Leonore (Urfassungen): Einspielungen (opi)


  • Alastair Miles, Matthew Best, Kim Begley, Hillevi Martinpelto,
    Franz Hawlata, Christiane Oelze, Michael Schade u.a.


    The Monteverdi Choir
    Orchestre Révolutionaire et Romantique
    John Eliot Gardiner


    Eine der fesselndsten Einspielungen der Leonore-II-Ouvertüre, die mir je zu Ohren gekommen ist. Die Leonore II ist imo ohnehin die passendste Ouvertüre für das Werk an sich (bei Fidelio dulde ich die Fidelio-Ouvertüre, die mir zwar mittlerweile auch recht gut gefällt, wenn vor dem 2. Akte die Leonore II gegeben wird). Mit Martinpelto bekommt diese Einspielung nochmals ein besonderes Sahnehäubchen aufgesetzt.


    Es handelt sich hierbei nicht wirklich um die Urfassung der Oper, sondern vielmehr um eine konstruierte 'Bestfassung' der verschiedenen Fidelio-Vorgängerversionen (im Booklet ist das sehr ausführlich dargelegt). Diese Idee berücksichtigt eben auch die Leonore II, und nicht I oder III. Ziemlich krass zu beobachten ist während des Genusses dieser Einspielung allerdings auch die Entwicklung des anfänglichen Singspiels zur heroisch-romantischen deutschen Oper. Von besonderer Schönheit und Intensität sind hier auch die Chöre. Etwas gewöhnungsbedürftig sind die erzählten Texte (anstelle der Dialoge).


    Ein besonders zuckersüßes Bonbon ist das Duett (Piste 20) "Um in der Ehe froh zu leben", konzertant begleitet von Violine (solo) und Violoncello (solo), das es imo im definitiven Fidelio nicht (mehr) gibt.

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790


    Plaudite, amici, comedia finita est. Finis coronat virus. (Covid)

  • Ein besonders zuckersüßes Bonbon ist das Duett (Piste 20) "Um in der Ehe froh zu leben", konzertant begleitet von Violine (solo) und Violoncello (solo), das es imo im definitiven Fidelio nicht mehr gibt.


    Da hast Du recht - im Fidelio gibt es kein vergleichbares Duett.


    :wink:

  • Und eine neue:



    Marlis Petersen, Dmitry Ivashchenko,

    Maximilian Schmitt, Robin Johannsen, Johannes Weisser


    Zürcher Sing-Akademie

    Freiburger Barockorchester

    René Jacobs

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790


    Plaudite, amici, comedia finita est. Finis coronat virus. (Covid)

  • Eine der fesselndsten Einspielungen der Leonore-II-Ouvertüre, die mir je zu Ohren gekommen ist.

    Das könnte ich jetzt genau so über Jacobs' Version sagen; ein klein wenig fesselnder noch ist mein Livemitschnitt des Carlsruher Konzertes.

    Etwas gewöhnungsbedürftig sind die erzählten Texte (anstelle der Dialoge).

    Hier kann Jacobs mit gesprochenen Dialogen echt punkten. Das wirkt deutlich organischer als bei Gardiners Prosaeinschüben und hält mich deutlich mehr bei der Stange ... oder eher: bei den Ohren. Wenn für mich auch Rezitative, Dialoge usw. im Allgemeinen zum Gesamtwerk dazugehören, so verlieren sie doch gegenüber der musikalischen und musikantischen Darbietung eher an Bedeutung; insofern könnte man bei Jacobs teilweise einen fremdartig klingenden Einschlag in den vornehmlich von den Herren der Schöpfung ausgeführten Dialogen kritisieren - was ich aber nicht tun werde! Ich bevorzuge stimmige und hervorragende Vokalensembles vor den Dialogen und/oder Rezitativen.

    Ein besonders zuckersüßes Bonbon ist das Duett (Piste 20) "Um in der Ehe froh zu leben", konzertant begleitet von Violine (solo) und Violoncello (solo), das es imo im definitiven Fidelio nicht (mehr) gibt.

    Bei Jacobs auch enthalten. Sehr gelungen auch: Zweiter Fahrstuhl, dritter Auftritt, Arie Leonores mit obligatem Horn. :love:


    Beizeiten etwas mehr; offenbar lohnt es sich, daß ich mich etwas mehr mit dieser Oper befasse: ich stehe kurz vor einem Ausbruch der Begeisterung ... jetzt müsste ich lediglich noch Zeit und Nüchternheit finden, um Gardiner und Jacobs - sowie deren Interpreten - vergleichshören zu können ... bei Opern ist dies naturbedingt ein etwas größeres Unterfangen ... welch Glück, daß es derzeit bloß zwei opi-Einspielungen gibt! Aber ich glaube, ich kann jetzt schon sagen (wenn meine Erinnerung mich nicht täuscht), daß Gardiner für mich allgemein etwas klinischer (und gefühlskalt) klingt, Jacobs durchweg feinsinniger und glaubwürdiger, fesselnder, ehrlicher ...


    Ein gewisser U Lee behauptete dereinst, Beethoven sei kein Opernkomponist gewesen; dies mag vielleicht in Bezug auf die Menge der Werke in diesem Genre gelten, doch ... woher nahm dieser van Beethoven all sein Wissen und Können für ein einziges Werk, daß so wunderbar ist? Zugegeben: das Lesen diverser zeitgenössischer Literatur mit ausschließlich positivem Tenor und dem Verlangen nach 'Mehr' aus dem Umfeld des Komponisten hat in mir Vestas Feuer entfacht ...

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790


    Plaudite, amici, comedia finita est. Finis coronat virus. (Covid)

  • Allgeimein:


    Ich finde es immer wieder irritierend, wie naiv und trivial diese Oper (abgesehen von der Ouvertüre) beginnt ... da ist Dittersdorfs Doktor und Apotheker beinah erträglicher ... aber das Werk wächst an sich selbst; auch das ist erstaunlich. Man darf vom Libretto der Zauberflöte halten was man mag ... das ist - zumindest in Bezug auf den Beginn von Leonore/Fidelio - um Universen besser gelungen. Da wundert es mich im Übrigen nicht, daß (auch) Schubert als Opernkomponist mehr als weniger gescheitert ist; Ursache: Libretto. Die Musik ist sowohl bei Schubert als auch bei Beethoven einmalig, genial - eigentlich übermenschlich! - in Bezug auf den dreckigen Text. Wie verschwenderisch doch hier die Musik mit den Worten umgeht ... (was 'man' eigentlich stets Mozart 'angelastet' hat) wäre die Musik nicht so überirdisch schön: was eine Farce! Im ersten Quartett grüßen zudem Mozarts Figaro und Giovanni ... (Cosí hat LvB ja als femme fatale abgetan; kann ich verstehen). Aber ... aus einer Butterblume wird hier nach und nach eine schwarz-violette Rose. In keinem Werk Beethovens sonst kommt so eine kafkaeske Verwandlung vor. Ich bin jedes Mal aufs Neue irritiert. Besser: hätte (hätte, Fahrradkette) LvB op. 72a gelassen und die nachfolgende Oper drei- bis viermal neugeschrieben. Hat er in gewissem Sinne ja auch; durch Streichungen, Änderungen, Ergänzungen, Neukompositionen. Mich wundert es eigentlich kaum, daß das 'wissende' Publikum von damals nach Mehr verlangte. Was hätte LvB in diesem Sektor erreichen können; er hätte alle Konkurrenten leicht abgeschossen. Gut; hat er nicht. Dafür haben wir die Quartette, Clavier-, Cello- und Violin-Sonaten, Sinfonien ... die haben Rossini und Bellini nicht.


    Allein in seinen Schauspielmusiken zeigt er, wie sehr textverbunden seine Musik ist. Wie sehr unersetzbar seine Töne sind. In dieser Jacobs-Produktion wird mir klar, wie sicher Beethoven (Gesangs-) Terzette, Quartette u.a.m. niederschrieb ... und das mit bloßer Mitwirkungserfahrung aus seiner Violinistentätigkeit im Orchester resp. dem Zugegensein als Teil des Publikums ... Beethoven war nie Chef eines Opernhauses, hat keine Vielzahl von Bühnenwerken komponiert, um deren Wirksamkeit zu ergründen (mitunter sehr wohl einige Arien und/oder italienische Scenen) ... hier ist die 'Unsingbarkeit' resp. die als solche Deklamierte m. E. (noch) nicht so ausgeprägt wie in op. 125, hier charakterisiert der Komponist durchaus seine Acteure, nimmt Rücksicht auf das Machbare (wie seinerzeit Mozart und Kollegen). Trotz allem scheint mir der spätere 'Fidelio' nicht vollendeter zu sein als eine der Urfassungen. Mein Widerwillen gegen diese Oper (Fidelio at least) zeigt sich eher in 'Fidelio' - zurecht geschnippelt, durchaus um einige musikalische Köstlichkeiten bereichert, dafür mussten einige Federn den brennenden Weg in den Hades finden ... ein schier unlösbares Problem. Das würde mich selbst mehr als zermürben.


    CMvW hat mit seinem Abu Hassan den Vogel abgeschossen; ihn aber mit dem Schreyfütz wieder gerettet ...


    Spezifiziert:


    Umso besser zeigt gerade Jacobs' Darstellung den originären Beethoven: intuitiv, aus sich selbst entstehend - wie eine Art musikalischen Urknalls. Oder neudeutsch: aus Scheiße Bonbon gemacht, seiner Idée fixe nacheifernd - ohne nach links und rechts zu schauen; alles ignorierend. Prima la musica. Wo könnte es mehr gelten als hier?


    *hmmm**hä*


    Mir gefallen besonders die Tiefen der Tenöre/Bässe hier besonders ... die höheren Stimmen empfinde ich als akzeptabel, doch verbesserungsfähig; jedenfalls: kein Geschrei und Geleyer ... *yepp*


    Für mich ist Fidelio gegenüber Leonore ganz sicher kein Fortschritt im Sinne einer Verbesserung... allein schon die Ouvertüre *omg*


    Komm, Fidelio, wir gehen spazieren ... :beatnik: (O-Ton Dialog/Libretto)


    Nein, Danke, ich geh' lieber Schaukeln ...

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790


    Plaudite, amici, comedia finita est. Finis coronat virus. (Covid)