Yoricks Nachtgedanken bei Tage

    • Offizieller Beitrag

    Die Fotos, die mir mein Bruder vom diesjährigen Männertag kürzlich schickte, machten mich schon ein wenig neidisch: Die Jungs, alle jetzt gegen Mitte 40, kennen sich seit dem Kindergarten oder seit der Schule und laufen nun schon 30 Jahre jeden Männertag zusammen. Klar, nur einer ist weiter weg, die anderen leben noch alle im Reußischen Oberland. Ich finde das großartig, zumal sie auch immer in der Heimat wandern über jeweils unterschiedliche Strecken. Es geht ja entgegen der weit verbreiteten Vorurteile von Frauen, Nichtmännern und sonstigen Ignoranten weniger um das Saufen; obwohl das auch wichtig ist; sondern oft genug um das Beisammensein unter Männern, das gemeinsame Laufen und Schwatzen; entspannt und nur unter sich, endlich auch mal in Ruhe reine Männerthemen behandelnd, fern von Familie und Verantwortung. Zumal, wenn man sich vielleicht nur diesen einen Tag im Jahr noch treffen kann auf Grund der vielfältigen beruflichen und privaten Verpflichtungen oder der weiten Entfernungen zum jetzigen Wohnort.


    In meinem Heimatdorf war der Männertag eher eine seltsame Sache; einfach deshalb; weil die Männer dort nicht so richtig einsehen, warum sie nur den einen Tag im Jahr haben sollten; sie hatten ihrer Auffassung nach jeden Tag Männertag und so lebten und tranken sie auch. Der Menschenschlag dort mit den XY-Chromosomen ist von besonderer Güte; die Männer sind allesamt arbeitsam, fleißig, herb, oft wortkarg und immer trinkfest; ich würde nie die Worte Säufer oder Alkoholiker in den Mund nehmen; weil die es nicht annähernd träfen; aber jeder Mann im Oberland trinkt sehr oft sehr viel und daher kann man ihm kaum begreiflich machen, warum man an Himmelfahrt nun ausgerechnet auch noch sinnlos durch die Gegend laufen soll, einen Bollerwagen ziehen und aus Gießkannen trinken; wenn man daheim genauso gut sitzen könnte, um sich in aller Seelenruhe schwer zu betrinken?! Trinken ist ein ernstes Geschäft und ernste Trinker sind die Oberländer; sie nehmen das Trinken ernst und brauchen keine Mätzchen. Und geht es doch einmal auf Tour, endet diese oft genug; bevor man die Flurgrenzen erreicht hat; was wiederum auf die frühmittelalterliche Flurbegehungen verweist, die wahrscheinlich Ursprung des Brauchtums sind; denn meist ist vom Vortag noch genug drinnen gewesen und so eine Flasche Schnaps früh um Sieben haut auch den stärksten Mann mal in den Straßengraben, wo er seinen Rausch ausschläft und danach die restlichen Tage des Jahres weitertrinkt, als sei Jesus; den man hierzulande gar nicht kennt, man geht noch mit den heidnischen Göttern um; weiterhin beständig himmelwärts unterwegs.


    Ich selbst ging mit meinen engsten Freunden, die ich erst während des gemeinsamen Studiums kennenlernte, jedes Jahr auf die Strecke, oft bei mir im Oberland, aber auch anderswo in Thüringen. Gerade weil wir alle woanders arbeiteten und wenig persönlichen Kontakt halten konnten übers Jahr; war das jedes Mal ein besonderes Ereignis. Wir teilten ja noch immer die gleichen Interessen vor allem in Sachen Literatur, Geschichte, Kunst und Kultur; tranken und wanderten aber auch sehr gerne und landeten wie alle anderen Männer auch ab einem gewissen Pegel bei den Frauen und überhaupt den Beziehungskisten. Letztere ließen dann leider so ab Mitte der 2000er unsere Tradition einschlafen; die Familie trat in den Vordergrund, die Kinder kamen; erst sprang der eine ab, dann der andere; der nächste wollte nur kommen, wenn er seine Frau mitbringen könnte usw. Ich empfinde das bis heute als sehr schade und bin jedes Jahr traurig darüber; inzwischen leben wir bundes- und sogar weltweit so verstreut; dass an eine Wiederbelebung nicht zu denken ist. Und den neuen hiesigen Avancen an meinem neuen Wohnort und Lebensmittelpunkt mochte ich noch nicht nachgeben. Ich habe dennoch das Gefühl, dass die uralten Bindungen aus dem Sandkasten, der gemeinsamen Armeedienstzeit oder überhaupt eher "schlichten", genuin biohistorischen Verhältnissen stabiler sind als alle anderen, "künstlicheren".

    • Offizieller Beitrag

    Es gibt drei Orte, die den Zustand einer Gesellschaft treffend und genau beschreiben. Zum einen meine ich die Öffentlichen Toiletten, die man in den Städten, in öffentlichen Gebäuden oder auf Autobahnrastplätzen findet; denn wie es um die Hygiene und die Mitverantwortung gegenüber dem sanitären Volksganzen aussieht, kann man dort täglich mit allen fünf Sinnen erfahren. Und zum anderen sind es Radwege, Spazierwege und überhaupt öffentliche Wege aller Art; auf denen sich Fußgänger, Radfahrer, Gassigänger, Jogger, Skater etc. gemeinsam tummeln. Nirgendwo erlebt man deutlicher, wie es um Egoismus, Rücksichtnahme und gegenseitigen Respekt bestellt ist. Und zuletzt ist es das Schlafzimmer, das so gut wie alles auf engstem Raum bündelt; aber dazu möchte ich mich hier erst ferner auslassen.

    • Offizieller Beitrag

    Die Ahnenforschung beschäftigt mich schon lange; gerade die letzten Wochen sitze ich am Stammbaum der Familie meiner Frau; weil ich einfach nicht mehr durchblickte beim letzten Cousinentreffen. Es ist so eine typische deutsche Geschichte; da stammt kein Zweig aus der thüringischen Kleinstadt, in der wir leben; der Großvater kam schon lange vor dem Krieg aus Ostpreußen; wohin die Familie wohl erst im 18. Jahrhundert aus Salzburg ausgewandert ist; die Großmutter aus einem Städtchen im Mittelsächsischen Hügelland hatte sich dort als Hausmädchen verdingt. Einen Zweig der Familie verschlug es in die Rhön und erst seit etwa zehn Jahren haben die Vettern und Basen die erwähnten Cousinentreffen installiert; die jedes Jahr mit Inbrunst zelebriert werden.


    Bei mir ist das ebenso typisch deutsch; man darf ja nie vergessen; dass 1944/45 zwischen 12 und 15 Millionen Deutsche aus den Ostgebieten wie Ost- und Westpreußen, Schlesien, dem Sudetenland zurück ins Reich fluteten und sich sehr oft auf dem Gebiet der späteren DDR niederließen, weil sie hofften, sie könnten dereinst wieder zurück in ihre Heimat. Wenn man das hochrechnet, ist klar; dass jede zweite bis vierte Familie heute auch Vorfahren aus dem deutschen Osten hat. So stammte die Familie der Mutter meiner Mutter auch aus der Nähe von Königsberg und strandete auf der Flucht im Barnim nordöstlich von Berlin und östlich von Halle an der Saale. Der Erzeuger meiner Mutter floh vor den wütenden und marodierenden Tschechen aus Nordböhmen, war also Deutsch-Böhme aus dem Sudetenland.


    Die Familie meines Vaters saß seit dem 30jährigen Krieg in Südostthüringen; im Thüringer Schiefergebirge an der Oberen Saale: Mein Urgroßvater stammte aus einem Dorf nur wenige Kilometer durch den Wald zu dem Dorf, wohin er auf den Hof meiner Urgroßmutter zog nach später Heirat. Meine Uroma hatte vier Brüder, normalerweise hätte sie also nie den Hof geerbt; aber alle vier sind vor und während des 1. Weltkrieges in die USA ausgewandert; alle waren Geistliche; Prediger der Methodistischen Freikirche und machten in den Staaten in der United Methodist Church ihren Weg. Da alle Familie hatten mit inzwischen Ururenkeln, leben derzeit wohl mehr Nachfahren dort als in Deutschland. Leider war meine Oma in Remptendorf die letzte; die noch Kontakt hielt; meine Eltern haben keinerlei Bezug zu Familiengeschichte. Meine Mutter, eine stramme Genossin, hat sich sogar mit ihren vier Geschwistern verstritten; weil die alle in den 80ern in den Westen abgehauen sind und damit ihre Parteikarriere versaut haben; denn sie galt so als unzuverlässig und nicht geeignet für höhere Aufgaben. Im Nachhinein ein Segen; aber meine Mutter hat das nie verwunden. Erst ich habe es nach jahrelangen Vermittlungsbemühungen geschafft, alle noch lebenden Geschwister, zwei waren schon verstorben, zur Goldenen Hochzeit meiner Eltern im letzten Sommer an einen Tisch zu holen. Es war für alle eine große Erleichterung, das konnte man spüren.


    Da ich nun kinderlos bin wahrscheinlich; nichts Genaues weiß man nicht; wird der Name wohl von meinen beiden Neffen weitergegeben; den von mir innig geliebten Söhnen meines jüngeren Bruders. Dieser Name bedeutet ja soviel wie Vieh- und Ackerknecht und stammt aus dem Mittelniederdeutschen, also aus dem Alt- und Niedersächsischen; weshalb die Familie sicher auch aus dem Norddeutschen stammt; vielleicht daher meine große Liebe zur norddeutschen Tiefebene. Ich persönlich glaube an ein kollektives Bewusstsein auch der Völker und natürlich auch der Familien, der Sippen und Geschlechter; und das hat nichts mit Irrationalem, Blut und Boden, Ahnenkult oder Nationalismus zu tun. Ich fühle mich einfach als Teil eines sehr alten Ganzen; meine Wurzeln reichen tausend Jahre wenigstens zurück und ich spüre das und mir ist das nicht egal; gerade, weil ich ein Abschluss bin; ein absterbender Ast, eine genetische Sackgasse, ein biologisches Ende.

    • Offizieller Beitrag

    Finde ich doch in Victor von Scheffels Roman "Ekkehard" (1855) bereits eine Beschreibung von mir:


    "Er war jung an Jahren, von schöner Gestalt und fesselte jeden, der ihn schaute, durch sittige Anmut, dabei weise und beredt, von klugverständigem Rat und ein scharfer Gelehrter. "


    De te fabula narratur ...

    • Offizieller Beitrag

    Ich habe ja früher sehr gerne den Eulenspiegel gelesen; später dann, als ich nach der Wende die Neue Frankfurter Schule kennen- und schätzen lernte; auch die Titanic. Beide Satirezeitschriften hatte ich nun aber über sehr viel Jahre nicht mehr unter den Augen und da habe ich die Gelegenheit genutzt, weil mir das Cover vom einstigen DDR-Blatt so gefiel, mir über Pfingsten die beiden aktuellen Ausgaben mit ins Oberland zu nehmen, da ich bewegungsunfähig leichteren Lesestoff brauchte; denn den neuen genialen Roman von Uwe Tellkamp muss ich alle 50 Seiten immer erst einmal sacken lassen.


    Also las ich beide Magazine von vorne bis hinten durch und war erst einmal erleichtert; dass das von mir erinnerte Niveau von einst nicht wirklich gelitten hat; es macht noch immer Spaß, die Karikaturen, Cartoons; die längeren und kürzeren Texte zu lesen; den vielen reinen Unsinn neben den ernsthaften Auseinandersetzungen. Ich habe viel geschmunzelt, auch gelacht und immer wieder zum einen oder anderen Artikel oder Bild zurückgeblättert. Freilich, die ganz große Schärfe und boshafte Stoßrichtung findet sich nirgends mehr; ich will nicht sagen, dass beide Blätter brav geworden sind oder gut bürgerlich; aber von existenziellen Wagnissen um der Wahrheit willen ist nichts zu spüren.


    Ich meine aber, dass man den Machern kaum einen Vorwurf machen kann; weil sich die gesellschaftliche Situation in den letzten Jahren so verändert hat; dass jede Satire, die sich an der gesellschaftlichen Wirklichkeit messen lassen können muss; auf verlorenem Posten steht; wenn diese Wirklichkeit und deren Publizität an sich schon Satire ist, unüberbietbare Realsatire. Wenn das, was man täglich in den Zeitungen liest; im Fernsehen sieht; im Internet mitbekommt; schon von ganz allein und sozusagen per se und eo ipso alle Register des Satirischen zieht und somit gar nicht mehr satirisch behandelt und lächerlich gemacht werden kann; was will man da als Satiriker noch tun? Wenn dem Bürger der gegenwärtige Irrsinn in Politik und Medienlandschaft „normal“ vorkommt; wie soll man dann noch etwas überzeichnen und zur Kenntlichkeit entstellen; sodass ein erkenntnistheoretischer Mehrwert entsteht und gleichzeitig eine Katharsis durch Lachen?

    • Offizieller Beitrag

    Der Deutsche Michel war bisher am Michelsten im 19. Jahrhundert; als auch die entsprechenden bildlichen Darstellungen in Zeichnung und Karikatur ihren ersten Höhepunkt erreichten. Der brave Biedermann, schwerfällig und politisch naiv; fressen, saufen, schlafen; auch vögeln, aber nicht so dringlich. Mit Bier, Bratwurst und Sauerkraut darf es sein Bewenden haben; vielleicht noch ein wenig Kirchgang und Religion; vielleicht ein pikantes Brevier in der Schublade; aber auf keinen Fall was Politisches im Schilde. Man will seine Ruhe und lässt die da oben machen.


    So nimmt es nicht wunder; dass der Bauernkrieg die letzte ernstzunehmende Bedrohung für die althergebrachte Ordnung war; die Revolution von 1948/49 verdient mit Blick auf die ein halbes Jahrhundert ältere in Frankreich den Namen nicht; die von 1918/19 hatte einen existenzielleren Zuschnitt; aber ohne Kriegsniederlage wäre es nie zu ihr gekommen und im Vergleich zur russischen ein Jahr zuvor nimmt sie sich aus wie ein ödes Brettspiel. Die nationalsozialistische Herrschaft wurde erst durch die Verbündung der gesamten bekannten Welt von außen her beseitigt und die Friedliche Revolution vom Herbst 1989 machte ihrem Namen wiederum alle Ehre. Der Deutsche neigt nicht zur Revolution, zur Revolte; zum Umsturz; er will eigentlich, dass alles so bleibt wie es ist. Bier, Fußball, Schweinshaxe; Schlagerparade und Brüste im Fernsehen; ein wenig Kultur und Kunst; viel Gemüt und wenig Gemüse; damit kommt man über die Zeiten.


    Aber nun im Jahre 2022 nach Christ Geburt, dem Jahr 1 nach der Größten Bundeskanzlerin aller Zeiten; scheint der Deutsche Michel endgültig seinem Höhepunkt, wo nicht an Popularität, so doch an reiner schierer Existenz, zuzustreben. Der gemeine deutsche Mann aus dem Volke - natürlich auch die gemeine deutsche Frau; also alle einfachen und normalen Angehörigen des deutschen Volkskörpers beiderlei Geschlechts; alle biodeutschen autochthonen Staatsanghörigen der Bundesrepublik Deutschland, also der Souverän höchstselbst, mal so beiseite gesprochen - geht 40 oder nun bald 50 Jahre arbeiten; also einer beruflichen Tätigkeit nach; die nur durch Wochenenden, wenn man Glück hat; Urlaube, Krankheit und Tod unterbrochen wird; erwirtschaftet so den Wohlstand der Nation; zahlt die höchsten Steuern weltweit und schafft so die Grundlage für den weltweit einzigartigen Sozial- und Wohlfahrtsstaat; aber auch die gesamte Europäische Union mit ihren Mitgliedsstaaten und sämtlichen Behörden und Institutionen; weil die Hauptlast des Projektes Europa finanziell durch die BRD geschultert wird; zahlt inzwischen Fabelpreise für Häuser und Wuchermieten in Ballungszentren; nimmt stetig steigende Kosten für Lebensmittel, Energie und Kraftstoff hin; überhaupt die gesamte Inflation; akzeptiert ein ungerechtes Renten- und Sozialsystem; eine Zweiklassenmedizin; ein ungenügendes Bildungswesen; nimmt keinen Anstoß an einer komplett falschen Entlohnungsstruktur, die die wirklich systemrelevanten Berufe und die mit dem größten gesellschaftlichen Nutzen viel schlechter bezahlt als die Nichtstuer und Großredner in ihren Ministerialbürokratiesesseln; lässt sich selbst von Wahlbetrug im großen Stil nicht anfechten; nicht von den Zwangsgebühren der Öffentlich-Rechtlichen; die ihm im Gegenzug täglich desinformieren und belügen, während sie dem Bürger Unmündigkeit, Dummheit, Doofsein, Egoismus und Unreife bescheinigen; er lässt sich enteignen für die „gute“ Sache; die Verhunzung seiner deutschen Sprache gefallen und die gewaltsame Umdeutung der Geschichte seines Volkes und seiner Nation; ja sogar seine Grundrechte massiv einschränken, wenn es eine Pandemie oder andere höhere Gewalten zu fordern scheinen.


    Und zum Dank dafür hört sich dieser Deutsche Michel in aller Seelenruhe jeden Tag an, dass er noch immer die Schuld seiner Urururgroßeltern im III. Reich nicht getilgt hat; dass auch die nächsten Generationen das aller Voraussicht nach nicht werden leisten können; dass er an allem Elend in der ganzen großen weiten Welt schuld ist und daher dazu verpflichtet sei, sein hart erarbeitetes Geld dieser ganzen ins Land drängenden Welt zur Verfügung zu stellen und natürlich auch der ganzen Welt da draußen, wo die Welt noch die Welt ist und nicht die Bundesrepublik Deutschland; er lässt sich verhöhnen von der politisch-medialen Elite, maßregeln, bevormunden; beleidigen; inkriminieren und verarschen von früh am Morgen bis spät in die Nacht und am nächsten Tag das gleiche Spiel und so seit Jahren und Jahrzehnten und fürderhin wieder Jahre und Jahrzehnte; jedenfalls so lange, bis das ganze Kartenhaus in sich zusammenbricht und alles sehr, sehr böse endet.


    Denn eines ist klar: Trotz all der beschriebenen Malaisen geht der Deutsche Michel – wahrscheinlich geht es ihm immer noch zu gut - nicht auf die Straße und jagt nicht die hoffärtigen Politiker zum Teufel, die seinen hart erarbeiteten Wohlstand in alle Welt verschleudern und alles, was in über eintausend Jahren deutscher Geschichte aufgebaut wurde, dem Untergang entgegenführen; ohne je selbst etwas geleistet und aufgebaut zu haben; der Deutsche Michel braucht sehr lange, bis er sich bequemt; aber wenn es dann ans Eingemachte geht und die Ressourcen knapp werden; dann wird er einmal wie alle paar hundert oder tausend Jahre die Geschichte lehrt zum irrationalen Berserker und Technokraten der Vernichtung. Und da sei Gott vor …

    • Offizieller Beitrag

    Klar kommt es nicht eigentlich auf die Quantität an; also auf die reinen Lebensjahre; sondern vor allem auf die Qualität; wie intensiv man gelebt hat in den zur Verfügung stehenden Jahren; aber erzähle das mal einem 30Jährigen, der im Sterben liegt; wo doch selbst Omas mit 92 durchaus der Meinung sind, sie seien immun gegen die verbreitete Meinung, sie habe doch ein langes und erfülltes Leben gehabt. Und auf gut Hegelsch und Marxsch lässt sich natürlich noch hinzufügen; dass Quantität und Qualität natürlich einen Einheit bilden müssen; aus der im Idealfall dialektisch immer wieder etwas Neues entsteht, von höherer Qualität.

    • Offizieller Beitrag

    Manchmal geht es vogelwild mysteriös zu mit den Allzusammenhängen in der Welt des Geistes, von Kunst und Kultur. Durch Zufall über einen endgeilen Film (The Lobster, Griechenland, UK, Frankreich, Irland, Niederlande 2015) gerät mir über dessen Soundtrack das Juilliard String Quartet in den Focus; ich höre nun seit Längerem die entsprechenden Boxen durch; dann fällt mir ein enorm verdienstvolles neues Buch (Philipp Felsch: Wie Nietzsche aus der Kälte kam. Geschichte einer Rettung) in die Hände, das die Geschichte der Herausgeber der ersten kritischen Nietzscheausgabe zum Thema hat; und da befindet sich ganz am Anfang eine Reproduktion der maschinengeschriebenen Einladung zur ersten großen französische Nietzsche-Konferenz 1964 in der ehemaligen Zisterzienserabtei Royaumont; wo sich die jüngere Generation der französischen Nietzsche-Exegeten Deleuze, Foucault und Klossowski mit den älteren, überwiegend deutschen Nietzscheanern, darunter Karl Löwith. traf; und die beiden künftigen Herausgeber der ersten zuverlässigen Edition, der Privatgelehrte Colli und der Marxist Montinari, noch belächelt und ignoriert wurden; aus der hervorgeht, dass am 5. Juli. dem 2. Tagungstag, das Juilliard String Quartet um 16.30 Uhr Mozart, Debussy und Schubert spielte. Voll krass ey, diese Koinzidenzen, Zufälle; oder steckt ein großer Plan dahinter?

    • Offizieller Beitrag

    „Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust“; meint Faust, das alte Tier der Moderne; und begründet damit wohl auch die idiomatische Wendung von den zwei Herzen, die in einer Brust schlagen, wenn man im Busen zwei völlig unterschiedliche Ansichten nährt, sich zerrissen fühlt zwischen widerstrebenden Gefühlen und völlig entgegengesetzten Wünschen, man sich also nicht nur in einem Dilemma befindet, sondern mit Dilemmata ringt.


    Man vergisst dabei völlig, wie praktisch die rein physiologische Deutung des Sujets wäre; denn nichts würde mehr Probleme aus der Welt schaffen, als wenn einem wirklich zwei Herzen in der Brust schlügen. Man lebte sicher länger; denn die eigene Lebenszeit hängt ja auch von der Menge der Herzschläge ab; man könnte beim Ausfall eines Herzens weiterleben, auf einem Kessel sozusagen; etwas ruhiger; aber eben leben; man könnte sich endlich auch einmal an die rechte Brustseite fassen bei stechenden Schmerzen, überhaupt wäre man wohl leistungsfähiger und produzierte mehr Blut; den Blutdruck könnte man allein dadurch regulieren; dass man ein Herz mal stilllegt und sich regenerieren lässt. Wie bei Pumpspeicherwerken könnte man ja die Pumpleistung den Erfordernissen anpassen; wie das im Einzelnen funktionierte, muss ich freilich den Internisten, Kardiologen und Medizintechnikern überlassen.


    Für mich wäre das natürlich nicht nur ein Segen, denn ich gehöre zu denen, die den eigenen Herzschlag sehr intensiv wahrnehmen, die Palpitation ist bei mir extrem ausgeprägt. Daher wäre das Taktverhältnis der beiden Herzen, ihr Schlagrhythmus, von entscheidender Bedeutung für mich: Schlagen sie gleichzeitig, genau zeitversetzt oder haben sie beide einen leicht verschobenen Puls? Wenn man sich vorstellt, dass in Ruhe beide 60mal schlagen und bei Belastung vielleicht 120 bis 180mal; möchte einem schwindlig werden; vor allem, wenn man an Herzrhythmusstörungen wie dem Vorhofflimmern leidet; denn diese infernalische Kakophonie von tanzenden und wild zuckenden Derwischen in beiden Brüsten; das hielte ich nun doch nicht aus.

    • Offizieller Beitrag

    Meine beständigen Zitationen aus dem Alten und Neuen Testament; dass die Frau dem Manne untertan sei und ihm gehorchen müsse; weil sie das B-Modell der Schöpfung sei und von Natur aus verderbt und in Sünde befangen; verfangen bei meiner Gemahlin nicht; die als ebenso gescheite wie resolute selbstständige Frau, Naturwissenschaftlern und Atheistin bestenfalls mitleidig schaut auf den biblischen Lektor mit dem schütteren Haar und den schwachen theologischen Argumenten.


    Da mir meine seit 30 Jahren in meinem Besitz befindliche Ausgabe des Korans irgendwie abhandengekommen ist; habe ich nunmehr zwei neue Übersetzungen ins Deutsche erstanden, eine auch mit dem arabischen Urtext. Im Islam wird die Frau als solche ja bekanntermaßen als Mutter und Frau sehr verehrt; was deren Unterdrückung, Ausbeutung, Knechtung und in schlimmen Fällen auch Verstümmelung und Tötung nicht ausschließt. Also suche ich nun im Koran nach Aussagen und Bestimmungen, die meine Argumentation auf eine neue Stufe religionswissenschaftlich-anthropologischer Qualität stellen sollen.


    Leider kann meine Frau im Gegensatz zu den meisten Männern sehr gut zuhören, wenn ich ihr etwas erzähle oder darlege; und da hat sie sich doch gemerkt, dass dem Muslim jede Übersetzung nichts gilt; das Wort das Propheten muss in Arabisch verkündet werden, selbst bei der Konversion zum Islam muss das Sprechen der Schahada, des Glaubensbekenntnisses ("Ashhadu alla ilaha illallah wa ashhadu anna Muhammadar rasullah.“ - „Es gibt keine Gottheit außer Gott, und Mohammed ist sein Gesandter“), verbunden mit dem gemeinsamen Gebet auf Arabisch gesprochen werden und bei vollem Bewusstsein geschehen. Also verlangt die klügste aller Ehefrauen, ich solle doch bitte erst arabisch lernen, um ihr meine Zitate im Original vortragen zu können; dann werde sie mir zuhören; ob sie dann die Weisungen beherzige und befolge, könne sie allerdings noch nicht sagen. In schā' Allāh!

    • Offizieller Beitrag

    Durch die Schonhaltung und einseitige Belastung meiner beiden kaputten Knie hat es mich letzte Pfingsten außer Gefecht gesetzt; weil zum entzündeten Ischiasnerv eine lädierte rechte Hüfte und eine inzwischen auch kaputte rechte Schulter hinzukamen. Die rechte Seite war so mehr oder weniger gelähmt und ich konnte keinen einzigen Schritt laufen; mich so gut wie nicht bewegen, nicht einmal mit Krücken und Rollator. Ibuprofen und Novaminsulfon halfen hier nicht mehr; da musste Stärkeres ran, oral, rektal und via Kanüle. Aber darum geht es eigentlich nicht; so lieblich die Klage um eine zerrüttete Gesundheit auch klingen mag.


    Es geht darum, dass ich eine knappe Woche später das erste Mal wieder morgens eine halbe Stunde mit dem Hund durch die Natur „laufen“ (humpeln) konnte und mir diese halbe Stunde vorkam wie ein Gottesgeschenk, wie das Paradies auf Erden, so glücklich und zufrieden war ich trotz der Schmerzen. Die frische Luft, der freie Himmel, die Wiesen, Felder und Bäume; die emsig schnuppernde Schäferhündin – das alles genoss ich so intensiv, als wäre ich noch nie so gegangen oder als ob es das letzte Mal wäre. So ist das mit uns Menschen, tausendmal festgestellt und immer wieder bewahrheitet:


    Wir schätzen nur wirklich, was wir einmal verloren haben; dessen selbstverständlicher Besitz plötzlich obsolet geworden. Der Mensch ist ein Wesen, das sich und die Welt immer negativ definiert; immer über das, was er nicht oder nicht mehr hat. So ist das Vorenthalten, der Mangel, ein Garant für Glück und Zufriedenheit; daher muss es auch in einer Wohlstandgesellschaft wie der unseren immer wieder Einschränkungen geben. Darum plädiere ich für einen festen Tag jeden Monat; an dem sich die normalen und gesunden Leute ohne soziale Sorgen einen Arm wegbinden, sich in den Rollstuhl setzen; in ein Übergewichtskostüm zwängen; Augen oder Ohren verschließen; einfach, um mal einen Tag das zu entbehren, was den Alltag mühelos macht und die eigene Existenz so fordernd und unglücklich in ihrer Maßlosigkeit.

    • Offizieller Beitrag

    Karl Marx: Zur Judenfrage (184)


    "Eine Organisation der Gesellschaft, welche die Voraussetzungen des Schachers, also die Möglichkeit des Schachers aufhöbe, hätte den Juden unmöglich gemacht. Sein religiöses Bewußtsein wurde wie ein fader Dunst in der wirklichen Lebensluft der Gesellschaft sich auflösen. Andrerseits: wenn der Jude dies sein p r a k t i s c h e s Wesen als nichtig erkennt und an seiner Aufhebung arbeitet, arbeitet er aus seiner bisherigen Entwicklung heraus, an d e r m e n s c h l i c h e n E m a n z ip a t i o n schlechthin und kehrt sich gegen den h ö c hs t e n p r a k t i s c h e n Ausdruck der menschlichen Selbstentfremdung. Wir erkennen also im Judentun ein allgemeines g e g e nw ä r t i g e s a n t i s o z i a l e s Element, welches durch die geschichtliche Entwicklung, an welcher die Juden in dieser schlechten Beziehung eifrig mitgearbeitet, auf seine jetzige Höhe getrieben wurde, auf eine Höhe, auf welcher es sich notwendig auflösen muß. Die J u d e n e m a n z i p a t i o n in ihrer letzten Bedeutung ist die Emanzipation der Menschheit vom J u d e n t u m. Der Jude hat sich bereits auf jüdische Weise emanzipiert. [... ]Die g e s e l l s c h a f t l i c h e Emanzipation des Juden ist die E m a n z i p a t i o n d e r G e s e l l s c h a f t v o m J u d e n t u m."


    Einer der zentralen Texte, der gerne unvollständig zitiert wird; je nach politischem Lager. Ich plädiere stets für eine genau Lektüre, die schnell klar macht; dass Marx hier von der Religion überhaupt spricht und vom Judentum als Symbol des Kapitalismus. Aber in Gänze ist das noch viel komplexer und schwieriger. Das wird man zugeben müssen, wenn man genau und gründlich liest. Freilich gölte das Gleiche für die Lektüre etwa der Schriften Richard Wagners.

    • Offizieller Beitrag

    Eine Verwandte der Familie meiner Frau erklärte neulich, ihr Lieblingsautor sei Ken Follett, sie habe alles von ihm gelesen und im Regal stehen. Als ich sie fragte, ob sie denn jemals eines wiedergelesen hätte; gab sie erstaunt "Warum denn das?" zurück. Man möge mich arrogant nennen; aber ich halte den Autor für nicht einmal medioker, diese Ansammlung von Sterotypen und Klischees in einer dürftigen Sprache bei aufgeblähtem Inhalt kann ich unmöglich für Literatur halten; zudem arbeitet der Mann wie alle Bestsellerautoren mit großem wirtschaftlichen Erfolg schon lange mit einem riesigen Mitarbeiterstab; unterhält also eine Schreibfabrik mit Gewinnerzielungsabsicht. Aber kein Problem, wer das mag und wen die Bücher unterhalten, der soll sie lesen. Nun ging ich in meiner Naivität davon aus, dass die ältere Dame dann auch John Grisham mögen würde und sprach sie darauf an. Da hatte ich was gesagt; eine Schimpfkanonade belehrte mich; dass sie den überhaupt nicht mögen würde; das wären schlechte Bücher, nichts für sie. Da war ich schon perplex; es scheint also noch Unterschiede zwischen dieser Art Schreiberlinge zu geben; auch noch nach Dan Brown zu fragen, traute ich mich dann nicht mehr.

    • Offizieller Beitrag

    Als die bundesdeutsche Fußballnationalmannschaft 1954 in Bern Weltmeister wurde, war das ein Wunder; 1974 im eigenen Land war das Glück, das unter anderem die ostdeutschen Kollegen erzwangen; 1990 in Italien war es das erste Mal wirklich verdient aus eigener Kraft und Stärke und gerann zum Symbol der bevorstehenden deutschen Einheit. 2014 aber in Brasilien hat sich eine als Silver Generation etablierte Mannschaft den Titel mehr als nur verdient und selbst gekrönt und zu Göttern geweiht, sodass die Entwicklung seit spätestens der WM im eigenen Land 2006 geradezu folgerichtig erschien als eine Art Heilsgeschichte, als säkulare Teleologie. Das Wichtigste aber, fand ich; es war die erste WM, bei der ein grandioser Sieg nicht als eine Kompensation verlorener Weltkriege erschien, sondern nur mit Fußball und also Sport zu tun hatte.

    • Offizieller Beitrag

    Redewendungen wie die, dass man für jemanden die Hand ins Feuer legen würde, verweisen uns auf eine vorgeblich barbarische Zeit; als die Segnungen der Moderne noch nicht alle Körperlichkeit verbannt und das Wünschen noch geholfen hat? Gerade, wenn man für einen anderen Menschen bürgt; sich seiner unglaublich sicher ist; kommt die Wendung ins Spiel und sie ist leicht herausgeplaudert; wenn wie heute üblich keinerlei wirklich Verantwortung daraus entsteht. Man stelle sich vor, man müsste wirklich seine Hand ins Feuer legen; wie oft hörte man solche Schwüre noch?