hat, auch zu einer biografischen und hochemotionalen. Aus kleinen Verhältnissen eines Landes, welches Reisen ins kapitalistsiche Ausland selbst seinen treuen Genossen nur sehr selten gestattete, nun im letzten Drittel des eigenen Lebens plötzlich zwischen Kap Hoorn und Asien, Australien und Indien – tausende Kilometer von daheim, dem Dorf im Südosten Thüringens, inmitten der Wälder des Schiefergebirges an der Oberen Saale. 30 Jahre nach dem Verschwinden eines kleinen Landes mit großen Hoffnungen und Illusionen, die eigenen 70 schon überschritten, weiten sich nun doch noch die Horizonte und rund um den Globus wird real, was man bislang nur aus Büchern und dem Fernsehen kannte.


    Und schnell wird klar, wie viel man noch dazu lernen kann und wie viel reicher und vielgestaltiger die Welt ist, als man bislang glaubte. Aber auch, wie vieles man schon wusste und nun bestätigt findet; und vor allem, was man selbst erreicht hat in seinem Leben und seiner Biografie, was andere nicht wahrhaben wollen als die historischen Sieger und gerne ignorieren oder leugnen.


    Dass nämlich diese Welt keine gleiche ist und schon gar keine gerechte und dass so mancher Gedanke und manche Tat in einem vermeintlich provinziellen und armen Land mit Reisebeschränkungen humaner und weltläufiger ausfiel als alle bloß maulfertige globale Eleganz. So gewinnt der Reisebericht meiner Mutter, wiewohl sehr persönlich und privat, dennoch eine Allgemeingültigkeit zumindest für die Generationen der DDR, die einige Jahrzehnte versuchten, eine neue und gerechte Gesellschaft aufzubauen und dafür ihr eigenes Schicksal hintanstellten und auch die Lust auf Reisen und die Welt unterdrückten. Und wie Not täte ein Blick in diese Seiten auch all denen, die ihr ganzes Leben lang durch die halbe Welt reisen konnten; ohne zu wissen, dass es ein Privileg ist und auch mit Pflichten sich und der Gemeinschaft gegenüber verbunden.

    "Wir trinken leise." Polizeiruf 110 (Halle/ Saale: neues Team): An der Saale hellem Strande - Tilla Kratochwil als Trinkerin Silke Berger