Yoricks Nachtgedanken bei Tage

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    Sie werden mich sogleich verstehen : Der Erzähler im lauschenden Hörerkreis – abends am Lagerfeuer des Neandertalers; oder in der Spinnstube, beim ‹Lichten› – nimmt vorweg die Prosaformen von Anekdote, Märchen, Erzählung, Novelle, Roman.” So Arno Schmidt in „Wieland oder die Prosaformen“ und an anderen prominenten Stellen seines Gesamtwerks immer wieder in variierter Form.


    Und das ist es, was mir gerade wieder auffällt, da ich mit Vergnügen Mario Vargas LlosasTod in den Anden“, obwohl ich mich erst an die vielen peruanischen Termini gewöhnen muss, lese. Literatur bedeutet nichts weiter als eine Geschichte, als Geschichten erzählen; und das ist in den letzten Jahrzehnten in der sogenannten Hochliteratur leider ziemlich in den Hintergrund getreten. Dort wimmelt es von Metaliteratur und abstrakten Reflexionen; immer wieder rekapitulieren Literaturdozenten oder andere „Gebildete“ ihr akademisches, theoretisches Leben, Weben und Streben; wird in Büchern über andere Bücher, die wiederum über andere Bücher von anderen Büchern handeln, geschrieben. Halbtote, lebensarme, impotente, blutleere, seelenlose, zähe, langatmige, sterbenslangweilige Prosa ohne Geist, Nüstern und Lenden - es ist unerträglich!


    Klar versteht man nach mehreren Jahrtausenden Literaturgeschichte, wie schwer es einem Schriftsteller fallen muss; einfach eine Geschichte zu schreiben; die schon tausendmal so dagewesen und erzählt worden ist; aber man vergisst dabei, dass es ohnehin nichts Neues unter der Sonne gibt und dass jede neue Geschichte in neuem Gewand aus ihrer Zeit stammt und damit eben auch neu ist und den Zeitgenossen und Nachgeborenen etwas zu sagen hat. Natürlich nur, wenn die Geschichte gut geschrieben ist; daran führt kein Weg vorbei. Liebe, Hass, Familie, Krieg, Sex, Gewalt und Tod, Religion oder Weltuntergang; das alles kann man wieder und wieder erzählen, aber gut muss das sein, am besten sehr gut.

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    Halbwegs gesund und ausgeschlafen bin ich ein großartiger Lehrer; halbwegs gesund und unausgeschlafen bin ich noch ein sehr guter Lehrer und sogar halbwegs krank und unausgeschlafen bin ich immerhin noch ein guter Lehrer – nur wirklich krank und auf die Dauer unausgeschlafen kann ich nicht mehr so ein Lehrer sein, wie ich es gern möchte und die Gesellschaft bräuchte. Dann habe ich mit mir zu tun und kann anderen nichts mehr sein. Und wenn man mehr fehlt als vor Ort ist, muss man eine Entscheidung treffen; was nützen Bildung und pädagogisches Geschick, wenn Körper und Seele nicht mittun wollen; die Leidtragenden sind dann die Schüler und Kollegen, das darf nicht sein.

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    Schon immer reagiere ich allergisch, wenn im Gespräch über erzählende Literatur ausschließlich der Inhalt im Mittelpunkt steht und Form und Sprache überhaupt keine Rolle spielen. An Schule und Universität wird (hoffentlich) hinsichtlich der Analyse und Interpretation von epischen Texten allseits die Einheit von Inhalt, Form und Sprache gelehrt und natürlich verlange ich so ein striktes puristisches Vorgehen nicht von Literaturrunden im Fernsehen, Literaturkritikern im Feuilleton oder anderen Popularisierungsformen in der Öffentlichkeit. Und ich bin mittlerweile bereit zu konzedieren, dass im Gegensatz zur Lyrik und selbst zur Dramatik in der Epik die inhaltliche Komponente einfach so entscheidend ist, dass die Hälfte bis drei Viertel der Beschäftigung mit einem Buch oder Text sich diesen Fragen widmen darf.


    Aber, alles eine Frage des Maßes natürlich und jede Prosa wird entsprechend ihrer Thematik und Ausrichtung ihr eigenes fordern. Wenn ein gesellschaftlich besonders relevantes Thema behandelt wird, dann darf man auch mal Form und Sprache vernachlässigen; Onkel Toms Hütte von Harriet Beecher Stowe ist kompositorisch und sprachlich kein Meisterwerk und selbst die Verarbeitung des Stoffs hat Reserven; dennoch konnte dieses Buch so wirken, weil der Inhalt eben eine so bedeutende Rolle spielte und noch spielt. Und wenn heutzutage im letzten Literaturclub «Mädchen, Frau, etc.» von Bernardine Evaristo enthusiastisch besprochen wird, wie wichtig das Buch ist, welches das Leben ganz unterschiedlicher schwarzer Frauen in London beschreibt; so ist es dennoch nicht in Ordnung, wenn die funktionalen und sprachlichen Mängel einfach unterschlagen werden. Der Roman ist gut, weil er das Thema behandelt auf interessante Weise; aber der künstlerische Rang in toto ist eher bescheiden einzuschätzen.


    Auf der anderen Seite müsste etwa ein Roman über einen perversen Kinderschänder oder die Kindheit Hitlers, der unfassbar gut geschrieben ist und perfekt konstruiert; als großer gefeiert werden, obwohl uns Lesern der Inhalt furchtbar widerstrebt. Dass das nie geschehen wird, wissen wir; und deshalb wagt sich auch kein Großer mehr an Themen, von denen er weiß, dass sie nicht funktionieren, selbst wenn sie wichtig wären. Der Inhalt ist ein großer Diktator und wir täten gut daran, die Unterdrückten, also Form und Sprache, vor ihm in Schutz zu nehmen und sie zu pushen, wo es nur geht.

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    Frühling


    Der Himmel wieder blau

    Wie die Zunge des

    Erhängten

    Die Lüftchen lau

    wie vom Tumor im Darm


    Mild und brünstig die Natur

    Wieder süß Verwesung

    Blumen brechen aus den Gräbern

    Wild wartet auf den Tod


    Es duftet der Wald

    Nach dem Baustoff der Särge

    Dort regen sich leise

    Kleine Meister der Fäulnis


    Schnee gibt frei

    Hundescheiße vom Vorjahr

    Man findet nun

    Die Leichen der letzten Saison


    Die Wasser pulsieren

    Wie das Blut im Genital

    Samen in allen Winden

    Fruchtlos die dürre Ebene


    Vögel brüllen ihr Lied

    Vom ewigen Kreislauf

    Es lachen die Dohlen

    Schwarz brennen die Feuer


    Gefoltert werden Götter

    Sterben am Holz

    Der Jude wacht

    Im Rinnstein weinen Gebete


    Keiner hat dich gefragt

    Alles wird neu

    Und wieder beginnt

    Was besser geendet

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    Wie kommt es eigentlich, dass Menschen so irrational und heftig reagieren, wenn sie sich der eigenen Unwissenheit innegeworden und andere als geistig höherstehend erkennen müssen und sie es besonders hassen, wenn jene anderen sich nicht demütig ducken und eben nicht heuchlerisch ihr Licht unter den Scheffel stellen, sondern frank und frei und ohne falsche Rücksichtnahme ihre Anschauungen und Überzeugungen verkünden?


    Ist ein Mensch sehr schön oder sehr gut gebaut und begehrenswert, wird man ihn bewundern und hochleben lassen, obwohl jenem die Natur alles in die Wiege und in den Schoß gelegt hat, mithin also gar keine Eigenleistung dahintersteckt! Auch solche Leute könnten natürlich so tun, als seien sie nicht schön und nicht sexy und dergleichen; aber keiner würde es ihnen abnehmen und erst recht nicht übelnehmen, wenn sie sich ihres Wertes bewusst recht erhaben und überlegen präsentierten! Das Gleiche würde sich vielleicht noch in das Gebiet der angewandten Naturwissenschaften und Technik transferieren lassen, wenn Fachleute Dinge für die Allgemeinheit herstellen, was sie nur sie vermöchten und andere unbedingt bräuchten!


    Bei den so genannten Geistes-, Kultur- und Gesellschaftswissenschaften aber soll und darf das alles nicht gelten?! Gibt es nicht einen Unterschied zwischen jemandem, der 5000 Bücher gelesen hat und einem, der es auf 50 bringt? Warum ist jeder; der die Unbildung, geringe Belesenheit und schwache Urteilsfähigkeit der Masse kritisiert; automatisch ein arroganter Schnösel, ein Besserwisser und Fall für den Psychiater? Superbia und Hybris werden nie schneller zugewiesen, als wenn es darum geht; einen Mahner für Qualität auch bei Buchbesprechungen und anderen geistigen Dingen zurechtzuweisen? Und wehe, man kann zusätzlich noch politisch Unkorrektes herauslesen, was den eigenen Horizont übersteigt!


    Die Menschen wollen nicht zuhören, sie wollen gar nicht nachdenken! Wenn ein Mediziner einem Menschen dieses und jenes sagt oder vorschreibt oder korrigierend versagt, dann nimmt sich dieser Mensch das in der Regel zu Herzen! Menschen hören auch in der Regel auf Architekten, Steuerberater, Polizisten; auf Bauarbeiter, Fleischer, Frisöre, Bäcker! Wenn man in irgendeinem Fachgebiet etwas falsch sieht oder macht und aus heiterem Himmel trifft einen das berichtigende und wegweisende Wort eines Fachmanns, welcher Sparte und sozialen Standes auch immer – so fügt sich der normale Mensch, knirscht nicht mit den Zähnen, ballt selten heimlich die Fäuste in den Taschen und schon gar nicht setzt er sich eloquent und bösartig zur Wehr!


    Wie anders ist das aber bei den so genannten geistigen Dingen, den Gegenständen der Bildung und Kultur! Das beginnt bei den Realien jener Fachbereiche und endet immer bei der eigenen Muttersprache! Spricht oder schreibt jemand über eine historische Persönlichkeit und irrt sich in Zahlen wie Zusammenhängen, wird derjenige, weist man ihn höflich darauf hin, sich nicht bedanken, sondern einen Satz mit dem schönen Wort “Oberlehrer“ verlauten lassen; Gleiches wird man in allen Sparten selbst der populäreren unter den „Geistes- und Kulturwissenschaften“ erleben – ob Geschichte, Theologie, Philosophie, Literatur, Film, Theater, Musik, Kunst, das ist einerlei. Und wehe, es versteigt sich der Kritiker zu einer Beurteilung der sprachlich-stilistischen Fähigkeiten eines Sprechers oder Schreibers und als höchstem Eklat zu einer Abmahnung im Bereich der Orthographie – das bösartige und persönlich verletzende Gewieher plötzlich rhetorisch bis an die Zähne bewaffneter einfacher Seelen wird dem Unerfahrenem auf diesem Gebiet der seltsamen Phänomene die Luft zum Atmen und Denken nehmen.


    Woran das liegt? Nach Arno Schmidt denkt ja jeder, er habe schließlich auch in der Schule lesen und schreiben gelernt und so dürfe er sich unbefangen auch in allen diesen Gebieten tummeln und äußern! Ist das der Grund? Oder liegt es daran, dass der Mensch nur akzeptiert, was in der Realität reale Wirkungen hat, etwas nützt oder Profit erwirtschaftet! Oder sind das einfach die Bereiche, in denen die meisten Leute überhaupt keinen blassen Schimmer mehr von der Ahnung einer Sache haben und unbewusst uneingestanden fechten sie verbissen dieser trübseligen Erkenntnis wegen die Schlacht um Berlin! Belehrungen werden überall und von jedem angenommen - nur nicht von „Oberlehrern“ und schon gar nicht auf den nun schon mehrfach erwähnten Gebieten menschlichen Wissens!


    Die Gründe dafür liegen zum einen natürlich im allgemeinen Verfall unserer Kultur, zum anderen aber im unbewussten Bereich! Ein Abwehrmechanismus, eine Verdrängungslehre, die vielen hilft, sich nicht wie der letzte weiße Abschaum vorzukommen! The White Thrash lügt sich selber in die Tasche, indem er alle Unterschiede in Bildung und Kultur zu nivellieren nicht ansteht! Sage jemandem ins Gesicht, er sei dumm, was ja nicht bildungsunfähig heißt, sondern bildungsunwillig oder -faul, dann ist der schwer beleidigt, obwohl oder gerade weil er es ändern könnte! Alles in allem ist das eine Folge von Demokratie und Internet: Jeder darf sich öffentlich äußern! Die wenigsten durchschauen die politischen und wirtschaftlichen Mechanismen der Gesellschaft, in der sie leben, aber eine Meinung hat jeder und natürlich auch die Stirn, diese zu vertreten! Damit müssen wir halt leben!

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    Im Oberland angekommen abends eine prächtige Zecherei vor der Scheune im Garten; mehrere Liter Bier fordern ihren Tribut und ich schwanke ans Gebüsch und lasse laufen; als es plötzlich hinter mir aus Richtung meiner Gemahlin aufgeregt tönt „Eichel höher!“ und reflexartig, gewohnt zu gehorchen, ziehe ich hoch; als es schon wieder, diesmal schon ein wenig gezischt erregter klingt „Eichel höher!!!“ und ich versuche mein Bestes bei maximalem Druck; aber schon wieder, als ich den stiernackigen Hals schwerfällig drehend über die Schuler rückwärts mit einem kurzen Blick die Ursache der ungewöhnlichen Imperative zu ergründen versuche, heißt es wiederum „Eichel höher!!!“ und nur der Druckverlust bewahrt mich trunkenen Akrobaten vor einen Selbstbefleckung, die sich aus der ballistischen Kurve bei Windstille mit mathematischer Präzision ergeben hätte; und zurück an Stuhl und Tisch bei Flaschen und Gläsern frage ich, was der Unfug denn solle und zwei enthusiastische Augen strahlen mich an und ein schöner Mund formt die Worte „Na da, drüben, ein Eichelhäher, hörst du ihn nicht? Man kann ihn auch gut sehen heute!“

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    Ein Kollege meinte kürzlich hierzu, dass er zwar prinzipiell meiner Meinung sei, er aber auf der anderen Seite auch ein wenig seinem Religionslehrerkollegen zustimme; warum man sich über den Glauben anderer Menschen lustig machen müsse?

    Ganz einfach: Weil die Freiheit der Meinung in Wort und Schrift und Bild etc. bei uns eine der Säulen der freiheitlich-demokratischen Grundordung ist. Indem man fragt, ob man Religionen ausnehmen sollte; ist man schon weit über die Grenze dessen geschlittert, was die Liberalen im 19. Jahrhundert für uns Heutige zu erkämpfen begonnen haben.


    Und was heißt schon lustigmachen, das ist ja bereits eine Interpretation. Über offenkundige Widersprüche in den Schriftreligionen haben sich Lessing und Co. schon lange vor uns lustig gemacht und zwar zu Recht. Überdies haben weder das Christentum noch der Islam das Recht, sich heutzutage hinzustellen und bis ins letzte Detail und bis in die letzte Verästelung hinein ein Toleranz fordern, die sie selbst nie geübt haben und auch jetzt nie üben würden, besäßen sie noch die Möglichkeiten von einst aus den glorreichen christlichen und islamischen Jahrhunderten. Warum gibt es wohl so wenig Karikaturen über Buddha und den Buddhismus?


    Dessen unerachtet hat jeder Mensch doch die Wahl, wann und wo er wie und warum sein Recht auf Meinungs- und Redefreiheit zum Beispiel im privaten Gespräch mit einem wirklich religiösen Menschen in Anspruch nimmt. Das ist schließlich auch eine Frage des Umgangs, der Höflichkeit, der gegenseitigen Achtung und des gegenseitigen Respekts. Ich schmähe ja auch niemanden ins Gesicht, weil er Fan von Dynamo Dresden ist, Beethoven auf modernen Instrumenten hört, an Ufos glaubt oder die alternative chinesische Medizin; zumindest nicht, wenn sich dieser Mensch auch höflich verhält und auf keinen Fall missionarisch.


    Aber ansonsten MUSS ich im öffentlich Raum alles sagen dürfen, was einen anderen nicht persönlich beleidigt oder strafrechtlich relevant ist; das ist bei uns in den westlichen Demokratien ein, wenn nicht das Grundrecht.

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    Yorick Ruthenus Apoldensis
    Stabat Mater


    Es stand die Mutter schmerzensreich
    Unter ihres Sohnes Leich,
    der da nahm das Leid der Welt
    auf sich – und der Nagel hält.


    Ob die Mutter noch gewusst,
    wie er lag an ihrer Brust.
    Unerfahren noch der Sohn
    Seiner göttlichen Mission.


    Der Menschen Heiland sein zu müssen,
    ist ein schwer verdaulich Bissen!
    Und nun siehe da den Lohn:
    Die Mutter weint um ihren Sohn!

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    Ich versuche immer wieder erfolglos, meine programmatischen Überlegungen zur Fruchtlosigkeit moderner Prosa schriftlich niederzulegen. Nur soviel: Meiner Meinung nach kann ein moderner Roman nur konsequent aus der „Ich-Perspektive“ geschrieben werden. Jede Vorspiegelung einer verkappten, verdrehten und immer falschen Objektivität durch auktoriale Einsprengsel oder bemühte Perspektivenwechsel und Kolportageelemente ist Selbstbetrug und Betrug am Leser. Was ein Faulkner, der mir immer fremd geblieben ist, versucht hat und was die Nachfahren nachzuahmen suchten, war interessant und notwendig, ist aber überholt.


    Dieses „Ich“ nun konstituiert sich durch seine genetischen Grundlagen (Gesundheit, Krankheiten, körperliche Voraussetzungen, Intellekt etc.) und seine gesellschaftlich-historische Einbindung und Prägung. Was dieses „Ich“ nun erlebt, erfährt und durchdenkt, ließ sich in Wort und Schrift vielleicht bis Ende des 19. Jahrhunderts noch annähernd adäquat darstellen, in Ansätzen vielleicht bis zum Ausgang des Zweiten Weltkrieges. Mit der technischen Entwicklung aber und vor allem der Explosion der Medien hat sich das Buch als solches überlebt.


    Man denke nur, inwieweit das „Ich“ heute von seiner technisch-medialen Umwelt geprägt und geformt ist. Schon der Alltag eines einzigen Tages lässt sich in seinem Spannungsfeld zwischen Bürokratie, Arbeitsleben, Privatleben, Gesellschaftsleben, Bedienung aller möglichen technischen Geräte etc. kaum nur schildern; von der Spiegelung, Verarbeitung und Durchwirkung durch das eigene Bewusstsein gar nicht zu reden. Hinzu kommt als schier unüberschaubares und schon gar nicht durchschaubares Chaos die Einbindung in eine Medienwelt, die mit Literatur, Comics, TV, Kino/ Film, Computer, Internet, Theater, Zeitungen/ Zeitschriften u.a.m. eine Assoziationsbreite und –dichte schafft, die weder in Buchform mehr rezipientenfreundlich darstellbar noch überhaupt einem anderen „Ich“ nachvollziehbar ist.


    Und letztlich erschweren es die persönlichen und gesellschaftlichen Rücksichten, wirklich schonungslos offen und ehrlich alle die Persönlichkeit betreffenden Interna preiszugeben. Man denke nur daran, wie oft am Tag ein durchschnittlicher Mann – bewusst oder unbewusst - seinen sexuellen Fantasien nachhängt, wie stark das Thema Nr.1 alle anderen darzustellenden Lebensbereiche überwuchert, unterminiert oder zerstört. Was da zum Vorschein käme, graute vielen Lesern, denn die Wahrheit des Subjekts ist immer grauenvoll.

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    Ich schrieb im Juni 2014 einem Freund in Berlin:


    Zitat

    „Ja, was will ich erforschen? Ein zu großes Wort für private Studien und schon gar nicht wollte ich sie examinieren oder prüfen oder belehren oder dumm sterben lassen. Ich versuche ganz schlicht den Moment zu fixieren, in welchem sich spätestens im 20. Jahrhundert die nunmehr herrschende Philosophie, Ideologie oder Weltsicht von ihrem als bösen verurteilten Zwillingsbruder getrennt hat und so - noch begünstigt durch die Weltläufte und den weltweiten Sieg des Kapitals westlicher Prägung - in eine eindimensionale Sackgasse zu münden sich anschickte; ein Befund, der sich in ihrer heutigen Hilflosigkeit gegenüber den übergreifenden Problemen der Gegenwart (Ökologie, Demokratie, Migration, Gender Mainstreaming, Genetik, Sterbehilfe etc.; um nur einige wenige zu nennen) symbolisch manifestiert. Mir geht es um die abendländische Denkrichtung, die zu Recht und/oder zu Unrecht durch Faschismus und Kommunismus diskreditiert plötzlich in ihrer Gänze tabuisiert wurde, obwohl sie uns Heutigen in vielerlei Hinsicht noch etwas zu sagen hätte. Ich rede hier nicht ganz allgemein nur von rationalen und irrationalen Elementen, wie sie seit Klassik und Romantik in der Brust (wohl auch im Kopf) des modernen Menschen im steten Kampf vereint sind und dem Kampf mit dem Dasein Gestalt geben; oder von politischen Schablonisierungen der Art links und rechts oder dem kastrierten konservativen Element unserer bundesdeutschen Gesellschaft. Ich rede von Weltsichten, die neben die Plattitüden von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Sozialstaat, Liberalität, multikulturellen bunten Gesellschaften etc. Begriffe und Lebensformen in den Mittelpunkt stellen, über die heute nicht mehr gesprochen, ja nicht einmal mehr nachgedacht werden darf; weil der gleichgeschaltete und im Grunde schon faschistoide Macht- und Medienapparat in seiner Diskurshoheit eben jenen bereits im Keime erstickt. Uniformität im Denken bedeutet den Tod desselben und dass die freieste aller bisherigen menschlichen Gesellschaften so weit verkommen ist, dass man als Einzelner oder Gruppe bei Zuwiderhandlung und eigenständigem Denken und dem Bestehen auf freier Meinungsäußerung den sozialen Tod und die gesellschaftliche Ächtung gewärtigen muss, sollte alle Intellektuellen des Landes längst aufgerüttelt haben und mir bei meiner Suche helfen lassen. Wann hat sich die Philosophie und Kulturkritik vom heutigen Einerlei getrennt, wann begann diese verhängnisvolle Entwicklung und was können wir von den aufgeführten Autoren mitnehmen und lernen? Wie sollten wir angesichts einer unreflektierten Europahysterie und einer satten Wohlstandsideologie bezüglich Nation, Volk, Staatsform, „Rasse“ umdenken; wie sollte man – und das ist das Wichtigste – das Verhältnis zwischen Individuum und Kollektiv, zwischen dem Einzelnen und der Gemeinschaft neu definieren, um den absurden Glücksansprüchen des Menschen und der rastlosen Hatz nach sich selbst und der eigenen Vervollkommnung als Konsument und Glücksritter endlich Einhalt zu gebieten. Was können uns die Denker im Abseits, die Philosophen auf dem Abstellgleis neu beleuchten; was auf der welt- und ideengeschichtlichen Müllhalde der Anschauungen taugt uns noch für optionale Überlegungen? Da ist mehr zu finden, was uns hilfreich sein könnte; als die starren Hüter heutiger Glaubenssätze wahrhaben wollen; allein, diese Aufgabe ist zu groß für einen einsamen Streiter wider Gesetz und Sitte …“


    Man muss schon sehr von sich eingenommen, blind und wenig belesen sein, wenn man solchen groben Unfug schreibt und Genies wie Peter Sloterdijk hinreichend brillant sich des Themas bereits angenommen haben.



    Peter Sloterdijk

    Die schrecklichen Kinder der Neuzeit. Über das anti-genealogische Experiment der Moderne


    Hier kann man das wichtigste Kapitel des Buches nachlesen:


    SWR2 ESSAYDIE SCHRECKLICHEN KINDER DER NEUZEITÜBER DEN BEDROHTEN FORTBESTAND UNSERER ZIVILISATIONVON PETER SLOTERDIJK


    Ich habe mich selten so geschämt, ich selbst zu sein ...

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    Außenstandorte der BUGA: Ebersdorf


    Mit so schwachen Beiträgen wird man kaum Leute in den Ebersdorfer Park locken, anderthalb Fahrstunden von E*****. Allein der Kalender, den meine Frau für 2021 gemacht hat mit zwölf Motiven plus Deckblatt von dort, sagt mehr aus. Ich habe davon aber nur die kleinen Dateien:



    Bei den Kalendern 2014 - 2020 gab es immer noch Texte dazu von meinem Vater und mir, das haben wir diesmal bewusst weggelassen, damit die Bilder für sich selbst sprechen. Ich kenne sehr viele Parks in Deutschland, aber der ist mir der liebste; natürlich aus Patriotismus, 4km von meiner Bücherscheune entfernt; aber auch, weil ich das Konzept mit den uralten Bäumen ohne Blumenrabattenschnickschnack sehr überzeugend finde.

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    Wir wohnen ja in einer ruhigeren Nebenstraße, einer Sackgasse, an deren Ende ein älteres Ehepaar in Rente mit ihrem durch einen Fahrradunfall in früher Jugend geistig und körperlich eingeschränkten erwachsenen Sohn lebt. Der Vater kümmert sich um Haus, Hof und Garten und fährt mit seinem Wagen samt Hänger bestimmt ein halbes Dutzend Mal täglich in die Stadt oder sonst wohin für Erledigungen und Besorgungen, die Mutter besorgt den Haushalt, kauft ein und kümmert sich um den pflegebedürftigen Sohn, weshalb auch sie mit ihrem Auto wenigstens sechsmal am Tag bei uns vorbeidüst. Und schließlich kommen über die Woche verteilt unterschiedliche Pflege- und Sozialdienste; die den Jungen, der mich übrigens Carl Zeiss nennt, zur Behandlung, Therapie, Betreuung etc. bringen.


    Warum notiere ich das? Natürlich würde ich für jede andere normale Familie noch ganz andere Fahrtenbücher und Bewegungsprotokolle erstellen können. Mir geht es aber darum, einmal zu fokussieren, wie sehr sich das Leben älterer Menschen verändert hat gegenüber noch vor 30, 50 oder gar hundert Jahren. Da saß die Oma strickend am warmen Ofen, rührte die Suppe um, betreute die kleinsten Kinder und hatte einen Bewegungsradius, der von Haus, Hof und Garten und oft sogar nur noch von Küche, Wohn- und Schlafzimmer begrenzt war. Opa hat meinetwegen noch die Hasen gefüttert oder im Hof gesessen bzw. die Wiese gemäht; aber schon der Gang ins Wirtshaus geschah nur noch selten, der Puff in der nächstgelegenen Stadt unerreichbar.


    Heutzutage will man sich das gar nicht mehr vorstellen: Die Leute werden älter, bleiben länger gesund und beanspruchen daher verständlicherweise alles für sich, was sie sonst früher auch als reife Erwachsene haben konnten. Das geht bei den neuen Hüften im 92. Lebensjahr los, setzt sich fort über die absolute Bewegungsfreiheit mit Auto oder den Öffentlichen und endet bei Reisen und sonstigen „Luxusgütern“. Meine Schwiegermutter hat in den 20 Jahren ihrer Rente wenigstens 14 Fernreisen absolviert, von den vielen kürzeren ganz zu schweigen, auf alle Kontinente mit Ausnahme von dem, den ich ihr ausdrücklich empfohlen habe. Ich fahre sie pro Woche zu sieben mal sieben Fachärzten, obwohl sie für ihre knapp 86 Jahre kerngesund ist. Und dann werden diese Alten, deren Lebenserwartung mit jeder Tablette und jeder Spritze steigt, auch noch zuerst gegen Corona geimpft.


    Irgendwie beschleicht mich das Gefühl, dass die zwischen 1990 und 2020 aus dem Arbeitsleben geschiedenen Bürger der Bundesrepublik die eigentlichen Gewinner sind der Zeitläufte: Sie schöpfen den letzten Rahm des Sozialstaates ab und werden aller Voraussicht nach dessen Zusammenbruch samt Bürgerkrieg und Katastrophen nicht mehr erleben.

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    Ich stehe ja eher nicht im Verdacht, ein großer Comicleser - mit Ausnahme natürlich der Digedags, der Abrafaxe und des Kleinen Arschlochs - zu sein und erst recht nicht ein Liebhaber von deren endlosen Verfilmungen; aber mit Sin City und Watchmen – Die Wächter ragen zwei Ausnahmen aus dem Einerlei, die mir wahrscheinlich wegen ihres tiefgründigen Pessimismus und Fatalismus ans Herz gewachsen sind und weil zumindest lezterer, aus dem ich pausenlos zitieren könnte; filmkünstlerisch in seiner Verbindung von Story, Bildmagie und Musik absolut überzeugt. Ein inhaltlicher Höhepunkt sicher, was Rorschach aus dem Off erzählt:


    Zitat

    Hab mal einen Witz gehört. Mann geht zum Arzt, sagt er ist deprimiert. Das Leben kommt ihm rauh vor und herzlos. Sagt, er fühlt sich allein in einer bedrohlichen Welt. Arzt sagt "Behandlung ist einfach! Der große Clown Paleacci ist in der Stadt. Gehen Sie hin, wird Sie aufheitern." Mann bricht in Tränen aus. "Aber Doktor", sagt er, "ich bin Paleacci!"

    Guter Witz. Alles lacht. Tusch! Vorhang...

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    In diesem Land leben mehrheitlich, ja in übergroßer Mehrheit, in unermesslicher Majorität Menschen …

    • überwiegend hellerer Hautfarbe
    • die sich als Mann oder Frau verstehen
    • deutsch als Muttersprache haben
    • deren Vorfahren in den letzten Jahrhunderten irgendwo zwischen Rhein und Weichsel, Ostseeküste und Alpen geboren wurden
    • heterosexuell sind und leben
    • katholisch, lutherisch, freikirchlich, atheistisch oder konfessionslos sind
    • politisch in der Mitte stehen mit Ausbuchtungen nach rechts und links
    • für ihren Lebensunterhalt und den ihrer Familie selbst aufkommen
    • über Jahrzehnte durch Steuern und andere Abgaben in alle möglichen sozialen Sicherungssysteme einzahlen
    • die noch nie einem Juden persönlich begegnet sind oder in irgendeiner Art und Weise antisemitisch agiert hätten in Wort oder Tat
    • die nach dem letzten großen Krieg geboren wurden

    Der Schutz von Minderheiten welcher Art auch immer muss ein elementarer Bestandteil unserer demokratischen Gesellschaft sein. Aber das Recht der Mehrheit, demokratisches Prinzip schlechthin, darf darunter nicht leiden. So lange man die Sorgen, Nöte und Ängste der eigenen Bevölkerungsmehrheit nicht ernstnimmt; begründete und grundlose Befürchtungen von Randgruppen überfokussiert und als gesellschaftliches Über-Ich den Menschen in falsch verstandener Erzieherattitüde vorschreiben will, was sie zu denken, zu sagen und zu tun haben, um als gute Menschen zu gelten, so lange hat man nicht verstanden, was Demokratie eigentlich bedeutet und dass sie vor allem von der Seite bedroht ist, die in dieser Hinsicht am Fanatischsten mit den Fingern auf andere zeigt.


    Und für alle, die das vielleicht nicht begreifen können oder wollen, noch einmal der Nachsatz: Nein, Menschen anderer Hautfarbe; eines alternativen Geschlechts; mit anderen Sprachen; Vorfahren aus anderen Weltgegenden; Schwule und Lesben; Muslime, Buddhisten, Juden etc.; Linke und Rechte; Sozialstaatsabhängige werden natürlich nicht diskriminiert und nicht verfolgt oder irgendwie an ihrer privaten Lebensführung gehindert. Gesamtgesellschaftlich aber sind sie Minderheiten, die glücklich in unserer freiheitlich demokratischen Grundordnung aufgehen können, wenn sie sich organisch einfügen, ohne eine gesellschaftliche Allakzeptanz zu verlangen, die kein Staat der Welt garantieren kann und auch keinem Menschen der breiten Masse abzuverlangen ist.

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    Es ist schon seltsam, dass auf Ausstellungen, die wir nun schon seit langem nicht mehr besuchen dürfen, derweil sich die Rentner in den Supermärkten zu tausenden ins Gesicht atmen; unter den hunderten Bildern eben nur eins wirklich berührt und übers Auge mitten ins Herz trifft. Mal abgesehen von meinen ewigen Lieblingen wie CD Friedrich, L. Richter, G. Moreau und anderen wie Corinth, Beckmann, Böcklin gab es das zum Beispiel vor sieben Jahren im Schweriner Schloss in der herrlichen Sammlung altniederländischer Maler mit Otto Marseus van Schrieck, der mich nicht mehr loslässt; aber auch vor fünf Jahren in der Moritzburg meiner Geburtsstadt, als mich Félix Vallottons Le Chapeau violet (1907) nicht mehr losließ, ich es tagelang anschaute und sann. In fast jeder Ausstellung im örtlichen Kunsthaus gibt es ein Bild, das mich fesselt. Wer legt das bloß fest, was uns derart anspricht?

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    Was ich brauche!


    Ich brauche nicht viel.


    Ich brauche eine regelmäßige berufliche Tätigkeit, die meine erste Tageshälfte in Anspruch nimmt und strukturiert, die mich in Maßen fordert, aber nie überfordert; und die ich wenigstens ansatzweise als sinnvoll erlebe.


    Ich brauche danach täglich relativ viel Freizeit und Mußestunden zum Regenerieren und für meine vielfältigen Interessen, wozu neben Lesen, Musikhören, Filme schauen, Gartenarbeit etc. auch zwingend ein zweistündiger Spaziergang gehört.


    Ich brauche ausreichend Schlaf, im Idealfall 8 Stunden, wenigstens aber 6 bis 7; möglichst tief und ohne größere Unterbrechungen.


    Das ist alles. Alles Weitere ist Zubrot, Luxus. Der erste davon wäre menschliche Wärme.

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    Heute Morgen: Grauer Himmel, es nieselt - und ich bin allein draußen im Park mit den wenigen anderen Hundehaltern, denen das Wetter egal ist bzw. planer gesprochen, die wie ihre Hunde und ich jedes Wetter auf seine Art geil finden. Scheint aber die Sonne bei blauem Himmel und gewisser Wärme, strömen die Menschen ins Freie - zwar nicht aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern, Handwerks- und Gewerbesbanden, dem Druck von Giebeln und Dächern, aus der Straßen quetschender Enge oder der Kirchen ehrwürdiger Nacht; so doch aus ihren überheizten Stuben, von ihren weichen Sofas vor flimmernden Glotzen, ihren bequemen Sesseln in behaglichen Stuben.


    Dann treten sich die Leute tot auf allen Plätzen, flanieren ganze Familien, Jung und Alt, Greise und Kinder in Gottes unfreier Natur und gehen mir auf die Nerven. Nicht, weil sie jetzt da sind in Masse, sondern weil sie sonst nicht da sind, sobald das Thermometer unter zehn Grad plus anzeigt, am Himmel zwei Wölkchen stehen, ein Lüftchen weht oder gar ein paar Tropfen die Erde netzen. Dann denke ich laut bei mir, diese Menschen sind wie die Kinder; aber widerspreche mir auch gleich; denn Kinder lieben auch Matschwetter und springen gerne in Pfützen. Wie also sind die meisten Menschen, die erst aus dem Haus kommen, wenn die Dreieinigkeit von blauem Himmel, Trockenheit und großer Hitze sich zur Gottheit des Massenmenschen formt?

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    Gerhard Schulz
    Novalis. Leben und Werke Friedrich von Hardenbergs (2011)



    Wolfgang Hädecke
    Novalis. Biographie (2011)


    Ich habe beide Biografien erstanden, weil ich mich zum einen wie immer nicht entscheiden konnte; zum anderen aber auch ein facettenreicheres Gesamtbild gewinne; denn Gerhard Schulz ist ein ausgewiesener Germanist für die wichtigste Zeit der deutschen Literatur zwischen 1770 und 1830 und hat die Historisch-kritische Ausgabe mit herausgegeben, weshalb er am Nächsten und Längsten an den Originaltexten dran ist. Wolfgang Hädecke dagegen ist ein erfahrener Autor und Biograf und hat trotz ausgewogener Anlage dennoch eine gefühlte Gewichtung auch des Lebens in allen seinen Facetten vorgenommen.


    Beiden Büchern aber ist gemeinsam, dass sie ohne Zorn, aber sachlich und dezidiert der gängigen Mystifizierung des Dichters entgegenwirken und ihn in seine Zeit und seinen Kontext stellen. Nichts ist dringender und notwendiger und ein Klappentext schon deutlich genug:


    Zitat
     

    Von Novalis (1772-1801) stammt das zentrale Symbol der Romantik: die blaue Blume, die zum Inbegriff romantischer Sehnsucht geworden ist. Novalis verkörpert für viele einen schwärmerischen jungen Poeten. Im Gegensatz dazu erzählt Gerhard Schulz in seiner Biographie von Leben und Werk des frühromantischen Schriftstellers, Dichters und Philosophen Friedrich von Hardenberg, der zugleich als Bergmann, Geologe, Salinentechniker und Jurist tätig war und dessen Werk die Trennung von Geistes- und Naturwissenschaften noch nicht kannte. Vorgestellt wird ein vielseitiger Autor, der fest in der Lebenspraxis seiner Tage verwurzelt war.


    In zwölf Kapiteln entwickelt Gerhard Schulz dieses kurze, aber intensive Leben vor dem Hintergrund der Kultur- und Wissenschaftsgeschichte des ausgehenden 18. Jahrhunderts. Als Dichter und Philosoph hat Novalis ein vielgestaltiges Werk hinterlassen. Das lange Zeit tradierte Bild vom "romantischen Träumer" Novalis erfährt in dieser Biographie eine ebenso gründliche Korrektur wie die Annahme, Novalis' naturwissenschaftliche Arbeiten seien nur einem ungeliebten "Brotberuf" geschuldet. Schulz erzählt von einem Autor, der in allem seinem Denken und Schreiben danach strebte, Enge und Isolation zu überwinden. Seine wichtigsten Werke - die Hymnen an die Nacht, der Roman Heinrich von Ofterdingen und das magische Lied der Todten - zeigen das ebenso überzeugend wie das großartige poetischphilosophische Fragment des Allgemeinen Brouillons, dieser erst vor kurzem nun auch ins Englische und Französische übersetzte Entwurf einer "Romantischen Enzyklopädie".


    Und dennoch werden aufs Ganze gesehen und für die Masse beide Bücher nichts nützen. Wenn man in hundert Jahren an Novalis denkt, den man ja auch jetzt schon nicht mehr liest; dann wird man sich den blassen verträumten zarten Jüngling mit den Locken imaginieren, der seiner liebsten jungen Braut nachzusterben beschließt und dem die Welt lieblos und kalt kein Ort war. Das liegt daran, dass der Mythos allemal stärker ist als der Logos und die Menschen nur an das glauben, was sie glauben möchten. Die Welt ist Wille und Vorstellung und keine Wissenschaft, kein Argument, keine Pädagogik wird daran etwas ändern.