Orchesterlieder

  • Menschheit. Fünf Gedichte von Theodor Däubler. Eine Sinfonie für eine Altstimme und Orchester, op. 28 (1919)


    1. Der Dudelsack


    Vertraut und traurig summt ein Dudelsack im Haine,
    Das ruft wie Brunst, voll guter Brunst, aus dumpfer Schluft.
    Die Rosen bluten schwerbetaut im Mondenscheine,
    Verliebte Junikäfer blitzen durch den Duft.


    Der Dudelsack verstummt im blauen Lorbeerdunkel,
    Jetzt schlägt noch eine Nachtigall, sie klagt, sie schweigt.
    Der schwache Wind erzählt von Flüstern und Gemunkel,
    Wir sehen zu, wie hell der Mond sich höherneigt.


    Ein Brunnen ruft uns zu, ich lausche seinem Rauschen:
    Er zieht mich an - wie Silber blinkt der Kies -
    Mit klarem Wasser kann ich lange, lange plauschen,
    Mir deucht dabei, daß ich die Quelle nie verließ.


    Der gute Dudelsack surrt wieder durch die Lauben,
    Und alles leise Rauschen lauscht beinahe: lauscht!
    Das Dudeln brummt und schluchzt voll altem Bauernglauben,
    Vom Waldeswahn sind Wasser, Wind - bin ich berauscht.


    Doch wiederum verwundert uns das ferne Dudeln:
    Wie nah es war! Und nochmals schlägt die Nachtigall!
    Die Flut entschlüpft, vergluckst in kurzen Strudeln,
    Der Wind umfaßt uns ganz: nun bangt mir überall.



    2. Flügellahmer Versuch


    Es schweift der Mond durch ausgestorbne Gassen,
    Es fällt sein Schein bestimmt durch bleiche Scheiben.
    Ich möchte nicht in dieser Gasse bleiben,
    Ich leid es nicht, daß Häuser stumm erblassen.


    Doch was bewegt sich steil auf den Terrassen?
    Ich wähne dort das eigenste Betreiben,
    Als wollten Kreise leiblich sich beschreiben,
    Ich ahne Laute, ohne sie zu fassen.


    Es mag sich wohl ein weißer Vogel zeigen,
    Fast wie ein Drache trachten aufzusteigen,
    Dabei sich aber langsam niederneigen.


    Wie scheint mir dieses Mondtier blind und eigen,
    Es klopft an Scheiben, unterbricht das Schweigen
    Und liegt dann tot in Hainen unter Feigen.



    3 Oft


    Nicht gefunden bislang im Netz.



    4. Dämmerung


    Am Himmel steht der erste Stern,
    Die Wesen wähnen Gott den Herrn,
    Und Boote laufen sprachlos aus,
    Ein Licht erscheint bei mir zu Haus.


    Die Wogen steigen weiß empor,
    Es kommt mir alles heilig vor.
    Was zieht in mich bedeutsam ein?
    Du sollst nicht immer traurig sein.



    5. Einblick


    Weine nicht, Jungfrau Marie,
    Du kannst die Menschen nicht retten.
    Schaukle dein Kind auf dem Knie,
    Als ob wir noch Fröhlichkeit hätten.
    Doch sind wir uns selbst überlassen
    Und bringen uns bei, den Heiland zu hassen.


    Blaß bist du, Jungfrau Marie.
    Noch blässer als an dem Tage,
    Da man den Herrgott bespie,
    Denn nun gilt einzig die Frage:
    Wie wäre das Heil zu entbehren
    Und schmerzlich die Freude zu mehren?


    Arm bist du, Jungfrau Marie.
    Du kannst dich nicht mehr verhüllen.
    So sichtbar warst du noch nie.
    In dir soll der Trost sich erfüllen.
    Man kann nicht die Armen entfernen,
    Du wirst sie mit Demut besternen.



    Das sind allesamt irrsinnig gute Gedichte, das letzte raubt mir schier den Atem.