Das Buxheimer Orgelbuch (1460/1470)

  • In der Bayerischen Staatsbibliothek in München befindet sich unter der Signatur [BSB Mus.ms. 3725] ein Manuskript, welches im Jahre 1883 aus dem Bestand des Klosters Buxheim (bei Memmingen/Oberschwaben) erworben wurde. Es handelt sich um ein Codex aus Papier mit den Maßen 30 x 21 cm, der insgesamt 256 Stücke beinhaltet. Man vermutet, daß die Handschrift in den 1460er Jahren in der Schweiz entstand, von einem einzigen erfahrenen Schreiber geschrieben. Sie ist in einem ungewöhnlich neuwertigen Zustand, was darauf hindeutet, daß sie als Abschrift zur Archivierung gedacht war, aber nicht als täglich verwendetes Gebrauchsexemplar; vermutlich wurde sie höchstens für Lehr- oder Repräsentationszwecke benötigt.


    Es ist eine der bedeutendsten Sammlungen mit Musik für Tasteninstrumente aus dem Mittelalter. In ihr finden sich wichtige Hinweise auf Spielweisen, Techniken und Harmonik speziell für Orgel sowie ein Überblick über Repertoire der damaligen Zeit. Der Einblick in die "theoretische Praxis" von Organisten um die Mitte des 15. Jahrhunderts ist einmalig und zeigt deutlich, daß hier bereits in einer langen Tradition an der Orgel musiziert wurde.


    Die Stücke sind zumeist Intabulierungen von weltlichen Chansons, Tanzsätzen und Liedern; außerdem enthält es gut fünfzig geistliche Stücke sowie dreißig Präludien. Die Anzahl der Stimmen pendelt zwischen 2-4. Sie alle sind in der älteren deutschen Orgeltabulatur notiert - also die Oberstimme in Mensuralnotation, die anderen darunter als Buchstaben mit Notenwerten. Die Stücke sind anonym überliefert, aber die Komponisten der Vorlagen sind zum Teil bekannt. Gesetzt wurden übrigens die Cantus- und Tenor-Stimmen der Vorlagen - die Contratenor-Stimme wurde stets neu komponiert.


    Dazu kommt noch das Fundamentum Organisandi von Conrad Paumann (c1410-1473). Es handelt sich um ein Lehrbuch, welches alle damaligen Möglichkeiten an Verzierungen, Improvisation und Kadenzierungen beispielhaft präsentiert. Es ist neben dem Buxheimer Orgelbuch noch in drei weiteren Schriften enthalten (darunter im Lochamer-Liederbuch). Interessant ist, daß es neben der früheren zweistimmigen Variante auch eine mit drei Stimmen gibt, die die Neuerungen der Burgundischen Schule um Gilles Binchois Rechnung trägt.


    Grundsätzlich nimmt man an, daß der Bestand der Stücke im Musikerzirkel um Conrad Paumann in Nürnberg gesammelt wurde, und zwar in der Zeit, bevor der blinde Meister 1452 nach München ging. Es ist gut möglich, daß eine Manuskript-Sammlung aus Nürnberg aufgrund wirtschaftlicher Verbindungen in den süddeutschen Raum gelangte, wovon der schweizerische Codex letztendlich kopiert worden sein könnte. Es gibt speziell in den Überschriften der deutschsprachigen Stücke Schreibvarianten, die eher dem Dialekt südlich des Bodensees zuzuordnen sind als dem fränkischen Nürnberg, was zeigt, daß sie angepaßt wurden, als man sie kopierte.


    Der Codex bekam den heutigen Namen erst im 19. Jahrhundert und wurde u.a. aufgrund Paumanns Lehrbuch allein der Orgel zugeordnet; inzwischen aber hat sich in der Forschung die Meinung durchgesetzt, daß viele Stücke gar nicht ausschließlich für jenes Instrument gedacht waren. Die weltlichen Chansons wären wohl eher auf Cembalo, Clavichord oder einem Portativ gespielt worden, da diese Instrumente außerhalb der Kirche dominierten. Dennoch bleiben genug Stücke übrig, die in einem liturgischen Zusammenhang auf der Orgel erklangen.



    Inhalt:

    • Ach guter gessel was zichstu (zeihst du) mich
    • Adyen matres belle (Adieu mes tres belles amours) I [Gilles Binchois]
    • Adyen matres belle II [Gilles Binchois]
    • Adyen matres belle III [Gilles Binchois]
    • Ad primum morsum
    • Aliud mi ut re ut
    • Aliud Inicium Jeloemors
    • Allegalea
    • Amen
    • Anna basanna quarta (Une fois avant que mourir)
    • Anna basanna tertia (Anna basanna)
    • Anna basanna tertia
    • Anna basanna
    • Arrogamer (Arroganyer)
    • Ascendus simplex... (5 Stücke)
    • Aue regina [Walter Frye]
    • Ave regina
    • Efs ist gewesen schertz
    • Begib mich nit myn höchter hort, vicht
    • Bekenne myn klag die mir an lyt
    • Sequitur Benedicite
    • Benedicite I
    • Benedicite (aliud) I
    • Benedicite (aliud) II
    • Benedicite II
    • Biss wolgemut trüt
    • Bonus Tactus [Conrad Paumann]
    • Boumgartner [J.]
    • Bystu die rechte (Modo como)
    • Christ ist erstanden
    • Christus resurrexit
    • Colinetto quartum notraum [Collinet de Lannoy]
    • Colinetto tertium notraum [Collinet de Lannoy]
    • Con lacrime
    • Creature
    • Christus surrexit
    • Christus surrexit mala nostra texit Et quos dilexit Hos ad celos vexit
    • Con lacrime, m C. C. [Johannes Ciconia]
    • Dasselbe Lied zweistimmig bearbeitet
    • Da madame
    • Der Dickel Mit Siner Huowerin
    • Des Klaffers Nyd Tüt Mich Myden
    • Decendi Inortum micum
    • De longe süx
    • Des meyen zit die
    • Des meyen zit die för da her
    • Der Füterer [Boumgartner]
    • Der einen liben bulen hatt
    • Der Sumer
    • Der Winter Will Hin Wichen der Was Mir Huwer Also Lang
    • Die Ich Erwelt Und Mir Gewelt
    • Die süß nachtigall (XVIe)
    • Die vaßnacht bringt trurig Zit
    • Die wie lang
    • Dies est Leticie In ortu regali
    • E schlaue [Arnold de Lantins]
    • Ein buer gein holtze [Jacobus Viletti]
    • Ein fröuwlin edel von natuer
    • Ein gut selig jar wünsch ich dir
    • Einiger trost
    • Ellend
    • Ellend and Jamer
    • Ellend is gemeyn
    • Ellend ich bin Hin ist myn trost
    • Es fur ein Buer int holtze I
    • Es fur ein Buer int holtze II
    • Echt bgirlich
    • Entrepris [Johannes Franchois]
    • Fates moy
    • Fortune
    • Franckurgenti (Franc cuer gentil) [Guillaume Dufay]
    • Frow myn willen nym ungut
    • Füren so min hertz das brindt
    • Gantz itel truw
    • Gaudeamus
    • Gedencken mir vil senen bringt
    • Gedenck daran du werdes ein
    • Ge loy mors (Je loe amours) I [Gilles Binchois]
    • Ge loy mors (Je loe amours) II [Gilles Binchois]
    • Geytes
    • Gignit
    • Gloria de Sancta Maria Vergine (Et in terra pax hominibus de S. maria)
    • Gragandolor
    • Hertz mut vnd all myn synn
    • Ich beger mit mer [Conrad Paumann]
    • Ich bin by Ir Sie weyßt nit darumb I
    • Ich bin by Ir Sie weyßt nit darumb II
    • Ich bin by Ir
    • Ich lafs nit ab
    • Ich sah ein bild in blawer weyt
    • Ich sach ein bild
    • Incipit Fundamentum M.c.p. C. (Magistri Conradi Paumann Contrapuncti) [Conrad Paumann]
    • Incipit Fundamentum M.c.p. C. [Conrad Paumann]
    • Inicium Jeloemors (cf. 16)
    • In wunnigklichem schertzen
    • J'ay pris amours
    • Je loy mors M.C.C.b in cytaris vel etiam in organis 3 vocum (Gelemors) [Gilles Binchois]
    • Jhesu bone
    • Johann Tonroutt
    • Josophanie salve radix (Le souvenir)
    • Kem mir ein strost
    • Ker Uber Her Zu Mir Ker Her
    • Kyrieleyson de Sancta Maria Virgine
    • Kyrieleyson pascale
    • Kyrie Angelicum (Kyrie eleison Angelicum)
    • Kyrie eleison de apostolis I
    • Kyrie eleison de apostolis II
    • Lardant desier (L'Ardant désire)
    • Leucht leucht wuniglicher sunnen zin
    • Le souenir (Le Souvenir de vous me tue) [Robert Morton]
    • Leu serviteur I
    • Leu serviteur II
    • Lieb ist aller welt ist meinsterinne
    • Lieblich Vernuwet
    • Longus tenor
    • Longus tenor quartum notraum
    • Luffile I
    • Luffile II
    • Magnificat octavi toni
    • Magnificat 8 toni I
    • Magnificat I toni cum differencia
    • Magnificat 8 toni II
    • Maria tusolacium (Amen ultimo cantamus) [Paumgartner]
    • Mille bon Jores (Mille bonjours) [Guillaume Dufay]
    • Min fröud stet ungemessen
    • Min hertz das hatt lange
    • Min hertz das hätt sich ser gefröwet [Paumgartner]
    • Min liebste zart
    • Mi ut re ut e c d c (Venise)
    • My ut re ut E c d c
    • Min freud mocht sich wol meren I
    • Min freud mocht sich wol meren II
    • Min Hertz In Hohen fröuden I [G. de Putenheim]
    • Min Hertz In Hohen fröuden II [G. de Putenheim]
    • Min Lieby Zart
    • Min synn die sind mir trübt
    • Min traut geselle
    • Mir ist zerstört
    • Mit ganzem Willen etc. [Paumgartner]
    • Möcht ich din begern
    • Möcht ich din begern (Iste tenor adhuc semen sed in alio coro ec)
    • Mocht mich gedenchen bringen Da hin
    • Modo comor
    • Mombin imparfay
    • Nach diner Lieby stett mir meyn synn
    • O florens rosa, mater Christi
    • O gloriosa domina [Paumgartner]
    • O Intemerata virginitas
    • O regina glie
    • O Rosa Bella I [John Dunstable]
    • O rosa bella II [John Dunstable]
    • O rosa bella III [John Dunstable]
    • Ob Lieb Din Lieb
    • O werder trost
    • Pange lingua gloriosi
    • Patrem omnipotentem
    • Par le regart etc. [Guillaume Dufay]
    • Portugaler
    • Praeambulum Super C I
    • Praeambulum Super C II
    • Praeambulum super d
    • Praeambulum super f
    • Praeambulum Super ff
    • Praeambulum super G
    • 7 preambula
    • Puisque mammor [John Dunstable]
    • Pulcherrima de Virgine
    • Quatuons
    • Qui vult messite (Qui veut mesdire) [Gilles Binchois]
    • Radix
    • Redeuntes in mi
    • Redeuntes super ut et fa
    • Redeuntes in la
    • Redeuntes in ré
    • Repetitio
    • Repetitio hujus
    • Rorate celi de sup. z nubes pl.
    • Salue sancta parens
    • Salve Regina I
    • Salve Regina II
    • Sanctus Angelicum
    • Sansoblier [Bartholäus Bruolo]
    • Se la face ay pale (Se la phase pale)
    • Se la fatze ay pal [Guillaume Dufay]
    • Sebelle anglicum (Sebelle angelicum)
    • Seid ich dich hertzlieb
    • Sequitur aliud fundamentum
    • Sequitur fundamentum Magistri Conradi Paumann Contrapuncti [Conrad Paumann]
    • Sequitur Kyrieleison de Apostolis
    • Sequitur trcium Inicium Jeloemors
    • Sig held und heil
    • Spyra
    • Stüblin (Languir en mille destresse)
    • Stüblin
    • Sub Tuam Protectionem (motet) [John Dunstable]
    • Sub Tuam Protectionem [John Dunstable]
    • Sur toutes
    • Tant apart (Tout a par moy) [Walter Frye]
    • Thun Jors
    • Trinck Und Gib Mir Auch (Trink und gib mir auch) (XVe)
    • Veni creator spiritus, Hymnus
    • Veni virgo
    • Vierhundert Jare
    • Vierhundert Ja
    • Vil lieber Zit Uff Diser Erde I [Johann Gotz]
    • Vil lieber Zit Uff Diser Erde II [Johann Götz]
    • Vil lieber Zit Uff Diser Erde III [Johann Götz]
    • Vil lieber Zit Uff Diser Erde IV [Johann Götz]
    • Vil lieber Zit Uff Diser Erde V [Johann Götz]
    • Virginem mire pulchritudinis
    • W.J.b.d.d.V. In mentem venuint cucumeus
    • Wach uff myn Hort I [Wolkenstein]
    • Wach uff myn Hort II [Wolkenstein]
    • Wann Ich Betracht Die Vasenacht
    • Wafs ich begynn I
    • Wafs ich begynn II
    • Woluff gesell von hymnen
    • Wilhelmus Öegrant
    • Wollhin Lass Vögelin Sorgen I
    • Wollhin Lass Vögelin Sorgen II
    • Wollhin Lass Vögelin Sorgen III
    • Wollhin Lass Vögelin Sorgen IV
    • Wunschlichen schön
    • Zum nuwen Jare sy dirt gesagt


    Links:

    Wikipedia

    HLB

    Digitalisat

    International Music Score Library Project

  • Aufnahmen:


    Die umfangreichste Einspielung stammt aus den Jahren 1995/1996:


    Vol. 1 - Transkriptionen


    (P) 1995 Naxos 8.553466 [73:58]

    rec. April 1995 (Berner Münster, Bern/Schweiz)

    [Orgel: Metzler Orgelbau Opus 519 (Dietikon 1982)]

    Disposition: 2 Manuale & Pedal, 14 Register, Stimmung: modifiziert mitteltönig, a' = 440 Hz



    Vol. 2 - Chansons & Tänze


    (P) 1995 Naxos 8.553467 [75:02]

    rec. April 1995 (Emmauskapelle, Hatzfeld/Eder, Hessen)

    [Orgel: Johann Christian Rindt (1706)]

    Disposition: 1 Manual, 7 Register, Stimmung: mitteltönig, a' = 475,8 Hz



    Vol. 3 - Praeambula & Transkriptionen; Incipit Fundamentum


    (P) 1996 Naxos 8.553468 [77:34]

    rec. Mai 1995 (Ackerman Auditorium, Southern Adventist University, Collegedale/Tennessee)

    [Orgel: John Brombaugh Opus 27 (1984)]

    Disposition: 2 Manuale, 13 Register, Stimmung: mitteltönig, c'' = 557 Hz



    Diese drei CDs enthalten insgesamt 91 Stücke aus dem Codex, realisiert auf drei verschiedenen Orgeln, die aufgrund ihrer Dispositionen durchaus für Repertoire des 15. Jahrhunderts geeignet sind. Am Ende von Vol. 3 steht eine komplette Einspielung des Incipit Fundamentum M.c.p.C. (Magistri Conradi Paumann Contrapuncti) (Nr. 189), die in diesem Umfang bis heute einzigartig geblieben ist.


    Mehr wird folgen..

  • Guten Abend


    bei mir:



    " Buxheimer Orgelbuch"


    Gespielt von Joseph Kelemen auf der Anonymius-Orgel ca. 1425 der St. Andreas-Kirche zu Soest- Ostönnen und der Ebert-Orgel 1558 der Hofkirche zu Innsbruck.



    Gruß :wink:


    aus der Kurpfalz


    Bernhard