Yoricks Nachtgedanken bei Tage

  • Eines der Grundübel der Zeit ist die stetige Zunahme der infantilen Vorstellung, es gäbe das Gute und das Böse; gute und böse Menschen und man selber stünde auf der einen oder anderen Seite und kämpfe eben für das Gute oder Böse; wobei sich natürlich die Meisten auf der guten Seite wähnen. Diese Märchenvorstellung aus dem inzwischen globalen Kindergarten scheint je mehr sich auszuprägen, je komplexer die Welt wird. Die schlichte Wahrheit aber, dass in jedem Menschen das Gute wie das Böse schlummert, das sich je nach Wesen und Sozialisation in die eine oder andere Richtung ausprägen kann und auch mal so extrem ausschlägt, dass man von einem bösen oder guten Menschen mit einigem Recht wird sprechen können; will niemand hören, weil dann alle "gerechten Kreuzzüge" wider das Böse wie Kartenhäuser in sich zusammenfielen.

  • Was ich nicht verstehe, sind die vielen Feldhasen- und kaninchen heuer. Die springen plötzlich vor einem auf den Feldweg und statt wie früher querfeldein zu flüchten mit Haken und Kanten, laufen sie kilometerlang vor einem die Piste lang, bevor sie endlich verschwinden. Entweder sind sie bequem und dekadent geworden wie wir Menschen oder, was ich vermute, sie machen sich über mich und Babsi lustig.

  • Es bleibt mir rätselhaft, warum jemand wie ich; der immer einen schier unendlichen hat, immer wieder nachschlagen muss, wie Appetit geschrieben wird, wieviele ps und ts ...

  • Jetzt auf den Augen - Filme (2019)


    Ich war schon immer und zwar aus allgemein ethischen und prinzipiellen philosophischen Erwägungen heraus gegen die Todesstrafe; denn obwohl ich mit Schiller das Leben nicht für "der Güter höchstes" halte, bin ich der Auffassung, dass der Staat als Abstraktum keinen Menschen töten sollen dürfte, schon gar nicht aus Rache. Niemand hat das Recht, einem anderen Menschen das Leben zu nehmen; auch nicht der Staat als Gesamtheit der menschlichen Vollzüge.


    Wäre ich aber der Vater des Mädchens, das bestialisch vergewaltigt, mit Messerstichen traktiert und schließlich in den Hinterkopf geschossen wurde; würde ich den Täter nicht nur tot sehen wollen; ich würde ihn langsam und qualvoll sterben sehen wollen und ihm dabei unverwandt in die Augen schauen, bis der Blick bricht; und dann würde ich den Leichnam wie Achill den des Hector zwölf Tage um das Grab meiner Tochter schleifen und ihn dann wie den des Duce kopfüber aufgehängt dem wütenden Mob überlassen.


    Jan Philipp Reemtsma schreibt:

    Zitat

    „Die stupende Qualität des Films […] war, kein Angebot zu machen, die Empathie mit dem Mörder in der Todeszelle und mit den von ihm auf scheußliche Weise Ermordeten und ihren Angehörigen in irgendeiner Gesamtperspektive aufzulösen. Der Film war auf intelligenteste Weise aporetisch und also ein wirklich guter Ausgangspunkt für die Frage, worum es bei der Todesstrafe eigentlich geht.“

    Und er trifft wie so oft den Kern: Es kann hier keine Antwort geben, was richtig und falsch ist; eine allgemeine steht hier immer gegen eine sehr persönliche Ethik, das Problem ist nicht lösbar und wir müssen es als Menschen aushalten, dass der Rechtsstaat nicht überall mit Gesetzen und Regeln das menschliche Wesen in den Griff bekommt. Die Vorstellung, dass ein Mörder, obwohl lebenslang eingesperrt, dennoch atmet, wacht und schläft, isst und trinkt, raucht und fernsieht, lacht und weint, pisst und scheißt, Sport treibt oder sich einen runterholt; während sein Opfer das alles seit Jahren und Jahrzehnten nicht mehr kann und dessen Angehörigen auch kein Leben mehr haben; ist einfach zu viel für einen Menschen.

  • Faszinierend ist und das muss man erst einmal begreifen als Mann; dass bei Frauen der Unterschied zwischen dem, was sie sagen und zu wünschen vorgeben; und dem, was sie tatsächlich wollen, oft kaum größer sein könnte. Ob diese Prozesse bewusst oder unbewusst ablaufen, hier also Vorsatz oder Fahrlässigkeit obwalten, lässt sich nur schwer sagen; die Dominanz irrationaler naturhafter anti-intellektueller Strömungen nur vermuten. Der Grund hierfür könnte darin liegen, dass Frauen selbst nicht wissen, was sie eigentlich wollen; weil sie sich erstens ihrer wahren Natur nicht bewusst sind oder sich für sie schämen; und sie zweitens einfach nicht genug durch andere nichtsoziale Beschäftigungen gebunden sind, so dass sie zuviel Zeit zum Nachdenken und Unzufriedensein haben.

  • Manchmal muss man nur zitieren.

    Matthias Claudius

    Brief von Matthias Claudius an seinen Sohn Johannes



    Dieser Text begleitet mich, seit ich ihn das erste Mal hier gehört habe. Soviel ich weiß, war er für Schopenhauer auch sehr wichtig.

  • Man weiß ja, dass die heutige Gesellschaft die oberflächlichste aller Zeiten ist und dass kaum noch jemand wirklich nachdenkt, längere komplexe Texte liest und sich tiefgründig mit einem Thema oder Sachverhalt beschäftigt. Und trotzdem ist man immer wieder überrascht, wenn man dieser Entwicklung gewahr wird und dass sie nirgendwo haltmacht, nicht einmal in der Familiengruppe bei Whatsapp. Ich kann zwar auch und das recht gut Smalltalk, aber auf die Länge will ich mit den Leuten auch ernsthaft reden. Das geht heute nicht mehr und das will auch keiner. Wie wohltuend dann zum Beispiel hier, Widerspruch zu ernten und Anstöße zum Nachdenken zu bekommen, Balsam für die Seele und das Hirn.

  • Für mich immer wieder verblüffend, frappierend, konsternierend etc.; dass ausgerechnet diejenigen, die sich lauthals für weltoffen, tolerant und frei im Geiste halten, genau das alles ganz und gar nicht sind; im Gegenteil sogar oft die schlimmsten Spießer, bornierten Holzköpfe und engstirnigen Nichtdenker, deren Horizont nicht weiter reicht als bis zum Rand ihres Egos. Weltoffenheit heißt nämlich nicht, dass man bunte Sachen trägt, die Haare lang, grün wählt und die gesamte Menschheit liebt; sondern dass man in der Lage und willens ist, die Welt und alle in ihr lebenden Menschen in ihrer Komplexität, Vielgestaltig- und besonders Widersprüchlichkeit zu akzeptieren und zu verstehen.

  • Seit ich denken kann, begleiten mich die exotischen und so geheimnisvoll wie magisch klingenden Wörter Galizien, Bukowina, Wolhynien, Bessarabien oder Podolien; lange bevor ich wusste, dass es sich um historische Landschaften handelt und lange bevor ich Schrifsteller las, die wie Joseph Roth aus ihnen stammten und von ihnen zehrten und aus ihnen schrieben, egal, wo sie später auch lebten; lange auch bevor ich Dichter las wie Siegfried Lenz oder Günter Grass und erst recht unendlich lang, bevor ich Johannes Bobrowski lieben lernte und sein mythologisch-poetisches Sarmatien. Gibt es ein Leben vor der Lektüre?

  • Es gibt Texte, die kann man nur hinsetzen. Diesen hier traf ich in meinem ersten Jahr als Referendar in einem Lesebuch und kann ihn seitdem auswendig.


    Klabund (Alfred Henschke)

    Die Schlachtreihe



    Ich schlucke immer wieder aufs Neue.

  • Immer wenn ich über das aberwitzige 20. jahrhundert nachdenke, die vielen hundert Millionen Opfer für nichts und wieder nichts im Namen von Faschismus, Kommunismus und Kapitalismus; die sinnlose Verschwendung von Menschen und Material, die Vergeudung physischer und psychischer Ressourcen, die für das Wohl der gesamten Menschheit ausgereicht hätten; dann bedaure ich es manchmal wie Ulrich Horstmann, dass sich ebendiese nicht durch einen Atomkrieg selbst ausgelöscht und den Planeten erlöst hat von ihrer Gegenwart. Wie es in den Aufzeichnungen von Colonel Walter E. Kurtz Willard als handschriftliche Notiz steht: „Drop the Bomb. EXTERMINATE Them All!

  • Anlässlich der Feierlichkeiten zu 30 Jahren Wende und den noch zu erwartenden zu 30 Jahre deutsche Einheit gibt es immer wieder Spaßvögel, die tatsächlich vorwurfsvoll konstatieren, dass Ost und West noch immer nicht zusammengewachsen seien. Ich habe immer den Verdacht, dass manche Jeremiade ernst gemeint sein und es wirklich Menschen geben könnte, die eine innere Einheit für möglich halten.


    Dass das per se unmöglich ist, versteht sich! Formaljuristisch und also verfassungsrechtlich ist die DDR der BRD beigetreten nach Artikel 23 des Grundgesetzes alter Fassung, historisch gesehen hatte das sozialistische Experiment gegenüber dem realen Kapitalismus das Nachsehen. Es gab also keine Einheit auf Augenhöhe; dafür Sieger und Verlierer. Wer verlangt, dass West und Ost nach nur 30 Jahren zusammengewachsen wären, verlangt Unmögliches. So schnell die Einheit aus vor allem einer Reihe von glücklichen Umständen und Zufällen auch zustande kam, so wenig werden davon die essentiellen Aspekte berührt.


    Ich komme gerade wieder darauf, weil ich immer wieder Wortmeldungen aus den alten Bundesländern registriere, die den fundamentalen Unterschied dokumentieren. Im Urlaub des letzten Frühjahrs frug mich meine Vermieterin im Wendland – eine studierte Frau mit Lebenserfahrung – ob denn die Wende wirklich so hart für uns gewesen wäre. Sie wollte mich nicht auf den Arm nehmen oder foppen, sie meinte das wirklich ernst und war ehrlich interessiert. Und als ich ihr nach kurzen Augenblicken der Fassungslosigkeit von jahrelanger Arbeitslosigkeit der Eltern, Existenzangst, unglaublichem Druck beim Studium etc. sprach, konnte ich an ihren Augen sehen, dass sie sich sichtlich mühte, aber nicht verstand. Ein anderer kultivierter und kluger Kopf, der noch zu jung war seinerzeit, erinnerte sich, man habe die damaligen Ereignisse in seinem Umfeld mit einem Schulterzucken ohne viel Aufhebens zur Kenntnis genommen.


    Warum auch nicht, das ist doch nachvollziehbar! Für den einen Partner der „Einheit“ blieb alles beim Alten; alles blieb so, wie es war, auch wenn manches vielleicht lästigfiel wie der Soli oder die marodierenden Ossis im Grenzgebiet. Für die anderen änderte sich alles: Wer als ehemaliger DDR-Bürger den vollständigen und totalen Zusammenbruch eines gesellschaftlichen Systems, das man für ewig erachtete, in materieller und ideeller Hinsicht erlebt hat; entwickelt konsequenterweise ein anderes Weltbild als jemand, dem man nicht die Wirklichkeit umstürzte und selbst die eigene Biografie und die des alten Staates umdeutete. Zumal das Erlebnis eines sich die Reste der Ostzone einverleibenden raubtierhaften Kapitalismus sicher nicht förderlich war für andere Einstellungen.


    Ich vergleiche das gerne mit einer Beziehung, die erst spät zwischen zwei Menschen über die 40 zu Stande kommt: Beide haben bis dahin ihr eigenes Leben gelebt; haben sich etwas aufgebaut, arbeiten in ihren Berufen, haben erwachsene Kinder, Wohneigentum, gewachsene soziale Strukturen. Wenn nun einer für den anderen alles aufgibt, zu ihm zieht und so neben Wohnort- und Arbeitswechsel auch ein komplett neues soziales Umfeld dazukommt bei weitgehendem Verlust der eigenen älteren; so muss der Partner, für den alles so bliebt wie es ist und der höchstens ein wenig Platz machen muss im Haus, schon sehr reif und aufgeklärt sein, damit dieses Ungleichgewicht nicht mittelfristig zu Problemen und letztlich zur Trennung führt.


    Und im Osten wird das Bewusstsein einer Benachteiligung so lange sich fortschreiben; so lange Menschen leben, die das, selbst wenn sie noch zu jung waren 1990, an ihre Kinder und Kindeskinder als mentale Tradition weitergeben. Und solange man im Westen nicht begreift, dass man so gut wie alles falschgemacht hat in den letzten 30 Jahren, wird sich ebenfalls nichts ändern.

  • Meine neue Schule ist trotz aller Ausstattungsprobleme und sonstigen baulichen und sachlichen Mängel objektiv betrachtet ein Glücksfall - kurze Anfahrt, nette und vor allem viele junge Kollegen, vernünftige Schüler, eine entspannte Schulleiterin und überhaupt ein angenehmes Umfeld. Schon nach den wenigen Monaten habe ich mir wieder einen Stand erarbeitet, die Schüler akzeptieren und mögen mich; jüngere Kollegen schauen auf und suchen Rat. Dennoch fühle ich mich seltsam deplatziert; sehe mich von außen im Lehrerzmmer sitzen wie in einem Film; in dem ich zwar eine ganz gute Figur mache, aber eben nicht real bin. Es fühlt sich nicht echt an, nicht wahr, nicht so, wie es sein sollte. Dieses Gefühl hatte ich auch schon unterschwellig in meiner Heimatschule, aber nie so intensiv. Ich führe noch immer nicht mein wahres Leben; beruflich nicht und nicht privat.

  • Wenn man bedenkt, welche Möglichkeiten zur Information und Bildung allein das Medium Fernsehen im Gegensatz noch zu den 80ern und 90ern bietet, fällt die Desinformation und Missbildung breiter Bevölkerungsschichten noch mehr ins Gewicht! Wir haben heute DasErste mit seinen digitalen Kanälen Einsfestival, EinsPlus, Eins-Extra und seinen dritten Programmen BR, HR, MDR, NDR, Radio Bremen, RBB, SR, SWR, WDR; das ZDF mit seinen digitalen Ablegern zdf_neo, zdfinfokanal, zdf.kultur; dazu gesellen sich die bereits etablierten ARTE, 3sat, BR-alpha, PHOENIX; und zusätzlich kann man auf Sky etwa über ein Dutzend Spartensender zu Kultur, Geschichte, Natur und Technik buchen! Also allein über zwanzig für alle frei empfangbare Sender, die neben der Unterhaltung Kultur und Bildung großschreiben, gut das Doppelte, wenn man nicht geizig noch bis zu fünfzig Euro monatlich für Pay-TV ausgibt! Und da beziehe ich gar nicht die vielen Radiosender und Internetangebote in meine Überlegungen mit ein!


    Ein typischer Befund für unsere postmoderne Informations- und Dienstleistungsgesellschaft: Je umfassender und umfangreicher die Möglichkeiten zur Information und Bildung werden, desto weniger werden sie von der Masse genutzt bzw. kritisch und pragmatisch instrumentalisiert. In schlichten Worten: Die Leute werden trotz des neuen Reichtums an Möglichkeiten immer dümmer und gleichgültiger! Denn die massenhaft produzierten und publizierten Daten der Informationsgesellschaft wollen verarbeitet sein und das bedarf einer besonderen Kompetenz. Es ist leichter, aus wenigen Quellen zu schöpfen denn aus vielen! Das gilt jedoch vor allem für das Tagesgeschäft in Politik und Gesellschaft; es entschuldigt nicht die Blindheit und Faulheit angesichts der im TV dargebotenen Kultur- und Bildungsgüter!

  • Das Problem, lieber Yorick, sehe ich gerade in der Überfülle an Informationsmöglichkeiten. Das sprengt jeden Zeitrahmen!

    Also sucht man nach Filterungen und Präselektionen. Und das birgt sofort die Gefahr der "Filterblase" und damit der gezielten Falsch- oder Desinformation. Das wiederum machen sich die verschiedensten Gruppierungen und Körperschaften gezielt zunutze um die Meinung durch tatsächliche oder vermeintliche bzw. reduzierte Fakten in ihrem Sinne zu beeinflussen.

    Lucius Travinius Potellus
    Those who would give up essential Liberty, to purchase a little temporary Safety, deserve neither Liberty nor Safety. (B.Franklin)