Ackermann, Otto (1909-1960)

  • Am 18. Oktober 1909 wurde OTTO ACKERMANN geboren. Diesen Dirigenten-Namen kenne ich seit den fünfziger Jahren, da meine Eltern Operetten im Radio hörten...und z.B. „Zigeunerbaron“, wie auch „Wiener Blut“ mit der Schwarzkopf unter Ackermann, gab es öfter, zumindest ausschnittweise. (EMI) Ob meine Vorurteile gegenüber der Operette bereits damals geschürt wurden, da diese für das Interesse meiner Eltern an klassischer Musik im wesentlichen standen, mag wohl sein. Ich war in der Pubertät, hatte nach meinem Schlüsselerlebnis mit Dvoraks „Sinfonie aus der neuen Welt“ (in der Kur, nach einer schweren Erkrankung), angefangen mir die Welt der klassischen Musik Stück für Stück mit den Beethoven Sinfonien zu erobern. Das war nicht mehr die Musikwelt meiner Eltern. Ihr einseitiges Interesse für Operetten hatte allerdings einen großen Pluspunkt für mich:


    Nach Karel Ancerl (Dvorak’s „Neunte“), lernte ich einen zweiten Dirigenten-Namen kennen, der auch mit dem Buchstaben A begann: nämlich Otto Ackermann. Noch heute könnte ich die Musik der beiden genannten Operetten verwechseln, aber die Art wie dieser Dirigent vor fünfzig Jahren den orchestralen Anteil dieser Operetten mit einer schwungvollen, ja süffigen und trotzdem sehr subtilen Art dirigiert hat, hab ich zum Teil noch heute im Ohr.


    Meine Eltern konnte ich nach dem „schweren Beethoven“ (wie meine Mutter stets sagte) dann etwas versöhnen, da ich wusste, dass im Radio „Selig sind die Verfolgung leiden“ aus dem „Evangelimann“ (Kienzl) mit Peter Anders kam. Damals wenig, aber heute weiß ich die Stimme dieses Tenors sehr zu schätzen, damals stand offensichtlich die Schulung meines Gehörs für das Orchester und seine Farben im Vordergrund, denn Ackermann begleitete ihn. Zwei Jahre nach dieser Radio-Übertragung ist Anders ja bekannterweise auf tragische Weise bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen..............und das war ganz in der Nähe unseres Wohnorts und damit Gesprächsthema in unserem Ort.


    Ich hatte also mit meinen Eltern dicht vor dem alten Radio gesessen, hatte damals aber nur Ohren für die Magie des Dirigats dieses Ackermann, das mich voll in seinen Bann gezogen hatte. Das Schwelgen für Stimmen war nichts für mein pubertierendes Gemüt. Bis dahin hatte ich noch kein Orchester LIVE gehört, was dazu führte, dass Ackermann mein erster Radiodirigent wurde. Ich saß dann mit Bildern und Büchern über Instrumente, Orchester, deren Sitzordnung und Anleitungen über die Dirigierkunst etc gebannt da und lauschte. Bis heute meine ich davon zu profitieren, hauptsächlich auf die eigene Phantasie und Vorstellungskraft beim Hören die Priorität seit damals gesetzt zu haben. Noch heute bin ich hauptsächlich ein „Hörmensch“, vor allem auch dank Otto Ackermann.


    Die DVDs werden bei mir (wohl wegen der geschilderten Fakten) immer ein Schattendasein führen.


    Damals hatte ich also unter anderem ein LIVE Radio-Konzert unter Ackermann mit Sena Jerunac, Peter Anders und Kurt Böhme gehört. Erst 5 Jahre nachdem ich über den Äther „Durch die Wälder, durch die Auen“ unter dem Dirigat Ackermanns mit Peter Anders gehört hatte, sah ich die gesamte Oper in Hamburg, mit Heinz Hoppe, bzw mit Ernst Kozub in den Hauptrollen und der jungen Edith Mathis, so wie Arlene Saunders. Die Sänger sind in meiner Erinnerung weit weg....


    Aber bei den Dirigaten von Leopold Ludwig (Freischütz) und Wilhelm Brückner-Rüggeberg (Smetana) habe ich damals geflucht, das weiß ich noch genau. Das war Hausmannskost, derb und zum Sattmachen gedacht. Das war ein „Eintopf“ und kein Gericht eines Sterne-Kochs mit vielen Zutaten, die man einzeln meinte zu riechen, wie ich es aus dem Radio von diesem Schweizer Ackermann (Radioansage) kannte. Auch bei den Arien/Duett von Marie und Hans (Verkaufte Braut) entsprach das Dirigat in seiner Natürlichkeit der „Naturstimme“ der jungen Sena Jurinac.


    Meine Ohren waren immer erst beim Orchester, dem Klang und der Eigenart des Klangkörpers, dank Ackermann. Dieser lieferte beim sogenannten „Begleiten“ den Beweis seiner unschätzbaren hohen Musikalität. „Die verkaufte Braut“, meine zweite Oper in Hamburg, mit dem jungen Heinz Kruse unter Brückner-Rüggeberg, brachte mich in Erinnerung des Dirigats von Ackermann, zu Richard Strauss und den „Vier letzten Lieder“, die Ackermann 1953 mit der Schwarzkopf und dem Philharmonia Orchestra eingespielt hat.


    1960 war diese Aufnahme von Ackermann – neben den Operetten – die einzigste erhältliche Platte mit ihm. Bis heute ist diese Interpretation für mich DIE für die berühmte Insel. Wenn ich diese Aufnahme mit der Szell’s vergleiche, fällt mir insbesondere die Natürlichkeit des Streicherklangs mit seiner unglaublichen Transparenz auf. Die artifizielle Note der Schwarzkopf’schen Kunst unterstreicht Szell indess, so dass bei ihm mehr das nostalgische Moment zum Tragen kommt , während Ackermann sie sehr sanft konterkarriert und dadurch das manieristische Moment im Gesang der Schwarzkopf durch die Schlichtheit der Streicher noch deutlicher, wie auch intensiver in seiner Wirkung wurde. Zurück zum Radiokonzert der Fünfziger, in dem Ackermann auch Ausschnitte aus dem Rosenkavalier und der Ariadne dirigierte. Ich weiß nicht, ob es die Rosenkavalier-Suite mit ihm jemals auf Platte gegeben hat..... aber eine Interpretation, die einer Strömungsqualität der Donau bei beschwingten Windverhältnissen von Stärke 3 bis 4 entspricht, bewegt dem Zuhörenden fast automatisch das Tanzbein im recht beschwingten ¾ Takt.


    Die Rosenkavalier-Suite mit Otto Ackermann eröffnete eine richtig neue Gefühlswelt für mich. (mit 15 Jahren) 1957 wurde bei ihm ein Speiseröhrenkrebs diagnostiziert. Zehn Jahre zuvor war er staatenlos geworden, weil er und seine Familie sich nicht mit dem kommunistischen System in Rumänien identifizieren wollten. Zur selben Zeit bot ihm die Wiener Staatsoper (damals in der Volksoper) nach einigen erfolgreichen Gastspielen mit „Carmen“ und dem „Rosenkavalier“ einen mehrjährigen Vertrag als musikalischer Oberleiter an.


    Gut war diese Zeit nicht für ihn, denn die Eigengesetzlichkeiten an diesem Opernhaus von Rang, für einen „Unbekannten“ ohne Lobby, führten zu großen Enttäuschungen. Ob da noch „großdeutsche Reich-Nachwehen“ eine Rolle gespielt haben, lässt sich vermuten, aber für Außenstehende nicht beweisen. Der berühmte, aber leider fast vergessene Julius Prüwer (1874-1943), ab 1925 ständiger Dirigent der Berliner Philharmoniker (!), ermöglichte dem 27jährigen ab 1926 ein Studium in Berlin. Prüwer war übrigens auch Szell’s Lehrmeister.


    Man stelle sich vor, dass der 22jährige Ackermann bereits 1931 in Bayreuth dirigieren durfte, wenn seine beiden Förderer Furtwängler und Toscanini unpässlich waren. 1932 ging er noch als jüngster GMD nach Brünn, wo er zu Wagners 50. Todestag bereits alle wichtigen Opern des Meisters mit Mitte Zwanzig dirigierte. Trotzdem, der Nationalsozialismus zwang ihn – wie auch Prüwer, der in die USA emigrierte- zur Flucht und zwar in die Schweiz.


    Einmal „Berner Treue“, immer „Berner Treue“, vor allem in Krisenzeiten, sollte sich ab diesem Schicksalsjahr abzeichnen. Seitdem er 1935 dort sein Debut im Alter von 26 Jahren geben konnte, brach die verbindliche Fürsorglichkeit der Kulturverantwortlichen der Schweizer Hauptstadt für Ackermann niemals wieder ab... 1949 schlug er wieder sein Domizil in Bern auf, wo er regelmäßig Gastdirigate am Stadttheater, in Konzerten des Berner Stadtorchesters und im Rundfunkstudio geben durfte. Aus diesen Jahren schätze ich eine fulminante 4. Tschaikowsky. Anschließend wurde er für drei Jahre 1. Dirigent am Zürcher Opernhaus. Dort mochte man besonders seine klaren und zugleich tiefen Interpretationen der Mozart Opern. Rudolf Hartmann schrieb, niemals die Priester-Szenen und Sarastro-Reden „in solch tief berührender Verklärung“ hat musizieren hören.


    Jetzt ging auch seine internationale Karriere los, Wien holte ihn jetzt oft, verschiedene Italienische Häuser und Orchester......und er bekam bei EMI einen Exklusiv-Vertrag. Für „Concert Hall“ dirigierte er 32 Mozart-Sinfonien. Falls jemand mehr über diese Aufnahmen weiß, wäre ich für Informationen dankbar. Mit Melitta Muszely und Fritz Uhl spielte er die erste Gesamtaufnahme von Busonis „Turandot“ ein.


    1953 wurde Ackermann Nachfolger von Richard Kraus am Kölner Opernhaus. Von der „Krönung der Poppea“ bis zum „Schlauen Füchslein“ dirigierte er so ziemlich das gesamte Repertoire. Schon von Krankheit gezeichnet war der „Oberon“ seine letzte Opernvorstellung. Schätze gibt es in den WDR-Archiven, denn dort machte Ackermann viele Studio-Produktionen von 1954 bis 1957. Darunter sind eine „Manon Lescaut“ mit Anny Schlemm und Hans Hopf, Mozart Klavierkonzerte mit Clara Haskil, „Lieder eines fahrenden Gesellen“ mit Dieskau, Mozart-Arien mit Teresa Stich-Randall ....und vieles mehr.


    Wenn ich Aufnahmen mit Ackermann höre, die leider viel zu selten aus den Archiven geholt werden, erlebe ich fast immer einen in besonderem Maße mit seinem Orchester atmenden Dirigenten. Ein wunderbar flexibler aber niemals brachialer Rhythmus ist eines seiner Markenzeichen und die Kunst große Bögen zu spannen. Man höre nur seine wundervolle Dvorak-Aufnahmen des Cellokonzerts mit Paul Tortellier, sowie die exellente „Sinfonie aus der neuen Welt“ mit dem Zürcher Tonhalle Orchester. (CDO 1071, The great Conductors)


    Ich erinnere mich an die Anmerkung eines Konzertmeisters des WDR, der voller Bewunderung und Dankbarkeit von Ackermann sprach, insbesondere wegen seiner unfehlbaren Sicherheit der Orchesterführung, seiner überlegenen Ruhe auch an den kniffligsten Stellen. Und seinem untrüglichen Gehör. Vor gut 51 Jahren, am 9. März 1960, ist Ackermann nach dreijährigem Leiden in der Nähe von Bern gestorben. Viele Dokumente besitze ich leider nicht von ihm.


    Gruß.............Arnulfus




  • Liebe EROICAeaner/innen


    EINE DER Aufnahmen für die Insel sind die >>die vier letzten Lieder<< von 1954 mit der Schwarzkopf und dem Dirigenten Ackermann <<.
    Die 7 Jahre spätere, viel berühmtere Aufnahme, unter George Szell, erreicht m.E. nicht dasselbe Niveau.


    Arnulfus

  • EINE DER Aufnahmen für die Insel sind die >>die vier letzten Lieder<< von 1954 mit der Schwarzkopf und dem Dirigenten Ackermann <<.

    Lieber Arnulfus,


    ich habe mir gerade einige Hörschnipsel von dieser CD angehört. :jubel: Wenn Du diese CD auf der "Insel" dabei hast, komme ich doch den Klängen lauschend bei Dir vorbei. Ein wirklich schön erhaltenes Tondokument. Es gibt noch viele Musik die ich noch nicht entdeckt habe.


    Danke für Deinen informativen Bericht über Otto Ackermann und einfließend über Elisabeth Schwarzkopf *yepp*