Yoricks Nachtgedanken bei Tage

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    Der neue Beauftragte für Kirchenfragen in der sächsischen Landesregierung wurde offiziell vorgestellt: Herr Dr. theol. Andi Grist will sich verstärkt um den Dialog seines obersten Dienstherren mit allen seinen Geschöpfen bemühen und gleichzeitig den Kampf gegen DAS Böse intensivieren, das sich gegenwärtig in allen gesellschaftspolitischen Bereichen manifestiert.

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    Ich hatte wohl schon häufiger gefragt, warum einen bestimmte Kunstwerke ansprechen und andere völlig kaltlassen. Es scheint darauf keine allgemeingültige Antwort zu geben. Als ich das erste Mal ein Bild von Jakob Bräckle sah, ein Feldweg zwischen Äckern, und zwar meiner Erinnerung nach im Deutschbuch der 5. oder 6. Klasse; vielleicht sogar im "Blickfeld Deutsch" (Schöningh/ Westermann); war ich sofort in Bann geschlagen und konnte meine Augen gar nicht mehr abwenden. Aber warum? Es gibt hunderte Landschaftsmaler, tausende solcher Sujets und Millionen solcher Bilder nun auch in modernen Form auf Fotografie oder im Film. Ich wusste da auch noch nicht, dass er ein Krüppel war wie ich selbst; ich wusste gar nichts von ihm, auch nicht von den späteren Anfeindungen, er sei nationalsozialistisch belastet und ein Völkischer.


    Natürlich: Er hat dörfliche Szenen gemalt und einsame Landschaften, aus denen der Mensch immer mehr verschwand. Bauern und Felder; das Lob der Scholle; das gefiel damals. Aber darin erschöpft sich die Kunst Bräckles nicht, sie wurzelt tiefer und lässt sich nicht vereinnahmen. Der bescheidene Mann lebte unauffällig und machte kein Aufhebens um seine Kunst. Einfachheit, Schlichtheit, Ehrlichkeit und die Tiefe des Blicks; dazu eine Könnerschaft, die Farben und Motive zwischen Romantik und Moderne in unverwechselbar eigener Manier behandelt. Ich kann diese Bilder stundenlang betrachten und langweile mich nicht. Sie tun mir so unendlich wohl und eine tiefe Ruhe senkt sich in mein Herz und aller Schmerz klingt leiser.

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    Gesundheit wird nicht nur als die Abwesenheit von Krankheit oder Behinderung, sondern vielmehr als ein Zustand des vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens definiert. Schaut man sich die Begriffsbildung genauer an, ist schnell klar; wie breit gefächert die Fläche zwischen „Gesundheit“ und „Krankheit“ ist, wie viele unterschiedliche Faktoren und Aspekte dabei eine Rolle spielen. Rein schulmedizinische Blickwinkel und streng naturwissenschaftlich-somatische Sichtweisen, die sich auf eindeutig objektivierbare Fakten und Größen stützen und sich an physiologischen und biochemischen Prozessen bzw. anatomischen Strukturveränderungen orientieren; sollten mit psychologisch orientierten Gesundheitsdefinitionen, die das subjektive Befinden ausdrücklich mit einbeziehen und Aspekte des Erlebens und Verhaltens bzw. psychische Funktionsbeeinträchtigungen in den Vordergrund rücken und Gefühle des Wohlbefindens, Freude am Dasein, Selbstverwirklichung und relativ gute Anpassung danach als Merkmale von Gesundheit betrachten, eine organische Einheit bilden.


    DIE Gesundheit gibt es demnach nicht. Das wissen Schulmediziner mit ganzheitlicher Perspektive und das wissen natürlich Alternativmedizin, Heilpraktiker, Homöopathen, Vertreter der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) und alle diejenigen, die sich mit gesundheitlichen Problemen und allen möglichen Facetten von Krankheit beschäftigen wie etwa Physiotherapeuten, Osteopathen, Pflegekräfte usw. Der Körper ist keine Maschine, auch wenn es mechanische Muster gibt; und das Verhältnis von Geist, Leib und Seele ist noch längst nicht ausgelotet vor allem mit Blick auf Linderung und Heilung.


    Daher ist die Orientierung an allgemeinen Werten und Maßstäben wirklich nur ein Grundgerüst, ein Korsett; das man zur Strukturierung benötigt. Ein Blutdruck von 120:80 mag die heute anvisierte Norm sein; aber individuell sind auch Werte von 140:90 oder 110:65 absolut vertretbar; weil jeder Mensch anders auf die physiologischen Grundlagen aufbaut und reagiert. Bei 1.80m Körpergröße kommen die einen mit 80kg gut durch den Alltag, andere aber eher mit 90kg und wieder andere mit 74kg. Das lässt sich für praktisch alle messbaren Werte ausführen, auch die der normalen Blutbilder. Es gibt immer eine Spanne und die neueren Normen sind oft genug auch durch die Pharmaindustrie mitinitiiert aus durchsichtigen Gründen. Gesundheit ist immer eine INDIVIDUELLE Angelegenheit; es ist IMMER eine EINZELFALLPRÜFUNG notwendig. Es macht wie immer die Mischung; der Goldene Mittelweg sollte gerade hier beschritten werden.


    Das meint zuallererst, dass Schulmedizin, Hochleistungsapparatemedizin und ganzheitliche und sanfte Ansätze Hand in Hand arbeiten. Dafür wäre es wie in allen anderen gesellschaftlichen Bereichen auch notwendig, das Entweder-Oder durch ein Sowohl-als-auch zu ersetzen und Schulter an Schulter an der Gesundung des Patienten zu arbeiten, die eben nicht nur die medikamentöse Einstellung meint oder die Bekämpfung von Symptomen; sondern den ganzen Menschen in den Blick nimmt, Ursachen freilegt, unbequeme Wahrheiten ausspricht und wieder auf die Selbstverantwortung des Menschen Bezug nimmt. Aber solange Menschen nur zur Reparatur ins Krankenhaus kommen und halbwegs funktionstüchtig wieder heraus und sonst nichts an ihrer Lebensweise ändern, werden sie auch nicht wirklich gesund. Und solange man in der Apotheke weiterhin kostenlos Medikamente gegen hohen Blutdruck und Diabetes bekommt, fahren die Leute weiter mit ihren Autos bis vor die Tür und quetschen sich mit Müh und Not hinter ihren Lenkrädern hervor.


    Ich zum Beispiel leide seit 17 Jahren an schwerem Tinnitus; das ist manche Tage extrem belastend und es gibt genügend Menschen, die bei meiner Dezibellast aus dem Fenster gesprungen sind, weil sie es nicht mehr ausgehalten haben. Mein Glück ist, dass ich praktisch immer fokussiert bin; auf ein Buch, einen Film, eine Musik, eine Arbeit, ein Gespräch, den Hund etc.; demzufolge ist mein Leidensdruck hier geringer als beispielsweise bei meinen Herzrhythmusstörungen, die mich seelisch stark belasten, weil sie kommen, wann sie wollen; ich keinerlei Einfluss auf sie habe und sie so meine Lebensqualität mehr als alles andere beeinträchtigen. Ich kenne aber jede Menge Leute, die ihr Vorhofflimmern gar nicht mitbekommen und sich erstaunt erst vom Arzt sagen lassen mussten, dass sie welches haben. Meine kaputten Knie sind zur Hälfte ein großes und zu anderen ein weniger missliches Problem. An sich sind die meisten meiner Aufgaben und Interessen ohne großen Bewegungsradius zu erledigen; also über Büchern sitzend, am Rechner und vor dem Fernseher. Andererseits geht bei mir ohne Hund, Natur und lange Spaziergänge bzw. Wanderungen nichts; ich brauche das wie das Atmen oder Speis und Trank. Aber wenn ich später mit dem Rollstuhl oder so einem Elektromobil trotzdem den Hund ausführen kann, werde ich nicht unglücklich sein. Ein Riesenangst dagegen habe ich vor Schlaganfällen, die das Sprachzentrum und überhaupt die Gehirnfunktionen in Mitleidenschaft ziehen; vor Demenz und Alzheimer: Mein Kopf ist das einzige Körperteil, das meistens funktioniert; ohne ihn möchte ich nicht leben. Daher käme ein ganzheitlicher Blick auf meine Befindlichkeiten zu ganz anderen Ergebnissen als bislang meine hundert Fachärzte, die sich selten miteinander in Verbindung setzen.


    DIE Gesundheit wird DAS Thema der Zukunft werden und ich hoffe neben einem mentalen und sozusagen philosophischen Umdenken der Menschen sehr auf die Genforschung und eine weiter fortschreitende Hochleistungsmedizin.

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    Eine Faustregel: Wenn man über Wochen und Monate trotz regelmäßiger Anwesenheit keinen Arzt zu Gesicht bekommt, geschweige denn zu einem medizinischen Austausch über den Patienten; und plötzlich drei Ärzte unterschiedlicher Fachrichtung und unterschiedlichen Ranges mit einem sprechen wollen und das Gespräch fast eine Stunde lang dauert, dann kann das nichts Gutes bedeuten, dann wird und ist es ernst.

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    Was mir derzeit wieder auffällt, ist; dass pauschale Urteile über Berufe und Berufsgruppen immer falsch sind. Es gibt hervorragende Ärzte und Ärztinnen, Pfleger und Krankenschwestern; sehr gute Ärzte und Ärztinnen, Pfleger und Krankenschwestern; gute Ärzte und Ärztinnen, Pfleger und Krankenschwestern und auf jeden Fall sehr viele richtig professionell arbeitende Ärzte und Ärztinnen, Pfleger und Krankenschwestern. Und es gibt solche, die als Mediziner und Mensch eher durchschnittlich sind, weniger gut, schlecht, wenig geeignet, gar nicht oder glatt fehlbesetzt. Die letzteren fallen einem aber besonders auf, sie prägen sich ein und formen zu oft ein falsches Bild vom Großen und Ganzen. Und bei Berufsgruppen wie der Medizinischen, bei Lehrern und Büroangestellten; also bei solchen, mit denen fast jeder im Alltag oft zu tun hat; fällt das noch einmal besonders stark ins Gewicht, weil die Aufmerksamkeit oft beansprucht wird und sich fokussiert. Wer kennt schon viele Tierpfleger aus dem Zoo, Piloten oder Bergleute?

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    Unser Leben gewinnt seine Qualität und Bedeutsamkeit dadurch, dass es endlich ist und nicht unendlich währt. Dadurch gewinnt jeder Augenblick an Bedeutung, umso mehr, weil man nicht weiß, wieviel Zeit einem selbst und seinen Lieben bleibt. Gleichzeitig ist es diese Endlichkeit, dieses Leben auf den sicheren Tod hin; die den Menschen von seiner Geburt an so drängend und bestimmt an ihn denken, sich vor ihm fürchten; an ihm zweifeln, verzweifeln und auch glauben lässt. Geburt und Tod bilden den Rahmen unserer Existenz; aber vor der Geburt sind wir bewusstlos, vor dem Tode sind wir es nicht.


    Mit der Geburt bereits beginnt unser Sterben, unser Verfall; lange bevor wir die Blüte erreichen und unsere Existenz sich rundet. Die einen ringen von Kindesbeinen an mit dem Tod, mit ihrer Furcht, ihrer Todesangst; manche von denen erlöschen früh, andere schöpfen Mut und Kraft und wachsen schaffend über sich hinaus ins ewige Leben. Die anderen nehmen den Tod als Zukunft und Ziel ihrer Existenz nicht wahr; sie leben und sie sterben und es ist eben wie es ist. Auch sie können verzweifeln und schaffen; aber sie sind zu sehr Wirklichkeit und Mensch, als dass sie den letzten Dingen zu nahekämen.


    Ich selbst habe mich mein Leben lang vor dem Tod gefürchtet; nicht vor meinem eigenen, den ich als meinen alten Freund betrachte; der mir beruhigend wie aus naher Ferne zulächelt; sondern dem meiner Lieben; von Menschen, die mir etwas bedeuten. Es ist in Worten nicht auszudrücken; was in einem Menschen vor sich geht, der Vater, Mutter, Bruder, Frau, Kind, Freund gehen lassen muss; vor der Zeit oder in ihr. Wenn man nur glauben könnte …

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    Wie viele Menschen wird es nur in Deutschland geben, die einen Film wie "Die siebente Saite" ("Tous les Matins du monde") von Alain Corneau mit der gleichen Hingabe und Faszination schauen? Die in der Musik versinken, die die Schauspieler großartig finden; die Kameraeinstellungen, die Texte; die gesamte so überaus traurige Grundstimmung und ins Depressive abgleitende allgegenwärtige Melancholie? Wem gibt das Trost und Seelenruhe und wem verursacht das keinen Schmerz und lässt ihn keinerlei Langeweile fühlen. Wer findet sich in so einem Kunstwerk wie ganz selbstverständlich wieder, ganz ohne irgendwelche avangardistischen Allüren und Kunstprahlerein? Wer möchte dem großartigen Jean-Pierre Marielle als Monsieur de Sainte-Colombe beständig in sein nur scheinbar starres und ausdrucksloses Gesicht schauen? Wem schaudert wohlig bei dem genialen Besetzungscoup, Vater und Sohn Depardieu für den alten und jungen Marin Marais zu gewinnen? Wer verliert sich in den Abgründen der Augen der von Anne Brochet so intensiv und unerbittlich gespielten Madeleine? Wer verfolgt atemlos den Abspann bis zum Ende und beginnt die beiden Stunden sofort erneut; aber diesmal mit der Originaltonspur in Französisch? Ist ein solcher Mensch noch normal oder schon verrückt?

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    Ich meine mich zu erinnern, in einem Buch gelesen oder in einer Dokumentation gesehen zu haben; dass allzu große Trauer über den Verlust eines Menschen oder irdischen Gutes aus theologischer Sicht nicht gutgeheißen wird, weil sie dem Schöpfer aller Dinge ans Zeug flicke, die endlichen und ewigen Maßstäbe verrücke und letztlich das Vetrauen und die Liebe zu Gott schmälere. Und auch wenn man als Mensch der Gegenwart sofort Einspruch erheben möchte und zetern wider die "Unmenschlichkeit" der christlichen Religion; so erweist sich bei näherem Hinsehen auch die uralte Lehre als sehr weise aus anthropologischer Sicht. Manchmal denke ich, die widersprüchlichsten Dogmen der Kirche sind immer noch hilfreicher und klüger als all die Behauptungen und Moralen der Moderne zusammen.

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    Sehr lange schon fragen sich Ur- und Frühgeschichte und verwandte Wissenschaften, ab wann der Vormensch, Frühmensch, Urmensch zum Jetztmensch wurde; oder Altertumshistoriker; wann die Hochkulturen und Ziviliationen begonnen haben. Um 300.000 Jahren vor Christus taucht der Homo Sapiens in Nordafrika auf; um 40.000 vor Christus in Europa als moderner Mensch. Spätestens 3000 Jahre vor Christus bilden sich in Mesopotamien und im unteren Nildelta die ersten Hochkulturen heraus; die sich über den Überschuss an landwirtschaftlichen Produkten, Schrift, Religion, Kultur, eine Armee, berufliche und spziale Ausdifferenzierung definieren. Ich aber denke, der Mensch beginnt mit dem Zeitpunkt, da er seine Toten nicht mehr liegenlässt im Wald oder in der Steppe; nicht eine Klippe hinunterschmeißt oder in einer Höhle verrotten lässt; sondern ganz bewusst Abschied nimmt, eine Bestattung durchführt, ein Begräbnis ausrichtet und sich etwas entwickelt, was wir später Sepulkralkultur nennen werden. Wobei es vielleicht auch Stimmen gibt, die sagen; dass mit den ersten metaphysischen Vorstellungen, den Religionen und Gottesbildern der Mensch schon wieder von der Bildfläche verschwindet.

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    Ein Warn- und Verbraucherhinweis: Das Medikament Opipramol hilft praktizierenden Musikern NICHT, modernen Instrumenten originale vorzuziehen und klassische Stücke historisch informiert aufzuführen; bestenfalls lindert es Lampenfieber und hebt die Stimmung; wobei die Gefahr beim Streichen, Hämmern, Tasten oder Dirigieren einzuschlafen nicht unbeträchtlich ist.

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    Aus der Rubrik Das Volk der Dichter und Denker, Teil 119:


    Wenn man sich überlegt, dass es keine vernünftige kommentierte Auswahlausgabe der Kanzelreden von Jacques Bossuet in deutscher Übersetzung gibt und auch keine Werkauswahl von François Fénelon; dann wird der eine oder andere einwenden; das sei doch heute Spezialwissen und nicht mehr wichtig, wen das interessiere, der solle doch bitte französisch lernen; aber mit dem Blick auf die großen Theaterautoren der französischen Klassik sieht es auch nicht besser aus; denn wir besitzen weder von Jean Racine noch von Pierre Corneille und nicht einmal vom großen Molière Gesammelte Werke in unserer Muttersprache. Für ein Kulturvolk wie das Deutsche unverzeihlich; das wäre so, als ob die Franzosen keinen Gottsched oder Lessing übersetzen würden. Ein paar Reclambändchen nützen hier wenig.

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    Mir ist noch einmal so richtig klar geworden, dass man als Geschichtslehrer oder überhaupt als Historiker heutzutage den gefährlichsten Beruf der Welt ausübt. Auf Schritt und Tritt läuft man derzeit Gefahr, mit belastbaren Kenntnissen der Geschichte und des belegbaren menschlichen Verhaltens und Handelns anzuecken bei der politisch-medial herrschenden Kaste und überhaupt bei all den Menschen und Bürgern, die eben nicht über so einen Wissenstand gebieten; aber sozusagen aus dem Bauch heraus und wie sie es moralisch gerne hätten, Geschichte neu konstruieren, umwerten und letztlich auslöschen. Nie war der Satz, man könne aus der Geschichte lernen; um die Gegenwart und die Zukunft positiver zu gestalten, falscher als in der Gegenwart des frühen 21. Jahrhunderts. Während genau das behauptet wird, nämlich aus der Geschichte zu lernen für das Heute; geschieht das nicht nur nicht; es wird bewusst, unbewusst; vorsätzlich und auch fahrlässig hintertrieben, indem man die Geschichte als Archiv, Beweis und Zeugen selbst beerdigt, ihre Erfahrungen ignoriert und leugnet und letztlich so tut, als sei der moderne Mensch ein Produkt der reinen Gegenwärt ohne alle Wurzeln in Zeit und Raum.

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    DIE Stille gibt es nicht; nur Stillen. Jede Stille ist anders, jeder Mensch erlebt jede Stille für sich ganz persönlich. Die Stille ist nicht nur Abwesenheit von Geräuschen und Lärm; lässt sich nicht messen nach der Art gleich oder sogar unter null Dezibel. Stille ist weniger ein äußerer als ein innerer Zustand. Sie definiert sich weniger durch ein Nicht als den gewaltigen, komplexen oder schlichten Kontext.


    Da ist die Stille in der Natur; die, wenn sie wirklich einmal stattfindet und keine Vögel mehr zu hören sind, kein Rauschen in den Blättern, so beängstigend sein kann. Da ist die Stille zwischen den Sätzen einer Sinfonie; in einer Atempause des Alltags zwischen Baustelle und Kinderlärm. Da ist die Stille in einer vollbesetzten Bibliothek, in einem gut besuchten Museum oder inmitten eines disziplinierten Konzertpublikums. Da ist die Stille in einer Kirche und natürlich die auf dem Friedhof. Da ist die Stille im Schützengraben vor der gegnerischen Offensive und die Stille nach dem Beischlaf. Und da ist die Stille nach dem Schuss, die beide Seiten so verschieden wahrnehmen.


    Und da ist die Grabesstille, die als Wort so schrecklich anmutet; obwohl sie doch das Ziel eins jeden Christenmenschen ist. Ist es stiller im Paradies oder in der Hölle? Ist Gott leise und der Teufel laut? In einem absolut schalldichten Raum ohne alle Geräusche soll ein Mensch auf Dauer wahnsinnig werden. Das klingt teuflisch. Aber ein permanentes Hallelujah mit der Harfe nicht minder. Wie still ist die ewige Ruhe? Das scheint mir die wahre Gretchenfrage.

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    Es gibt ja die Weisheiten, nach denen wir Menschen alleine geboren werden, alleine leben und alleine sterben; und man schreibt sie wechselseitig großen fernöstlichen, morgen- oder abendländischen Geistern zu. Zumindest bei der Geburt halte ich das aber für irrig; einmal ganz abgesehen davon, dass man über diese per se nicht mitentscheiden durfte. Aber allein? Wenigstens die Mutti ist dabei und heutzutage im Krankenhaus kann man davon ausgehen, dass sich dort wenigstens eine Hebamme, ein Frauenarzt, mehrere Schwestern; ein dem Kollaps naher Vater mit Handykamera und womöglich noch weitere Personen befinden. Das ist für so ein Baby entwürdigend: Jeder sieht seine Blöße, andere entscheiden über sein Geschlecht nach Augenmaß; das grelle Neonlicht, die kalten Fliesen; all das Blut und das Geschrei - von allein in Würde und Stille kann also überhaupt nicht die Rede sein. Wie soll, was so begann; einen normalen Fortgang nehmen und glücklich enden?