Yoricks Nachtgedanken bei Tage

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    In Jena und Weimar, den benachbarten größeren Städten, gibt es praktisch kaum noch eine Straße, in der man schneller als 30 km/h fahren darf; selbst in den Ausfall- und Durchgangsstraßen wie Zubringern will man die 50 km/h noch durchgehend herunterregeln; man findet kaum noch ein Viertel ohne verkehrsberuhigte Zonen und Spielstraßen; kein unmittelbares Stadtzentrum ist für private Autos überhaupt noch zu erreichen.


    Und ja, ich verstehe viele Überlegungen; aber ich bin auch entschieden der Meinung; dass die überwiegend jüngere und alternative Klientel einschließlich der wohlhabenderen Senioren und Ruheständler, die sich seit der Wende in beiden Städten breitmachen; in einem überspitzten Anforderungsdenken für ihre jeweilige Stadt Rechte auf Lebensqualität einfordern und zur Not einklagen, die bei Lichte besehen unverschämt und unverhältnismäßig sind.


    Man will zu den unbestreitbaren Vorteilen der Großstadt wie einer veritablen Infrastruktur mit vielen Einkaufsmöglichkeiten, Fachärzten und Kliniken, Unterhaltungsindustrie, Gastronomie, vielgestaltigen Schulformen, vielfältigen Freizeitangeboten etc. auch noch die Schattenseiten des urbanen Milieus wie Verkehrslärm und schlechtere Luft ausmerzen; also planer gesprochen in der Stadt leben wie auf dem Dorfe oder dörflich in der Stadt. Und für Menschen, die in der Stadt wohnen und zur Arbeit laufen, mit dem Rad fahren oder den öffentlichen Verkehrsmitteln gelangen können, leuchtet das auch ein.


    Aber was ist mit denen; die von außerhalb in die Stadt zur Arbeit oder zum Arzt müssen; weil eben die Infrastruktur auf dem Land zu schwach ausgebildet ist? Oder denen, die einfach durch die Stadt durchmüssen aus welchen Gründen auch immer, weil eine Umfahrung nicht möglich ist oder lohnt? Man kann ja mal auf die Uhr schauen, wie lange man braucht, um durch verhältnismäßig kleine Städte wie Weimar und Jena von Nord nach Süd oder Ost nach West durchzukommen; da vergehen durch Tempolimits, Verkehrsberuhigungen; Ampeln etc. viertel Tage. Andere mögen das sehen, wie sie wollen, ich finde das unmöglich und extrem ungerecht gegenüber allen Dörflern; die schließlich auch nicht die großstädtischen Privilegien für sich beanspruchen.


    Wie es um derartige Tendenzen in richtigen Metropolregionen bestellt ist; weiß ich freilich nicht.

    • Offizieller Beitrag

    Manchmal reicht es eben, einen großen Geist zu zitieren, hier Hanns Joachim Friedrichs:


    Zitat
    Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache; dass er überall dabei ist, aber nirgendwo dazugehört
    Zitat

    Das hab’ ich in meinen fünf Jahren bei der BBC in London gelernt: Distanz halten, sich nicht gemein machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten, nicht in öffentliche Betroffenheit versinken, im Umgang mit Katastrophen cool bleiben, ohne kalt zu sein. Nur so schaffst du es, daß die Zuschauer dir vertrauen, dich zu einem Familienmitglied machen, dich jeden Abend einschalten und dir zuhören.“

    Ich wüsste nicht einen Journalisten der großen Blätter und Fernsehanstalten in unserem Lande, der diesem Credo genügte.

    • Offizieller Beitrag

    Jeden Tag hallt es in allen Medien von den Auswüchsen des Faschismus, Nationalsozialismus, Nationalismus, religiösen Fanatismus, Rassismus, Antisemitismus, Sexismus, Speziesismus; von denen der Homophobie, Fremdenfeindlichkeit; Unterdrückung und Beleidigung von hunderten Minderheiten. Und ja, auch ich habe in meinem Leben schon rechtsextreme Sprüche gehört, rassistische, homophobe, antisemitische und dergleichen mehr; auch Witze über Menschen mit Behinderung; aber all das kann ich an einer Hand abzählen, obwohl ich über Jahrzehnte ins Stadion pilgerte und nie die Schule verlassen habe.


    Was aber ist, frage ich mich, mit den ungezählten beleidigenden, diskreditierenden und entwürdigenden Wortmeldungen ungezählter Frauenspersonen in Richtung ihrer gegengeschlechtlichtlichen Mitmenschen; die wir täglich, ja tagtäglich zu hören und zu lesen gezwungen sind, nicht nur im privaten oder halböffentlichen Raum, sondern tatsächlich auch im ganz und gar öffentlichen, auf der Straße, im Park, im Netz und in allen Fernsehanstalten? Wenn man mich fragt, was mir am Heftigsten aufstößt an Unverschämtheit, Ungerechtigkeit, Unfreundlichkeit und Frechheit; so ist das dieses öffentliche Abwerten von Jungs, Männern und Greisen seitens des weiblichen Geschlechts unterschiedlichen Alters.


    Ich habe nie Menschen mit mehr Abneigung, Abwertung, Intoleranz, Respektlosigkeit und sogar Hass über andere sprechen hören; als wenn sich Frauen, besonders jüngere und noch nicht ganz alte; über Männer, besonders ältere und alte, äußern. Das scheint aber niemandem aufzufallen oder der öffentlichen Diskussion wert; im Gegenteil scheint man davon auszugehen; dass die betroffenen Männer wohl selbst schuld seien an den Injurien; auch scheint sich niemand wenn auch bloß nur aus Gründen der Umgangsformen und der Höflichkeit an den verbalen Entgleisungen zu stören, als ob das ganz normal und in der Ordnung sei, sich derart zu verlautbaren.


    Nicht einmal einen Begriff haben wir für diese Befunde; um diese auf denselben zu bringen; denn der vom Sexismus, der eigentlich zuträfe, ist belegt durch die einseitige Zuschreibung der Richtung. Denn Sexismus meint immer den Mann, der die Frau sexistisch beleidigt; so wie man mit dem Begriff der Kritik immer das Negative verbindet und nicht das durchaus auch gemeinte Positive. Wie häusliche Gewalt meist den Mann meint, obwohl die Dunkelziffern längst belegen, dass die Frauen hier auch ordentlich mitmischen; aber es kaum zu Anzeigen kommt seitens der beschämten Männer.


    Warum notiere und moniere ich das? Ich persönlich weiß und wüsste mich zu wehren, ich rede, wie mir der Schnabel gewachsen ist, halte nie hinterm Berg mit meinen Meinungen und ich fürchte die Schandmäuler des ordinären Weibervolkes wenig und schlüge notfalls zurück mit deren eigenen Waffen. Worauf ich aber dennoch gerne darauf hinweise, ist; dass Sichtweisen und Perspektiven so gelenkt und fokussiert werden, wie es gerade gesellschaftlich en vogue und im Schwange ist. Natürlich reden auch Männer über Frauen und oft genug vulgär, aber tun sie das im Suff und in der Männerrunde; ich persönlich kenne keinen Mann, der Frauen wirklich verachtet und hasst. Frauen dagegen könnte ich einige listen und wenn eine Gesellschaft so etwas züchtet, toleriert und auch noch hofiert, ist etwas faul im Staate Dänemark.

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    Der Nationalsozialismus mag meinethalben wie der Bolschewismus weltweit endgültig abgedankt haben; einen großen Sieger gibt es dennoch und der heißt Adolf Hitler. Der Führer des Tausendjährigen Reiches, der keines seiner politischen, militärischen und sonstigen Ziele erreicht hat und ein zerstörtes Deutschland in einem zerstörten Europa mit Millionen Toten, unschuldigen und schuldigen Opfern hinterließ, hat seinen persönlichen Kampf im Nachhinein medial doch noch gewonnen und zwar deutlich nach Fernsehminuten. Der Mann aus Braunau am Inn ist die bekannteste Persönlichkeit der Weltgeschichte, bekannter sicher als alle anderen „Großen“, von Alexander über Napoleon bis hin zu Stalin; und diese weltweite Bekanntheit selbst unter den Ungebildetsten und Bildungsfernsten erklärt sich nicht allein aus der typisch menschlichen Faszination für das Abgründige und Böse allgemein; sondern aus einer schon manisch und pathologisch zu nennenden Besessenheit aller Fernsehanstalten, dem Thema Hitler und III. Reich so viel Aufmerksamkeit zuzuwenden wie keinem anderen historischen Thema.


    Allein in der Bundesrepublik kann man Tag für Tag und Woche für Woche und Jahr für Jahr quasi rund um die Uhr auf irgendeinem Kanal irgendein Format zum großen Komplex NS-Zeit sehen; es gibt mittlerweile keinen Aspekt der politischen, militärischen oder privaten Geschichte, der nicht vielfältig und mehrfach ausgeleuchtet wurde. Dabei stechen die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten heraus; DasErste mit seinen digitalen Kanälen und dritten Programmen; das ZDF mit seinen digitalen Ablegern; ARTE, 3sat, BR-alpha, PHOENIX – sie alle bannen täglich das Konterfei des Führers und Reichskanzlers auf den Bildschirm und verhelfen jenem zu einer dauerhaften Präsenz in unseren Hirnen, der auch die privaten Sender und sogar das Pay-TV Vorschub leisten; allein Sky unterhält mehrere Geschichtskanäle, die sich fast ausschließlich der braunen Zeit in schwarzweiß und Farbe widmen.


    Aber, so wird man natürlich einwenden, das alles geschieht doch nicht ohne Grund; es dient der politischen Bildung und der historischen Aufklärung und hat also volkserzieherischen Charakter; damit die Bürger einer wehrhaften Demokratie aus der Geschichte lernen können, damit diese sich nicht wiederhole und rechte Kräfte die Oberhand gewännen. Gibt es ehrlich jemanden mit Herz und Verstand, der dies zu glauben bereit wäre angesichts der inflationären Flut an Hitler- und NS-Dokus; der schon brutal zu nennenden medialen Vermarktung von zwölf Jahren einer Geschichtsepoche? Wenn neben zweifelsohne sehr ambitionierten und gerechtfertigten historischen Dokumentationen von hohem Sachverstand immer wieder die aberdutzenden Billigproduktionen über den Bildschirm flimmern, die sichtlich und ohne Scham die niedrigsten Instinkte des subalternen Fernsehpublikums bedienen, das sich selbstredend am Bösen, Grauenhaften weidet und die kaum verhohlene Faszination, die immer noch von Hitler und dem Nationalsozialismus ausgeht, unter dem Deckmantel von Bildung und Erziehung ausleben kann bis ins letzte private Detail oder die Gaskammern von Auschwitz?


    Ich persönlich finde, es wäre längst an der Zeit; diesem Unwesen der TV-Hitlerei einen Riegel vorzuschieben! Wenn Fernsehredakteure und Dokumentarfilmer zu faul und zu unkreativ sind; um sich anderen, arbeitsintensiveren Themen mit nicht garantierter Quote zu widmen, sollten sie den Beruf wechseln und anderswo Werte schöpfen. Wenn Intendanten der Öffentlich-Rechtlichen glauben; Aufklärung und Volkserziehung mit massenhaft verbratener Sendezeit zu Nazithemen zu erreichen, sollten sie sich in Geschichte, Psychologie und Soziologie der Massenmedien weiterbilden und ihren Stuhl für vielleicht Verständigere räumen. Und wer hier mit Blick auf die Wirtschaftlichkeit und den Profit meint, die Leute wollten eben das doch sehen und so hätte man eine Einnahmequelle sicher, der hat seinen Kapitalismus falsch verstanden, denn er kann nicht wissen, was dereinst aus modernen Konsumenten und unmündigen Bürgern werden wird, die über jene pseudoaufklärerische und pseudovolkserzieherische Hitlerei im Fernsehen sozialisiert wurden in den letzten Jahrzehnten.

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    Ein eigenes Thema und jedes Jahr aufs Neue angesprochen: Bei manchen meiner Nachbarn habe ich den Verdacht, sie sehen den einzigen Sinn ihres Daseins im Schneeschieben vorm Haus. Die sind offenbar regelrecht glücklich, endlich etwas vermeintlich Sinnvolles tun zu können, was ihre Existenz rechfertigt. Da wird stundenlang selbst auf dem längst geräumten Weg geschoben, dass Holz oder Plastik auf Beton kratzen und man nebenan im Bett oder am Frühstückstisch wahnsinnig werden möchte; und kaum hat es drei jungfräuliche Schneeflocken zur Erden getrieben, rennen sie raus, um sie in Empfang zu nehmen und zu schänden.


    Und je zeitiger je besser will es scheinen; wenn man frühmorgens gegen halb Fünf schon beginnen kann, die Umwelt mit eigenem Fleiß, Sinnsuche und Selbstbestätigung zu terrorisieren. Dass es sich übrigens - ich sage das als Invalider, der weiß, wovon er spricht - auf leichter Schneedecke besser läuft als auf blankgescharrtem glatten Geläuf, nur nebenbei. Und von Frühjahr bis zum Herbst tauschen diese Burschen dann Schneeschieber und Schneefräsen gegen Rasenmäher und Traktoren; wenn sie sich wenigstens mit Schaufel und Besen, Sense und Rechen zufriedengäben; aber nein, es muss immer laut sein; dass alle Welt merkt, wie fleißig man schafft, vor allem die anderen.

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    Hauptsache Gesundheit, hat meine Oma immer gesagt und sie war auch sehr lange sehr gesund, bis ins hohe Alter hinein, fast bis ins 90. Jahr. Und auch sonst wünscht man sich bei allen möglichen Anlässen wie Geburtstagen zuallererst Gesundheit und nicht selten hört man dazu den Spruch, alles Weitere sei dem nachgeordnet. Ich habe mich über dieses Wesen der Menschen immer sehr geärgert; nicht nur, weil ich selbst nie gesund war und all die formelhaften Wünsche zu nichts nütze; sondern weil ich schon als Jugendlicher fühlte, was mir heute als reifer Mann an der Schwelle zum Alter vollständig klar ist; dass nämlich mit Schiller gesprochen weder das Leben das höchste Gut ist und die Gesundheit gleich gar nicht.


    Natürlich ist es schön, gesund zu sein; sein Leben in vollständiger Gesundheit hinzubringen, ohne Beeinträchtigungen, Schmerzen, Malaisen und Sorgen. Aber wem bitte schön ist das denn vergönnt? Wie viele Menschen leiden an den unterschiedlichsten und gleichen Krankheiten; wie viel Schmerz und Leid und Vereinsamung resultieren aus diesem oft unverschuldeten Mangel an Gesundheit? Ist das Leben des Kranken dann weniger wert als das des Gesunden; wenn das eine stetig beschworen wird, während man das andere nicht wahrhaben und haben will? Frage den Hungrigen, ob er satt oder gesund sein will; den Einsamen, ob er nicht mehr allein oder gesund sein will oder den Gefangenen, ob er frei oder gesund sein will und die Liste ließe sich fortsetzen.


    Was nützt dem Elenden im Slum von Kalkutta oder Rio seine Gesundheit, wenn er ärmer ist als jede Kirchenmaus und irgendwann im Dreck und Schmutz auch seine so hochdotierte Gesundheit verliert? Was nützen dem Inhaftierten im KZ oder Gulag seine Gesundheit und stabile Körperlichkeit; wenn binnen Wochen, Monaten und Jahren davon wenig übrigbleibt in Unfreiheit ohne Zukunft? Gesundheit als höchstes Gut zu apostrophieren kann nur dem einfallen, der satt und zufrieden in einer Wohlstandsgesellschaft ohne ernste Gefahren für Leib und Seele keine anderen Probleme hat, als wie er sich gesund ernährt, körperlich und geistig fit hält; und der aus der Gesundheit eine säkularisierte Religion stilisiert, die Güter wie Freiheit oder Geist für nichtig und unwichtiger hält.


    Dabei zeigt die Geschichte der Menschheit und des menschlichen Geistes, dass es die Kranken waren, die mit verfeinerten Sinnen und empfindlicheren Gehirnen unsere Kultur prägten; dass die Gesunden auf die Schlachtfelder strebten und die Welt von einem Unglück ins nächste stürzten. Und nur der kranke Mensch versteht es, aus dem Mangel an Gesundheit heraus dem Leben immer wieder etwas abzugewinnen; was dem gesunden nie nötig war, weil er sich selbst genug ist im reinen Sein. Ich will nicht soweit gehen und nur den kranken Menschen als wahren Menschen bezeichnen; aber man sollte endlich aufhören damit, die Gesundheit als höchstes Gut zu feiern und dem Kranken damit ein weiteres Mal auf‘s Butterbrot zu schmieren, dass er unvollkommen ist und ein Mangelwesen.

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    Geburtstage haben bei mir nie eine Rolle gespielt und das Theater, das viele Menschen um diesen einen Tag im Jahr machen, ist mir persönlich völlig unverständlich. Sicher, man freut sich des Lebens, trifft sich in Gesellschaft mit Familie und Freunden, genießt die kleinen und großen Freuden und hofft auf weitere Jahrestage. Ich halte das aber wie mit den Urlauben und Reisen; wenn nicht jeder Tag ein kleiner Geburtstag ist, welchen Sinn hätte das Leben und wie könnte man Freude daran haben?!


    Und runde Geburtstage sind mir gleich völlig gleichgültig, je runder, je egaler. Leider erschweren einem die anderen das Ignorieren der mehr oder weniger großen Nullen nicht unerheblich. Und wie mir zum Tort waren zumindest der 20., der 30., der 40. und nun auch der endlich stattgehabte 50. tagespolitisch ein völliges Desaster – einmal saß ich vom jungen Weibe verlassen alleine in der Welt als junger Mann voll großer Pläne, dann forderte mich ein sinnloser Umzug ohne Zukunft; ich lag drei Wochen um den Tag bei hohem Fieber im Kreise meiner Vierbeiner und schließlich raubten mir Witterung und Umstände jede Gesellschaft und Beschaulichkeit im Tausch für stundenlange Operationen bei Eis und Schnee mit heftigen Schwindelattacken. An den 10. Geburstag kann ich mich nicht so recht erinnern und auch der originale kann nicht so berauschend gewesen sein, schließlich legte ich sicher keinen gesteigerten Wert darauf, geboren und in diese missliche Welt geschleudert zu werden.


    Hermann Hesse lässt im „Steppenwolf“ seinen „Helden“ Harry Haller nach einem missglückten Selbstmordversuch mit 48 Jahren beschließen, suizidale Handlungen fürder ruhen zu lassen bis zu seinem 50. Geburtstag, danach möge man weitersehen. Dieser Entschluss minderte den Leidensdruck der Figur nicht wirklich, linderte aber die größten Qualen; wie sie sich letztlich entschied, liegt dann schon außerhalb des Romans. Die 50 wird heute, da sie nicht wie früher recht nahe am Greisenalter und Tod lag, immer wieder enthusiastisch gefeiert; oft mit allerlei Neckereien und Späßen; das obligatorische Verkehrsschild darf natürlich nicht fehlen; nicht die Anspielung auf den Niedergang aller Kräfte; aber auch die freudige Versicherung, dass das heutzutage fast nur die halbe Miete sei und wo man nicht 90 oder 100 werde, so doch sicher 80.


    So denke ich nicht, dachte ich nie. Für mich ist diese 50 schon ein Gewinn und zwar aus vielerlei Gründen, die zu erörtern ich noch nicht die Muße und Traute habe. Dennoch möchte ich zu gerne 75 oder wenigstens 70 werden, nicht unbedingt gesund am Leibe; aber doch so beweglich im Geiste wie eh und je, dass ich die mir zugänglichen Freuden bis fast zum Schlusse würde genießen können. Aber kein Mensch und kein Gott kann das wissen, wie die Zukunft sich gestalten wird; und ich weiß nicht, ob ich mich fürchte vor oder sehne nach den kommenden Jahren.

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    Nachrichten von Büchern und Menschen


    Gerade habe ich mir anlässlich meines 50. Geburtstages die siebenbändige Leseausgabe von Conrad Ferdinand Meyer für 150 Euro selbst geschenkt; denn ich bin ein großer Liebhaber der sogenannten deutschsprachigen Realisten des 19. Jahrhunderts; von Gottfried Keller, Theodor Storm, Theodor Fontane, Wilhelm Raabe, Fritz Reuter, Otto Ludwig, Jeremias Gotthelf, Karl Franzos, Gustav Freytag, Karl Gutzkow, Marie von Ebner-Eschenbach, Adalbert Stifter, Friedrich Gerstäcker, Charles Sealsfield, Ferdinand von Saar und eben auch besonders von C.F. Meyer, der als Lyriker unterschätzt wird nach wie vor und dessen historische Novellen und Erzählungen zu oft nur als solche gelesen werden und nicht als das, was sie sind, reine große Literatur nämlich. Bislang besitze ich von ihm nur die zweibändige Ausgabe aus der verdienstvollen Reihe Verlages Bibliothek deutscher Klassiker (BDK) des Aufbau-Verlages aus DDR-Zeiten; aber mit der Aufnahme von „Jürg Jenatsch“, dem einzigen Roman, ist schon der Platz limitiert, als dass alle Gedichte oder Novellen enthalten sein könnten. Daher ist es höchste Zeit für die Werkausgabe und ich rechne es mir schon hoch an, dass ich nicht die 15 Bände „Sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe“ für 500 Euro geordert habe.


    Aber diese Bestell-, Lese- und Lebensvorgänge tun doch dar; was sich auf diese Art und Weise in fünf Jahrzehnten für Büchermassen ansammeln können. Als Kind und Jugendlicher habe ich wohl auch ein eigenes Regal für meine Bücher gehabt, aber letztlich sind die meisten dieser später in der elterlichen Bibliothek aufgegangen. Meine wirklich eigene begann erst nach dem Abitur und meinem „Auszug“ aus dem Haus zu entstehen, als ich zum Studium nach Halle und Jena ging. In meiner ersten eigenen Wohnung in Gera während des Referendariats erinnere ich mich bereits zweier berstender Bücherregale, die folgenden fast zehn Umzüge wurden es immer mehr Bücher und Regale, bis es irgendwann in die vielen tausenden und mehrere Dutzend ging und ich nicht mehr gezählt habe, nicht die Bücher, nicht die Bücherkisten bei Umzügen und nicht die Schweißperlen bei der Plackerei des Schleppens die Treppen rauf und runter.


    Irgendwann muss ich unbedingt die Geschichte meines Lektüre- und Leselebens schreiben; meine Bücherbiografie; aber nicht jetzt und hier und heute; sondern ferner und hoffentlich noch vor meinem Abscheiden aus diesem irdischen Jammertal. Jetzt möchte ich eigentlich nur in Anlehnung an meinen engen Freund Umberto Eco das fortspinnen, was er in seinem amüsanten Text „Wie man eine Privatbibliothek rechtfertigt“ darlegt. Eco selbst besaß ja viele zehntausend Bücher, die er in seiner Mailänder Stadtwohnung und verschiedenen Landsitzen stehen hatte in wohlgeordneten und gepflegten Bibliotheken. Der Mann war aber auch wohlhabend seit dem Erfolg seines ersten Romans und brauchte sich um Geld und Platz und Zeit nicht zu sorgen. Wir kennen einen bescheideneren Wunsch ja von Arno Schmidt:


    Freilich, wenn man Geld hätte ...... Ich wüßte es jetzt schon richtig anzuwenden: ein winziges Häuschen in der Heide (achttausend höchstens; nicht wie diese Bausparkassen, die mit Zwanzigtausend um sich werfen, als wär’s ein bloßer Silbenfall); im Ställchen eine Isetta; Eintausend erlesene Bücher: einmal in aller Ruhe die ‹Insel Felsenburg› durchgehen können, den ‹Nachsommer›, oder Lessing von A bis Z; zur Nacht ein richtiges Bett zum Drinniederlegen (nicht mehr dieses dürre indianerrote Gestelle von Schlafcouch!); nichts mehr ums liebe Brot schreiben zu brauchen, keine ‹experimentelle Prosa› mehr, keine feinsinnigen ‹Essays›, keine ‹Nachtprogramme›; an Uhren werden nur die lautlosen geduldet, die mit Sand und Sonne, oder höchstens im Korridor eine alte Standuhr, die alle Ewigkeiten, nachdem man vieles und vielfältiges gedacht hat, vor sich hin ‹Mnja› sagen. Den Mond untergehen sehen, über Wieseneinsamkeiten, ganz rot würde das silberne Wesen geworden sein, wenn es einsank in Dunstband und Kiefernborte ...


    Was Bücher und Bibliotheken von normalen, durchschnittlichen Privatsammlern wie mir angeht, mache ich mir wenig Illusionen und daher ist es mir klar, dass es wenig Sinn hat, über den eigenen Tod hinauszudenken und sich Sorgen um den Fortbestand zu machen. Sie gehören als geistiger und emotionaler Besitz zu uns Büchernarren und nicht unseren Nachfahren oder Erben; man kann sie in dem Sinne gar nicht vermachen, weil sie heutzutage für andere eine Last sind und in ihrem Gehalt nur schwer nachzuvollziehen. Schon für einen selbst ist das ein stetiger Balanceakt und im Grunde schon gar nicht mehr zu stemmen: Das Leben mit einer großen Privatbibliothek ist bei normalen und also durchschnittlichen Vermögensverhältnissen in der Mietwohnung einer größeren Stadt überhaupt nicht mehr bezahlbar; ich selbst bräuchte wenigstens 120 bis 150 Quadratmeter, da zahlt man warm in einer Stadt wie Jena locker 2000 Euro monatlich. Aber auch ein normales Einfamilienhaus auf dem Lande böte bei Weitem nicht genug Platz bei normaler Größe und normalem Schnitt. Man hat als Besitzer einer Privatbibliothek mit schmalem Geldbeutel also lediglich die Möglichkeit, in den hintersten Winkeln der Provinz, auf dem platten Land oder hinter den sieben Bergen im tiefen Wald ein altes Haus mit einigem Gelass für ein Butterbrot und ein Ei zu erwerben, um dann weitab von jeder Zivilisation und urbanen Kultur sein Leben in aller Stille mit seinen Büchern zu fristen. In meinen bibliomanischen Hochzeiten haben meine Eltern und ich in unserem ererbten verwinkelten Bauernhaus sechs Räume mit unseren Bücherschätzen belegt, drei davon fast ausschließlich als reine Bibliothek mit Regalen an allen vier Wänden bis zur Decke angelegt. Das war und ist ein traumhafter Zustand, bezahlt durch den Verlust einer jeden Infrastruktur, eine Autostunde von jeder größeren Stadt entfernt, inmitten einer eher bildungsfernen und wenig an Kultur interessierten indigenen Landbevölkerung.


    Bei meinem vorletzten und neunten Umzug hatte ich mir jedenfalls geschworen, nie wieder ein Buch zur Hand zu nehmen und in Kisten zu räumen; sie sollten stehen bleiben, wo sie standen und mir beim Älterwerden und Sterben zusehen. Dann drehte mir das Leben mal wieder eine Nase und führte mir Hagestolz mit deutlich über vierzig Jahren ein Weib zu, das es mit mir versuchen wollte, meinen Antrag annahm und mit dem ich einen eigenen Hausstand 100km weit weg gründen würde. Und also doch wieder wurde das Problem meiner Privatbibliothek, die ich natürlich nicht lassen konnte, sie ist ja ein Teil von mir, virulent. Das Haus in der Kleinstadt ist nicht eben groß und dass ich ein paar tausend CDs und vielleicht 2000 Bücher dort unterbringen konnte, grenzt schon an ein Wunder und verdankt sich dem handwerklichen und logistischen Geschick meiner Gattin. Aber was ist nun mit den vielen tausend anderen Büchern, die nun in unserem Landsitz einsam und verlassen in den Regalen stehen und frieren?


    Ich habe mich ja schon so oft bemüht, die Bibliothek auszudünnen und auszumisten; wie oft habe ich versucht, in den großen Ferien etwa, meine Bibliothek umzusortieren, umzuräumen – sie zu straffen, zu verknappen, auf eine unumgängliche Essenz hin zu melken. Der Wunsch steigerte sich von Umzug zu Umzug; wer einmal hunderte Bücherkisten meist über mehrere Etagen hinweg geschleppt hat, der weiß, was ich meine! Im Ganzen habe ich auch wirklich über 2000 Bände bereits an öffentliche Bibliotheken gegeben oder anderweitig entsorgt. Man stelle dich das ja nicht leicht vor: Kein Antiquariat freut sich über Offerten und die meisten wollen nicht einmal geschenkte Bücher nehmen. Die haben in ihren Lagern auf Halde zehntausende und bis auf die raren Filetstücken ist der Markt tot. Ganz oft rufen Leute an und verschenken Privatbibliotheken von 5000 Bänden und mehr, aber selbst dann übernimmt nur noch selten ein Antiquar alles; er sucht sich das wenige Exquisite, Seltene, Teure aus; das Meiste landet auf der Müllhalde. Dieses Schicksal wird allen größeren Privatbibliotheken blühen, meiner sowieso und zum Beispiel auch der meiner Eltern. Wenn diese vor mir gehen sollten, suche ich sicher das eine oder andere Buch heraus; ansonsten aber vermache ich deren Bibliothek willigen Einrichtungen oder schaffe sie gleichfalls auf die Müllhalde. Ich wäre weder zeitlich noch körperlich noch seelisch in der Lage; Tage, Wochen oder Monate mit Sichten, Sortieren, Aussondern etc. zu verbringen; das ginge zu sehr an die Substanz.


    So stellt man sich also mit dem festen Vorsatz vor seine Bücherwände, alles auszusortieren, was man nicht mehr braucht, was man aller Voraussicht nach nie wieder in die Hand nehmen wird, im Wissen darum, dass das Ausgesonderte einen elenden Tod auf der Müllkippe oder einen unehrenhaften im Ofen zu sterben verurteilt ist. Zunächst, mit der Euphorie des Anfangs, des Beginnens, klappt das ganz gut – aber schon nach zehn Minuten verraucht der große Zorn und stockt die große Arbeitswut: Sicher, lesen wird man diese alte Darstellung der indischen Literatur in diesem Leben nicht mehr, aber hat man nicht jüngst in einer Fernsehdokumentation einen interessanten Namen erwähnen hören, den man hier hätte auch nachschlagen können? Sicher, man hat inzwischen bessere Ausgaben von Fontane, aber die hier hat man zuerst gelesen, da hängen Erinnerungen dran; das da ist ein Geschenk eines Freundes, das ein Zufallsfund in einem Winkelantiquariat und so weiter und so fort. Es gibt tausend Gründe für tausend Bücher, ihnen eine weitere Aufenthaltsgenehmigung nicht zu versagen. Am Ende der ersten Gehversuche beim Entkernen der Biblothek sind es vielleicht zwanzig oder dreißig Bücher meiner 1000-bändigen Hand- bzw. Präsenzbibliothek, die da plötzlich durch ihren Landesherren ihrer Regalien verlustig gingen; aber auch die landeten nicht beim Antiquar oder gar auf dem Hausmüll, sondern wanderten lediglich in die Regale der elterlichen Bibliothek und wenn es brutal hart wurde, in die vielen diversen Kisten auf dem ausgebauten Dachboden.


    Bücher haben eine Seele und verborgte kommen nicht wieder, heißt es – wie um Himmels Willen sollte man da eines seiner adoptierten Kinder seiner Heimstatt verweisen? Ich vermag es nicht, aber wo ist die Grenze zwischen Sammelleidenschaft und dem Messie-Syndrom? Bis heute versuche ich die Bücher zurückzuerlangen, die ich Freunden und Bekannten überlassen habe in Anfällen der Ausmistwut; natürlich nicht durch Raub und Diebstahl und Mord, wie es andere Büchervernarrte vor mir taten und damit in die Kriminalgeschichte eingingen; aber doch durch erneuten Erwerb, oft genug nach jahrelangen Suchen in Antiquariaten und auf Flohmärkten. Immer habe ich diese Phasen bereut, haben mich die weggegebenen Bücher gereut; mein Gewissen lastete schwer auf mir, weil ich gab und weil ich wieder nahm. Schwer fiel mir eine Trennung nur nicht bei wahllosen Massenanschaffungen der frühen Neunziger, als nach der Wende diverse Anbieter Meterware zu unglaublichen Preisen verschleuderten und man sich einfach nicht zügeln konnte, die Enzyklopädien, Lexika, mehrbändigen Geschichtswerke oder billig aufgemachten Werkausgaben der Klassiker zu erstehen, die einem bald die Regale und Augen verstopften. Auch die Übernahme von fremden Sammlungen habe ich meist vermieden; nur einmal gelangte über meine Eltern die eines befreundeten Hallenser Professors in unsere heiligen Hallen, aber ich hätte niemals eine Beziehung zu diesen fremden Büchern aufbauen können; ich behielt nur ein paar von mir selbst schon sehr lange gesuchte Stücke und gab die große Masse ohne Not und Reue ab.


    Meine praktische Frau sagt immer tröstend zu mir, wenn ich gerade einem Buch nachweine, dessen ich natürlich immer gerade nicht habhaft werden kann; ich solle mir die wichtigsten herstellen. Aber wie soll ich wissen, was die wichtigsten sind? Also sprach ich zu ihr:


    "Mein lieber Schatz, als Buchliebhaber und Besitzer einer großen Bibliothek ist man; sollte man sich z.B. wegen Umzugs in eine kleinere Wohnung von Büchern trennen müssen, leider völlig außer Stande zu sagen, welche von ihnen man am Dringendsten braucht und deshalb mitnehmen möchte. So eine Privatbibliothek führt ja mit ihrem Besitzer ein Eigenleben, das sich dem Verständnis eines normalen Menschen entzieht. Momentan beschäftige ich mich wieder mit Hölderlin, lese seine Werke, aber auch Sekundärliteratur und aus der Bibliothek entliehene Monografien. Das wird eine Weile währen und dann wieder auslaufen; aber ich würde diese Bücher nicht weggeben wollen. Ich stand vorhin zufällig vor dem Regal mit der spanischsprachigen Literatur und mein Blick fiel auf Jorge Luis Borges, der mir sehr viel bedeutet als Autor und als Teil meiner Lektürebiografie – ich hatte ihn im Umkreis der ersten beiden Romane von Umberto Eco kennen- und lieben gelernt und ihn viele Jahre intensiv gelesen. Inzwischen hatte ich die Bände sicher von den Umzügen abgesehen fünf Jahre nicht in der Hand und es ist nicht ausgeschlossen, dass sie weitere fünf unbenutzt stehen bleiben. Aber ich bin ganz sicher, der Tag wird kommen; dass ich sie freudig in Händen halte und in ihnen blättere oder sogar eine längere Lesung ihren Ausgang nimmt.


    Einmal habe ich Platz gebraucht für meine Wagner-CDs und daher ein Regal ins Auge gefasst, das ich kaum mehr zu frequentieren schien; mit Reclam-Ausgaben von Dichtern, Interpretationssammlungen; Mediävistik. Also räumte ich die Bücher in eine Umzugskiste und stellte sie weg - aber was geschieht: Ich suche plötzlich Hofmannsthals „Andreas“ und stelle fest, dass ich den lediglich als Reclam-Ausgabe habe und in keiner anderen Edition; dann brauche ich das Bändchen mit Gedichten an und über Hölderlin und schließlich benötigte ich Deutungen zu Lyrik von Georg Trakl und Rilke, auch in diesem Regal gestanden. Und da rede ich noch nicht von verschiedenen mittelhochdeutschen Epen, die ich eben auch Richard Wagners wegen einsehen musste. Wenn das nun kein unbewusster Vorgang war, so machte mir das wieder einmal deutlich; dass meine Bücher eben nicht nur Jahre und Jahrzehnte gelagert werden und Miete pro Quadratmeter fressen und also Standgebühr kosten, wie ein Freund und bekennender Buchfeind und Naturwissenschaftler meinte, sondern tatsächlich gebraucht werden und mit mir leben.


    Zuweilen muss man eben Jahre oder Jahrzehnte warten, um die Frage nach dem Sinn einer Privatbibliothek beantworten zu können. Als ich einmal zu Pfingsten in der Semperoper mit dir, meiner Gemahlin, die „Missa Solemnis“ von Beethoven sah und hörte, bereitete ich mich mit umfangreichen Hörsitzungen (habe selbst acht unterschiedliche Aufnahmen) darauf vor und lese natürlich auch im Internet. Da mir Wikipedia und andere Seiten zu flach waren und ich auch nichts Neues kaufen wollte, stöberte ich in meinem doch recht überschaubaren Musik-Regal und siehe da, fällt mir doch ein zerfleddertes und vergilbtes Reclambuch aus dem Jahre 1975 in die Hände, das in Beethovens Schaffen einführt und auch ein prächtiges Kapitel zu dieser größten aller Messen nach Bach enthält. Ich habe mich gleich in den Stil des Autors verliebt und so auch den Rest des Buches gelesen. Herrlich, diese Verknüpfung sozialistischer Musikwissenschaft und bürgerlicher Schreibe … solche Funde macht man nur in einer Privatbibliothek beträchtlicher Ausmaße …


    Der Sinn einer großen Privatbibliothek besteht demnach nahezu ausschließlich in der Potentialität, im man könnte; also der Möglichkeit, jederzeit und immer und relativ zeitnah Zugriff auf ein Buch zu haben, dessen Besitzes man sich zwischen den eigenen Regalen erfreut; wobei sich das im Ganzen nicht mathematisch berechnen, statistisch erfassen und ökonomisch korrekt in einer Kosten-Nutzen-Tabelle festhalten lässt. Wenn man anfängt, über Standgebühren für tausende Bände in der eigenen Wohnung nachzudenken, hat man schon verloren, dann ergibt alles keinen Sinn. Es gibt keinen Faktor, der besagt, ab wann sich wieviel Bücher lohnen oder rechnen; sobald man so herangeht, wird das irrationale Moment evident. Was also sind die Bücher, die ich am Dringendsten brauche, mein lieber Schatz? Alle natürlich oder keine, dazwischen gibt es nichts! Ich war unlängst nur einen knappen Tag bei mir daheim auf dem Landsitz meiner Vorfahren und trotzdem habe ich wenigstens mit einem halben Dutzend verschiedener Bücher zu tun gehabt, habe sie gebraucht, in ihnen nachgeschlagen, ein Bild gesucht, eine bibliografische Angabe überprüft, ein Zitat verifiziert, darin richtig gelesen. Das waren Bücher aus dem Bereich deutsche und russische Literatur, Literaturgeschichte, Geschichte der Reformation; ein Bildband zu einem Künstler, ein Lehrbuch Deutsch und eine Darstellung zur Philosophie des deutschen Idealismus. Wenn ich die nun nicht zur Hand gehabt hätte, was dann? Vieles findet man inzwischen im Internet; sicher; aber eben längst nicht alles und schon gar nichts mit Bezug zur eigenen Lesebiografie und richtig lesen über Stunden will ich am Schreibtisch, im Lesesessel, auf dem Sofa oder am liebsten im Bett; nicht vor dem flimmernden Bildschirm des Computers.


    So also sprach ich zum besten Eheweib von allen und dieses verstand mich und dann auch wieder nicht. Immerhin weiß meine weitaus bessere Hälfte ganz genau, wie meine Wahl - gezwungen, mich zwischen den Büchern und ihr zu entscheiden - ausfiele. Aber würde sie mich nie vor diese stellen; denn man soll Gott den Herrn nicht versuchen. Und einen manischen Büchersammler und Büchernarren gleich gar nicht.

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    Der großartige, so sehr unterschätzte Johann Peter Hebel in seinem Schatzkästlein des Rheinischen Hausfreundes:


    Köstlich! Aber mein Problem wäre ein anderes, ich wüsste nur einen Wunsch; ich würde gerne alle meine Krankheiten loswerden; weil ich auf kaputte Knie, Herzrhythmusstörungen, Tinnitus, grünen Star, kaputte HWS und Seelendüsternis sehr gerne Verzicht leistete; aber was sollen mir dann die Wünsche 2 und 3? Unsterblichkeit? Da sei Gott vor! Wieder jung sein? Grundgütiger, den ganzen Wahnsinn noch einmal von vorne?! Aber sollte ich nicht vielleicht an die ganze Menschheit denken und weniger an mich selbst?


    Den Weltfrieden schaffen und Glück für alle Menschen? Das weiß ich nun nicht, ob die drei Wünsche individuell auf einen zugeschnitten sind oder ob man auch für andere wünschen kann. Aber mal ehrlich, was sind das eigene Glück und die eigene Gesundheit wert, wenn sie alle anderen auch haben? Vielleicht wüsste ich aber doch Rat für mich; ich wäre gerne unempfindlicher und weniger empathisch, sodass die Welt nicht immer ungefiltert in mich, der ich ohne ohne Schutzschild zur Welt kam, hineinbräche; und der ruhmreiche FCC dürfte durchaus noch einmal ein EC-Finale spielen und natürlich diesmal siegen.

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    Es war einmal ein kleines Moll, kein besonderes, ein ganz normales a-moll, das oft benutzt wurde in vielen Jahrhunderten. Aber es war trotzdem sehr unglücklich, weil es in einem Reich lebte, in dem jedes Dur groß sein durfte, das häufige C-Dur genauso wie das kaum jemals verwendete Ces-Dur. Das fand das kleine Moll sehr ungerecht und weinte Tränen bitterlich. Einmal nur in seinem tönernen Leben wollte es auch groß sein und alle Zuhörer sollten es nicht nur hören, sondern auch sehen können. Daher sah es keinen Ausweg und wandte sich an den Magister Yorickus Ruthenus Apoldensis, der sehr bekannt war in Stadt und Land und im ganzen Reiche, dass er armen Mollen zur Berühmtheit verhülfe. Und so kam es, dass für einen winzigen Moment der größte virtuelle Scheinwerfer das kleine Moll mit einem überdimensionalen Schatten in die Welt warf und das kleine Moll weinte diesmal vor Freude und konnte sich gar nicht satt sehen lassen. Lange aber währte das Glück nicht, denn der grimmige Magier Ulrich from the Charlesquiet erschien mit grimmigen Blicken und lästerlichen Flüchen auf den Lippen und verhängte die Acht über alle Frevler.

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    RE: Yoricks Nachtgedanken bei Tage

    RE: Yoricks Nachtgedanken bei Tage


    Was sagt das psychopathologisch über jemanden, dem beim schönsten Winterwetter ausgerechnet Stalingrad und sibirische Straflager einfallen oder der dem völlig nebensächlichen Gedanken nachhängt, warum um Himmels Willen ein gesundheitlich bereits angeschlagener Generalfeldmarschall in wichtigster Funktion an der Ostfront im Januar 1942 unbedingt bei minus 40 Grad Celsius einen Waldlauf absolvieren muss, was ihm einen schweren Schlaganfall einträgt, infolgedessen er auf dem Lufttransport nach Deutschland verunglückt und stirbt.


    Geschichte ist für mich eben kein rein intellektuelles und geistiges Vergnügen und Missvergnügen; keine Beschäftigung l’art pour l’art, sondern immer schon auch eine stark sinnliche und emotionale; eine lebensweltliche und existenzielle, die Bedeutung für mein Leben, meine Biografie, meine Gegenwart in der Welt hat. Ich fühle in mir das Blut meiner Ahnen pulsen; vielleicht nicht bis zu den Zeiten zurück, als die ersten modernen Menschen in Europa erschienen 40 000 vor Christus; aber doch lange genug, um nicht nur bis zu den mir in einem Glied noch persönlich bekannten Urgroßeltern zu reichen. Dass ich eines der letzten Glieder einer endlichen Reihe von Vorfahren bin, lässt mich nicht kalt – Blutsverwandte von mir lebten in beiden Kriegen, unter Napoleon, im 30jährigen Krieg, unter den Königen und Kaisern des Mittelalters; das kann einen doch nicht kaltlassen und hat weder mit Blut-und-Boden-Romantik oder SS-Ahnen-Kult zu schaffen; denn es geht um ehrliche und wahre Gefühle und Empfindungen.


    Wenn ich meinen Freund im Augustinerkloster der Verbotenen Stadt besuche, kriege ich seit Jahrzehnten Gänsehäute, wenn ich mir vorstelle, dass genau da, wo ich gerade gehe, einst Martin Luther geschritten ist, den Kopf voller düsterer Gedanken über Gottes Gnade und die ewige Verdammnis. Urgeschichtliche oder mittelalterliche Ausgrabungsstätten rütteln an meinen Sinnen, wenn ich auf ihnen wandle; ich lief verstört über die Schlachtfelder der Normandie und von Stalingrad; in stillem Glück durch die Kathedralen Nordfrankreichs, delirierend hinauf zur Akropolis, auf den Tod müde im morbiden Rom. Historisches weht mich allüberall an und mein Sensorium stenografiert unermüdlich mit wie ein empfindlicher Seismograph; das genügt es, wenn mich die unglaubliche Atmosphäre von Petra oder Machu Picchu am Fernsehbildschirm erfasst und ich nicht wieder herauskomme aus den halluzinierten Bildern.


    Dessen unerachtet lehne ich gerade trotz dieser engen Verbindung zur Geschichte der Menschen und auch der Menschheit jede Art von allgemeiner Familien- oder nationaler Haftung ab für Verbrechen, die von meinen persönlichen Vorfahren oder meinen Volksvorgängern früher begangen worden sind; so schrecklich diese auch gewesen sein mochten. Ich selbst bin Jahrgang 71, meine Eltern 47 und 48; wir haben nichts, aber auch gar nichts mit irgendwelchen Untaten persönlich zu schaffen und niemand und nichts hat das Recht dazu, uns ethisch-moralisch in die Pflicht zu nehmen und eine Verantwortung aufzubürden, der wir nie und nimmer gerecht werden müssten und auch gar nicht könnten. Wie ich nicht an die christliche Lehre der Erbsünde samt ihrer Dogmatik glaube, nach der jeder Mensch seit dem Sündenfall Adams und Evas befleckt und schuldig zur Welt kommt, welchen Unstern erst Jesus Christus durch seinen Kreuzestod auf immer von uns nahm; glaube ich auch nicht an eine persönliche Verantwortung von Menschen eines Volkes, einer Nation; für die Jahrhunderte vor ihnen geradestehen zu müssen. Und das schon gar nicht, wenn es für diese Sünden, dieses Fehlverhalten keine Möglichkeiten der Sühne und Absolution gibt, sondern die Schuld sich ewig fortpflanzt von Generation zu Generation, woraus natürlicherweise nichts Positives entstehen kann; was zu erkennen nur wenig Psychologie braucht.


    Etwas anderes ist meine persönliche Entscheidung, der ich zwei Dutzend Mal in Buchenwald war, der ich in Auschwitz gewesen bin, in einigen anderen Lagern und auch im Gulag sehr weit nördlich am Eismeer stand; mich persönlich betroffen zu fühlen und dafür Sorge zu tragen, dass Unrecht nicht vergessen wird von folgenden Generationen; auch im tragischen Wissen darum, dass der Mensch nur endlich verträgt sich zu erinnern, wenn er weitermachen und weiterleben will als Mensch unter Menschen. Aber ich fühle hier als Alt-Europäer, Abendländer; Kosmopolit und Weltbürger; ich weiß, wenn ich in Dachau stehe, dass jeder Mensch zu allem fähig ist und jedes Volk der Welt, jede Nation zu allem fähig ist unter ganz bestimmten Umständen; und dass zivilisierte Kulturnationen zu den furchtbarsten Verbrechen fähig sind, sollte uns dazu anhalten, bescheidener zu sein in unseren Urteilen in die Vergangenheit hinein; aufmerksamer und kritischer in unserer Gegenwart und weniger anspruchsvoll mit Blick auf die Zukunft.


    Wie oft wünsche ich mir, die jüngere Generation würde einen engeren Bezug zu ihren Wurzeln entwickeln; um für sich selbst Entscheidungen treffen zu können; die sie als Glied einer langen Ahnenreihe innerhalb einer Gemeinschaft betreffen. Aber ich beobachte in fast 30 Dienstjahren einen Prozess der zunehmenden Gleichgültigkeit und ein bewusstes wie unbewusstes, ein fahrlässiges wie vorsätzliches Kappen aller Traditionslinien; ein Prozess, der spätestens seit der Französischen Revolution an Fahrt aufgenommen hat und von Peter Sloterdijk in Die schrecklichen Kinder der Neuzeit. Über das anti-genealogische Experiment der Moderne hinreichend brillant beschrieben worden ist. Aber die Kluft ist schon zu groß, der Abgrund zwischen einem 30Jährigen und etwa mir mit 50 ist schon so groß, dass man nicht hinunterschauen kann und man genauso auch keinen Boden mehr siehet, als dass man sich selbst noch wahrnähme von Rand zu Rand. Nicht die Geschichte ist tot, aber die Erinnerung; was überlebt, ist von Übel und vergiftet Gegenwart und Zukunft.


    Ein geschichtlicher Mensch wie ich mit historischem Sensorium kommt sich in diesen Zeiten vor wie ein Wiedergänger, ein Untoter; wie ein vom Mond gefallener Vampir, dessen Wirtstiere- und Menschen ausgestorben sind und der sich daher in morastigen Tümpel aus Fröschen, Ratten und Mäusen einen winzigen Rest an lebendiger Geschichte saugt, bis er ganz und gar nicht modern vermodernd eingeht in den Moder der bereits Vermoderten.

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    Mein wohl ältester Freund im Geiste neben Marx und Engels und Nietzsche und Freud - Arthur Schopenhauer also - schreibt in seinen Aphorismen zur Lebensweisheit im Kapitel I ganz richtig:

    Zitat

    Ein aus vollkommener Gesundheit und glücklicher Organisation hervorgehendes, ruhiges und heiteres Temperament, ein klarer, lebhafter, eindringender und richtig fassender Verstand, ein gemäßigter, sanfter Wille und demnach ein gutes Gewissen, Dies sind Vorzüge, die kein Rang oder Reichthum ersetzen kann.

    Außer beim Verstand (wirklich, herzallerliebstes Yoricklein?) kann ich hier leider nicht mittun ... ;(

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    Lieber Aschermittwoch,


    ich möchte die Gelegenheit nutzen, mich in aller Form bei dir zu entschuldigen; dass ich dich nicht wie sonst jedes Jahr mit lauter stillem Jubel empfangen habe; aber die Zäsur zwischen der Narretei in dieser Welt und dem segensreichen Kommen deiner kontemplativen Wenigkeit war diesmal kaum wahrnehmbar in einer Zeit der Seuche, die dem Treiben der Menschen Einhalt gebot wie sonst nie und so schlichst du dich wie ein heimlicher Gast in die ohnehin schon friedliche Stube und wurdest nicht bemerkt wie einst Odysseus, der unerkannt heimkehrte nach Ithaka. Aber kehrst du wirklich heim oder bist du wie Christus und ich ein Fremder in dieser Welt? Sei aber gewiss, wenn ich schon nicht die Seufzer der letzten Jahre aus meiner Brust entließ, da du endlich erschienst in deiner schlichten Glorie, so habe ich deinen Einzug doch bemerkt und will ich dich ehren über den Tag hinaus.


    Es grüßt dich herzlich um Vergebung bittend

    Yorick, ein Narr sein Leben lang (nur nicht in Zeiten von Fasching und Karneval)

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    Wenn ich früher, vor der Wende; aber auch noch anfangs der 90er etwas wissen wollte zu spezielleren historischen Themen; ein entlegeneres Buch brauchte oder Nachschlagewissen detaillierterer Art, kam ich natürlich mit der eigenen und elterlichen Bibliothek nicht weit und auch der Besuch in den nächstgelegenen Kreisbibliotheken Lobenstein (10km) und Schleiz (18km) führte nicht zum Ziel. Die einzigen Möglichkeiten waren die Universitätsbibliotheken in Jena (75km) und Halle/ Saale (140km) sowie die Deutsche Bücherei Leipzig (130km).


    Ohne Auto fuhr ich erst einmal mit dem Bus nach Schleiz, dort warten auf den Anschluss; zusammen ist man mehrere Stunden mit den Öffentlichen unterwegs gewesen für die heute knappe Autostunde nach Jena. Dort dann entsprechend der Öffnungszeiten die Suche in einem uralten Bandkatalog, schließlich die Bestellung; alles per Hand mit Zetteln. Dann musste man Glück haben, ob die Bücher auffindbar waren und auch außer Haus gegeben wurden. Alles in allem ein unglaublicher zeitlicher, logistischer, finanzieller Aufwand für ein paar wenige Informationen.


    Die erste Revolution für mich persönlich war, dass sich die Eltern nicht lange nach der Wende durch einen reisenden Vertreter die 19. Auflage des Brockhauses nicht etwa aufschwatzen ließen; denn eher drängten wir alle den Mann, uns um Himmels Willen die 24 Bände gleich dazulassen und zu schwören, die Ergänzungsbände bis 30 und mehr einschließlich Atlas auch wirklich nachzuliefern. Die 5000 D-Mark waren für meine Eltern, die beide arbeitslos geworden waren und noch nicht ihre neue Firma gegründet hatten, ein halbes Vermögen; dennoch haben wir das nie bereut. Besonders ich habe bestimmt zehn Jahre, bis zur Etablierung des Internets, diese Bände gelesen wie Romane, sie wieder und wieder und das täglich mehrfach benutzt. Endlich endlich war es leichter, an Informationen zu gelangen; freilich musste man wissen, was man suchte; man musste das Alphabet beherrschen; Füße und Beine haben, die einem zum Regal führten und eine Hand, die den Band herauszog und aufschlug. Erst dann kamen die Augen zum Einsatz und in glücklichen Fällen auch das Gehirn.


    Inzwischen sind es fast 15 bis 20 Jahre, dass ich den Brockhaus nur noch bei Umzügen in Händen hielt und über das unglaubliche Gewicht der Bände fluchte. Irgendwann gab ich ihn dann meinem Bruder für sein Büro, dort macht er noch heute eine gute Figur mit seinen glänzenden Lederrücken. Wenn ich heute etwas wissen will, mache ich den Rechner an; falls er nicht sowieso schon an ist; denn er läuft meist ganztags, oft auch nachts; und gebe in die diversen Suchmaschinen die gesuchten Begriffe ein. Innerhalb von Sekunden habe ich Zugriff auf alle möglichen Informationen; Basisdaten, Biografien, enzyklopädische und lexikalische Artikel; allgemeine und spezielle Studien; kann auch auf Bilder zugreifen; über Ton- und Filmdokumente verfügen. Via Mausklick steht mir das gesamte Universum des verfügbaren Wissens zur Verfügung. Für einen wie mich ist das ein Segen und wenn ich überlege, wie das vor 30 Jahren noch zuging; begreife ich das selbst nicht mehr.

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    Die üble Kehrseite des Ganzen, des exponentiell wachsenden Wissensfortschritts und seiner Verfügbarkeit auf allen Gebieten; ist aber leider kaum zu übersehen! Viel klügere Leute (Peter Sloterdijk, Rolf Peter Sieferle, Konrad Paul Liessmann) als ich haben schon längst festgestellt, dass mit der stetigen Zunahme an allseits verfügbarem Wissen der Bildungsstand entgegengesetzt proportional sinkt; mit einem Wort wir Menschen trotz der Masse an potentiellem Wissen immer dümmer werden. Das hat seine Gründe.


    Immerhin lässt sich auf dem engeren Terrain der reinen Wissenschaften, Techniken und Technologien und überhaupt allen anspruchsvolleren, komplexen Fachgebieten vor allem das Positive herauskehren; man arbeitet effektiver, vernetzter und letztlich ergebnisreicher. Auf allen anderen Bereichen aber; die allgemein und praktisch jedem zugänglich sind, schlagen die Vorteile der multimedialen Informationsgesellschaft zum Nachteil aus. Auf keinen Gebiet gesellschaftlicher Natur wie Politik, Wirtschaft, Kunst, Kultur, Recht oder auch nur Sport lassen sich heutzutage noch Informationen gewinn- und nutzbringend gewinnen, ohne dass man in einen Strudel unnützen Datenmülls gerät und jede Orientierung verliert.


    Die technischen Möglichkeiten einer massenmedialen „Kultur“ und die demokratische Verfassung unserer westlichen Gesellschaften, die jedem Bürger ermöglicht und ausdrücklich das Recht zusichert, auch alles sagen und schreiben zu dürfen, egal, ob es wichtig ist oder nicht, wahr oder falsch etc.; dürfen für diese Entwicklung verantwortlich gemacht werden. Auf diese Weise, die permanente Zupflasterung mit unnützen Informationen und Daten und Meinungen und Ansichten und durch das unendliche Geschnatter über all diese Nichtswürdigkeiten auf allen Leitungen geht das Wesentliche unter und ist für den Beflissenen kaum noch zu bergen. Wenn jeder jederzeit überall schreiben und reden darf, obwohl er von dem, worüber er schreibt oder redet, nicht den Hauch einer Ahnung hat; muss man sich nicht wundern über die obigen Befunde. Wie dem Zustand abzuhelfen wäre, ohne jemandes Rechte einzuschränken, weiß ich nicht.


    Nur eins ist Fakt: Die Zeit, die einem die technischen Innovationen ersparen beim Suchen und Finden; braucht man zigfach wieder, um das Wesentliche zu erkennen und herauszuschälen. Denn zuallererst setzt der Umgang mit dieser Flut an Informationen eine, um einmal die Lieblingsworthülse unserer Zeit zu gerbrauchen, Kompetenz voraus; die um ein genauso Vielfaches höher sein muss, als das verfügbare Wissen in den letzten Jahrzehnten angewachsen ist. Diese Fähigkeit herauszubilden braucht aber Zeit und vor allem die Möglichkeit, klein anzufangen und an der Hand genommen erste Erkundungen vorzunehmen gemeinsam mit wegsicheren Führern.


    Wer wie ich kein digital Native ist und in sauren Zeiten der DDR noch ganz anders wirtschaften und haushalten musste in Sachen Wissen und Erkenntnis, hat es da leichter; man hat das Handwerk halt von der Pike auf gelernt, lernen müssen. Was aber sollen diejenigen tun, die nichts anderes kennen als den unendlichen Überfluss an Daten, Informationen, Bildungsversatzstücken? Hier beißt sich die Katze in den Schwanz, denn wir müssten den Berg an Wissen bereits auseinandergeklaubt und sortiert haben, um die Kompetenzen für dessen Bewältigung zu erlangen. Wieder einmal haben den Menschen seine technischen Innovationen so weit überholt, dass er wie die Amöbe vor der Raumkapsel steht und nicht weiß, was damit beginnen? Die Option, dass die Menschheit gesund und dumm ausstirbt, wird immer wahrscheinlicher.

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    Vor nun schon über zehn Jahren schrieb ich meinem Berliner Brieffreund die Bücher-Top Ten des Yorick Ruthenus (damals noch nicht) Apoldensis ganz offen und ehrlich, notierte und nominierte also nicht etwa die, die aller Welt als groß und berühmt gelten (Überschneidungen kommen freilich vor!), sondern diejenigen, die bei mir persönlich Epoche gemacht haben. Das ist gar nicht so leicht, wie es sich anhört oder liest:


    Ich habe daher nur die aufgenommen, die ich tatsächlich mehrere Male gelesen habe und die ich auch immer wieder zur Hand nehme, um sie ganz oder in Auszügen zu schmökern. Diese Mehrfachlektüren gehen in Richtung anderthalb Dutzend! Der Versuchung, von einem Autor mehrere Bücher aufzunehmen, habe ich widerstanden; was angesichts solcher Kaliber wie Arno Schmidt oder Friedrich Nietzsche äußerst schwer war. Hier die nun schmucklose Liste in der Reihenfolge der damaligen und prinzipiell auch noch gegenwärtigen Wertigkeit:


    1. Laurence Sterne: Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman
    2. Thomas Mann: Doktor Faustus. Das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn, erzählt von einem Freunde
    3. Arno Schmidt: Abend mit Goldrand
    4. Friedrich Nietzsche: Ecce Homo
    5. Jean Paul: Leben des vergnügten Schulmeisterlein Maria Wutz in Auenthal. Eine Art Idylle
    6. James Joyce: A Portrait of the Artist as a Young Man)
    7. Umberto Eco: Das Foucaultsche Pendel
    8. Alois Brandstetter: Die Abtei
    9. Hans Wollschläger: Herzgewächse oder Der Fall Adams
    10. Michel Houellebecq: Elementarteilchen


    Zum unangefochtenen Spitzenreiter muss ich nichts mehr sagen, da muss schon noch ein wirkliches Geschoss pfeifend niederprasseln, um dieses Buch der Bücher bis zu meinem Lebensende vom Podest zu fegen. Auch der Heilige Thomas wurde genugsam besprochen; desgleichen Arno Schmidt. Friedrich Richter als beinahe Landsmann mit seinem herrlichen Berufskollegen darf natürlich nicht fehlen; er ist es, von dem ich die Idylle, also das „Glück in der Beschränkung“, gelernt habe.


    Vom großen Iren bekam ich seinerzeit und das recht früh einen Doppelband von Suhrkamp in die Hand, die den Ursprungstext „Stephen der Held“ und die überarbeitete Version „Ein Porträt des Künstlers als junger Mann“ enthielt – und ich war begeistert von dieser Mischung aus Moderne und Tradition: Ein Jugendlicher und junger Erwachsener aus einem mir gänzlich unbekannten katholischen Milieu, der neben altersbedingt nur allzu verständlichen Problemen mit Weibern und Alkohol die schwersten Probleme in Kunst und Literatur wälzt. Das Buch hat mich mehr beeindruckt als der „Ulysses“, weil es trotz allen Kunstwollens immer noch durchschaubarer war als DER Roman der klassischen Moderne, der wie alle ganz großen Bücher einfach unerschöpflich ist, aber durch seine „Objektivität“ mich weniger fesselt als das Frühwerk von Joyce.


    Den Eco habe ich schön oft genannt als den großen Anreger meiner vor allem geschichts- und geisteswissenschaftlichen Studien; der mittlerweile emeritierte Klagenfurter Philologe dagegen begleitet mich seit Jahrzehnten, weil er nicht nur meinen künstlerischen Geist befriedigt, sondern auch mein weltanschauliches Gewissen verkörpert und als konservativer Kulturideologe quasi mein Herz erwärmt! Von all den vielen Büchern, die nach immer dem gleichen Strickmuster verfahren und einen gelehrten Menschen aus nichtakademischem Beruf oder wenn doch, dann im Pensionärsstande, ironisch über die Welt und den Verfall der Bildung und der Kultur klagen lassen; ist „Die Abtei“ nach wie vor das beste; weil der rote Faden der Story hier überzeugt und die allgegenwärtige Lamentatio noch nicht durch ewige Wiederholung ihren Biss verloren hat. Hier nimmt sich Brandstetter auch noch nicht so wichtig und nirgendwo gleitet der Sermon ab in Besserwisserei und verstaubte Gelehrsamkeit.


    Bei Wollschläger stehe ich immer noch unschlüssig; er kann sich weiter nach oben arbeiten oder auch ganz rausfallen; fertig wird man mit dem in einem Leben jedoch auch nicht; der Franzose dagegen hat bereits alles gesagt, was er weiß – er hat inhaltlich genauso Recht, wie er artistisch nur mäßig begabt zu sein vorgibt. Aber wie ich die Liste schreibe, lüge ich schon; denn alles ist im Wandel und dunkel die Erinnerung und unklar die Zukunft: Da wäre natürlich der schon oft besprochene Dieter Noll mit „Die Abenteuer des Werner Holt“; da ist Bulgakow mit „Der Meister und Margarita“ und warum erinnere ich nicht die ungezählten Lektüren von Scholochows Stillem Don oder von Joris-Karl HuysmansGegen den Strich“?


    Mittlerweile hat sich Steffen Menschings Schermanns Augen von null auf hundert, aus dem Stand, aus dem Nichts, so weit hochkatapultiert, dass ich derzeit nicht sagen kann, wo er landen wird, sobald ich ihn mehr als zweimal gelesen haben werde. Bei WG Sebald, der auch bereitsteht, die Nomenklatur neu zu ordnen und im Seitenumdrehen das Podium ins Visier zu nehmen und zu besetzen, ergibt sicher eher das Problem, welches seiner Bücher ich wählen würde, sobald die Mehrfachlektüren statthatten.

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    Mein Ranking der deutschen Lyriker der- und jederzeit ist dann natürlich wirklich albern. :) Denn bis auf die beiden ersten alterniert die Liste ständig, kommen neue Autoren hinzu und andere verschwinden:


    1. Friedrich Hölderlin (von mir Fritz oder Hölder genannt)
    2. Georg Trakl (von mir der Trakl-Schorsch genannt)
    3. Stefan George
    4. Johannes Bobrowski
    5. Clemens Brentano
    6. Joseph von Eichendorff
    7. Johann Wolfgang Goethe
    8. Conrad Ferdiand Meyer
    9. Rainer Maria Rilke
    10. diverse Expressionisten
    11. Bertolt Brecht
    12. Heiner Müller
    13. Rudolf Borchardt
    14. Rudolf Alexander Schröder
    15. Theodor Däubler
    16. Peter Huchel
    17. Theodor Kramer
    18. Wulf Kirsten
    19. Sarah Kirsch
    20. Heinz Kahlau


    Derzeit stößt Mascha Kaléko in die Runde und wer weiß, ob sie bleiben darf oder wieder verschwindet. Immerhin lässt sich dennoch ein Eindruck gewinnen, welche Verse ich murmle, wenn ich nächtens durch die Gassen schlurfe oder tagsüber mit dem Hund in weiter Flur. Obwohl ich nur von achten Gedichte auswendig hersagen kann, von den Spitzenreitern sogar eine ganze Menge, selbst längere bis lange.

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    Es ist verrückt: Jetzt, da ich seit Jahren glücklich in einer Beziehung lebe, verheiratet mit allem Drum und Dran und nichts entbehre im Emotionalen, mein Gefühlshaushalt ausgeglichen ist; spüre ich die entsetzliche Einsamkeit meiner Jahre zwischen 15 und 40 erst richtig, so wie ich sie damals wohl gar nicht bewusst empfunden habe Gott sei Dank. Kann man aus dem gegenwärtigen Glück heraus in die Vergangenheit leiden?