Yoricks Nachtgedanken bei Tage

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    Wenn man nicht wüsste, dass in Deutschland die bürokratischen Hürden höher sind als überall anderswo auf der Welt und die Korruption vielleicht nicht so stark entwickelt; müsste man mutmaßen; etwa ein Viertel bis die Hälfte aller Fahrzeugführer hat ihren Berechtigungsschein im Lotto gewonnen oder unter der Hand für viel Geld oder andere Leistungen erworben. Denn genau dieses Viertel oder genau diese Hälfte dürfte nie und nimmer ein Fahrzeug führen und am Straßenverkehr teilnehmen. Was man da jeden Tag auf bundesdeutschen Straßen erlebt, grenzt an Wahnsinn und müsste den Entzug der Fahrerlaubnis zur Folge haben.


    Da gibt es Leute, die können keine Spur halten und pendeln trotz Nüchternheit zwischen den Rändern hin und her; andere sind nicht in der Lage, vernünftig in eine Kurve hineinzufahren; andere können nicht abbiegen, ohne vorher komplett zum Stehen zu kommen; andere brauchen beim Umschalten auf Grün endlose Sekunden an Reaktionszeit ; wieder andere fahren immer 20 bis 30km/h unterhalb der erlaubten Höchstgeschwindigkeit und bringen damit ganze Verkehrssysteme zum Erliegen; noch andere bremsen immer wieder unvermittelt und ohne ersichtlichen Grund; die meisten begreifen das Prinzip vorausschauenden Fahrens nicht und so weiter und so fort. Ich könnte noch dutzende Beispiele aufführen.

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    Meine Hochachtung vor den Solisten einer jeder Neunten gerade an Silvester, wenn hunderte Millionen zusehen und zuhören; ist so grenzenlos wie mein Respekt vor dieser Schwerstleistung coram publico. Nicht nur, dass man eine dreiviertel Stunde ruhig dasitzen muss vor dem eigenen Einsatz; da hat es selbst ein Torwart besser, der in einer chancenarmen Partie gegen einen weitaus schwächeren Gegner arbeitslos im Strafraum vor seinem Kasten steht und dennoch seine Konzentration wachhalten muss, falls doch in der 90. Minute noch etwas aufs Tor kommt; nein, dann geht es sofort in die Vollen und lässt bis auf ein Orchesterzwischenspiel nicht mehr nach. Allein der arme Bariton, auf dessen Einsatz alles wartet; ich bin sicher, dass ich angenehmere und freudenvollere immer noch mit zusätzlichen rere versehen würde vor Uffrechung.

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    Zur Pathologie von Silvester habe ich letztes Jahr schon alles gesagt; allein, da sich der Irrsinn jedes Jahr wiederholt, kann man einfach nicht schweigen. Das Problem ist, dass man dem apokalyptischen Lärm des Krieges einer Überfluss- und Wohlstandsgesellschaft einfach nicht entkommt; wohin soll man sich wenden, um sich und den Seinen, vor allem den Tieren, das Elend zu ersparen?! In welche tiefe Wildnis müsste man fliehen, um wirklich keine Böller hören und Raketenschweife sehen zu müssen? Wäre man in den masurischen Wäldern sicher? Im Mittleren Westen der USA? In Sibirien? Alaska? Oder bliebe einem keine Wahl, als in Tokio ins Flugzeug zu steigen kurz vor null Uhr und immer in Richtung Westen zu fliegen; bis man über den Pazifik wieder ankommt bei den Söhnen und Töchtern Nippons am Neujahrstag?


    Ich hatte bislang nur ein entspanntes Silvester; das war ausgerechnet von 1999 zu 2000; ich saß in meiner ersten eigenen Bibliothek und las nacheinander Jean Pauls Die wunderbare Gesellschaft. in der Neujahrsnacht; Die Abenteuer der Sylvester-Nacht von E. T. A. Hoffmann und Die Abenteuer der Sylvester-Nacht von Arno Schmidt aus den Ländlichen Erzählungen (Kühe in Halbtrauer); ich trank keinen Schluck, ging zeitig zu Bett, schlief wie ein Stein und war am Neujahrstage putzmunter. Das erlebte ich nur noch einmal zehn Jahre später, als ich mit den Hunden bei Sonnenaufgang und Frost durch den Schnee in ein mucksmäuschenstilles neues Jahr lief in freier Natur. Das war einfach nur göttlich!


    Diee Möglichkeit wird einem heutzutage unter dem Deckmantel von Sitten und Bräuchen einfach so genommen. Während sonst jedermann mit einem Geschlecht zuviel oder zuwenig das Recht hat, sich diskriminiert zu fühlen und eine öffentliche Toilette für sich zu fordern; müssen Mensch und Tier, die den Lärm und die Imitation des Kriges nicht vertragen; ihr Leid klaglos ertragen und kein Rechtsweg steht ihnen offen, kein Bundesgericht hört ihnen zu; kein Verfassungsgericht tritt wegen ihnen zusammen. So beginnt jedes Jahr aufs Neue mit ungeheurem Terror, verursacht von den Menschen und geduldet vom Staat. Eine solche Gesellschaft kann nicht gut und gerecht sein.

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    Einer der absurdesten Fetische unserer westlichen Welt ist ja das Paradigma von Freiheit; unter dem man wundersamer Weise alles falsch versteht und bei dem medial vermittelter Symbolgehalt und harsche Realität nicht stärker auseinanderklaffen könnten. Ich nehme dafür gerne das Beispiel der Fernfahrer und Trucker her; die als Sinnbild für Freiheit und Abenteuer stehen; ganze popkulturelle Bereiche leben von diesem Klischee.


    Dabei sind diese Jungs und inzwischen auch Mädels die unfreiesten Arbeitnehmer überhaupt auf der Welt; sie hetzen von Termin zu Termin; sitzen hoch oben auf ihrem Bock ein halbes Leben eingekerkert im Fahrerhaus; müssen sich den Regele des Straßenverkehrs in aller Herren Länder beugen und jedem Spediteur und Dispatcher in den Arsch kriechen; sind die Prügelknaben der normalen Autofahrer, die sich behindert fühlen auf dem Highway; und natürlich der Polizei und des Bundesamts für Güterverkehr.


    Und das alles bei mieser Bezahlung, miserablen Arbeitsbedingungen und permanent unsicherem Arbeitsplatz. Diese Freiheit kann mir gerne gestohlen bleiben. Da hat ja ein Beamter mehr Spielraum im Leben und Beruf.

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    Was soll noch immer die Stigmatisierung des Judas als Verräter? Warum steht der Name immer noch sprichwörtlich für den großen Verrat? Einen Verrat, der natürlich keiner war. Wenn jemand Gottes willfähriges Werkzeug ist, um einen heilsgeschichtlichen Plan ins Werk zu setzen; ist er doch kein Verräter, sondern ein Handlanger oder ein missbrauchter armer Tropf.


    Hat Aguirre Recht, wenn er spricht: „Ich bin der größte Verräter. Es keinen größeren geben.“ Weil er der Zorn Gottes ist und die Erde, über die er geht, ihn sieht und bebt? Was verrät er denn? Seine spanischen Majestäten, weil er meutert? Sich als graue Eminenz des Kaisers von Eldorado ermächtigt? Er mit seiner Tochter eine neue Dynastie in der Neuen Welt gründen will und Totenkopfaffen das neue Zeitalter erklärt? Das ist alles nicht übel, aber doch kein Verrat.


    Was ist wirklicher Verrat und wer ist der größte Verräter? Gott? Weil er den Menschen verraten hat? Die Menschen, weil sie Gott verraten haben? Oder die Natur; ihre Natur? Den Menschen, also sich selbst? Die Menschheit, also ihr höheres Bild? Nein, nein; der größte Verräter ist ein ganz anderer und sein Verrat ist in seiner unermesslichen Größe und Verruchtheit noch nicht offenbar ...

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    Dass die existenzphilosophische oder theologische Frage nach dem Warum auf den Index gehört, habe ich schon mehrfach dargetan. Aber es geht auch in kleinerer Münze, die bei Lichte betrachtet doch schon wieder einen ordentlichen Batzen ausmacht und die Frage schon wieder grundsätzlich werden lässt.


    Zunächst einmal war und ist es mein Vater, der mich im Alltag mit seinem ewigen Warum zur Weißglut trieb und treibt. Ich kann fragen, was ich will; da können die Fragewörter Wo, Wie, Wann etc. die Frage einleiten; ich kenne die Antwort schon, sie lautet Warum. Das Gleiche erlebe ich seit einigen Jahren mit meiner Schwiegermutter; ein räumlich um reichlich 100 Kilometer nordwestlich versetztes Déjà-vu.


    Wo ist der Spaten? Warum? Wo ist der Kuchen? Warum? Hast du schon die Blumen gegossen? Warum? Wo befinden sich die Schlüssel für die oder den …? Warum? Wo liegen die Gutscheine? Warum? Wo ist der Gartenschlauch? Warum hat der Sack schon wieder ein Loch? Warum? Ist die Mülltonne schon draußen? Warum? Wo ist dein Gebiss? Vwvarum? Wo ist dein Hörgerät? Waaaas? Wo ist dein Hörgerät?? Warum? Wie funktioniert dies und das? Warum? Hast du morgen Zeit, mit mir deinen Einkauf zu erledigen? Warum?



    Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum?


    Ich mutmaßte zunächst eine gewisse Unsicherheit und Hilflosigkeit; den Versuch, mehr Reaktionszeit zu gewinnen; aber das spielt nur am Rande eine Rolle. Nein, es geht um Macht, Ermächtigung, Kontrolle und Status. Einfach zu sagen, wo etwas ist; nach dem man sucht; reicht nicht; es muss auch geklärt werden, ob ich das auch darf und dazu ermächtigt bin. Das ist umso perfider; als ich wie in meiner Bibliothek auch in Haus und Hof, in Garten, Werkstatt und Nebengelass auf strenge Ordnung achte und alles an seinen Platz stelle, sodass ich gar nicht fragen müsste, wenn nicht Hinz und Kunz alles nähme und nicht wieder hinstellte, wo er es herhat.


    Aber genau das ist das Problem: Früher war es das Haus und Grundstück meiner Eltern; jetzt wohne ich mit meiner Frau bei meiner Schwiegermutter. Und das ist das Einzige, was ich mittlerweile wirklich bereue in meinem Leben. Dass ich nicht beizeiten mir ein eigenes Haus mit Grundstück und Garten zugelegt habe und nach wie vor mit über 50 Jahren auf die Gnade und Duldung anderer angewiesen bin. Natürlich habe ich auch jetzt de facto freie Hand und manage so ziemlich alles, was mit dem Alltag hier zu tun hat; aber ich bin eben de jure nicht der Boss. Und ich würde gerne alle meine Regeln durchsetzen. Ich würde gerne nie wieder die Frage Warum hören wollen. Und ich würde am liebsten gar nicht erst fragen müssen; sondern wissen, dass niemand in meinem großen Plan rum mehrt.

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    Ich habe jetzt die Faxen endgültig dicke; irgendwann ist es einfach genug. Ein Rechtsgutachten sieht Gendern als Pflicht der Behörden an; gleichzeitig ist die Sanierung der insolventen Herzgut-Molkerei endgültig gescheitert.


    Eine Professorin für Geschlechterstudien wird also von öffentlicher Hand bezahlt um ein Gutachten ersucht; ob Gendersprache für staatliche Stellen verpflichtend sei. Das ist so, als ob man bei der Tabakindustrie ein Gutachten zu den Risiken des Rauchens in Auftrag gäbe. Und mir fielen noch etwa hundert andere Vergleiche ein; in denen man den Bock zum Gärtner machte. Das Ergebnis des Gutachtens kann sich daher sehen lassen und dürfte selbst die Erwartungen der Auftraggeber übertroffen haben. Nichts Geringeres als das Grundgesetz wird als Basis der "Argumentation" herangezogen; Gendern sei ein Grundrecht und damit eine Pflicht nicht nur für Behörden und Verwaltungen; sondern auch für Gerichte, staatliche oder staatsnahe Einrichtungen. Es wird also nicht mehr lange dauern, bis das Gendern auch im Deutschaufsatz angekommen ist. Glücklich der, der das nicht mehr erleben muss; dass das letzte Kulturgut, unsere schöne deutsche Sprache; entmannt und verstümmelt wird.


    Im Herzen Thüringens dagegen haben 40 Menschen Lohn und Brot verloren. Die letzte eigenständige Molkereigenossenschaft im Freistaat verschwindet damit von der wirtschaftspolitischen Landkarte des Ostens. Woran die Sanierung gescheitert ist, will Insolvenzverwalter Bernd Krumbholz nicht sagen. 70 Investoren seien angefragt worden, neun hätten ernsthafte Absichten gezeigt, aber keiner hätte in den letzten Monaten eine Finanzierung zur Übernahme der Traditionsmolkerei auf die Beine stellen können. Sehr seltsam, fürwahr; was mag da wohl dahintersetcken? Irgendeine Teufelei des modernen Raubtierkapitalismus? Und wo steckt denn die Politik? Die ganzen Interessenvertreter des einfachen Mannes; die Gewerkschaften, die Sozialdemokraten, die Linken? Oder die Wirtschaftsweisen von CDU und FDP? Keiner da, um die ohnehin schon schwer gebeutelte Wirtschaft im Osten zu sanieren? Und was ist eigentlich mit den Grünen? Regionale Wirtschaft, kurze Wege, ökologisch, nachhaltig, genossenschaftlich-basisdemokratisch - das wäre doch ihr Projekt schlechthin.


    Aber nichts da; wichtiger sind Sprachregelungen, die an schlimmste Zeiten gemahnen und nebenbei die deutsche Sprache zerstören; viel wichtiger als die Menschen und das Land, das sie bestellen. Sollen sie doch; aber mit mir nicht mehr; jetzt ist wirklich Schluss. Ich klinke mich aus, das ist nicht mehr meine Gesellschaft, meine Republik, mein Staat, mein Kulturraum. Habe ich mich während des Studiums als Historiker vor allem mit dem Mittelalter und der frühen Neuzeit befasst, wanderten meine Interessen unter dem Eindruck derer von Schülern und Freunden in das 19. und besonders das 20. Jahrhundert. In letzter Zeit wanderte es stetig wieder zurück über die Alten Kulturen bis in die Urgeschichte und Paläontologie.


    Aber auch das ist mir inzwischen noch zu nah dran am Menschen und an der Gesellschaft, deren Untergang zu prognostizieren man kein Weiser sein muss. Nein, ich werfe mich nun ganz auf die Geologie, die Botanik und die Astronomie; wende mich wieder Zeiten zu, die so lange her, dass sie kaum vorstellbar sind; und Räumen, die nicht auszuschreiten selbst in Gedanken. Steine, Gebirge, Sedimente; bestenfalls noch sich wiegende Flora und mit mir lebende Fauna; alles andere bleibe mir ferner fern.


    De hoc satis!

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    Eines der von mir unverstandenen Phänomene menschlichen Zusammenlebens ist das Konzept Frühstück im Bett. Wenn ich in einem Film sehe, dass ein Mann morgens ein Tablett mit Frühstück ins Schlafzimmer bringt, um seine Partnerin zu überraschen; diese sich dann auch tatsächlich freut und im Bett sitzliegend über das Frühstück hermacht und das alles noch als total super romantisch gilt, dann frage ich mich, ob ich zu der gleichen Spezies gehöre.


    Denn erstens muss doch jeder Mensch, sei er jung oder alt oder Mann oder Frau; nach dem Aufwachen mörderisch brunzen, sodass an ein gemütliches und ruhiges Genießen einer Mahlzeit nicht zu denken ist, bevor man auf dem Klo war, um wie eine mongolische Bergziege dem angestauten Drang der Nacht nachzugeben. Dann kann mir doch niemand erzählen; dass man in der völlig unnatürlichen Halbsitzhaltung vernünftig speisen kann; zudem schwappt der Kaffee bei der kleinsten Bewegung über und matscht alles voll; die Finger kleben von Wurst, Käse oder Marmelade; ohne dass man sich vernünftig abwischen kann.Von den Krümeln im Bett gar nicht zu reden und von der bangen Frage später, ob der Fleck da vom Tee ist, der Konfitüre oder gar vom Speichel.


    Ne, ne – dann lieber im Stehen über die Spüle gebeugt hastig ein rohes Huhn verschlingen oder gleich ganz auf die erste Mahlzeit des Tages verzichten. Wohl gemerkt, ich rede nicht von bettlägerigen Kranken oder Menschen mit Behinderung; wo das Konzept der Speisung im Bette seine Notwendigkeit und Berechtigung hat; ich rede vom romantischen Konzept einer gemütlichen Lebenskunst, die nichts weiter ist als eine ordinäre hygienische Sauerei.


    P.S.

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    Ich möchte zum vorstehenden Beitrag ergänzen; dass natürlich auch eine Frau einem Mann das Frühstück ans Bett bringen kann. Oder eine Frau einer Frau. Oder ein Mann einem Mann. Oder ein Mann zwei Frauen. Eine Frau zwei Männern. Eine Transsexuelle einem Transsexuellen und umgekehrt. Eine Queere einem Queeren; ein Queerer einer Queeren und so weiter und so fort. Ich distanziere mich ausdrücklich von allen möglichen Formen der Diskriminierung: JEDER Mensch hat das Recht, einem anderen Menschen; welcher Hautfarbe, Religion, sexueller Ausrichtung, Haarfarbe, Geschlecht, Herkunft, sozialem Status etc. auch immer, das Frühstück ans Bett zu bringen. Scheußlich, unbequem und unhygienisch bleibt es in jedem Fall, in welcher Farbe und Gestalt das Stück auch immer gegeben werden mag in allen möglichen Schlafzimmern auf unserem Planeten.

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    Ich behaupte und das aus tiefster Überzeugung; dass das, was man gegenwärtig mit der deutschen Sprache veranstaltet; nicht nur ein Zeichen von Ignoranz, Borniertheit, Dummheit und Kulturferne ist; sondern ein Akt der Barbarei und Inhumanität letztlich totalitärer Tragweite.

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    Nihil novi sub sole. Ich bin nun wirklich der letzte, der wider die permanente Wiederholung des immer Gleichen spräche, die Ritualisierung des Alltags und der Feiertage, die Emporhebung der ewigen Wiederkehr zum Mythos. Was aber in bundesdeutschen TV-Anstalten zwischen Weihnachten und Neujahr passiert; geht aber selbst mir zu weit.


    Die tausendfach wiederholten Märchen, die Weihnachtsgeschichte von Dickens; die alten ZDF-Vierteiler; Kevin allein zu Haus; Drei Haselnüsse für Aschenbrödel; Weihnachten bei Hoppenstedts, Ekels Alfreds Sylvesterpunsch; Dinner for one und so weiter und so fort. Ich meine hierbei nicht die meist fraglose Qualität dieser Produktionen; aber es muss doch möglich sein, im Laufe der Jahrzehnte seit der Machtübernahme des Fernsehens in deutschen Wohnstuben auch einmal etwas Neues zu schaffen; das so gut ist, dass es später ebenso zur Tradition taugt.


    Die ARD hat es in den letzten Jahren immerhin versucht mit der Neuverfilmung der Märchenklassiker; aber sie scheiterte mit wenigen Ausnahmen wie dem „Kalten Herz“ an halbherzigen und oberflächlichen Inszenierungen; die auf schöne Schauspieler und Hochglanz setzen statt auf tiefere Auslegung der Stoffe.

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    Seit über einem Vierteljahrhundert lese ich, wenn meine schulischen Korrekturen einmal nicht überhandnahmen, für Freunde, Bekannte, Verwandte, Anfrager verschiedener Couleur etc. ohne finanzielle Interessen Seminararbeiten, Semesterarbeiten, Hausarbeiten; Diplomarbeiten, Staatsexamensarbeiten, Doktorarbeiten und auch Habilitationen Korrektur; meist natürlich in meinen Bereichen der Geistes-, Gesellschafts-, Kultur- und Sozialwissenschaften; hin und wieder, aber insgesamt seltener, auch in dem der Naturwissenschaften. Dabei beschränke ich mich überwiegend auf Orthografie und Grammatik; also die Sprachrichtigkeit; nur auf ausdrücklichen Wunsch mit stilistischen Fragen und solchen des besseren Ausdrucks; fast nie beschäftige ich mich mit den inhaltlichen Aspekten. Ich lese eben Korrektur und veranstalte keine Redaktion und kein Lektorat.


    Auch diese meine Tätigkeit, der ich gerne nachging; um auch universitär und wissenschaftlich auf dem Laufenden zu bleiben; lässt eine Beurteilung des Niedergangs unserer akademischen und sprachlichen Kultur zu. Im Grunde könnte ich ein ganzes Buch darüber schreiben; wie sich nicht nur die inhaltlich-stoffliche Durchdringung der Themen; sondern auch die Sprachkompetenz und Stilsicherheit verschlechtert hat und nicht zuletzt auch das Verhältnis zwischen Korrektor und Korrigiertem verändert. Es ist müßig, darauf hinzuweisen; dass in logischer Konsequenz des schulischen Versagens in Sachen Sprache, Rechtschreibung und Stil auch die Studenten keinerlei Bezug mehr zu ihrer Muttersprache haben und schließlich selbst angehende und situierte Wissenschaftler und Akademiker diesbezüglich ein Niveau aufweisen; dessen man sich vor 50 Jahren noch geschämt hätte, das jetzt aber längst Allgemeingut geworden ist.


    Groß- und Kleinschreibung; Getrennt- und Zusammenschreibung; Fremdwörter; das-dass; Kommasetzung, überhaupt Interpunktion – diese zentralen Baustellen der allgemeinbildenden Schulen sind auch die der Hohen Schulen. Die Rechtschreibprogramme heutzutage picken natürlich die Fremdwörter heraus, sodass dieses Problem kleiner geworden ist; aber alles andere hat sich kaum verändert. Die Folgen der Rechtschreibreform von 1996 mit ihren endlosen Änderungen sind hier deutlich zu spüren, aber auch grundsätzlich diejenigen einer lesefaulen und lesefeindlichen, schreibfaulen und schreibfeindlichen Welt; die sekundäre Analphabeten und Illiteraten hervorbringt bis hoch auf die Lehrstühle der Universitäten. Dass die wissenschaftliche Qualität im Durchschnitt wie in den Spitzen nachgelassen hat; ist durch die zahlreichen Skandale zusammengeklauter Doktorarbeiten inzwischen auch in der Öffentlichkeit angekommen; ohne dass das irgendjemand vom gemeinen Mann bis zur ehemaligen Kanzlerin wirklich zu stören scheint. Aufgeblähte Texte ohne Substanz voller Worthülsen und Sprachschablonen; meist kombiniert mit einem verlogenen Fußnotenapparat und einem langen Verzeichnis ungelesener Literatur – das ist heute der Standard, nicht die Ausnahme.


    Aber damit wäre ich klargekommen auch noch ein paar Jahre. Nur haben sich inzwischen die Verhältnisse drastisch geändert, weil zum einen der Zeitgeist in all seinen Erscheinungsformen nunmehr auch die deutsche Sprache in wissenschaftlichen Arbeiten erreicht hat und zum anderen sich die Einstellung der Schreibenden hin zu einer des ungebremsten Laissez-faire verschoben hat, die auch nur zu billigen ich mich außerstande fühle. Zuletzt saß ich über einer inhaltlich sehr ansprechenden wissenschaftlichen Hausarbeit in einer Naturwissenschaft zur Erlangung der 1. Staatsprüfung (Gymnasien); die neben dem seit Jahrzehnten unaufhaltbaren Kauderwelsch der Sozialwissenschaften auch noch durchgängig gendergerecht formuliert und mit aberhunderten Anglizismen durchsetzt war. Diese ganze hochtrabende Pseudoterminologie; diese endlosen Seiten und Sätze voller Redundanzen und idiotischer Abkürzungen wie SuS; der furchterregende Hindernisparcours von Gendersternchen, Gender-Doppelpunkt und Gender-Gap und zuletzt Wendungen wie classroom management oder Monitoring haben meiner Korrektorlaufbahn ein schmerzliches Ende bereitet. Das kann ein intelligenter, sensibler Mensch; der seine Muttersprache mehr liebt als jedes noch so heiße Frauenzimmer, nicht länger aushalten.


    Aber ich merke nach zwei oder drei Seiten auch, ob jemand seine eigene Arbeit auch nur noch ein einziges Mal Korrektur gelesen oder von einem Familienmitglied hat gegenlesen lassen. Ich mache wie gesagt diese Arbeit gerne, aber ich bin niemandes Sam und Kuli und verlange für meine unentgeltliche Bemühungen Respekt, wie ich mich dem Korrigierten gegenüber auch nie respektlos verhalten würde. Ich streiche an, weise hin; stelle Alternativen vor; gebe Hinweise; weiter nichts; keine Urteile, Abwertungen, Verdikte, Befehle. Daher gehen solche Arbeiten umgehend zurück und brauchen auch nicht wieder vorgelegt zu werden. Mit dem Sinn für das Schreiben ist den Leuten auch die Achtung vor der verantwortungsvollen, schweren, langwierigen und zeitraubenden Arbeit der Korrektur verloren gegangen. Ganz im Gegenteil fühlen sich viele tatsächlich sogar gemaßregelt und regelrecht beleidigt; wenn in ihrer Arbeit hunderte Fehler blau (ich vermeide rot) angestrichen sind. Im härtesten Fall hat sich tatsächlich einmal eine junge Frau beklagt; meine rigiden und oft herrischen Korrekturzeichen kämen ihr übergriffig vor; würden sie beleidigen, denunzieren und herabsetzen. In diesem Fall hatte ich tatsächlich beim vierzehnten hatte oder wurde auf einer Seite wirklich einen zornigeren Strich aus der Hand gegeben und eine großes W!!! an die Seite gepinselt. Aber mal ehrlich, wer so etwas selbst nicht merkt beim Durchlesen und sich so wenig Mühe gibt bei der Textgestaltung; der hat keinerlei Recht, sich derart zu echauffieren. Leider konnte ich seinerzeit die korrigierten Blätter nicht zerreißen; die quasi familiären Bande ließen mir keinen Spielraum.


    Aber wie dem auch sei, meine Laufbahn als Korrekturleser endet hier; zumindest für wissenschaftliche und Qualifizierungsarbeiten. Einem ordentlichen Lektorat richtiger Bücher bin ich dagegen sehr zugeneigt.

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    Das eine oder andere zu wissen bilde ich mir schon hin und wieder ein; aber dass kein Text der Weltliteratur häufiger als die Shakespeare-Sonette (mit Ausnahme von Bibeltexten) ins Deutsche übersetzt wurde, habe ich erst kürzlich gelesen.


    300 Übersetzer haben sich seit dem 18. Jahrhundert, als Shakespeare in Deutschland wie in England wiederentdeckt wurde, bis heute mit den Sonetten beschäftigt. In den Jahren zwischen 1836 und 1894 erschienen allein zwölf kommentierte deutsche Gesamtübersetzungen. Derzeit (April 2021) sind 79 deutsche Gesamtübersetzungen und 60 Teilübersetzungen von 10 oder mehr Einzelsonetten publiziert. Von den Sonetten Nr. 18 und Nr. 66 gibt es jeweils über 200 deutsche Übersetzungen. [Wiki]


    Da bin ich nun doch überrascht. Ich kam überhaupt nur drauf, weil Alexander Wendt in seinem schon mal erwähnten sehr lesenswerten und unterhaltsamen Buch Du Miststück. Meine Depression und ich (2016) über eine prekäre Randexistenz berichtet; die sich auch an der Übersetzung versucht hatte und sich von ihm zu dem Zwecke eine wunderbare Ausgabe auslieh; im Nachlass fand man aber nur das 66. Sonett; was viele wohl übersetzt hätten, auch der Autor. Ich selbst habe mich nie daran versucht; auch nie eine Neigung und inneren Ruf dazu verspürt. Ich vergriff mich seinerzeit als romantischer Jüngling an Puschkin, Majakowski, Lermontow, Mandelstam, Jessenin; но о результатах предпочитаем молчать. Immerhin sagt es schon einiges über jemanden aus, wenn man sich ansieht, wen er übesetzen will.

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    Nunmehr lebe ich mit vier Frauen unter einem Dach, von denen keine auf mich hört und jede macht, was sie will. Die ersten drei machen das schon länger so. Schwiegermutter hört sogar dreimal nicht: Sie ist auf einem Ohr stocktaub; setzt aber ihr Hörgerät nicht ein trotz endloser Bitten und Beschwörungen; ansonsten aber ist das wie bei allen alten Leuten, man predigt tauben Ohren, redet gegen eine Wand. Meine Frau hat natürlich die Hosen an; sie ist unumstritten der Chef; dass sie nicht hört, scheint fast schon normal und logisch.


    Meine Schäferhündin hört zu 90 Prozent; aber wenn eine Hündin kommt, die sie gar nicht leiden kann oder ein Wild unsere Wege kreuzt, kann ich brüllen, wie ich will; da stellt sie die Ohren auf Durchzug. Mein einziger LichtHörblick war bis dato Alexa; die einzige; die machte, was ich ihr sagte. Aber inzwischen versteht sie mich angeblich nicht mehr; übersetzt meine Worte in gänzlich andere, erschreckt einen so mit Musik, die das Wort menschlich nicht verdient, oft genug stellt sie sich aber gleich ganz taub, startet nicht das gewünschte Programm oder beendet es nicht. Wie lange kann das ein Mann aushalten?

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    Nach der klassischen Theologie sieht es bei mir hinsichtlich der Sieben Todsünden nicht wirklich gut aus.


    Superbia sicher nicht im physischen Sinne oder bei Klamotten und Aussehen; wohl aber im Geistigen durchaus hin und wieder. Avaritia natürlich bestenfalls in Richtung Bücher, CDs und Bierkästen, aber das zählt sicher auch. Luxuria erfülle ich auf allen Ebenen, egal, wie man das übersetzt. Ira früher wider den Erzfeind, den RWE; heute aber ohne jeden Zweifel gegen jede Art von Lüge, Doppelmoral und Heuchelei. Über Gula müssen wir nicht reden, da reicht ein Blick in den Spiegel, in den Kühlschrank und auf meine Blutwerte. Invidia ist schwieriger; aber ich neide den Gesunden schon ihre Gesundheit und den Unempfindlichen ihre Unempfindlichkeit gegenüber den Zumutungen der Welt. Acedia ist das einzige, wo ich mich ausnehmen würde, obwohl ich der nahezu ideale und perfekte Sofalümmler und Bettlieger bin; aber faul war ich nie, bestenfalls ging ich müßig und träge war mein Herz auch kaum; schon der Tachykardie wegen.


    Aber so aufs Ganze gesehen bin ich wohl echt am Arsch; mein katholisches Karma ist im Eimer. Aber beichten soll ja helfen, vielleicht gibt das hier also Pluspunkte?!

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    Mit den Sieben Kardinaltugenden ist das schwieriger; man kann sich schlechter loben als schelten. Weisheit oder Klugheit? Ich bin ein intelligenter Zeitgenosse; aber weise und klug; nein, da säße ich jetzt nicht hier und träumte einsam in diese Maschine. Gerechtigkeit? An die glaube ich nicht; weil es die auf Erden nicht geben kann; erst beim Himmlischen Vater oder so. Aber ich habe schon versucht, zum Beispiel in meinem Beruf gerecht zu sein; allein, das gelingt den wenigsten wirklich. Tapferkeit? Nein, ich war nie tapfer; auch wenn ich beharrlich meinen vielen gesundheitlichen Malaisen trotze; aber im Grunde war ich immer ein Feigling und viel zu selten mutig. Mäßigung? Das können wir natürlich überspringen; das funktioniert bei mir in keinem einzigen Lebensbereich.


    Glaube? Religiös gesehen, das schrieb ich hier schon; geht er mir leider ab; ansonsten glaube ich an Kunst und Kultur zu glauben als Ersatz für das Leben; aber das ist sicher nicht gemeint. Ich glaube weder an Gott noch an den Menschen und schon gar nicht an die Menschheit. Hoffnung? Die stirbt bekanntlich zuletzt und auch ich bin nicht frei von ihr; sonst säße ich nicht noch hier und schriebe; na ihr wisst schon. Liebe? Das Einzige, was ich würde bejahen wollen; ich habe viel geliebt; ob am meisten mich selbst, weiß ich nicht genau; aber schon auch andere Menschen, natürlich Bücher, Musik, Natur, Hunde. Es bleibt also nicht viel übrig von den Tugenden; es sei denn, die Liebe überstrahlte alles; aber daran glaube ich Gerechter eigentlich in meiner weisen mäßigen Tapferkeit nicht, hoffentlich.

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    Der Morgen graut. Schneeregen strebt schräg der Erde zu. Der Hund folgt konzentriert den Spuren. Zwanzig Meter im Acker rechts beendet eine Feldmaus ihr Leben in den Fängen eines Rotmilans. Der Greifvogel sitzt bewegungslos über seiner Beute und schaut scharf an mir vorbei. Links im Feld stehen weit hinten drei Rehe. Man sieht nur die weißen Flecken deutlich, die sich wie von Zauberhand fortbewegen. Die nasskalte Witterung kriecht in die Knochen. In meinen Knien stecken scharfe Säbel. Aber ich kann laufen. Mein Herz überschlägt sich nur alle fünf Takte. Das wird ein guter Tag.