Meine persönlichen Erfahrungen mit einem Clavichord

    • Offizieller Beitrag

    Über die Technik des Clavichords lässt sich im entsprechenden Wikipedia-Artikel recht anschaulich nachlesen.


    Mein persönlicher Bezug zu diesem Instrument entfaltete sich vor einigen Monaten in Bonn, als in einem dort angesiedelten Musikgeschäft ein solches Instrument aus privater Haushaltsauflösung angeboten wurde. Das Motto war - kurz gefasst - vidi, lusi, emi... ich gab mir jedoch nach dem Probespiel (im laufenden Geschäftsbetrieb) 14 Tage Bedenkzeit. Nach Ablauf dieser Frist galt: Wenn das Instrument nun noch nicht verkauft worden ist, dann soll es wohl mir gehören. Und so war es dann auch: Eine Extratour führte mich erneut in die Beethovenstadt, um Linus (so heißt er nach einem gleichnamigen Beteiligten im Roman Der Cembalospieler von Petra Morsbach, Empfehlung des Observators; außerdem bedeutet linos = klagen, jammern - was ja nun durchaus passt) abzuholen. Das Buch inspirierte mich denn auch während der 14tägigen Bedenkzeit und machte meinen Entschluß zum Erwerb des Instruments von Buchstabe zu Buchstabe unabwendbarer...



    Im Lieferumfang enthalten war ein Reisekoffer (der originär einem anderen Instrument zugedacht war, wie anhand der Produktionsnummer erkennbar ist) sowie ein Orgelbänkchen, das optisch ganz gut passt und jede Menge Notenbücher unter der Sitzfläche verschlingen kann. Außerdem gab es, wie von mir gewünscht, einen Cembalostimmschlüssel gratis dazu.


    Bei dem erworbenen Instrument handelt es sich um ein Clavichord aus dem Hause Neupert mit der Nr. 20702, erbaut in den 1960er Jahren (ein Nachbau also). Sicher, es gibt tollere Instrumente, aber 'zum Testen' (wie ich mir das dachte), sollte das Instrument für's Erste einmal reichen. Und wirklich: Selten habe ich (freiwillig) soviel Zeit investiert und Faszination aufgebracht, wie nach dem Zugang meines Linus'. Das auf ~ 440 Hz gestimmte (und natürlich durch den Transport total verstimmte) Instrument habe ich zunächst auf 421 Hz heruntergestimmt, nicht zuletzt, um bei diversen CD-Einspielungen das Continuo mitspielen zu können, sondern vor allem, weil der Klang noch intimer und weicher ist. Als Pechvogel geboren, riß mir (natürlich sonntags) gleich erstmal die a²-Saite, die aber nach eMail-Bestellung bei Neupert direkt unmittelbar am folgenden Dienstag wieder vorlag und eingebaut werden konnte. Zu diesem Zweck besuchte ich als 'Instrumentenbauerneuling' erst einmal meinen Klavierbauer hier in der Nähe, der mir das von mir bereits über diesen Vorgang Nachgelesene anhand eines modernen Flügels in realiter veranschaulichte. Lediglich das Einfädeln unter der Filzleiste (die ich abzuschrauben mich nicht getraute) kostete jede Menge Nerven... aber angeblich reißen ja die Saiten eher selten, weshalb ich dies nun als einmaligen Vorgang ad acta lege und einigermaßen stolz bin, das geschafft zu haben. Un nun nerve ich täglich meine Zimmernachbarin mit betörenden Klängen dieses wunderbaren Instruments!


    Der Tonumfang reicht vom F bis zum f³ - das Instrument eignet sich daher insbesondere für Musiken, die zwischen 1750 und 1770 entstanden sind, vor allem natürlich für die Sonaten Carl Philipp Emanuel Bachs (1714-1788), aber durchaus auch für Händel, Hasse, Agrell, Haydn, Johann Christian Bach und Mozart (zumindest in Teilen; Mozart komponierte ja auch auf dem Clavichord). Der Vorteil des Instrumentes ist auch ganz klar der besonders heimliche und leise Klang (der IMO noch schwerer auf Tonträger einzufangen und im Falle Miklos Spányis besonders gelungen ist!, als jener des herkömmlichen Flügels), so daß man auch in den Nachtstunden viel Zeit am Instrument verbringen kann, ohne die Nachbarn aufs Parkett zu rufen... Das Klangspektrum reicht vom gezupften Kontrabass über die Guitarre (Mitellage) bis hin zur Harfe (höhere Register). Es handelt sich zudem um ein ungebundenes Clavichord, weshalb alle Werke der entsprechenden Zeit darauf spielbar sind.


    Die Sommerhitze verlangte unumgänglich tägliches Nachstimmen, was aber für mich auch eine besonders gute Übung war. Erst jetzt, seit sich die Temperaturen ein wenig halten (hier in der Wohnung ist es relativ kühl, aber vor der anhaltenden Hitze im Juni/Juli hat dann schlußendlich auch das dicke Mauerwerk der vorigen Jahrundertwende kapituliert), sind noch gelegentliche Stimmungsschwankungen zu hören, die ich - nach Lust und Laune - korrigiere. Ein- bis zweimal wöchentlich nehme ich eine Feinstimmung vor (meinen Ohren zuliebe), wobei ich meine Tonartenvorliebe dabei berücksichtige (also in Bezug auf die zu Spielen geplanten Werke). Da kann es vorkommen, das ein Trugschluß in einer Haydnsonate in D#, z.B. von der Dominante A# zum B-Dur etwas seltsam klingt :D - grobe Unreinheiten beseitige ich durch Unterbrechen des Spiels; solche kommen im Verhältnis zum mittleren und den Bassregistern häufiger im zwei- und dreigestrichenen Register vor.


    Eine besondere Umstellung war das Spielen auf diesem Instrument für mich, der ich schließlich den Anschlag und die Tastengröße heute gebräuchlicher Instrumente gewohnt war. Zunächst mußte mein Oktavgriff verkleinert werden, denn die Tasten des Clavichords sind um ~ 10% schmaler, so daß ich anfangs stets Nonen oder gar Dezimen griff, was mich stets erschütterte. Letztlich macht dieser Umstand aber das Spielen diverser Akkorde angenehmer (man muß die Hand nicht so weit spannen bzw. dehnen) und er erklärt auch so manche Notation im Notentext, die ich einstmals für un(be)greifbar hielt. Der Anschlag selbst mußte auch völlig neu begriffen werden: der erste Eindruck vermittelt einen leichteren Anschlag als beim herkömmlichen 'Klavier' - allerdings, und da hat Carl Philipp Emanuel Bach ganz Recht, darf man auch nicht zu heuchlerisch über die Tasten streichen: Ein bestimmter, fester aber nicht zu harter, Anschlag ist erforderlich (dieser transponiert auf ein übliches Klavier würde keinen Ton erzeugen...). Die Kraft geht auch zum Clavichordspielen eher aus dem Handgelenk bzw. den Fingern heraus als aus den Armen, auch diese Umstellung ist nicht ganz einfach. Ein zu fester Anschlag verursacht ein Leiern des Tones, was teilweise sehr unangenehm klingen kann - man vergleiche die Einspielungen von Brauchli:


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    Allerdings kann man, da man in direktem Kontakt zum Ton steht, diesen (ähnlich wie bei Streichinstrumenten) auch unmittelbar beeinflussen: dazu bewegt man den auf der Taste liegenden Finger leicht hin und her, quasi wie beim Vibrato der Streicher - nur nennt man diesen Effekt hier Bebung.


    Mittlerweile kann ich auf Linus recht gut spielen, ohne bei einer Vollbremsung mangels Pedalen vom Stuhl zu rutschen... *lol*


    Einschlägige Literatur (dazu später ggfs. mehr) empfiehlt Klavierneulingen sogar das Exercitium auf dem Clavichord. Es soll Lehrer geben, die bewußt auf dem Clavichord unterrichten (mir ist das leider nicht passiert...). Sicher, es schult das Gehör und die Feinfühligkeit, stärkt die Sensibilität; aber: ich halte einen späteren Umstieg auf ein modernes Instrument für beinahe unmöglich. Mir jedenfalls ist das Spielen auf einer modernen Tastatur (vom PC-Keyboard einmal abgesehen) komplett verleidet worden (was ich nicht als negativ erachte - im Gegenteil: ich habe meinen 1968er Bösendorferflügel verkauft und gedenke, ihn langfristig durch einen Hammerflügel zu ersetzen).


    Was eben insgesamt sehr erfreulich ist, ist der direkte und häufige Kontakt mit der Technik des Instrumentes, die ihm quasi ein gewisses 'Leben' (vllt. sogar eine Seele?) einhaucht. Das Instrument 'verlangt' quasi steten persönlichen Einsatz, wie ein Tamagochi - man setzt sich hier nicht, wie bei handelsüblichen Flügeln oder Pianinos, ins gemachte Nest, sondern ist eigentlich permanent mit dem Instrument beschäftigt; nicht nur spielender Weise. :huh:


    ~ ~ ~


    Soweit meine Geschichte...

    • Offizieller Beitrag

    Auf besonderen Wunsch in einem anderen Forum hatte ich seinerzeit meine ersten Tastversuche auf dem frisch erworbenen Instrument aufgezeichnet (mehr schlecht als recht) und online gestellt:


    Johann Christian Bach (1735-1782): Sonate D-Dur op. V Nr. 2 - I. Allegro di molto


    Joseph Haydn (1732-1809): Sonate G-Dur Hob. XVI:6 - II. Adagio (g-moll)


    Wolfgang Amadé Mozart (1756-1791): Sonate A-Dur KV 300i (ex 331) - III. Alla turca. Allegretto


    Ich hoffe, die Links funktionieren.


    Diese Aufnahmen sind eigentlich nicht zur Veröffentlichung bestimmt; ich übe oftmals durch Aufnehmen und Abhören, um dann die Mängel feststellen und ggfs. (später) durch gezieltes Üben beseitigen zu können, denn gerade beim Clavichord ist der Klang, den der unmittelbar davor sitzende Spieler wahrnimmt, zum Teil ein völlig anderer als der, der den etwas entfernten Zuhörer erreicht. Das gegebene Material zeichnet aber in etwa die Richtung vor, in die ich möchte... ich habe z.B. beim 'alla turca' ganz bewußt die Wiederholungen jedesmal anders gespielt, u.a. um auch die dynamischen Feinheiten herauszustellen. Das Leiern (was beim 'alla Döner' ja sehr gut passt) konnte ich wegen der anhaltenden Hitze nicht immer verhindern (Brauchli z.B. kümmerte sich garnicht darum), Instrumente dieser Art waren für Raumtemperaturen um 15-18° C gedacht, die hier fast verdoppelt waren, was auch ein häufiges Nachstimmen des Instrumentes erforderte. Bei meiner 'Produktion' berücksichtige ich auch immerwährend meine diesbezügliche Meinung betreffend der Art und Weise, wie die Vorschläge zu spielen sind.


    Die vorstehenden Texte, die ich hier leicht überarbeitet eingestellt habe, sind nun mittlerweile ein gutes Jahr alt. Linus und ich sind nun bereits gute Kumpels geworden. Dennoch viel Spaß beim Hören.


    :wink: