Yoricks Nachtgedanken bei Tage

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    Das Thema Gleichheit macht mich genauso fertig wie das Thema Freiheit. Seit 1789 rennen wir hier einer Chimäre hinterher, basteln Weltanschauungen und opfern ihr Menschen zu Millionen. Glücklich wird dabei niemand.


    Gleichheit im Sinne von gleichen Lebenschancen ist eine Utopie. Um eine wirkliche Gleichheit herzustellen; müssten alle Menschen mit dem gleichen oder ähnlichen genetischen Material zur Welt kommen und alle in gleiche oder ähnliche gesellschaftliche Verhältnisse hineingeboren werden. Das ist natürlich hinsichtlich der Vererbung (noch?) nicht möglich und vielleicht auch nicht wünschenswert. Und um einen gleichen sozialen Ausgangspunkt in allen denkbaren historisch gewachsenen Gesellschaften herzustellen; müsste man diese alle auf Null fahren und vollkommen neu beginnen mit einem kompletten und allumfassenden Reset. Auch das ist nicht möglich ohne die Liquidation von wahrscheinlich Milliarden Menschen und einen vollständigen Neuaufbau der Strukturen menschlichen Zusammenlebens.


    Wenn sich also heute in den westlichen Gesellschaften eine Gruppierung die Forderung Gleichheit auf die Fahnen schreibt; kann das nur bedeuten; die naturgesetzlich und historisch vorhandenen Ungleichheiten auszutarieren und irgendwie auszugleichen. Innerhalb eines kapitalistischen Wirtschafts- und Wertesystem scheint mir das allerdings per se und eo ipso unmöglich; weil hier meines Erachtens antagonistische Widersprüche vorliegen; eine gleiche kapitalistische Gesellschaftsformation ist schlicht eine Contradictio in Adiecto.


    Das hieße etwa in der Bundesrepublik Deutschland; dass Kinder aus prekären Verhältnissen, aus sozial schwachen und bildungsfernen Familien die gleichen Aufstiegschancen hätten wie solche aus behüteten, wohlsituierten Elternhäusern. Wir wissen alle, dass das nicht der Fall ist und sich auch nicht ändern wird. Und so ließe sich das Thema Gleichheit durch alle gesellschaftlichen Sphären durchdeklinieren, von der Bildung über Fragen der Vererbung von Privatvermögen bis hin zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung und „normalen“ Menschen.


    Gleichheit herstellen zu wollen in der gesellschaftlichen Praxis; nicht nur auf dem Gebiet der Sprache und in anderen Pseudobereichen; ist eine Illusion; solange sich nicht grundlegende Dinge ändern. Das Entscheidende aber ist; dass der Mensch an sich; so sehr er das auch gegenteilig formulieren mag, kein Interesse an Gleichheit hat.

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    Freiheit dagegen ist der wesentlich unproblematischere Begriff; zumindest auf den ersten Blick. Weil er zunächst einmal Aspekte umfasst, die jedem unmittelbar einleuchten. Niemand will im Gefängnis sitzen oder sonst wie eingesperrt sein; einem anderen Menschen als Sklave oder Leibeigener gehören bzw. jemandem so verpflichtet sein auf welche Art auch immer; dass er selbst nicht über sich entscheiden kann; sein Leben, seine Freizügigkeit, sein Weben und Streben. In den Gesellschaften vor der modernen westlichen war das in weiten Teilen noch selbstverständlich und auch heute bestehen so viele sehr differenzierte, subtile und nuancierte Abhängigkeitsverhältnisse; dass man bis in die Gegenwart hinein von einer Kontinuität sprechen kann. Immerhin gilt diesem Zustand seit jeher die ungeteilte Aufmerksamkeit bestimmter politischer Gruppierungen und so ist der Kampf um die persönliche Freiheit stets aktuell und oft partiell erfolgreich.


    Der Freiheitskampf der Völker und Nationen spätestens seit dem 19. Jahrhundert stand dabei oft im Focus. Und bereits hier wird es nun doch problematisch; denn die Freiheit eines Volkes bedeutet oft die Unfreiheit eines anderen bzw. die von Minderheiten. Ansonsten hat sich der Terminus so verselbstständigt und verabsolutiert zumindest in unserer egomanischen, egozentrischen, narzisstischen Gesellschaft; dass man tatsächlich zu glauben scheint; Freiheit bedeute wirklich; alles tun und lassen zu können; was einem so in den Kopf kommt. Früher galt noch die Einschränkung; was andere in deren Freiheit nicht beschneidet; aber das ist lange her. Ich erinnere gerne an den von mir hier schon zitierten Brief von Matthias Claudius an seinen Sohn Johannes: „Und der ist nicht frei, der da will tun können, was er will, sondern der ist frei, der da wollen kann, was er tun soll.“ Freiheit ist nur ein Wert; wenn alle an ihm teilhaben können und zwar eigenverantwortlich und ohne Einschränkung.


    Dass es eine wirkliche Freiheit nicht gibt, nicht geben kann; will ich hier nur andeuten. Die Gründe hierfür liegen wie bei der Gleichheit einfach in den Voraussetzungen; dass Menschen genetisch vorherbestimmt zur Welt kommen und keinen Einfluss darauf haben, in welche Verhältnisse sie hineingeboren werden. Ihre Freiheit ist damit von Beginn an stark beschnitten; denn sie können eben nicht tun, was sie vielleicht möchten; wenn ihr Körper, ihr Geist oder ihr sozialer Stand das nicht ermöglichen. Die philosophische Frage nach der Willensfreiheit hat heutzutage schon bedeutende Einsichten durch die Psychoanalyse und die modernen Neurowissenschaften gewonnen, die dartun; dass wir in den seltensten Fällen wirklich Herren unsere Entscheidungen sind, sondern abhängig von unbewussten Prozessen, die wir nicht steuern können. Wie die Gleichheit auch ist die Freiheit also eine Fiktion.

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    Ich muss sehr oft über eine unserer prominentesten Politikerinnen nachdenken, die eben wieder mit einer so unglaublichen Initiative hervortrat; dass selbst die Mainstreampresse die Hände vor den Kopf schlug. Eigentlich denke ich schon seit Jahren über sie nach. Und so sehr sie mich aufregt und so sehr ich immer wieder fassungslos bin angesichts ihrer peinlichen Entgleisungen, so sehr scheint sie mir das Symbol unserer Gegenwart. Ihre unglaubliche Weltfremdheit, Naivität und Blauäugigkeit resultieren ja aus ihrer unbeschreiblichen Dummheit und ihrer Sozialisation in einer Gesellschaft; die einem sagenhaft dummen Menschen einen Aufstieg bis in die höchsten Ämter der Republik ermöglicht. Ich glaube nämlich nicht; dass sie ein böser Mensch ist oder auch nur machthungrig; sie ist wirklich einfach nur intellektuell limitiert und realitätsfremd aus von ihr nicht allein zu verantwortenden Gründen. Sie glaubt an das Gute und sie glaubt an das, was sie sagt und tut.


    Eine andere Politikerin auf dem Weg nach Berlin dagegen ist nicht nur sehr dumm; sondern eine machthungrige und böse Frau; man muss nur in ihre Augen schauen; dann weiß man Bescheid und muss sich gar nicht ihre Unarten im öffentlichen Raum in Erinnerung rufen. Noch eine andere ist für mich trotz ihrer Medienpräsenz bislang nicht einzuschätzen: Auch sie ein Symptom unserer Zeit; arrogant, verlogen und vollkommen narzisstisch. Sie wird auch nicht wirklich böse sein; aber ihre Unbildung und Inkompetenz schreien natürlich zum Himmel. Sie kann ihr Bild jedoch immer noch managen, vielleicht hilft ihr Aussehen; das vermag ich nicht einzuschätzen, ich finde sie farblos. Die zuerst Genannte dagegen hat jede Kontrolle über Mach- und Sagbares lange verloren.


    Und natürlich gibt es das auch bei Politikern, also Männern. Aber an den Frauen wird es gegenwärtig besonders deutlich, weil sie gehäufter in die Spitzenpositionen drängen.

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    Dass Vorsätze zu Neujahr wenig bringen, wie ich bislang auch vermutete, kann man so pauschal wohl doch nicht sagen, wie das Beispiel eines engen Freundes beweist. Er hat sich vorgenommen, möglichst wenig zu arbeiten, sehr viel zu trinken und zu rauchen, sich der Völlerei hinzugeben und auch möglichst wenig zu bewegen und all das hat er bis jetzt immerhin schon zwölf Tage durchgehalten. Nur sein Vorhaben, mit möglichst vielen wildfremden Frauen unverbindlichen Sex zu haben, konnte er noch nicht in die Tat umsetzen; er weiß aber nicht, woran das liegen könnte.

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    Einer meiner ältesten intellektuellen Freunde; den ich seit 30 Jahren kenne und liebe; ein Archivar in leitender Funktion; hat schon immer die Angewohnheit, sich aller Floskeln und Formalien im Alltag zu enthalten. Er ist so ein Typ, den man vielleicht zwei oder drei Jahre nicht persönlich gesehen hat; aber wenn man eintritt zu ihm, nimmt er das Gespräch vom letzten Mal einfach wieder auf, als wären erst fünf Minuten vergangen. Daher sagt er auch nicht "Guten Tag" oder "Auf Wiedersehen"; er dreht sich einfach um und geht seiner Wege. Statt "Gute Nacht" hört man, wenn es hochkommt, vielleicht mal ein "Bis dann" und wenn man sich beim Frühstück wiedersieht, geschieht das grußlos bei Tisch. Wie irritierend das für normale Menschen sein muss, kann man sich vielleicht vorstellen; ich finde das herrlich. Zumal es keine Attitüde ist; keine manieristische Spinnerei; sondern gelebte Exzentrik ohne Vorsatz.

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    Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich, jede unglückliche Familie ist unglücklich auf ihre Weise.


    Dieser berühmteste erste Satz der Weltliteratur; der Beginn von Lew Tolstois Roman Lew Tolstojs „Anna Karenina“, ist schon fast zu Tode zitiert worden in allen möglichen deutschen Übersetzungen bis hinein ins Unterschichtenfernsehen. Dabei ist er bei Lichte besehen natürlich reiner Unsinn; denn auch alle unglücklichen Familien sind im Unglück einander ähnlich; einfach weil es immer die gleichen Problene sind, die alle Familien umtreiben: Spannungen zwischen Mann und Frau, er arbeitet zu viel, sie zu wenig; oder umgedreht; er oder sie geht fremd; das Vater-Sohn-Verhältnis ist angespannt oder das von Mutter und Tochter; der Opa unterm Dach ist dement oder die Schwiegermutter im Haus und störend; die Kinder versagen in der Schule oder hegen einen Groll gegen die Ahnen und so weiter und so fort; die archtetypischen Grundmuster variieren kaum. Wo da eine ganz eigene Weise tönen soll, weiß wohl nur der alte Prosameister; der sehr geschickt wusste, wie man ein gutes Buch beginnt und sein eigenes Thema rechtfertigt. Vor allem, wenn man tausend Seiten braucht für eine Lappalie.

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    Warum gibt es Angst im Plural, Furcht aber nicht, fragt sich Frank Witzel in seinem ersten Metaphysischen Tagebuch. Sind Ängste etwas Normales, Banales; während Furcht irgendwie höherwertig ist, gewaltiger, existenzieller? Wenn man Sprache liebt und täglich mit ihr umgeht; grübelt man ständig über solche Fragen. Was ist zum Beispiel der Unterschied zwischen Wut und Zorn? Wenn jemand wütend ist oder zornig; das scheint durchaus verschieden im Grad. Weil wir gern vom Heilgen Zorn sprechen und Wut eher negativ konnotiert ist? Ist Wut etwas Egoistisches und Zorn immer gerecht?

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    Beobachtungen aus dem Küchenfenster: Ich hatte im Zorn drei liegengelassene Pizzastücke der Jugend hinaus expediert, damit der Hund sie wenigstens noch verzehrt. Der schlief aber und so tauchte bald ein Rabe auf. Tat wie immer erst gleichgültig und latschte scheinbar absichtslos umher in der Nähe der belegten Fladenbrote. Als er die Luft rein wähnte, legte er sich alle drei Stück zurecht und pickte in aller Ruhe zunächst den Belag ab. Dann zerriss er die Stücke und vergrub sie an verschiedenen Stellen im Garten. Auch das wie unabsichtlich und auffällig unauffällig. Das größte trug er zu einem halbvollen Wassereimer und titschte es immer wieder ein, bis es matschig genug war, es hinunterzuschlingen. Währenddessen erschien eine Elster, die offensichtlich von einem mir nicht einsehbaren Platz ebenfalls dem Treiben zugesehen hatte, und grub die Vorräte wieder aus und trug sie fort. Besser als Fernsehen das alles.

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    Ach, wie sehr ich mir wünschte, dass jede alleinerziehende Mutter zu ihrem Filius spräche: Sohn, ich habe dich unter Schmerzen geboren und ich liebe dich mehr als alle anderen Menschen auf dieser Welt und ich werde, solange ich atme, alles in meiner Macht Stehende tun, um für dich und die deinen da zu sein. Aber wenn du noch einmal dein dreckiges Geschirr rumstehen lässt; deine Schmutzwäsche überall im Haus verteilt einfach fallen und rumliegen lässt; so laut Musik hörst, dass alle anderen darunter leiden müssen oder du patzig und frech antwortest; dann packst du bitte deine Sachen und suchst dir anderswo eine Bleibe, wo du machen kannst, was du willst und mir egal ist, ob die Bude verdreckt und du lärmst oder pöbelst. Du kannst dann natürlich jederzeit zu Besuch kommen, solange du dich währenddessen so aufführst, wie es einem liebenden Sohn gegenüber seiner Mutter zukommt.


    Gibt es eigentlich schon wissenschaftliche Untersuchungen über alleinerziehende Mütter, die in ihrer übergroßen Angst; sie könnten die Liebe ihrer Kinder verlieren, denen jahrzehntelang den Arsch nachtragen und sie zu unselbstständigen, launischen Querulanten erziehen; die allen auf die Nerven gehen und der Gesellschaft keinen Nutzen bringen?

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    Wenn im lesenswert Quartett vom letzten Dezember am Ende der Diskussion zum einhellig gelobten Roman Mein kleines Prachttier von Marieke Lucas Rijneveld; in dem ein fast 50jähriger Tierarzt der Faszination eines 14jährigen Bauernmädchens erliegt; Denis Scheck in die Runde fragt, ob sie als Kritiker denn anders urteilen würden, hätte das Buch nicht eine 30jährige nichtbinäre niederländische Schriftstellerin geschrieben, sondern ein 80jähriger Mann; und weder Insa Wilke noch Ijoma Mangold noch Rainer Moritz, die ich alle sehr schätze und bewundere; darauf wirklich eingehen wollen und das also verneinen; dann frage ich mich, wie das möglich ist, dass so intelligente Menschen vor der Kamera etwas leugnen; was doch nie und nimmer zu leugnen ist; weil es doch vollkommen klar auf der Hand liegt; dass es natürlich wieder wie beim Ahnherren Nabokov mit seiner Lolita zu einem Skandal kommen würde, weil die Leser eben allzu oft nicht in der Lage oder auch nur willens sind, Werk und Autor voneinander zu trennen; obwohl die Eigengesetzlichkeit literarischer Texte schon lange außer Frage stehen sollte; aber was nützen intellektuelle Vereinbarungen, wenn der Mensch an sich nicht davon absehen kann, überall auch den Menschen zu vermuten; besonders im Kunstwerk; sodass nicht einmal die Anonymität früherer Zeiten hülfe oder ein modernes Pseudonym; weil man dann statt zu lesen nur noch die Zeit damit zubrächte; nach dem Autor zu forschen und darüber alles andere vergäße, besonders die Kunst in Gestalt der Literatur.

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    "Der Tod geht uns eigentlich nichts an. Denn solange wir sind, ist er nicht, und wenn er ist, sind wir nicht mehr."” So der oft zitierte Epikur. Nichtsdestotrotz ist der Tod das am Häufigsten bedachte, besprochene und verdrängte Problem der Menschen und der Menschheit. Mich beschäftigt er seit meiner Geburt, zunächst unbewusst, später sehr bewusst. Dabei habe ich keine Angst vor dem Tod an sich; sondern wie fast alle Menschen vor Schmerzen und Krankheit, Alter und Siechtum; Agonie und Verzweiflung.


    Aber der Tod ist dennoch gegenwärtig; weil er nicht denkbar ist; erfahrbar sowieso nicht, weil es keine Möglichkeit der Reflexion mehr gibt. Immer wieder sage ich mir; ich habe doch die Äonen vor meiner Geburt auch nicht mitbekommen; wieso also sollten mich die Ewigkeiten nach meinem Tod kümmern? Tja, weil dazwischen eben dieses verflixte Ich da war, dieses Bewusstsein; dieses Staubkorn im All, das meinen Namen trug, atmete, dachte, fraß und liebte. Viele Religionen lehren, dass genau dieses Denken falsch ist; aber wie dem entrinnen?

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    Am Weihnachtstag des letzten Jahres habe ich in Familie nach längerer Zeit mal wieder meine älteste DVD mit dem Weihnachtsoratorium BWV 248 (1734-35) von Johann Sebastian Bach gesehen; die Aufnahme mit Nikolaus Harnoncourt aus dem Jahr 1982 in der barocken Stiftskirche Waldhausen im Strudengau, Österreich.


    Musikalisch ist das wunderbar; wer keine Not mit Knabenchören hat und eher auf expressive Knaben-Soli denn auf opernhafte Diven steht, ist hier richtig aufgehoben. Unglaublich unterhaltsam auch die Optik und der Gestus der erwachsenen und kindlichen Sänger - die älteren sehen aus wie Hippies mit ungepflegten Bärten und Haaren, die jüngeren verzerren in heute doch ungewohnter Weise ihre Mienen und Gesichter beim Singen. Dazu das doch recht kitschige und glänzende Weihnachtsbrimborium in der Kirche und die lausige Bildqualität. Alles in allem also akustisch ein Hochgenuss und eine starke Interpretation; visuell eher eine Zumutung für heutige Zeiten. Wobei es dennoch einige schöne Momente gibt, wenn die Kamera passend zum Inhalt Details der sakralen Kunst der Kirche einfängt. Und auch der Dirigent gefällt mir gut in seinem calvinistischen Habitus.


    Neben dem Tölzer Knabenchor und dem Contentus Musicus Wien treten die Solisten Peter Schreier (Tenor) Robert Holl (Bass) auf und werden dementsprechend auch auf dem Cover verzeichnet. Nicht verzeichnet sind leider die Knabensolisten; die der Aufführung ihren Stempel aufdrücken: Beinahe anrührend etwa das Duett in der 3. Kantate zwischen Holl und dem Jungen mit den langen blonden Haaren; auch der Bursche mit der Brille, der am häufigsten eingesetzt wird, macht seine Sache richtig gut. Hier hat Nikolaus Harnoncourt einfach das Gespür für die Aufführungs-Historie und die Wirkung - mögen erfahrene und brillante Sängerinnen wie Ludwig und Janowitz auch technisch versierter und überhaupt besser den Part bewältigen; gegen die Unschuld und Leidenschaft der Knaben vermögen sie wenig. Aber man bekommt die Namen der Sänger, die so alt sein müssten wie ich selbst; einfach nicht heraus. Ich wüsste zu gerne, was aus ihnen geworden ist; was sie heute machen und ob sie der Musik treu geblieben sind.

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    Frank Witzel berichtet in seinem großartigen Roman Vondenloh von einem Stoffel, der nach einer Wahnsinnstat ins „Hochhaus“ kam, eine geschlossene Anstalt, also eine psychiatrische Einrichtung in der Nähe von Elchingen, die in der Umgebung Ulms und Leinheims sprichwörtlich ist. Dort sicher fiktiv war und ist das Wort Stadtroda bei uns in Südost- und Ostthüringen eine stehende Wendung; wenn man jemanden für irre, wahnsinnig, geisteskrank hielt. Der hat doch den Verstand verloren, der muss nach Stadtroda. Oder der ist doch nicht ganz dicht, der kommt sicher aus Stadtroda.


    Das nette ruhige Städtchen bei Jena hatte seinen Ruf weg, nur weil dort die zuständige psychiatrische Klinik ansässig war. 110 Kilometer weiter in Apolda bei meiner Frau hieß es dagegen, der oder die muss oder gehört nach Pfaffi; womit Pfafferode, ein Ortsteil der Stadt Mühlhausen gemeint war, in welchem die zuständige Klapse für Mittel- und Nordthüringen ihren Standort hatte. Thomas Bernhard spricht in Wittgensteins Neffe vom Steinhof, wohin die Leidenden an Geist und Seele verbracht wurden, auch wenn sie nur nicht ganz normal waren im landläufigen Sinne.


    So muss es also in Deutschland, Österreich und der Schweiz eine ganze Menge Ortsnamen geben; die im unseligen Pars pro Toto ihrer Unschuld und Eigenexistenz beraubt und zu Synonymen für das Nichtnormale wurden. Man müsste diese mal alle zusammentragen und in einem großen feierlichen Autodafé die einseitigen Zuschreibungen dem Feuer des Vergessens anheimgeben. Das sind wir diesen Orten schuldig.

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    Diese uralten Tagträume: In einer Ruine mitten im Wald spielt ein Geiger versonnen und weltentrückt Bachs Solowerke; wahlweise auch ein Cellist. An einem Klavier mitten in der Steppe spielt ein Pianist einsam dem Grasland Schubert oder Satie; auf einer Insel mitten im Ozean probt ein Orchester; im Hochgebirge natürlich Blechbläser am Grat; der Schlagwerker wütet in der Gummizelle; im Stollen tief drunten bläst die Flöte den Kristallen ihr Lied. Und es singen in eisiger Höhe die Stewardessen in schlingerndem Flugzeug ohne Pilot alle Stimmlagen der Erde zu. Und in der Leere und Ödnis des Weltenraumes schweigt der Kosmonaut in die Unendlichkeit.

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    Es wird höchste Zeit für richtige Olympische Sommerspiele in Deutschland; 50 Jahre nach München und 85 nach Berlin. Zeit für eine Olympiade der Herzen und ein reines Fest der Völker auf deutschem Boden; denn 1936 stand im Schatten der nationalsozialistischen Herrschaft und 1972 in dem des Anschlags der palästinensischen Terroristen auf die israelische Mannschaft mit viel zu vielen Toten.


    Da Berlin und München verbrannt sind; blieben an Metropolen Hamburg oder Frankfurt am Main; natürlich auch die Städte des Ruhrgebiets im Verbund. Ich persönlich wäre aber für Leipzig, denn das wäre ein Signal in den enttäuschten Osten der Republik hinein und würde anknüpfen an die großen sportpolitischen Traditionen der Stadt.


    Beim letzten Turn- und Sportfest der DDR 1987 war ich als Mitglied der FDJ-Ordnungsgruppe als Fahnenträger dabei und marschierte zur Eröffnungsfeier im Zentralstadion vor 100.000 Menschen im Rund. Unsere Abordnung aus dem Kreis Lobenstein des Bezirkes Gera schlief auf Feldbetten in einer Turnhalle irgendwo in den Leipziger Vorstädten und was rund um die Großveranstaltung abging, würde heutzutage auf den Titelseiten aller Gazetten landen und im Netz breitgetreten werden und heiß diskutiert.


    Aber Komasaufen gab es als Begriff noch nicht; und dass wir uns wahllos mit fremden Mädels in den Parks paarten, schien uns sehr normal, auch die permanente Doppelzüngigkeit vor den Oberen und deren Handlangern im offiziellen Alltag, während nachts bis in den frühen Morgen im Kreis der Gleichaltrigen Tacheles geredet wurde. Ich habe, glaube ich, nie wieder so wenig geschlafen in meinem Leben; ich war wenigstens fünf Tage wach am Stück, meine Leber und andere sehr wichtige Körperteile steckten Hiebe ein, die sie nicht würden vergessen können. Aber das ist eine andere Geschichte.

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    Als jüngst mein Rechner wieder mal den Geist aufgegeben hatte, habe ich mich erstmals ernsthaft um weitere Möglichkeiten der Datensicherung zusätzlich zu den externen Festplatten gekümmert; also Cloud, Backup-Tools etc.; und andererseits begonnen, meinen Nachlass zu ordnen.


    Bislang liegen vollständig korrigiert, redigiert und lektoriert vor:

    • Aufsatzband zu landesgeschichtlichen Themen (500 Seiten)
    • Briefwechsel mit einem Berliner Bildungsbürger (500 Seiten)
    • Briefroman zu böhmischen Reisen (500 Seiten)
    • Nachtgedanken (500 Seiten)


    Noch nicht geordnet, vollständig oder durchgesehen:

    • Dissertation (500 Seiten)
    • Politische Publizistik
    • Gedichte
    • Essays
    • zwei Romanfragmente
    • Dramenszenen
    • Verschiedenes in nahezu vollständiger oder fragmentarischer Form

    Letzteres alles in allem vielleicht zweitausend Seiten.


    Wer käme aber in Frage nach meinem Ableben? Mein Bruder sicher, er ist am nächsten dran an mir; aber er ist ein Mann der Wirtschaft und es bräuchte schon einen, der sich mit Literatur auskennt und vielleicht auch editorischen Aspekten. Muss ich vielleicht juristisch vorsorgen?!

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    Heute Morgen schon eine volle Stunde in tiefer Dunkelheit mit dem Hund gelaufen, bis die Sonne endlich aufging. Da dachte ich so bei mir: „Die Sonne, das faule Schwein; könnte sich auch mal eher bequemen!“ Aber indem ich das innerlich zu mir sprach, wurde mir schon bewusst, dass das sprachlich und politisch nicht korrekt ist. Denn zunächst einmal ist die Sonne vom Genus, also dem grammatikalischen Geschlecht her, weiblich. Besser wäre also schonmal: „Die Sonne, die faule Sau; könnte sich auch mal eher bequemen!“ Aber es tut sich noch ein größeres Problem auf; ja ein Skandal wird sichtbar! Denn die Sonne, unser Zentralgestirn; ohne die es kein Leben gäbe; kein Sonnensystem, keine Erde, keine Tiere, Pflanzen und Menschen; ist als deutsches Wort mit seiner allein weiblichen Form natürlich diskriminierend und sexistisch gegenüber der anderen Hälfte der Menschheit, den Männern; von den Queeren ganz zu schweigen. Es müsste korrekt also heißen: „Der/Die Sonn[e}; das faule Schwein_*Inn oder die faule Sau_*Inn, könnte sich auch mal eher bequemen!“ Oder so ähnlich. Das Fluchen wird natürlich nicht leichter mit dem Gendern.

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    Wenn man ehrlich ist; war die Sendung Sketchup in den 80er Jahren; die ich als Kind und Jugendlicher unheimlich gerne schaute; eine hochnotpeinliche und äußerst dürftige. ja primitive Veranstaltung. Die vielen dümmlichen Witzelein weit unter der Grasnarbe; die Protagonisten mit vorstehenden schiefen Zähnen, dicken Brillengläsern oder sonstwie ostentativ ausgestellt als abartige Hässlinge; das eingespielte Lachen, der ganze provinzielle Mief - furchtbar und niveaulos, typisch deutsch und bieder bis zur Selbstaufgabe.


    Und trotzdem gibt es von den vielen hundert Sketchen ein paar, die sich eingebrannt haben für immer in das kollektive Gedächtnis. Als heute der Morgen graute beim Gang mit dem Hund, dachte ich wie so oft an den; als jenes ältliche Ehepaar stumm im Wohnzimmer sitzt und sie plötzlich erzählt: "Als ich aus dem Fenster schaute, graute der Morgen." Da blickt er von seiner Zeitung auf und verbessert: "Dem Morgen." Ich muss jedesmal wieder heulen vor Lachen; auch bei dem mit der Schwiegermutter im Regen vor der Tür.

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    Jedes Jahr aufs Neue, wenn ich die Recherche für den Sommerurlaub beginne; staune ich; dass es in einem Land wie Deutschland mit 11 bis 12 Millionen Hunden so schwer ist; ein vernünftigen Urlaubsplatz zu finden, wenn man seinen Deutschen Schäferhund mitnehmen will.


    Meine Frau und ich haben nur geringe Ansprüche: Wir lieben die norddeutsche Tiefebene von der polnischen bis zur niederländischen Grenze und die Ruhe inmitten der Natur. Wir brauchen also ein möglichst freistehendes Ferienhaus irgendwo an der Ostseeküste, in Mecklenburg-Vorpommern, im nördlichen Brandenburg; in Niedersachsen, Schleswig-Holstein oder auch dem Wendland und der Altmark; das nicht an einer lauten Straße liegt; sehr gerne jottwede in der Pampa. Dieses Ferienhaus oder dieser Bungalow muss weder einen Fernseher noch eine Mikrowelle noch WLAN haben; es reichen notfalls eine spartanisch eingerichtete Küche und ein Doppelbett.


    Aber das Grundstück muss, das ist unsere einzige wirklich feststehende Bedingung, eingezäunt sein und zwar mit einem richtigen Zaun; keinem Alibizaun von 20 Zentimeter Höhe oder einen aus Holz; wo zwischen den Latten eine Kuh durchpasst oder einen löchrigen aus Maschendraht und so weiter und so fort. Wen man da im Internet auf den üblichen Portalen sucht; kann man zwar oft in die Suchmaske „Haustier erlaubt“ eingeben; aber ob das Objekt einen Zaun um den ganzen Garten hat; muss man immer erst erlesen im Detail. Auch wollen viele Anbieter nur Hunde mit einem Widerrist von 40cm oder so; andere haben zwar einen Zaun; aber kein Tor; wie andere haben eigene Tiere zu laufen wie Hühner oder Katzen; das geht natürlich auch nicht. Einen Vermieter zu finden; bei dem der eigene Hund wirklich ohne Gefahr sich draußen vor dem Haus bewegen kann; ist sehr schwierig.


    Zwar gibt es inzwischen auch Plattformen; die sich auf den Urlaub mit Hund spezialisiert haben; aber interessanterweise finden sich da entsprechende Objekte; meist alte Bauernhäuser; mehr in der Mitte und im Süden der Republik. Auch ich will ja zeitnah meinen Erbhof im Oberland; im Thüringischen Schiegergebirge an der Oberen Saale, in ein Ferienobjekt für den Urlaub mit mehreren Hunden ausbauen.