Yoricks Nachtgedanken bei Tage

  • Eines der Grundübel der Zeit ist die stetige Zunahme der infantilen Vorstellung, es gäbe das Gute und das Böse; gute und böse Menschen und man selber stünde auf der einen oder anderen Seite und kämpfe eben für das Gute oder Böse; wobei sich natürlich die Meisten auf der guten Seite wähnen. Diese Märchenvorstellung aus dem inzwischen globalen Kindergarten scheint je mehr sich auszuprägen, je komplexer die Welt wird. Die schlichte Wahrheit aber, dass in jedem Menschen das Gute wie das Böse schlummert, das sich je nach Wesen und Sozialisation in die eine oder andere Richtung ausprägen kann und auch mal so extrem ausschlägt, dass man von einem bösen oder guten Menschen mit einigem Recht wird sprechen können; will niemand hören, weil dann alle "gerechten Kreuzzüge" wider das Böse wie Kartenhäuser in sich zusammenfielen.

    "Je edler das Ding und je allmächtiger, desto fürchterlicher und teuflischer ist der Mißbrauch. Brand und Ueberschwemmung, die schädlichen Wirkungen von Feuer und Wasser, sind nichts gegen das Unheil, das die Vernunft stiften wird – wohl zu merken, die Vernunft ohne Gefühl, wie sie nach den Merkmahlen dieser Zeit uns bevorsteht …“ Georg Forster aus Paris an seine Frau am 16. April 1793

  • Was ich nicht verstehe, sind die vielen Feldhasen- und kaninchen heuer. Die springen plötzlich vor einem auf den Feldweg und statt wie früher querfeldein zu flüchten mit Haken und Kanten, laufen sie kilometerlang vor einem die Piste lang, bevor sie endlich verschwinden. Entweder sind sie bequem und dekadent geworden wie wir Menschen oder, was ich vermute, sie machen sich über mich und Babsi lustig.

    "Je edler das Ding und je allmächtiger, desto fürchterlicher und teuflischer ist der Mißbrauch. Brand und Ueberschwemmung, die schädlichen Wirkungen von Feuer und Wasser, sind nichts gegen das Unheil, das die Vernunft stiften wird – wohl zu merken, die Vernunft ohne Gefühl, wie sie nach den Merkmahlen dieser Zeit uns bevorsteht …“ Georg Forster aus Paris an seine Frau am 16. April 1793

  • Aus einem frühen Romanfragment:


    Zitat


    Er sah ihn an: "Glauben sie an ein Leben vor dem Tod?"

    Der Mann schwieg.

    "Je edler das Ding und je allmächtiger, desto fürchterlicher und teuflischer ist der Mißbrauch. Brand und Ueberschwemmung, die schädlichen Wirkungen von Feuer und Wasser, sind nichts gegen das Unheil, das die Vernunft stiften wird – wohl zu merken, die Vernunft ohne Gefühl, wie sie nach den Merkmahlen dieser Zeit uns bevorsteht …“ Georg Forster aus Paris an seine Frau am 16. April 1793

  • Es bleibt mir rätselhaft, warum jemand wie ich; der immer einen schier unendlichen hat, immer wieder nachschlagen muss, wie Appetit geschrieben wird, wieviele ps und ts ...

    "Je edler das Ding und je allmächtiger, desto fürchterlicher und teuflischer ist der Mißbrauch. Brand und Ueberschwemmung, die schädlichen Wirkungen von Feuer und Wasser, sind nichts gegen das Unheil, das die Vernunft stiften wird – wohl zu merken, die Vernunft ohne Gefühl, wie sie nach den Merkmahlen dieser Zeit uns bevorsteht …“ Georg Forster aus Paris an seine Frau am 16. April 1793

  • Jetzt auf den Augen - Filme (2019)


    Ich war schon immer und zwar aus allgemein ethischen und prinzipiellen philosophischen Erwägungen heraus gegen die Todesstrafe; denn obwohl ich mit Schiller das Leben nicht für "der Güter höchstes" halte, bin ich der Auffassung, dass der Staat als Abstraktum keinen Menschen töten sollen dürfte, schon gar nicht aus Rache. Niemand hat das Recht, einem anderen Menschen das Leben zu nehmen; auch nicht der Staat als Gesamtheit der menschlichen Vollzüge.


    Wäre ich aber der Vater des Mädchens, das bestialisch vergewaltigt, mit Messerstichen traktiert und schließlich in den Hinterkopf geschossen wurde; würde ich den Täter nicht nur tot sehen wollen; ich würde ihn langsam und qualvoll sterben sehen wollen und ihm dabei unverwandt in die Augen schauen, bis der Blick bricht; und dann würde ich den Leichnam wie Achill den des Hector zwölf Tage um das Grab meiner Tochter schleifen und ihn dann wie den des Duce kopfüber aufgehängt dem wütenden Mob überlassen.


    Jan Philipp Reemtsma schreibt:

    Zitat

    „Die stupende Qualität des Films […] war, kein Angebot zu machen, die Empathie mit dem Mörder in der Todeszelle und mit den von ihm auf scheußliche Weise Ermordeten und ihren Angehörigen in irgendeiner Gesamtperspektive aufzulösen. Der Film war auf intelligenteste Weise aporetisch und also ein wirklich guter Ausgangspunkt für die Frage, worum es bei der Todesstrafe eigentlich geht.“

    Und er trifft wie so oft den Kern: Es kann hier keine Antwort geben, was richtig und falsch ist; eine allgemeine steht hier immer gegen eine sehr persönliche Ethik, das Problem ist nicht lösbar und wir müssen es als Menschen aushalten, dass der Rechtsstaat nicht überall mit Gesetzen und Regeln das menschliche Wesen in den Griff bekommt. Die Vorstellung, dass ein Mörder, obwohl lebenslang eingesperrt, dennoch atmet, wacht und schläft, isst und trinkt, raucht und fernsieht, lacht und weint, pisst und scheißt, Sport treibt oder sich einen runterholt; während sein Opfer das alles seit Jahren und Jahrzehnten nicht mehr kann und dessen Angehörigen auch kein Leben mehr haben; ist einfach zu viel für einen Menschen.

    "Je edler das Ding und je allmächtiger, desto fürchterlicher und teuflischer ist der Mißbrauch. Brand und Ueberschwemmung, die schädlichen Wirkungen von Feuer und Wasser, sind nichts gegen das Unheil, das die Vernunft stiften wird – wohl zu merken, die Vernunft ohne Gefühl, wie sie nach den Merkmahlen dieser Zeit uns bevorsteht …“ Georg Forster aus Paris an seine Frau am 16. April 1793

  • Faszinierend ist und das muss man erst einmal begreifen als Mann; dass bei Frauen der Unterschied zwischen dem, was sie sagen und zu wünschen vorgeben; und dem, was sie tatsächlich wollen, oft kaum größer sein könnte. Ob diese Prozesse bewusst oder unbewusst ablaufen, hier also Vorsatz oder Fahrlässigkeit obwalten, lässt sich nur schwer sagen; die Dominanz irrationaler naturhafter anti-intellektueller Strömungen nur vermuten. Der Grund hierfür könnte darin liegen, dass Frauen selbst nicht wissen, was sie eigentlich wollen; weil sie sich erstens ihrer wahren Natur nicht bewusst sind oder sich für sie schämen; und sie zweitens einfach nicht genug durch andere nichtsoziale Beschäftigungen gebunden sind, so dass sie zuviel Zeit zum Nachdenken und Unzufriedensein haben.

    "Je edler das Ding und je allmächtiger, desto fürchterlicher und teuflischer ist der Mißbrauch. Brand und Ueberschwemmung, die schädlichen Wirkungen von Feuer und Wasser, sind nichts gegen das Unheil, das die Vernunft stiften wird – wohl zu merken, die Vernunft ohne Gefühl, wie sie nach den Merkmahlen dieser Zeit uns bevorsteht …“ Georg Forster aus Paris an seine Frau am 16. April 1793

  • Manchmal muss man nur zitieren.

    Matthias Claudius

    Brief von Matthias Claudius an seinen Sohn Johannes



    Dieser Text begleitet mich, seit ich ihn das erste Mal hier gehört habe. Soviel ich weiß, war er für Schopenhauer auch sehr wichtig.

    "Je edler das Ding und je allmächtiger, desto fürchterlicher und teuflischer ist der Mißbrauch. Brand und Ueberschwemmung, die schädlichen Wirkungen von Feuer und Wasser, sind nichts gegen das Unheil, das die Vernunft stiften wird – wohl zu merken, die Vernunft ohne Gefühl, wie sie nach den Merkmahlen dieser Zeit uns bevorsteht …“ Georg Forster aus Paris an seine Frau am 16. April 1793

  • Man weiß ja, dass die heutige Gesellschaft die oberflächlichste aller Zeiten ist und dass kaum noch jemand wirklich nachdenkt, längere komplexe Texte liest und sich tiefgründig mit einem Thema oder Sachverhalt beschäftigt. Und trotzdem ist man immer wieder überrascht, wenn man dieser Entwicklung gewahr wird und dass sie nirgendwo haltmacht, nicht einmal in der Familiengruppe bei Whatsapp. Ich kann zwar auch und das recht gut Smalltalk, aber auf die Länge will ich mit den Leuten auch ernsthaft reden. Das geht heute nicht mehr und das will auch keiner. Wie wohltuend dann zum Beispiel hier, Widerspruch zu ernten und Anstöße zum Nachdenken zu bekommen, Balsam für die Seele und das Hirn.

    "Je edler das Ding und je allmächtiger, desto fürchterlicher und teuflischer ist der Mißbrauch. Brand und Ueberschwemmung, die schädlichen Wirkungen von Feuer und Wasser, sind nichts gegen das Unheil, das die Vernunft stiften wird – wohl zu merken, die Vernunft ohne Gefühl, wie sie nach den Merkmahlen dieser Zeit uns bevorsteht …“ Georg Forster aus Paris an seine Frau am 16. April 1793

  • Für mich immer wieder verblüffend, frappierend, konsternierend etc.; dass ausgerechnet diejenigen, die sich lauthals für weltoffen, tolerant und frei im Geiste halten, genau das alles ganz und gar nicht sind; im Gegenteil sogar oft die schlimmsten Spießer, bornierten Holzköpfe und engstirnigen Nichtdenker, deren Horizont nicht weiter reicht als bis zum Rand ihres Egos. Weltoffenheit heißt nämlich nicht, dass man bunte Sachen trägt, die Haare lang, grün wählt und die gesamte Menschheit liebt; sondern dass man in der Lage und willens ist, die Welt und alle in ihr lebenden Menschen in ihrer Komplexität, Vielgestaltig- und besonders Widersprüchlichkeit zu akzeptieren und zu verstehen.

    "Je edler das Ding und je allmächtiger, desto fürchterlicher und teuflischer ist der Mißbrauch. Brand und Ueberschwemmung, die schädlichen Wirkungen von Feuer und Wasser, sind nichts gegen das Unheil, das die Vernunft stiften wird – wohl zu merken, die Vernunft ohne Gefühl, wie sie nach den Merkmahlen dieser Zeit uns bevorsteht …“ Georg Forster aus Paris an seine Frau am 16. April 1793

  • Beginnt der Verfall einer Frau (oder meinetwegen ihre Reife), wenn man sie statt schön oder hübsch nun als attraktiv bezeichnet?

    "Je edler das Ding und je allmächtiger, desto fürchterlicher und teuflischer ist der Mißbrauch. Brand und Ueberschwemmung, die schädlichen Wirkungen von Feuer und Wasser, sind nichts gegen das Unheil, das die Vernunft stiften wird – wohl zu merken, die Vernunft ohne Gefühl, wie sie nach den Merkmahlen dieser Zeit uns bevorsteht …“ Georg Forster aus Paris an seine Frau am 16. April 1793

  • Seit ich denken kann, begleiten mich die exotischen und so geheimnisvoll wie magisch klingenden Wörter Galizien, Bukowina, Wolhynien, Bessarabien oder Podolien; lange bevor ich wusste, dass es sich um historische Landschaften handelt und lange bevor ich Schrifsteller las, die wie Joseph Roth aus ihnen stammten und von ihnen zehrten und aus ihnen schrieben, egal, wo sie später auch lebten; lange auch bevor ich Dichter las wie Siegfried Lenz oder Günter Grass und erst recht unendlich lang, bevor ich Johannes Bobrowski lieben lernte und sein mythologisch-poetisches Sarmatien. Gibt es ein Leben vor der Lektüre?

    "Je edler das Ding und je allmächtiger, desto fürchterlicher und teuflischer ist der Mißbrauch. Brand und Ueberschwemmung, die schädlichen Wirkungen von Feuer und Wasser, sind nichts gegen das Unheil, das die Vernunft stiften wird – wohl zu merken, die Vernunft ohne Gefühl, wie sie nach den Merkmahlen dieser Zeit uns bevorsteht …“ Georg Forster aus Paris an seine Frau am 16. April 1793

  • Es gibt Texte, die kann man nur hinsetzen. Diesen hier traf ich in meinem ersten Jahr als Referendar in einem Lesebuch und kann ihn seitdem auswendig.


    Klabund (Alfred Henschke)

    Die Schlachtreihe



    Ich schlucke immer wieder aufs Neue.

    "Je edler das Ding und je allmächtiger, desto fürchterlicher und teuflischer ist der Mißbrauch. Brand und Ueberschwemmung, die schädlichen Wirkungen von Feuer und Wasser, sind nichts gegen das Unheil, das die Vernunft stiften wird – wohl zu merken, die Vernunft ohne Gefühl, wie sie nach den Merkmahlen dieser Zeit uns bevorsteht …“ Georg Forster aus Paris an seine Frau am 16. April 1793

  • Immer wenn ich über das aberwitzige 20. jahrhundert nachdenke, die vielen hundert Millionen Opfer für nichts und wieder nichts im Namen von Faschismus, Kommunismus und Kapitalismus; die sinnlose Verschwendung von Menschen und Material, die Vergeudung physischer und psychischer Ressourcen, die für das Wohl der gesamten Menschheit ausgereicht hätten; dann bedaure ich es manchmal wie Ulrich Horstmann, dass sich ebendiese nicht durch einen Atomkrieg selbst ausgelöscht und den Planeten erlöst hat von ihrer Gegenwart. Wie es in den Aufzeichnungen von Colonel Walter E. Kurtz Willard als handschriftliche Notiz steht: „Drop the Bomb. EXTERMINATE Them All!

    "Je edler das Ding und je allmächtiger, desto fürchterlicher und teuflischer ist der Mißbrauch. Brand und Ueberschwemmung, die schädlichen Wirkungen von Feuer und Wasser, sind nichts gegen das Unheil, das die Vernunft stiften wird – wohl zu merken, die Vernunft ohne Gefühl, wie sie nach den Merkmahlen dieser Zeit uns bevorsteht …“ Georg Forster aus Paris an seine Frau am 16. April 1793

  • Anlässlich der Feierlichkeiten zu 30 Jahren Wende und den noch zu erwartenden zu 30 Jahre deutsche Einheit gibt es immer wieder Spaßvögel, die tatsächlich vorwurfsvoll konstatieren, dass Ost und West noch immer nicht zusammengewachsen seien. Ich habe immer den Verdacht, dass manche Jeremiade ernst gemeint sein und es wirklich Menschen geben könnte, die eine innere Einheit für möglich halten.


    Dass das per se unmöglich ist, versteht sich! Formaljuristisch und also verfassungsrechtlich ist die DDR der BRD beigetreten nach Artikel 23 des Grundgesetzes alter Fassung, historisch gesehen hatte das sozialistische Experiment gegenüber dem realen Kapitalismus das Nachsehen. Es gab also keine Einheit auf Augenhöhe; dafür Sieger und Verlierer. Wer verlangt, dass West und Ost nach nur 30 Jahren zusammengewachsen wären, verlangt Unmögliches. So schnell die Einheit aus vor allem einer Reihe von glücklichen Umständen und Zufällen auch zustande kam, so wenig werden davon die essentiellen Aspekte berührt.


    Ich komme gerade wieder darauf, weil ich immer wieder Wortmeldungen aus den alten Bundesländern registriere, die den fundamentalen Unterschied dokumentieren. Im Urlaub des letzten Frühjahrs frug mich meine Vermieterin im Wendland – eine studierte Frau mit Lebenserfahrung – ob denn die Wende wirklich so hart für uns gewesen wäre. Sie wollte mich nicht auf den Arm nehmen oder foppen, sie meinte das wirklich ernst und war ehrlich interessiert. Und als ich ihr nach kurzen Augenblicken der Fassungslosigkeit von jahrelanger Arbeitslosigkeit der Eltern, Existenzangst, unglaublichem Druck beim Studium etc. sprach, konnte ich an ihren Augen sehen, dass sie sich sichtlich mühte, aber nicht verstand. Ein anderer kultivierter und kluger Kopf, der noch zu jung war seinerzeit, erinnerte sich, man habe die damaligen Ereignisse in seinem Umfeld mit einem Schulterzucken ohne viel Aufhebens zur Kenntnis genommen.


    Warum auch nicht, das ist doch nachvollziehbar! Für den einen Partner der „Einheit“ blieb alles beim Alten; alles blieb so, wie es war, auch wenn manches vielleicht lästigfiel wie der Soli oder die marodierenden Ossis im Grenzgebiet. Für die anderen änderte sich alles: Wer als ehemaliger DDR-Bürger den vollständigen und totalen Zusammenbruch eines gesellschaftlichen Systems, das man für ewig erachtete, in materieller und ideeller Hinsicht erlebt hat; entwickelt konsequenterweise ein anderes Weltbild als jemand, dem man nicht die Wirklichkeit umstürzte und selbst die eigene Biografie und die des alten Staates umdeutete. Zumal das Erlebnis eines sich die Reste der Ostzone einverleibenden raubtierhaften Kapitalismus sicher nicht förderlich war für andere Einstellungen.


    Ich vergleiche das gerne mit einer Beziehung, die erst spät zwischen zwei Menschen über die 40 zu Stande kommt: Beide haben bis dahin ihr eigenes Leben gelebt; haben sich etwas aufgebaut, arbeiten in ihren Berufen, haben erwachsene Kinder, Wohneigentum, gewachsene soziale Strukturen. Wenn nun einer für den anderen alles aufgibt, zu ihm zieht und so neben Wohnort- und Arbeitswechsel auch ein komplett neues soziales Umfeld dazukommt bei weitgehendem Verlust der eigenen älteren; so muss der Partner, für den alles so bliebt wie es ist und der höchstens ein wenig Platz machen muss im Haus, schon sehr reif und aufgeklärt sein, damit dieses Ungleichgewicht nicht mittelfristig zu Problemen und letztlich zur Trennung führt.


    Und im Osten wird das Bewusstsein einer Benachteiligung so lange sich fortschreiben; so lange Menschen leben, die das, selbst wenn sie noch zu jung waren 1990, an ihre Kinder und Kindeskinder als mentale Tradition weitergeben. Und solange man im Westen nicht begreift, dass man so gut wie alles falschgemacht hat in den letzten 30 Jahren, wird sich ebenfalls nichts ändern.

    "Je edler das Ding und je allmächtiger, desto fürchterlicher und teuflischer ist der Mißbrauch. Brand und Ueberschwemmung, die schädlichen Wirkungen von Feuer und Wasser, sind nichts gegen das Unheil, das die Vernunft stiften wird – wohl zu merken, die Vernunft ohne Gefühl, wie sie nach den Merkmahlen dieser Zeit uns bevorsteht …“ Georg Forster aus Paris an seine Frau am 16. April 1793

  • Meine neue Schule ist trotz aller Ausstattungsprobleme und sonstigen baulichen und sachlichen Mängel objektiv betrachtet ein Glücksfall - kurze Anfahrt, nette und vor allem viele junge Kollegen, vernünftige Schüler, eine entspannte Schulleiterin und überhaupt ein angenehmes Umfeld. Schon nach den wenigen Monaten habe ich mir wieder einen Stand erarbeitet, die Schüler akzeptieren und mögen mich; jüngere Kollegen schauen auf und suchen Rat. Dennoch fühle ich mich seltsam deplatziert; sehe mich von außen im Lehrerzmmer sitzen wie in einem Film; in dem ich zwar eine ganz gute Figur mache, aber eben nicht real bin. Es fühlt sich nicht echt an, nicht wahr, nicht so, wie es sein sollte. Dieses Gefühl hatte ich auch schon unterschwellig in meiner Heimatschule, aber nie so intensiv. Ich führe noch immer nicht mein wahres Leben; beruflich nicht und nicht privat.

    "Je edler das Ding und je allmächtiger, desto fürchterlicher und teuflischer ist der Mißbrauch. Brand und Ueberschwemmung, die schädlichen Wirkungen von Feuer und Wasser, sind nichts gegen das Unheil, das die Vernunft stiften wird – wohl zu merken, die Vernunft ohne Gefühl, wie sie nach den Merkmahlen dieser Zeit uns bevorsteht …“ Georg Forster aus Paris an seine Frau am 16. April 1793

  • Wenn man bedenkt, welche Möglichkeiten zur Information und Bildung allein das Medium Fernsehen im Gegensatz noch zu den 80ern und 90ern bietet, fällt die Desinformation und Missbildung breiter Bevölkerungsschichten noch mehr ins Gewicht! Wir haben heute DasErste mit seinen digitalen Kanälen Einsfestival, EinsPlus, Eins-Extra und seinen dritten Programmen BR, HR, MDR, NDR, Radio Bremen, RBB, SR, SWR, WDR; das ZDF mit seinen digitalen Ablegern zdf_neo, zdfinfokanal, zdf.kultur; dazu gesellen sich die bereits etablierten ARTE, 3sat, BR-alpha, PHOENIX; und zusätzlich kann man auf Sky etwa über ein Dutzend Spartensender zu Kultur, Geschichte, Natur und Technik buchen! Also allein über zwanzig für alle frei empfangbare Sender, die neben der Unterhaltung Kultur und Bildung großschreiben, gut das Doppelte, wenn man nicht geizig noch bis zu fünfzig Euro monatlich für Pay-TV ausgibt! Und da beziehe ich gar nicht die vielen Radiosender und Internetangebote in meine Überlegungen mit ein!


    Ein typischer Befund für unsere postmoderne Informations- und Dienstleistungsgesellschaft: Je umfassender und umfangreicher die Möglichkeiten zur Information und Bildung werden, desto weniger werden sie von der Masse genutzt bzw. kritisch und pragmatisch instrumentalisiert. In schlichten Worten: Die Leute werden trotz des neuen Reichtums an Möglichkeiten immer dümmer und gleichgültiger! Denn die massenhaft produzierten und publizierten Daten der Informationsgesellschaft wollen verarbeitet sein und das bedarf einer besonderen Kompetenz. Es ist leichter, aus wenigen Quellen zu schöpfen denn aus vielen! Das gilt jedoch vor allem für das Tagesgeschäft in Politik und Gesellschaft; es entschuldigt nicht die Blindheit und Faulheit angesichts der im TV dargebotenen Kultur- und Bildungsgüter!

    "Je edler das Ding und je allmächtiger, desto fürchterlicher und teuflischer ist der Mißbrauch. Brand und Ueberschwemmung, die schädlichen Wirkungen von Feuer und Wasser, sind nichts gegen das Unheil, das die Vernunft stiften wird – wohl zu merken, die Vernunft ohne Gefühl, wie sie nach den Merkmahlen dieser Zeit uns bevorsteht …“ Georg Forster aus Paris an seine Frau am 16. April 1793

  • Ich komme nie über mein Kopfschütteln hinweg, dass es immer noch und immer mehr Menschen gibt, die sich für die Guten halten und für das Gute kämpfen; während irgendwelche anderen böse sind und mit ihnen das Böse bekämpft werden muss. Ist noch immer nicht angekommen bei diesen Märchenbrüdern und -schwestern; dass, wer sich im Alleinbesitz der Wahrheit dünkt und einen Alleinvertretungsanspruch auf diese erklärt, selbst den ersten Schritt ins abgrundtief Böse hineingetan hat?! Dass, wer sich überhebt und zum besseren Menschen erklärt, eben genau das Gegenteil davon wird und ist?! Es gibt weder das Gute, noch das Böse; weder gute, noch schlechte Menschen! Beides ist in allen Menschen angelegt, mal mehr, mal weniger; und manchmal kann es einem so vorkommen, wenn der eine oder andere Teil stark überwiegt, dass man einen Heiligen oder einen Teufel vor sich hat. Aber in welche Richtung sich alles entwickelt, das bestimmen die Umstände und zahlreiche Zufälle und auch das Schicksal.

    "Je edler das Ding und je allmächtiger, desto fürchterlicher und teuflischer ist der Mißbrauch. Brand und Ueberschwemmung, die schädlichen Wirkungen von Feuer und Wasser, sind nichts gegen das Unheil, das die Vernunft stiften wird – wohl zu merken, die Vernunft ohne Gefühl, wie sie nach den Merkmahlen dieser Zeit uns bevorsteht …“ Georg Forster aus Paris an seine Frau am 16. April 1793

  • Natürlich ist es so, dass der Lehrerberuf von allen Berufen in der öffentlichen Bewertung und Beurteilung am Schlechtesten wegkommt; weil im Gegensatz zu allen anderen JEDER Mensch in die Schule gehen musste und das in den prägendsten Jahren seines Lebens; in Kindheit, Jugend und frühem Erwachsenenalter. Was dem Schüler hier als Hemmnis seiner eigenen Vorstellungen vom Leben entgegenstand, waren die Eltern und die Lehrer; wobei eben erstere als Blutsverwandte noch toleriert werden konnten. Aber an die zwei oder drei üblen Lehrer, die man bei insgesamt vielleicht 50 der Schulzeit hatte, erinnert sich jeder und erzählt sein ganzes restliches Leben bei jeder Gelegenheit von diesen und wird selbst auf dem Sterbebett jener noch gedenken.


    Das ist so wie mit dem berühmten Wintern mit viel Schnee, die man aus seiner Kindkeit erinnert; in denen man rodeln war und Skifahren und überhaupt so glücklich unbeschwert. Ein Blick in die Wetterdaten später belehrt einen aber, dass das höchstens ein oder zwei gewesen sein können und die alle anderen überstrahlt haben bis ins hohe Alter. Die 45 Lehrer also, die ihren Beruf ernstnahmen oder sogar ganz herausragende Pädagogen waren, haben eine wesentlich schlechtere Publicity als die wenigen Schwarzen Schafe. Das ist bei mir übrigens genauso, auch ich rede oft von den drei Idioten meiner Schulzeit und weniger von den prägenden Lehrkräften.


    So "normal" das also ist; dass die doofen und blöden Lehrer das Erinnerungsbild bestimmen; so normal sollte es eben auch sein, dass man sich spätestens als erwachsener Mensch besinnt und gerechter und objektiver über seine Schulzeit urteilt und vor allem auch versucht, das seinen Kindern vorzuleben und nicht deren Lehrern das Leben unnötig schwerzumachen. Wer sich in der Lebensmitte noch immer hinstellt und seine Biografie, sein Werden und Weben, den elenden Schulmeistern anlastet, hat eben noch nicht die Reife, die man mit dem Abitur eigentlich besitzen sollte. Wenn ein Schüler sich ehrlichen Herzens bei seinen Lehrern bedankt zur Abschlussveranstaltung, dann ist das einer; der wirklich die Matura verdient hat. Meist ist es aber so, dass diese ehemaligen Abiturienten noch ihre Zöglinge, die künftigen Kandidaten für die Hochschulreife, aufhetzen und in deren Vorurteilen bestärken. Nicht alle natürlich, aber viele; viel zu viele.

    "Je edler das Ding und je allmächtiger, desto fürchterlicher und teuflischer ist der Mißbrauch. Brand und Ueberschwemmung, die schädlichen Wirkungen von Feuer und Wasser, sind nichts gegen das Unheil, das die Vernunft stiften wird – wohl zu merken, die Vernunft ohne Gefühl, wie sie nach den Merkmahlen dieser Zeit uns bevorsteht …“ Georg Forster aus Paris an seine Frau am 16. April 1793

  • Habe die letzten Tage drei Wikipediaartikel studiert:


    Syrien

    Geschichte Syriens

    Bürgerkrieg in Syrien seit 2011


    Ich bilde mir nun ein, im Laufe der letzten 40 Jahre, die ich mich mit Geschichte beschäftige, das eine oder andere gelernt zu haben; aber schon diese reichlich 100 Seiten verdeutlichen einem, wie wenig man über Geschichte und Gegenwart einer Region weiß, die gefühlt tausend Jahre und 50 000km weit weg von uns Mitteleuropäern sich befindet. Sehen wir zunächst einmal von den vielen tausend Jahren Kulturgeschichte ab und auch von den antiken Zeugnissen, die uns meist über den griechischen Blickwinkel erreichten, sind allein die knapp 10 Jahre Bürgerkrieg so undurchschaubar in ihrer Vielfalt an ethnischen, religiösen, politischen, sozialen, wirtschaftlichen etc. Ursachen, Verläufen, Beteiligten; dass mir immer mehr unverständlich wird, wie sich Menschen und Politiker in der Bundesrepublik hinstellen können und die Lage dort beurteilen wollen, die Lager im gut und böse einteilen und festlegen, wer Täter ist, wer Opfer, wer fliehen darf, wer bleiben muss; wem geholfen wird und auf wen man Bomben wirft. Kein Wissenschaftler von Rang und Bedeutung, kein Orientalist, kein Islamwissenschaftler oder Historiker des Nahen Ostens würde sich so weit vorwagen, wie es unsere Volksvertreter und Medienmogule tun; und sich allen Ernstes festlegen in Urteilen, aus denen Handlungen folgen oder nicht.

    "Je edler das Ding und je allmächtiger, desto fürchterlicher und teuflischer ist der Mißbrauch. Brand und Ueberschwemmung, die schädlichen Wirkungen von Feuer und Wasser, sind nichts gegen das Unheil, das die Vernunft stiften wird – wohl zu merken, die Vernunft ohne Gefühl, wie sie nach den Merkmahlen dieser Zeit uns bevorsteht …“ Georg Forster aus Paris an seine Frau am 16. April 1793

  • Man dürfte es ja niemandem sagen, aber die Corona-Krise empfinde ich momentan noch, solange ich nicht selbst erkrankt bin oder meine Famile, wie Paul von Hindenburg über den 1. Weltkrieg gesagt haben soll, nämlich, dass er ihm wie eine Badekur bekäme. Ich muss das Haus morgens nicht verlassen, um in die lärmende Schule zu fahren; sondern kann die Aufgaben über das Internet verschicken und die Ergebnisse in aller Ruhe daheim an meinem Schreibtisch korrigieren. Ich kann mir die Arbeit einteilen, niemand nervt mich; meine Frau schiebt in der Apotheke Sonderschichten wie alle anderen Menschen, die in relevanten Berufen im medizinischen Bereich arbeiten.


    Die Stille im Haus wird nur durch meine Selbstgespräche (eigentlich eher Reden ohne Volk) und klassische Musik unterbrochen; ganz früh und am späten Nachmittag gehe oder radle ich mit Babsi anderthalb Stunden durch die fast menschenleere Natur. Wenn ich doch mal raus muss, um z.B. für die Schwiegermutter (Risikopatient) einzukaufen, ist wesentlich weniger Trubel als sonst. Keine lästigen Besuche sind abszustatten oder schlimmer noch daheim zu gewärtigen; ich muss weder ins Konzert noch zu einer Lesung noch zu umfänglichen Shoppingtouren. Ich sitze daheim, gehe meiner Arbeit nach; lese sehr viel, höre Musik, lausche Hörbüchern und schaue fern.


    Ich bin beinahe glücklich, weil genau so mein Leben immer aussehen sollte. Soziale Kontakte sind wichtig, aber ich benötige davon längst nicht so viele, wie ich sonst beruflich und privat über mich ergehen lassen muss. Die Menschen, die jetzt die Wände hochgehen, weil sie sich langweilen und nicht aus dem Haus können, um sich zu zerstreuen, tun mir leid; aber nicht zu sehr. Vielleicht kommen sie ein wenig zur Vernunft. Ich konnte mich früher nicht genug wundern über die unterschiedlichen Kriegserlebnisse meines Großvaters und meines Großonkels: Der eine hat immer geflucht über die Weiten Russlands und den Hunger im sibirischen Lager; der andere, lange Jahre in Paris stationiert, strahlte immer, das sei seine schönste Zeit gewesen, drei Schwänze hätte man haben müssen. So dreht sich die Welt vor aller Augen doch unterschiedlich schnell und langsam.

    "Je edler das Ding und je allmächtiger, desto fürchterlicher und teuflischer ist der Mißbrauch. Brand und Ueberschwemmung, die schädlichen Wirkungen von Feuer und Wasser, sind nichts gegen das Unheil, das die Vernunft stiften wird – wohl zu merken, die Vernunft ohne Gefühl, wie sie nach den Merkmahlen dieser Zeit uns bevorsteht …“ Georg Forster aus Paris an seine Frau am 16. April 1793