01. - Clavierkonzert op. 19 B-Dur: Einspielungen (opi)


  • Gottlieb Wallisch, Conrad Graf-Hammerflügel c1818

    Orchester Wiener Akademie

    Martin Haselböck


    Für mich - und da bin ich sicher nicht alleine - galt bislang: lieber zu Fuß gehen, als das Reserverad op. 19 verwenden ... (deswegen habe ich bislang auch keine Einspielungen hier näher besprochen); denn selbst verglichen mit op.15 oder Mozarts KV 175 (welches eh eine Ausnahme auch unter Mozarts frühen Konzerten ist) oder 238 verliert op. 19 stets. Aber hier - ich wage es kaum zu schreiben - gelingt eine tänzerische, mitreißende, überzeugende, unverkopfte, losgelöste, egalisierte Einspielung des B-Dur Konzertes, übrigens ergänzt um die fallengelassene Fassung des Finalsatzes, heute katalogisiert als WoO6; hier als Welturaufführung "verkauft", was allerdings nicht stimmt, da bereits Levin/Gardiner das nette Schluß-Rondo eingespielt hatten. Was soll's ...


    Selbst wenn man op. 19 als per se ohne historischen Kontext (der sich nun einmal schlecht ausblenden lässt) gelungen betrachtet, so lässt es sich nicht als "Knaller" irgendwo irgendwie verkaufen. Genau das allerdings gelingt hier den Interpreten der reSOUND-Mafia und lässt mich baff erstaunen. Meine an sich stabilen und vielseits untermauerten Vorbehalte gegenüber dieses Konzertes geraten ins Wanken ...


    Der Ton ist sehr klar und verbindlich, wenngleich ich das Instrument als falsch gewählt einstufe ... ein Walter-Fügel ohne Belederung der Hämmer wäre hier historisch korrekt; da ist ein Graf einfach bereits zu overdressed, aber eben durchaus - so kann man m. E. argumentieren - aus dem Zeitfenster des Komponisten zu erklären, wenngleich ich auch davon ausgehe, daß op. 19 für LvB spätestens ab op. 37 keine bedeutende Rolle mehr gespielt haben wird; aber dafür kann ja das Konzert nichts: viele Kinder werden in die Welt gesetzt und gehen ihren eigenen Weg; das sei auch op. 19 gegönnt.


    Das ursprünglich geplante Finale WoO6 wird hier als Bonus dargeboten; das ist eine nicht zu verachtende, sehr nette, Geste und trägt zur Historie des Konzertes bei, das ohnehin - das wissen wir alle und negieren es usualiter - nur als eine der äußerst wenigen Notlösungen des Komponisten Furore gemacht hat. Das (eigentlich erste, heißt: vor op. 15 konzipierte und aus guten Gründen zunächst nicht veröffentlichte) Konzert war seit eh und je verzichtbar; es zeigt uns aber eben doch die Menschlichkeit des Autors; die Entgöttlichung. Das WoO-Rondo an sich ist jetzt so unterschiedlich zum bekannten Finale nicht ... was allerdings heraussticht: etwas mehr bei op. 15 als hier bei op. 19; sind die klar definierten Kadenzen, deren Ursprung mir bislang nicht bekannt ist (das Booklet muß noch studiert werden; ich gehe aber zunächst einmal von Originalen aus) - aber sie sprechen eine klare, vorbehaltlose, unprofilierte Sprache.

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790


    Plaudite, amici, comedia finita est. Finis coronat virus. (Covid)

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    Anthony Newman, Fortepiano, englisch o.n.A. c1804 (Nachbau von Robert Smith, Boston)

    PhiloMusica Antiqua, New York

    Stephen Simon


    Newman spielt (m. E. nicht nur) in der ersten Exposition im Orchesterpart des Kopfsatzes mit, dies allerdings nicht bloß 'colla parte', dafür aber sehr dezent akzentuierend und bewirkt dadurch einen völlig anderen, neuartigen Orchesterklang. Er verwendet Czerneese Tempoindications (wie ich Czernys Tempoangaben nenne). Zu jedem Satz sind diese auch im Booklet vermerkt:


    I Allegro con brio. (Viertel = 152)

    II Adagio (Achtel = 84)

    III Rondo. Allegro (punktierte Viertel = 112)


    Mit diesen Tempi komme ich überaus gut zurecht, weder zu übertrieben hastig, noch zu lähmend. Das ausschließlich englischsprachige Booklet beinhaltet überdies, was sehr selten zu finden ist, eine vollständige Analyse zu allen Sätzen mit entsprechenden Zeitangaben und Indices (die ich aber nach Kopieren auf die Festplatte nicht nutzen kann). Hinzu gesellt sich ein sehr besonderer Clavierklang: im Bass bestimmend, klar und warm wie ein Männerchor sowie kontrastierend zum brillanten, teils filigranen und harfenartigen Diskant. Ein herrliches Instrument; schade daß der originäre Erbauer ein Geheimnis ist. Was für ein Genie muß das gewesen sein! Ich vermute: Clementi?


    Newmans Spiel ist hier freudeversprühend, ansteckend und - ganz im Ernst - das ansonsten eher wenig von mir beachtete Konzert erschleicht sich so langsam einen Platz in meinem Herzen, das für gute Musik und Interpretationen immer weit geöffnet ist.


    Eine sehr ernst zu nehmende Aufnahme!

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790


    Plaudite, amici, comedia finita est. Finis coronat virus. (Covid)