Rund um die Literatur

  • Ingeborg-Bachmann-Preis - 42. Tage der deutschsprachigen Literatur 2018: Von den 14 lesenden Autoren leben vier in Berlin, zwei in Wien, zwei in Hamburg; die anderen in Großstädten wie Luzern, Frankfurt (Main), Nürnberg, Leipzig, Zürich. Praktisch alle sind Akademiker, haben ein abgeschlossenes Hochschuldstudium, zumeist der Geisteswissenschaften. Was sagt uns diese kleine soziologische Statistik, die noch nicht einmal die Jahrgänge 1965 bis 1992 thematisiert? Eigentlich alles über den Literaturbetrieb in der BRD und den Zustand der deutschen Gegenwartsliteratur ...

  • Nicht nur, aber auch. Schrifsteller, die über die akademische Bildung kommen und im großurbanen Raum leben, können unmöglich genuin schreiben und die Welt in toto abbilden. Solche muss es auch geben, aber nicht in der Masse. Wo sind die Dichter aus der Provinz, die Autodidakten und Naturtalente, die ihren Wortschatz aus der Wirklichkeit schöpfen? Die ganz großen Dichter kamen immer aus diesen Reihen.

  • Einen Scheißdreck muß er - er muß nur seinen eigenen Bedingungen genügen, und die müssen nicht damit übereinstimmen, was unter Vielfalt gelistet wird. Den Oscar für den Besten Film bekommt ja auch nicht der beste Film des Jahres, sondern der Genehmste.

  • Einen Scheißdreck muß er - er muß nur seinen eigenen Bedingungen genügen, und die müssen nicht damit übereinstimmen, was unter Vielfalt gelistet wird. Den Oscar für den Besten Film bekommt ja auch nicht der beste Film des Jahres, sondern der Genehmste.


    Sicher, auch den Nobelpreis für Literatur haben zu 80 Prozent die Falschen bekommen. das ändert aber nichts an der prinzipiellen Zielsetzung und wenn ich dem eigenen Anspruch nach das größte Talent im deutschsprachigen Raum finden und prämieren will, kann ich nicht nur akademische Großstädter einladen, wenn die nur wenige Prozent der aktiven Schreiber ausmachen.


    P.S. Vielleicht nicht immer so harsch zuweilen, lieber JD. Du selbst bist sehr empfindlich, also - ich wiederhole mich zum xten Male - zügele deinen Furor bitte. :wink:

  • P.S. Vielleicht nicht immer so harsch zuweilen, lieber JD. Du selbst bist sehr empfindlich,also - ich wiederhole mich zum xten Male - zügele deinen Furor.

    Mach du mal halblang ... [zensiert]. Und der IB-Preis sehe ich nicht wirklich als wertvoll an, womit auch egal ist, ob er die ganze Vielfalt Deutschlands abdeckt oder nicht.

  • Natürlich schließen sich Wettbewerb und Literatur aus. Anders als in der Musik, wo ja immer noch eine Konzertsituation imitiert wird, hat der eigenen Vortrag des Autors vor Publikum und Jury, die dann die Texte beurteilt und damit zum Teil der Texte wird, nichts, aber auch gar nichts mit der stillen Lektüre des Lesers daheim im Lehnstuhl zu tun. Wie auch eine Literaturverfilmung nichts anderes ist als eine Interpretation des Textes mit filmischen Mitteln und also sehr wenig mit dem Text an sich zu tun hat; hat so ein Wettbewerb, der ausschließlich der Unterhaltung, Quote und den Verkaufszahlen gilt, mit wahrer Literatur nichts zu tun. Man stelle sich die komplexen Texte von Proust, Joyce oder Arno Schmidt in Klangenfurt vor; die Mehrheit der Kritiker und des Publikums hätten gar nicht die Mittel, diese Texte zu erfassen. Im Grunde hat JD also Recht, wenn er schreibt, der IBP folgt seinen eigenen Regeln. Dessen unerachtet wäre es eben schön, er wäre ein Instrument zur Hebung von wirklichen Talenten.

  • Mein Nachbar daheim - er ging mit mir zur Schule bis zur 10.Klasse, die er mit Ach und Krach abschloss - ist ein einfacher Mensch ohne jede und schon gar nicht akademische Bildung und spricht eine bildhafte, plastische, lebendige Sprache voller überraschender Wendungen, die, wenn man sie aufschriebe, Fischart, Grimmelshausen oder Grass zur Ehre gereichte. Demgegenüber ist alles, was ich in Klagenfurt höre, blutarm und aseptisch.

  • Ich und zeitgenössische deutsche Literatur - ich fürchte, es ist wie bei Bach und Karajan oder wie bei Domingo und die deutsche Sprache: es geht nicht. Meine Versuche waren wohl damals vor über zwanzig Jahren zu kläglich gewesen, aber ich habe mich selten so am falschen Ort empfunden als die vier Stunden in einem Buchladen mit den Werken von damals frisch prämierten deutschen Autoren. Uninteressante Themen in hirnrissigen Formulierungen. Ich habe mich mal an Günther Herburger versucht - meine Güte, was für eine Scheiße!


    Dabei lese ich ganz gerne - ischschwöre...*opi* Aber inzwischen sind mir Krimis lieber. Will ich was Wertvolles lesen, greife ich gleich zu Goethe oder zu den klassischen Shakespeare-Übersetzungen. Jedenfalls: Bücher wie Moby Dick oder Don Quijote haben mich inspiriert, ich bin Tolkien-Fan seit meiner Kindheit und habe den gesamten Chandler wirklich genossen (natürlich in deutscher Übersetzung... ;) ). Aber mit dem deutschen Literaturbetrieb kann ich mich wenig anfreunden.


    Warum? Tja, vielleicht die Themen? Provinzleben im Laufe der Generationen, Liebesgeschichten in kryptischen Sätzen - naja, natürlich gibt es mehr, aber irgendwann war mein Interesse erloschen. Heute vermisse ich nichts mehr. Ich habe aber mit Musik und Film auch genug zu tun.

    Natürlich schließen sich Wettbewerb und Literatur aus. [...]

    Das ist gut gesagt.

  • Obwohl ich ein großer Liebhaber etwa der russischen, französischen, englischen etc. Literatur bin; viele meiner absoluten Lieblingsbücher wie der Tristram Shandy oder der Ulysses aus anderen Sprachräumen stammen; bin ich an allererster Stelle und das schon immer in die deutsche Literatur verliebt, weil das Deutsche meine Muttersprache ist und ich sie als einzige so gut kenne, dass ich mich traue, Urteile abzugeben, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben.


    Die deutsche Literatur beginnt nach Heinz Schlaffer um 1750, ihren Höhepunkt hat sie zwischen 1770 und 1830, mit einigen Nachwehen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und natürlich Vorläufern wie Fischart und Grimmelshausen. Die wirklichen Leser werden hier zufrieden nicken. Amen! Auch ich unterschreibe das, mein Sinn für das Deutsche als Sprache und Literatur wurde durch Autoren wie diese geschärft:

    Luther

    Fischart

    Grimmelshausen

    Lessing

    Wieland

    Goethe

    Schiller

    Jean Paul

    Kleist

    Büchner

    Heine

    Schopenhauer

    Fontane

    Nietzsche

    Kafka

    Thomas Mann

    Brecht

    Arno Schmidt


    Dennoch spielt für mich die deutsche Gegenwartsliteratur eine große Rolle und zwar die ab 1945 bis 1990 und erst recht die seit der Wende. Warum? Ganz einfach, die Themen der deutschen Geschichte seit spätestens 1871 mit ihren Brüchen und Verwerfungen 1914, 1919, 1933, 1945, 1961 und 1990 können nun einmal nur von neueren Autoren beschrieben werden und geschafft hat das bislang noch keiner wirklich, wahrscheinlich, weil das mit dem klassischen Gesellschaftsroman nicht mehr möglich ist. Und meine eigene Biografie in der Endzeit-DDR und seit der Einheit schreit natürlich ebenso nach künstlerischer Durchdringung und Gestaltung, daher nehme ich am aktuellen Literaturbetrieb Anteil, wohl wissend, dass die großen Würfe erst später und wahrscheinlich erst nach mir kommen werden; große Kunst braucht Zeit. Dennoch gab und gibt es große Schrifsteller in dieser Zeit; ich nenne nur Arno Schmidt, Hans Erich Nossack, Hermann Burger, Thomas Bernhard, Ludwig Hohl, Reinhard Jirgl, Hans-Ulrich Treichel, Hartmut Lange u.a. Für die neueste Epoche wird es naturgemäß schwierig, aber immerhin haben wir Frank Schulz, Uwe Tellkamp oder Lutz Seiler und natürlich einige andere, über die ein Urteil noch zu früh wäre.


    Daher tue ich mir jedes Jahr auch den IBP an, weil ich hoffe; fündig zu werden und hin und wieder klappt das auch. Hier die Preisträger, die zu Recht gewannen:


    Hermann Burger

    Wolfgang Hilbig

    Franzobel

    Sibylle Lewitscharoff

    Georg Klein
    Uwe Tellkamp
    Thomas Lang
    Lutz Seiler
    Peter Wawerzinek


    Das ist doch gar keine so schlechte Ausbeute.

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