Yoricks Nachtgedanken bei Tage

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    Die wirklich guten komischen Filme, Komödien etc. erkennt man daran, dass man sie beim ersten Schauen nicht bis zum Ende durchhält; weil man erschöpft, ermattet, nach Luft schnappend und um Fassung ringend auf dem Sofa liegt und sich nicht mehr auf den Fortgang konzentrieren kann.


    Kurz nach der Wende sah ich mit einem Freund das erste Mal Monty Python’s Life of Brian in einem Hallenser Hinterhofprogrammkino und wir lagen die ganze Zeit schreiend und tobend zwischen den Stühlen und konnten uns nicht wieder einkriegen. Danach saßen wir bis in die frühem Morgenstunden in einer Kneipe bei sehr viel Bier und Schnaps und rekapitulierten wirklich jede Szene hundertmal und bogen uns immer wieder vor Lachen, prusteten und gackerten wie die Hühner. Diese Veranstaltung wiederholten wir noch einige Male ohne wirklichen Verschleiß an Möglichkeiten, sich zu zerbasteln und totzulachen.


    Auch bei Schtonk! war nach vierzig Minuten Schluss, ich konnte einfach nicht mehr, ich war fix und fertig vor Lachen. Der Film wurde zwar in der zweiten Hälfte ohnehin schlechter, aber dennoch reichte es auch hier für Szenen, die man unendlich nachspielen und nachsprechen konnte, im Bademantel des Generalfeldmarschalls die bittere Orangenmarmelade zurückweisend die ältere Frau zum Gehorsam auffordernd.


    Auch der erste Teil von American Pie bleibt mir für immer im Gedächtnis; ich sah ihn zusammen mit meinem Bruder vor zwanzig Jahren; und als Finch, der „Heimscheißer“ durch ein Abführmittel gezwungen ist, sich lautstark auf der Mädchentoilette zu entleeren, war ich dem Tod durch Erstickung nahe, so habe ich gewiehert und gebrüllt. Dieser endgeile infantile Film über die sexuellen Nöte nicht nur einer, sondern jeder Generation; hat mich bereits nach der Hälfte mattgesetzt.


    So anstrengend Lachen über ein oder zwei Stunden sein kann; so erholsam und gesund ist es auf die Länge. Zwar schmerzt jeder Muskel, aber man ist befreit und glücklich wie sonst nie im Leben. Und leider, leider geschieht das viel zu selten bis nie. Denn es ist enorm schwer, gute Bücher oder Filme zu finden; die wirklich lustig, humorvoll oder zum Schreien komisch sind. Die meisten Sachen, die mir gefallen und die richtige Kunst sind; tendieren zum Tragischen, meist Schlimmeren der menschlichen Existenz. Wenn man mal genug hat von den ewigen depressiven Schinken auf Buchseiten oder Leinwänden und man sich einfach nur niveauvoll erheitern lassen will, sucht man meist vergeblich.


    Ich könnte bestenfalls eine Handvoll Bücher oder Filme nennen; die ganz große Kunst UND komisch sind. Nicht zufällig steht seit vielen Jahren Laurence Sternes Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman ganz oben auf meiner Liste der besten Bücher überhaupt; weil ich es so oft gelesen habe und mich immer wieder ausschütten muss vor Lachen. Arno Schmidt hat auch solche Stellen in seinen Büchern; Jean Paul natürlich; aber dann wird es schon eng.

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    Ist es nicht erstaunlich, dass wir drei bis vier Dutzend Textsorten, Genre, Gattungen etc. erfunden haben; um all das Gesprochene und Geschriebene zu klassifizieren; obwohl dieses ICH, sobald es den Mund aufmacht oder den Stift in die Hand nimmt oder die Tastatur unter die Finger, nur von sich selbst spricht? Und zwar immer, ständig, permanent, unentwegt, pausenlos, ununterbrochen, in alle Ewigkeit. Ja, selbst wenn es schweigt, spricht es nur von sich selbst.

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    Der große Hans Wollschläger in „Denn es gehet dem Menschen wie dem Vieh: Wie dies stirbt, so stirbt er auch. Fastnachtspredigt zum Skandal, Bad Nauheim 2001, S.10f.:


    „Angst denn wovor? Die Minister werden öffentlich in einer Weise geopfert, als gälte es einen Moloch zu versöhnen; sie versuchen zwar mit Würde abzutreten, haben sich wie gewohnt „persönlich nichts vorzuwerfen“, wollen nun heroisch „Verantwortung übernehmen“, ganz als hätten sie diese nicht längst schon gehabt, da das „Vertrauen der Bürger erschüttert“ sei, und führen uns das ganze Mienenspiel des Opferochsen vor, so daß Wir, deren erschüttertes Vertrauen das angerichtet hat, uns am Ende noch als die eigentlichen Schurken fühlen. Dabei passiert ihnen doch aber nichts, denn „Verantwortung“ von Politikern gibt es gar nicht; sie werden weder dekapitiert wie im einstigen Orient noch in unwirtlichen Kerkern gehalten wie im einstigen Abendland, und solange sie nicht für ihre Unverantwortlichkeiten mit ihrem Vermögen bzw. ihrer Pension einstehen müssen, sondern höchstens ihren Posten verlieren, um einen anderen anzutreten, ist die Redensart so gegenstandslos wie ein Amtseid.“


    Ita est. Verantwortung hat in Deutschland seit der Zeit des Personenverbandsstaats niemand mehr übernommen in den höchsten Kreisen; zumindest nicht freiwillig.

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    Sehr schön und aufschlussreich ist ja die Szene im Film Amadeus, der auf dem gleichnamigen Theaterstück von Peter Shaffer beruht, in der sich der Kaiser Joseph wenig begeistert über die Premiere Oper Die Entführung aus dem Serail zeigt, sie habe zu viele Noten habe; worauf Mozart erwidert, dass er genau so viele Noten verwendet habe, wie notwendig gewesen seien – keine mehr und keine weniger.


    Diese köstliche Antizipation aller Musikkritik, die von Salieri nicht auf- und angegriffen wird aus persönlichen Gründen; kommt mir immer in den Sinn, wenn ich Max Regers Orchesterwerke und mehr noch seine Instrumentalkonzerte höre. Während ich bei seinen Kompositionen für Orgel nie dieses Gefühl habe, denke ich, er hätte ruhig einmal die eine oder andere Note weglassen dürfen; ganz so, wie ein halbes Dutzend Schnitzel weniger ihn hätte länger leben und komponieren lassen.

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    Mein Bruder, selbst ein sehr erfolgreicher Unternehmer; meinte neulich, dass die „Verlierer“, also die Bankrotteure, Pleitiers, Insolventen im Geschäftsleben immer lautstark einen Schuldigen suchten, statt sich und anderen die eigenen Fehler einzugestehen. Da ist sicher etwas dran und lässt sich auch nicht nur auf das Geschäfts- und Wirtschaftsleben anwenden; weil es ein sehr menschlicher Zug ist und vielleicht sogar notwendig, um nicht permanent aufgeben zu müssen wegen verschwundenen Selbstvertrauens.


    Aber so prinzipiell glaube ich; stimmt das dennoch nicht so pauschal. Ich etwa jammere auch viel und benenne Schuldige allüberall; aber ich bin kein gutes Beispiel, weil mir das, was man seinen Weg machen nennt, Karriere oder Erfolg haben in Beruf und Gesellschaft, völlig fremd und unwichtig ist. Das berühmte „Mein Haus, mein Auto, mein Boot“ aus dem alten Sparkassenspot interessiert mich nur insoweit, als meine Bücher Platz haben, ich die Tür hinter mir zu machen kann und ich überhaupt meine Ruhe habe und mich vor der Welt verstecken kann. Das Verlieren oder besser Scheitern halte ich ohnehin sozusagen existenzphilosophisch für die einzige ehrliche Art des Menschseins und schon rein statistisch muss es ja mehr Verlierer als Gewinner geben.


    Die Masse der Menschen aber, die man aus der Perspektive unserer kapitalistischen Gesellschaft als „Verlierer“ bezeichnen kann, leiden, so glaube ich recht sicher zu wissen, eher still und machen wenig Aufhebens von sich und ihren Verlusten und Niederlagen, schon aus dem Grund, weil sie nicht auffallen wollen und auffliegen als Loser. Was uns nur besonders auffällt und nervt, sind die dummdreisten Nichtskönner, die sich lautstark äußern und den ganzen Tag auf allen Netzwerken und Kanälen am Lamentieren sind; wie schlecht doch die Welt insonderheit zu ihnen ist.


    Aber ich kann mich natürlich auch irren und daran ist nach Kant die unzureichende Fähigkeit, uns selbst und andere zu erkennen schuld.

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    Im letzten Sommer, gut zwei Jahre nach unserer Hochzeit, beschwerte sich meine Schwiegermutter, dass sie noch gar kein Hochzeitsfoto bei sich in der Stube hängen habe; in einem Ton, als ob alle anderen die Schuld trügen; obwohl sie ja nun genug Zeit gehabt hätte, sich des Fehlens gewahr zu werden und Abhilfe zu schaffen.


    Also bringt ihre meine Frau alle Bilder; damit sie sich diese in Ruhe ansehen und sich eines aussuchen kann: Es gibt solche in allen möglichen Konstellationen, das Brautpaar alleine; mit den Eltern von Bräutigam und Braut, mit Sohn, Stiefsohn, Geschwistern, Onkel und Tanten; auch solche, auf denen alle mit drauf sind; also freie Auswahl für freie Bürgerinnen.


    Und nun die Preisfrage: Welches Foto sucht sich meine von mir hochgeschätzte und gut versorgte Schwiegermutter aus? Ich griente ja schon vorher über das ganze Gesicht, weil ich es ahnte; aber als es dann ans Licht kam, musste ich doch so lachen, dass mir der Bauch wehtat und die Luft knapp wurde. Meine Frau fand das gar nicht so lustig; ich habe sie noch nie so wütend gegenüber ihrer Mutter erlebt.


    Schwiegermutti hatte sich nämlich ganz ohne Scheu und offensichtlich, ohne sich etwas dabei zu denken, ein Foto ausgewählt; auf dem sie mit ihrer Tochter und ihrem Enkel in die Kamera schaut, also quasi selbstdritt die alte Familie beieinandersteht und der Bräutigam weit und breit nicht zu sehen ist. Schreibt man das in ein Drehbuch für eine Schnulze, heißt es, das sei unglaubwürdig und konstruiert.

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    Gestern beim Sandmännchen die Episode Luzi im Märchenland der Moffels. Luzi hat sich in den Kopf gesetzt, der bösen Hexe ihre Meinung zu sagen, weil die immer so böse zaubert. Doch als die vier Freunde im Märchenland ankommen, finden sie eine furchtbar traurige Hexe vor. Nie wird sie zu Festen eingeladen. Dabei feiert und tanzt sie für ihr Leben gern. Im Nu wird ihr geholfen, sie kann gut zaubern und wird auch gleich zu einem Tanzfest eingeladen.


    Ich sage nichts gegen die Tendenz, aus der ursprünglich sehr bösen und grausamen Hexe der altgermanischen Zeit bis hin zu Shakespeare auch eine neue Tradition positiver Hexenbilder in der Literatur und in den Massenmedien zu etablieren, sodass der Begriff der Hexe seine frühere negative Bedeutung weitgehend eingebüßt hat. Aber ich bin skeptisch hinsichtlich der Setzung und Umsetzung dieses Charakterwandels. Zweimal gut zureden und plötzlich ist die Hexe gut? Nein, nein; da macht man es sich doch zu einfach; auch wenn es „nur“ um Gutenachtgeschichten für Kinder geht.


    Aber Yorick, höre ich schon die Einwände; willst du dich wegen jeder Kleinigkeit aufregen? Sei doch froh, dass die gute alte Hexe ohne großen Aufwand gut geworden ist und ein nützliches Mitglied der Gesellschaft. Es gibt so viele gute Menschen, Gutmenschen und noch gutere Menschen; warum soll es da nicht auch gute Hexen, Guthexen und noch gutere Hexen geben?! Langsam drehst du völlig durch und deine pessimistische Weltanschauung treibt dich weg von allen Gestaden der Menschen und ohne Wiederkehr in die Ozeane des Wahnsinns.


    Au Contraire, mes chers amis; mitnichten wohne ich in der Fehlhalde; mir geht es darum, den Kindern die Welt nicht zu einfach zu erklären. Nichts gegen den durchaus löblichen Versuch, Hexen umzuerziehen und aufzumenschlichen; wenngleich ich bestimmt weiß, dass die Hexe genau deshalb eine anthropologische Konstante ist, weil sie vom Menschen, der Menschin her gedacht wurde. Aber so schwuppdiwupp, holterdiepolter und ohne jeden hinreichenden Aufwand und jede ausreichende Erklärung; warum der Wandel so plötzlich möglich ist; nein, das ist unredlich und blauäugig. Kinder sollen ruhig wissen, wie komplex die Realität ist. Auch im Märchen.

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    Ich denke; eines der vielen Probleme während der Corona-Pandemie ist auch, dass erstmals Naturwissenschaftler und Mediziner derart im Focus von Politik und Massenmedien stehen und es für diese absolutes Neuland ist, das sie da betreten; wo jedes Wort sich verselbstständigen und ein Eigenleben entwickeln kann; das Internet nichts vergisst und die positivistischen Wissenschaften mit ihrem empirischen Zugang, ihrer experimentellen Methode, ihrem Trial and Error und ihren komplexen Theoriegebäuden nur sehr schwer vermittelbar sind für die Masse der weniger Denkbegabten, also wenigstens 90 Prozent der Bundesbürger. Ich möchte daher nicht in der Haut von Karl Lauterbach, Christian Drosten, Lothar H. Wieler und wie sie alle heißen, stecken; ich wäre so einer Aufgabe in keinerlei Hinsicht gewachsen.

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    Ein Thema, bei dem ich überhaupt nicht weiterkomme, ist das des privaten Schusswaffenbesitzes, der in Deutschland seit den Freikorpszeiten nach dem 1. Weltkrieg keine Tradition und Lobby hat wie etwa in den Vereinigten Staaten; wo sich seit den 90er-Jahren des letzten Jahrhunderts bis heute die Zahl von privaten Waffen von 100 Millionen auf 300 Millionen verdreifacht hat. Angeregt durch den Prozess um Kyle Rittenhouse las ich unter anderem eine Studie, die konstatiert; dass in den USA im Jahr 1,5 ‑2,5 Millionen Mal in einer absolut legalen Notwehrsituation zur Waffe gegriffen und ein Verbrechen verhindert wird; dass 80 Mal häufiger eine Waffe verwendet wird, um ein Verbrechen zu verhindern als eines zu begehen. Die Mordrate habe sich im gleichen Zeitraum halbiert.


    Gleichzeitig lese ich, dass sich immer mehr Menschen in der Bundesrepublik nicht mehr sicher fühlen und daher den Schützenvereinen die Türen einrennen; um über eine eher unauffällige Mitgliedschaft dort an den Waffenschein und damit an Waffen für den Privathaushalt zu gelangen. Ich selbst, das gebe ich ehrlich zu, würde mich manchmal auch wohler in meiner Haut fühlen; wenn ich eine Makarow (oder was die Sicherheitsorgane heute so benutzen) im Waffenschrank meines Hauses hätte; auf der anderen Seite wäre ich wiederum zu ängstlich, so ein Ding in meiner Nähe zu haben, wenn mich im Vollsuff der Weltschmerz packt und ich lieber nicht mehr sein möchte. Außerdem graut mich vor der Vorstellung; dass die Deppen, mit denen man so täglich so tun hat im Öffentlichen Raum, nach Belieben eine Knarre ziehen könnten und ihren Worten Kugeln folgen lassen.


    Aber sei's drum; die Sache ist auf dem Tisch und den Kopf in den Sand zu stecken, bringt uns nicht weiter. In einer Zeit, da der Staat schwächer wird und sein Gewaltmonopol nicht mehr durchweg durchzusetzen vermag, wird der Ruf nach Bewaffnung lauter werden. Und ehe schwer bewaffnete Bürgerwehren wie in Beirut durch die Straßen patrouillieren, wäre mir sehr an einer vernünftigen friedlichen Lösung gelegen. Dazu gehören auch die juristische Neubeurteilung und strafrechtliche Würdigung von Delikten an Leib und Leben und hinsichtlich des Schutzes von Besitz und Eigentum. Die Rechte des privaten Schützenden sind hier meines Erachtens zu gering bemessen im Hinblick auf die „Rechte“ der Täter an Gesundheit, Unversehrtheit und Leben.

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    In unserer Clique beim Studium gab es einen wunderlichen Menschen, den wir sehr liebten, auch weil er in so vielem den Titeln unserer Lieblingsbücher entsprach. So war er natürlich „Der Idiot“; „Der Idiot der Familie“; „Der Mann ohne Eigenschaften“, „Der Ekel“; „Der Steppenwolf“, die „Die Blendung“, „Der Falschmünzer“; „Der gute Mensch von Sezuan“; „Stiller"; der „Herr der Fliegen“, „Der Fremde“; „Der Liebhaber“; „American Psycho“; „Der Gehülfe“; „Der Herr der Ringe“; „Der Fänger im Roggen“, „Der kleine Prinz“; „Die kahle Sängerin“; „Der Scherz“ und so weiter. Die Frage „Ist das ein Mensch?“ musste von uns also dahingehend beantwortet werden; ja; aber auch große Literatur.

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    Über Jahrzehnte nun hat man dem Arbeitnehmer gepredigt, man müsse flexibel sein, dürfe nicht an seinem Geburtsort verharren und müsse seiner Arbeit hinterherziehen, so oft es eben nötig sei. Kein Mensch arbeite nur noch ein Leben lang dasselbe; man müsse sich qualifizieren, umorientieren und neu sortieren; sobald sich die Verhältnisse ändern. Und viele haben sich daran orientiert, es blieb ihnen oft genug auch gar nichts anderes übrig.


    Das Ergebnis freilich ist die Zerstörung klassischer Familienstrukturen, an deren Stelle nichts Adäquates treten konnte. Die Eltern leben meinetwegen in einer Kleinstadt in Mitteldeutschland; die Großeltern auf einem Dorf an der Küste; die Kinder fanden Arbeit in Hamburg und Süddeutschland; die Enkel gehen nach Australien oder Kanada. Das klingt vorbildlich kosmopolitisch; wird aber sofort übel, wenn ein Teil der Familie aus gesundheitlichen- oder Altersgründen Hilfe braucht; oder die Jungen bei vollem Arbeitspensum nicht wissen, mit den Kindern wohin und wie den komplexen Alltag stemmen. Wenn 600km zwischen den Familienmitgliedern liegen, ist jede Hilfe unmöglich und das schlechte Gewissen bekommt man gratis.


    Dann sitzen die Alten bald allein und einsam im Heim; wenn sie es nicht fertigbringen, den Kindern und Enkeln hinterherzuziehen; was oft genug schon aus finanziellen Gründen nicht möglich ist; denn im Osten bekommt man nichts für seine Immobilie und um München oder Berlin etwa bekommt man nichts Bezahlbares. Die Jüngeren reiben sich auf, müssen die Kinder Fremden anvertrauen für Geld, das sie wiederum erst erarbeiten müssen, was erneut die Zeit minimiert. An den Feiertagen sind die Straßen verstopft in der Republik, weil Hinz und Kunz quer durch das Land fahren muss, um die Verwandten zu besuchen; anstatt sich daheim gemütlich in der stillen Zeit zu regenerieren. Das gesellschaftliche Leben der Städte und Gemeinden kommt zum Erliegen, weil die verschiedenen Generationen fehlen, die für den Erhalt aller Strukturen notwendig sind.


    Der Tod der Familie bedeutet den Tod der Gesellschaft und des Staates. Irgendwann wird man es einsehen; aber dann ist es längst zu spät.

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    Die stärkste Bindung unter Blutsverwandten möchte meinethalben die Mutter-Sohn-Beziehung sein; unter nicht durch das Blut verbundenen Männern wird es wahrscheinlich die Kameradschaft sein, die sogar der Freundschaft den Rang abläuft. Die Erlebnisse in den großen Kriegen des letzten Jahrhunderts haben gerade zwischen den Soldaten und Offizieren ein Band geknüpft, das nicht fester sein könnte in anderen Lebensbereichen. Über Jahre zusammen wie in einer Familie, eng an eng im Schützengraben; gemeinsam kämpfen und fallen; sich auf aufeinander verlassen können bis hin zum Opfertod des einen Kameraden für den anderen.


    Eben ganz sicher zu wissen; dass der Mann neben einem einen nicht im Stich lassen wird; niemals, ihn rettet unter Beschuss, herausholt bei Verwundung und eben notfalls auch den für einen selbst bestimmten Schuss mit seinem Körper abfängt; ein Szenario, das man genauso umdrehen kann, weil der Nachbar sich in gleicher Weise auf einen selbst verlassen kann - all das lässt sich in keinem anderen Bereich des Lebens nachspielen und ist eine Facette des brodelnden mentalen Gemenges zwischen den beiden Weltkriegen, zumal im Deutschland der Weimarer Republik und des III. Reiches. Auch wenn diese Kamderadschaft natürlich seltener vorkam, als sich selbst die alten Frontkämpfer, Freikorpsmänner und Mitglieder der Wehrverbände eingestehen würden.

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    Es gibt in meiner vieltausendbändigen Bibliothek etwa ein Dutzend ganz besonderer Bücher, die in meinem Leben eine derartig wichtige Rolle spielen; dass ich sie wieder und wieder lese in kehrender Zeit, sie immer wieder gierig und geradezu süchtig in mich aufsauge, obwohl ich sie doch eigentlich in und auswendig kennen müsste. Und auch in der Musik gibt es nur eine Handvoll Komponisten, die ich mir alle paar Wochen, Monate oder Jahre mal wieder vornehme und das mit allen Facetten einer Suchterkrankung; weshalb man eher davon sprechen müsste, dass mich diese von Zeit zu Zeit und unvorhersehbar heimsuchen ohne Gnade. Dann höre ich tage- und nächtelang deren Werke, als hätte ich sie noch nie in meinem Leben gehört; staune, vergleiche, zittere, liebe, hasse. Bach, Mozart oder selbst Bruckner und Wagner gehören nicht dazu; die höre ich zu kontinuierlich, die sind zu selbstverständlich Teil von mir. Ich rede zum Beispiel von Mahler, ich rede von Sibelius, von Schostakowitsch, von Schumann - meist jene, deren Zugang ich mir hart erarbeiten musste.

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    Es ist jedes Jahr das Gleiche: Früh um 5 Uhr fährt der Winterdienst vorbei, schabt das Pflaster auf und streut tonnenweise Salz. Man steht im Bett, die Straße leidet und das Salz versaut einem die Karre. Wenn es dann wirklich schneit und es richtig Frost gibt und richtig glatt ist; dann kommt der Winterdienst erst am späten Vormittag oder gar nicht. Deutsche Bürokratie eben: Es ist Winterbefehl und da wird geräumt, auch wenn nichts zu räumen da ist. Anstatt die Kräfte zu schonen und wenn es darauf ankommt zu bündeln; wird Dienst nach Vorschrift gemacht, der niemandem hilft.

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    Essen ist der Sex des Alters , heißt es; und vom Golfspielen geht eine ähnliche Rede. Das irritiert mich sehr, da ich schon mein Leben lang gerne esse und ich sicher in diesem Leben kein Golf mehr spielen werde.

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    Alexander Wendt schreibt in seinem sehr lesenswerten und unterhaltsamen Buch Du Miststück. Meine Depression und ich (2016) über das zentrale Motiv des Largo aus der 5. Sinfonie von Schostakowitsch: Die Schläge des Xylophons entsprechen genau dem Prozess des Todes; sie brechen ein Gehäuse auf; es folgt eine tiefe Entspannung, als würde Wasser auf eine Ebene strömen und dort endlich versickern dürfen. Er spielte einmal einer Frau eine Aufnahme des Largos vor; die fand das Stück total schön von der Stimmung her, sah eine Frühlingswiese mit Birken vor sich.


    Das erinnerte mich an das Adagio aus Bruckners Fünfter, wenn das große zweite Thema einsetzt: Ich stelle mir dazu

    ein weinendes Gesicht vor; das zu einem Körper gehört, der in Zeitlupe durch wehende Gardinen auf einen Balkon hinaus strebt, um wenig später im freien Fall die Weite und das Nichts zu gewinnen; das ist so traurig und so schön erlösend gleichzeitig. Meine Frau meint dagegen bei der Stelle, sie träte aus einem Wald hinaus auf eine Lichtung oder sie käme über eine Düne und sehe plötzlich das Meer ... also der Weg von der Enge zur Weite.