Yoricks Nachtgedanken bei Tage

    • Offizieller Beitrag

    Ich schrieb es schon, Japan wäre das einzige Ziel einer Fernreise, für das ich in ein Flugzeug steigen würde. Das wurde mir jetzt bei der Lektüre einiger Bücher von Haruki Murakami wieder klar. Es ist für mich einigermaßen unbegreiflich; wie jemandem wie mir die japanische Kultur gleichzeitig so fremd und so vertraut erscheinen kann; dass mich meine Faszination womöglich sogar einmal über meine Reisephobie siegen lässt.

    • Offizieller Beitrag

    Macht und Ohnmacht der Klassischen Musik: Im letzten Tatort "Murot und das Gesetz des Karma" ist der böse Handlanger des bösen Chefs so fasziniert von einem Konzert Klassischer Musik im Fernsehen; dass er abgelenkt wird, gebannt zum Bildschirm schaute, "Das ist großartige Musik"" murmelt und so mehr oder weniger aus Versehen sein Opfer zu Tode bringt durch Abriegelung der Luftzufuhr. Merke also: Im Schönen lauert die Gefahr!

    • Offizieller Beitrag

    Die furchtbaren Vorurteile: Kürzlich sah ich in der Mediathek des ZDF die Dokumentation "Von Peter bis Putin - Russlands starke Männer und eine Frau" aus der Reihe "ZDF-History" und da kam auch ein Alexander Graf von Schönburg, als Journalist und Buchautor firmierend, zu Wort. Da läuteten bei mir sogleich die Glocken, denn der Mann, der eigentlich vollständig Alexander Graf von Schönburg-Glauchau heißt, ist der "Vorstand" einer der ältesten deutschen Adels-Familien, ansässig seit alters her im westsächsisch-mitteldeutschen Raum, die mir durch meine jahrzehntelangen Forschungen zur Geschichte des Reußisches Hauses immer wieder begegnet ist; weil die Herren, Grafen und Fürsten Reuß mit anderen kleineren Häusern wie Mansfeld, Schwarzburg, Hohenlohe oder eben Schönburg intensive Beziehungen pflegten, oft auch über Hochzeiten und Patenschaften.


    Natürlich seit 1918 und besonders 1945 im stetigen Abstieg begriffen, verarmt und machtlos; mutmaßte ich sofort, der Graf möchte seinen Titel, seine Familiengeschichte, seine weit verzweigte Verwandtschaft etc. zum Gegenstand eines lukrativen Broterwerbs machen und über die Regenbogenpresse und Revolverblätter aus der hochadligen Vergangenheit hinreichend Kapitel schlagen für einen sozialen Aufstieg. Und tatsächlich liest man über ihn, dass er launig über Königshäuser, die feine Gesellschaft und wie man sich dort richtig benimmt, schreibe; wenn es um Europas Adelshäuser gehe, könne ihm keiner etwas vormachen. Und die Titel seiner Bücher klingen dann auch danach; das scheint nur seichtes, oberflächliches Geschreibsel zu sein; noch dazu unverfroren und verlogen wie bei "Die Kunst des stilvollen Verarmens. Wie man ohne Geld reich wird". Dann will man es doch genauer wissen; ersteht die Bücher, bei Medimops bekommt man alle zusammen für 20 oder 30 Euro; liest hinein und wird sofort eines Besseren belehrt.


    Ob es sich darum dreht, wie man Nichtraucher oder mit wenig Geld glücklich wird; welche Dinge überflüssig sind; man etwas über die europäische Adelsgesellschaft erfährt bis hoch zu den Königen oder Hinweise für den Smalltalk als Kunst des stilvollen Mitredens erhält; die Weltgeschichte to go geschildert wird; Fragen von Anstand und Benehmen nähergebracht werden oder eine Synthese aus moderner ökologischer Lebensweise und uraltem Hedonismus anvisiert wird - all das liest sich unglaublich unterhaltsam, lehrreich und vergnüglich; ist intelligent, stilsicher, ja beinahe philosophisch geschrieben und hat überhaupt nichts mit Regenbogenpresse, Bunten Blättern und der Yellow Press zu tun. Dafür wird zu oft tiefer geschürft, dienen die royalen und adligen Aufhänger; ob nun aus der privaten oder sonstigen Lebenswelterfahrung, zu oft nur als Ausgangspunkt für allgemein menschliche Fragen und wird nirgendwo eine Konzession an die breite Masse gemacht, keinerlei Ressentiment gepflegt und vor allem nie ein bestimmtes sprachliches und stilistisches Niveau unterschritten.


    Das Buch "Die Kunst des lässigen Anstands. 27 altmodische Tugenden für heute" von 2018 bei Piper möchte ich besonders hervorheben; hier gibt es von grundsätzlichen Fragen ausgehend und tief in die Geschichte greifend eine unaufgeregte und elegante Zeitanalyse; die klar benennt, ohne zu polemisieren, zu eifern und zu beleidigen; eine Wohltat in den aufgeregten Zeitläuften. Man muss wohl aus uraltem Adel stammen und dessen Niedergang am eigenen Leibe erfahren haben; um so tiefenentspannt und gelassen schreiben zu können.

    • Offizieller Beitrag

    Michael Mann, das jüngste Kind von Thomas Mann, erst Musiker, dann Literaturwissenschaftler; gab ab Mitte der 70er des 20. Jahrhunderts die Tagebücher seines Vaters heraus und nahm sich aller Wahrscheinlichkeit nach in der Neujahrsnacht 1977 das Leben. Es wird vermutet; dass ihn die Aufzeichnungen seines Vaters; er sei ein unerwünschtes Kind gewesen und sollte wegen des Gesundheitszustands seiner Mutter eigentlich abgetrieben werden, so sehr getroffen und aufgewühlt haben, dass er sich nicht anders zu helfen wusste. Wäre dies wahr; hätte man eine unglaubliche Tragödie vor sich; wenn der berühmte Vater, in dessen Schatten alle hochbegabten Söhne und Töchter immer standen und aus dem sie nie wirklich treten konnten, noch Jahrzehnte nach seinem eigenen Tod durch seine Schreibhand den eigenen Spross ins Grab schickt. Was sind der biblische Abraham und sein einziger Sohn Isaak; das Hildebrandslied oder König Lear gegen eine solche Konstellation?!

    • Offizieller Beitrag

    Die meisten nicht inhaltlichen Reaktionen auf meinen Text über die mehr als zweimal gelesenen Bücher nehmen natürlich darauf Bezug; dass man gar nicht verstehen könne, dass jemand so viel Zeit habe, um so viel zu lesen, noch dazu die gleichen Bücher immer wieder; man habe selber nicht so viel Zeit und genug anderes zu tun, Wichtigeres, Notwendigeres natürlich. Ich selbst habe ja auch schon darüber räsoniert und man kann natürlich nicht umhin festzustellen; dass das alles nur geht; wenn das Leseleben das eigentliche ist und man dem allgemeinen Verständnis nach kein "richtiges", "wirkliches", "reales" Leben lebt wie die meisten normalen Menschen. Das geht eben auch nur ohne eigene Familie, ohne Frau und Kinder; ohne Freunde, Bekannte und Verwandte; ohne jedes geselllschaftliche und soziale Leben und Engagement; wenn man beruflich nicht eingebunden ist; man sehr oft, also viele Monate und Jahre, krank und bewegungsunfähig zu Bette oder auf dem Sofa liegt; wenn man relativ früh abgeschoben wird in den Ruhestand oder eine Eremitage welcher Art auch immer. Das soll in keiner Weise nach Selbstmitleid und Larmoyanz klingen; das ist schlicht ein Befund, eine nüchterne Gegenrechnung von Zeit und Buchseiten.

    • Offizieller Beitrag

    Ich hatte ja schon früher an dieser Stelle auf die alten Folgen "Zur Person“ mit Günter Gaus aufmerksam gemacht und momentan kann man in der ZDF-Mediathek dankenswerterweise viele davon abrufen. Die mit Golo Mann vom 4. März 1965, die ich natürlich auch früher schon sah; habe ich mir in aller Ruhe zweimal angeschaut. Wenn man nur ein klein wenig Sinn für besondere Augenblicke und historische Konstellationen hat, kann man nicht umhin, sich über die eigene atemlose Ehrfurcht und ein nicht enden wollendes Interesse nicht zu wundern; darüber auch, dass man möchte, dass die anderthalb Stunden, an der schon zehn Minuten fehlen; nicht enden mögen und sich der Interviewer vielleicht doch noch traut, ein wenig persönlicher zu werden; obwohl man genau das auch fürchtet; weil einem der Interviewte so sehr am Herzen liegt.


    Dieser sitzt mit dem etwas breiteren Antlitz seines Vaters sichtlich ein wenig unwohl und nicht bequem, sondern eher wie auf einem elektrischen Stuhl der Light-Variante; wechselt immer mal wieder ostentativ die Position, seine Miene arbeitet schwer mit, um ja nichts zu sagen, dass er so nicht gesagt haben möchte. Der da sitzt, ist äußerlich betrachtet ein erfolgreicher und bedeutender Mann; in Wirklichkeit aber einer, der sein Leben lang schwer mit sich rang und kämpfte wider den Irrwitz der Welt und ihre unter anderem auch biografischen Zumutungen. Der Sohn eines berühmten Mannes sein zu müssen, ist schwer genug; der von Thomas Mann ganz besonders, vor allem, wenn man noch Onkel und Geschwister hat, die ebenfalls vor der Welt in Größe erscheinen. Erst habe die Welt viel zu wenig von ihm gewollt; nun aber wolle sie zu viel von ihm. Das ist schön gesagt und bitter erlebt. Ja, er sei anfällig für Resignation; auch für depressive Verstimmungen; aber er betrachte es als seine Pflicht, dagegen anzukämpfen.


    Da sitzt er, ein gefundenes Fressen noch heute für jeden Psychoanalytiker; vielleicht sogar schon zu langweilig für diese; weil die Befunde allzu klar auf dem Tisch liegen. Von seinem Vater habe er vor allem die Verachtung alles Extremen geerbt und die Liebe zu und das Auswendiglernen von Gedichten. Dass er allem Anschein nach noch etwas viel Wichtigeres, weil Prägenderes und Wirkmächtigeres für so ein Menschenleben geerbt hat wie sein älterer Bruder Klaus auch, sagt er nicht; erst viele Jahre später, wenige Tage vor seinem Tod gestand er es einem Reporter. Auch würde er in der großen Stadt verrückt werden, lebte lieber in einem Haus auf dem Land; am liebsten als Privatgelehrter im Wilhelminischen Kaiserreich. Sein halbes Leben wanderte er durch die Welt als Emigrant; dabei plagte ihn das Heimweh so; er hätte so gern Wurzeln geschlagen und so gerne weniger kämpfen, dulden und ausharren wollen. Wie ich ihn verstehe; ich, der ich den Mann so sehr verehre und fast liebe in einer Weise, die nichts mit dem Eros zu tun hat; sondern mit Schicksal, Büchern und Biografien.


    Wenn er selbst schreiben würde wie sein Vater, also als Romancier und Belletrist, dann käme eigentlich nur ein historischer Roman in Frage oder eben ein äußert subjektiver und sicher autobiografischer. Er sei der Meinung; dass man Geschichte so schreibe könne, dass es sich beinahe so fließend unterhaltend lese wie ein Roman und doch auch wissenschaftlich sei. Gaus lobt an dieser Stelle seine „Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts“; aber Golo Mann meint, das könne man sicher noch viel besser machen. Ich stutze; warum reden die beiden denn nicht von dem wahrscheinlichen bedeutendsten Buch deutscher Historiografie; einer Biografie, die selbst die erzählerisch traditionell sehr gute angelsächsische Geschichtsschreibung in den Schatten stellt, im deutschen Sprachraum aber unübertroffen ist bis heute, unerreichbar in ihrer inhaltlichen, sprachlich-stilistischen Einzigartigkeit?! Ja, Wallenstein interessiert ihn seit 45 Jahren; ohne dass er genau sagen könne warum; und ja; er wolle eine Biografie über ihn schreiben.


    Und da schaue ich und rechne nach; na klar, das Buch ist erst 1971 erschienen; sechs Jahre nach diesem Gespräch. Da setzt einem fast das Herz aus, wenn man sich vergegenwärtigt, dass zu diesem Zeitpunkt vielleicht noch keine einzige Zeile eines Werkes geschrieben ist; das die Zeiten überdauern wird und zu den einhundert schönsten Büchern zählt, die jemals in welcher Gattung auch immer in deutscher Sprache geschrieben worden sind. Das ist ein beinahe magischer Moment für den Späteren; der schon weiß, wie es kommen wird; die beiden da in ihren Sesseln wissen das noch nicht. Ich weiß, das wird der eine oder andere nicht nachvollziehen können; aber mich macht das fertig; wie das Medium mich zum Überlegenen macht, während ich schaue; obwohl die Geister, denen ich zuhöre, mich meilenweit überragen. Von wegen Zeitreisen wären nicht möglich und Prophezeiungen immer falsch, gibt es spannendere und wahrere? Dabei ist „Wallenstein. Sein Leben erzählt von Golo Mann“ eben kein historischer Roman geworden, auch keine reine wissenschaftliche Biografie; und das subjektive Buch wurde einfach zu „Erinnerungen und Gedanken“, „Eine Jugend in Deutschland“ und „Lehrjahre in Frankreich“; es sind klassische Memoiren. Die Flucht vor dem Vater endete erst im Grab.

    • Offizieller Beitrag

    Überlebenskampf in der Natur ist immer etwas, das man nur beim Lesen und vor dem Bildschirm aufregend findet: unsereins stirbt ja schon tausend Tode, wenn er die Straßenbahn verpasst, es im Zimmer dunkel ist; zwei Regentropfen in die Stube gelangen oder ein Meter Weg matschig ist. Der wirklich gute Film "Jungle" von Greg McLean aus dem Jahr 2017 mit dem Harry-Potter-Darsteller Daniel Radcliffe in der Hauptrolle bewies dies einmal mehr. Ich sah ihn schon einmal und er ist deshalb gelungen, weil er im ersten Teil die gruppendynamischen Prozesse sehr schön realistisch darstellt und im zweiten den Überlebenskampf im Dschungel. Absolut kein Wohlfühlfilm, sondern sehr nahe an der Realität und daher am Rande der Kunst.


    Ich denke, der Überlebenskampf eines Menschen in der Wüste, in der Steppe; im Hochgebirge, der Tundra, der Taiga; im verschneiten borealen Nadelwald Kanadas oder Sibiriens oder auch im ewigen Eis am Nord- oder Südpol ist für einen normalen Menschen auf den Sofa kaum vorstellbar. Den im Dschungel von Südamerika, Afrika oder Asien halte ich persönlich aber für am Schlimmsten: Zunächst natürlich das Klima innerhalb der üppigen Vegetation; Luftfeuchtigkeit gefühlt über 100 Prozent; ständiger Regen; keinen Schritt kann man gehen, ohne dass man über Wurzeln stolpert, in Gestrüpp und Schlingpflanzen hängenbleibt; einem die Blätter und Äste ins Gesicht peitschen und das unwegsame Gelände einem permanente Vorsicht abverlangt. Überall Gefahren durch Skorpione, giftige Schlangen, brennende Ameisen oder große Raubtiere; ständig von Mücken umschwärmt und für alle Arten von Parasiten ein gefundenes Fressen. Weiß Gott, lieber erfroren im Weißen Schweigen als erst lebend und dann tot verwesend im geräuschvollen und dann wieder beunruhigend ruhigen Regenwald.

    • Offizieller Beitrag

    Schläft Gott? Ich meine das nicht fundamental-theologisch oder allgemein ethisch-philosophisch etwa in Sachen Theodizee; wonach ein gütiger gerechter und barmherziger Gott unmöglich im wachen Zustand das ganze Leid auf der Welt zulassen könnte; oder gnostisch gesprochen die Schöpfung nur ein böser Traum Gottes ist; ein Alptraum, aus dem baldestmöglich zu erwachen man nur hoffen kann; sondern ganz schlicht und physiologisch-neurologisch im Sinne etwa der

    Giraffen, die ja meistens im Stehen dösen und nur sehr wenig richtig schlafen in einer komplett unmöglichen Körperstellung- und haltung.


    Nun mag die Frage naiv klingen angesichts des allmächtigen Schöpfers, der das Universum und alles darin geschaffen hat; ohne Anfang ist und ohne Ende; außerhalb von Raum und Zeit existiert; eben ewig ist und für uns Menschen unbegreiflich. Aber gesetzt den Fall, er schläft doch einmal; wie hat man sich das vorzustellen? Für ihn ist ja immer Tag und Nacht; schläft er lieber im Dunkeln oder im Hellen? Friert dann die Welt in Zeitlupe ein für die Dauer seines Nachtschlafes oder seines nachmittäglichen Nickerchens? Wann und wo schläft jemand, für den es Raum und Zeit nicht gibt; der diese erst für den Menschen schuf?


    Und es bleibt natürlich wie so oft das trinitarische Dogma, mit dem sich die katholische Theologie mächtig ins Knie geschossen hat vor 2000 Jahren. Wenn Gott schläft, schlafen dann Vater, Sohn und Heiliger Geist alle zusammen; da sie ja wesensgleich sind und nicht nur wesensähnlich, wie die Arianer behaupteten? Oder schläft immer nur einer und die anderen beiden wachen, was sicherheitstechnisch sicher von Vorteil wäre, weil vier Augen mehr sehen als zwei; oder schlafen zwei und einer wacht, was der Ausgeschlafenheit und Regenerierung der Mehrheit zu Gute käme?


    Einmal begonnen bleiben Fragen über Fragen: Schnarcht Gott? Redet er im Schlaf? Träumt er (siehe oben)? Klagt er über Nachtschweiß? Trägt er einen Pyjama oder schläft er wie alle Erfolgsmenschen nackt? Pupst er? Hat er noch Pollutionen? Schläft er lieber auf dem Rücken, auf dem Bauch oder auf der Seite? Und die Frage aller Fragen: Schläft er allein oder doch eher nicht? Und damit meine ich jetzt nicht Christus und die Taube; die sind ja sozusagen in Gott drin; nein ich rede natürlich von einer gänzlich anderen Person als jener, die Gott ist, und die sich irgendwie gendermäßig einordnen lässt. Aber das geht vielleicht zu weit, ist wirklich indiskret.

    • Offizieller Beitrag

    Nun, da in Italien und Schweden Rechtsbündnisse (die natürlich eigentlich Mitte-Rechts-Bündnisse sind; aber wer schert sich schon um Differenzierungen) die Wahlen gewonnen haben; kann die wertegeleitete und feministische Außenpolitik der Bundesrepublik natürlich nur mit Sanktionen reagieren; bis eine bessere Regierung gewählt wurde; natürlich wäre auch ein Ausschluss aus der EU bis dahin zu erwägen. Alle moralisch integeren Deutschen stornieren natürlich ihre Urlaubsreisen nach Italien und Schweden, in beinahe faschistische Länder darf man nicht fahren. Ich jedenfalls mache da keine Ausnahme; ich werde meine Venedigreise verschieben, bis Italien in den Schoss der demokratischen Staaten Europas zurückgeführt wurde; und auch das Angeln in Schweden muss ausfallen, bis die skandinavische Luft wieder rein ist vom pestilenzischen Gestank rechtspopulistischer Tiraden. Nach Ungarn und Polen fahre ich ja schon seit Jahren nicht mehr; wenn das freilich so weitergeht; haben wir in der BRD eine Reeisefreiheit wie zu DDR-Zeiten, aber für Frieden und Freiheit muss man auch persönlich etwas tun.

    • Offizieller Beitrag

    Das US-Magazin »Time« sieht unsere bundesdeutsche Außenministerin Annalena Baerbock als "aufstrebenden Star"; sie vermische „nahtlos Prinzipien und Pragmatismus“ . Der eine oder andere wird sich vielleicht verwundert die Augen reiben, fiel doch diese hierzulande vor allem durch ein abgebrochenes Promotionsvorhaben, einen gefälschten Lebenslauf; ein von ihr nicht selbst geschriebenes, sondern praktisch komplett plagiiertes Buch; und Äußerungen der Art auf, dass sie sich wenig bis gar nicht um die Meinungen ihrer Wähler schere; ganz abgesehen von den beinahe täglichen Fettnäppchen, in die sie tritt; und den vielen, viel zu vielen Beweisen ihrer kompletten Unbildung, Blauäugigkeit und Naivität; aber aus der Sicht der US-Amerikaner geht das schon in Ordnung; denn natürlich betreibt unsere schmucke Bundesministerin des Auswärtigen mitnichten eine werteorientierte und feministische Außenpolitik; sondern eine althergebrachte interessengeleitete; nur dass sie weniger bundesdeutsche Interessen als US-amerikanische vertritt; was in vielen Fällen deckungsgleich sein mag mit Blick auf das transatlantische Bündnis, aber eben nicht immer und jederzeit, wie ein Blick auf die derzeitigen Krisen in Europa zeigt.

    • Offizieller Beitrag

    Eine Privatbibliothek mit mehreren Außenstellen ist ein Ding der Unmöglichkeit für den Bücherliebhaber: Eben stecke ich wieder knietief in der Familie Mann, lese Golo Manns Memoiren wieder und hätte gerne seinen "Wallenstein" mit dem Roman Alfred Döblins verglichen, aber dessen Bände stehen natürlich sämtlich im Oberland; gerne hätte ich die eine oder andere Erinnerung mit der von Bruder Klaus verglichen, aber dessen "Wendepunkt" steht genauso 110km weit weg wie die Gesamtausgabe von Edgar Allen Poe, in der sich eine eher unbekannte Geschichte findet, die den kleinen Manns einst vorgelesen wurde.


    Umberto Eco mochte in seiner Stadtwohnung in Bologna mehrere tausend Bücher haben und in seinem Landhaus im Piemont mehrere zehntausend; das lässt sich nicht vergleichen, weil das im engeren Sinne keine Privatbibliothek mehr ist, deren Bände man innerhalb eines vernünftigen Zeitrahmens von mehreren Jahrzehnten in die Hand nehmen, darin blättern, etwas suchen oder sie wieder ganz lesen kann; das ist schon eher eine Sammlung im Geiste eines Kulturprojektes und eines juristischen Vorlasses für die literarischen Archive des Staates.


    Für meine nicht einmal 10.000, sondern nach den diversen Ausmistungen vielleicht noch 7.000 Bücher bräuchte ich noch etwa knapp 40 Quadratmeter, um sie alle unterzubringen in Regalen; also zwei normale Räume; oder wenigstens ein Zimmer; bei dem ich alle vier Wände bis hoch unter die Decke mit Büchern tapezieren könnte. Dieser Platz ist aber nicht vorhanden und das macht mich schier wahnsinnig und tief unglücklich. In der ganzen Kleinstadt finde ich keine Möglichkeit, die Bücher wenigstens vorläufig bunkern zu können in einer trockenen und für mich zugänglichen Räumlichkeit.

    • Offizieller Beitrag

    Heute wieder eingefallen und fröhlich bei Tisch gesungen:


    Der Fuchs schleicht durch den Wald
    der Fuchs schleicht durch den Wald.
    Er hat die Elster angeknallt
    jetzt fliegt sie schwanger durch den Wald.

    Der Fuchs schleicht durch den Wald


    Der Borstel hat´s geseh´n
    der Borstel hat´s geseh´n.
    Da blieb ihm gleich der Stachel stehn
    jetzt kann er nicht mehr pinkeln gehn
    Der Borstel hat´s gesehn


    Der Fuchs der schreit Hurra
    jetzt werd ich bald Papa
    Die Elster sagt, Du dummes Aas
    nicht du sondern der Uhu war´s
    Der Fuchs der schreit Hurra


    Als das der Uhu hört
    da ist er ganz empört
    Er sagt: Das kann doch gar nicht sein
    die Elster nimmt die Pille ein
    Der Uhu ist empört


    Es schnattert durch den Wald
    es schnattert durch den Wald
    Ich will nicht länger Jungfer sein
    jetzt lad´ ich mir das Füchslein ein
    Es schnattert durch den Wald


    Der Fuchs der ist bereit
    zu jeder Jahreszeit
    Doch geht ihm bald die Puste aus
    und Schnattchen geht geknickt nach Haus
    Der Fuchs der war bereit


    Der Pitti meint ach was
    der Pitti meint ach was
    Zu zweit das ist doch wie verhext
    ich bin viel mehr für Gruppensex
    Der Pitti meint ach was


    Der Meister Nadelöhr
    hat´s mit den Viechern schwer
    Drum richtet er in seinem Heim
    ne Sexualberatung ein
    Der Meister Nadelöhr


    Das kann natürlich nur ein Ossi verstehen; dem als Kind von den Erwachsenen womöglich die fröhliche Singstunde verboten wurde, obwohl er noch gar nicht wusste, worum es da genau ging.

    • Offizieller Beitrag

    Heute vor nun schon 32 Jahren, früher hätte man gesagt vor einer Generation; vollzog sich offiziell die deutsche Wiedervereinigung; und diese Wiederherstellung der Deutschen Einheit, die eigentlich verfassungsrechtlich nichts anderes war als ein Beitritt der fünf neuen Bundesländer zur alten Bundesrepublik, wird nun jedes Jahr am 3. Oktober mal mehr und mal weniger feierlich begangen und es steht zu vermuten, dass schon heuer die Polarisierung der Gesellschaft für ganz unterschiedliche offizielle und inoffizielle „Feiern“ mit ganz unterschiedlichen Ansätzen und Zielen sorgen wird. Über drei Jahrzehnte nach dem so geschichtsträchtigen Ereignis stehen andere bedeutende an, die auch viel weniger glücklich ausgehen können.


    Ich schrieb wohl schon häufiger aus verschiedenen Anlässen darüber, dass diese Einheit für mich persönlich ein sehr ambivalentes Ereignis ist und wohl bis zu meinem Lebensende auch bleiben wird. Das beginnt natürlich mit meinem Elternhaus: Meine Eltern sind beide Kinder der DDR, mein Vater stammt aus einer alteingesessenen Bauernfamilie, meine Mutter aus einer aus Ostpreußen geflüchteten Arbeiterfamilie, die sich zur Reichsbahn hochgearbeitet hat; beide völlig mittellos hätten niemals eine akademische Ausbildung ins Auge fassen können; aber der Arbeiter- und Bauernstaat ermöglichte ihnen das Abitur und nachfolgend das Studium der Landwirtschaft; bei dem sie sich kennenlernten und zu dessen Ende hin ich entstanden bin. Sie traten beide aus Überzeugung in die Partei ein und arbeiteten als Agrarökonomen bis zum Ende der DDR in verschiedenen Institutionen und Behörden von Staat und Partei und engagierten sich in vielfältiger Weise für Staat und Gesellschaft innerhalb der damaligen Möglichkeiten.


    Der Fall der Mauer traf sie beide hart: Wenn man mit knapp Mitte 40 mit beiden Beinen fest im Leben steht und verantwortungsvolle Positionen im Berufsleben innehatte und plötzlich binnen weniger Monate alles den Bach runtergeht, woran man geglaubt, wofür man gelebt und gekämpft hat; wenn die eigene Biografie plötzlich wie ausgelöscht und kriminalisiert erscheint; dann kann man kaum noch von einem bloßen Bruch in eben dieser Biografie sprechen; dann handelt es sich mental um eine Art Weltuntergang. Meine Mutter wurde sehr zeitig arbeitslos; die Einrichtung, der mein Vater vorstand, wurde aufgelöst und in anderer Form gut 50 Kilometer weiter neu installiert; wo er sich nach anderthalbstündiger Fahrt mit dem Trabant in subalterner Position unter lauter neu bestallten Westdeutschen wiederfand, die natürlich in keiner Weise etwas besser wussten oder konnten; ein unhaltbarer Zustand. Die Jahre zwischen 1990 und 1993, in denen meine Eltern verschiedene Versuche unternahmen, in verschiedenen Branchen Fuß zu fassen; waren sehr hart und sozial kaum zu stemmen. Ich studierte, mein Bruder ging noch zur Schule; das Haus, das Grundstück; die Großeltern in Rente.


    Aber meine Mutter war enorm stark und zog den Vater mit. Gemeinsam gründeten sie eine Firma für Steuer- und Wirtschaftsberatung; die sich langsam entwickelte; dafür aber stetig wuchs und im Jahr 2018 stolz ihr 25jähriges Firmenjubiläum feiern konnte. In diesem Alter noch die harte Ausbildung zu absolvieren; praktisch komplett neu anzufangen in einer unbekannten Branche; das ist eine Leistung, für die ich ihnen bis heute nicht genug Bewunderung und Respekt zollen kann. Ich selbst hätte das in diesem Alter nicht mehr geschafft; natürlich stand ich auch nie vor der Notwendigkeit und musste keinem Zwang gehorchen. Bis heute hadere ich ein wenig damit, dass die DDR nicht eher unterging; denn den Eltern hätte ich es zugetraut, mit zwei oder drei Jahrzehnten mehr Zeit der Familie einen Wohlstand erarbeitet zu haben; der uns Kinder finanziell unabhängig gemacht hätte und in keinen Brotberuf getrieben. Obwohl sie nun aber sozusagen erfolgreiche Vorzeigekapitalisten waren; blieben sie in ihrem Inneren Sozialisten, DDR-Bürger und klassische Linke; die den Untergang ihres Staates emotional nie verwunden haben und vielleicht ihr Kreuz an der Wahlurne auch heute noch, ich weiß das nicht mit Sicherheit; irgendwo links machen. Das ist schon eine Ironie der Geschichte, wenn sie quasi erfolgreich wider Willen in einem Gesellschaftssystem leben müssen, das sie eigentlich nicht lieben und für das falsche erachten; gleichzeitig aber im Herzen Kommunisten in reinen ursprünglichen Sinne geblieben sind.


    In diesem familiären Milieu sozialisiert und also in einem staatstreuen Elternhaus aufwachsend nimmt es nicht wunder, dass ich auch in früher Jugend zum glühenden Kommunisten, Jakobiner und Bolschewiken wurde. Sehr zeitig begann ich mich mit historischen und gesellschaftspolitischen Fragen zu beschäftigen und die Klassiker des Marxismus-Leninismus zu lesen. Ich engagierte mich bei den Pionieren und in der FDJ und der Weg in die Partei war mir praktisch vorgezeichnet: Daher wurde ich kurz nach meinem 18. Geburtstag Kandidat der SED; was gar nicht so leicht war; weil man die Kinder der Sozialistischen Intelligenz weniger haben wollte als Arbeiter- und Bauernkinder; und so wäre ich nach einem Jahr Probezeit im Frühjahr 1990 ordentliches Mitglied geworden; wozu es aber nicht mehr kam, obwohl ich zum EOS-Abschlussball als wohl einziger Abiturient der DDR mein Parteiabzeichen, das ich formal noch gar nicht hätte anheften dürfen, mit Stolz am Kragen meines Jacketts trug. Ich hatte am 1. September 1989 mein Studium an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU) begonnen; dort, wo meine Eltern auch studiert und meine Existenz besiegelt hatten: Als sie mich erwartungsfroh hinfuhren, fingen sie vielleicht das erste Mal in ihrem Leben am Sozialismus in den Farben der DDR an zu zweifeln; denn die Zustände in den Wohnunterkünften waren schlechter als noch bei ihnen 20 Jahre früher.


    Eigentlich hatte ich Geschichte und Philosophie und zwar in Jena studieren wollen; aber so lief das in der DDR nicht; da gab es eine zentrale Studienplatzvergabe und man durfte nur studieren, was gerade als gesellschaftlich nützlich erkannt wurde und gebraucht wurden neben Offizieren der NVA, für welche Laufbahn ich gesundheitlich nicht taugte, vor allem Lehrer, viele Lehrer. So half mir auch mein Abitur mit Auszeichnung nichts; statt Jena hieß es Halle an der Saale und statt Diplomhistoriker und Diplomphilosoph sollte ich mich in den Studiengang Diplomlehrer für Geschichte und Staatsbürgerkunde finden. So schlimm fand ich das damals nicht; denn es kristallisierte sich schnell heraus; dass ich wohl eher den Weg als Forschungs- und Promotionsstudent gehen würde; wahrscheinlich am Lehrstuhl für die Geschichte der Internationalen Arbeiterbewegung; es dort vielleicht zum Dozenten gebracht hätte und sogar zum Ordinarius, also Ordentlichen Professor, denn Parteimitglieder waren rar gesät im akademischen Milieu; die entschiedene Förderung durch Partei und Staat wäre mir sicher gewesen. Aber auch als Lehrer an einer POS oder EOS wäre ich sicher als Parteisekretär oder gar Schulleiter schnell aufgestiegen; ich mag gar nicht daran denken.


    Denn natürlich möchte ich aus heutiger Sicht, aus der historischen und persönlichen biografischen Perspektive heraus die DDR nicht wiederhaben; so sehr ich auch Sozialist war und es mir in der DDR an nichts fehlte; im Gegenteil fühlte ich mich glücklich und geborgen, ich vermisste nichts; erkannte ich natürlich schnell, das diese Art Staatssozialismus keine Zukunft haben konnte mit seiner Planwirtschaft, den nicht überzeugten unwilligen Bürgern und in einer kapitalistischen Umwelt, deren wirtschaftlichen Erfolgen man in keiner Weise gewachsen war. Schon als Jugendlicher hatte ich zahlreiche Mängel erkannt und auch zuweilen angesprochen; aber das ganze Ausmaß hätte ich erst im Berufsleben erfahren und wäre aufgerieben worden zwischen Partei und Staat auf der einen und dem einfachen Volk auf der anderen Seite. Denn auch die DDR hätte durchaus noch ein paar Jahre länger existieren können; man vergisst leicht, wie knapp das war mit der Friedlichen Revolution und dass bei einer Sowjetunion, die sich nicht so leicht hätte von Gorbatschow abwickeln lassen und einer entschlosseneren Partei- und Staatsführung auch eine Chinesische Lösung möglich gewesen wäre in Leipzig und anderswo und man dann wie in Nordkorea oder Kuba noch ein paar Jahre in Armut und Repression hätte zubringen müssen. Viele Mitglieder der Volkspolizei, der Kampftruppen oder auch der NVA hätten nie und nimmer auf das eigene Volk geschossen; aber es mag durchaus genug Überzeugte in all diesen Reihen gegeben haben, die für ein Blutbad unermesslichen Ausmaßes ausgereicht hätten.


    Ich aber, der ich nur wegen eines Mädchens hin und wieder die wenigen Kilometer von Halle mit nach Leipzig zur Montagsdemo fuhr, stand nach dem Fall der Mauer unter Schock. Historisch gesehen scheint alles immer so geradlinig und logisch in seiner Abfolge: Juni 1953 in der DDR, 1956 Ungarn; 1968 Prag; 1978 Johannes Paul II., 1980 Solidarność; 1983 Straußens Milliardenkredit für die DDR; 1985 Gorbatschow; der Sommer der Ausreise 1989 über Ungarn, die Flüchtlinge in der Prager Botschaft, die Montagsdemonstrationen im Nachklang der Feiern zum 40. Jahrestag der DDR und schließlich der berühmte 11. November. Niemand hat aber damals, weder im Sommer 1989 noch im Herbst wirklich daran geglaubt; dass alles so schnell gehen würde; niemand; wer etwas anderes sagt, der lügt oder macht sich selbst etwas vor. Was haben wir nächtelang in der Sektion Geschichte im so genannten Tschernyschewski-Haus (heute Logenhaus) diskutiert; in den FDJ-Versammlungen, in den Gewerkschaftsversammlungen; in den Parteiversammlungen: Jeder dort dachte damals noch an eine Reform des Sozialismus in den Farben der DDR; an einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz, an eine weiter bestehende DDR, die alte Fehler eingesteht und bereinigt und mit freiheitlichen und demokratischen Zügen eine neue Zukunft eröffnet. In nur wenigen Wochen und Monaten wurden all diese Überlegungen durch eine alles überrollende und zerstampfende gesellschaftliche Wirklichkeit ad absurdum geführt: Spätestens nach der Volkskammerwahl im März 1990 war klar, dass die Mehrheit der DDR-Bürger keine neue DDR wollte, sondern den Kapitalismus in den Farben der BRD; einmal mehr in der Geschichte hat der Tanz um das Goldene Kalb den Sieg davongetragen; wer wollte es den Leuten verdenken. Im Nu war alles in Auflösung begriffen an der Universität; kaum einer der Kommilitonen blieb und auch ich wechselte nach Jena und ersetzte Stabü durch Germanistik.


    Ich habe sehr lange gebraucht, um den Untergang der DDR zu verdauen; der Deutschen Fußballnationalmannschaft drückte ich erst nach der WM 1994 die Daumen; vielleicht schaffe ich das aber wie meine Eltern überhaupt nicht in Lebensfrist. Man wird nun denken, ich war doch erst achtzehneinhalb Jahre, als die Mauer fiel; aber durch meine Herkunft und mein besonderes emotionales und intellektuelles Interesse am Sozialismus und besonders den Schriften von Karl Marx und Friedrich Engels, Lenin blieb mir eher fremd, war ich ohne falsche Bescheidenheit in Seele und Geist mit meinen 18 Jahren schon dort, wo andere erst mit Mitte 20 nach dem Studium waren oder mit 30 nach der Parteihochschule. Wenn man in dieser Verfassung den vollständigen und totalen Zusammenbruch eines gesellschaftlichen Systems, das man für ewig erachtete, in materieller und ideeller Hinsicht erlebt hat; entwickelt man konsequenterweise ein anderes Weltbild als jemand, dem man nicht die Wirklichkeit umstürzte und selbst die eigene Biografie und die des alten Staates umdeutete. Auch wenn ich später erkannte, dass die DDR untergehen musste; ging mir doch für immer etwas unwiederbringlich verloren; für das es keinen Ersatz geben konnte: Der (wenn auch irrige) Glaube an eine gute und gerechte Gesellschaft; in der niemand ausgebeutet wird und alle gleichberechtigt glücklich werden können in Harmonie und Freiheit.


    Für den Kapitalismus an sich konnte ich zu diesem Zeitpunkt wenig übrighaben; zumal das Erleben eines sich die Reste der Ostzone einverleibenden raubtierhaften Kapitalismus in den Nachwendejahren sicher ohnehin nicht förderlich war für andere Einstellungen. So habe ich etwas Wichtiges verloren 1989/90 und dafür nichts anderes erhalten; im Grunde bin ich nie angekommen in der neuen Gesellschaftsordnung und im neuen Deutschland; obwohl auch ich mich erfolgreich in ihr bewegte und landläufigen Maßstäben nach erfolgreich war und nun sozial saturiert bin selbst als Frühpensionär. Aber ich persönlich glaube einfach nicht daran, dass der Kapitalismus die drängenden Probleme der Zeit wie Überbevölkerung, Energieversorgung, Überalterung, Pflege und medizinische Versorgung, Natur und Umwelt etc. wird lösen können; stattdessen erleben wir derzeit eine ebenso eigenartige wie unheilige Allianz eines global agierenden Kapitalismus mit einem doktrinären und schon totalitäre Züge annehmenden meinungs- und haltungsdominierenden grünen Linksliberalismus, der bestenfalls wieder die schlechten Eigenschaften eines kalten Imperialismus und die der alten DDR neu auflegen wird. Den Kapitalismus gibt es erst knapp 250 Jahre, im Vergleich zum Feudalismus und früheren Epochen ist er immer noch recht jung. Er ist unglaublich zäh und stark; er hat alle Ismen des 20. Jahrhunderts bezwungen; weder dem Faschismus noch dem Bolschewismus eine Chance gelassen, weil er wirtschaftlich derart stark ist und dem Wesen des Menschen näherkommt als alle ideologischen Prämissen. Aber auch er wird nicht ewig halten; Gewinn und Profit können niemals als alleiniger Maßstab gelten, wenn es um Menschen geht, um Menschlichkeit und Humanität. Die Zeit wird es weisen, wenn wir uns nicht vorher vom Planeten abgesprengt haben oder die Natur uns in Vorwärtsverteidigung von der Erde tilgt.


    Mein Bruder, acht Jahre jünger als; war zehn Jahre alt, als die innerdeutsche Grenze fiel. Ich bin sicher, er weiß nicht mehr, ob und warum er noch das blaue Halstuch trug; er wuchs sozusagen organisch und wie von selbst in die wiedervereinigte Bundesrepublik hinein, er kannte gar nichts anderes und erlebte keinerlei biografischen Bruch. Zusammen mit einer wohl angeborenen Begabung zum Kaufmann und Geschäftsmann; einer langsamen und zähen Entwicklung aller im Inneren schlummernden Talente und begünstigt durch die historische Entwicklung und die Existenz der elterlichen Firma gelang er ihm es aus diesem Betrieb in der Provinz verbunden mit dem Wechsel in eine größere Stadt ein richtig großes und florierendes Unternehmen zu schaffen; sodass man ihn in DDR-Terminologie als einen waschechten und sehr erfolgreichen Unternehmer und Kapitalisten bezeichnen könnte. Er sieht die Verhältnisse als gegeben an; hat innerhalb des Systems den Weg gewählt, der ihm liegt und nun auch genug Kapital einbringt; da gibt es keine Zweifel, keine Unsicherheiten; keine Trauer um Verlorenes und Vergangenes; sondern eine sehr gesunde Mischung aus Gegenwartsgenuss und Zukunftsplanung. Ich möchte nicht mit ihm tauschen, weil mir 16-Stunden-Tage im Büro wenig zusagen und selbst der Sonntag nur dem Namen nach existiert; ich auch nicht täglich mit Zahlenkolonnen, Wirtschaft, Steuern und Finanzen zu tun haben möchte; wobei der Verdienst, der sicher höher ist als bei einer Supermarktkassiererin oder einem Arbeiter am Band, immer noch weit entfernt ist von den ererbten oder nicht selbst erarbeiteten Vermögen der Upper class; aber wenn er auch nicht zu den Oberen Zehntausend gehört; so lebt er meines Erachtens sehr glücklich und ist zufrieden mit seiner beruflichen und privaten Entwicklung und macht sich auch nur wenig Gedanken über Gesellschaftsformen, Geschichte und Politik; die auf eine Reform oder größere Veränderung der derzeitigen Verhältnisse abzielen. Ob der Tag der Deutschen Einheit für ihn ein besonderer ist; kann ich gar nicht sagen, da müsste ich ihn erst befragen; ich kann es mir aber fast nicht vorstellen.


    Man sieht also, wie sich nur in einer Familie in nur zwei Generationen ein sehr ambivalentes Verhältnis zum heutigen Feiertag abbildet. Meinen Eltern bis heute ein Pfahl im Fleisch; ein Stachel im schmerzenden Gedächtnis; ein Symbol auch der eigenen Niederlage; dem älteren Sohn, also mir, ein historisches Ereignis, das mein Leben in zwei Hälften spaltete, obwohl ich jetzt schon um ein Vielfaches länger in der neuen Bundesrepublik lebe; und dem jüngeren Sohn, der seinen Weg gemacht hat in der neuen Zeit, die für ihn persönlich aber gar nicht wirklich neu war; sondern deren Dasein er als naturgegeben ansieht und daher vielleicht den 3. Oktober gar nicht wahrnimmt als die eigentliche Grundlage seiner glücklicheren Biografie, keines großen Nachsinnens und Bedenkens wert. Aber das ist die Geschichte ihrem Wesen nach; nie geradlinig; nie monokausal; ihre Eigengesetzlichkeit wahrend und die Gestaltungsmöglichkeiten des Menschen in der Welt eher belächelnd.


    Es gibt daher auch nur eines, was ich als alter „Ossi“ den „Wessis“ bis zum heutigen Tage wirklich übelnehme; nicht den Ausverkauf der DDR und das Plattmachen unliebsamer Konkurrenz in den ersten Nachwendejahren, nicht das Gesundstoßen der eigenen im Niedergang begriffenen Wirtschaft; nicht die Besetzung aller Stellen in Verwaltung, Wissenschaft etc. mit Personal aus dem Westen; nicht die jahrzehntelange Vernachlässigung, Diskriminierung und das Inkriminieren des Ostens; nicht das komplexe Gebilde der kapitalistischen Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung, nicht die Siegermentalität unterziehe ich einer Kritik. Wie das im Kapitalismus läuft, haben wir aus den Neuen Bundesländern alle im Staatsbürgerkundeunterricht gelernt; und wir wollten die Einheit und dieses System und wir haben es bekommen und es hat vielen nicht zum Nachteil gereicht. Was mich wirklich als einziges ärgert, ist die komplette Ignoranz sehr vieler Bürger aus den Alten Bundesländern gegenüber den mentalen Befindlichkeiten der Deutschen, die nach der Wende, ob sie diese nun gewollt haben oder nicht; in einer unglaublich schwierigen und meist überaus existenziellen Lebenssituation steckten, die die meisten Bundesbürger im Westen so niemals erlebt haben oder auch noch erleben werden. Ich schrieb das schon einmal in diesen Blättern, dass meine Frau und mich im Urlaub eine Frau aus dem Wendland – eine Akademikerin mit Lebenserfahrung – fragte, ob denn die Wende wirklich so hart für uns gewesen wäre. Sie wollte mich nicht auf den Arm nehmen oder foppen, sie meinte das wirklich ernst und war ehrlich interessiert. Und als ich ihr nach kurzen Augenblicken der Fassungslosigkeit von jahrelanger Arbeitslosigkeit der Eltern, Existenzangst, unglaublichem Druck beim Studium etc. sprach, konnte ich an ihren Augen sehen, dass sie sich sichtlich mühte, aber nicht verstand. Ein anderer kultivierter und kluger Kopf, der noch zu jung war seinerzeit, erinnerte sich, man habe die damaligen Ereignisse in seinem Umfeld mit einem Schulterzucken ohne viel Aufhebens zur Kenntnis genommen.


    Ich verstehe das auf der einen Seite, auf der anderen ist mir aber klar; dass die viel beschworene Innere Einheit solange nicht vollzogen sein wird; wie das gegenseitige Bemühen um Verständnis nicht erfolgt ist. Und mit jedem Jahr und jedem neuen 3. Oktober wird dieses Vorhaben aussichtsloser; stattdessen erwächst dem Osten eine neue eigenständige Identität aus der nicht vollzogenen Einheit; die gar nichts mehr mit der DDR zu tun hat; sich aber unter anderem in den beinahe 30prozentigen Wahlerfolgen der AfD in fast allen neuen Bundesländern zeigt, welche die LINKE als Partei und Sprachrohr des Ostens abgelöst hat. Wer die Zukunft des vereinten Deutschlands im Auge hat; wird diese Entwicklung nicht ignorieren können. Der Tag der Deutschen Einheit bleibt für mich also eher eine Herausforderung für die Zukunft, als dass man sich in seiner Geschichte sonnen und ausruhen könnte.

    • Offizieller Beitrag

    Die Kastanienzeit ist eine schöne, für viele auch eine sentimentale Erinnerung an die Kindheit; zumindest für die Kinder, die beim Sammeln und Basteln mit Freude dabei waren, wozu ich nicht gehörte, weil ich als Körperklaus mit zwei linken Händen und an jeder fünf Daumen natürlich das Werkeln mit der Frucht und Streichhölzern aus Riesa hasste; aber heute würde ich sie schon beinahe mögen; wenn nicht die bei uns wohnenden Hugin und Munin als die typischen intelligenten Vertreter ihrer Art mit den Kastanien auf dem Hausdach eine Drums-Kakophonie sondergleichen veranstalten würden; was klingt, als wäre die Oma unten gestürzt und schlüge nun an die Heizung zwecks Hilfe, weshalb ich schon des Öfteren die Treppen hinuntereilte, um nach dem Rechten zu sehen; aber es waren nur wieder die Mistviecher, die den Heidenlärm veranstalten, um die Kastanien, die sie schließlich auch einfach vom Himmel auf den Boden fallen lassen könnten, aufzubrechen und in aller Ruhe genüsslich zu verzehren.

    • Offizieller Beitrag

    Diese Woche: Mit meiner Frau in Richtung Merseburg, vorbei am Geiseltalsee und auch durch Braunsbedra, wo ich nun vor schon über zwanzig Jahren im Stadion des Friedens einem Sieg des FCC beiwohnte. Man ist als Ossi ja vieles gewohnt und Zeitz liegt ja nicht so weit entfernt; aber dass in Mücheln jedes zweite Haus halb verfallen oder als Ruine zwischen den anderen steht und überhaupt dort die Gegend an Trostlosigkeit kaum zu überbieten ist; das gibt einem schon zu denken.


    Meine Frau hat noch zu DDR-Zeiten an der Technischen Hochschule „Carl Schorlemmer“ Leuna-Merseburg (THLM) Chemie studiert; heute steht dort auf einem Bruchteil des Geländes eine Fachhochschule mit Haupt- und Nebengebäuden, Campus, Wohnheimen; ein Großteil der anderen früheren Baulichkeiten steht nicht nur einfach verlassen, das sind Ruinen, die Dächer zusammengefallen; die weiten Flächen drumherum unaufgeräumt und ungepflegt; es sieht aus wie nach dem Krieg. Merseburg selbst hat kein eigentliches Zentrum; aber alle Zugangsstraßen sind fest in der Hand erwerbstüchtiger Zuwanderer. Beim sechsten Dönerladen habe ich aufgehört zu zählen; dazu zahlreiche Griechen, Asiaten, Araber etc.; kaum eine deutsche Restauration; nur alte und kranke Menschen, kein einziger ansehnlicher.


    Wie ein Zauberschloss steht der Dom in dieser verwunschenen und verfluchten Stadt; ein Bauwerk von baulicher und geschichtlicher Bedeutung und Schönheit, wie man kaum noch eines in Deutschland findet; voller funkelnder und mentaler Schätze auf Schritt und Tritt. Dazu im Kulturhistorischen Museum des Schlosses auf drei Etagen und über für Invaliden fast schon unwegsame Gewölbesäle eine der besten Ausstellungen überhaupt im ganzen Land zur Geschichte der Stadt von der Ur- und Frühgeschichte bis zur Gegenwart; über die so bedeutende Ottonen-Zeit bis hin zum Chemiedreieck.