Yoricks Nachtgedanken bei Tage

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    Alexa teilte mir morgens mit, heute sei der Internationale Tag der Muttersprache. Ich musste ein wenig überlegen, welche das bei uns sein könnte; dann fiel es mir aber ein. Eine gute Sache, diese Förderung sprachlicher und kultureller Vielfalt und Mehrsprachigkeit; schließlich sterben viele Sprachen aus und da ist die Förderung von Sprachen als Zeichen der kulturellen Identität der Sprechenden nur zu begrüßen. Das Deutsche ist ja inzwischen eine dieser Minderheitensprachen, die der Tag im Auge hat; also eine, die nicht mehr an die nächste Generation weitergegeben wird: Wenn man sieht, welche Verheerungen Politikersprech, die Verlautbarungen der Verwaltungs- und Behördensprache; der Journalismus, das Unterschichtenfernsehen und die vielfältigen Subkulturen der Jugend und des Prekariats angerichtet haben; muss man nicht einmal Dialektsprecher oder Menschen mit Migrationshintergund, die bayerisch oder arabisch und noch andere Sprachen sprechen statt deutsch, heranziehen. Deutsch als Muttersprache ist dem Aussterben geweiht, zumindest diejenige, die Luther, Lessing, Goethe und Fontane benutzt haben. Im Übrigen: Ich als Mann fühle mich schon diskriminiert, wenn nur von der Muttersprache die Rede ist; das ist politisch unkorrekt - entweder sollte es auch Vatersprache heißen können oder aber wir gendern und sprechen von, ja was, wie macht man das andersum?

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    Mich wundert ja; dass man der Eintracht aus Frankfurt noch nicht den Reichsadler im Vereinswappen politisch inkrimniert hat; auch das Deutsche im Sportclub der Arminia aus Bielefeld schreit ja nach Nationalismus und Ausgrenzung; selbst die altdeutschen Schriftzeichen im Logo des VfB Stuttgart sprechen doch eine eindeutig rechtsextreme Sprache. Mal die zuständigen Stellen informieren.

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    Sehr beschäftigt hat mich bei seinem Erscheinen der Roman "Wiesenstein oder über die Unmöglichkeit" von Hans Pleschinski; ich halte das Buch zwar für literarisch absolut schwach und gescheitert; dennoch bin ich fasziniert von dieser Schilderung der letzten anderthalb Jahre des Groß-Dichters Gerhart Hauptmann.

    Das Sujet ist aber auch zu bewegend – der uralte Genius erlebt den Untergang der geliebten Stadt Dresdens und reist dann heim ins Schlesische, wo doch die Rote Armee schon vor den Toren steht und alle Welt in entgegengesetzter Richtung flüchtet. Bange seltsam unwirkliche Tage in der Residenz des Dichterkönigs, halb geschützt durch sowjetischen, später polnischen Schutzbrief, letzte Heimstätte inmitten unermesslichen Grauens, das immer wieder genüsslich exakt geschildert wird; alles wankt und zerbricht, ehe endlich der Tod sich erbarmt des Greises.


    Natürlich die üblichen politisch-ideologischen Vorbehalte; aber auch viel zu Leben und Werk; sehr viele – Gott sei Dank – Zitate aus den heute nicht mehr gelesenen Büchern. Wenn es nur nicht so stümperhaft gemacht wäre teilweise; wenn Bedienstete sich umständlich unrealistisch unterhalten, damit der unerfahrene Leser auch nur jedes Detail aus Hauptmanns Biografie mitgeteilt bekommt; und die vielen an den Haaren herbeigezogenen Situationen und Gespräche, die nur dazu da sind, um das Für und Wider stetig erneut zu betrachten.


    Im Ganzen ein Lehrstück in literarischer Vergänglichkeit – was ist denn heute geblieben von Gerhart Hauptmann? Hin und wieder spielt man ein oder zwei Stücke noch auf der Bühne, aber selten genug; die Gedichte kennt niemand mehr und wirklich geblieben sind die 90 Seiten Schullektüre vom "Bahnwärter Thiel". Alles andere wie weggeblasen, als ob es nie geschrieben worden wäre, nie existiert hätte. Ich besitze ja seit Jahren die "Sämtlichen Werke", 11 starke Bände in Kassette, vom Propyläen-Verlag, las auch mit Begeisterung den "Ketzer von Soana", mit Verwunderung "Der Narr in Christo Emanuel Quint" und mit Stirnrunzeln "Die Insel der großen Mutter". Aber sonst? Die Hälfte der Bände umfasst den Nachlass, darunter so vieles Heterogenes, Unfertiges und kaum noch Vorzeigbares.


    Ich nahm mir wenigstens noch vor - und hier liegt der wirkliche Gewinn des Romans, wenn es auch anderen so geht wie mir - dereinst den "Winckelmann" (1939) zu lesen und natürlich den Letztling "Der neue Christophorus", den Roman, von dem im Wiesenstein am Häufigsten gesprochen wird. Und ich stelle mir vor, ich schriebe einen wilden Roman über bohemehafte Dichterjünglinge, die an vier Abenden die Woche jeweils ein Stück aus der "Atriden-Tetralogie" szenisch läsen mit allerlei Trunk und Wahnsinn: "Iphigenie in Aulis", "Agamemnons Tod", "Elektra" und "Iphigenie in Delphi". Das müsste doch ein Heiden-Spaß werden ...

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    Wiewohl ich Enkel eines erfolgreichen und angesehenen Homöopathen bin, Ehemann einer ganzheitlich praktizierenden Apothekerin und allgemein seit Jahrzehnten interessiert an allen Formen der alternativen Heilkunde; der sanften und traditionellen chinesischen Medizin usw.; und ich auch ganz entschieden der Meinung bin, dass Krankheit und Gesundheit gemeinhin falsch verstanden werden, medizinisch und philosophisch, und Heilung neben dem Körper unglaublich viel mit Mentalität, Seele, Geist und Psychosomatik zu tun hat; bin ich nicht nur kein Verächter der Schulmedizin, sondern deren größter Anhänger, einfach, weil ich durch meine zahlreichen gesundheitlichen Probleme in den letzten fünfzig Jahren viel mit ihr zu tun hatte und ihr vielleicht auch mein Leben verdanke. So wäre ich glücklich, wenn alle medizinischen und therapeutischen Ansätze unter Federführung der Schulmedizin unter einem Dach miteinander arbeiten und kooperieren und sich ergänzen würden zum Vorteil aller Patienten und auch der Beschäftigten im Gesundheitswesen.


    Dennoch bin ich kein Freund von Krankenhäusern, nicht per se, sondern vielmehr von denen, die eben nicht nur aus einem Haus bestehen, sondern aus dutzenden, mit hunderten kilometerlangen Gängen, tausenden Türen zu tausenden Zimmern und abertausenden Patienten, Ärzten, Krankenschwestern, Pflegern, Reinigungskräften, Küchenpersonal etc. Als man in Jena in Lobeda ein großes Zentralklinikum baute, war ich sehr einverstanden; vorher hatte jede Abteilung ihr eigenes Objekt irgendwo in der Stadt. Nun war alles zentralisiert, praktisch und effizient an einem Platz; besonders die Fachärzte waren zufrieden, denn sie konnten nun schnell bei Bedarf die Kollegen der anderen Fachrichtungen persönlich befragen. Seit ich dieses Universitätsklinikum aber von innen kenne als Patient und als Besucher meines Bruders, meines Vaters, meines Stiefsohnes und meiner Schwiegermutter; bin ich von allen Modernisierungsbestrebungen geheilt. Dass man überhaupt auf die Stationen findet, grenzt an ein Wunder; Intelligenz und schnelle Auffassungsgabe nützen hier weniger als sture Beharrlichkeit beim Fragen.


    Seien wir ehrlich: Welcher Mensch mit Herz, Seele und Verstand kann in so einem Ungetüm von Gebäude gesunden? In einem Moloch, der Patient und Arzt und Pflegekraft verschlingt und seelenlos wieder ausspuckt? In so einer anonymen Bettenburg mit lauter müden Automaten und menschlichen Wracks? Und da ist Jena noch klein gegenüber etwa der Charité, im Klinikum rechts der Isar führen einen eigens angestellte Guides durch die labyrinthischen Gänge, damit man sich nicht verläuft und aus Versehen von Charon angesprochen wird, der für nur geringen Obolus über Isar oder Saale zum Hades übersetzen würde. Mehrere tausend Betten, mehrere tausend Einzelschicksale; über 5000 Mitarbeiter sorgen für die medizinische Supramaximalversorgung der Region, wie es so schön beruhigend neudeutsch in einer freien Internet-Enzyklopädie heißt. Eine Gesundheitsfabrik, die wohl eher eine Krankheitsfabrik ist; ein gewaltiges Schwarzes Loch, das alles verschlingt, was nicht genug Zentrifugalkraft hat. Industrialisierte medizinische Versorgung; die Reparatur der Patienten am Fließband; automatisierte Wiederherstellung bestimmter körperlicher Funktionen; die vorübergehende Instandsetzung physiologischer Details. Der Mensch an sich bleibt auf der Strecke.


    Im Klartext heißt das, dass den Patienten jeden Tag andere Ärzte behandeln - das muss man sich so vorstellen, als ob ein Kind in der Schule jeden 2. Tag einen neuen Klassenlehrer bekommt - wobei verwahren und abfertigen wohl richtiger gesprochen wäre. Dass Angehörige keine Chance haben, innerhalb von einigen Wochen mal einen zuständigen Mediziner persönlich sprechen zu können. Dass inkompetentes Pflegepersonal Hygieneregeln missachtet, Küchenpersonal nicht lesen kann; was auf Zetteln riesengroß vermerkt steht; überhaupt die Krankenhauskost nicht einmal den Minimalanforderungen für gesunde Ernährung genügt; Assistenzärzte fast alle Sprachen von Babel beherrschen, nur nicht das Deutsche; man als Langzeitpatient lernen sollte, sich selbst den Zugang zu legen; weil das außer der erfahrenen Schwestern, die das nicht mehr darf wie zu DDR-Zeiten, niemand vermag aus der weit verstreuten Ärzteschaft. Dass trotz modernster Kommunikationsmittel von Kommunikation zwischen Ärzten und Schwester, Ärzten und Ärzten und natürlich an erster Stelle Patienten und Ärzten nicht ansatzweise die Rede sein kann.


    Was nützt die modernste, neueste Medizintechnik, was nützen die ganzen zweifelsfrei bestehenden Vorzüge der Hochleistungsapparatemedizin; wenn der Mensch auf der Strecke bleibt? Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele? Warum nicht zurückkehren zu übersichtlicheren, weniger anonymen Strukturen; in welchen es dem Arzt möglich ist; seine Patienten nicht nur als Aktenzeichen zu betrachten. Warum nicht Räume für kranke Menschen schaffen, die nicht nur aus Wänden bestehen, sondern auch aus Wärme und Licht und Liebe? In denen sie sich nicht als im Stich gelassen fühlen; nicht als alte verrostete Werkzeuge, die man notdürftig wieder zusammenflickt. Aber das ist nur möglich, wenn man Gesundheitspolitik nicht profitorientiert institutionalisiert; wer Gesundheit als Geschäft praktiziert, wird nie anders als effizient denken können. Und es ist nur möglich, wenn man Gesundheit als ganzheitliches Problem ansieht, als Heilkunde für Leib und Geist und Seele. Aber ich glaube an keine Umkehr, es ist zu spät. Und es ist tragisch, dass die vielen guten und willigen Menschen des medizinischen Personals in so einem System keine Chance haben, ihr Wollen, ihre Kraft und Energie positiv zum Vorteil des Patienten umzusetzen.

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    Dass Nicolás Gómez Dávila ein größerer Aphoristiker ist als selbst Lichtenberg oder Nietzsche, nimmt man immer wieder erstaunt zur Kenntnis; aber es lässt sich nicht leugnen. Selbst ein Cioran kann mit ihm nicht mithalten; so funkelnd, scharf, elegant und geistreich ist kein anderer Autor der Weltliteratur. Aber darum soll es mir nicht gehen; ich bin einfach mal auf gut deutsch neidisch auf diesen hellen Kopf und großen Stilisten; nicht auf seine Genialität, sondern auf seine Lebensweise. In eine wohlhabende Familie geboren sein ganzes Leben lang in keinen Brotberuf gezwungen; Bildung und Erziehung in Paris; gut katholisch und weitläufig, sodass er die europäische Kultur durch eine humanistische Ausbildung einsaugen konnte; alle wichtigen Sprachen lernend, ohne eine Universität von innen sehen zu müssen. Dann mit 23 zurück in die Heimat, in eine Villa am Stadtrand von Bogota; Heirat, drei Kinder und nur noch eine einzige Reise nach Europa.


    Ansonsten lebte er sein langes Leben äußerst abgeschieden in seiner Bibliothek, die an seinem Lebensende etwa 30.000 Bände in fast allen abendländischen Sprachen zählte. Seine Sozialkontakte waren überschaubar und er schrieb nur für die wenigen kolumbianischen Intellektuellen und seine Familienmitglieder; an einer Verbreitung seines Werkes war er nicht besonders interessiert. Das alles hätte ich sein können; aber die Ungnade der späten Geburt im russisch besetzten Land; Kind von überzeugten Kommunisten mit wenigen Mitteln. Ich musste mich erst von ganz links nach Mitterechts arbeiten und mein Brot unter Tränen verdienen und erst jetzt bin ich frei; aber nun fehlen Bibliothek und Geld. „Freiwillig arm oder unfreiwillig reich. Anderes verbittert“ heißt es bei ihm. Oder: "Dem Kult des Geldes entkommen nur die, welche die Armut wählen, oder die, welche ihr Vermögen erben. Das Erbe ist die edle Form des Reichtums." Da hat er Recht!

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    Aus der Reihe, mehr Recht kann man gar nicht haben:


    Henri Bergson (1859-1927)


    ,,Zum Glück sind einige Menschen mit einem spirituellen Immunsystem geboren, die sich früher oder später gegen das illusionäre Weltbild auflehnen, welches ihnen von Geburt an durch soziale Konditionierung aufgepfropft wurde. Sie beginnen zu spüren, dass etwas nicht stimmt und beginnen nach Antworten zu suchen. Inneres Wissen und anormale äussere Erfahrungen zeigen ihnen eine Seite der Realität, gegen die andere blind sind, und so beginnt ihre Reise des Erwachens. Jeder Schritt der Reise orientiert sich an der Stimme ihres Herzens, anstatt dem Mainstream und durch das Wissen über den Schleier der Ignoranz.


    Leider heute gerne geteilt in den sozialen Medien und Standardspruch bei Esoterikern, Selbstfindern und sogar Okkultisten; aber welcher Autor kann schon für seine Adepten. Mein begnadeter Osteopath vertraut auf ihn und auch ich schätze den Lebensphilosophen schon sehr lange.

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    Was weiß die Gegenwart noch von den großen Geistern der Vergangenheit? Warum sind die Heutigen so ignorant, so borniert, so engstirnig; so kleingeistig, so beschränkt; so dumm, so ungebildet? Wie kann man einen Mann wie Ludwig Klages nicht kennen und wenn doch einmal jemand den Namen schon gehört hat; kann man sicher sein, er faselt etwas vom Wegbereiter des Faschismus. Dieser große und so eigenartige Gelehrte, der die Graphologie und Charakterkunde befestigte; und der mit Mensch und Erde von 1913 den Gründungstext der deutschen Ökologiebewegung verfasste; dieser Philosoph des Lebens, dieser Lebensphilosoph Ludwig Klages war größer als die meisten seiner Nichtkenner und Kritiker heute.


    Geist und Seele? Klingt sehr deutsch, oder? Und dann noch als Gegensatz! Die Gefahr des entfesselten, entgrenzten rationalen Geistes, der nur herrschen will. Der Mensch als nur Ratio ist ein verlorenes Geschöpf; und er ist nicht der Mittelpunkt der Welt, sondern Teil des Lebens selbst. Also Biozentrismus statt Anthropozentrismus! Und der Mensch ist mehr als die Summe seiner Teile, Persönlichkeit und Charakter ringen um Ausdrucksformen und schwer bleibt ihr Verständnis. Der sogenannte Fortschritt mündet lediglich in die Vernichtung der Natur und des Lebens.


    Aber wir müssen ja diesen kauzigen Schrat nicht ernstnehmen, der sich als Seher inszeniert und soviele Marotten hat. Weil er neuheidnisch interessiert war und die großen Schriftreligionen ablehnte. Weil die Nationalsozialisten ihn rezipierten, weil er geistfeindlich sei, antisemitisch, irrational, technikfeindlich? Alles ein einziger Unsinn, weil die Menschen nicht mehr zu lesen verstehen und zu wenig wissen von Grau- und Zwischentönen. Der zarte, friedliebende Klages als Faschist?! Der Mann, den heute linke und grüne Umweltschützer als ihren Ahnen und Mentor erkennen müssen, lange vor Friedrich Georg Jünger und anderen konservativen Prä-Ökologen?


    Ich wünschte, wir würden nicht in so geistfernen Zeiten leben; dass ich nicht gezwungen würde, den Advocatus Dei zu geben, wo alle Welt den Advocatus Diaboli vermutet.

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    Letzten Sonntag, 21.45 Uhr: Ich sitze regungslos auf der Couch, stehe unter Schock. Soeben wurde vor meinen Augen Kriminalhauptkommissarin Peter Faber Martina Bönisch vom Dortmunder Ermittlerteam des Tatorts erschossen. Nichts hatte darauf hingedeutet, auch in den Medien war vorher nichts durchgedrungen. Das ist man nicht mehr gewohnt. Meistens schaue ich den Tatort ohnehin erst am Montag; weil meine Gattin sonntags Herzkino im ZDF pflegt; ausgerechnet diesmal war ich live dabei.


    Noch am nächsten Tag kann ich es nicht fassen. Ich fand die taffe Art von Bönisch immer toll; einfach eine seltene Ausnahme zu den ganzen kaputten Gestalten in unserer Tatort- und Polizeirufpolizei. Es ist nicht gut, wenn eine extreme Figur wie Faber kein so starkes Gegengewicht mehr hat; es wird sich zeigen, ob Dortmund so weitermachen kann oder ob es eine komplett neue Szenerie mit neuem Personal braucht. Der Faber hat schon so viel durch in seinem Dienst- und Privatleben; eigentlich ist das für ihn nicht zu stemmen.


    Warum schreibe ich das? Mir geht es nicht um das TV-Format an sich; das viele Bücher wert wäre; mir geht es darum, dass heutzutage fiktionale Figuren in unserem Leben eine große Rolle spielen und es dabei unerheblich ist, ob zum Beispiel Anna Schudt noch quicklebendig sich neuen Aufgaben zuwendet. Das Phänomen konnte man schon Mitte der 80er beobachten, als man Publikumsliebling Robert „Bobby“ James Ewing in „Dalles“ wieder auferstehen ließ, weil es einfach anders nicht ging. Die versammelte Frauenschar wollte das so und ihr war es egal, dass das gegen alle Logik und künstlerische Moral und Ethik verstieß.


    Wir leben in unserer modernen massenmedialen Welt mit fiktiven, imaginären Figuren wie früher mit richtigen Menschen. Wir interagieren mit ihnen, kommunizieren mit ihnen; wir denken an sie, haben Emotionen, empfinden Gefühle für sie; der eine mehr, der andere weniger. Ist das nun abartig, verstörend oder gar pervers? Natürlich nicht, es ist eine normale Folge unserer gesellschaftlichen Entwicklung. Viele Menschen empfinden beim Tod eines geliebten Haustieres oder eines Serienhelden mehr Trauer als beim Tod eines nahestehenden Menschen. Ganz einfach, weil diese mehr Teil ihres Lebens waren, ihres emotionalen Haushalts, ihrer Sehnsüchte, Erwartungen, Träume.


    Für einen genuinen Kultur- und Zivilisationskritiker wie mich stellt sich natürlich die Frage, ob das nun „gut“ oder schlecht ist; aber ich neige zu der Ansicht, es nicht als weiteren Baustein für den Untergang des Abendlandes gelten lassen zu wollen. In dem Maße, wie sich das Massenmedium zwischen die Menschen und die sozialen Beziehungen stellt; verändern sich natürlich auch die unmittelbaren Beziehungen und Sozialkontakte zwischen den Menschen. Immer noch besser, die Leute über diese Beziehungen mit fiktionalen Figuren weiter, als dass sie ganz verkümmerten und verschwänden.

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    Im Vorwort zu László F. Földényis „Dostojewski liest Hegel in Sibirien und bricht in Tränen aus“ schreibt Alberto Manguel, dass er die Entdeckung dem Insistieren von Cees Nooteboom – was für Namen, was für ein Dreigestirn; "welch eine Tafelrunde; wer würde nicht ein Jahr seines Lebens für einen Platz dabei geben!" (AS) – verdanke; und nur eine Seele aus Stein könne so einem Titel widerstehen.


    Titel, erste Sätze; die Bedeutsamkeit ist nicht zu leugnen; wieviel sie aber nicht nur mit der Lexik zu tun hat und der Semantik; sondern vor allem der Syntax, dem Satzbau, wissen die wenigsten zu würdigen. Die Umstellbarkeit der Satzglieder im Deutschen etwa macht vieles möglich:


    Dostojewski liest Hegel in Sibirien und bricht in Tränen aus.


    Dostojewski liest in Sibirien Hegel und bricht in Tränen aus.


    In Sibirien liest Dostojewski Hegel und bricht in Tränen aus.


    In Sibirien Hegel Dostojewski liest und bricht in Tränen aus.


    Und so weiter. Es wären rein grammatisch noch weitere Versionen möglich, aber schon die letzte hier ist ja seltsam missverständlich; weil Subjekt und Objekt nicht klar sind. Als Titel wäre das aber schon wieder interessant.


    Mein Lieblingssatz in der Schule zu Übungszwecken in Sachen Umstellprobe war:


    Der dicke Mann trägt schnaufend einen Kasten Bier in die dritte Etage seines Hauses.


    Die Permutation im Rahmen der semantischen Verständlichkeit lässt ihr einiges zu; besonders, wenn man auch Fragesätze einbezieht. Als Anfang eines Buches übrigens auch nicht zu verachten.

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    Arno Schmidt: Flucht vor dem Werk


    „Am 27. Januar 1799 sitzt Jean Paul mit Wieland, Schiller, Herder und Goethe am Tisch – welch eine Tafelrunde; wer würde nicht ein Jahr seines Lebens für einen Platz dabei geben! –”


    Also, ähm, ich wahrscheinlich nicht. Also prinzipiell schon, ich liebe sie alle; aber wenn ich die Wahl hätte; würde ich doch lieber vielleicht Hölderlin, Schopenhauer, Nietzsche, Thomas Mann und Arno Schmidt treffen und statt eines Jahres lieber den kleinen Finger meiner linken Hand geben.

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    Sophie, Sophie - tu es nicht, gehe nicht dieses Risiko ein! Habe Geduld, begib dich nicht in Gefahr und rette dich in den Frieden. Werde alt und schenke vielen Kindern Leben, stirb hochbetagt im Kreise deiner Familie, inmitten von Söhnen, Töchtern, Enkeln, Urenkeln. Wieviel hättest du den Menschen zu geben; wieviel Glaube, Liebe, Hoffnung. 2011 wärest du 90 geworden, seit gestern bist du aber seit 80 Jahren tot. Meine Bewunderung und mein Respekt sind groß, aber noch größer ist meine Trauer über ein ungelebtes Leben, über ein Opfer, das ich nicht begreife.

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    Den Film Hannah Ahrendt von Margarethe von Trotta aus dem Jahr 2012 mit Barbara Sukowa in der Hauptrolle bestimmt schon das dritte oder vierte Mal gesehen. Ich bin eben ein großer Bewunderer der Philosophin, auch der Hauptdarstellerin, seit sie Mitte der 80er Rosa Luxemburg verkörperte. Und ich mag diese bildungsbürgerliche Atmosphäre deutscher Exilanten in den USA. Außerdem liebe ich Filme, in denen praktisch ununterbrochen geraucht wird.


    Aber ich frage mich eben auch, was heute gut 50 Jahre nach ihrem Tod Hannah Ahrendt zu den gesellschaftlichen Problemen der Gegenwart gesagt hätte. Diese durch und durch redliche, unbeirrbare, konsequente, unbestechliche, starke Intellektuelle; die keine Rücksichtnahme auf private oder sonstige Zugehörigkeiten davon abhielt, zu sagen und zu schreiben, was sie als Wahrheit erkannt zu haben glaubte; Position zu beziehen, Kritik auszuhalten und sich auch zu korrigieren, wenn es notwendig schien. Denken ohne Geländer, ohne Netz und doppelten Boden; ohne Angst vor der eigenen Courage und vor den Konsequenzen – sie blieb stets eine gute Heidegger-Schülerin und ordnete das eigene Wohl den Fährnissen des Denkens unter.


    Was also hätte sie zu bundesdeutschen Problemen wie Flüchtlingskrise, Energiewende, Gendern, Außenpolitik, Sozialpolitik, Coronakrise, Pressefreiheit, Massenmedien etc. zu sagen? Ich glaube, der linksliberale Mainstream würde sich ganz schön wundern, was eine kluge Frau in scharfer Diktion zu sagen vermöchte. Natürlich sähe Hannah Ahrendt das Ganze globaler und philosophischer, von drüben über den Atlantik und den Höhen der Reflexion; aber ich bin mir sicher; sie würde schreiben, was weder Linken noch Rechten noch der Grauzone gefiele. Und wahrscheinlich hätte sie Recht.

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    Nachdem ich in den letzten Monaten Biografien über Reinhard Heydrich, Ernst und Friedrich Georg Jünger, jeweils einzeln und eine Doppelbiografie, Martin Heidegger, Franz Liszt, Jean-Paul Sartre, Albert Camus und noch andere gelesen habe; überkam mich das geradezu hemmungs- wie ausweglose Bedürfnis, eine über Albert Einstein und ganz besonders Albert Schweitzer zu lesen. Über die Gründe für diesen plötzlichen und unwiderstehlichen Drang kann man nun spekulieren; aber danach war mir wohler.

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    Ist es nicht absolut beängstigend, was die letzten Tage geschieht? Ich weiß nicht, wann ich so etwas das letzte Mal so intensiv erlebt habe; dieses Gefühl, in einer völlig undurchschaubaren Welt zu leben, in der man fremdbestimmt und permanent an der Nase herumgeführt wird.


    Seit über zwei Jahren verging kein Tag und keine Stunde ohne das leidige Thema Corona. Man ist gar nicht in der Lage, auch nur annähernd zusammenzufassen; was in knapp 30 Monaten auf uns einprasselte über alle TV-Kanäle, Zeitungen, Internetauftritte. Von morgens bis spätabends, die ganze Nacht hindurch und wieder von vorne. Corona, Covid-19, Pandemie allüberall.


    Und dann, von einem Tag auf den anderen: Alles weg, wie nicht geschehen, keine Sendeminute mehr übrig, keine Schlagzeile in der Zeitung, keine halbe Million Wörter in der Internetstunde. Seit dem 24. Februar 2022 ist Corona aus dem Blickfeld fast verschwunden, jetzt laufen die Massenmedien heiß in Richtung Ukraine. Es ist, als ob es Corona nie gegeben hätte; die Aufmerksamkeit nun komplett fokussiert auf die Vorgänge in Osteuropa. Unheimlich!


    Das letzte Mal habe ich das so beunruhigend empfunden bei BSE um die Jahrtausendwende herum. Da verging kein Tag ohne panische Berichterstattung, Weltuntergangsszenarien und stundenlange fruchtlose Gesprächsrunden. Das ging viele Monate so und plötzlich war das Thema vom Tisch. Kein Mensch hat sich mehr dafür interessiert, die Medien waren damit durch, selbst die Krankheit empfand diese Ignoranz als bitter und zog sich zurück.


    Was lernen wir daraus? Ich rede jetzt nicht von Lügenpresse, Lückenpresse, Systempresse, Journaille, Qualitätsmedien und wie die Schlagworte alle lauten, die verdeutlichen sollen; dass unsere Presse- und Medienorgane keine vierte Macht im Staat mehr darstellen, sondern parteiisch die Machthaber unterstützen. Mir geht es viel allgemeiner um die Mechanismen der Massenmedien und ihrer Aufmerksamkeitslenkungsunkultur. Es kann doch nicht sein, dass ein wichtiges Thema plötzlich durch ein anderes ersetzt wird?!


    Dann war entweder das vorherige gar nicht so wichtig oder das darauffolgende. Differenzierung, Maßhalten, ausgewogenes Berichten? Fremdwörter und der willige Konsument lässt sich das gefallen …

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    Ruft die Krankenschwester: „Herr Doktor, Herr Doktor! Der Simulant in Zimmer 7 ist gestorben.“ Darauf der Doktor: „Langsam übertreibt er aber...“


    Von allen Witzen auf der Erden Rund ist das mit Abstand mein allerliebster. Er ist kurz, zum Schreien komisch und natürlich tragisch. Viel mehr kann eine menschliche Wortmeldung nicht leisten.


    Denn natürlich liegt jedem Witz von Qualität eine sehr ernste Angelegenheit zu Grunde. Krank zu sein ist so schon ziemlich doof; aber noch doofer ist; dass man krank sein muss in einem gesellschaftlichen Zusammenhang und sozialen Kontext, ohne den man andererseits wohl verstürbe. Ich habe darüber schon mehrfach gehandelt; will es nun ein letztes Mal andeuten. Der Mensch ist leider so eingerichtet, dass Krankheit dem Auge bewiesen sein will: Wer im Rollstuhl sitzt oder im Wachkoma liegt, hat da gute Karten und ist entschuldigt in den Augen des Gerichts. Schwierig wird das bei Krankheiten, die nicht so offensichtlich sind; und gänzlich unmöglich bei allen psychosomatischen und seelischen.


    Da können die Leute mit eigenen Augen sehen, wie man im Slapstick die Treppen hoch- und runterwackelt mit Tränen in den Augen; man kann sie den fliegenden, unregelmäßigen Puls fühlen lassen; ihnen alle ärztlichen Befunde aushändigen zur Lektüre – alles umsonst und egal: Wenn du wie ich als eine Mischung aus Hegel und Schwejk mit einer Bierwirtsphysiognomie und rosigen Wangen ausgestattet bist, und im Geist noch klar und mit dem Mundwerk wie dem Griffel flink bist, ist man coram publico chancenlos. Dann ist man ein Hypochonder, ein Simulant, ein Schwerenot, ein Parasit, Sozialschmarotzer und Tunichtgut, ein fauler Sack und Zeittotschläger.


    Und wenn man dann noch den lieben langen Tag vor dem Rechner in die Tastatur haut, weil man froh ist; wenigstens so in den Kontakt mit der Welt treten zu können; wenn man sich schon nicht bewegen kann; dann läuten bei den Leuten alle Alarmglocken. Warum hält der eingebildete Kranke nicht sein Maul; warum behelligt er uns mit seinen kranken Sermonen, warum muss er überall seinen Senf dazugeben, sauer und wenig bekömmlich; warum siecht er nicht in aller Stille in seiner Kemenate vor sich hin; warum belästigt er die Welt mit seinen fruchtlosen Einlassungen; warum legt er sich nicht in sein Bett und stirbt, wie es einem ordentlichen Kranken zukommt?


    Ich weiß natürlich nicht, wie es liefe; wäre ich gesund und arbeitete; während andere krank daheim im vorzeitigen Ruhestand säßen und den ganzen Tag in diversen Foren dutzende Beiträge einstellten. Wahrscheinlich wäre ich not amused und würde das auch kundtun; aber wissen tue ich es nicht; ich stehe nun mal leider auf der anderen Seite. Ich habe den Anklägern schon oft angeboten; sie möchten meine gesundheitlichen Probleme auf sich nehmen; müssen ja nicht alle sein, ein oder zwei vielleicht; man kann sich unter dem kaputten Knie, den Herzrhythmusstörungen, Tinnitus, grünem Star, kaputter HWS, Schwindelattacken und Seelendüsternis etwas Passendes aussuchen. Sie können dann daheimbleiben und ich arbeite bis 75. Aber niemand wollte bislang den Tausch mitmachen; ich wünschte, man würde dann auch sein freches Mundwerk halten.


    Manchmal möchte ich denen dann die Pest an den Hals wünschen, irgendeine fiese unheilbare Krankheit; an der sie leiden, die Schmerzen verursacht; sie in Agonie stürzt, die von ihrer Umgebung als Simulation und Faulheit wahrgenommen wird, und schließlich elendig verrecken lässt; aber das bringe ich dann doch nicht über's Herz; das würde ich meinem ärgsten Feind nicht wünschen. In einer Zeit, da sich alle Welt diskriminiert vorkommt und jede Minderheit ihre verbrieften Rechte einklagt, sollten sich die Kranken, Siechen, Missgestalteten zusammenschließen und jeden Montag demonstrieren: Verschont uns mit Mitleid und erspart uns eure scheelen Blicke!