Yoricks Nachtgedanken bei Tage

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    Es ist nicht so, dass ich Jürgen Habermas verachte; weil seine Philosophie trotz großem aufklärerischem Gestus in ihrem Menschenbild, ihrem Blick auf die Geschichte und überhaupt die Lebenstatsachen anachronistischer ist, als sie selbst gerne sein möchte; sondern weil er auf dem Gebiet, in dem er wirklich Bahnbrechendes geleistet hat, in der Praxis seine eigene Theorie nicht nur nicht beachtet, sondern wissentlich und also vorsätzlich konterkariert und das seit wenigstens 35 Jahren.


    In seinem Hauptwerk Die Theorie des kommunikativen Handelns thematisiert er die praktische und theoriekritische Bedeutung des kommunikativen Handelns für das soziale Leben der (post-)modernen Gesellschaft, in dem er Ansätze der modernen Sprachphilosophie, der Systemtheorie, der Rationalisierungstheorie Webers und der soziologischen Lebensweltanalyse zu verbinden versucht. Wikipedia fasst zusammen:


    Nach Habermas ist „kommunikatives Handeln“ eine Handlungsart, um Handlungen zwischen Gesprächspartnern koordinieren zu können. Seiner Auffassung nach liegen die normativen Grundlagen der Gesellschaft in der Sprache, die als zwischenmenschliches Verständigungsmittel soziale Interaktion erst ermöglicht. Durch Kommunikation versuchen Handelnde sich verständigungsorientiert aufeinander zu beziehen, indem sprach- und handlungsfähige Personen ihre Handlungen aufeinander abstimmen. Die in der Sprache angenommene kommunikative Rationalität bildet die Grundlage sozialen Handelns.


    Verständigung sei nach Habermas aber erst dann erreicht, wenn jeder Hörer allen Geltungsansprüchen einer Aussage zustimmen könne. Widrigenfalls müssten die Geltungsansprüche anschließend im Diskurs geklärt werden. Nach Habermas gibt es vier zu erfüllende Geltungsansprüche, die je vier Handlungsarten betreffen. Beim Einwirken auf das Gegenüber ist die Ebene des zweckrationalen Handelns betroffen.


    - Gefordert wird der Geltungsanspruch der objektiven Wahrheit, denn Bezugspunkt ist die „objektive Welt“ (Zeugwelt mit ihren Gesetzmäßigkeiten). Der behaupte Sachverhalt muss stimmen.
    - Normenreguliertes Handeln wiederum bezieht sich auf die Welt der menschlichen Gemeinschaft, in der die kulturellen Werte überliefert werden, die soziale Welt (Solidarwelt). Für diesbezügliche Aussagen ist der - Geltungsanspruch normativer Richtigkeit zu erfüllen. Gesagtes muss sich mit anerkannten Werten und Normen im Einklang befinden.
    - Der Geltungsanspruch der Wahrhaftigkeit ist subjektiver Natur, eingebettet in das dramaturgische Handeln der Selbstinszenierung. Verlangt wird, dass der jeweilige Sprecher ehrlich ist.
    - Das kommunikative Handeln dient der Verständlichkeit. Die Bedeutung einer Aussage muss von allen Gesprächspartnern verstanden werden.


    Habermas leitet die Geltungsansprüche aus seiner Universalpragmatik her. Ergebnisse herrschaftsfreier Kommunikation, die ausschließlich unter Berufung auf diese Geltungsansprüche zustande kommen, sind nach Habermas optimal rational. Für Habermas korrespondieren und überschneiden sich diese vier Geltungsansprüche mit dem Begriff der intersubjektiven Wahrheit. Intersubjektive Wahrheit bedeutet jedoch, dass jeder theoretisch mögliche Diskursteilnehmer der Aussage (Proposition) zustimmen könnte. Der optimale Diskurs spiegle sich in der idealen Sprechaktsituation wider. Ideal wäre die Sprechaktsituation dann, wenn es keine Verzerrung der Kommunikation gibt, das heißt:


    1. gleiche Chancen auf Dialoginitiation und -beteiligung,
    2. gleiche Chancen der Deutungs- und Argumentationsqualität,
    3. Herrschaftsfreiheit, sowie
    4. keine Täuschung der Sprechintentionen.


    Vereinfacht lässt sich sagen: Eine Aussage korrespondiert mit kommunikativem Handeln, wenn sie verständlich, wahr, wahrhaftig und richtig ist. Verbleiben Zweifel, so ist die Aussage im Diskurs zu klären.


    Diese transzendental pragmatischen Bedingungen ermöglichen Verständigung und einen vernünftigen Diskurs. Habermas weiß, dass es die ideale Sprechaktsituation in der Realität nicht gibt. Jedoch vertritt er, dass wir diese Idealisierung vor jedem Diskurs zumindest implizit vornehmen müssen. Nur so kann es zu dem „eigentümlich zwanglosen Zwang des besseren Argumentes“ kommen. Aus dieser kommunikativen Vernunft und Organisation von Handlungen heraus ergibt sich dann kommunikatives Handeln.


    Habermas antwortet mit diesem Ansatz auf seine beiden Vorgänger Adorno und Max Horkheimer. Auch er bietet eine Theorie mit dem Anspruch der Kritischen Theorie zur Begründung von Normativität, aber sie soll deren pessimistischen Schluss widerlegen, nach dem der Mensch unter Nutzung seiner Vernunft es nicht geschafft habe, eine menschenwürdige Welt aufzubauen, weswegen die Vernunft ein stumpfes Schwert sei. Zwar ist nach Habermas der einzelne Mensch nicht von sich aus zur Vernunft begabt (vgl. Subjektivitätsphilosophie und Bewusstseinsphilosophie), aber als mögliche Quelle der Vernunft sieht er stattdessen die Kommunikation zwischen Menschen, insbesondere die in der Form der Sprache (vgl. Intersubjektivitätsphilosophie). Die Kommunikation funktioniere jedoch nur dann, wenn sie ihre Prozesse vernunftorientiert organisiert. Dies wiederum bedeute, dass die Teilnehmer des Sprechaktes darauf verzichten müssen, Wirkungen im Sinne perlokutiver Sprechakte erzielen zu wollen, solange das, was sie kommunizieren, auch begründbar und kritisierbar bleiben soll.


    Wenn man sich das im Buch selbst noch genauer durchliest und sich dann die Rolle von Habermas vom Historikerstreit über den skandalisierten Essay „Anschwellender Bocksgesang“ von Botho Strauß, Martin Walsers Pailskirchenrede, Peter Sloterdijks Rede Regeln für den Menschenpark bis zum heutigen Tag vergegenwärtigt, dann will man das eigentlich nicht glauben, wie es möglich ist; dass ein Wissenschafter von Rang die eigenen Erkenntnisse in der Realität der tagespolitischen Alltags ignoriert und Kommunikation in totalitäre Bevormundung und in multimediales Geschnatter münden lässt. Da wird falsch zitiert, Zitate werden aus dem Kontext gerissen; da wird vorverurteilt; ein richtiger Dialog abgelehnt; hintenherum agiert; der "Diskurs" in das Feuilleton und noch ungeeignetere Bereiche getragen, beleidigt, unterstellt, gedroht, sozial und medial vernichtet; gelogen, betrogen, geheuchelt und gemeuchelt.


    Dass die von Habermas entwickelte Theorie schon an sich nicht stimmt, haben klügere Köpfe als ich bereits Anfang der 80er erkannt und analysiert. Wo es Vorüberzeugungen gibt, wird man rein rational nie zu einem Kompromiss gelangen, der den Dialogpartner nicht benachteiligt; überdies helfen absolut gesetzte Begriffe von Wahrheit und Gerechtigkeit wenig, eine Freiheit des Diskurses zu gewährleisten, der niemals mit dem Unbedingten und dogmatischen Grundlagen zu vereinbaren ist. Zudem wird eine Anschauung von Sprache als rein rationalem Instrument dem Menschen und Disputanten als Träger und Ausdrücker von Gefühlen und unbewusst wirkenden Psychologica in ihrer Vielgestaltigkeit und Lebendigkeit nicht gerecht.


    Habermas verlangt also den ehrlichen Sprecher, gleiche Chancen auf Dialogsituation und -beteiligung, der Deutungs- und Argumentationsqualität; eine herrschaftsfreie Kommunikation ohne Täuschung der Sprechintentionen. Nicht einer dieser Forderungen ist er selbst nachgekommen in den zahlreichen eskalierenden Konflikten, die er im Laufe von wenigstens drei Jahrzehnten angezettelt hat; nein, er hat alle sogar ausgehebelt und ins blanke Gegenteil verkehrt. Zum Wenigsten selbst am Beginn, da wurden Schüler, Freunde, Jünger, Proselyten vorgeschickt; bevor sich der große Meister aus dem Hintergrund aus der Deckung begab und so selbstgerecht wie selbstherrlich eine faschistoid-totalitäre Meinungstotschlagmaschinerie in Gang setzte und auf Laufen hielt, die in dieser Komplexität und Wirksamkeit ihresgleichen sucht in den westlichen Demokratien.


    Die berühmte klerikale Wendung vom Wasser predigen und Wein trinken griffe hier viel zu kurz und täte so manchem Pfaffen Unrecht; da trifft es Heinrich von Kleist am Ende der Marquise von O... wohl besser; wenn die Frau ihrem Vergewaltiger und späteren Ehemann erklärt, "er würde ihr damals nicht wie ein Teufel erschienen sein, wenn er ihr nicht, bei seiner ersten Erscheinung, wie ein Engel vorgekommen wäre." Löbliche Regeln für eine gelungene Kommunikation aufstellen und sie dann selbst aufs Schlimmste vergewaltigen; das geht auch über meinen freien Geist und ich kann das nicht entschuldigen und verzeihen.

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    Lena (Natalie Portman) zu ihrem Mann Kane (Oscar Isaac) im Film Auslöschung (Annihilation, USA/GB 2018) in einem Nachsexgespräch im Bett, das zu Folgesex führt:


    Nimmst du eine Zelle und umgehst die Hayflick-Grenze, verhinderst du ihre Seneszenz. Das bedeutet, dass die Zelle nicht altert, sie wird unsterblich. Sie teilt sich einfach ewig weiter. Wir denken, Altern sei ein natürlicher Prozess, aber eigentlich ist es ein Fehler in unseren Genen. Wenn diese Grenze nicht wäre, könnte ich für immer so aussehen wie jetzt.


    Wenn das so einfach ist, frage ich mich; warum wir nicht schon so weit sind? Ein paar Gründe fernab der biotechnologischen Machbarkeit liefert in der SOKO Wien (Staffel 13, Folge 09) die junge Gerontologin Ramona Stiegler (Christina Cervenka), wenn sie darauf hinweist; dass so neue Probleme kreiert werden: Überbevölkerung; eine Generation, die der nächsten nicht mehr Platz macht; steigende Ungleichheit. Nicht kranken Menschen will man helfen; die Forschung trachte lediglich danach, Reiche unsterblich zu machen.

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    Mittlerweile ein gängiges Bild, wenn man sich vergegenwärtigt; dass die Menschen vor tausenden von Jahren mit Pfeil und Bogen dem Essen hinterher liefen und oft genug dennoch hungrig blieben. Heute läuft uns das Essen an jeder Straßenecke und bei jeder Gelegenheit hinterher; wir benötigen all unsere Widerstandskraft, dass uns die Brathähnchen nicht in den Mund fliegen und wir in Milch und Honig baden.


    Es fällt einem ja besonders auf, wenn man eine Diät macht oder gerade seine Ernährung umstellt; dass der Alltag außerhalb der eigenen Behausung zu einem einzigen Spießrutenlauf wird; weil allein in einem Einkaufszentrum wie dem Weimarer Atrium oder der Jenaer Goethegalerie unzählige Restaurants, Bars, Cafés, Bäcker, Eisdielen und Imbissstände mit ihrem Millionenheer an leckeren Kilokalorien locken.


    In jedem Supermarkt kann man für kleines Geld vernünftige Lebensmittel und völlig nutzlose in solchen Mengen erwerben, dass man locker mit 100 Euro über einen Monat käme und dennoch vier Kilogramm zunehmen würde. Kein Fleischer mit Überangebot, kein Konditor, keine Pizzeria, kein Dönerladen, kein Grieche, kein Asiate, keine Fast-Food-Kette und so weiter. So bersten auch daheim bald die Kühlschränke und Tiefkühltruhen; die Vorratskammern sind brechend voll und man bekommt die Klapp- und Schiebetüren der Küchenschränke schon längst nicht mehr zu.


    Viel zu viel; von allem zu viel. Zu viel Kohlenhydrate, zu viel Fett; zu viel Fleisch überhaupt und viel zu viel Zucker, überall, auch in den Getränken. Nicht wir sind die food hunter, wir sind längst die Gejagten; und wenn wir früher mit dem Speer und Pfeil und Bogen, der Armbrust und Gewehren jagten; mit Fallen, Fallgruben und Schlingen; zu Fuß oder auf dem Pferd; so verbrannten wir das fette Fleisch an unseren Körpern und schulten unsere Motorik und unseren Charakter.


    Die süßen oder salzigen Nahrungsmittel heute, immer lecker; brauchen keine Werkzeuge und Waffen; um uns zu verfolgen; sie müssen nur dasein und duften oder uns optisch in Extase versetzen. Sie lauern uns auf, sobald wir uns in der Öffentlichkeit bewegen; da eine Thüringer Bratwurst; dort eine Leberkässemmel; hier einen Plunder und später noch ein Eis oder ein Fischbrötchen; ein Stück Torte oder eine Tafel Schoklade.


    Wer abnehmen will oder muss und zum (un)willigen Geist nur schwaches Fleisch; muss nicht nur ein paar Monate die Gesellschaft meiden und alle Sozialkontakte einfrieren; sondern für immer.

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    Der "Tatort" ist normalerweise nicht das Format, in dem man sprachliche Perlen erwartet; aber es gibt Ausnahmen, in den Episoden selbst und zuweilen in den Titeln.


    Gefallen hat mir schon vor sechs Jahren das wuchernde metaphorische Bild Die Sonne stirbt wie ein Tier aus Ludwigshafen; ein schon zu monströser, schräger Vergleich vielleicht, zu pathetisch und schwülstig und wenn man genau analysieren würde, kämen noch weitere Vorbehalte dazu, weil ein Tier sicher ganz anders stirbt als die Sonne untergeht; aber geschenkt; die Formulierung brennt sich ein, zumindest in mein Hirn.


    Noch "leichter" macht es sich kürzlich die Folge Luna frisst oder stirbt aus Frankfurt. Vom passenden Kontext des Falls einmal ganz abgesehen; nimmt man hier schlicht die bekannte deutsche Redewendung friss oder stirb, personalisiert sie und fertig ist die lakonische Vorausdeutung. Aus einer geläufigen idiomatischen Wendung im Imperativ wechselt man in einen anderen Modus, den Indikativ; und inauguriert mit der 3. Person (feminin, Singular, Aktiv) eine ganze Bilderfolge. Der Phraseologismus gerinnt in eine nur scheinbare Brevitas, weil die finiten Verbformen ins Unsichtbare arbeiten, diese Prädikate ihre Valenzen ahnen lassen.

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    Meinen Vater, der zu Jahresbeginn beinahe innerlich verblutet wäre und im letzten Moment dem Tod von der Schippe gesprungen ist, habe ich noch nie so gelassen und lebensfroh erlebt wie in den letzten Wochen und Monaten. Er betrachte jeden Tag als Zugabe, sagt er zu mir; und so ließe es sich prächtig leben. Mein Onkel hat monatelang an Corona laboriert, 35 Kilogramm abgenommen und sah am Ende aus wie ein Überlebender von Gulag oder Konzentrationslager. Er, der immer gerne Bier trank und gegen sein Gewicht kämpfte, versucht nun, stetig wieder zuzunehmen und freut sich über ein Leben, in dem er nicht mehr Kalorien zählen muss, um Pfunde zu verlieren; sondern zu gewinnen. Und zuletzt, bin ich mir sicher; hat auch mein Landsmann und Freund hier im Forum nach den Wochen im Koma trotz seines Gottvertrauens noch eine andere Perspektive auf das Leben vor dem Tod gewonnen.


    Mein Bezug zu Harry Haller hat nun auch ausgedient, seit ich die 50 überschritten und ich nach wie vor ungeeignet bin, es Amery, Burger, Sieferle nachzutun; und so frage ich mich; ob ich auch schon ein Recht darauf habe, jeden Tag als Geschenk und Zugabe zu verstehen und zu zelebrieren. Ich neige sehr zu einem Ja, denn erst vor ein paar Tagen verstarb einer meiner langjährigen Fußballfreunde im Alter von nur 56 Jahren. Am letzten Junitag berichtete er davon, dass es ihm zunehmend schlechter ging, aber die Ärzte nichts fänden; bis Mitte August brauchte die Diagnose, Krebs. Drei Monate später war er tot, hinterlässt Frau und Kinder. Jeder von uns kennt diese Fälle, dennoch hat mich dieser zu frühe Tod in den tiefsten Tiefen meines Selbst erschüttert und in große Verzweiflung gestürzt. Man kann noch so viel über den Tod reden und sich mit ihm beschäftigen; wenn er dann da ist und einen Freund oder Verwandten mit sich nimmt, sind alle Worte leeres Gerede und man steht allein mit seiner Trauer. Und ist dennoch unfähig, jeden Tag so zu leben, als wäre es der letzte; als wäre er eine Zugabe.

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    Man versteht ja die Ärzte unter ihrer Maske so schlecht; aber ich meine deutlich gehört zu haben, als ich vorhin die Booster-Impfung empfing; dass ich mich nun drei Monate schonen solle, keine schwere Arbeit, vor allem im Haushalt. Ich fürchte nur, meine Frau will das schriftlich haben und ein Attest sehen.

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    Meine Klagen über den Verfall der deutschen Sprache in fast allen gesellschaftlichen Bereichen sind leider nicht unbegründet und singe ich hier in einem vielstimmigen Chor. Allein, es gibt auch positive Beispiele, wenn auch viel zu wenige: Eines ist die positive Entwicklung im Bereich der Fußballkommentatoren., wie ich das zumindest persönlich empfinde.


    Der moderne Fußball ist wesentlich attraktiver, beweglicher, abwechslungsreicher, dynamischer und schneller geworden und verlangt dem Kommentator einiges ab an Sehkraft, Gedankenschnelle, Flexibilität und natürlich Sprach- und Sprechvermögen. Er muss während eines Spiels nicht nur in der Lage sein, das Geschehen auf dem Platz zeitnah zu kommentieren; sondern auch eine Fülle an fußballgeschichtlichen, taktischen und sonstigen Details einarbeiten. Vor allem steht mittlerweile so unglaublich viel statistisches Material zur Verfügung, dass es schwerfällt, zu selektieren und angemessen aus den Quellen zu schöpfen, ohne die Gegenwart des Spiels auf dem Rasen unter den tabulae historiae et actus aeternitatis zu erdrücken.


    Insofern grenzt es an ein Wunder, dass die neuere Kommentatorengeneration, die weniger von den Öffentlich-Rechtlichen als von Sky und DAZN herkommt; auch sprachlich neue Weg geht und dem Deutschen neue Räume erschließt. Was da unterhalb der Ränge auf dem Platz geschieht, hat sich ja an sich nicht geändert; eine Flanke ist eine Flanke und ein Torschuss ein Torschuss; ein Pass ein Pass und ein Foul ein Foul. Aber in den letzten 20 Jahren fällt mir zunehmend auf, dass die Spielberichterstattung sich nicht nur dem neuen Tempo angepasst hat, sondern praktisch alle Bereiche der gesellschaftlichen Wirklichkeit lexikalisch und semantisch, hin und wieder sogar syntaktisch; in den Kommentar einfließen lässt. Man hört inzwischen Umschreibungen aus Krimiformaten, dem Straßenverkehr, der Medizin, dem Recht oder der Politik; dem Militär, der Kunst- und Kulturgeschichte, dem Alltag und natürlich aus anderen Sportarten. Das bereicherte Vokabular macht einfach Spaß trotz mancher schräger Metaphern und hinkender Vergleiche.


    Den Vogel schießt hier meines Erachtens das Format Highlights Championship des Senders SPORTDIGITAL FUSSBALL (via Sky) ab; wo auf engsten Raum alle Spiel der zweithöchsten Spielklasse in beinahe schon höheren künstlerischen Ansprüchen genügenden literaturnahen Zusammenfassungen gegeben werden.

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    Godwin’s Law (englisch für ‚Godwins Gesetz‘) ist ein Begriff aus der Internetkultur, der von dem Rechtsanwalt und Sachbuchautor Mike Godwin 1990 geprägt wurde. Es besagt, dass sich im Verlaufe längerer Diskussionen, beispielsweise in Usenet-Newsgroups, mit zunehmender Dauer die Wahrscheinlichkeit, dass jemand einen Nazi-Vergleich einbringt, dem Wert Eins annähert. Ähnlich wie Murphys Gesetz enthält es eine ironische oder auch sarkastische Dimension. [Wiki]


    Ich denke, man müsste diese Gesetzmäßigkeit per definitionem auf ausgebrannte, faule oder dumme Drehbuchschreiber von Vorabendkrimiformaten ausweiten; denn sobald den Buben die Ideen ausgehen; kann man davon ausgehen; dass der Nazi-Opa, der böse Rassist von nebenan oder ein alter Stasi-Scherge ans Licht und in die "Story" gezerrt wird. So ein Script dürfte man eigentlich nur verbrennen; aber meist schämt sich niemand der Ausstrahlung.


    Das eigentlich Traurige daran ist nicht so sehr die geistige Trägkeit, der mangelhafte Einfallsreichtum und die fehlende Kreativität der Schreiberknechte; sondern die Tatsache, dass diese an sich wichtigen Themen so übermedialisiert, trivialisiert und totgeschrieben werden auf niedrigstem Niveau, eindimensional und flach. So haben wir A no-win situation, also eine “lose-lose situation”; eine schlechte TV-Episode und eine verlorene Chance auf ernsthafte Vergangenheitsbewältigung.

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    Ich werde nochmal wahnsinnig; ich weiß genau, dass ich wenigstens acht bis zehn Bände von Jean-Paul Sartre besaß, die Hälfte von früher aus DDR-Beständen; die Hälfte aus der roten Rowohlt-Ausgabe. Nicht ein einziges Buch steht mehr in der französischen Abteilung meiner Bibliothek, nicht in der philosophischen oder auch nur unter Vermischtes. Man kommt sich als Büchersammler mit mehreren Bibliotheksstandorten und schleichendem Gedächtnisverlust vor wie ein Komödiant und Märtyrer; man zweifelt an Bewusstsein und Selbsterkenntnis.


    Zwar suche ich seit Jahren permanent einzelne Bücher und bin ich auch schon immer der Idiot der Familie, weil meine Eltern trotz ständiger Belehrungen, sie möchten mich die Bücher zurückstellen lassen, diese gedankenlos immer wieder falsch einsortieren, womit sie meist für immer verloren waren; aber dass ein ganzer Autor verschwindet; ohne dass ich mich eines Autodafés mit anschließender Bücherverbrennung erinnern könnte, ist so noch nicht vorgekommen.


    Die Wege der Freiheit der Bücher sind unerforschlich. Das Imaginäre schiebt sich vor das Reale. Da stehe ich vor dem Bücherregal, wo zwischen Saint-Exupéry und Stendhal wenigstens eine klafterbreite Lücke sein müsste, sich aber die Bände aneinanderschmiegen. Das Sein und das Nichts ist schwerlich besser zu veranschaulichen als in dieser nicht vorhandenen Leerstelle. Die Transzendenz des Ego eines Bibliomanen erhält einen furchtbaren Dämpfer.


    Ist der Existentialismus ein Humanismus? Nicht für mich, den Leser und Sammler, wenn Bücher plötzlich zu existieren aufhören in meiner Welt und sich in Kompaniestärke aus dem Staub machen, ohne ihren Abschied vorschriftsmäßig eingereicht zu haben. Der Ekel übermannt einen angesichts einer Welt und eines Schöpfers, die nicht gut ist und von jenem nicht gut genug gemacht. Die Mauer des Schweigens aus den fehlenden Buchseiten hämmert berstend in meine Ohren und meine Augen füllen sich mit Tränen. Das Spiel ist aus, im Räderwerk des Verlusts feiern nur noch die Fliegen in geschlossener Gesellschaft die Toten ohne Begräbnis. Wir sind alle Mörder an uns und anderen.


    Jede respektvolle Dirne hätte nicht so an mir gehandelt wie die treulose Bücherschar.

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    Ein so typisches, symptomatisches, symbolisches Bild für unsere bundesrepublikanische Gesellschaft: Da wird ein Fototermin absolviert mit Presse, Politikern, Industriellen, Schulkindern, Lehrern etc.; man steht draußen an der frischen Luft mit Masken und hält zwei Meter Abstand, solange die Kameras laufen und die Fotoapparate blitzen.


    Danach sagt der verantwortliche, Mensch; wie schön, das lief aber alles wie am Schnürchen; lasst uns einen Kaffee trinken zum Abschluss. Und alle drängen und quetschen sich ohne Masken in einen engen Raum drinnen, schnattern aneinandergeschmiegt fröhlich und sind sich ihres doppelmoralischen dummen Verhaltens nicht bewusst.


    Die Corona-Krise zeigt, dass die Heuchelei unserer Zeit ihren Höhepunkt noch immer nicht erreicht hat. Hauptsache, pro forma irgendwelche Dinge einhalten, die man aktenkundig bürokratisch abhaken kann; und sobald keiner hinsieht, scheißt man drauf. Ein guter vernünftiger Mensch ist man nur coram publico; ein dummer, mal guter, mal schlechter wie seit Jahrtausenden ist man den Rest des Tages.

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    Warum, habe ich mich in den knapp dreißig Jahren meiner aktiven Zeit an der pädagogischen Front immer gefragt; sagen wir den Kindern und Jugendlichen eigentlich nicht die Wahrheit; die ganze Wahrheit oder wenigstens die halbe. Eine Wahrheit, die die Jugend ohnehin kennt, weil sie jene täglich sieht und erlebt; schon in den Klassenzimmern und auf den Schulhöfen; später auf den Baustellen, in den Fabrikhallen, Hörsälen, Büros.


    Die Lebenschancen sind nicht gleich verteilt, auch nicht bei uns in der freiesten, sichersten und reichsten Gesellschaft seit Angedenken. Wer aus wohlhabender Familie stammt, wird es leichter haben als jemand aus prekären bildungsfernen Familien. Wer schön, attraktiv, sportlich und von angenehmer Gestalt ist; wird es leichter haben als ein unattraktiver, unansehnlicherer, hässlicher Mensch. Wer mit guten Genen gesund und widerstandsfähig ist; wird es leichter haben als ein kranker, kränkelnder und anfälliger Mensch.


    Warum reden wir den jungen Menschen ein, aus jedem könne alles werden; jedem stünde alles, jeder Weg offen?! Das ist eine Lüge und jeder weiß das; der Lehrer, die Schüler, die Eltern, die Gesellschaft drumherum. Warum diese mühsame verlogene Aufrechterhaltung einer Illusion? Weil wir ein schlechtes Gewissen haben; dass wir viel über Gleichheit reden; aber nichts davon wahrgemacht wurde in den 23 Jahrzehnten seit der Französischen Revolution?


    Wenn ja, bestünde ja noch Hoffnung ...

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    Ein paar Häuser die Straße hoch wohnt ein Invalidenrentner, dessen Frau schon vor längerer Zeit gestorben ist. Er hat nur noch ein Bein und ständig starke Schmerzen. Er lebt überwiegend in einem Zimmer; in dem sich auf jedem Quadratmeter von oben bis unten Bücher und Zeitschriten stapeln. Da er sich kaum bewegen kann; kommt selbst der Fahrer des mobilen Bäckerautos bis hinein und übergibt die Brötchen persönlich.


    Der Mann hat zwei Töchter; eine sehr beleibte und eine sehr hagere. Beide wohnen immer bzw. zeitweise in ihrem Elternhaus. Die eine ist sehr dicke mit Jesus und Christus und überhaupt der evangelischen Kirche und lässt regelmäßig in den regionalen Tageszeitung ihre Worte zum Sonntag verlauten. Die andere ist sehr dicke mit diversen Organisationen des linksautonomen Spektrums der benachbarten Universitätsstadt und viel unterweg im Kampf gegen das Böse in unserer Gesellschaft.


    Das Haus, in dem der eigene Vater im Müll dahinvegetiert; sieht aus, als hätte dort seit der Wende niemand mehr saubergemacht. Die Fenster sind blind, die hat seit 20 Jahren niemand mehr geputzt, die Gardinen dürfte genausolang niemand mehr gewaschen haben. Ein einziger Saustall, wohin man schaut und in dem Haus wohnen, ich muss das erinnern, zwei erwachsene Frauen, deren Vater sich allein nicht betun kann und auf Hilfe angewiesen ist.


    Bin ich nun wirklich spießig, wenn ich sage; man soll erst einmal vor dem eigenen Haus kehren; ehe man anderen die Welt erklärt und wie man zu leben hat?! Muss ich mir wirklich fromme Predigten anhören und Reden vom Klassenkampf; wenn die Mädels es nicht einmal auf die Reihe kriegen; den eigenen Vater menschenwürdig unterzubringen und für ein Mindestniveau an Ordnung und Sauberkeit zu sorgen! Wasser predigen und Wein trinken; diese Wendung ist schon viel zu schwach für diesen Zustand.

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    Immer wieder bin ich unschlüssig, ob es "Er/Sie/Es zog an der Zigarette" oder "Er/Sie/Es sog an der Zigarette" heißen sollte?! Also ob man an ihr zieht oder saugt? Irgendwie scheint einem das Ziehen richtiger; zumindest so rein physiologisch von der Handlung her.


    Das ist ja beim Blasen im Deutschen oder Blowjob im Englischen schon schwieriger, denn das eine ist ja so falsch wie das Gleiche (wobei ich nicht entscheiden möchte, ob das nun Arbeit oder Vergnügen oder beides ist); und es wird ja hoffentlich niemand wirklich in so empfindliche Teile hineinblasen?! Sonst gibt es am Ende noch eine Blasenentzündung ...

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    Letzten Samstag vor der Glotze.


    Via Mediathek sehe ich die Dokumentation von Jakob Augstein über die Suche nach der deutschen Identität. Er spricht mit verschiedenen Menschen; dem Münchner Journalisten Malcolm Ohanwe, dem renommierten Politologen Wolfgang Merkel, der SPD-Politikerin und Vorsitzenden der SPD-Grundwertekommission Gesine Schwan; der Autorin und Unternehmerin Diana Kinnert - Tochter einer philippinischen Mutter und eines polnischen Vaters, CDU-Mitglied, Katholikin und selbst queer – und der Grünen-Politikerin und Vizepräsidentin des Landtags von Schleswig-Holstein Aminata Touré.


    Viertel vor sechs Uhr abends ist Zeit für Zwischen Spessart und Karwendel; unter anderem geht es um Maultaschen in Niederbayern, Igelretter in Fürth, Allgäuer Krautkrapfen und Richard Hartmann aus Füssen, der als junger Mann in die weite Welt hinausgezogen und mit internationalen Showgrößen in London, Paris und New York unterwegs war, jetzt aber mit Anfang 50 in seine Heimat zurückkehrte und sich engagiert, die Schönheit und das Brauchtum im Allgäu zu erhalten.


    Viertel nach Sechs dann wie immer Unterwegs in Thüringen, diesmal aus Heiligenstadt und Umgebung, also dem Eichsfeld. Unter anderem bauen die Büger von Küllstedt mehrere Tage an ihrer Weihnachtskrippe in der größten Dorfkirche des Eichsfelds. Für die biblische Szene werden neun Meter hohe Fichten aufgestellt, der Altarraum wird zur Mooslandschaft. Dann positionieren die Küllstedter die Figuren: Maria, und Josef, das Jesuskind in der Krippe, die Hirten, die Tiere - ganz traditionell, ganz liebevoll.


    Warum notiere ich das? Weil die zufällige TV-Chronologie eines gar nicht mal so faul auf dem Sofa liegenden feisten Grüblers schon dartut; warum ein Dokumentarfilmer, der mit Farbigen, Akademikern, Politikern und Queeren spricht; nicht einmal die Hälfte der Wahrheit erwischen wird. Denn niemand in Niederbayern, im Allgäu oder Franken hat Probleme mit seiner deutschen Identität; auch nicht die Eichsfelder im Nordwesten Thüringens. Einfache Leute, die in absoluter Selbstverständlichkeit ihren Alltag, ihre Feste, ihr Brauchtum leben und die vielleicht bestenfalls noch vor ihrer Identität als Deutsche ihre regionale herausstellen würden, weil Franken eben keine Bayern sind und Eichsfelder eher Kurmainzer als Thüringer.


    Wie stets verwechselt der Journalismus Stadt und Land, akademisches und „normales“ Milieu; echte und eingebildete Probleme. Ich bin übrigens zuallererst Alt-Europäer, dann Hallenser wider Willen, Reuße, Thüringer, DDRler und erst dann Deutscher und ich hatte nie damit ein Problem. Die größten Nöte verursachte mir der Wechsel von der Fußballnationalmannschaft der DDR zu der des wiedervereinigten Deutschland; noch 1992 beim EM-Finale gegen Dänemark war ich innerlich gespalten; 1994 beim WM-Viertelfinalaus gegen Bulgarien zwei Jahre später auch noch; erst 1996 in Wembley ergraute ich in schwarz-rot-gold.

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    Nachrichten aus der pädagogischen Provinz


    In der gleichen Sendung des mir so lieben Formats Zwischen Spessart und Karwendel wird leider auch über die junge niederbayerische "Kabarettistin" Teresa Reichl berichtet; eine studierte Germanistin auf Lehramt Deutsch; die angeblich die Klassiker der Weltliteratur liebt und hasst und blitzgescheit sei. Unter anderem "behandelt" sie die Klassiker in Internetvideos, für ihren "Erfolg" sorgten die richtige Ansprache und Humor.


    Man kann sich selbst ein Bild darüber machen; was man sich darunter vorzustellen hat; eine hochnotpeinliche Performance, albern, infantil und komplett sachunkundig. Der Lektürehorizont wird mit dem halben Meter Reclambändchen in ihrem Zimmer wohl ganz gut umschrieben. Als sie sich dann aber vor der Kamera brüstet, sie habe schon mehrere Klassen davor bewahren können, Die Marquise von O ... lesen zu müssen; wenn man keinen Bock drauf habe; musste ich doch schlucken.


    Das sind also die Deutschlehrer von heute! Muss man dazu noch etwas sagen oder schreiben?

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    Ich stehe ja unter dem Generalverdacht des Sexismus; der Misogynie und überhaupt einer grundlegenden Skepsis dem schönen Geschlecht gegenüber. Darüber bin ich nicht glücklich, weil es einfach nicht stimmt; aber es stimmt schon, dass ich mich viel mit Geschlechterfragen beschäftige und da ist das Weibliche für mich nun einmal fremder und interessanter als das Männliche, das ich zumindest partiell recht gut kenne.


    Eine Sache, die mich immer wieder triggert; ist die Antwort von Frauen, wenn man sie fragt, welche Eigenschaften der Traumprinz vorweisen sollte und fast bei jeder zweiten zu hören ist, er müsse Humor haben. Mal ganz abgesehen davon, dass Männer und Frauen unter Humor meist etwas komplett Anderes verstehen, kenne ich persönlich keine Frau, die einen wirklich witzigen, humorvollen oder sogar clownesken Mann für ganz in ihr Leben gelassen hätte.


    Frauen, mit denen man flachsen und herumalbern kann; sind meist so Kumpeltypen, die selbst eher männlich strukturiert sind. Und ich weiß aus eigener Erfahrung, dass Frauen sich gerne unterhalten lassen mit Humor und Witz; aber im Ernstfall den ernsteren Typen bevorzugen. Und was den Umgang mit Ironie angeht, bin ich sicher nicht der erste; der seit Wilhelm Busch festgestellt hat, dass ein Ironiker bei Frauen auf Granit beißt und sich unmöglich macht für alle Zeiten.


    Als ich noch ein wenig enttäuscht und verbittert war in meinen mittleren Mannesjahren, mutmaßte ich; der Wunsch nach einem humorvollen Mann spiegele nur den an sich verständlichen nach einem Mann wider, der die vielen Launen und Mätzchen einer Frau lässig und entspannt ertrüge, also mit Humor nähme; und sich davon nicht kirremachen ließe. Mittlerweile denke ich, das müsse noch mehr dahinterstecken; aber ich weiß nicht was.

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    Grandios war früher auch meine völlige Unfähigkeit, das Alter von Frauen schätzen zu können. Ich lag immer falsch, so sehr ich mich auch bemühte und Vorsorge traf. Rund um die Augen, Halspartie, Hände; man kann ja auf vieles achten; aber dennoch; ich zog noch fünf Jahre ab und ich machte die Betreffende immer noch älter, als sie wirklich war.


    Man kann hier nur verlieren als Mann. Schätzt man zu alt, ist man verloren; schätzt man gleichalt; wandert man auf schmalem Grat; schätzt man zu jung, verrät man sich als Lügner und Heuchler. Nicht, dass Frauen das stören würde; aber sie wollen es bitte nicht mitbekommen.


    Inzwischen schätze ich Frauen meist viel jünger als sie sind und zwar ohne Absicht oder unlautere Gedanken. Ich habe keine Ahnung, ob das nur an den Wundern der Moderne wie Fitnesstraining, Kosmetik und Schönheitschirurgie liegt; die Frauen langsamer altern lassen; oder an meinem Blick als nunmehr älterer Mann.

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    Ich persönlich halte Ernst Jünger übrigens nicht für den grandiosen Prosaisten, als der er gerne dargestellt wird; und überhaupt literarisch eher für guten Durchschnitt, wobei das negativer klingt, als es gemeint ist; denn damit ist er schon besser als die meisten Schriftsteller. Es gibt ein paar Bücher von ihm, auf die ich ungern verzichten würde in meiner Bibliothek; viele der Tagebücher gehören aber eigentlich nicht dazu.


    Und natürlich ist mir klar, warum bestimmte Kreise in unserer Gesellschaft seit Jahrzehnten versuchen, den Mann zu diskreditieren; und genauso ist mir klar; warum er bis zuletzt unangreifbar blieb und nun dreizwanzig Jahre nach seinem Tod längst ein Klassiker ist. Beinahe tun mir die Eiferer leid; die sich an den frühen Büchern reiben; die von Kriegsverherrlichung handeln sollen; in ihm einen Wegbereiter des Faschismus erkennen möchten; später die Rolle Jüngers im Nationalsozialismus und im 2. Weltkrieg gerne verstrickter gehabt hätten und ihm die Art und Weise seiner unbeugsamen Haltung als Mensch und Künstler in der Nachkriegszeit und in der Bundesrepublik nie verziehen haben.


    Hauptgrund dürfte aber wirklich die bloße Existenz eines Mannes sein, dessen Generationsgenossen zu Millionen in den beiden großen Kriegen gefallen sind; der wie zum Trotz gesund über 100 Jahre alt wurde und sein eigenes Jahrhundert als biologisches und kulturelles Wesen überlebte und von jeder Kritik unberührt ungerührt seinen eigenen Weg ging und damit auch noch Erfolg hatte. Ein großer Geist, den mit Glück alle Kugeln und Granaten, Seuchen und Krankheiten verschonten, und der wie ein Mahnmal aus uralten Zeiten mehrere Ideologiephasen überdauerte und als sehr lebendige Mumie in eine junge und doch schon tote Zeit hineinragt.


    So steckte er wie ein Pfahl im Fleisch einer Zeit, die so gerne die gute neue geworden wäre; als ständige Erinnerung an den Ernst und den Wandel der Geschichte; als ewige Mahnung an das Faustsche "Was ihr den Geist der Zeiten heißt, Das ist im Grund der Herren eigner Geist" und damit alle Zeitgebundenheit mediokrer Geistlein. Jünger vollführte nie einen Kotau vor diesem Zeitgeist; beugte sich nicht vor der Masse, bereute wenig und scherte sich nicht um den halbintellektuellen Pöbel aus den 68er Hörsälen. Stattdessen sprach er aus, was er dachte; und fuhr fort mit seinen entomologischen Studien, schrieb und wurde von einigen bundesdeutschen Kreisen hofiert und vorgezeigt bei Bedarf.


    Über Ernst Jünger ist längst noch nicht das letzte Wort gesprochen. Da wird man seine Kritiker längst vergessen haben.

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    Als ich Anfang der 70er geboren wurde; war die erste Stadt, die ich wieder und wieder in den Nachrichten vernahm, Beirut. Der Name dieser Stadt wurde für mich zum Synonym für Bürgerkrieg, Chaos, religiösen Wahn, die Skrupellosigkeit der westlichen Welt und überhaupt für die Sinnlosigkeit des Seins.


    Gestern nun sah ich die Dokumentation Die letzten Tage von Beirut. Eine filmische Hommage und ich erinnerte mich, dass die Explosionskatastrophe des letzten Jahres im Hafen von Beirut, bei der 2750 Tonnen unsicher gelagertes Ammoniumnitrat explodierten, es es mindestens 190 Todesopfer und mehr als 6500 Verletzte gab und Schäden in Höhe von mehreren Milliarden Euro entstanden, von mir kaum vermerkt wurde; weil ich sie trotz längerer medialer Ruhe einfach in die Akte Beirut = Gewalt und Zerstörung abgelegt hatte.


    Kann denn jemand mit Herz, Seele und Verstand angesichts des Schicksals dieser Stadt; in deren Tradition man auch Kabul und so manche syrische Stadt nennen könnte, wirklich noch an Möglichkeiten zur Gestaltung der Welt glauben? An eine Befriedung im vorderasiatischen Raum rund um Israel; an die Domestizierung des politischen Islam; an westliche Demokratien, die nicht nur auf den eigenen Profit und die eigene Hegemonie bedacht sind und die sich wirklich für die Menschen dort einsetzen?!