Yoricks Nachtgedanken bei Tage

  • In Sachen Wolf in Deutschland und Mittel- und Westeuropa bin ich schon vor vielen Jahren in Hundeforen und später dann auf diversen Naturschutzplattformen immer sehr erstaunt gewesen über die schon irrationale Frontstellung zwischen Gegnern und Befürwortern; die sich mittlerweile ja gesamtgesellschaftlich und multimedial multipliziert und potenziert hat. Ich selbst als großer Fan des Wolfes halte dessen unkontrollierte Ausbreitung in dicht besiedelten Naturräumen wie denen Mittel- und Westeuropas für wenig sinnvoll; plädiere aber für eine Interessenabwägung im Sinne aller Beteiligten. Ich kann natürlich verstehen, dass neben den Weidetierhaltern auch die Forst- und Landwirtschaft ihre Bedenken anmeldet; genauso wie ich die Beweggründe der Natur- und Artenschützer mehr als nur nachvollziehen kann.


    Aber es ist schon wieder irgendwie typisch für die Polarisierungen unserer Zeit, wie wenig gesprächsbereit beide Seiten sind; wobei ich persönlich schon das Gefühl habe, dass wie so oft sozial begünstigte infantilisierte Großstädter hier sozusagen naturromantisch mit einem durch und durch idealisiertem Naturbezug die Lebenswirklichkeit von Menschen ignorieren, die im ländlichen Raum ihrem Broterwerb nachgehen. Demnach wäre selbst die Wolfsproblematik geeignet, die heutigen gesellschaftlichen und sozialen Trennlinien zu verdeutlichen. Wer aus den urbanen Zentren der alten Bundesländer hat eigentlich schon einmal sein Geld bei Wind und Wetter draußen verdient und zwar trotz härtester Knochenarbeit so wenig, dass kaum etwas zum Leben übrig blieb für die Familie?! Und dann stellen sich junge Naturschützer aus der Stadt hin, deren Eltern sie alimentieren oder der Staat; und fordern kaltschnäuzig und aggressiv, der Weidetierhalter solle doch gefälligst ordentliche Zäune bauen oder sich Herdenschutzhunde halten; überdies bekäme er ja Geld für die gerissenen Tiere.


    Diese Dummfrechheit und Dreistigkeit raubt mir jedes Mal wieder die Geduld und ich möchte die Jungens und Mädchen an der Hand nehmen und nur einen Monat diese Arbeit machen lassen; ganz allein, ohne jede Unterstützung oder Absicherung. Möchte sehen, wie sie bei liebgewonnen Schafen, deren Innereien auf der Wiese liegen; weinen und leiden; möchte sie frierend oder schwitzend sehen, wie sie an 18-Stunden-Tagen Zäune versetzen; die trotzdem immer wieder fallen, aber nicht durch eigene Schuld. Möchte sehen, wie sie tausende Euro für ordentliche Herdenschutzhunde ausgeben und Jahre brauchen, sie samt Nachwuchs auszubilden und an die Verhältnisse hier zu gewöhnen. Denn diese Hunde arbeiten selbstständig und unterscheiden nicht zwischen Wolf und schnüffelndem Haushund; Räuber und Spaziergänger.


    Einmal möchte ich erleben, dass Menschen, die sich für die Guten halten; ihr eigenes Denken und Tun hinterfragen und die Argumente des „Gegners“ ernst nehmen.

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  • Wenn mir früher in so end- wie sinn- und fruchtlosen Beratungen und Konferenzen langweilig war, suchte ich mir Beschäftigung und trainierte mein Gedächtnis, indem ich mir beispielsweise sämtliche Fußballerstligavereine Europas aufschrieb oder alle deutschen Könige von 919 bis 1806 mit ihren Regierungsjahren; die amerikanischen Bundestaaten mit den jeweiligen Hauptstädten; wobei ich als Königsdisziplin alle ägyptischen Pharaonen bis zur 31. Dynastie im Auge habe.


    Neulich versuchte ich aber aus einem plötzlichen Einfall heraus alle mir bekannten Indianerstämme Nordamerikas zu notieren und merkte schnell, dass hier Nachholbedarf besteht:

    • Inuit
    • Cree
    • Apachen
    • Kiowa
    • Hopi
    • Navajo
    • Shoshone
    • Cheyenne
    • Lakota
    • Dakota
    • Blackfoot
    • Crow
    • Sioux
    • Comanche
    • Arikaree
    • Pawnee
    • Shawnee
    • Iowa
    • Algonkin
    • Creek
    • Seminolen
    • Cherokee
    • Huronen
    • Irokesen
    • Mohawk
    • Seneca
    • Mohikaner


    Die Liste ist nämlich recht kurz und verrät mehr über mich als über mein Gedächtnis. Fast jeder der mir noch ad hoc bekannten Stämme dürfte etwas mit Lektüren aus Kindertagen, aber auch späteren; Spielfilmen, kulturellen Klischees, Assoziationen oder sonstigen Anleihen aus der Hoch- und Popkultur zu tun haben. Ich glaube. Altersgenossen mit ähnlichem Horizont würden diese schnell ausfindig machen können.

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  • Ich möchte an dieser Stelle noch einmal ausdrücklich betonen und quasi an Eides Statt versichern, dass ich nicht per se und sozusagen a priori gegen Veränderungen bin; sondern nur dann, wenn sie mich persönlich, meine Umwelt und überhaupt meine Lebenskreise betreffen. *yes*

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  • Von den vielen zehntausend auf den Punkt gebrachten Weisheiten Nietzsches ist diese hier eine der wichtigsten:

    Zitat

    Frei wovon? Was schiert das Zarathustra? Hell aber soll mir dein Auge künden: frei wozu?

    Was nützen uns die abgeworfenen Ketten, wenn wir dann hilflos blinzelnd in der Sonne stehen und nicht wissen, wohin des Weges und was unser Tun und Streben und Sinnen und Trachten?! Ich aber weiß es ganz genau; was ich tun will, sobald ich das Joch einer unmenschlichen, widernatürlichen, geistfernen, ja geistlosen; sinnentleerten, frucht- und bodenlosen Pädagogik abgeschüttelt habe binnen Kurzem. Es kann für mich nur zweigleisig um den Dienst an der leidenden Kreatur gehen und den Dienst am Buch. Also ein Engagement im Tierschutz, in Tierheimen, als Pflegestelle oder im Bereich Erziehung, Sozialisierung und Ausbildung. Und als Antiquar mit Lesungen, Literaturrunden; Buchvorstellungen und gemütlichem Beisammensein; als Verleger ohne finanzielle Interessen für Bücher und Themen, die einem wichtig sind und die sonst nirgends eine Chance hätten, den Buchmarkt zu erreichen. Das also werde ich tun und mein Leben wird endlich einen Sinn haben.

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  • Als Verfasser geistert ein Dr. Bob Moorehead im Netz, das scheint wohl aber nicht zu stimmen. Aber egal, wer es niederschrieb, Recht hat er:


    Zitat
    Das Paradox unserer Zeit ist: Wir haben hohe Gebäude, aber eine niedrige Toleranz, breite Autobahnen, aber enge Ansichten. Wir verbrauchen mehr, aber haben weniger, machen mehr Einkäufe, aber haben weniger Freude. Wir haben größere Häuser, aber kleinere Familien, mehr Bequemlichkeit, aber weniger Zeit, mehr Ausbildung, aber weniger Vernunft, mehr Kenntnisse, aber weniger Hausverstand, mehr Experten, aber auch mehr Probleme, mehr Medizin, aber weniger Gesundheit. Wir rauchen zu stark, wir trinken zu viel, wir geben verantwortungslos viel aus; wir lachen zu wenig, fahren zu schnell, regen uns zu schnell auf, gehen zu spät schlafen, stehen zu müde auf; wir lesen zu wenig, sehen zu viel fern, beten zu selten. Wir haben unseren Besitz vervielfacht, aber unsere Werte reduziert. Wir sprechen zu viel, wir lieben zu selten und wir hassen zu oft. Wir wissen, wie man seinen Lebensunterhalt verdient, aber nicht mehr, wie man lebt. Wir haben dem Leben Jahre hinzugefügt, aber nicht den Jahren Leben. Wir kommen zum Mond, aber nicht mehr an die Tür des Nachbarn. Wir haben den Weltraum erobert, aber nicht den Raum in uns. Wir machen größere Dinge, aber keine Besseren. Wir haben die Luft gereinigt, aber die Seelen verschmutzt. Wir können Atome spalten, aber nicht unsere Vorurteile. Wir schreiben mehr, aber wissen weniger, wir planen mehr, aber erreichen weniger. Wir haben gelernt schnell zu sein, aber wir können nicht warten. Wir machen neue Computer, die mehr Informationen speichern und eine Unmenge Kopien produzieren, aber wir verkehren weniger miteinander. Es ist die Zeit des schnellen Essens und der schlechten Verdauung, der großen Männer und der kleinkarierten Seelen, der leichten Profite und der schwierigen Beziehungen. Es ist die Zeit des größeren Familieneinkommens und der Scheidungen, der schöneren Häuser und des zerstörten Zuhause. Es ist die Zeit der schnellen Reisen, der Wegwerfwindeln und der Wegwerfmoral, der Beziehungen für eine Nacht und des Übergewichts. Es ist die Zeit der Pillen, die alles können: sie erregen uns, sie beruhigen uns, sie töten uns. Es ist die Zeit, in der es wichtiger ist, etwas im Schaufenster zu haben, statt im Laden, wo moderne Technik einen Text wie diesen in Windeseile in die ganze Welt tragen kann, und wo sie die Wahl haben: das Leben ändern - oder diesen Text und seine Botschaft wieder zu vergessen. Denkt daran, mehr Zeit denen zu schenken, die Ihr liebt, weil sie nicht immer mit Euch sein werden. Sagt ein gutes Wort denen, die Euch jetzt voll Begeisterung von unten her anschauen, weil diese kleinen Geschöpfe bald erwachsen werden und nicht mehr bei Euch sein werden. Schenkt dem Menschen neben Euch eine innige Umarmung, denn sie ist der einzige Schatz, der von Eurem Herzen kommt und Euch nichts kostet. Sagt dem geliebten Menschen: „Ich liebe Dich" und meint es auch so. Ein Kuss und eine Umarmung, die von Herzen kommen, können alles Böse wiedergutmachen. Geht Hand in Hand und schätzt die Augenblicke, wo Ihr zusammen seid, denn eines Tages wird dieser Mensch nicht mehr neben Euch sein. Findet Zeit Euch zu lieben, findet Zeit miteinander zu sprechen. Findet Zeit, alles was Ihr zu sagen habt miteinander zu teilen, denn das Leben wird nicht gemessen an der Anzahl der Atemzüge, sondern an der Anzahl der Augenblicke, die uns des Atems berauben.


    "Original" in englisch

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  • Nachrichten aus der pädagogischen Provinz


    Vor- und Nachteile des Lehrerberufs aus meiner Sicht (des Deutsch- und Geschichtslehrers an einem Staatlichen Gymnasium)


    Vorteile:

    • täglicher Umgang mit meinen Fachgebieten Geschichte, Literatur etc. (im Grunde dem ganzen Bereich der Geisteswissenschaften), die sich auch mit meinen Freizeitinteressen decken
    • täglicher Umgang mit Kindern und Jugendlichen.
    • klare Struktur des Schullalltags bis in den Nachmittag und anschließend die optionale Gestaltung je nach Anforderung
    • als Beamter oder Angestellter mit sicherem Arbeitsplatz
    • für Ostverhältnisse im Vergleich ein guter Verdienst
    • Sommerferien (in allen anderen ist zu korrigieren)


    Nachteile:

    • zunehmende Überlastung mit administrativen, bürokratischen und lehrfremden Aufgaben
    • Hilf- und Machtlosigkeit innerhalb der Hierarchien und Leitungsstrukturen (Schulleitung, Schulamt, Kultusministerium)
    • Aufsatzkorrekturen!!!
    • zu große Klassen und zu viele Unterrichtsstunden angesichts der stetig wachsenden Anforderungen an den Fach- und Klassenlehrer
    • sinkendes Bildungsniveau der Schüler bzw. der Gesellschaft überhaupt
    • materielle Ausstattung der Schulen
    • Zunahme der disziplinarischen und sozialen Probleme
    • bei Teilzeit keine Einbeziehung der so genannten unteilbaren Dienstpflichten (Dienstberatungen, Fachschaftssitzungen, Klassenkonferenzen, Klassenleitertätigkeit etc.) in den Arbeitsvertrag, d.h., alle diese Aufgaben sind bei zum Beispiel 50- oder 80prozentigem Stellenanteil trotzdem zu 100 Prozent zu erledigen
    • praktisch nicht vorhandene gesellschaftliche Anerkennung

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  • Musste heute an Babsis Vater, also wohl eher Erzeuger, denken; der mir vor zehn Jahren Gesundheit oder gar das Leben rettete. Ich schrieb damals:

    Zitat

    Willi und das Wildschwein


    Heute hat mir Willi wahrscheinlich das Leben gerettet oder verhindert, dass ich vollends zum Krüppel werde! Ich war schon knapp zwei Stunden mit ihm und seiner Braut Mary unterwegs, meist im Wald, und strebte nun über eine mehrere Hektar große Wiese meinem Landrover zu, den ich auf einem Feldweg geparkt hatte. Ich bin mittenmang, als ich, wie schon oft an diesem Nachmittag, mehrere hundert Meter entfernt etwas aus dem Wald brechen sehe, das ich nicht gleich einordnen kann. Rehe waren es diesmal nicht und schnell wird mir klar, dass da ein ungeheures Wildschwein übers Gras wetzt und vor allem schnurgerade auf mich zuhält, wo es doch Millionen Möglichkeiten hätte, mich weiträumig zu meiden. Nicht sonderlich reaktionsschnell kann ich schon die Hauer des schätzungsweise 120-150kg-Tieres (wahrscheinlich ein junger Keiler) erkennen, als ich begreife, dass es möglicherweise um Leben und Tod geht und ich meine Beine in die Hand nehmen muss. Ich habe die Wahl zwischen einem Hochspannungsmast in der Mitte der Wiese und einem Hochstand am Waldrand gegenüber, beide in etwa gleich weit weg. Als ich losrenne, brülle ich Willi, der noch steif vorsteht, ein "Vorwärts" zu und er stürzt sich geradewegs auf das Schwein und spurtet in dessen Laufrichtung hinein. Das Vieh scheint irritiert und weicht aus, weg von mir und Mary, die mich und meinen Laufweg kurz deckt. Dem Herrn sei Dank stellt sich das Schwein nicht zum Kampf, sondern kreist um mich; bis Willi zuschlägt und seine Zähne hinten in den Arsch und in die Haxen schlägt, ohne sich zu verbeißen. Das wird dem quiekenden Keiler dann doch zu bunt und er sucht schnurstracks von Willi verfolgt das Weite und verschwindet im Wald. Ich war inzwischen den Hochstand hochgehetzt und spuckte Blut, meine Lungen wollten bersten und mein Herz schlug bis zum Hals und in den Schädel hinein. Wäre das schön gewesen, nun über dem Geschehen und nach der Gefahr eine würzige Zigarette zu rauchen, aber ich habe ja vor fast sieben Wochen aufgehört. In den Wald gehe ich jetzt nur noch mit Knarre und den Jägern und Förstern werde ich was erzählen: Es kann doch nicht wahr sein, wieviele Wildschweine sich in der Gegend rumtreiben. Das ist lebensgefährlich!

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  • Mal ganz ehrlich, wer mit solchen Sätzen eine Erzählung beginnt; der kann doch nur ein ganz Großer sein.


    Zitat

    Es gibt Menschen, auf welche eine solche Reihe Ungemach aus heiterm Himmel fällt, daß sie endlich da stehen und das hagelnde Gewitter über sich ergehen lassen: so wie es auch andere gibt, die das Glück mit solchem ausgesuchten Eigensinne heimsucht, daß es scheint, als kehrten sich in einem gegebenen Falle die Naturgesetze um, damit es nur zu ihrem Heile ausschlage.


    Auf diesem Wege sind die Alten zu dem Begriffe des Fatums gekommen, wir zu dem milderen des Schicksals.


    Aber es liegt auch wirklich etwas Schauderndes in der gelassenen Unschuld, womit die Naturgesetze wirken, daß uns ist, als lange ein unsichtbarer Arm aus der Wolke, und thue vor unsern Augen das Unbegreifliche. Denn heute kömmt mit derselben holden Miene Segen, und morgen geschieht das Entsetzliche. Und ist beides aus, dann ist in der Natur die Unbefangenheit, wie früher.

    So etwas gibt es heute nicht mehr oder sehr, sehr selten.

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  • Ich war 11, als ich mich das erste Mal verliebte. Ich ging in die 6. Klasse der POS auf unserem Dorf; sie in die 7. Ich war zaundürr und hatte eine riesige Hornbrille auf der Nase; ihr engelsgleiches Gesicht mit blauen Augen umspielten lange blonde Haare, sie war schlank und aus heutiger Sicht ein einziges Klischee. In den Hofpausen sah ich zu, dass sich meine Clique in der Nähe der betreffenden Mädchengrüppchen aufhielt, um sie verstohlen beobachten und anschmachten zu können. In diese Klasse über uns gingen mehrere sehr hübsche Mädchen, aber sie, A., stach aus allen heraus. Ich war fix und fertig damals und habe sehr gelitten. Aber natürlich habe ich sie nicht ein einziges Mal angesprochen oder ihr auch nur direkt in die Augen gesehen; ich wäre im Augenblick vor Angst und Scham gestorben.


    Ich erinnere mich immer wieder an diese frühe Konstellation, der noch so viele weitere folgen sollten; vor allem deshalb; weil man hier sozusagen philosophisch-stochastisch die größtmögliche Unwahrscheinlichkeit auf Erden vorgeführt bekommt. In diesem Alter ein Jahr Unterschied ist wie später 20 oder 30 Jahre und die Wahrscheinlichkeit, vom Blitz getroffen zu werden oder im Lotto zu gewinnen, ist millionenfach höher, als dass man Anfang der 80er auf dem Land in der DDR auch nur den Hauch einer Chance gehabt hätte, bei seiner Angebeteten zu landen, die natürlich in den höheren Klassen Ausschau hielt nach schon jungen Männern. Und das, obwohl sie eine wirklich nette, ja liebe und in keiner Weise arrogante oder zickige Person war.


    Jahre später sah ich sie noch einmal im Zug, als ich zur EOS in die Kreisstadt fuhr; sie fragte mich zu einer Hausaufgabe, weil sie anderwärts das Abitur nachmachte. Inzwischen war sie zu einer dieser klassischen Schönheiten herangewachsen, in deren Gegenwart man nicht weiß, was man tun und wie man atmen soll; ohne dass Begehren oder dergleichen eine Rolle spielte. Man ist als junger Mann einfach nur benommen und betäubt und fast wie gelähmt von der Möglichkeit und Präsenz des wahrhaft Schönen auf der Welt. Heute lebt sie wohl nach turbulentem Lebenslauf und mehreren Beziehungen auf einer spanischen Insel und besucht ihre Eltern nur mehr selten. Ich hoffe inständig, sie möge ihre glücklichen und zufriedenen Momente haben.

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  • Zitat

    Beurteile nie einen Menschen bevor du nicht mindestens einen halben Mond lang seine Mokassins getragen hast.


    Diese indianische Weisheit kennt man auch in anderen Abwandlungen in der Art, dass man soundso viel Meilen oder Schritte in den Schuhen anderer gegangen sein soll, bevor man Urteile fällt; und sie gehört sicher wie die Hinweise Buddhas in seinen Reden und auch Jesu in der Bergpredigt zu denen, die man gerne zitiert, überall virtuell anpinnt und sich damit wichtigmacht; ohne dass auch nur ein Prozent der Menschen versucht, diese auch zu beherzigen im Alltag; nein, sie werden sogar geradezu konterkariert und zwar jeden Tag und jede Stunde.


    Ich habe das Thema Perspektivwechsel schon häufiger angesprochen, weil es natürlich ein ganz zentrales ist in unserer anthropologischen Konditionierung. Und ich habe das Gefühl, dass die Verarmung der Empathie und der Willen zur Perspektivänderung mit dem schrankenlosen Egoismus, dem Gefangensein im eigenen Ego seit spätestens um 1800, zu tun hat; also letztlich der Genese der bürgerlichen Gesellschaft im Kapitalismus.


    Auf eine wichtige und zudem notwendige Erweiterung der Problemstellung macht dabei Rolf Dobelli in seinem oft klugen Buch „Die Kunst des guten Lebens“ aufmerksam, wo er im Kapitel 40 an einem Beispiel aus der Wirtschaft illustriert, dass es mit einem bloßen Hineindenken nicht getan ist; sondern ganz im Gegenteil nur und ausschließlich ein wirklicher „Schuhwechsel“ über längere Zeit helfen kann. Ein Unternehmer hatte zwei Abteilungsleiter, die sich wechselseitig über die Fehler der anderen beschwerten, die ihre eigene Arbeit erschwerte und am Ende gar zunichtemachte. Kurzerhand ließ der Boss die erst einmal entsetzten Chefs die Rollen tauschen und nach ein paar Wochen konnten die Wurzeln der Probleme freigelegt und diese behoben werden.


    Das wird nicht immer und überall gehen und im Alltag ist das schon gar nicht praktikabel, aber das Prinzip ist wichtig. Wir Menschen sind mehrheitlich keine reinen Gehirn- und Seelentiere – um andere zu begreifen und zu verstehen, müssen wir tatsächlich und wirklich in deren Rolle schlüpfen und zwar nicht nur für ein paar Stunden und Tage, wie das Möchtergernjournalisten neuerer Schule immer wieder stolz vorexerzieren in ihren gefragten Formaten, sondern richtig und sozusagen existenziell.


    Ich will als Beispiel die Bewertung von Berufen heranziehen. Es gibt kaum einen anderen gesellschaftlichen Bereich, in welchem sich Menschen schneller abfällig über die Arbeitsleistung und die beruflichen Belastungen anderer äußern als hier. Aufgewachsen in der DDR habe ich zum Beispiel als Kind und Jugendlicher von frühester Jugend an auch die sogenannten körperlichen Tätigkeiten kennengelernt. Meine Eltern zählten zwar schon zur Intelligenzia, aber deren Eltern waren geradezu klassisch Arbeiter und Bauern. Also habe ich in Haus und Hof geholfen; den Handlanger gespielt; später eine typische Halbwüchsigenkarriere bei der LPG gemacht auf dem Kartoffelacker und im Stall, aber auch bei den Landmaschinen, auf Obstplantagen und so weiter. Während des Abiturs kam der Forst dazu und wenn ich dann abends völlig fertig und lahm auf dem Sofa lag und auch zu geistiger Arbeit keinerlei Lust mehr verspürte, wusste ich, das könnte ich nicht ein ganzes Leben lang machen.


    Diese Grunderfahrung fehlt heute vielen Jugendlichen und meines Wissens auch sehr vielen Akademikern aus den alten Bundesländern. Anders kann ich mir nicht erklären, wie und warum die Berufe derart eingeteilt und abqualifiziert werden. Als Lehrer lebe ich mit dieser Diskreditierung seit fast 30 Jahren, aber es betrifft inzwischen so viele andere Berufe auch. Ich beispielsweise könnte niemals in der Fabrik am Band stehen oder in einem Großraumbüro arbeiten; und mein Respekt für diejenigen, die das können, ist geradezu grenzenlos. Überhaupt der berühmte Bürojob, von dem man immer hört; den man sich suchen soll, wenn man nicht mehr körperlich arbeiten kann – er ist nichts weiter als eine Fiktion. Dieses Büro ist sehr oft nichts weiter als der Vorhof zur Hölle. Und wer über Sozialarbeiter oder die Damen und Herren in welchem Amt auch immer schimpft, soll sich mal einen Tag lang dahinsetzen und Leute wie sich selbst empfangen und zu beraten versuchen.


    Ich habe immer herzlich, aber auch nachdenklich gelacht, wenn in US-Filmen gezeigt wurde, wie junge Mädchen in Unterrichtsprojekten dicke Westen mit Bauch anziehen mussten, um sich zu vergegenwärtigen, wie es sich anfühlt, fettleibig oder schwanger zu sein. Ein Tag im Rollstuhl oder mit verbundenen Augen öffnet letztere auch mehr als vier Jahre Studium der sozialen Empathie. Aber das führt jetzt zu weit.

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  • Da seit Tagen ein Schwarzstorch über dem Grundstück kreist und auch schon auf dem Dachfirst saß, bin ich ein wenig unruhig und bräuchte eine naturkundlich-mythologische Erklärung. Die Kinder bringt doch nur der Weißstorch, oder?

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  • Zeitfracht-Spende in Erfurt: Bücher kommen in den Knast


    Diesen Artikel von meiner Gattin analog zum Frühstück vorgelesen bekommen. Zweierlei kam mir dabei in den Sinn. Erstens die schöne Szene aus dem Ausnahmefilm Die Verurteilten, in welchem Tim Robbins als Inhaftierter Andy Dufresne unter anderem jahrelang versucht, eine Gefängnisibliothek aufzubauen und dafür hunderte Briefe an alle möglichen Einrichtungen und Institutionen versendet; bis eines Tages nach langen Jahren tatsächlich eine Lieferung eintrifft. Beim Einordnen der Bücher zusammen mit den weniger belesenen Knastbrüdern wird dann zum Beispiel die Frage erörtert, ob Der Graf von Monte Christo von Alexandre Dumas père zu den Romanen soll oder doch lieber in die Abteilung Praktische Tipps?!


    Zweitens meinte ich zu meiner Holden, die Burschen würden doch eh nicht lesen; bestenfalls Zeitschriften; oder sich gleich Kippen drehen aus den Seiten. Sie meinte, so ganz ohne Internet wäre es schon möglich; dass manche ein Buch aufschlügen. Mir war das gar nicht bewusst, dass natürlich ein freier Zugang zum weltweiten Netz im Gefängnis eher weniger günstig ist. Daher würde ich das Prinzip gerne auf die Zivilgesellschaft erweitert wissen. Einen Internetzugang erhält nur der, der vorher eine Prüfung ablegt über die wichtigsten Aspekte von Kultur, Gesellschaft und Technik; und sich zudem auf eine Minimalagenda des virtuellen Umgangs verpflichtet. Wer also zu dämlich oder zu ungehobelt ist, darf nicht ins Netz, basta. Binnen kurzem herrscht Frieden in der Welt! Oder laufen die Buben dann wieder auf der Straße rum?

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  • Der erste Preis für das lauteste und sinnloseste Arbeitsgerät im Freien geht ohne jede Einschränkung an den Laubbläser, der zum Beispiel seitens der Angestellten der kommunalen Einrichtungen hemmungslos zum Einsatz kommt zu bestimmten Zeiten ununterbrochen. Anstatt das Laub, wie seit Jahrhunderten üblich, zusammenzurechen und einzusacken, wird es über Stunden begleitet von einer infernalischen Kakophonie von der einen zu anderen Ecke gepustet, während der nächste Windstoß alles wieder in alle Himmelsrichtungen verstreut. Ich könnte da wahnsinnig werden, wenn ich dem Geräusch tagelang ausgesetzt bin und womöglich aus dem Fenster noch dem ganzen Elend zusehen muss; nie stehe ich einem Amoklauf näher als in so einer Situation.


    Andere Höllengeräte von Gartennazis und Freilandfaschisten sind nicht etwa Traktoren oder Erntemaschinen; sondern ausschließlich Maschinen, deren akustische Emanationen ebenso laut und nervtötend wie ungleichmäßig sind. Da nimmt sich ein Rasenmäher eben noch vergleichsweise homogen aus im Gehör des strapazierten Nachbarn; aber Motor- und Kreissägen und auf Platz zwei Motorsensen sind eben mehr als nur perfide für das sensible Ohr am Schreibtisch arbeitender oder im Garten Ruhe suchender zarter Seelen. Dieses ständige Auf und Ab, das die Trommelfelle bearbeitet und die Nerven zum Zerreißen spannt, dass man schreien möchte vor Wut und einhauen auf den verkleideten Menschenschinder, ihm das Gerät entwinden und es in tausend Stücke schlagen. Wenn Dante es nur geahnt hätte …

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  • Ich arbeite nach anfänglichen Vorbehalten seit vielen Jahren im Stillen mit für Wikipedia; schreibe zwar nur selten eigene Artikel; vervollständige aber permanent Bibliografien und Literaturhinweise; schreibe Inhaltsangaben zu Büchern oder versuche Forschungskontroversen zu veranschaulichen.


    Im Bereich Zeitgeschichte ist das aber seit vielen Jahren praktisch unmöglich geworden. Von vorurteilsfreier und unabhängiger Wissenschaft kann hier keine Rede mehr sein. Viele Artikel strotzen vor fachlichen Fehlern, parteiischen Urteilen und ebenso ahistorischen wie unsachgemäßen Bewertungen. Da werden verdiente Historiker schon in der Einleitung völlig irreführend und falsch als geschichtsrevisionistisch gebrandmarkt, Wege der Forschung einseitig gezeichnet und historische Einordnungen eindimensional vorgenommen.


    Im Grunde demonstriert hier zumindest die deutschsprachige Ausgabe, was ich anderswo in anderem Kontext als die Unmöglichkeit von Geschichtswissenschaft seit spätestens der Französischen Revolution bezeichnet habe; weil sie seitdem nur noch rückwärtsgewandte Ideologie ist. Die durchweg einseitige Perspektive auf die jüngere deutsche Geschichte ergibt ein verkürztes Geschichtsbild, das jegliche Kontroverse ausblendet; obwohl kein einziger historischer Prozess monokausal zu erklären ist und sich daher immer auch unterschiedliche historische Wertungen ergeben.


    Albern wird es aber dann, wenn, wie vielfach geschehen, Literaturhinweise und Quellenbelege immer wieder aus Artikeln gelöscht werden. Einmal habe ich die Erinnerungen eines SS-Generals in dessen Biografie angefügt, nicht ohne ausdrücklichen Hinweis, dass es sich bei dem Buch natürlich um ein quellenkritisch stark zu hinterfragendes handelt. Man hat diesen Quellenhinweis mehrfach gelöscht, obwohl das Werk in einem bundesdeutschen Verlag erschienen ist und für die Geschichte der Aktionen im Rücken der Front während des Ostfeldzuges von höchster Bedeutung ist. Gleichermaßen wurden rein deskriptive Divisionschroniken und andere Fronttagebücher militärischer Einheiten verschiedener Größen wieder gelöscht und selbst wenn der eine oder andere Ehemalige auch apologetische Tendenzen hatte, ließe sich das doch mit Hinweisen abfedern.


    Ähnlich kompliziert erweist sich übrigens streng geschichtswissenschaftliches Vorgehen bei Wikipedia hinsichtlich der DDR-Geschichte, wobei hier zwei Fronten einander gegenüberstehen: Die unkritischen Nostalgiker und die ahnungslosen Formalisten altbundesdeutscher Herkunft. Man wird auf jeden Fall diese freie Internet-Enzyklopädie einmal unter diesem Gesichtspunkt genauer analysieren müssen und feststellen, dass das Wikiprinzip hier an seine Grenzen stößt.

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  • Meine Gattin meinte kürzlich, es sei immer wieder erstaunlich; wie ich jeden Abend das erste Bier geradezu ehrfürchtig aus Kasten oder Kühlschrank hole, es andächtig ansehe, behutsam einschenke und dann mit dem größten Genuss der ganzen Welt herunterstürze. Und das, obwohl ich doch sicher schon tausende getrunken habe in meinem Leben.


    Da habe ich dann versucht, die Rechnung aufzumachen in halben Litern. Ich trinke seit mindestens dem 13. Lebensjahr regelmäßig Bier, jetzt bin ich 50. Da ich auch immer mal abstinent lebte, würde ich also 35 Jahre Biertrinkerei annehmen. Aber wieviel Biere trinkt man übers Jahr? 500 sind sicher zu wenig, also 1000? Das wären dann 35 000, obwohl mir die Zahl recht gering dünkt.


    Aber wie viele muss man denn eigentlich getrunken haben bis zum Lebensende, um mit Luther, Shakespeare, Jean Paul, Heinrich Heine, Edgar Allan Poe, Wilhelm Busch oder Ernest Hemingway im Elysium der begnadeten und leidenschaftlichen Biertrinker zu landen? Eine absolute Zahl kann das ja nicht sein durch die verschiedenen Lebensalter; eher ein tägliches Quantum ...

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  • Literatursoziologisch und vor allem rezeptionsästhetisch aufschlussreich ist, wenn der Literatur Beflissene etwas mit den Namen der Figuren Rachmetow, Pawel Kortschagin, Semjon Dawydow oder Oleg Koschewoi anzufangen wissen. Das dürfte schon heute im Jahre 2021 auf dem Gebiet des Bundesrepublik eine statistisch nicht erfassbare Minorität sein, nur im Osten beheimatet.

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  • Lob des Einzelzimmers


    Bevor ich Beamter wurde, war ich bei der DAK versichert; und da ich mit einigen und zudem komplexen gesundheitlichen Problemen zu kämpfen habe seit Jahrzehnten, sah ich hin und wieder ein Krankenhaus von innen. Ich sehe in Spitälern nicht wie viele andere Menschen per se eine Zumutung, die man je früher je besser wieder hinter sich lässt; aber ich litt von Beginn an unter den Mehrbettzimmern.


    Ich bin zwar an sich ein leutseliger Mensch, aber von Haus aus brauche ich meine Rückzugsräume. Überhaupt bin ich in einer Familie aufgewachsen, die ungern fremde Menschen in ihrer engeren Wohnung sah, wo sie Sessel und WC besetzten; schwatzten und den Bewegungsspielraum einengten. Man kann sich nicht vorstellen, wie glücklich ich war; als ich endlich aus dem Studentenwohnheim in meine erste eigene Wohnung ziehen konnte: Fünf Jahre mit weiteren zehn Kommilitonen in einer Vierraumneubauwohnung mit einer winzigen Küche und einem Badezimmer samt WC (sic!!!) waren die Hölle für mich, der ich zwar das Zusammenleben auch genoss, aber eben nie allein war; nie aufs Klo gehen konnte, wann ich wollte oder musste und stets und ständig den Lebensgeräuschen und -gerüchen anderer ausgesetzt war.


    In einem Krankenhauszimmer weißt du nie, was du kriegst. Ich lese viel, schaue fern oder höre Musik; schon immer; viele Mitpatienten aber tun das alles nicht oder nicht gerne alleine und nerven dich in einem fort mit ihrem Schnattern, ihrer sozialen Ader und ihrem Drang nach Geselligkeit. Da ist einem das Stöhnen und Röcheln Moribunder fast schon lieber; aber das ist natürlich auch gelogen; es ist furchtbar für die Seele, wenn man nur ein klein wenig Empathie hat. Aber richtig arg wird es, wenn man das männliche Mitglied oder gar Oberhaupt eines orientalischen, süd- oder südosteuropäischen Familienverbandes neben sich liegen hat. Ich bewundere diese Art Zusammenhalt schon immer, auch wenn er stark auf Abhängigkeiten und Zwängen fußt, aber wenn von Tagesanbruch bis zur Dämmerung rund um die Uhr mehrere Frauen, Kinder, Verwandte und Bekannte um dessen Bett sitzen, kriege ich einen zu viel.


    Da lobe ich mir in Gedanken die strikten und allzu oft rigide und wenig variabel gehandhabten Besuchszeiten in den Krankenhäusern der DDR; die man damals freilich verflucht hat; weil man bei den langen Arbeitszeiten und etwa mit den öffentlichen Verkehrsmitteln kaum Chancen hatte, seine Angehörigen zu besuchen. Aber ganz ehrlich; wenn ich schon im Krankenhaus liegen muss, dann will ich gesunden und dafür brauche ich Ruhe und Privatsphäre. Ich kann nicht in eine Ente pullern, wenn einen Meter neben mir fremde Personen, viele Frauen darunter, sitzen. Und wenn diese noch so höflich und leise sind; es stört mich einfach; und ich möchte auch nicht jedes Mal fragen, ob sie rausgehen können, wenn die Notdurft sich ankündigt, das ist peinlich und entwürdigend. Und ich kann nicht lesen oder schreiben, wenn nebenan permanent ein Gemurmel samt gestischer Kommunikation stattfindet. Ich habe daher in solchen Fällen immer dringend interveniert und zur Not auf einem Zimmerwechsel bestanden. Hinweise auf kulturelle oder ethnische Unterschiede begegnete ich dabei immer mit solchen zu den Grundlagen einer gelungenen Rekonvaleszenz, der Nationalität, Hautfarbe und dergleichen egal sei, denn deren Grundvoraussetzungen gölten für alle Menschen gleichermaßen.


    Jetzt privat versichert ist mir die Chefarztbehandlung viel weniger wichtig als die Einzelzimmerklausel, für die ich gerne mehr zahle. Leider verfügen aber viele Hospitäler nicht über die entsprechenden Kapazitäten, sodass man sich immer wieder mal in sein Schicksal fügen muss. Immerhin lernt man so zuweilen, selten zwar, sehr interessante Menschen kennen, die oft auf tragische Biografien und Leidenswege zurückschauen müssen, sich aber ihren lebensmut und ihr Rückgrat bewahrt haben.

    "Wir trinken leise." Polizeiruf 110 (Halle/ Saale: neues Team): An der Saale hellem Strande - Tilla Kratochwil als Trinkerin Silke Berger

  • Und die Wahrheit liegt wieder auf und rund um den Platz: Die E-Jugend eines der beiden ansässigen Kleinstadtfußballvereine umfasst neben flachsblonden Biodeutschen auch viele Jungs vermutlich nordafrikanischer und vorderasiatischer Herkunft; die entsprechenden Eltern einträchtig beieinander bei Training und Spiel.


    Der gemeine Deutsche ist eben per se weder ausländerfeindlich noch rassistisch, vielleicht sind die Deutschen in Masse sogar das am Wenigsten xenophobe Volk Europas, weil seine Anforderungen an eine gelungene Integration sehr schlicht und nachvollziehbar sind. Wenn er sieht, da geht einer jeden Morgen aus dem Haus auf Arbeit und leistet seinen Beitrag, erzieht seine Kinder vernünftig; zahlt in die Sozialsysteme ein, spricht halbwegs deutsch und engagiert sich womöglich noch in örtlichen Vereinen; ist ihm Herkunft, Hautfarbe und Religion völlig wurscht. Der wird zum Bier und zum Braten eingeladen, die Kinder spielen miteinander und man grüßt sich mit Respekt, hilft einander in Alltagssituationen.


    In meinen Heimatdorf im Oberland gibt es eine Wendung, die einen Menschen adelt; nämlich wenn es heißt: "Der macht sein Zeusch!" Eben im Krankenhaus kommt täglich eine Reinigungskraft mit Migrationshintergrund. Ich frage ihn, wie er sich fühlt; denn ich weiß, dass viele der männlichen Altersgenossen seines Herkunftslandes diese Arbeit als unter ihrer Würde ablehnen würden. Er meint aber, das sei seine Aufgabe, er mache sie gern und schäme sich ihrer nicht; er wolle schließlich auch seinen Beitrag leisten. Ich bot ihm jede erdenkliche Hilfe an, etwa beim weiteren Spracherwerb.

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  • Das Leben oder der Herrgott ist ein verdammter Zyniker! Ich wollte immer ein Mann mit Austrahlung sein und seit ich es diese Woche tatsächlich bin, möchte ich nichts lieber, als dass ich nicht mehr ausstrahle. Denn erst, wenn die Strahlung unter einem bestimmten Wert liegt, darf ich das nuklearmedizinische Gefängnis wieder verlassen und frische Luft atmen. So eine Klausur macht nur Spaß, wenn man sie selbst wählt. Also sitze ich Strahlemann hier fest für wengstens zehn Tage und niemand bekommt etwas mit von meiner neuen Strahlkraft.

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  • Ich halte mal zwei wichtige "Kommuikationsmuster" fest


    1. Wenn ein Text von einem verdächtigen Verlag vertrieben wird oder er auf einer verdächtigen Internetseite erscheint, ist er per se übel und muss weder rezipiert noch argumentativ widerlegt werden.

    2. Wenn ein Text von einem verdächtigen Auor stammt, ist er per se übel und muss weder rezipiert noch argumentativ widerlegt werden.


    3. Wenn ein Text Beifall von der "falschen Seite" bekommen könnte oder bekommt, ist er per se übel und muss weder rezipiert noch argumentativ widerlegt werden.


    Das heißt, es geht nicht um Inhalte; eigentlich nie, sondern immer nur um das Drumherum. Das heißt nicht, dass das Woher keine Rolle spielt. Wenn Schüler bei mir nicht angeben können, was das eigentlich für Seiten sind, die sie da aus dem Netz benutzen, haben sie schlechte Karten. Ich will, dass sie unterscheiden können; ist das die Seite einer Uni, einer Privatperson, einer Partei, einer Behörde etc. Aber nichtsdestotrotz muss eine inhaltliche Auseinandersetzung erfolgen, eine Ablehnung der Form wegen ist ignorant und letztlich dumm.

    Die größten Kenner des Marxismus habe ich zu DDR-Zeiten immer wieder unter Theologen getroffen; die meinten stets, man müsse seinen Gegner ja genau kennen. Auch Sahra Wagenknecht plädiert für eine inhaltliche Auseinandersetzung fernab von automatisierten Reflexen. Aber diese Kultur der Diskussion ist uns lange abhanden gekommen, besonders die gegenwärtig den Zeitgeist bestimmende Klientel verunmöglicht in ihrem unreflektierten Dogmatismus jegliche Gesprächssituation.

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