Kermes, Simone (*1970)

  • Sopran und Barockerbraut


    Wer sie nicht kennt, verpasst etwas. Etwas Großartiges, Unvorstellbares! Die Kermes ist mittlerweile ein feststehender Begriff in der Klassik-Szene für ausgefallenes Repertoire, ausgefallenes Auftreten und eine außergewöhnliche Stimme. Mangels legalem resp. legalisiertem Fotomaterial muß vorerst Matthias' Karrikatur herhalten (was ja keine Schande ist), welche ich ihr vor zwei Jahren in die Hand drückte:



    Die Kermes.
    Karrikatur von Matthias Richter (c)


    Die Hexe aus Humperdicks Hänsel und Gretel will sie erst singen, wenn sie 60 ist... und die Arien von Joseph Martin Kraus am liebsten gar nicht mehr. Die Koloratur-Sopranistin, die sich in ihrer wenigen Freizeit die Ohren mit Rammstein zudröhnt, brilliert mit einem umfassenden Repertoire, das von Monteverdi bis zu Bernstein und Weill reicht. Und jedes Mal kommt man nicht umhin, ihr zu bescheinigen, daß die ausgesuchten Werke ihr auf den Leib geschrieben zu sein scheinen, egal, aus welcher Epoche die Werke stammen. Dabei steht ihr ein Stimmunfang von 3 Oktaven sowie ein ausgefeiltes Pianissimo im Kontrast zu ihren exorbitanten Koloraturen zur Verfügung. Und, je nach Repertoire, wird all dieses unglaubliche Können in Perfektion präsentiert. Dabei verliert die Künstlerin niemals ihre Natürlichkeit, ihren Charme, ihr Feuer und den festen Blick zu dem Boden, auf dem sie steht.


    Erstmals wurde ich auf ihre Stimme in der Tat durch die Krausarien aufmerksam, welche sie bei den Schwetzinger Festspielen sang. Ich hörte die Radioübertragung und war sofort fasziniert:



    Diese Aufnahmen entstanden in Zusammenarbeit mit L'Arte del Mondo und deren Gründer Werner Erhardt (ehem. Concerto Köln). Die Leichtigkeit, mit welcher die Kermes die Krausschen Koloraturen singt, ist faszinierend.


    Ihr Kernrepertoire ist jedoch die Barockmusik. Hier hat sie bereits einige großartige Alben produziert:



    DIVA (2009)
    Arien von G. F. Händel für den Castraten Cuzzoni


    Die Lautten Compagney begleitet Arien aus Scipione,
    Giulio Cesare, Alessandro, Rodelinda, Siroe, Tolomeo, Flavio,
    Riccardo primo und Admento



    LAVA (2010)
    Arien aus dem Neapel des 18. Jahrhunderts


    Le Musice Nove begleiten die Interpretin zu Arien von Pergolesi, Porpora, Vinci, Leo und Hasse.



    COLORI D'AMORE (2010)


    Wiederum Le Musice Nove und diesmal Arien von Scarlatti, G. u. M. Bononcini, Caldara und Broschi.


    Daneben existieren einige sehr gelungene Opernproduktionen. Besonders empfehlen möchte ich die Rodelinda mit Il complesso barocco (Alan Curtis):



    Weitere Highlights dieser umwerfenden Produktion sind Marijana Mijanovic, Steve Davislim und Sonia Prina.


    Außerdem singt Simone Kermes in Francesco Bartolomeo Contis (1681-1732) Oratorium DAVID:



    Ein unglaubliches Werk, in welchem Conti, ein virtuoser Theorbist, eine zwölfminütige Arie (Quanto mirabile) mit herrlicher Theorbenbegleitung komponierte. Ein außergewöhnliches Lamento von großem Seltenheitswert. Contis DAVID ist neben Veniers Oratorio a 5 mein liebstes überhaupt.


    Daneben hat Simone Kermes stets Rollen in z.B. Hummels Durchzug durch das rote Meer (Oratorium), Purcells Dido & Aeneas, Händels Athalia, Alexanderfest, Saul, Belshazzar, Naumanns Zeit und Ewigkeit, Reichardts Erwin und Elmire, Carl Philipp Emanuel Bachs Kantaten für Hamburg und jüngst in Mozarts Requiem (nicht nur in Bezug auf Simone Kermes eine exquisite Aufnahme!):



    Das sind alles Aufnahmen, die sich allein schon wegen der Sopranistin Simone Kermes lohnen.


    Ein besonderes Häppchen ist ihr Auftritt bei der AIDS-Gala 2008 gewesen, wo sie Bernsteins Glitter and be gay aus Candide präsentierte und alles in Grund und Boden sang:



    Zuletzt hörte ich die rothaarige Barockerbraut live bei den Ludwigsburger Festspielen (2009?), wo sie als Constanze in Mozarts Entführung aus dem Serail von einem Publikumsbalkon aus Bassa Selim mit Noten in den Boden hämmerte. Zur Zeit ist sie als Armida in Händels Rinaldo an der Oper Köln zu hören. Im September werde ich sie wieder live in der Frauenkirchen zu Dresden erleben.


    :umfall::jubel::jubel::jubel::umfall:

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790


    Plaudite, amici, comedia finita est. Finis coronat virus. (Covid)

  • Ich glaube, den Erstkontakt hatte ich durch das Oratorium "Moise en Egitto" von Leopold Kozeluch, mit dem kleinen Konzert unter Hermann Max bei CPO, ist aber anscheinend schon gestrichen.
    Simone Kermes sang da eine so dermaßen umwerfende und halsbrecherische Arie - dieses Stück gehört noch immer zu meinen liebsten Arien.


    Da ich, ebenso wie Ulli, die Musik von Joseph Martin Kraus sehr schätze, war auch diese Aufnahme mit Kantaten ein Muss - und ein Genuss :D
    Mit dem Album "Lava", das vor allem auch mit vollkommen unbekanntem Repertoire begeistert, war ich endgültig der Kermes erlegen. Ich habe mich wie ein Schneekönig auf das nächste Album dieser Art gefreut und die Erwartungen wurden mit "Colori d'Amore" absolut übertroffen. Selbst meine Mutter, die durch mich eher barockgeschädigt ist ( *flöt* ), hatte sich das "Lava" Album gewünscht - und das will was heißen!


    Mein Traum wäre eine Operngesamtaufnahme von Hasses "Artaserse" (II. Version für London mit den ergänzenden Arien diverserer anderer Komponisten) mit einer Star-Besetzung wie Simone Kermes, Cecilia Bartoli und Vivica Genaux - am besten unter der Leitung von Rene Jacobs oder Christophe Rousset. :love:


    Mit dieser Aufnahme dürften (wie damals in London) alle anderen Opern in Grund und Boden geträllert werden *tschak*

  • Eine beeindruckende Sängerpersönlichkeit, die ich bei einer Vorstellung der "Colori d´amore" persönlich erleben durfte.


    Barock mag ihr angestammtes Repertoire sein, aber sie wagt sich auch in andere musikalische Sphären. Begeistert bin ich von Simone Kermes in einer Verdipartie, der Leonora im Trovatore, die sie 2009 bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen gesungen hat. Ein Radiomitschnitt existiert zum Glück, aber die CD-Veröffentlichung, von der die Rede war, lässt zumindest auf sich warten - schade!


    Giuseppe Verdi:
    Il Trovatore

    Leonore: Simone Kermes
    Inez: Camilla de Falleiro
    Graf Luna: Miljenko Turk
    Ferrando: Josef Wagner
    Azucena: Yvonne Naef
    Manrico: Herbert Lippert
    Chor und Orchester der Ludwigsburger Schlossfestspiele
    auf Originalklanginstrumenten / on period instruments
    Leitung: Michael Hofstetter
    (Schlusskonzert vom 2. August 2009 der Ludwigsburger Schlossfestspiele)


    :jubel::jubel::jubel:

  • Etwas aus der Art geschlagen ist Simone Kermes' neue CD, welche Ende April 2011 erschienen ist:



    Hans-Erik Philip (*1943)
    Blood Wedding


    Simone Kermes
    RSO Budapest & Chorus
    Béla Drahos


    Simone Kermes schreibt mir, daß das Werk speziell für sie, die ja bekanntlich keine Verächterin moderner Klänge ist, von dem dänischen Komponisten Hans-Erik Philip geschrieben wurde. So hypermodern klingt das Werk allerdings nicht. Kermes meint, man könnte es sowohl als Film- und Theatermusik, aber auch als modernes Oratorium einordnen, da es auch einige Chorstücke enthält. Der Stoff basiert auf der Bluthochzeit (orig. Bodas de Sangre) von Federico García Lorca (1898-1936) und wurde auch auf spanisch eingesungen.



    García Lorca (1914)


    Die Produktion wurde andernorts von einem Sekretär bereits hochgelobt.


    García Lorca ist übrigens in dem (eigentlich inhaltlosen) Film Little Ashes in Bezug auf Dalí nicht ganz unwichtig:



    Eine neue Biografie über den wertvollen Dichter erscheint im Juli:



    :wink:

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790


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  • ENDLICH!


    Offiziell zum 20.10.2011 erscheint die Aufnahme:



    Giuseppe Verdi (1813-1901)
    Il Trovatore

    Simone Kermes, Herbert Lippert, Mijenko Turk, Yvonne Naef, Josef Wagner,
    Orchester der Ludwigsburger Schlossfestspiele, Michael Hofstetter
    Label: Oehms , DDD, 2009



    :jubel::jubel::jubel:

  • Hallo,


    es ist ja schon eine Zeit lang still um die Diva mit den roten Haaren... aber stille Wasser sind tief:


    Im September ist ein neues Album mit dem (voraussichtlichen) Titel "Belcanto" zu erwarten. Außerdem, schrieb sie, habe sie zwei Opern aufgenommen, verriet aber nicht, welche... für den Sommer ist eine Platte mit Liedern avisiert.



    Da darf man also die Augen und alsdann die Ohren spitzen...


    ^^

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    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790


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  • Im September ist ein neues Album mit dem (voraussichtlichen) Titel "Belcanto" zu erwarten.


    ...et voilà:



    Erscheinen soll die Platte lt. jpc am 18.10.2013; sie beinhaltet Arien von Mercadante, Rossini, Mozart, Bellini, Donizetti, Verdi, Rossini, Monteverdi. Begleitet wird sie von Concerto Köln.


    :rolleyes:

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  • Ab dem 14. Februar 2014:



    Wolfgang Amadé Mozart (1756-1791)
    Le Nozze di Figaro


    Simone Kermes, Andrei Bondarenko,
    Christian von Horn, Fanie Antonelou


    MusicaEterna
    Teodor Currentzis


    *yepp*

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  • Guten Abend



    gerade auf ZEIT.de gelesen:


    " Zurück zu Mozart! " .


    Zitat

    Sie gilt als die Ulknudel der Barockoper und hat dieses Bild auch gepflegt. Jetzt aber soll Schluss sein mit Zirkus und Lärm. Simone Kermes ist wie wild zum Wandel entschlossen.


    Gruß :wink:


    aus der Kurpfalz


    Bernhard

  • Ein bewegender Artikel, der sie ganz gut beschreibt, wie sie ist: bewegt, bewegend, direkt, Mensch.


    Neues von der Ex-Barock-Lady:



    Mahler: Klavierquartett A-Dur (ohne den Schittkemist)
    Lieder: Erinnerung; Wo die schönen Trompeten blasen


    Strauss: Klavierquartett c-moll op. 13
    Lieder: Cäcilie op. 27 Nr. 2; Die Nacht op. 10 Nr. 3;
    Der Morgen op. 27 Nr. 4; Zueignung op. 10 Nr. 1;
    Heimliche Aufforderung op. 27 Nr. 3; Allerseelen op. 10 Nr. 8


    Beglitten wird sie vom Fauré-Klavier-Quartett
    Dietrich Zöllner hat die Songs transkribiert.

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  • Ab Sommer:



    Simone Kermes & Vivica Genaux - Rival Queens


    Arien und Duette von Arena, Bononcini, Hasse,
    Giacomelli, Sarro, Porpora, Ariosti, Leo, Pollarolo


    Simone Kermes, Vivica Genaux
    Cappella Gabetta
    Andres Gabetta

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  • Simone Kermes bei Tietjen und Hirschhausen


    *ägy*

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  • Im Deutschlandfunk kam gestern im Rahmen des Musikjournals (bei ca. 16:30 Min. verbleibender Spieldauer) ein Interview mit Simone Kermes, in dem sie auch besonders auf ihre Arbeit mit Teodor Currentzis eingeht:
    http://www.deutschlandfunk.de/…ml?dram:article_id=310518


    Insbesondere geht sie auch auf die Fragen von Live-Aufnahme und Studioproduktion ein und natürlich auf den Idealismus, den eine solche Arbeit wie die mit Currentzis in Perm voraussetzt.
    :wink:

  • Klasse! Vielen Dank!


    ^^


    Wann kommt denn endlich der Don Giovanni?


    *wirds*

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  • Ich werde am Freitag den 13. Nov im Konzerthaus Dortmund konzertant die COSI hören.
    unter dem griechischen Himmelsstürmer CURRENTZIS mit seinem Orch aus dem Russischen Permes/Music Aeterna Orchestra
    wird die Kermes die tolle Rolle singen (wie auf der preisgekrönten CD-Produktion)



  • Demnächst:



    SIMONE KERMES: Love
    Werke von Purcell, Monteverdi, Lambert, Strozzi, Merula,
    Boësset, Briceno, Manelli, Legrenti, Eccles, Dowland, Cesti


    Simone Kermes
    La magnifica comunità
    Enrico Casazza

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790


    Plaudite, amici, comedia finita est. Finis coronat virus. (Covid)

  • sagitt schrieb:

    Ich vermute, dass das Ausscheiden von Simone Kermes einem Zerwürfnis mit dem Dirigenten geschuldet ist.


    ...halte ich für eine gefährliche Vermutung (würde ich mich nicht trauen zu schreiben, auch wenn es auf der Hand läge). Simone Kermes ist viel beschäftigt; was, wenn sie für eine Neuaufnahme einfach keine Vakanzen hatte und Currentzis umdisponieren musste? Ohnehin hätte sie m. E. besser die Elvira als die Anna gesungen ... auch bei der Cosí hätte die forschere Dorabella besser gepasst.


    Der Witz ist: daß man jetzt etwas ganz anderes bekommt als man zu bestellen glaubte ... ist nicht ganz in Ordnung ...

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  • ...halte ich für eine gefährliche Vermutung (würde ich mich nicht trauen zu schreiben, auch wenn es auf der Hand läge). Simone Kermes ist viel beschäftigt; was, wenn sie für eine Neuaufnahme einfach keine Vakanzen hatte und Currentzis umdisponieren musste? Ohnehin hätte sie m. E. besser die Elvira als die Anna gesungen ...


    Ich kann mir auch nicht so recht vorstellen das Kermes der Grund gewesen sein sollte !?


    Ich wusste auch nicht welche Partie sie, Anna/Elvira, in der ersten Aufnahme gesungen hat, da muss ich dir nun vollkommen zustimmen die Elvira hätte natürlich stimmlich besser zu ihr gepasst!


    LG palestrina

    „ Die einzige Instanz, die ich für mich gelten lasse, ist das Urteil meiner Ohren. "
    Oolong