Yoricks Nachtgedanken bei Tage

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    Aus der Reihe, besser kann man es nicht schreiben: Albert Kitzler im Prolog seines wunderbaren Erstlings WIE LEBE ICH EIN GUTES LEBEN? Philosophie für Praktiker:


    So ist das, genau so. Und wie der Autor selbst bin auch ich meilenweit von diesem ideal entfernt; manchmal glaube ich gar, ich entfernte mich von diesem sogar noch. Entscheidend aber ist: Wie es geht und was man tun und lassen muss; ist seit vielen tausend Jahren klar. Man muss die Wahrheit nicht neu erfinden, sie war schon immer da und sichtbar. Der Mensch, jeder einzelne; kann sie greifen oder es zumindest versuchen.

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    Hautcreme gegen Falten; Mittel gegen Mundgeruch, Blasenschwäche, Vaginaltrockenheit, Blähungen, Völlegefühl, Haarausfall, innere Unruhe, Vergesslichkeit, Potenzstörungen und für besser Durchblutung; Zahnersatz, Krankenversicherung, Treppenlift, Schlaftabletten, Vitamine, Wärmepflaster, Hörgeräte, Damen- und Herrenmode in Übergrößen - das sind die Werbungen; die vor, während und nach einer SOKO im ZDF ausgestrahlt werden und zwar jeden Tag. Da greife ich mir an den Kopf, kriege Wallungen und will zur Axt greifen!


    Was imaginiert man sich denn im öffentlich-rechtlichen Fernsehen für Zuschauer hinsichtlich dieses Formats? Sind diese Produktplatzierungen das Ergebnis empirischer Erhebungen und damit wissenschaftlich fundierter Marktforschungen zum Fernsehverhalten? Oder glaubt man nur, dass fast ausnahmslos Menschen zwischen 65 und 100 gegen 18 Uhr vor dem Fernseher sitzen mit Stricknadel, Hörrohr und Fernglas?


    Die SOKOs aus München, Stuttgart, Köln, Wismar, Hamburg, Potsdam, Wien etc. sind Kleinode mittelschwilliger Fernsehangebote; Vorabendunterhaltung auf durchschnittlichem bis gutem Niveau mit beachtlichen Ausreißern nach ganz oben und fast keinen nach ganz unten. Das Format lebt natürlich von der allgemeinen Krimibegeisterung, aber innerhalb derer von der jeweiligen lokalen Einbettung; den Fällen, die immer wieder das Menschlich-Allzumenschliche focussieren, sodass man denkt, diesen Täter kann ich verstehen, das hätte mir auch passieren können; und den meist sorgfältig gearbeiteten Sozialstrukturen der Ermittlerkollektive mit sympathischen und eigenwilligen Beamten; die eben meist nicht nur ein Team sind, sondern deutlich mehr, ohne die privaten Belange zu sehr in den Mittelpunkt zu rücken.


    Und das also bündelt allein das Interesse einer Klientel; die ohne Hilfe nicht mehr die Etage wechseln, verstoffwechseln und vögeln kann; deren beweglichen Ersatzteile inzwischen die angeborenen überwiegen; deren Teppich zum Klo abgewetzt ist bis auf den letzten Faden und die nach einer Woche schon nicht mehr weiß, worum es in der letzten Folge gegangen ist? Aber hallo, das glaubt ihr doch selbst nicht in Mainz? Ich jedenfalls bin erst 50 und unter super saugfähig stelle ich mir schon noch etwas ganz anderes vor; das könnt ihr mir glauben, ihr Mainzelmännchen!

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    Wann wird man eigentlich begreifen; dass Temperaturen nicht warm oder kalt sein können, sondern nur hoch oder niedrig; und Preise genauso nicht teuer oder billig; sondern auch nur hoch oder niedrig?! Jeden Tag hört man den Unsinn allüberall; jedes Gespür für Sprache scheint verloren.

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    Was mich an Deutschland so begeistert, ist; dass man, wenn man längs von der Ostsee bis in den Alpen wandern würde oder quer von der Oder bis zum Rhein und natürlich umgedreht und kreuz und quer durch die ganze Republik; man tatsächlich durch richtige, einmalige und ganz besondere Kulturlandschaften kommt; eine an der anderen, geologisch, landschaftlich, naturgeschichtlich und historisch gewachsen, fast ununterbrochen besiedelt seit sehr langen Zeiträumen. Man käme durch die vielgestaltige norddeutsche Tiefebene in ein Paradies unterschiedlichster Mittelgebirgslandschaften und aus dem Staunen nicht mehr raus.


    Und würde man dann alle großen Metropolen wie Berlin, Hamburg, München, Köln, Frankfurt am Main, Stuttgart, Düsseldorf, Leipzig, Bremen, Dresden, Hannover, Nürnberg einschließlich der vielen Ruhrpottstädte links liegen lassen oder meinetwegen auch rechts und nur die kleinen Städte und Dörfer frequentieren, dann würde man sein blaues Wunder erleben, ohne je in Elbflorenz seine Schritte gesetzt zu haben. Das Erstaunliche ist, dass man in praktisch jeder Gemeinde, jeder Kleinstadt ein Quäntchen Kultur findet; man nie irgendwo hinkommt; wo es kein Heimatmuseum, keine Galerie gibt; keinen Förderverein für Schloss- oder Burgruinen; Bergwerksstollen, keine Betreiber alter Mühlen oder Bewahrer traditioneller Gewerke und der Geschichte von Handwerksbetrieben oder Industriedenkmälern. Und das wenigste davon finanziert die Öffentliche Hand; fast alles läuft ehrenamtlich und über das unermüdliche Engagement einfacher Leute, denn die wenigsten sind Akademiker oder wissenschaftlich oder technisch vorgebildet.


    Dazu gesellt sich eine einzigartige Theater- und Orchesterlandschaft; denn auch wenn gekürzt und gespart wird im kulturellen Bereich auf Bundes- und Länderebene, hat Deutschland noch immer mit großem Vorsprung das dichteste diesbezügliche Netz in ganz Europa und wahrscheinlich auf der ganzen Welt. Ralph Bollmann hat das in seinem Buch Walküre in Detmold: Eine Entdeckungsreise durch die deutsche Provinz mehr schlecht als recht zu beschreiben versucht, dass man in einem Radius von 50km eigentlich immer seinen Beethoven hören könnte oder seine Tosca; auf den Brettern, die die Welt bedeuten, seinen Don Carlos oder Hamlet sehen. Und da sind noch nicht die vielen kleinen Ensemble dabei; die Schlosstheater und Open-Air-Projekte, Kleinkunstbühnen und Laientheater; die vielen, vielen Kirchen und Religionsgemeinschaften mit ihrem kulturellen Angebot vom Orgelkonzert über Oratorien und Passionen bis hin zu Chorabenden und moderner Musik. Die Buchläden und Bibliotheken mit ihren Dichterlesungen, Buchvorstellungen und Buchzirkeln; die vielen kleinen Bands und Instrumentalgruppen, die Blasmusik- und Schalmeienkapellen, Männerchöre und so weiter und so fort.


    Ich weiß natürlich nicht, ob das in Polen oder Frankreich; den Beneluxstaaten oder Skandinavien nicht ähnlich ist; aber diese Dichte einer Kulturlandschaft, die den ersten Wortbestandteil wirklich ausfüllt, habe ich auf meinen Reisen früher so nicht erlebt. Sie hat ihren Ursprung zum einen in einer Geschichte, die man noch immer abfällig Kleinstaaterei nennt; obwohl dieser Flickenteppich eben in den Gliedern des Alten Reiches eine ganz besondere Verfasstheit aufweist, die bekömmlicher war als die Pragmatik der Nationalstaaten; und zum anderen in einem besonderen Verhältnis der Deutschen zur Heimat, zur Landschaft, zum Wald, zur Geschichte und zur Kultur. Diese Aspekte einer Welteingebundenheit sind idealistischer und dramatischer aufgeladen als bei anderen Völkern; nicht immer zum Vorteil für die Deutschen und deren Nachbarn.

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    Zum sehenswerten ungarischen Film Körper und Seele von Ildikó Enyedi aus dem Jahr 2017 schreibt Christoph Petersen in seiner Kritik der FILMSTARTS-Redaktion bezüglich der von Alexandra Borbély verkörperten "Heldin":


    Zitat

    Auch für die sozialen Herausforderungen, vor denen ihre Protagonistin steht, findet die Regisseurin einige prägnante Szenen – etwa wenn Mária nach Feierabend mal mit Salz- und Pfefferstreuer, mal mit Playmobil-Figuren anstehende oder zurückliegende Unterhaltungen durchspielt, um sich zu überlegen, wie sie in gewissen Situationen wohl „normal“ reagieren sollte. Aber darüber hinaus hat die Figur auch etwas unangenehm Manipulatives an sich: Mária ist eine blonde hübsche Frau, deren autistisch bedingte Spleens nie wirklich störend, sondern immer eher süß und liebenswürdig wirken – so ist sie genau die Richtige, um von der einzigen sensiblen männlichen Seele im Unternehmen „gerettet“ zu werden (und wenn man mal ganz zynisch sein will, erklärt es gleich auch noch mit, warum sich eine so attraktive junge Frau überhaupt mit einem verkrüppelten älteren Mann einlässt). Das ist eine (allzu) gern eingesetzte erzählerische Taktik (zuletzt etwa auch im Cro-Film „Unsere Zeit ist jetzt“, in dem Peri Baumeister eine vergleichbare Rolle spielt) - ähnlich dem ausgelutschten Klischee des Manic Pixie Dream Girl. Und das ist in diesem Fall besonders schade, weil Ildikó Enyedi und ihr ansonsten toller Film sowas eigentlich gar nicht nötig gehabt hätten.


    Ich denke, der Filmkritiker hat absolut Recht und berührt damit den vielleicht wundesten Punkt der gesamten Filmkunst; nämlich die Manipulation durch Schönheit und Optik. Dass der Film als Massenmedium natürlich die ästhetischen Möglichkeiten menschlicher und vor allem weiblicher Schönheit nutzt, kann ihm niemand verdenken. "Da jedoch die meistn Menschn häßlich sind", wie Arno Schmidt wusste; würden sich die Filmbosse keinen Gefallen tun, wenn sie das Panoptikum unansehnlicher Gestalten auch noch auf die Leinwand brächten. Fette hässliche Männer und Frauen sieht man den ganzen Tag, da will man im Kino schöne Menschen sehen. Verständlich für Hollywood und den Mainstream; aber ist das redlich in der Filmkunst?


    Die großen Filmemacher haben so gut wie jedes Tabu gebrochen und mutig unsere Sehgewohnheiten revolutioniert. Aber selten bleiben die Filme, die Probleme anpacken; auf die man sich als Zuschauer nicht nur auf Grund der Sympathie mit den schönen Helden und Heldinnen einlässt. Wenn im oben angeführten Film die Aspergerin von einem dicklichen schielenden Mädchen mit Pickeln und Warzen gespielt worden wäre; hätte der Film seine zuweilen bezaubernde Wirkung entfalten können? Und verlangt man zu viel vom Film, wenn man verlangen würde, die seltenere Spezies attraktiver Menschen für den Schauspielberuf nicht zu bevorzugen? Und zu viel vom Zuschauer, wenn er schwierige Themen ohne den Umweg manipulativer primärer Brachialreize angehen soll?

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    Es ist nun gut ein Vierteljahrhundert her, dass ich regelmäßiger die Musiksender MTV und VIVA einschaltete; weniger der Musik als der heißen Frauen wegen, denn ich glaube, nach REM verlor ich jedes Interesse an moderner Rock- und Popmusik. Was mir nur auffällt, wenn ich heute alle paar Monate mal beim Zappen (wollte ich mir längst abgewöhnen) bei MTV oder Deluxe Music lande; dass es keine normalen Bands, einzelne Sänger und neue Songs zu geben scheint, weil 99 Prozent der Unterschriften Irgendjemand feat. Irgendjemandanderen lauten und die Stücke alle gleich klingen, nämlich langweilig und einfallslos. Die grellen bunten Bilder mit ihren hektischen Schnitten und den randvollen Eimern voller Klischees tun ihr Übriges. Schaut das die Jugend wirklich noch, die treibt sich doch eher auf YouTube rum?!

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    Es gibt im Übrigen auch für mich eine Rote Linie in der Kunst; die markiert, bis hierhin und nicht weiter; darüber kann ich nicht mit; danach muss man auf mich als Rezipienten verzichten. Ich rede nicht von Tabus und Grenzüberschreitungen, die sind der wahren Kunst wesensmäßig eingeschrieben und als Auftrag eingemeißelt in die DNA. Kunst darf alles, muss alles dürfen, sonst ist sei keine; das heißt ja nicht, dass sie immer und überall von ihrem Recht Gebrauch machen muss.


    Aber ich kann zum Beispiel den Film Antichrist von Lars von Trier ohne Schaden zu neben an meiner Seele nicht mehr schauen; das schaffe ich nicht. Die Orgien der Gewalt in Climax von Gaspar Noé verstören mich um so mehr, als man sie dort eigentlich nicht erwartet. Auch Quentin Tarantinos kaltes Morden in The Hateful Eight kann ich nicht ab: Dabei mag ich die Rachefeldzüge von Django Unchained sehr, ertrage aber nicht, wenn der Bärenjude dem Landser den Schädel einschlägt mit dem Baseballschläger. Massakriert dagegen Feldwebel Hugo Stiglitz Nazis, bin ich wieder dabei.


    Die eigenen Grenzlinien sind also ganz unterschiedlich gezogen. Ein so wichtiger Film wie Und morgen Mittag bin ich tot mit Liv Lisa Fries bringt mich persönlich an den Rand der emotionalen Erschöpfung und darüber hinaus. Kunst muss das riskieren zuweilen.

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    Ich weiß nicht, wie man Gewinner- und Verliererstädte definiert; auch halte ich Rankings wie die mit den zehn lebenswertesten Städte der Welt; bei dem jährlich die Städte mit der höchsten Lebensqualität gekürt werden auf Grund politischer, wirtschaftliche, sozio-kultureller und umweltorientierter Gesichtspunkte, für wenig zielführend und aussagekräftig. Aber wie es in der Geschichte tragische Völker gibt wie die Juden, die Deutschen, die Russen; und glückliche wie die der angelsächsischen Welt; gibt es auch Städte, die immer viel Glück hatten zeit ihres Bestehens und solche, die immer wieder die Arschkarte zogen.


    Zu letzteren gehört sicher Zeitz an der Weißen Elster, zwischen Leipzig und Gera gelegen; heute im Burgenlandkreis im äußersten Süden Sachsen-Anhalts. Das Unglück von Zeitz begann bereits im frühen Mittelater, als man zunächst im Zuge der Christianisierung Bischofs- und damit Domstadt wurde von 968 bis 1029; aber das Bistum dann nach Naumburg verlegt wurde, dessen Dom heute weltberühmt ist, während der Zeitzer, der im 17. Jahrundert auch noch seine Türme verlor, für den Laien als hässliches Entlein gelten mag. 1652 nahm Zeitz einen neuen Anlauf zur Bedeutung und wurde Residenz des Herzogtums Sachsen-Zeitz, aber auch dieser Aufschwung endete bereits 1718.


    Die Industralisierung ab dem 19. Jahrhundert schien Zeitz dann endlich wie viele andere ostmitteldeutsche Städte auf die Gewinnerstraße zu führen. Maschinenbau, Kohleabau, Gießereien, Eisenbahn, Druckereien, Elektronik, Möbelbau usw. hätten die Stadt reich machen können; aber das 20. Jahrhundert machte allen Entwicklungen den Garaus. Schon zu DDR-Zeiten verfiel die komplette Innenstadt und nach der Wende 1990 gehörte Zeitz trotz der ebenfalls zerstörten Großstdäte Leipzig und Halle (Saale) zu denen, über die man ganze Bildbände mit Lost Places hätte produzieren können. Als ich Anfang der 90er durch die Stadt lief, war ich erschüttert; was man dort ohne weitere Kriegseinwirkung an Agonie und Verfall zugelassen hat.


    Heute soll es dort wieder aufwärts gehen und wäre man nicht gebunden; sähe man es eigentlich als Pflicht, in die Innenstadt von Zeitz zu ziehen und dem Schicksal den Mittelfinger zu zeigen.

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    Seit Wochen laufe ich mit dem Hund kopfschüttelnd die vielen Obstbaumalleen entlang; die es nicht nur in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Sachsen-Anhalt gibt in Hülle und Fülle; und auch über die zahlreichen Streuobstwiesen kann man nicht gehen, ohne an den Irrsinn zu denken; dass die Leute auf Demonstrationen gegen den Klimawandel teilnehmen und dann im Supermarkt Äpfel aus Spanien und Italien kaufen. Meine Frau und ich pflücken und lesen auf, was wir können; einige andere, meist ältere Leute und jüngere Alternative habe ich dabei auch schon getroffen.


    Wenn man über Klimaschutz, Ökologie und Nachhaltigkeit reden will; sollte man sich stets die Bilder der vergammelnden Äpfel, Birnen, Pflaumen etc. vor der eigenen Haustür vor Augen halten. Zu DDR-Zeiten bin ich mit meinem Opa und dem Gummiwagen los, zu Fuß oder mit dem Moped; um Straßenränder abzumähen und Futter für die Hasen zu gewinnen. Wir haben zwar ein riesigen Garten, aber kein Mensch im Osten wäre auf die Idee gekommen; irgendetwas umkommen zu lassen. Diese Haltung resultierte natürlich aus einem jahrhundertealten bäuerlichen Selbstverständnis und auch aus der Mangelgesellschaft des Staatssozialismus, den man aber seinrzeit gar nicht als solchen erlebt hat.


    Wenn meine Schwiegermutter (86) wie meine Oma früher ihre Zahnpastatuben aufschneidet, um auch den letzten Rest der Zahcreme herauszubekommen; muss ich immer lächeln; auch dass sie den Schimmel abschneidet von Lebensmitteln und sie sich dann munden lässt. Denn natürlich ist das prinzipiell richtig; auch wenn in heutigen Zeiten, da die Supermärkte tonnenweise Produkte wegschmeißen, natürlich grotesk unnötig.


    Aber es geht um eine Einstellung, die Menschen, die Krieg und Nachkriegszeit mit Hunger und Entebehrung kennengelernt haben, ganz natürlich mit Leben erfüllen. Und keiner von denen geht auf eine Demo, die tragen ihre alten Klamotten auf, sind maßvoll in allem und schonen so die Umwelt. Da fährt auch keiner zum bloßen Zeitvertreib mit einer Benzinschleuder durch die Landschaft; denn man hat zu tun mit Einkochen, vermosten und Gartenarbeit. Erst, wenn ich sehe, dass es junge Menschen ernstmeinen mit ihren Proklamationen, Verzicht und Maßhalten lernen wie auch mehr arbeiten in ihrer Freizeit für den Entzug vom Konsum, erst dann werde ich ihnen weiter zuhören.

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    Vor genau 30 Jahren und vier Monaten beschloss ich, mir meine Haare lang wachsen zu lassen nach Art der Intellektuellen im Fernsehen und mir eine sehr große Bibliothek zuzulegen; damit ich im Zusammenspiel dieser beiden Aspekte bei den Damen besser punkten könnte als bis dahin. Ich weiß nicht, ob man nach drei Jahrzehnten einfach lauthals über sich lachen sollte, sich schämen oder das Ganze als menschlich-allzumenschlich abtun?! Denn so dumm, blauäugig und naiv kann ein einzelner Mann natürlich gar nicht sein; dass er glaubt, er müsse nur seine Haare nach hinten kämmen und die Angebetete in sein Bücherreich einladen, dass diese ihm vor Begehren und Liebe seufzend entseelt in die Arme sänke.


    Die eklatante Fehleinschätzung der Natur des weiblichen Geschlechts mag man dem empfindsamen Jüngling noch nachsehen; ich war nicht der erste, der diesbezüglich auf der Fehlhalde wohnte und werde auch nicht der letzte gewesen sein. Auch die Überschätzung der Spann- und Ausdruckskraft biologisch schon rückläufigen Haarwuchses möchte ich einmal beiseite lassen; da gibt es schlimmere Männer, die selbst mit 75 Ärgeres praktizieren. Aber dass ich meinen uralten Wunschtraum einer eigenen großen Bibliothek mit dem Wunsch nach Erfolg bei Frauen verband, kann ich mir heute kaum noch verzeihen. Genauso wie die lächerliche Attitüde, äußerlich als Intellektueller durchgehen zu wollen, da ich doch schon längst einer war und Albernheiten dieser Art nicht nötig hatte, eher Beileidsbekundungen.

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    In den Weiten und Tiefen des Internets des findet man immer einmal köstliche Texte ohne Anspruch; aber mit viel Wahrheit:



    Musste sehr lachen ... *lol*

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    Bei jedem Büchernarren erkennt man auf den ersten Blick in seine Bibliothek hinein, welche Buchreihen er in seinem Lese- und Sammelleben bevorzugt. Bei mir ist das erst jüngst der Fall, seit die meine auf zweihundert Kilometer voneinander entfernte Orte verteilt ist mit zehn Zimmern und ich meinen schon pathologischen Ordnungs- und Systematisierungswahn zumindest partiell zu Gunsten ästhetisch-konformer Ansichten aufgegeben habe. Denn früher ordnete ich auch die Reihenbücher alphabetisch und sachlich ein; nun dürfen sie schön gleichmäßig hintereinander gut aussehen im Kollektiv.


    Es ist wenig verwunderlich, dass meine Bücherreihenbiografie maßgeblich durch die Verlage der DDR geprägt wurde, der Aufbau-Verlag hierbei an erster Stelle. Das begann ganz früh mit der Reihe Die kleinen Trompeterbücher aus dem Kinderbuchverlag der DDR, die steht heute noch in der Bibliothek meiner Eltern und die werde ich ganz sicher, so die Biochronologie eingehalten wird, einmal übernehmen; allein, weil die Nummer 106 „Haribert das Schwarzohr“ von Siegfried Weinhold aus dem Jahr 1974 mein erstes großes Leseerlebnis war.


    Dann folgte aber auch schon die bei weitem wichtigste Reihe, nämlich die Bibliothek deutscher Klassiker (BDK), auch aus dem Aufbau-Verlag. Mit ihr lernte ich bei Lessing und Goethe angefangen, den Lieblingsautoren meines Vaters, die gesamte klassische deutsche Literatur kennen und zwar von der Pike auf. Und nicht nur die bekannten Schriftsteller wie Schiller, Kleist oder Fontane; sondern auch solche, die heute schon kaum noch ein Germanist kennt, wie Klinger, Raimund, Anzengruber oder Nestroy; dazu die von der DDR als Vorläufer vereinnahmten Börne, Freiligrath, Weerth. Fast alle ersten wichtigeren Lektüreerlebnisse hatte ich mit der BDK-Reihe: Bräker, Brentano, Büchner, Chamisso, die Droste, Ebner-Eschenbach, Eichendorff, Gotthelf, Grabbe, Grillparzer, Gryphius, Hebbel, Hebel, Heine, E.T.A Hoffmann, Hölderlin, Keller, Klopstock, Lenau, Lenz, Lichtenberg, Conrad Ferdinand Meyer, Mörike, Moritz, Novalis, Jean Paul, Raabe, Reuter, Friedrich von Schlegel, Schubart, Seume, Stifter, Storm, Tieck, Voss, Wieland, Winckelmann.


    Nicht einmal Reclam Leipzig oder später Stuttgart konnten sich so viel Verdienste anrechnen lassen, mich mit dem so genannten klassischen Erbe bekannt gemacht und für den Rest des Lebens infiziert zu haben mit der Sucht nach schönen Büchern von großen Autoren. Ich weiß noch wie heute, wie ich die Deutschen Schwänke und die Deutschen Volksbücher verschlang; wie ich den Stechlin zuerst in dieser Ausgabe las; Hutten, Müntzer, Luther und auch den Simplicissimus von Grimmelshausen. Die fünfbändige Herderausgabe ist noch immer die einzige ehrliche auf dem antiquarischen Buchmarkt, denn die von Suphan aus dem Ende des 19. Jahrhunderts umfasst 32 Bände in Fraktur und die neueste vom Deutschen Klassiker Verlag in zehn Bänden kostet pro Band mindestens 150 Euro; man braucht also zwei Tausender für die gesamte Edition.


    Diese BDK-Bände liegen mit ihrem Oktavformat (8°) optimal in der Hand und haben trotzdem ein wunderbares Druckbild mit lesbaren Typen auch für Brillenschlangen und augengeschädigte Vielleser; ihr Leineneinband vermeidet geradeso das Mausige und ist widerstandsfähig bei ordnungsgemäßer Haltung und Pflege der Bestände. Noch heute bekommt man saubere Exemplare, die nicht ausgeblichen sind oder verschmutzt. Und das Wichtigste zuletzt: Diese Bände sehen aus, wie aus der Bibliothek eines englischen Landhauses entnommen oder der gutbürgerlichen eines Goethe oder Mommsen. So nebeneinander in Reihe und womöglich noch vollständig, was ich erst nach der Wende geschafft habe, als man die Bände nachgeworfen bekam (inzwischen sind sie wieder gefragt), bekommen nicht nur Bibliophile einen mordsmäßigen Ständer; die DDR ließ sich für ihre Volksausgabe nicht lumpen, da verschmerzt man durchaus die oft eher fragwürdige Textgestalt; denn neuere kritische Editionen hätte man sich nicht leisten können in der Masse.


    Parallel dazu verantwortete der Aufbau-Verlag zusammen mit anderen Verlagen (Rütten & Loening, Volk und Welt etc.) die Reihe Die Bibliothek der Weltliteratur (BDW), in der ich vor allem meine ersten Schritte im Bereich der titelgebenden Weltliteratur machte, mit dem Schwerpunkt auf den englischen, französischen, russischen Realisten von Dickens über Balzac bis hin zu Tolstoi. Die Aufmachung war lange nicht so hochwertig wie die der BDK-Reihe; aber das interessierte mich damals weniger; wenn man Bücher kennenlernen durfte wie Bel-Ami, Das Totenschiff, Der stille Don, den Schwejk, Die Elenden, Die toten Seelen, Früchte des Zorns, Jahrmarkt der Eitelkeit, Madame Bovary, Rot und Schwarz, Schuld und Sühne, Väter und Söhne, Verlorene Illusionen. Noch heute denke ich an diese Bücher in ihren damaligen Farben; das Pantschatantra war so gelb-beige; Dombey und Sohn blau-violett und so weiter. Die Bände habe ich heute längst nicht mehr alle, da man nach der Wende auch andere Ausgaben in ansehnlicherer Gestalt und mit besseren Übersetzungen bekam.


    Auch vom Aufbau-Verlag stammte die wunderbare Reihe Bibliothek der Antike, über die ich recht zeitig wirklich sämtliche Klassiker des griechischen und römischen Altertums in deutscher Übersetzung kennenlernte. Diese schlichten, auch mal voluminöseren weiß eingeschlagenen Bände mit ihren verschiedenfarbigen Rahmungen und der Eule vorne drauf liebte ich ganz besonders und mochte sie auch später nur ausnahmsweise durch die aus der westdeutschen Reihe Die Bibliothek der Alten Welt vom Artemis-Verlag ersetzen. Die großen Tragiker, Homer, die Geschichtswerke, die Dichtung von Ovid bis Vergil, die Satiriker – all das las ich hier zuerst und ich möchte die Bände nicht gegen die teuren, den höchsten wissenschaftlichen Ansprüchen genügenden der Sammlung Tusculum tauschen, zumal meine Kenntnisse des Altgriechischen eher symbolischer Natur sind und mein Latein inzwischen dreißig Jahre alt und vom Mittellateinischen beeinträchtigt ist.


    Vom Verlag Volk und Welt Berlin stammte die Reihe Spektrum, die sogenannte Schwarze Reihe nach ihren Umschlägen; die man nicht abnehmen konnte. Hier erschienen in der DDR quasi monopolistisch fast ausnahmslos internationale Titel, die man sonst nirgendwo zu kaufen bekam. Dementsprechend waren die schmalen Bände mit Ausnahme der dort ebenfalls erscheinenden sowjetischen Moderne nur äußerst schwer zu bekommen im normalen Buchhandel. Prinzipiell galt das für alle besonderen Bücher und Reihen in der DDR, dass man sie nur als Bückware bekam, mit Beziehungen oder als Mitglied der Nomenklatur. Meine Eltern und ich gehörten in keines dieser Spektren und so waren wir wirklich Mängelwesen in einer Mangelgesellschaft. Das seltene und schwer zu beschaffende Buch verhalf diesem aber auch zu einer besonderen Aura und Wertschätzung, die im Überfluss des Westens nicht denkbar gewesen wäre und auch heute im vereinigten Deutschland nicht mehr nachvollziehbar sein wird.


    Erst jetzt, über 30 Jahre nach der Wende, habe ich alle Ausgaben, die mich interessieren, beisammen. Aber man lese die Namen der Schriftsteller, um sich ein Bild zu machen, wie revolutionär diese Reihe in der DDR aufgefasst werden musste: Bulgakow, Antoine de Saint-Exupéry, Jewgeni Jewtuschenko, Bohumil Hrabal, Marguerite Duras, Jean Anouilh, William Faulkner, James Baldwin, John Updike, Stanisław Lem, Elias Canetti, Arkadi und Boris Strugazki, Wassili Schukschin, Elfriede Jelinek, Henry Miller, Wolfgang Koeppen, Ilse Aichinger, Isaac Bashevis Singer, Peter Handke, Aragon, Philip Roth, Günter Grass, Wolfgang Hildesheimer, Friederike Mayröcker, Italo Calvino, Carlos Fuentes, John Updike, Mario Vargas Llosa, Albert Camus, Vladimir Nabokov, George Orwell. Als ich im September 1989 in Halle an der Saale zu studieren begann und ich bei einem meiner neuen Freunde fast die gesamte Reihe sah, war ich nicht einfach nur neidisch, ich war eifersüchtig wie ein Nebenbuhler und meine Finger strichen heimlich über die Buchrücken, wenn er nicht hinsah. Ob ich das eine oder andere Bändchen mitgehen ließ damals, kann ich heute nicht mehr mit Gewissheit sagen; es wäre wohl aber verjährt, zudem Mundraub.


    Die Edition Neue Texte, wieder vom Aufbau-Verlag, ergänzte die schwarze Reihe, indem sie den Werken der Klassischen Moderne solche mehr experimentellen Charakters aus dem In- und Ausland zur Seite stellte; es erschienen dort aber auch die Texte von DDR-Autoren, die damals in der Endphase der Republik als besonders mutig und kritisch galten, was man bei heutiger Lektüre gar nicht mehr nachzuempfinden vermag, bestenfalls als belesener Alt-Ossi. Die Welt der Kunst lernte ich beinahe ausschließlich über die von mir abgöttisch geliebten Bildbände dieser Reihe aus dem Henschelverlag kennen; noch heute ziehe ich diese zuweilen zerfledderten Bände den nagelneuen Hochglanzprodukten vom Taschen-Verlag vor.


    Lyrik sammelte ich Platz sparend über die Edition Poesiealbum vom Verlag Neues Leben und natürlich besaß ich endlose Broschur von Reclam Leipzig, natürlich keine Reihe im eigentlichen Sinne; auch wenn es innerhalb welche gab wie die Taschenbibliothek der Weltliteratur oder die bb-Reihe (Billige Bücher), Vorläufer der Aufbau-Taschenbücher von meist schlechter äußerer Qualität, was vor allem die Bindung anging, fast so liederlich wie die sehr originellen Heftchen der Roman-Zeitung (auch Neues Leben); zweispaltig gedruckt auf üblem Papier, Süskinds Parfüm roch ich da zuerst mit den Augen, Goldings Herr der Fliegen, Der alte Gringo von Carlos Fuentes, Camus' Pest, Jakob der Lügner von Jurek Becker, Hesses Unterm Rad, Almayers Wahn von Joseph Conrad, Die Verachtung von Alberto Moravia, Der stille Amerikaner von Graham Greene und einige Reißer von Harry Thürk.


    Nach der Wende schossen die Buchgemeinschaften in den Städten wie Atompilze aus dem Boden und das neue Angebot begrub den gemeinen lesenden Ossi unter sich; während man 1990 frisch aus der Druckerei kommende Bände aus DDR-Produktion zu hunderttausenden einfach auf die Halde schüttete; überschwemmte eine Flut an minderwertigen Büchern das Land. Jede größere Stadt hatte ihren Bertelsmannladen mit vertraglich gebundenen Kunden und auch ich ließ mich zunächst hinreißen und kaufte jede Menge Schund und Schruz.


    Aber eine Ausnahme gab es und das war die Jahrhundert-Edition Bertelsmann: Hier begann eine neue Phase von Lektüren für mich und es reichte eigentlich ein Titel wie Ulysses von James Joyce, um zu begreifen, was ich meine. Aber ich las dort eben auch zuerst Gabriel García Márquez, Lampedusas Leopard, Hamsuns Segen der Erde, Die Islandglocke von Halldór Laxness, Verdammt in alle Ewigkeit von James Jones, Gides Falschmünzer, Schau heimwärts, Engel! von Thomas Wolfe, Unterwelt von DeLillo, Tallhover von Hans Joachim Schädlich, Tausend Kraniche von Yasunari Kawabata, Die Schlafwandler von Hermann Broch. Ich liebe bis heute die Aufmachung in grauem Leinen, mit Schutzumschlag und extra noch einem Klarsichtumschlag; und das alles, obwohl das Buch ohnehin im Schuber ausgeliefert wurde; als weiteres Extra lag jedem Band eine ordentliche Broschur bei mit Informationen zu Leben und Werk des Autors, zum Inhalt des vorliegenden Buches, auch Bildern. Was für ein Aufwand für gutes Geld, Chapeau! noch heute dafür.


    Natürlich habe ich im Laufe der Zeit auch noch auf andere Reihen Augen geworfen; aber das recht häufige Vorkommen der im Grunde hässlichen und augenfeindlichen gelben Bändchen von Reclam Stuttgart in meiner Bibliothek resultiert nur daraus, dass es bestimmte Bücher nur dort gibt. Anders sieht das schon aus mit der Insel Bücherei, der Sammlung Diederich, Diederichs Gelber Reihe oder der Manesse Bibliothek der Weltliteratur – hier stimmen einfach inhaltlicher Anspruch und bibliophile Aufmachung zusammen. Die Bibliophilen Taschenbücher aus dem Harenberg Verlag kranken allerdings an ihrem kleinen Format. Die ANDERE BIBLIOHEK von Enzensberger ärgert mich zuweilen in ihrer Buchauswahl und sorgt auch in ihrer farblichen Gestaltung für zu viel Exzesse meines Erachtens. Die wohl schönste Edition der letzten Jahre ist, wie ich finde und nicht zu erwähnen vergessen möchte, die Buchreihe Naturkunden Matthes & Seitz Berlin, herausgegeben von Judith Schalansky – mehr geht derzeit nicht in Sachen Kongruenz Inhalt und Form.

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    Meine schönsten glücklichsten Ferienerlebnisse Auferstehungen


    Ich wache morgens auf in meinem Bett. Mein Herz wummert in atemberaubendem Tempo unregelmäßig, sodass ich nur schwer Luft bekomme und mich kaum bewegen kann, ohne nach drei Schritten zu pausieren. Mühsam zum Wagen und in halsbrecherischer Fahrt zum Internisten in die Kreisstadt. EKG, Blut etc., das ganze diagnostische Programm; schnell ist klar, Vorhofflimmern mit Tendenz zum Kammerflimmern. Gefahr in Verzug. Ab ins Kreiskrankenhaus, das alle paar Monate droht geschlossen zu werden. Es war noch offen. Therapievorschlag: Kardioversion! Man wird also mit dem Defibrillator versuchen, den Sinusrhythmus wiederherzustellen. Das macht man Gott sei Dank, während man weggetreten ist. Ich wache auf und spüre keinen Schmerz in der Brust wie sonst danach. Die Erklärung: Vorher wird immer wie bei der Magenspiegelung ein Schlauch mit Kamera durch den Hals geführt, um sicherzugehen, dass keine Blutgerinnsel beim Elektroschock einen Schlaganfall auslösen. Ich habe dabei so gewürgt, dass der Vagusreiz mein Herz wieder ins Lot gebracht hat. Schwein gehabt!


    Ich bin auf dem Weg, mit dem Wäschekorb freihändig die sechs Stufen zum Waschhaus runterzusteigen. Beim Runterstaksen auf meinen wackligen Beinen bleibe ich mit meinem rechten Absatz an der zweitobersten Stufe hängen, meine Kniescheibe rutscht raus (Patellaluxation) und ich stürze vornüber die steinernen Stufen hinunter. Unten liege ich nicht sehr bequem. Der Schmerz in allen Gliedern ist furchtbar. Ich aber achte nicht darauf. Ich habe eine Heidenangst mich zu bewegen. Wieder nicht der Schmerzen wegen, sondern weil ich Angst habe, keine zu spüren. So einen Sturz über den Beton überlebt man oft nicht und ohne schwere bleibende Schäden geht er auch selten ab. Ich bewege mich nicht und harre der Dinge, die da kommen mögen. Es kommen aber keine, auch keine Menschen. Niemand ist da, meine Frau auf Arbeit, die schwerhörige Schwiegermutter vor der Glotze bei einem brüllenden Sturm der Liebe. Nur der Hund liegt neben mir und leckt mich ab. Ich denke daran, wie ich einmal in einer ähnlichen Situation im tiefen Wald lag mit ihm ohne Handyempfang. Allerdings bei gutem Wetter und nach zwei Stunden konnte ich mit einem Stock nach Hause humpeln. Zu Hause war ich diesmal schon. Das Wetter ging auch so. Der Hund sah entspannt aus. Also traute ich mich und bewegte ein Körperteil nach dem anderen. Nur das Genick nicht, das schien mir heil zu sein, sonst wäre ich längst aller Sorgen ledig. Ich krieche die Stufen hinauf und richte mich auf zu voller Größe. Die ganzen 5,872703 Fuß. Nichts gebrochen, keine Ausfallerscheinungen; nur Prellungen. Dabei war ich stocknüchtern. Schwein gehabt!


    Über den Markt der Kleinstadt rüstig ausgeschritten, den Aufgabenzettel der Frau in der Tasche, lang und dicht beschrieben. Plötzlich gibt es von innen im Schädel einen Schlag über dem rechten Auge, es dreht mich nach rechts vorne; eine heftige Drehschwindelattacke, ich verliere das Gleichgewicht und die Kontrolle über den aufrechten Gang, stürze vornüber auf das von den Stadtreinigung löblicherweise erst jüngst behandelte Pflaster. Da liege ich hilflos im nassen Staub und komme aus eigenen Stücken nicht wieder hoch. Der Stadtadel äugt hinüber, wähnt mich als einen der ihren. Andere Menschen gehen weiteren Weges vorbei. Also robbe ich zum nächsten Laternenmast. Diesen Morgen hängt keiner dran und so versuche ich mich hochzuziehen. Schwöre mir in diesem Moment, Sport zu treiben und abzunehmen. Ich schaffe es dank meiner starken Arme, aber nun wird mir schlecht und ich gebe wie im ersten Wernerfilm alles von mir. Coram publico natürlich. Nur nicht wieder runterrutschen in meine Verausgabungen. Endlich eilt jemand herbei, der mich kennt und führt mich an einen sicheren Ort. Ich liege ein paar Stunden darnieder. Dann geht es wieder. Schwein gehabt!


    Wie viel Schwein darf so ein einzelner Mensch eigentlich haben?

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    Faszinierend ist und das muss man erst einmal begreifen als Mann; dass bei Frauen der Unterschied zwischen dem, was sie sagen und zu wünschen vorgeben; und dem, was sie tatsächlich wollen, oft kaum größer sein könnte. Ob diese Prozesse bewusst oder unbewusst ablaufen, hier also Vorsatz oder Fahrlässigkeit obwalten, lässt sich nur schwer sagen; die Dominanz irrationaler naturhafter anti-intellektueller Strömungen nur vermuten. Der Grund hierfür könnte darin liegen, dass Frauen selbst nicht wissen, was sie eigentlich wollen; weil sie sich erstens ihrer wahren Natur nicht bewusst sind oder sich für sie schämen; und sie zweitens einfach nicht genug durch andere nichtsoziale Beschäftigungen gebunden sind, so dass sie zu viel Zeit zum Nachdenken und Unzufriedensein haben.

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    Seit ich hin und wieder, wenn eine Mitarbeiterin meiner Frau kurzfristig erkrankt oder anderweitig ausgefallen ist, Medikamente ausfahre aushilfsweise; ist mein Respekt vor allen Paketzustellern, Postlern, Spediteuren, Essen-auf-Rädern-Fahrern, Pizzaboten, mobilen Pflegediensten etc. ins Unermessliche gestiegen. Was man da in nur wenigen Stunden am Tag erlebt, reicht für Herzinfarkte, Nervenzusammenbrüche, Gewaltfantasien und Träumereien von der Einsiedelei im tiefen Wald oder einer Höhle in der Wüste.


    Das geht damit los; dass ich früher mal gelernt habe; dass auf der einen Seite die geraden und auf der anderen die ungeraden Hausnummern zu finden sind. Das scheint längst nicht mehr zu gelten und es kann gar nicht allein an Murphys Gesetz liegen; dass die Hausnummer, die man gerade sucht, ums Verrecken nicht zu finden ist. Da ist die 19, ich suche die 21; es kommt aber die 23; da wirst du verrückt. Fast immer problematisch sind Hausnummern, die noch einen Buchstaben dabeihaben: In glücklichen Fällen reihen die sich aneinander; meist aber ist die 16 da, die 16A aber unauffindbar. Dazu kommt, dass es keine Pflicht mehr zu sein scheint; die Hausnummer samt Namen lesbar zu befestigen am Gebäude; viele haben überhaupt keine Nummer dran und die Klingelschilder sind verblichen und nirgends ein Hinweis.


    Dann gibt es Adressen, da kannst du der Verkehrsverhältnisse wegen nicht parken; ja nicht einmal anhalten; ohne den Verkehr zum Erliegen zu bringen oder dein Leben zu riskieren. Aber wer hat schon die Lust und die Zeit, sich erst zwei Kilometer entfernt aus dem Wagen zu schälen und dann zu Fuß über die Hauptstraßen zu marschieren, nur um dann festzustellen, dass die Gesuchten nicht anwesend sind. Denn das ist die Haupteigenschaft der zu Beliefernden; sie sind meist nicht da; existieren in dem Moment nicht, da ich sie anfahre; sie materialisieren sich woanders, wenig nutzbringend für mich und meine Dienste. Meist wohnen sie auch im 5. Stock, natürlich ohne Fahrstuhl; und wenn du wieder unten bist, rufen sie aus dem Fenster, dass sie was vergessen haben und man rennt wieder hoch. Und ich mag gar nicht weiter ausführen, in welchen Aufzügen die Kunden so im Türrahmen stehen; wenn sie denn überhaupt, aber ich schweige.


    Meine schönste Geschichte trug sich neulich zu, als ich ein älteres Ehepaar belieferte, das eigens angerufen hatte, man brauche kurzfristig dies und das. Ich fahre die 12 Kilometer hin über Stock und Stein, klingele, keiner macht auf. Ich klingele nochmal. Und nochmal. Niemand hört. Das Hoftor ist verschlossen. Ich rüber zu den Nachbarn im Garten. Ja, sagt die Nachbarin, die machen nie auf, wollen nie was annehmen. Ich wieder zurück, klettere mühsam über das Hoftor und hämmere an die Haustür. Nichts. Ich klopfe an alle Fenster. Nichts. Zurück zur Nachbarin, langsam mache ich mir Sorgen. Die hat die Nummer der Schwiegertochter. Ruft an, die kommt eine halbe Stunde später angebraust. Schlüssel raus und rein ins Haus. Im Wohnzimmer sitzen Oma und Opa bei Sturm der Liebe; Opa schläft und Oma schaut. Ich fassungslos: Menschenskind, warum machen sie denn nicht auf? Wir machen nie auf! Aber sie haben doch extra was bestellt??? Sie schaut mich verständnislos an. Das kann doch alles nicht wahr sein, vergesse ich mich; ich fahre hier hin und zurück 25 Kilometer, ohne ihnen den Kraftstoff, die Abnutzung des Wagens und meine Arbeitszeit in Rechnung zu stellen; eine Serviceleistung eben; und sie machen nicht auf, weil sie nie aufmachen???!!!


    Sicher, ich hätte mich nicht aufregen dürfen; gehört sich nicht als Servicekraft; aber irgendwo ist halt mal Schluss und ich sah aus den Augenwinkeln; dass sich Schwiegertochter und Nachbarin sehr freuten, dass ich den Alten die Leviten las; sie haben sicher schon viel länger ihren Kummer mit den verstockten Senioren.

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    Ja, ich weiß; es ist ein alter Hut und nicht mehr der Rede wert, aber ich finde, das sollte es doch sein, wieder sein. Wie war das denn früher in einer Zeit ohne Medien, ohne Massenmedien? Als es noch kein internetfähiges mobiles Handtelefon gab; überhaupt kein Internet; keinen PC, keinen Laptop, kein Tablet? Als es kein Fernsehen gab, kein Radio und keinerlei Abspielgeräte wie CD-Player, Kassettenrecorder und Schallplattenspieler? So lange ist das alles noch gar nicht her! Was haben die Menschen denn damals um Himmels Willen gemacht mit ihrer ganzen freien Zeit? Hatten sie überhaupt freie Zeit?


    Sobald der Mensch über den Kampf mit der Not hinaus ist, meint Schopenhauer, ist ihm langweilig. Dann beginnt die Kultur oder wenigstens die Zivilisation. Noch um 1900 herum schalteten die Menschen nach der Arbeit nicht das Radio oder den Fernseher an, ließen den Rechner hochfahren oder legten eine CD ein. Was haben die abends gemacht? Und wenn man das fortspinnt und an die anderen Medien denkt, wurde die Fotografie Mitte des 19. Jahrhunderts erfunden; der Buchdruck datiert aus Luthers Zeiten, aber Bücher besaß das gemeine Volk bis weit in die Moderne kaum zu Hause, bestenfalls eine Bibel und nur wenn man Glück hatte eine mit Bildern.


    Der normale Mensch hat eine unermesslich lange Zeit ohne Schriften, Bilder und Musik gelebt. Man las nicht, weil man es oft nicht konnte, Bücher auch zu teuer waren; Bilder konnte man bestenfalls sonntags in der Kirche sehen und auch nur dort Musik hören, wenn man nicht Teil eines Hofstaats war mit Hofkapelle; dann eher noch die Musik zum Tanz in der Wirtsstube am Wochenende. Die Überflutung der Moderne mit Bildern, Musik, Texten, Informationen, Daten ist in einem Maße apokalyptisch; dass ein Mensch aus dem Jahr 1750 wahnsinnig werden würde, wäre er mit der Zeitmaschine hineinkatapultiert worden. Der Mensch ist dafür nicht gemacht; er verliert sich selbst im Medium.

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    Kopiernudeln, im Prinzip zum Meme gewordene lange Kommentare, die im Internet viral gegangen sind oder zumindest das Potenzial dazu hätten, sind partiell in der Tat zum Schießen und stehen am Rande der Kunst. Der Text hier ist wirklich großartig:



    Was ich mich als Praktiker in Sachen Prosa natürlich frage; kreist um das Kalkül, den Kunstwillen und das Verständnis vom Handwerk des Schreibens.

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    Wenn ich manchmal meine Nachtgedanken durchmustere, klingt vieles immer so negativ und ablehnend; aber man kann ja nicht aus seiner Haut; kann nicht seine Gefühle und Gedanken zensieren, nur weil man dann fälschlicherweise für einen Kulturpessimisten und Querulanten gehalten wird. Und wenn ich eben jeden Tag, den Gott werden lässt, auf der Straße und mittlerweile in wirklich allen Lebensbereichen Menschen sehen muss, die von oben bis unten und unten bis oben mit den hässlichsten und sinnlosesten Tattoos der Welt zugekleistert sind, dann rebelliert mein ästhetisches Bewusstsein und vor allem mein philosophisches. Denn meine Einwände sind vielfältig:


    Der erste ist individualpsychologischer, soziologischer oder prinzipiell gesellschaftsmentaler Natur. Laut Wikipedia nimmt der Anteil der Tätowierten an der deutschen Bevölkerung stetig zu; in der Hauptaltersgruppe seien es inzwischen ein Viertel aller Männer und Frauen. Ich vermute, dass das hier im Osten noch schlimmer ist; ich habe zuweilen den Eindruck, dass zwei Drittel bis drei Viertel der Leute zwischen 18 und 45 tätowiert sind; viele davon sehr, sehr stark und auffällig. Ursprünglich eine Kunstform im Fernen Osten und hier im Westen Signum von Matrosen, Verbrechern, Gangs und überhaupt der Halbwelt; hat sich das Tattoo über den Weg der Jugendkultur längst den Weg in den Mainstream gebahnt. Aber jeder glaubt, er mache sich mit seinem Tattoo oder seinen Tattoos zu etwas Besonderem, das ihn von anderen Menschen unterscheidet und eine ganz besondere Aussage trifft zum Leben und zum Lebensgefühl. Also wieder und erneut eine so übergriffige wie völlig missverstandene Tendenz der Individualisierung und der Aufwertung des eigenen Selbst; wie wir sie seit der Französischen Revolution in kaum mehr begreifbarem und nachvollziehbarem Masse erleben. Indem praktisch alle so rumlaufen, löst sich das Individuum wieder auf innerhalb der massenmedial geprägten und gelenkten Massenkultur – aus dem Willen zum Individualismus wird hier seitenverkehrt nichts anderes als Konformismus und Gleichmacherei. Es wäre zum Lachen, wenn es nicht so traurig wäre. Tattoos sind heute längst Mode, Teil des globalen kapitalistischen Markt- und Konsumbetriebes und wer sich da vereinnahmen lässt; ist ähnlich naiv wie der nackte Imperator in Des Kaisers neue Kleider.


    Mein zweiter Einwand bezieht sich auf das rein körperflächenmäßige Ausmaß dieser Unkultur: Gegen ein kleines Tattoo auf Schulterblatt, Oberarm oder am Knöchel hat doch keiner etwas; aber müssen es denn wirklich alle Arme und Beine sein; dazu der Hals bis ins Gesicht hinein; der ganze Rücken, der ganze Bauch und womöglich noch die edleren Teile?! Ein wenig mehr Maße statt der typisch modernen Maßlosigkeit und niemand regte sich auf; aber wie die Leute immer mehr Sinnloses, nicht Notwendiges und schlicht Dummes mitteilen müssen auf allen sozialen Netzwerken; so reicht die Haut eines einzelnen Menschen gar nicht aus für den jeweiligen Mitteilungsdrang grenzdebiler Mitbürger und Mitbürgerinnen.


    Mein dritter Einwand bezieht sich auf die jeweiligen Darstellungen, Intentionen und „Aussagen“. Ich will da gar nicht vom schon legendären Arschgeweih reden; aber wenn ich sehe, was für einen Unsinn die Leute sich da stechen lassen, wird einem angst und bange um die Menschheit. Das geht damit los; dass viele gar nicht wissen, was für japanische oder chinesische Schriftzeichen sie sich da auf die Haut nehmen; setzt sich fort über die meist komplett missverstandenen Symbole von Mythologien, Religionen und moderner Esoterikikonografie; und endet bei „realistischen“ Darstellungen und überflüssigsten Alltagsadiaphora. Wenn ein Vater die Namen seiner Kinder mit Geburtstagen (das erscheint mir sogar noch praktisch) auf dem Leib trägt; da man doch die Liebe zu seinen Sprösslingen im Herzen trägt oder gar nirgends, wird doch eindeutig klar, dass es hier nicht um das eigene Selbstverständnis geht, sondern darum, den Anderen zu zeigen, was für ein liebender Vater man doch ist. Ich finde das widerlich und verlogen; auch wenn es mancher schlichte Geist sogar ernst meint und sich so selbst verwirklicht. Man müsste eigentlich alle Tätowierten mal fragen, ob sie eigentlich wissen; was ihre Tattoos so bedeuten; das würde ein Heidenspaß, wenn man die Ansichten mit den tradierten Wahrheiten vergliche.


    Mein vierter Einwand ist künstlerisch-ästhetischer Natur und ich bin absolut überzeugt, dass Tattoos eine Kunstform sind und Tätowierer große Künstler sein können. Aber wie oft sieht man große Tätowierkunst im Alltag, noch dazu bei uns im Westen? So viele unfassbar schlecht gestochene, künstlerisch anspruchslose und technisch dilettantische Tattoos wie auf den Boulevards unserer deutschen Städte sieht man anderswo hoffentlich nicht; gesteigert nur noch in den Kleinstädten und Dörfern Ostdeutschlands. Im Grunde nicht verwunderlich; der Bedarf ist riesig und so viele begabte und fähige Kunsthandwerker kann es gar nicht geben; schon gar nicht für kleines Geld. Aber diese vielen schon nach ein paar Monaten verwischten Farbdrucke; ich würde mich schämen, trüge ich da Verantwortung.


    Mein fünfter Einwand ist sicher selbst für die meisten, die sonst meine Ausführungen hier nicht teilen mögen, nachvollziehbar und einsichtig; wenn ich nämlich auf das Alter und welkende Körper verweise, die den Tattoos auf ihnen natürlich keinen Dienst erweisen. Faltige verbrauchte, runzlige Haut, verblasste Konturen und Farben; eine ganz andere Positionierung auf dem alten Körper gegenüber dem jüngeren und so weiter und so fort. Klar, man kann sich die Tätowierungen weglasern lassen; inzwischen ein eigener neuer Verdienstzweig der kosmetischen Medizin; aber scheiße sieht des trotzdem aus.


    Mein sechster und letzter Einwand ist ein sehr persönlicher und betrifft meine Wahrnehmung weiblicher Schönheit. Ich bin kein Erotiker, aber ich liebe Frauen; ja bete sie an in ihrem reinen Sein: Wie sie sich bewegen, wie sie reden; ihren Kopf nach hinten werfen; wie sich ihre Haare hinter den Ohren kräuseln, wie sie lachen; die vielen kleinen Gesten und Mimiken. Und ich mag ihre Körper, ihre Leiber und zwar so rein und sauber und unbeschriftet, wie der Herrgott sie geschaffen hat. Die Haut ist wohl flächenmäßig das größte Organ des Menschen (manche sagen auch der Darm) und ich finde Frauen, die von oben bis unten zugehackt sind, einfach unerotisch. Ein winziges Tattoo stört mich nicht; aber eine Frau kann noch so schön, so sexy und so verführerisch sein; sobald sie Tattoos an Armen und Beinen oder womöglich noch auf dem Bauch hat; ist bei mir Sense; da läuft gar nichts, ich finde das abtörnend. Auf der anderen Seite weiß ich; dass es Männer gibt; bei denen das genau andersherum ist. Während ich Tattoos, Piercings und überhaupt „Fremdkörper“ unappetitlich, störend und eklig finde; fahren andere darauf voll ab und brauchen das sogar, um in Stimmung zu kommen. Mich würde sehr interessieren, wie Frauen das umgekehrt empfinden; etwa bei einem Fußballspiel mit lauter attraktiven Fußballern auf dem Rasen, deren Arme und Beine zutätowiert sind.

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    Als Peter Sloterdijk in seinem Büchlein „Regeln für den Menschenpark“ von 1999 (Elmauer Rede) in nur wenigen Randbemerkungen auch das Thema der genetischen Reform berührte, lediglich aufwerfend und fragend in einem völlig anderen Kontext, brach im (un)geistigen Deutschland mal wieder der Sturm los; mal wieder entfacht durch den ewigen geistigen Brandstifter und durch und durch totalitär agierenden Jürgen Habermas und mal wieder unhinterfragt aufgegriffen durch mediokre Geister und geifernd aufspringende Massenmedien im Modus der Hexenjagd. Inzwischen haben sich die Wogen längst geglättet, die Realität hat die Debatte längst überholt.


    Ich will gar nicht sagen, dass ich nicht verstünde; dass Reizwörter wie Züchten, Züchtung, Selektion schlichte Geister alarmieren und überfordern können; das ist nun mal nicht anders angesichts einer deutschen Geschichte, die ein gutes Jahrzehnt auch pseudowissenschaftliche Eugenetik (Erbgesundheitslehre, Rassenhygiene) ihr Unwesen treiben sah. Inzwischen sind wir nicht nur naturwissenschaftlich viel weiter; sondern auch historisch und ethisch. Die genetische, gentechnische Beeinflussung des „Originalmenschen“ ist nur noch eine Frage der Zeit und das Einzige, was man tun kann; ist, im Vorfeld und dann später währenddessen wirksame Regulationsmechanismen zu etablieren, die jeden Missbrauch verhindern.


    Man hat heute natürlich, wenn man von Züchtung redet; während man eigentlich den Einfluss der Gentechnologie auf den Menschen meint, ein völlig verzeichnetes Bild vor Augen. Man denkt etwa an Alien - Die Wiedergeburt, wo die nicht gelungenen Klone der Testreihe furchtbar missgestaltet zwischen allen Lebensformen in einem Labor vor sich hinvegetieren; oder an die Insel mit Ewan McGregor und Scarlett Johansson, wo menschliche Klon als Ersatzteillager menschlicher Organe gezüchtet werden. Das hat mit der wissenschaftlichen Wirklichkeit natürlich nichts zu tun. Was Biotechnologie, Gentechnologie, eine positive Eugenik, Kybernetik und andere Wissenschaften im Zusammenspiel leisten werden können; ist heute noch nicht absehbar.


    Fakt ist nur, dass der prinzipielle Aufschrei, man dürfe nicht am Menschen herumpfuschen, natürlich naiv ist. Zum einen existieren spätestens seit der Gnosis Visionen von der Verbesserung der Schöpfung und des Menschen und zum anderen hat der Mensch, was ihm technisch möglich ist, immer auch getan. Das war schon immer so und wird sich auch nicht ändern, das gehört zu seiner Natur und ist ein Grund für seine Weltherrschaft heute auf dem Planeten. Er hat nicht mit der Wimper gezuckt, die Neutronenbombe zu zünden und Millionen Menschenleben auszulöschen; wie sollte er da zögern, wenn es darum geht, den ältesten Traum der Menschheit von Unsterblichkeit und Gesundheit und Glück ins Werk zu setzen durch genetische Lenkung.


    Wen man mich fragen würde; Mensch, sordida vetus Yorick; du altes körperliches, seelisches und geistiges Wrack; was würdest du davon halten, deine beiden kaputten Kniee gegen zwei neue auszutauschen oder gleich zwei kybernetische neue Beine anzuschrauben, dass du wieder 50 Kilometer wandern kannst am Tag mit deinen Hunden; oder möchtest du ein neues Herz, das keine Sperenzchen macht und ruhig und gleichmäßig seinen Takt schlägt; oder einen Knopf für dein rastloses Hirn, dass es mal abschalten kann über Nacht oder auch am Tag, wenigstens eine Zeitlang, bis du wieder deinen krausen Gedanken nachhängst?! Wie wäre es, nie wieder Schmerzen zu leiden oder zu wissen; wenn Leber, Lunge oder Niere versagen; gibt es eine neue aus der Biobank?!


    Wenn eine genetische Einflussnahme den Menschen gesünder machen könnte, auch klüger und vor allem besser in seinem Wesen; quasi bereinigt vom Bösen; das wäre doch was, oder nicht? Was soll der Aufschrei, der Mensch sei heilig und unantastbar? Bislang hat er weder in den 5000 Jahren Hochkultur noch in den Jahrmillionen davor bewiesen; dass er von sich aus zum überwiegend Guten befähigt wäre und mit allen Geschöpfen des Planeten in Frieden und Eintracht zu leben vermöchte; stattdessen ist er im Begriff, seine eigenen Lebensgrundlagen sehr gründlich zu zerstören; die Erde und damit sich selbst. Wäre in diesem Kontext der neue Mensch nicht sogar das Gebot der Stunde, die einzige Möglichkeit zur Rettung der Menschheit? Ich jedenfalls harre gespannt der Dinge, die da kommen mögen.

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    Wieso manche Irrtümer unausrottbar sind, lässt sich schwer begreifen. Im Bereich der Hundehaltung weiß man seit vielen Jahrzehnten, dass es so etwas wie einen Welpenschutz nicht gibt; bestenfalls im eigenen Rudel und auch da nicht immer. Das kannst du den Leuten eine Million mal erklären; beim nächsten Mal lassen sie ihren Welpen wieder unbeaufsichtigt zu einem völlig fremden erwachsenen Hund laufen. Und dann sind sie zu Tode betrübt, wenn der Kleine mit gebrochenem Genick vor ihnen liegt. Das Gleiche gilt für die Mär, dass Hündinnen einmal werfen sollten; um gesundheitlichen Schäden, vor allem Krebs vorzubeugen; das ist kompletter Unsinnn und weder veterinärmedizinisch noch kynologisch zu halten. Und trotzdem lassen die Leute ihre Hündinnen zu, obwohl sie weder Erfahrung mit der Zucht haben noch für einen Absatz garantieren können.


    Solche Beispiele ließen sich aus allen Lebesbereichen auflisten. Und ich denke mittlerweile; die Menschen sind nicht einfach nur dumm und ignorant; nein, sie setzen sich vorsätzlich unbewusst über alles hinweg; weil sie eben wollen, dass kleine süße Hunde wie menschliche Babys von allen gemocht und behütet werden; und weil sie wenigstens einmal im Leben selber acht kleine Wollknäuel im Korb liegen haben wollen, mit denen sie kuscheln können. Die Idee, dass Menschen rationaler Vernunft zugänglich wären; bereit, einer logischen Argumentation und sattsam bekanntem Faktenwissen zu folgen, halte ich für eine Illusion. Die meisten Menschen folgen nicht dem Verstand, sondern nur ihren Gefühlen und ihrem Willen.