Jetzt auf den Augen - Dokumentationen rund um klassische Musik (2019 - in æternum)

  • Schon vorher die Tage:


    Das große WelttheaterSalzburg und seine Festspiele


    Zitat

    Im 100. Jahr der berühmten Salzburger Festspiele gewährt der szenische Dokumentarfilm einen Blick auf die Dramen und unbekannten Ereignisse, die sich hinter der Bühne abspielten. Von ihrer Gründung 1920, über den künstlerischen Widerstand nach Hitlers Machtergreifung, den Neustart 1945, bis zur Ära Karajan und einem Ausblick in die Gegenwart.

    Salzburg war das einzige Festival weltweit mit einem gesellschaftsphilosophischen Programm, das sich schon kurz nach dem Ersten Weltkrieg ein vereinigtes Europa und die Kunst als Mittel zum Frieden auf die Fahnen schreibt. Avantgarde bei den Festspielen? In den 20er und 30er Jahren bestimmen Regisseurinnen wie Margarete Wallmann mit neuer Sachlichkeit und modernem Ausdruckstanz die Bühne. Salzburg – eigentlich ein Zufall; auch in der Schweiz oder in Deutschland hatte sich der Festpielgründer schon nach einem geeigneten Ort umgesehen. Stardirigent Arturo Toscanini, der 1933 von der deutschen Regierung verlangt, sofort die Verfolgung von Juden zu stoppen, und als dies nicht geschieht, erbost sein Stammfestival Bayreuth in Richtung Salzburg verlässt, um hier eine künstlerische Widerstandburg gegen den Nationalsozialismus zu gründen. Der französische Schriftsteller Mauriac schreibt begeistert: „Deutschland hat keinen schlimmeren Feind als Mozart!“
    Nachdem Hitlerdeutschland die Salzburger Festspiele 1933 boykottiert, erweist sich Frankreich als Retter. Führende französische Zeitungen wie „Le Temps“ drängen ihre Landsleute, die Festspiele zu besuchen, um die österreichische Unabhängigkeit und Wirtschaft zu unterstützen. Zur „Association Mozart-Paris-Salzbourg“ in Paris gehören 600 einflussreiche Personen, die Mitgliederliste liest sich wie der Gotha. Und so ist es auch dem Anstieg der französischen Gäste zu verdanken, dass die Festspiele 1933 überleben.
    Der Film enthüllt auch, wie sehr Salzburg immer von der Lokalpolitik abhängig war. Der 28-jährige Erneuerer der Festspiele, Komponist Gottfried von Einem, wird über eine politische Intrige stolpern. Und „Weltmusiker“ Herbert von Karajan beherrscht genauso wie die Festivalgründer die Kunst der Vernetzung, bis die globale Klassikindustrie ihre weltweiten Millionengeschäfte allsommerlich in der „bedeutendsten Provinzstadt der Welt“ abwickelt.

    "Je edler das Ding und je allmächtiger, desto fürchterlicher und teuflischer ist der Mißbrauch. Brand und Ueberschwemmung, die schädlichen Wirkungen von Feuer und Wasser, sind nichts gegen das Unheil, das die Vernunft stiften wird – wohl zu merken, die Vernunft ohne Gefühl, wie sie nach den Merkmahlen dieser Zeit uns bevorsteht …“ Georg Forster aus Paris an seine Frau am 16. April 1793

  • Inzwischen ja auch ein Klassiker, daher in der letzten unschlafbaren Nacht:


    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790


    Plaudite, amici, comedia finita est. Finis coronat virus. (Covid)

  • Lenin, die Deutschen und der Zarenmord



    Eine für Laien sehr aufschlussreiche und schön aufbereitete Dokumentation. Für mich spannend die ambivalente Figur des oft zu Wort kommenden Historikers Jörg Friedrich. Sätze wie gedruckt, immer eindrücklich und prägnant, dabei immer auch zugespitzt und narrativ fesselnd. Gleichzeitig ein Mann, der sich selber gerne reden hört und von sich begeistert ist. Diese Hybris begeistert mich, denn seine sarkastische Schreibe in seinen Büchern liegt mir; zumal er heiße Eisen anfasst und keine Angst vor Alleingängen hat.

    "Je edler das Ding und je allmächtiger, desto fürchterlicher und teuflischer ist der Mißbrauch. Brand und Ueberschwemmung, die schädlichen Wirkungen von Feuer und Wasser, sind nichts gegen das Unheil, das die Vernunft stiften wird – wohl zu merken, die Vernunft ohne Gefühl, wie sie nach den Merkmahlen dieser Zeit uns bevorsteht …“ Georg Forster aus Paris an seine Frau am 16. April 1793