02/26 - Claviersonate Es-Dur op. 81a („Les Adieux“): Einspielungen (opi)

  • Zitat

    Zwei Werke, die Klaviersonate Nr. 26 „Les Adieux“ und das Sextett in Es-Dur, wurden von verschiedenen Herausgebern versehentlich unter derselben Opuszahl (81) veröffentlicht und werden daher mit Opus 81a und Opus 81b bezeichnet.

    (Zitiert nach: Brilliant Classics: Opus numbers, in: Beethoven: Complete Works. 2008, S. 2.)


    So lautet die Angabe auf der Erstausgabe bei Breitkopf & Härtel „81tes Werk“ (1810/11), gleichzeitig erschien das bislang unveröffentlichte Sextett aus den 1790er Jahren bei Simrock, Bonn in Stimmen ebenfalls unter der Opus-Nummer 81 (für des Rätsels Lösung danke ich dem Wiener Observatorium).


    Zum Interpretations- und Instrumentenvergleich stehen vorläufig an:



    Melvyn Tan, Hammerclavier Derek Adlam nach Nannette Streicher 1814


    61G3qgAhuTL._SL300_.jpg



    Ronald Brautigam, Fortepiano Paul McNulty 2007 nach Conrad Craf op. 318 (c1819)



    Paul Badura-Skoda, Fortepiano Georg Hasska, Wien c1815


    InterpretIIIIIIInstrument
    Paul Badura-Skoda6:113:255:29Georg Hasska, Wien c1815
    Ronald Brautigam6:493:305:26Paul McNulty 2007 nach Conrad Graf op. 318 c1819
    Melnyn Tan6:363:315:49Derek Adlam nach Nannette Streicher 1814





    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790


    Plaudite, amici, comedia finita est. Finis coronat virus. (Covid)

  • Bei Badura-Skoda sind, wie recht oft in dieser Ausgabe, bei den Attacca-Sätzen die Sätze II und III in einem Track zusammengefasst (bei der digitalen Wiedergabe mag das durchaus gewisse Vorteile haben: kein Unterbrechen des „Hintergrundrauschens“, keine zu lange währenden Pausen; je nach gewählter Wiedergabeeinstellung. Mir persönlich ist das egal, da ich das a) nicht wahrnehme und ich b) keine Einzelsätze ansteuern muss; ich höre komplett oder gar nicht).


    Der gewählte Hasska-Flügel hat etwas Verschrobenes und Schrulliges von einem verrauchten Kneipenclavier; was ich sehr mag. Dies tritt insbesondere in den langsamen Teilen (Adagio erster Satz und Mittelsatz) zum Vorschein und gibt der Musik einen gewissen fahlen Teint, eine zerbrechliche Persönlichkeit, das ich - beides - als passend empfinde. Erst beim Mitlesen der Noten fällt mir auf, auf welch dünnem Eis sich Badura-Skoda hinsichtlich der gewählten Tempi, insbesondere im Finalsatz, bewegt.


    Ronald Brautigams Graf wirkt im Vergleich dazu viel sicherer, stabiler. Das Werk präsentiert sich hier deutlich verbindlicher, aber eben auch gewissermassen auf Distanz abzielend; es lässt keine persönliche Annäherung zu. Eher (zu) nüchtern wirkt auf mich auch das „Andante espressivo“. In der Tempowahl unterscheidet Brautigam sich in den Sätzen II und III nicht besonders von Badura-Skoda, intrumentenbedingt wirkt auch das Abbrennen des finalen Feuerwerks nicht so heikel wie beim Kollegen BS. Auch in Ermangelung der damals noch nicht erfundenen Repetitionsmechanik gibt sich der Graf-Flügel perlend flüssig, ohne auch nur einen Ton zu verschlucken, sicher ein Kunststück, dies auf einem solchen Instrument so spielen zu können. Der Gebrauch von Moderator und Dämpfungsaufhebung hält sich allerdings m. E. in Grenzen.


    Melvyn Tan bespielt ein von Beethoven vielgelobtes Steicher-Instrument. In der Tat scheint es sich bei dieser Aufnahme zufälliger Weise um genau die Schnittmenge aus Hasska und Graf zu handeln; am besten gefallen mir hier die Tenöre/Bässe (also: linke Hand; wenn ich mit der menschlichen Stimmlage vergleiche); sie sind sehr ausgeprägt, klar und geerdet. Deutlich leidender als Brautigam erklingt hier „die Abwesenheit“; wie so manches Mal erschließt sich mir hier, daß die langsamen Sätze teilweise auch als bloße Introduktion zum folgenden Finalsatz verstanden/uminterpretiert werden können (bei der Waldsteinsonate als ebensolche bezeichnet, weshalb sie eigentlich nur zwei Sätze hat?).


    Auch hier spricht die allgemeine Knappheit des Satzes wie auch das „attacca“ für diese Zwitterform zwischen bloßer Einleitung und selbständigem „Satz“, der mangels Ende niemals für sich allein stehen kann. Obgleich diese Art Mittelsätze (Vergleichbares existiert auch bei den Cellosonaten) durch das „attacca“ gewissermaßen an Eigenständigkeit einbüßen, und ganz im Gegensatz zur konkreten Ansage bei der Waldstein-Sonate („Introduzione“) hat der langsame Satz hier eine Funktion innerhalb des Programmablaufs (Abschied - Abwesenheit - Das Wiedersehn). Im Gegensatz ist der Mittelsatz hier also nicht allein vorbereitend auf das Kommende zu verstehen (sehr wohl aber auch: ohne Abwesenheit kein Wiedersehn), sondern verarbeitet schmerzlich die ... genau: Abwesenheit.


    Beeindruckend an dieser Sonate ist für mich ihre Komprimiertheit; in rund 15-16 Minuten wird quasi alles gesagt, ohne das Themenmaterial besonders zu strapazieren, zu drängen oder auf engsten Raum zu quetschen; meisterhaft gemacht. Spielt man die lgs. Einleitung des Kopfsatzes, so muß man völlig ignorierend - trotz Kenntnis des Nachfolgenden - das Drei-Achtel-Motiv als Quasi-Vorwegnahme des Startmotivs des Allegro alla breve völlig anders spielen als es dann erklingen wird; das gelingt Brautigam m. E. am besten:


    57-2463e736.png


    Ebenso ist der Finalsatz „für sich alleine“ nicht denkbar/anhörbar; er hängt vom vorausgehenden lgs. Satz ab, beide Sätze sind also verschränkt. Im Unterschied dazu wäre ist der erste Satz auch ohne dessen Einleitung denkbar/hörbar, wenn es auch thematische Verbindungen zueinander gibt (ist also nicht verschränkt); er würde eben wie die 8te Sinfonie „in medias res“ beginnen (mir fehlt stets die lgs. Einleitung zu dieser Sinfonie!). Was ich daraus mitnehme: Ein Abschied steht also für sich allein. Ein Wiedersehn ist ohne den vorausgehenden Verlust(schmerz) kaum sinnvoll ...


    Warum sich der Titel der Sonate bislang auf das Kopfsatz-Programm beschränkt ... finde ich beschränkt (erschließt sich mir nicht). Beethoven fand's auch nicht so überaus gelungen ...

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790


    Plaudite, amici, comedia finita est. Finis coronat virus. (Covid)