Yoricks Nachtgedanken bei Tage

  • Ich bin ja ein bescheidener (langweiliger?) Mensch, was den Alltag und das Glück anlangt, und so stellt für mich Kunst und Krempel am Samstagabend bei einer Flasche Bier durchaus den Höhepunkt einer jeden Woche da; bevor ich mich mit einem Buch in mein winziges Arbeitszimmer unterm Dachstuhl oder gleich ins Bett verziehe. Und der Sonntagvormittag gehört für mich seit jeher den diversen Buchsendungen im Öffentlich-Rechtlichen, insoweit meine Gute mich auf dem Sofa in Ruhe schauen lässt und nicht andere Verpflichtungen oder Konzertfreuden rufen. Wer allenthalben über die GEZ schimpft und entsprechende Abstimmungen in der Schweiz verfolgt hat, sollte sich einmal vor Augen führen, wie viele Literatursendungen es doch quer durch die Sendelandschaft gibt und dass wir dankbar sein sollten statt zu mosern, auch wenn die Qualität natürlich unterschiedlich ist und manches Format zu hinterfragen wäre.


    Druckfrisch, das spätabends oder nachts läuft, nehme ich meist auf, finde aber, dass es stark nachgelassen hat, auch wenn ich nach wie vor zu Denis Scheck stehe, dessen Geschmack oft der meine ist und der sich ja auch bei Lesenswert (SWR) und im Lesenswert Quartett (SWR) engagiert. Buchzeit (3Sat) sah ich eben wieder als Extrasendung zur Leipziger Buchmesse, die ich seit Jahren nur noch besuche, wenn ich als Fachlehrer mit einer 11. Klasse hinmuss; aber die Millionen Menschen verleiden einem alles; man kommt an keinen Stand und schon an gar keine Lesung dicht heran. Zudem kennen Leute wie ich den Buchmarkt genau, verfolgen Neuerscheinungen ohnehin; nur um die kilometerlangen Antiquariatsregale tut es mir leid. Das Bücherjournal (NDR) ist so ein Format, bei dem man wenig falsch machen kann; wenn man einmal die Auswahl der vorgestellten Bücher hintanstellt; was mich mehr umtreibt, sind die Formate, bei denen über Bücher und Literatur überhaupt gesprochen wird. Das literarische Quartett (ZDF) habe ich seit seiner Restitution noch gar nicht bewusst gesehen, Fröhlich Lesen (MDR) kann ich mir nicht mehr ansehen, weil ich die – sorry – Hässlichkeit, Dummheit und Penetranz der Moderatorin einfach nicht ertrage. Ein Geheimtipp für Genießer, auch weintechnisch und von der Konversationskultur her, bleibt erLesen (ORF 3) mit Heinz Sichrovsky; leider muss man wirklich zuweilen sehr laut drehen, sonst versteht man die österreichischen und schweizerischen Idiome oft nicht.


    Am Häufigsten frequentiere ich den Literaturclub (SF – Schweizer Fernsehen – DRS/3sat) obwohl mich die moderierende Nicola Steiner mit ihren falschen Gesichtszügen und ihrer kompletten literarischen Inkompetenz sehr an konkrete Personen aus dem beruflichen Alltag erinnert. Ich finde es gut, wenn in geselliger Runde engagiert über Literatur gestritten wird und ich sehe auch ein, dass im Fernsehen andere Regeln gelten und wenn hernach im Anschluss an die Sendungen Bücher gekauft werden, haben die Diskussionen ihren Zweck erfüllt. Dennoch tut es mir immer wieder weh, wenn ich sehe, wie schwer sich schon Fachleute mit einfachen Inhaltsangaben tun und wie stark bei jeder Beurteilung meist die inhaltliche Aspekte betont und Sprache wie Form nur gestreift werden und das führt immer zu dem grundsätzlichen Problem, was ein gutes Buch ausmacht.


    Literatursendungen tragen deshalb eine große kulturelle Verantwortung: Im Jahr 2015 erschienen nach den Angaben des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels knapp 90 000 Bücher neu oder in Erstauflage – in so einem Jahr können Fernsehformate über Bücher davon bestenfalls zwei oder drei Dutzend vorstellen und bewerten und vielleicht ein halbes wirklich so genau, dass man weiß, worauf man sich einlässt als Leser. Buchhandlungen und Internetversandhändler belegen es, dass nach intensiven Gesprächsrunden die Verkaufszahlen der besprochenen Werke geradezu explodieren. Gesegnet seien also die TV-Journalisten, die ihrer Verantwortung gerecht werden und die literarisch gebildet genug sind, um richtig auszuwählen; aber auch ihr Mediengeschäft verstehen, um bei der Masse anzukommen.

    "Je edler das Ding und je allmächtiger, desto fürchterlicher und teuflischer ist der Mißbrauch. Brand und Ueberschwemmung, die schädlichen Wirkungen von Feuer und Wasser, sind nichts gegen das Unheil, das die Vernunft stiften wird – wohl zu merken, die Vernunft ohne Gefühl, wie sie nach den Merkmahlen dieser Zeit uns bevorsteht …“ Georg Forster aus Paris an seine Frau am 16. April 1793

  • Es mutet mich immer wieder wie Hybris und eitel Hoffart an; wenn wir Modernen uns arrogant und süffisant über die Menschen des Mittelalters und deren scholastische Weltbilder mokieren; wie viele Englein wohl auf einer Nadelspitze Platz hätten und ob die Erde eine Scheibe sei oder nicht! Als ob unsere gegenwärtige Gutgläubigkeit, Naivität, Einfalt und unkritische Gesamthaltung nicht seinesgleichen hätte; als ob unser Kinderglaube an Medizin, Fortschritt, technische Wissenschaft und die Veredelung des Menschengeschlechts nicht einzigartig wäre angesichts der Unmenge an verfügbarem Wissen, das gegen all das spricht; als ob gerade unsere Geschichtsbilder trotz aller Gegenbeweise und deutlicher Indoktrination nicht einseitiger und intentionaler wären als die fundamentalistischen Heilslehren bestimmter Schriftreligionen!

    "Je edler das Ding und je allmächtiger, desto fürchterlicher und teuflischer ist der Mißbrauch. Brand und Ueberschwemmung, die schädlichen Wirkungen von Feuer und Wasser, sind nichts gegen das Unheil, das die Vernunft stiften wird – wohl zu merken, die Vernunft ohne Gefühl, wie sie nach den Merkmahlen dieser Zeit uns bevorsteht …“ Georg Forster aus Paris an seine Frau am 16. April 1793

  • So sehr ich die Frauen jeglichen Alters vom mobilen Pflegedienst in ihren kleinen Flitzern schätze und hochachte, zumal sie ihr Fahrzeug auch meist sehr gut beherrschen; so sehr missachten sie dennoch permanent jegliche Straßenverkehrsordnung, wenn sie mit überhöhter Geschwindigkeit durch die Stadt düsen, bei Dunkelgelb bis glatt Rot über die Ampel rasen, links und rechts überholen und niemals den Fahrtrichtungsanzeiger setzen.

    "Je edler das Ding und je allmächtiger, desto fürchterlicher und teuflischer ist der Mißbrauch. Brand und Ueberschwemmung, die schädlichen Wirkungen von Feuer und Wasser, sind nichts gegen das Unheil, das die Vernunft stiften wird – wohl zu merken, die Vernunft ohne Gefühl, wie sie nach den Merkmahlen dieser Zeit uns bevorsteht …“ Georg Forster aus Paris an seine Frau am 16. April 1793

  • Man darf durchaus eine Menge Bücher wegwerfen, aber vorher sollte man sie schon lesen.

    "Je edler das Ding und je allmächtiger, desto fürchterlicher und teuflischer ist der Mißbrauch. Brand und Ueberschwemmung, die schädlichen Wirkungen von Feuer und Wasser, sind nichts gegen das Unheil, das die Vernunft stiften wird – wohl zu merken, die Vernunft ohne Gefühl, wie sie nach den Merkmahlen dieser Zeit uns bevorsteht …“ Georg Forster aus Paris an seine Frau am 16. April 1793

  • Poor old Yorick saves the easter bunny and thereby the world


    Tatort Apolda: Der morgendliche Gang mit Babsi führt mich normalerweise, wenn ich nicht das Rad nehme oder mit dem Auto erst einmal vor die Tore der Stadt fahre, den Weg runter zu den Gleisen und von dort nach links in Richtung Oberroßla. Ich weiß nicht, warum ich aber ganz gegen meine Absicht und Gewohnheit nach rechts schwenkte und entlang der Kleingartenanlangen der Goethebrücke zustrebte. Wir liefen so vor uns hin, der Hund mit seinen Geschäften beschäftigt, ich mit meinen Gedanken; es war nass und kühl und gar nicht gemütlich; als eine rüstige Greisin mit einem Rollator uns entgegenkam. Auf gleicher Höhe grüßten wir uns, wünschten einander noch Frohe Ostern und schritten wieder jeder fürbass, als ich noch in Rufweite einen erschreckten Ausruf vernahm und samt Hund zurückeilte. Was ich übersehen hatte und sogar der jagdtriebige Schäferhund, war der Osterhase, der da im Grünen saß und weiter keine Anstalten machte, nach getaner Arbeit am heimischen Herd der verdienten Ruhe zu pflegen. Gut, der Osterhase war ein Zwergkarnickel, aber wenn man lange genug an den Ohren zöge, wer wollte da noch knausern.


    Hatte also so ein Lump am heiligen Ostermontag oder schon früher sein Haustier ausgesetzt?! Ich hielt das nicht für möglich, wollte es nicht für möglich halten; und graste sämtliche Gärten der Umgebung ab, ob da Ställe offen stünden. Aber natürlich verlorene Liebesmüh, das Fundtier war zwar kein Feldhase, wie meine telefonisch mit einem Karton und einer Möhre herbeigerufene Frau mutmaßte, aber auch kein gewöhnliches Stallkarnickel, sondern sicher eines, das im Haus oder einer Wohnung lebte bisher, das Fell gepflegt, die Nägel nicht. Es blieb mir also nichts anderes übrig, als den Apoldaer Hundevater Harald Lisker, der eine Auffangstation Richtung Stobra betrieb, anzurufen und ihm den Osterhasen vorbeizubringen.


    Wir schüttelten beide nur den Kopf über die Schlechtigkeit der Menschen, aber verloren kein weiteres Wort darüber; wir hatten beide schon zu viel gesehen und erlebt. Dass die Menschen nicht einmal die Eier und den Arsch in der Hose haben, ein Tier, dessen sie überdrüssig geworden, in einer Kiste vor ein Tierheim zu stellen, sondern aus Bequemlichkeit den Tod in freier Wildbahn in Kauf nehmen, das macht mich so wütend, dass ich, jener habhaft geworden, das Gleiche mit ihnen zu machen wünschte.


    Immerhin: Der arme alte Yorick hat heute den Osterhasen gerettet und der Herr persönlich hat seine Schritte gelenkt; so viele Zufälle, das muss Schicksal, Vorsehung sein.


    "Je edler das Ding und je allmächtiger, desto fürchterlicher und teuflischer ist der Mißbrauch. Brand und Ueberschwemmung, die schädlichen Wirkungen von Feuer und Wasser, sind nichts gegen das Unheil, das die Vernunft stiften wird – wohl zu merken, die Vernunft ohne Gefühl, wie sie nach den Merkmahlen dieser Zeit uns bevorsteht …“ Georg Forster aus Paris an seine Frau am 16. April 1793

  • Kennenlerntag, Verlobungstag, Valentinstag, Frauentag, Ostern, Geburtstag, Muttertag, Hochzeitstag, Nikolaus, Weihnachten - das hat's doch früher nicht gegeben, diesen Stress ... ich kenne die Blumenhändlerin besser als meine eigene Frau; von den Gärtnerein, Baumärkten, Konfekt-, Bücher- und Schrutzläden ganz zu schweigen.

    "Je edler das Ding und je allmächtiger, desto fürchterlicher und teuflischer ist der Mißbrauch. Brand und Ueberschwemmung, die schädlichen Wirkungen von Feuer und Wasser, sind nichts gegen das Unheil, das die Vernunft stiften wird – wohl zu merken, die Vernunft ohne Gefühl, wie sie nach den Merkmahlen dieser Zeit uns bevorsteht …“ Georg Forster aus Paris an seine Frau am 16. April 1793

  • Seit meine Frau sich angewöhnt hat, immer mal aus meinem Bierglas zu trinken; weiß ich nicht mehr, wieviele Biere ich abends getrunken und demzufolge auch nicht, wie ich mich am nächsten Morgen zu fühlen habe.

    "Je edler das Ding und je allmächtiger, desto fürchterlicher und teuflischer ist der Mißbrauch. Brand und Ueberschwemmung, die schädlichen Wirkungen von Feuer und Wasser, sind nichts gegen das Unheil, das die Vernunft stiften wird – wohl zu merken, die Vernunft ohne Gefühl, wie sie nach den Merkmahlen dieser Zeit uns bevorsteht …“ Georg Forster aus Paris an seine Frau am 16. April 1793

  • Im Nachbardorf steht mit Kreide am Wirtshaustäfelchen: "Himmelfahrt ab 10 Uhr". Das wirft natürlich eine Menge Fragen auf; theologischer, meteorologischer, luftfahrttechnischer oder überhaupt existenzieller. Natürlich wäre es möglich, dass man das "geöffnet" vergessen oder ein Witzbold es weggewischt hat, aber wer weiß das schon so genau. Will man das wirklich einfach drauf ankommen lassen und ignorieren?

    "Je edler das Ding und je allmächtiger, desto fürchterlicher und teuflischer ist der Mißbrauch. Brand und Ueberschwemmung, die schädlichen Wirkungen von Feuer und Wasser, sind nichts gegen das Unheil, das die Vernunft stiften wird – wohl zu merken, die Vernunft ohne Gefühl, wie sie nach den Merkmahlen dieser Zeit uns bevorsteht …“ Georg Forster aus Paris an seine Frau am 16. April 1793

  • Ich habe früher ja schon häufiger geschrieben, dass das Schlimmste am Beruf die stundenlangen sinnlosen Versammlungen sind und vor allem die Aufsatzkorrekturen. Und jedes Jahr wird es schlimmer, ich halte das kaum noch aus und durch; es belastet mich nicht nur physisch (Sitzfleisch, Lendenwirbel-, Rücken-, Augen- und Kopfschmerzen) und psychisch (Konzentrationsfähigkeit), sondern vor allem seelisch. Ich war nie ein Idealist und der allgemeine Verfall von Kultur und Bildung jagt mir schon lange keinen Schrecken mehr ein. Dennoch ist diese Zeit, in der man den Schreibtisch gekettet 50 und mehr Aufsätze zwischen 7 und 22 Seiten korrigieren muss, eine der schlimmsten Höllenqualen, wenn man ein halbwegs intelligenter und sensibler Mensch ist und zudem die deutsche Sprache und Literatur abgöttisch liebt.


    Vielleicht kann man das einem Musiklehrer vergleichen, der seitens seiner zuweilen auch unmusikalischen Schüler viele Stunden am Tag unablässig eine einzige Kakophonie ertragen muss und aus den Ohren blutet, wo ich Tränen des Schmerzes und der Verzweiflung über den Blättern weine. Aber auch dieser wird mehr Eleven haben, die sich entwickeln und später ihrem Instrument herrliche Töne entlocken, als man als Deutschlehrer Aufsätze unter die Augen bekommt, bei deren Lektüre man nicht in die Tischkante beißen möchte oder sich gar freut und jauchzt vor Glück ob so viel Geist und stilistischer Brillanz.

    Seien wir ehrlich, wir Deutschen sind inzwischen ein Volk von sekundären Analphabeten und Illiteraten und nirgendwo bekommt man das schmerzlicher vor Augen geführt als bei den schriftlichen Prüfungen zur mittleren und Hochschulreife. Der Wortschatz des gewöhnlichen Schülers tendiert gegen Null; die Fähigkeit, einen komplexeren deutschen Satz geradeaus schreiben zu können ebenfalls; Grammatik und Orthographie sind ein einziger Steinbruch und nur noch Glückssache. Und da bei wenigstens der Hälfte der Schüler und Prüflinge auch keine lesbare Handschrift mehr zu gewärtigen ist und man Lupen und Schriftsachverständige bräuchte, um Wörter, Sätze, ganze Passagen und sogar ganze Aufsätze mühsam, zeitraubend und kräftezehrend zu entziffern, mag das Bild von den Höllenqualen wirklich nicht zu weit hergeholt sein.


    Doch nicht genug entschädigt auch der Inhalt praktisch nie für die Leiden und das Durchhalten der Korrektur. Ein Schüler ohne Allgemeinbildung, ohne breites Wissen und tiefere Kenntnisse wird natürlich wenig mehr sagen können in einer Interpretation oder Erörterung, als in der Textvorlage steht; in Prosa, Drama, Gedicht oder Sachtext. Und wenn dann auch diese Vorlage schon nicht verstanden wird, kann man sich das Niveau der Niederschriften vorstellen. Unsere Schüler müssen Aufsätze schreiben, obwohl sie Texte nicht lesen und verstehen können und obwohl sie selber einen so niedrigen Horizont haben, dass sie nie und nimmer zu komplexeren Sachverhalten und Problemzusammenhängen sich äußern könnten. Eine Mission impossible; genau wie die, von einem Deutschlehrer zu verlangen, diese Elaborate ohne Schäden an Leib und Seele Jahr für Jahr korrigieren zu müssen.

    Aber ich bin den Schülern nicht böse, im Gegenteil; sie können ja nichts dafür, sie sind Opfer wie ihr geschlagener Lehrer. Geboren nach der Jahrtausendwende sind sie in eine digitale Welt hineingewachsen, haben Handy und Tablett mit der Muttermilch aufgesogen und sind am Laptop eher zu Hause als am Schreibpult. Ihre Welt war von Beginn an eine virtuelle, eine moderne ikonografische; keine Buchstabenwelt und keine von Schrift- und Lektüre. Wer aber nicht liest und zwar in Büchern aller Zeiten und Völker, in Zeitungen und Zeitschriften; wer keine Briefe schreibt oder empfängt; wer nicht ins Theater geht oder sich Wortkunst im Fernsehen oder Internet anschaut, der wird das Gefühl selbst für die Muttersprache verlieren und peu à peu ein des Lesens und Schreibens Unkundiger. Dass die analoge und digitale Welt seit Jahrzehnten mit seichtem unnützen Geschwätz überschwemmt wird, tut das Übrige; zumal schon häufig die Eltern- und teils sogar Großelterngenerationen im Stande der vorhochkulturellen Unschuld verdämmern.

    Die Grabschrift auf unsere abendländische Kultur wird niemand mehr zu entschlüsseln vermögen, wenn sie denn überhaupt noch eingemeißelt werden kann.

    "Je edler das Ding und je allmächtiger, desto fürchterlicher und teuflischer ist der Mißbrauch. Brand und Ueberschwemmung, die schädlichen Wirkungen von Feuer und Wasser, sind nichts gegen das Unheil, das die Vernunft stiften wird – wohl zu merken, die Vernunft ohne Gefühl, wie sie nach den Merkmahlen dieser Zeit uns bevorsteht …“ Georg Forster aus Paris an seine Frau am 16. April 1793

  • Dass das normale und gewöhnliche Leben des Menschen selbst nicht von der Vernunft bestimmt wird, sondern vom Unbewussten und Irrationalen; hört man nach wie vor nicht gerne und möchte es genauso leugnen und nicht wahrhaben wie die Tatsache, dass von außen her meist Zufall und Glück unseren Weg beeinflussen und nicht Fleiß und Beharrlichkeit. Man möchte so gerne sein Leben selbstbestimmt und mit freiem Willen selbst in der Hand haben, rationale statt emotionale Entscheidungen treffen und durch ehrliches Mühen sich etwas aufbauen und erhalten unabhängig von den genetischen, historischen, sozialen Ausgangsbedingungen. Natürlich ist mir dies menschlich-allzumenschliche Bedürfnis nicht fremd; aber irgendwann sollte man die Augen öffnen, nicht erst, wenn man sie für immer schließt.

    "Je edler das Ding und je allmächtiger, desto fürchterlicher und teuflischer ist der Mißbrauch. Brand und Ueberschwemmung, die schädlichen Wirkungen von Feuer und Wasser, sind nichts gegen das Unheil, das die Vernunft stiften wird – wohl zu merken, die Vernunft ohne Gefühl, wie sie nach den Merkmahlen dieser Zeit uns bevorsteht …“ Georg Forster aus Paris an seine Frau am 16. April 1793

  • Neulich in der Zehnten kam im Text die Wendung ein moderner Don Quijote vor; keiner frug nach, also wäre ich schon drüber hinweggegangen, als ich doch nachhake. Von 27 Schülern weiß NIEMAND mit dem Namen etwas anzufangen. Dass KEINER je etwas von Miguel de Cervantes gehört hat, würde mich nicht verwundert haben; aber dass wirklich NICHT EIN EINZIGER SCHÜLER wenigstens mal über das Fernsehen oder Comics oder Wendungen wie gegen Windmühlen kämpfen oder der Ritter von der traurigen Gestalt einen winzigen Reflex dieser literarischen Figur in der Alltags- und Popkultur erhaschen konnte, ist wirklich kaum zu glauben. Sancho Panza als der sprichwörtliche lebenslustige und gescheite Diener; Rosinante als der sprichwörtliche Klepper und Dulcinea als die ferne Angbetete hätte ich heutzutage auch nicht mehr erwartet, aber nicht einmal die Titelfigur kennt die heutige Jungend mehr, den so berühmten Hidalgo Don Quixote de la Mancha.


    Später führte ich Faust I
    ein und bat die Schüler mal aufzuschreiben in einer Art Brainstorming-Mindmap, was ihnen zu Autor und Titel einfällt; nicht ohne vorher darauf hingewiesen zu haben, dass es sich wahrscheinlich um das national wie international bekannteste Werk der deutschen Literatur handelt. Von 27 Schülern kennen 27 den Autor und den Titel vom Hörensagen her; 26 aber wissen NICHT, worum es in dem Werk geht; die Hälfte wusste nicht einmal, dass es ein Theasterstück ist. Nur EINER schrieb etwas von einem Gelehrten und einem Teufelspakt. Mephisto war unbekannt, desgleichen Gretchen; die Gretchenfrage, nach der ich frug, hielt man für etwas Unanständiges, was in höherer Dummheit ja fast schon wieder wahr ist. Ich kann es diesmal nicht glauben und insistiere, frage nach Eltern und Großeltern, Geschwistern, Freunden - es muss doch irgendwann einmal einen Kontakt mit dem Faust gegeben haben, bevor er in Klasse 10 Pflichtlektüre wird. Noch dazu hier, nur ein paar Kilometer von Weimar und vom DNT entfernt!?

    Warum schreibe ich das? Nicht, um ein letztes Mal zu beweisen, wie dumm und ungebildet unsere Schüler heute sind. Sondern um darzutun, dass die Nabelschnur, die das alte Europa vom modernen trennt, längst zerschnitten ist; dass von einer klassischen abendländischen Bildung und Kultur seit Jahrzehnten nicht mehr die Rede sein kann. Es gibt keine Traditionslinien mehr, es gibt nur noch geist- und hirnloses Brüten im eigenen Saft. Goethe ist ein alter toter weißer Mann und er hat uns nichts mehr zu sagen; da mag Faust als geiler gelehrter Greis einen Teenager verführen und vögeln, das interessiert nicht mehr die Bohne.

    Egal!

    P.S. Friedrich Nietzsche hat in Schulpforta einen Aufsatz über seinen Lieblingsdichter Friedrich Hölderlin geschrieben; er, der nach Luther größte Stilist deutscher Sprache, hat auch in dieser frühen Schrift bereits brilliert mit Ideen, Gedanken, Sprachfeuerwerken. Sein Lehrer gab ihm eine 2b; für eine 1 hat es kurz nach der Mitte des 19. Jahrhunderts nicht gereicht, was wir heute zu den größten Schöpfungen eines Jugendlichen zählen. Heute bewerten wir mit gut, was gerade noch so unserer Muttersprache ähnlich sieht und mit einigen Dutzend Fehlern pro Seite auskommt.

    "Je edler das Ding und je allmächtiger, desto fürchterlicher und teuflischer ist der Mißbrauch. Brand und Ueberschwemmung, die schädlichen Wirkungen von Feuer und Wasser, sind nichts gegen das Unheil, das die Vernunft stiften wird – wohl zu merken, die Vernunft ohne Gefühl, wie sie nach den Merkmahlen dieser Zeit uns bevorsteht …“ Georg Forster aus Paris an seine Frau am 16. April 1793

  • Ich habe es nun verstanden: Nicht "die prachtvolle nach Beute und Sieg lüstern schweifende blonde Bestie" ist der Übermensch; nicht Conan der Barbar und auch nicht der Allesistmöglichtechnologischeneuzeitler. Nein, der wahre Übermensch ist Dr. Niklas Ahrend vom Johannes-Thal-Klinikums in Erfurt, jetzt Chefarzt in San Francisco. Als Oberarzt der Gynäkologie und Chirurgie wird er als blutjunger und gleichwohl bereits erfahrener Mediziner sofort Ausbilder der Assistenzärzte und meistert diese Aufgabe mit Bravour. Er ist immer vor Ort, immer ansprechbar, immer hilfsbereit. Er hat ein offenes Ohr für alle Sorgen und Nöte; er ist zur Stelle, wenn man ihn braucht; selbst nach einer 30-Stundenschicht.


    Als Fachmann kann ihm keiner das Wasser reichen, er ist verantwortlich für die Frauenheilkunde, meistert aber zwischendurch so jede OP, so kompliziert und fachfremd sie auch sei; zur Not auch einen neurochirurgischen Eingriff. Zwischen Notaufnahme, Stationsdienst und OP findet er immer Zeit für die ihm Schutzbefohlenen; seine jungen Ärzte, seine Patienten, seine Kollegen, seine Verwandten, seine Bekannten, seine Freunde, seine Geliebten und im Grunde alle kranken und gesunden Menschen auf dieser Welt. Sein Tag hat immer 30 Stunden und ein Privatleben hat er nicht, weil der Beruf sein Leben ist; und er ist der einzige, der einem bösen Alphatier wie Dr. Moreau die Stirn zu bieten vermag, Schutz und Wehr wider das Böse im weißen Kittel. Dr. Niklas Ahrend ist der wahre Homo Novus!

    "Je edler das Ding und je allmächtiger, desto fürchterlicher und teuflischer ist der Mißbrauch. Brand und Ueberschwemmung, die schädlichen Wirkungen von Feuer und Wasser, sind nichts gegen das Unheil, das die Vernunft stiften wird – wohl zu merken, die Vernunft ohne Gefühl, wie sie nach den Merkmahlen dieser Zeit uns bevorsteht …“ Georg Forster aus Paris an seine Frau am 16. April 1793

  • Ich schüttele immer wieder den Kopf über die Menschen, die glauben, man könne mit Unmengen Geld oder Freizeit glücklich und zufrieden werden oder einen Sinn im Leben finden. Begriffskonstrukte wie die von der Work-Life-Balance sind verräterische für den desaströsen Zustand unserer dekadenten Gesellschaft. Yehudi Menuhin hat in einer Dokumentation mal gesagt, er sei der glücklichste Mensch der Welt: Er konnte sein Leben lang das tun, was ihm am meisten Spaß machte und wurde dafür von seinen Mitmenschen auch noch mit Anerkennung und Liebe überschüttet. Das mag sicher in dieser Ausformung Künstlern vorbehalten bleiben; allein die Logik ist evident.

    "Je edler das Ding und je allmächtiger, desto fürchterlicher und teuflischer ist der Mißbrauch. Brand und Ueberschwemmung, die schädlichen Wirkungen von Feuer und Wasser, sind nichts gegen das Unheil, das die Vernunft stiften wird – wohl zu merken, die Vernunft ohne Gefühl, wie sie nach den Merkmahlen dieser Zeit uns bevorsteht …“ Georg Forster aus Paris an seine Frau am 16. April 1793

  • Wie selten einmal nur ein paar Autos aufm Diska-Parkplatz, drinnen an der Kasse niemand. Ich brauche nur Rasierwasser und Würfelzucker; ruckzuck in Richtung Kasse und plötzlich schieben sich wie aus dem Nichts zwei Omis mit randvollen Einkaufswägen vor mich. Die brauchen zwei Stunden, um ihr Zeug aufzuladen; natürlich auch, um es wieder vom Band zu nehmen. Und natürlich sammeln sie Treuepunkte, lösen welche ein und zahlen auch mit Karte, die sie erst nicht finden in ihren klobigen, mit sinnlosem Zeug vollgestopften Portemonnaies und dann nicht einzustecken wissen, ganz zu schweigen vom Merken der Geheimzahl, die natürlich mehrmals eingetippt werden muss, bevor sie endlich mit 0,00001 km/h die Ausfahrt nehmen. Warum man da als Dritter in der Reihe nicht Amok läuft, weiß ich ehrlich gesagt nicht. Ich bin nur froh, dass die Mädels die Sparschweine mit dem Hartgeld der letzten Jahrzehnte nicht mehr schleppen können.

    "Je edler das Ding und je allmächtiger, desto fürchterlicher und teuflischer ist der Mißbrauch. Brand und Ueberschwemmung, die schädlichen Wirkungen von Feuer und Wasser, sind nichts gegen das Unheil, das die Vernunft stiften wird – wohl zu merken, die Vernunft ohne Gefühl, wie sie nach den Merkmahlen dieser Zeit uns bevorsteht …“ Georg Forster aus Paris an seine Frau am 16. April 1793

  • Gunnar Heinsohn erzählt in seinem Buch Wettkampf um die Klugen. Kompetenz, Bildung und die Wohlfahrt der Nationen, dass ein Mitarbeiter der kanadischen Einwanderungsbehörde ihn immer frotzelte damit, dass die Deutschen sich die Köpfe heißdiskutierten, ob Intelligenz nun angeboren sei oder gesellschaftlich anerzogen und also erlernt und man alle mehr genetisch Orientierten gesellschaftlich kaltstelle. Das interessiere in Kanada niemanden, Hauptsache, der Einwanderer sei gescheit, ob er das nun von den Eltern oder Kindergärtnerinnen und Lehrern habe; angelsächsischer Prgamatismus eben.


    Tatsächlich verweigert man sich in Deutschland und Westeuropa der Fragestellung, was Intelligenz eigentlich sei und inwieweit sie vererbt werden könnte, im Ganzen wie im Detail fast vollständig mit Blick auf die desaströse Vergangenheit der diversen NS-Pseudowissenschaften. Die einhellige moralische und ethische Verdammung des Gedankens, hier könnte auch Genetik im Spiel sein, hilft nun aber weder naturwissenschaftlich noch sozial- und bildungspolitisch weiter. Fakt ist, so ziemlich alles am Menschen; ob er nun krank ist oder gesund, ob er schön oder hässlich, ob er alt wird oder jung stirbt; hat zu großen Teilen mit genetischen Dispositionen zu tun. Schönheit wird vererbt, Gesundheit, Krankheit, Sportlichkeit, Körperbau, Statur, Physiognomie; ja sogar seelisch-psychische Anlagen werden weitergegeben.


    Sollte es also nicht auch im Bereich Intelligenz oder überhaupt Denkfähigkeit Unterschiede geben? Wäre es so unwahrscheinlich, dass zumindest die Anlagen und Voraussetzungen für Intelligenzleistungen zu einem Teil oder ganz mit vererbt werden? Wäre das nicht wesentlich wahrscheinlicher, als dass nun ausgerechnet die kognitiven Fähigkeiten nicht vererbt würden, während alles andere zu einem großen Teil vorbestimmt, angelegt ist? Und ist es nicht genauso wahrscheinlich, dass unterschiedliche Volksgruppen in unterschiedlichen Regionen durch unterschiedliche Vererbung über Jahrhunderte und Jahrtausende in der Summe eine unterschiedliche Art und Qualität von Intelligenzleistung hervorbringen?


    Dass es neben der kognitiven Intelligenz, die so wichtig ist für die Entwicklung der industrialisierten westlichen und ostasiatischen Welt; auch emotionale, soziale, kommunikative etc. gibt; versteht sich. Und dass die gesellschaftlich-soziale Prägung einen entscheidenden Anteil an der Ausformung und Ausprägung der jeweiligen Intelligenzen hat, auch. Genauso darf und muss man wahrscheinlich auch konstatieren; dass es kulturell und meinetwegen auch religiös oder ethnisch Unterschiede zur westlichen kognitiv geprägten Gesellschaft gibt, die bedingen, dass bestimmte Kulturen weniger zum wissenschaftlich-technischen Fortschritt oder überhaupt zur Intelligenzentwicklung beitragen. Natürlich nur aus der Perspektive der saturierten Wohlstandsnationen, denen Naturwissenschaften und Technik eine Lebensqualität ermöglicht, die man gerne beibehalten möchte.

    "Je edler das Ding und je allmächtiger, desto fürchterlicher und teuflischer ist der Mißbrauch. Brand und Ueberschwemmung, die schädlichen Wirkungen von Feuer und Wasser, sind nichts gegen das Unheil, das die Vernunft stiften wird – wohl zu merken, die Vernunft ohne Gefühl, wie sie nach den Merkmahlen dieser Zeit uns bevorsteht …“ Georg Forster aus Paris an seine Frau am 16. April 1793

  • Früher, in den 90ern und teilweise bis Ende der 2000er, gab es immer wieder mal Schüler, die einen forderten und dazu zwangen, sich abends noch einmal in die Bücher zu vergraben. Auch solche, die politisch, moralisch. ethisch, religiös oder wie auch immer dezidiert gegen die herrschenden Meinungen und Wahrheiten waren, wie sie auch und ganz besonders in der Schule gelehrt wurden. Mit denen man kontrovers und heftig diskutieren konnte im Unterricht, dass es eine Lust und Freude war.


    Diese Zeiten sind längst vorbei. Wir erziehen Opportunisten, Angepasste, Konformisten, Speichellecker; immer mit dem Rücken zur Wand, nur nicht auffallen, nur nicht anecken, nur nicht in den Focus geraten. Immer hübsch unauffällig, wenig arbeiten und viel verdienen, Party und Oberflächlichkeit, nur keinen Stress mit gesellschaftlicher oder privater Initiative. Es gibt keine Nonkormisten mehr unter den Jugendlichen, keine Quertreiber, Querulanten, Exzentriker, Dissidenten; die Zeit der großen Subkulturen ist vorbei.


    Schade ...

    "Je edler das Ding und je allmächtiger, desto fürchterlicher und teuflischer ist der Mißbrauch. Brand und Ueberschwemmung, die schädlichen Wirkungen von Feuer und Wasser, sind nichts gegen das Unheil, das die Vernunft stiften wird – wohl zu merken, die Vernunft ohne Gefühl, wie sie nach den Merkmahlen dieser Zeit uns bevorsteht …“ Georg Forster aus Paris an seine Frau am 16. April 1793