Der erste Kontakt - und dessen Auswirkungen ...

  • Das wäre übrigens ein eigenes Thema für das Forum: z.B. in dem Sinn "Welche Rolle spielt eure Ersterfahrung mit einem speziellen Werk oder auch mit der Musik überhaupt für eure Rezeption? Gibt es bestimmte Vorlieben oder auch Abneigungen, die sich auf diese Ersterfahrungen zurückführen lassen?" Wäre bestimmt interessant.

    (NB: Leider habe ich noch alle verborgenen Winkel des Forums entdeckt; vielleicht gibt es ja schon etwas diesbezügliches)

    Wüsste ich nicht; wäre ein interessantes Thema, das genau deswegen hier eröffnet wurde.

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790


    Plaudite, amici, comedia finita est. Finis coronat virus. (Covid)

  • Julien Green schrieb:
    Zitat
    [Erinnerungen an glückliche Tage] Oft habe ich mir gewünscht, die 'Eroica' noch einmal 'zum ersten Mal' hören zu können, denn nun ist die Zeit vorbei, da ich ihr zuhören und sie zugleich hören konnte: Damit meine ich nicht, daß ich taub geworden bin, sondern daß mir diese Symphonie zu vertraut ist, als daß ich ihr anders zuhören könnte als mit gefaßter Bewunderung. So geht es mir mit vielen Musikstücken, alten und neuen, von denen ich dachte, ich könne ihrer niemals überdrüssig werden.

    Ersterfahrungen spielen sicher eine gewisse Rolle: bei mir z.B. Charpentiers Te Deum* - erste Chorerfahrung; Noten zur Probe vergessen und beim Kollegen abegpinnt, da damals das Kopieren (ich war elf, meine Eltern waren arm) zu teuer und beinahe unmöglich war (dadurch das Komponieren "erlernt" resp. Zusammenhänge "begriffen"). Oder Mozart KV 550/551 Karl Böhm (Cassette Musikbücherei Bonn / Schumannhaus; ich sehe sie noch vor mir: das Etikett akkurat mit Schreibmaschine geschrieben: weißes Label auf ockerfarbenem Hintergrund). Aber: ich entwickele mich weiter ... diese Ersteindrücke sind nachwievor vorhanden, aber inzwischen durch "bess'res" (meint: was mir besser gefällt) verdrängt.


    * erstmals im Livekonzert hörte ich das Prélude ... und dachte geil: wir sind im Fernseh'n.

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

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  • Im Klassikbereich sind es die Werke, die ich lange ausschließlich in der CD-Sammlung hatte, die mich geprägt haben:

    • Bach - Toccata & Fuge BWV 565 (Hurford, Decca 1980)
    • Bach - Weihnachtsoratorium BWV 248 (Schreier, Philips 1987)
    • Beethoven - Symphonie Nr. 1-9 (Karajan, DG 1963)
    • Schostakowitsch - Symphonie Nr. 11 (Haitink, Decca 1985)
    • Machaut - Messe de Notre Dame (Cape, Archiv Produktion 1954)
    • Smetana - Tabor (Sandor, LaserLight 1987)
    • Wagner - Tannhäuser: Ouvertüre (Sandor, LaserLight 1987)
    • Mahler - Symphonie Nr. 10: Adagio (Abbado, DG 1988)
    • Holst - The Planets (Previn, Telarc 1986)
    • Mozart - Eine kleine Nachtmusik (Böhm, DG 1976)
    • Mozart - Die Zauberflöte (Böhm, DG 1964)

    Dann noch Aufnahmen, die ich aber nie häufig gehört und nicht so fest im Gedächtnis hatte:

    • Mahler - Symphonie Nr. 5 (Solti, Decca 1970)
    • Mahler - Symphonie Nr. 9 (Abbado, DG 1988)
    • Mahler - Symphonie Nr. 2 (Blomstedt, Decca 1994)
    • Mozart - Symphonie Nr. 1-41 (Böhm, DG 1969)
    • Strawinski - Le Sacre du Printemps (Abbado, DG 1975)

    Eine kleine Nachtmusik kannte ich auch noch gut von einer EP: Münchinger, Telefunken/Decca 1951, die legte ich öfters auf, als ich klein war. Eine Tannhäuser-Ouvertüre gab es noch, von einer Potpourri-LP.


    Insgesamt war das die Spitze meiner Prägung - man darf nicht vergessen, daß ich vor 2010 nicht regelmäßig Klassische Musik gehört hatte. Ab dem Zeitpunkt brach sich Vieles neue Bahn, und manche Prägungen haben sich seitdem verwischt. Beethovens Symphonien etwa höre ich häufiger mit anderen Dirigenten, das WO habe ich klare Favoriten, Machauts Messe ebenso. Bach-565 und Tabor würde ich noch als fixed ansehen - der Rest ist sozusagen "frei" von Prägung.


    Das hat sich aber ernstlich bis auf die zwei obigen Werke komplett freigeschwommen bzw. ist anderen Prägungen gefolgt. Einiges ist auch noch im Schwimmen und wird sich vermutlich auch nie festsetzen. Ich habe auch sehr viel neu entdeckt - aber da ist es nicht immer so, daß ich dann festgelegt bin. Es kommt immer auf den Einzelfall an.

  • Das wäre übrigens ein eigenes Thema für das Forum: z.B. in dem Sinn "Welche Rolle spielt eure Ersterfahrung mit einem speziellen Werk oder auch mit der Musik überhaupt für eure Rezeption? Gibt es bestimmte Vorlieben oder auch Abneigungen, die sich auf diese Ersterfahrungen zurückführen lassen?" Wäre bestimmt interessant.

    (NB: Leider habe ich noch alle verborgenen Winkel des Forums entdeckt; vielleicht gibt es ja schon etwas diesbezügliches)

    Wüsste ich nicht; wäre ein interessantes Thema, das genau deswegen hier eröffnet wurde.

    Ein eigener Thread ist sicher nicht verkehrt, aber in fast allen Werkthreads wurden diesbezüglich von den Postern ausreichend Hinweise gegeben, etwa von JD oder mir, wenn es sich um Erstkontakte handelte.

    „Als ich es zuweilen unternommen habe, die ruhelose Geschäftigkeit der Menschen zu betrachten, wie auch die Gefahren und Strapazen, denen sie sich [...] aussetzen, woraus so viele Streitigkeiten, Leidenschaften, kühne und oft unheilvolle Unternehmungen usw. erwachsen, habe ich häufig gesagt, daß das ganze Unglück der Menschen aus einem einzigen Umstand herrühre, nämlich, daß sie nicht ruhig in einem Zimmer bleiben können.“ (Blaise Pascal: Gedanken, I, )

  • Die ersten LPs, die ich hatte (viele waren es eh nicht, denn bald schon wurde die LP von der CD abgelöst), waren Mendelssohns Vierte und Beethovens Pastorale; ich bekam diese jeweils zum Geburtstag (also jedes Jahr eine) von Nenntante und -onkel (ehemalige kinderlos gewordene Nachbarn meiner Großmutter; deren Sohn hatte sich im Höhepunkt seiner Jugend selbst ins Jenseits befördert - ein Foto von ihm war zusammen mit einer Rose in einer Glaskuppel stets auf deren Anrichte gestanden). Möglicher Weise waren es auch insgesamt mehr als diese beiden LPs, nur erinnere ich mich nicht mehr. Leider weiß ich auch nicht mehr, wer da spielte, ich kann mich nur dunkelst an das Mendelssohn-Cover erinnern, welches eine zum Ekelgrünlich verfärbte Partiturseite des Komponisten zeigte; es war wohl eine Serie ("Masterpieces", "Masterworks" oder sowas); ich vermute, man konnte diese LPs bei Bouvier/Bertelsmann in Bonn erwerben ...


    Wirklich geprägt haben mich diese Werke/Einspielungen hingegen nicht. Als erste CD kam eine "Zauberflöte" daher, obwohl ich noch gar keinen CD-Spieler hatte ... aber das hat sich dann natürlich schnell geändert. Extra zum Hörenkönnen dieser CD wurde er dann angeschafft. Weitere folgten unweigerlich ...


    Meine erste MC war KV 459; auch ein Geschenk. Müsste Eschenbach oder sowas gewesen sein. Dieses Werk liebe ich bis heute. Irgendwann kam dann auch dieser komische deutschsprachige Messias mit dunkelgrünem Cover (DG) dazu ... auch das hat mich geprägt; heute bevorzuge ich jedoch englischsprachige Versionen auf echten Instrumenten ... ohne Massenchöre.


    Parallel dazu habe ich dann etliche MCs gesammelt (eigene Radiomitschnitte) oder Privatbedarfskopien von MCs oder CDs aus dem Bonner Schumannhaus (Musikbücherei). Mit von der Partie eben die bereits oben erwähnte Einspielung von KV 550, ich glaube sie war gekoppelt mit KV 201oder der Jupiter. Wen können diese drei Sinfonien nicht irgendwie prägen?



    *sante*

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  • Ein eigener Thread ist sicher nicht verkehrt, aber in fast allen Werkthreads wurden diesbezüglich von den Postern ausreichend Hinweise gegeben, etwa von JD oder mir, wenn es sich um Erstkontakte handelte.

    Macht ja nix.


    Auch darüber habe ich bestimmt schon irgendwo geschrieben:


    bei mir z.B. Charpentiers Te Deum* - erste Chorerfahrung; Noten zur Probe vergessen und beim Kollegen abegpinnt, da damals das Kopieren (ich war elf, meine Eltern waren arm) zu teuer und beinahe unmöglich war (dadurch das Komponieren "erlernt" resp. Zusammenhänge "begriffen").


    Und das war wirklich so: Es begab sich aber zu der Zeit, daß ein Gebot von dem Pater W ausgieng, daß alle Knaben auf Sangestauglichkeit geprüfet werden. Da machte sich auch auf klein Ulli aus Bonn, der Stadt Beetlehem, auf daß er sich prüfen ließe. Und der Pater sprach zu ihm: Fürchte dich nicht. Siehe, ich verkündige dir große Freude, die allem Volk widerfahren wird; ... naja: ich bestand den Krähtest und fand besonders die Chorproben höchst interessant; wie es wohl sein konnte, daß vier unterschiedliche Stimmen gleichzeitig zusammen gut klingen. Und dann kam eben genau das, was ich bereits berichtete: Chornoten zur Probe vergessen! Großes Malheur! Kopieren ging damals noch nicht (jedenfalls auch nicht so fix), also Papier, Bleistift, Lineal und los ging's. Und da wurde mir plötzlich einiges klar und klarer ... zu der Zeit hatte ich bereits erste Blockflötenerfahrung (konnte also Noten lesen, war aber noch auf Einstimmigkeit beschränkt), später kam Klavierunterricht dazu. Das Te Deum habe ich jedenfalls im Laufe der Zeit vollständig abgepinnt (jedenfalls den vierstimmigen Chorsatz), weil es einfach interessant war; später dann Mozart-Sinfonien und vieles andere (z.T ganze Opern). Und bis heute kann ich (zumindest theoretisch) die Sopranstimme auswendig mitsingen (wenn auch inzwischen 2 Oktaven tiefer). Die Alt-Stimme kannte ich auch ganz gut, da ein Schulfreund mit mir an der Bushaltestelle stets probte; zum Erstaunen einiger wartender Fahrgäste ...

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790


    Plaudite, amici, comedia finita est. Finis coronat virus. (Covid)

  • Ein eigener Thread ist sicher nicht verkehrt, aber in fast allen Werkthreads wurden diesbezüglich von den Postern ausreichend Hinweise gegeben, etwa von JD oder mir, wenn es sich um Erstkontakte handelte.

    Wenn es um Erstkontakte ging - richtig; aber nicht, was es für einen persönlich bedeutet.


    Ich finde es schon reizvoll, darüber zu plaudern, was solche Erstbegegnungen für Folgen haben können bzw. wieso man sie später zugunsten anderer Ansätze verwirft. Mir geht es auch so, daß ich einige Aufnahmen inzwischen "verschlissen" habe, weil ich die Sache differenzierter betrachte.


    Irgendwann kam dann auch dieser komische deutschsprachige Messias mit dunkelgrünem Cover (DG) dazu

    Oh, sag' bloß, du redest von Herrn Richter...:D :



    Bei ihm habe ich auch keine durchschlagende Wirkung erlebt, da gefällt mir die Mozart-Bearbeitung allein übersetzungstechnisch besser.

  • "Welche Rolle spielt eure Ersterfahrung mit einem speziellen Werk oder auch mit der Musik überhaupt für eure Rezeption? Gibt es bestimmte Vorlieben oder auch Abneigungen, die sich auf diese Ersterfahrungen zurückführen lassen?"


    Keine Ahnung, kann mich nicht erinnern. Dürfte also keine besondere Rolle gespielt haben.

  • "Welche Rolle spielt eure Ersterfahrung mit einem speziellen Werk oder auch mit der Musik überhaupt für eure Rezeption? Gibt es bestimmte Vorlieben oder auch Abneigungen, die sich auf diese Ersterfahrungen zurückführen lassen?"

    Gut, daß Du darauf zurückkommst ... also, mein Gesabbel zusammengefasst: Te Deum und Messiah sind feste Bestandteile meines Lebens geworden; die Mozart-Sinfonien im Prinzip ja auch (nur habe ich sie mir inzwischen überhört). Oh und achja: im Chor sangen wir auch ein Salve Regina von Bellini; jahrelang war ich auf der Suche nach einer Einspielung und bin sehr spät fündig geworden (leider in einer etwas grottigen Einspielung). Ich konnte sofort jede Note wieder mitsingen. Und eigentlich bin ich trotzdem dankbar für diese Einspielung, die mich einfach sehr glücklich gemacht hat; vielleicht gibt's bald mal eine bessere (opi)?

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  • Das ging mir genau so! Der Richter Messias ließ mich von Anfang an kalt.


    Ganz anders geht's mir mit Charles Mackerras Einspielung. Die gehörte zu den allerersten CDs, die ich mir gekauft hab. Ich weiß es noch wie heute, Herbst 1993 auf der Prager Straße in Dresden. Sie stand im Schaufenster und nachdem ich armer Student tagelang drumherumgeschlichen bin, habe ich sie erstand und kam mir vor, als hätte ich ein ganzes Königreich erworben....


    So eine Scheibe ersetze ich NIEMALS durch etwas Neueres- die bleibt in Ohr und Herz!


    Man muss schon etwas wissen, um verbergen zu können, dass man nichts weiß.


    Marie von Ebner- Eschenbach

  • Wenn es um Erstkontakte ging - richtig; aber nicht, was es für einen persönlich bedeutet.

    Eben! Genau das hatte ich im Sinn, als ich den Vorschlag zu diesem Thread machte.

    Mir geht es auch so, daß ich einige Aufnahmen inzwischen "verschlissen" habe, weil ich die Sache differenzierter betrachte.

    Das gibt mir Anlass, doch einmal meinen Einstieg in das Thema zu präzisieren (s. Post Nr. 1, Zitat harry). Mit "Ersterfahrung" meinte ich nicht nur den ersten Kontakt mit einem bestimmten Werk über eine Aufnahme, sondern auch das konkrete Live-Erleben eines Werks bei einem Konzert oder im Opernhaus usw. (Dass man seine Einstellung zu einem bestimmten Werk und/oder zu einer bestimmten Interpretation desselben im Laufe der Zeit ändert, ist eine Erfahrung, die jeder, der sich ernsthaft mit Musik beschäftigt, schon einmal gemacht hat.)

    Des Weiteren interessierte mich auch, ob sich gewisse Abneigungen in der Folge von Ersterfahrungen ergeben haben. Ich kenne z.B. Leute, die man mit Orgelmusik oder Streichquartetten oder Kunstliedern (usw.) jagen kann, wobei ich natürlich nicht weiß, ob das auf eine negative Ersterfahrung zurückzuführen ist. Vielleicht hat die/der eine oder andere von euch auch ein solches Erlebnis, das sie/ihn nachhaltig geprägt hat, so wie mich:

    Mein Vater wollte mir bestimmt etwas Gutes tun, als er mich als ca. Zehnjährigen ins Mannheimer Nationaltheater zu "Tristan und Isolde" mitgeschleppt hat. Damit war der Zug zu Wagner und leider auch der zur Oper allgemein vorerst und auf längere Zeit abgefahren. Klar, Zauberflöte, Entführung, Freischütz waren irgendwie ein Muss, zumal ich mich damit im Rahmen meiner Tätigkeit als Musiklehrer beschäftigen musste. Aber ansonsten...

    Ironie der Geschichte: Den Zugang zur und die Faszination an der Musik Wagners eröffnete mir (ebenfalls über den Unterricht) ausgerechnet das Vorspiel zu Tristan und Isolde. Tja, auch bei der Beschäftigung mit Musik gilt 1.: Man sollte nie "nie" sagen (gilt übrigens auch für Neue und Neueste Musik!), und 2.: (klingt jetzt vielleicht etwas pathetisch, aber es ist so) Man wird älter und dabei auch reifer und betrachtet

    die Sache differenzierter

    Ein Beispiel für eine positiv prägende Ersterfahrung hatte ich auch und habe sie hier schon genannt: die Kontarskys mit Bartoks Sonate für 2 Klaviere und Schlagzeug. Diese Aufnahme ist für mich immer noch der Maßstab.


    Viele Grüße aus dem zurzeit völlig verregneten Odenwald, harry

  • Mit "Ersterfahrung" meinte ich nicht nur den ersten Kontakt mit einem bestimmten Werk über eine Aufnahme, sondern auch das konkrete Live-Erleben eines Werks bei einem Konzert oder im Opernhaus usw. (Dass man seine Einstellung zu einem bestimmten Werk und/oder zu einer bestimmten Interpretation desselben im Laufe der Zeit ändert, ist eine Erfahrung, die jeder, der sich ernsthaft mit Musik beschäftigt, schon einmal gemacht hat.)

    Oh ok, dazu muß ich in jedem Fall auch noch etwas schreiben. Stichwort: ELIAS. Aber heut nimmer ...

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  • Des Weiteren interessierte mich auch, ob sich gewisse Abneigungen in der Folge von Ersterfahrungen ergeben haben.

    Bei mir gibt es so einen Fall: Bachs h-moll-Messe mit Karajans 1954er Einspielung:



    Ich will nicht behaupten, sie hätte mir die Messe verleidet - aber es verzögerte das Aneignen des Werks um Jahre. Hier geht es nicht ums Handwerkliche, aber die ganze Wirkung dieser traditionellen Lesart hat mich eher kalt gelassen. Bis heute empfinde ich die 1974er Aufnahme von Karajan immer noch besser als diese, obwohl sie damals sicherlich als eine der Topempfehlungen in den 50er Jahren galt. Inzwischen ist die Messe längst kein terra incognita mehr für mich.

  • Stichwort: ELIAS. Aber heut nimmer ...

    Da bin ich noch etwas schuldig:


    Kurz nach meiner ersten Chemotherapie; zu allen Schandtaten bereit; das Leben endlich begreifend; eine einzelne Frühlingsblume in den Himmel hebend und darob derer Schönheit heulend; ELIAS in Bonn: ich habe selten so gekotzt. Nicht wegen der Vorstellung, wegen der Umstände, selbstredend. Leider merkt sich der Körper/Geist so etwas (unlogische Verbindungen), so daß ich lange Jahre weder den ELIAS hören (geschweige denn: genießen) konnte; das gleiche mit Verdis Opern, insonderheit (hier rot unterschlängelt, weil heute niemand mehr dieses von Dittersdorf bevorzugte Wort kennt) Otello - wortwörtlich bis zum Erbrechen gehört. Dasselbe mit Essen: Hühner-Friscasée ... einst mein Leibgericht (oder Schweinelende in Kräutersahnekäse-Sauce); meine Mutter, happy, daß ich nach etlichen Krankenhausaufenthalten (ich war damals 18) wieder @home war, kochte extra für mich; ich: nur am Kotzen. Allein der Gedanke an den Geruch ... auch heutzutage. Geht nimmer ... hat aber definitiv nichts mit der Musik, den Interpreten, Köchen, Zutaten zu tun ... einfach falsch anerlernt.


    <X


    Sorry für diesen Beitrag; habe mich lange gesträubt.

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  • Aber auch:


    Mozart-Requiem Karajan ... recht komprimiert dargestellt ... dieses Sopran-Solo "Te decet" - frei übersetzt "I'll kill you" (with my bad voice). Ich würde heute Foster-Jenkins deutlich bevorzugen; schade, daß sie es nie eingesungen hat. Aber diese Aufnahme könnte eine Parodie auf "Was-wäre-wenn" sein: was ein fürchterliches Gejodel. Ich mochte das Requiem nie (was hat das mit Mozart zu tun? Diese Aufnahme war mein Erstkontakt, um an das Thema anzuknüpfen). Inzwischen wurde ich eines Besseren belehrt; trotz allem ist das Rq für mich nicht Mozarts Highlight ... aber es gibt ernstzunehmende Aufnahmen, die es mir ermöglichen, die Komposition - wie es ihr zusteht - ernstzunehmen.

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  • Ich habe mal zwei LPs geschenkt bekommen; mein Opa war ein militanter Klassikhörer, auch selbst Komponist eher ziemlich moderner und immer noch quasi unhörbarer Musik und wollte mich wohl etwas anfixen.

    Hat leider geklappt.

    Die Aufnahmen genau kenne ich heute auch nicht mehr, ich weiß aber noch, was: Bach, Brandenburgische Konzerte 2,3,5 und Haydn, Symphonien Hob.I:94 und 101 — die Klassiker eben. Deshalb bedeuten mir diese Werke heute immer noch eine Welt, auch wenn sich meine Aufnahmenvorlieben längst und irreversibel änderten.

    Dann begann ich die Serie "Große Komponisten und ihre Musik" zu sammeln. Über 50 MCs (sic!) aus (fast) der ganzen Musikgeschichte. Band eins war Beethoven V, das weiß ich noch genau. Man mag über die Qualität der Aufnahmen streiten, aber dadurch bekam ich solch einen Querschnitt durch die Musikgeschichte, lernte so viele für mich unbekannte Komponisten und Welten kennen, dass die Liebe bis heute besteht und wuchs.

    Diejenigen der Werke, die ich rauf und runter hörte, bedeuten mir heute noch extrem viel!

    Lucius Travinius Potellus
    Those who would give up essential Liberty, to purchase a little temporary Safety, deserve neither Liberty nor Safety. (B.Franklin)

  • Der erste Kontakt klingt derzeit ein wenig ... na ja ... 8-)

    „Als ich es zuweilen unternommen habe, die ruhelose Geschäftigkeit der Menschen zu betrachten, wie auch die Gefahren und Strapazen, denen sie sich [...] aussetzen, woraus so viele Streitigkeiten, Leidenschaften, kühne und oft unheilvolle Unternehmungen usw. erwachsen, habe ich häufig gesagt, daß das ganze Unglück der Menschen aus einem einzigen Umstand herrühre, nämlich, daß sie nicht ruhig in einem Zimmer bleiben können.“ (Blaise Pascal: Gedanken, I, )

  • Ich habe zwar geschrieben, was mich geprägt hat, aber nicht, wie ich daran kam.


    Ich hatte alles, was ich an CDs bekam, in meine Sammlung aufgenommen. Und Klassische Musik war ich nicht komplett abhold. Ich weiß noch, daß ich im Kaufhof Galleria so manche CD-Grabbelkiste durchwühlte - da fand ich nicht mal wenig CDs von Philips, DG oder Decca. Meine Karajan-Box von Schönberg/Berg/Webern stammt daher - oder Gardiners Aufnahme von Händels Jephtha. Im Bertelsmann-Club nebenan erwarb ich Chopin/Arrau oder Mozarts Symphonien unter Böhm. Dann kaufte ich auch mal regulär aus den Regalen: Strawinskis Feuervogel/Frühlingsweihe (Abbado) oder die Beethoven-Symphonien-GA (Karajan 1963). So sammelte sich Einiges an.


    Während des Studiums habe ich die Alte Musik entdeckt: da kamen Machauts Messe (Safford Cape) oder Orgelmusik vor Bach dazu (Harald Vogel). Ich entdeckte weitere Werke und kaufte auch das Eine oder Andere, aber viel war es nicht - dafür hörte ich es öfters.


    Selbst Sampler habe ich erworben, und ich habe sie alle noch...*lachnith* Gut, die Meisten haben komplette Werke enthalten (Bolero, Peer-Gynt-Suite, Bilder einer Ausstellung u.ä.), wodurch sie noch einen gewissen Hörwert für mich haben. Tatsächlich habe von meinen Klassik-CDs aus der Phase vor 2010 nie etwas abgegeben. Sie liegen heute in ihren Kisten und werden sehr unregelmäßig gehört. Aber gelegentlich greife ich doch danach und bin froh, sie noch zu haben und hören zu können.