Yoricks Nachtgedanken bei Tage

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    Was mich am meisten erschüttert hat in den letzten Jahren seit 2015 und besonders seit Corona; ist die Leichtigkeit und Schnelligkeit, mit der über Jahrhunderte schwer erkämpfte Grundrechte mit Verweis auf irgendwelche Notwendigkeiten ausgehebelt werden ausgerechnet in der Nation, die doch von allen in der Welt am Sensibelsten in diesem äußerst sensiblen Bereich agieren sollte. Und dass diese Aushebelung vom deutschen Volk einfach so hingenommen wird; sich die politisch-medialen Eliten auch noch im Recht wähnen und mit dem Finger auf die vermeintliche Gefahr von rechts zeigen; während sie selbst es sind, die dem neuen Totalitarismus den Weg bereiten; lässt einen denkenden Menschen mit hinreichenden Geschichtskenntnissen schaudern.


    Vor aller Welt und ganz und gar nicht versteckt geschieht das alles durch genau die; die am Lautesten rufen, warum haben denn die Deutschen 1933 das nicht gemerkt, was sie da wählen und gutheißen und welches Ende das nehmen wird?! Das ist bizarr, skurril, grotesk und vor allem eines – beängstigend und hochgefährlich! Glaubt man denn wirklich, es sei ein weiter Weg von der Ausgrenzung, Stigmatisierung und Kriminalisierung ganzer Bevölkerungsschichten bis zu deren Inhaftierung, Internierung, Ghettoisierung und letztlich physischen Liquidation? Sobald eine Gemeinschaft einen Grund sieht oder besser noch mehrere Gründe hat, so zu verfahren; ist alles möglich; dann werden die moralischen und ethischen Begründungen im Notfall nachgereicht. Hat denn wirklich niemand aus der Geschichte gelernt?

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    Wenn man sich die „parlamentarische Arbeit“ im Thüringer Landtag ansieht, fragt man sich natürlich; ob dieses infantile Affentheater, diese pubertäre Provinzposse nicht eigentlich die Auflösung dieses Narrenschiffes verlangt und anschließend Neuwahlen.


    Man stelle sich nur einmal vor: In einem Landesparlament könnten die Oppositionsparteien zusammen in einer Sachangelegenheit die Regierungsparteien überstimmen! Das ist nun wirklich unglaublich; das geht doch nicht; wir sind schließlich eine Demokratie. Immerhin wurde der rechtmäßig gewählte Ministerpräsident dieses Bundeslandes einfach mal wieder zum Rücktritt gezwungen; da kann doch nicht sein; dass die CDU in der Frage der Abstandsregelung für Windräder durch die AfD unterstützt wird?! Ich will dabei gar nicht leugnen, dass die CDU in der Klemme steckt; aber ganz sicher nicht deswegen, weil sie zu einem Sachthema eine eigene Meinung hat, die von anderen geteilt wird. Sondern deshalb, weil sie ideologisch an einem Beschluss festhält, der jede parlamentarische Arbeit unmöglich macht.

    Mir sind ideologische Fragen Wurst, wenn es um das tagespolitische Geschäft geht: Politik ist die Kunst des Machbaren; der unentwegte Kompromiss im Dienst einer jeweiligen Sache; ein permanenter diskursiver Austausch, ein ständiges Verhandeln, Prüfen, Rochieren; Changieren; die Konstellationen ändern sich täglich, ja minütlich. Das ist Politik und Politiker haben nicht zuletzt deshalb so oft einen schlechten Ruf; weil sie Politik so betreiben, wie sie nur betrieben werden kann – auf den Augenblick hin, für kurz- bis mittelfristige Lösungen. Die AfD ist die zweitstärkste Partei in Thüringen; sie vertritt zwischen einem Drittel und einem Viertel der wahlberechtigten Thüringer; sie steht auf dem Boden des Grundgesetzes – es gibt also keinen Grund, sie in der normalen parlamentarischen Arbeit auszugrenzen und sogar zu stigmatisieren wie früher im Mittelalter die Aussätzigen.


    Die Erinnerung der Menschen reicht nicht weit: Die jetzige Regierungspartei in Thüringen, die schon in der zweiten Legislatur den allseits geschätzten Ministerpräsidenten stellt, ist aus der ehemaligen Staatspartei der DDR hervorgegangen; aus der SED, die nichts anderes war als das Instrument einer totalen Doktrin und eines totalitären Staates. Ob sie nun identisch ist mit jener, will ich hier nicht klären; es spricht einiges dafür; aber sie wurde mehrheitlich und unisono von allen anderen Parteien stigmatisiert, ausgegrenzt und inkriminiert in den 90er und sogar noch 2000er Jahren; in den Ländern und im Bund. Genützt hat das nichts; mindestens im Osten hat diese nicht einmal so wenig nachvollziehbare unnachgiebige Haltung der Altpartien diese SED-PDS-WASG-LINKE erst stark gemacht. Noch heute steht ein nicht geringer Teil dieser Partei „richtigen“ sozialistischen und sogar kommunistischen Positionen nahe und niemanden vom Kanzleramt bis zum Verfassungsschutz scheint das zu beunruhigen. Und in der Tat hat die Realpolitik der LINKEN in Thüringen gezeigt; dass sie als ganz „normale“ etablierte „Volkspartei“ nichts anderes macht als alle anderen Parteien vor ihr. Der Ministerpräsident gilt als guter Sozialdemokrat und rechtschaffener Landesvater; der könnte auch in der CDU sein wie der Grüne aus dem Ländle auch. Im Gegensatz zur Bundespolitik sind in der Landespolitik die Parteigrenzen schon lange verwischt; in den Kommunen verschwinden sie ganz.


    Umso absurder die Albernheiten bezüglich der AfD in Erfurt: Wenn man gemeinsam an einem Strang ziehen kann und zwar auf einem Politikfeld; das nichts mit den sogenannten Kernthemen der „Populisten“ zu tun hat; dann gebietet es der Ehrenkodex des Parlamentariers und die Verantwortung vor dem Wahlvolk, dass man gemeinsam tut, was in diesem speziellen Fall getan werden muss. Was glaubt man denn, geschähe; wenn die AfD in Thüringen regierte; etwa mit der CDU? Glaubt man allen Ernstes, jetzt ginge es den Linken und Grünen an den Kragen; dass man sie zwischen Eisenach und Gera an der A4 an Laternen und Bäume hängt? Dass man Buchenwald reaktiviert und eine wie auch immer geartete faschistische und nationalsozialistische Macht etabliert? In ganz Europa gibt es seit langem als rechtspopulistisch apostrophierte Regierungen und man kann deren Tätigkeit und Gesetzgebung einschätzen, wie man will; ein faschistisches Regime ist nirgendwo entstanden. Und auch die AfD könnte nur im Rahmen der landespolitischen Möglichkeiten agieren; vielleicht würde sie versuchen, in Fragen der inneren Sicherheit, der Migrationspolitik etc. Akzente zu setzen; aber die kapitalistische Wirtschaftsordnung und die freiheitlich-demokratische Grundordnung bliebe unangetastet. Wenn eine Partei einen wirklichen Umsturz anstrebte, müsste sie ja in beiden Kammern des Parlaments die erforderliche Mehrheit für Verfassungsänderungen zusammenbringen; das Grundgesetz kann nur mit einer 2/3-Mehrheit des Deutschen Bundestages und des Bundesrates geändert werden. Eine solche Option ist vollkommen unrealistisch und einzig ein bewaffneter Umsturz, zu dem erst recht keine Abwägung der Realität berechtigt, könnte hier noch in Betracht kommen.


    Es gibt also keinerlei Grund, die AfD aus der parlamentarischen Arbeit auszugrenzen; es sei denn; man ist mehr an ideologischer Betonmischerei statt an ernsthafter Arbeit an Sachthemen interessiert und möchte mit dem Finger in Richtung des politischen Gegners die eigene Impotenz verschleiern. Aus Sicht der AfD-Gegner wäre das auch der einzige Weg, den politischen Konkurrenten wirklich auszuschalten; indem man ihm politische Verantwortung gibt und dann das Volk zuschauen lässt; was die Neuen so draufhaben. Oder auch nicht.


    Das ist, denke ich; alles soweit nachvollziehbar, wird aber immer mit nur einem einzigen Satz gekontert: "Mit Nazis arbeitet man nicht zusammen." Da kann man ellenlange Pamphlete schreiben, geantwortet wird einem immer mit dem gleichen einen "Argument", das keines ist, aber jegliche Diskussion im Keim erstickt. Dass die AfDler keine Nazis sind, selbst wenn sie ein paar miese Typen dabei haben wie übrigens alle anderen Parteien auch, interessiert dabei niemanden. Dass das alles unlogisch und inkonsequent ist; weil eine Nazipartei ja richtigerweise verboten wäre und man 25 Prozent der Thüringer Wähler von 2019 einsperren müsste, weil sie Nazis gewählt haben; auch nicht. Die Wirklichkeit wird jeden Augenblick so zurechtgestutzt, wie es gerade passt.


    Das eigentlich Widerliche daran ist; dass es die AfD als politischen Faktor ja nur gibt; weil die Altparteien in den letzten 20 Jahren ihre Arbeit nicht gemacht haben. Deren Fehler und Versäumnisse haben den Drachen geweckt, der immer ganz unten in seiner Höhle schlummert und der nie sterben wird, weil er ein Teil von allen Menschen ist; jetzt erhebt er sein Haupt und speit Feuer und alle sind plötzlich entrüstet, empört und ängstlich, belegen ihn mit dem Bannfluch und machen ihn zum alleinigen Schuldigen an so ziemlich allem. "Haltet den Dieb, er hat mein Messer im Rücken!" Das hat sehr viel vom Kindergarten; erst macht man das Spielzeug der anderen kaputt und dann steht man wütend, hilflos und heulend da und zeigt mit den Fingern auf die anderen Kinder; die sich natürlich für die Missetat revanchieren wollten.

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    Ich bin ein Mann des Geistes, der Kultur; des Wortes, der Musik, der Natur, der Tiere und der leiblichen Genüsse. Und so möchte ich auch in meinen Nachtgedanken vor allem über Bücher, Literatur, Musik, Kunst, Kultur, Natur sprechen; aber zum einen ist man selten Herr seiner Gedanken und zum anderen kann man dem uralten Thema, wie der Intellektuelle in seiner Zeit bestehen und sich zu ihr verhalten soll, nicht ausweichen. Der Elfenbeinturm nützt niemandem etwas; dem Intellektuellen und Künstler nicht und nicht dem Rezipienten und dem Volke. Manchmal ist die einzige und wichtigste Funktion des Intellektuellen, sich gegen den Zeitgeist zu stemmen und einfach als großer Gesteinsbrocken im Hauptstrom zu lagern; mag er nun falsch oder richtig liegen im Urteil der Nachwelt. Zum Nachdenken anregen, Denkpausen erzwingen; liebgewordene Gewohnheiten und eingeschliffene Denkmuster in Frage stellen; den Horizont weiten und die Perspektiven, die Blickrichtungen verändern und erweitern - nur darum geht es.

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    Aus der Reihe unverbrüchliche Wahrheiten:


    William Shakespeare

    Julius Caesar (1599/1623)


    Cäsar:

    Laßt wohlbeleibte Männer um mich sein,
    Mit glatten Köpfen, und die nachts gut schlafen.
    Der Cassius dort hat einen hohlen Blick;
    Er denkt zuviel: die Leute sind gefährlich.


    So wisset denn, ihr Maiden; den Yorick könnt' der Cäsar leiden ...

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    Das ist schon irgendwie ungerecht: Da stehe ich regelmäßig am Glascontainer und schmeiße die grünen, braunen und weißen Wein- und Sektflaschen zu Hunderten ein; obwohl ich selbst gar keinen trinke und meine Bierkisten nur umtausche im Getränkemarkt; aber alle Welt, die mich am Werk sieht, denkt, ich wäre die Suffbetze.

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    Meine Oma hat mich als Kind oft ermahnt, ich möge nicht so schlürfen und schlurfen; also beim Trinken keine abartigen Geräusche machen und beim Loofn die Beene hochkriechen. Jetzt bin ich dem Alter, dass mich die Nachfahren wieder daraufhin ansprechen! Was zwischen Kindheit und Vergreisung diesbezüglich geschah, weiß ich nicht mehr.

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    In Stanley Kubricks legendärem Film Full Metal Jacket (1987) gibt es eine ebenso legendäre Beleidigungsorgie durch Gunnery Sergeant Hartman (R. Lee Ermey):


    "Heute Nacht werdet ihr Schleimer mit eurem Gewehr schlafen, und dann werdet ihr euch für euer Gewehr einen Mächennamen aussuchen, weil das die einzige Möse sein wird, die ihr Pisser hier kriegen werdet! Die Zeiten, wo ihr Gretchen Modermöse durch ihr zart rosa Höschen fingergefickt habt, sind vorbei! Ihr seid jetzt mit dem Gewehr verheiratet, dieser Waffe aus Eisen und Holz! Und ihr werdet nicht fremdgehen."


    Da ich das Drehbuch im Original nicht kenne; frage ich mich schon lange, wie wohl die Gretchen Modermöse im amerikanischen Englisch lautet und ob die deutsche Übersetzung wertschöpferisch Eigenes enthält?! Ich erinnere nur die deutsche Synchronisation der englischen Krimserie Die 2; die vom Originaltext erheblich abweicht und einen eigenen Sprachwitzkosmos schafft.

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    Meine absolute Lieblingsaktion der Bundesregierung derzeit ist das Entlastungspaket, die Senkung der Energiesteuer auf Kraftstoffe für drei Monate und natürlich das 9-Euro-Ticket. Dass die Mineralölfirmen die Steuersenkung weiterreichen, konnte man schon im Vorhinein nicht garantieren; und das taten sie dann auch nicht. Ich finde das großartig: Die ohnehin schon superreichen Konzerne stopfen sich die Taschen voll, während der brave Bürger über andere Wege die Steuerausfälle wieder selbst begleichen darf.


    Sehr schön auch das Ticket für die Öffentlichen in den Regionen wie hier im Thüringischen; wo es keinerlei Öffentlichen Nahverkehr gibt. Auch das großartig. Die Wähler der Grünen, die mehrheitlich in den urbanen Zentren leben, können nun umsonst Bus und Bahn nutzen; während der Plebs in der Provinz weiterhin den immer noch zu teuren Kraftstoff kaufen muss für je ein Auto je eines Familienangehörigen; weil man ohne weder auf Arbeit noch sonst wohin kommt; denn die maue Infrastruktur verlangt etwa zum Facharzt mal locker 100km hin und zurück.


    Wieso, fragt man sich; hat die Politik keinerlei Einfluss auf die Mineralölkonzerne? Dafür ist sie doch da, im Ernstfall auch einmal die Zügel straffer zu halten; nicht wie stets gegenüber den Kleinen, sondern vor allem gegenüber den Großen im Lande? So werden maximale Gewinne für die oberen Zehntausend generiert, während man glaubhaft versichert, dem Mann von der Straße helfen zu wollen und natürlich der Ukraine.


    Jahrzehntelang hat man die Infrastruktur der ländlichen Regionen zu Gunsten der Großstädte und Ballungszentren vernachlässigt; man hat sich bei Bus und Bahn zu Tode gespart hat, weil der unrentabel sei; dabei ist der ÖPNV niemals gewinnbringend, genau, wie auch der medizinische Sektor niemals profitorientiert ausgelegt sein sollte. Jahrzehntelang hat man den Leuten gerade im Osten gepredigt, sie dürften nicht nur auf Lohn und Brot daheim hoffen und müssten daher auch längere Arbeitswege in Kauf nehmen, auf Diesel umsteigen und pendeln; und nun hat solche populistischen Luftnummern raus, von der aber letztendlich nur das grüne Mittelstandsklientel in den größeren Städten profitiert, die dann umso lauter gegen das Auto wettert.


    Wundert es da noch jemanden, wenn der Bundesbürger wie ich einer bin; sich fragt, ob diese Bundesregierung ernstzunehmen ist?! Statt wenigstens mittelfristiger Politik nur Schnellschüsse, "womit man einlullt, wenn es greint, Das Volk, den großen Lümmel."

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    Im März durfte der von mir sehr geschätzte Wolfgang Matz, ich habe drei Bücher von ihm gelesen, in der FAZ unter der Überschrift „Deutschland entsorgt seine Literatur“ beklagen, dass in Deutschland im Gegensatz zu anderen Ländern die vernünftigen und bezahlbaren Klassikerausgaben fehlen. Gelegentlich leisten sich die modernen Medienschaffenden einen solchen Ausflug in die konservative Kulturkritik; als Feigenblatt für die eigene Unbedarftheit und als Ausweis der eigenen Weltläufigkeit, Toleranz und Bildung. Freilich ist dieser, wo nicht gefälscht, eine billige Fälschung, die Kopie einer Kopie; längst abgelaufen vor vielen Jahrzehnten und kann nur schlecht verbergen, was für Schindluder da in den Gazetten seit so langer, viel zu langer Zeit getrieben wird.


    Wir haben also nach Matz die preiswerten Taschenbücher des monumentalen Sonderfalls der gelben Reclam-Bibliothek. Es gibt die gigantischen historisch-kritischen Ausgaben, zumeist in Universitätsverlagen, unbezahlbar, nie zu beenden; viele Regalmeter füllend mit für den normalen Leser vollkommen überflüssigen Spezialinformationen wie Varianten, Manuskriptbeschreibungen und vielem mehr. Viele der im Buchhandel erhältlichen und preisgünstigen Taschenbücher beschränken sich meist auf gängige Haupttitel, nicht selten in unzuverlässiger Textgestalt. Entscheidend für das Weiterleben der Klassiker, ihre Rezeption, ihr stetiges Wiederlesen aber ist die die kompakte Werkausgabe, zuverlässig, repräsentativ, handlich, erschwinglich, gut und pragmatisch kommentiert; dazu angemessen schön, haltbar gedruckt und gebunden, damit sie auch wiederholtem Zugriff standhält.


    In der Bundesrepublik Deutschland des Jahres 2022 ist man in letzter Hinsicht so gut wie verloren, da kann ich dem gescheiten Germanisten nur zustimmen. Als passionierter Leser, Bücherfreund und Sammler konnte ich das seit spätestens Anfang der 80er Jahre persönlich verfolgen, obwohl in der DDR eine ganz eigene Buchkultur die Tendenz milderte; Wolfgang Matz sieht die Anfänge des Endes richtigerweise bei den kulturrevolutionären Achtundsechzigern; die wie ihr Namensgeber in China eben genau diese Kultur vernichteten statt sie zu bewahren, zu erhalten und fortzuentwickeln. Zeitig begann ich also die mir zugänglichen Werkausgaben zu sammeln; vor allem die Bibliothek deutscher Klassiker (BDK), deren Textgrundlagen freilich oft mehr als zweifelhaft und überholt waren; und später, was schon schwieriger wurde; weil sie erheblich teurer waren und zu Zeiten des Umbruchs erworben wurden, wo jeder Pfennig noch im Portemonnaie festklebte für wichtigere Aspekte des täglichen Lebens, die sehr schönen Ausgaben von Artemis & Winkler, Hanser, Becks, Klett-Cotta, Athenäum oder auch Insel.


    Als mit dem Deutschen Klassiker Verlag (DKV) Suhrkamps das literarisch-editorische Paradies vor meinen Augen erschien, glaubte ich wieder an das Gute und den Fortbestand der Menschheit. Endlich (endlich!!!) sollten die lange fehlenden Ausgaben von Johann Gottfried Herder, Ludwig Tieck oder Bettina von Arnims erscheinen; dazu die vielen wichtigen Texte aus dem Mittelalter, der Zeit von Humanismus und Renaissance, dem Barock und der vorklassischen Zeit; auch die weniger bekannten Großen des langen 19. Jahrhunderts. Das Projekt scheiterte, musste scheitern; denn wer sollte diese Luxusbücher, deren Kommentare an Seitenzahl die Primärtexte nicht selten um ein Vielfaches übertrafen, kaufen und sich ins Regal stellen? Man bräuchte nicht nur ein gewaltiges Privatvermögen als gewöhnlicher Leser, sondern auch ein geräumiges Haus mit hunderten Quadratmetern für diese Meterware. Als die Herder-Ausgabe herauskam, hätte ich viel bezahlt; für zehn Bände zwischen 150 und 500 Mark, später auch Euro; aber ein- bis zweitausend (sic!!!); das war mir einfach nicht möglich. Immerhin, das will ich nicht verschweigen; habe ich nun die Taschenbücher aus dieser Reihe komplett; aber sie ersetzen eben auch nicht die kompakten Werkausgaben, weil sie nicht annähernd vollständig sind.


    Nun bleibt der Befund; dass wir Goethe, Schiller, Lessing, Fontane haben können für gutes Geld, aber dann wird es schon eng. Wie habe ich mich gefreut, als ich Gerhart Hauptmanns Sämtliche Werke in 11 Bänden bei Propyläen ergattern konnte; diese Ausgabe ist gerade wieder einmal lieferbar, war es lange Zeit nicht. Aber wie viele Namen müsste man nennen; wo es klemmt, wo eine vernünftige Leseausgabe fehlt? Die von Ludwig Tieck ist vielleicht das wichtigste Desiderat; aber es fehlen auch Uhland, Immermann, Gotthelf, Claudius, Platen, Heinse, die Arnims, Bürger, Chamisso, die Droste, Eichendorff, Grabbe, Grillparzer, Hoffmann, Klopstock, Lenz, Mörike, Moritz, Raabe, Seume, Stifter. Dem Literaturliebhaber bleibt so nur das Suchen und Stöbern in den Antiquariaten; etwa nach den einzelnen Bänden von Wilhelm Raabes Sämtlichen Werken (Braunschweiger Ausgabe) bei Vandenhoeck & Ruprecht Göttingen (jetzt Brill); auch dieser Verlag erleidet so das Schicksal wie die großartigen Winkler Dünndruck-Ausgaben. Ich hatte vor zehn Jahren leichtsinnig Wielands Sämmtliche Werke als Reprint bei Greno weggegeben an die Forschungsstelle in Oßmannstedt, weil ich glaubte, bis zum Wielandjubiläum; wenn 250 Jahre seit der Ankunft des Dichters in Weimar vergangen sind, möchte die von Jan Philipp Reemtsma mitverantwortete und finanzierte Historisch-kritische Ausgabe, vorliegen, aber da hatte ich mich getäuscht; ein oder zwei Bände beim DKV oder bei Reclam, mehr ist auch heute nicht zu haben.


    In anderen Ländern läuft das ganz anders: In Michel Houellebecqs Roman Unterwerfung erhält die Hauptfigur François, ein Literaturwissenschaftler, sozusagen als Lockmittel für den Übertritt zum Islam und damit den Wiedereintritt in die Pariser Universität den Auftrag, eine wissenschaftliche Ausgabe der Werke Huysmans’ für die Pléiade zu besorgen. Daraus sieht man erstens, was es anderswo für Projekte gibt und zweitens; welchen Stellenwert diese haben. Wolfgang Matz schreibt zur deutschsprachigen Misere: „Muss das so sein? Nein. Denn wirft man einen Blick über den Tellerrand der Sprachgrenze, so wird das Desaster nur noch klarer. In Frankreich umfasst die berühmte Bibliothèque de la Pléiade – neben Hauptwerken der Weltliteratur – praktisch die gesamte französische Literatur: gut kommentierte Leseausgaben in nunmehr 660 Bänden, handlich, übersichtlich und unaufwendig durch knappen Satzspiegel und Dünndruck; der komplette Flaubert in fünf Bänden misst achtzehn Zentimeter im Regal, Stendhals Romane in drei Bänden vierzehn Zentimeter, zwei Bände Baudelaire acht; der Preis deshalb in Relation zum Inhalt moderat. Die Pléiade leistet genau das Notwendige: Wer die entsprechend ausgewählten Bände besitzt, der besitzt ein komplettes Korpus der französischen Literatur im einheitlichen Standard. In Italien tut die Reihe I Meridiani bei Mondadori Ähnliches, ebenfalls fortgesetzt bis weit ins zwanzigste Jahrhundert; nicht viel anders die Library of America.


    Im sogenannten Land der Dichter und der Denker gibt es so etwas nicht! Der Kahlschlag der letzten Jahrzehnte und die Torpedierung der klassischen Verlagswelt lassen wenig Spielraum für Hoffnungen und Träume zwischen zwei Buchdeckeln. Es bräuchte nach Matz eine seriöse Lenkung durch die Akademien und eine forcierte Förderung durch Politik und Wirtschaft. Wie der Öffentliche Nahverkehr und der medizinische Sektor, sage ich; bleibt die Wahrung der kulturellen und literarischen Tradition eine Frage öffentlichen Interesses und des Gemeinwohls. Statt Milliarden im Kampf gegen eine nur eingebildete Bedrohung von rechts zu verpulvern, sollte man lieber das Geld nehmen und in eine dem französischen Vorbild ähnliche Reihe investieren. In den Büchern unserer Großen lässt sich wesentlich mehr Gedankengut gegen alle Formen totalitärer Herrschaft finden als in allen modernen ideologischen Fest-, Hetz- und Kampfschriften. Diese Bücher sollte man natürlich in die Hand nehmen können; daheim lesen im Sessel, auf dem Sofa; oder im Park, am Strand und im Bett. Und auch für den, der nur eine Bücherwand zum Renommieren braucht; sollte genug gesorgt sein.


    Gibt es eine Reaktion in Deutschland auf solche Klagen? Natürlich nicht. Bestenfalls ereifern sich die tiefsinnigsten unserer flachen Köpfe darüber; dass es doch gar keinen Kanon gäbe; den man zu editieren vermöchte. Wir bräuchten auch gar keinen; denn die Gegenwart hätte andere Sichtweisen und Autoritäten nötig. Eine solche Perspektive ist einzigartig; alle anderen Länder mit großen Nationalliteraturen wissen genau, was ihre Klassiker sind und wer irgendwie kanonisch ist; die Franzosen, die Engländer, die Russen, ja selbst die Amerikaner. Natürlich ist jeder Kanon dazu da, pro Jahrhundert, Jahrzehnt, Jahr, Monat, Tag, ja stündlich geprüft zu werden und das über die Jahrtausende des geschriebenen Worts; aber das bedeutet auch, dass es ihn gibt. Es ist doch selbstverständlich; dass nicht alle Dichter und Schriftsteller kanonisch bleiben; die Welt verändert sich und mit ihr der Blickwinkel und die Bewertung; andere haben es aus unterschiedlichen Gründen nicht in den Kanon geschafft, obwohl sie hineingehörten; wieder andere sind drin, ohne dass man noch genau weiß warum eigentlich; und ganz anderes wurde gar nicht erst geschrieben, wäre aber sicher im Kanon gelandet.


    Ein Kanon ist ein wundersames Gebilde und er ist so ungerecht und undemokratisch, wie auf dieser Welt nur etwas ungerecht und undemokratisch sein kann. Aber ich wiederhole, er existiert: Was früher in der Schule gelesen wurde und an der Universität gelehrt; alles, was im Sieb der Jahrzehnte hängen bleibt, das ist irgendwann so etwas wie ein Kanon. Dieser Kanon hängt von sehr vielen außerliterarischen Gesichtspunkten ab und eine Grundvoraussetzung sind bezahlbare Bücher, die den Text durch die Zeiten tragen, damit willige Leser sie finden können. Es sind Bücher, die man immer wieder zur Hand nimmt und immer wieder liest; weil sie uns auch noch nach langer Zeit ansprechen und unsere eigene Zeit zu deuten vermögen. Man muss doch nur einen Band Wieland neben einen beliebigen Schmöker heute legen und parallel lesen; um zu erkennen; wie Inhalt, Form und Sprache sich unterscheiden; einen Aufsatz von Lessing neben den eines Denkers heute. Einen Kanon zu leugnen; kann nur die Ursache haben; dass sich die heutige intellektuelle Elite mit Blick auf die Vorfahren als äußerst durchschnittlich, ja mittelmäßig erkennen muss; als weit unterhalb eines einstigen denkerischen und schriftstellerischen Niveaus angesiedelt. Hass, Neid und Missgunst des unliterarischen Massenmenschen treffen hier ganz sicher nicht die Falschen; denn unsere Großen von einst waren ausgesprochene Feinde des Mittelmaßes.


    Wie stehen wir also heute da? Zum einen haben wir eben keine bezahlbaren Taschenbuchwerkausgaben unserer Klassiker oder all derer, die irgendwie in einen Kanon gehören könnten. Und die wenigen Ausgaben für Studium und Schule werden mit Warnhinweisen versehen, dass sich Lesende womöglich an gewissen Inhalten und Formulierungen stören könnten oder gar verletzt fühlen bis hin zum Trauma. Und im Text selbst wird bereinigt, getilgt, zensiert, umbenannt und in welcher Art auch immer übergriffig eingegriffen; die eigentliche Textgestalt ist nicht mehr gesichert. Hunderte Jahre Arbeit verdienstvoller Editionsphilologie werden hektisch dem Mainstream und Zeitgeist geopfert. Es werden Zeiten kommen; dass wir die Buchdealer unseres Vertrauens aufsuchen müssen, um umbereinigte, kritischen Ansprüchen genügende und ursprünglich bezahlbare Werkausgaben erwerben zu können; nun aber wieder unsäglich teuer, weil Drogen eben ihren Preis haben.