Nachruf auf Bernhard Morbach

  • Dass ich ein klein wenig mit Bernhard Morbach zu tun hatte, habt Ihr ja mitbekommen. Eine Sorge hatte ich, da er einige Tage nicht online war und beinahe hätte ich angerufen. Jetzt erfuhr ich anderes. Er starb 71-jährig am 6. Februar. Das geht mir nahe.


    Ich erinnere mich an seine erstklassigen Bücher über die Musikwelt des Mittelalters, der Renaissance und des Barock, die der Grund waren, warum ich ihn kennenlernen wollte. Ich erinnere mich an Telefonate, die ihm weit lieber waren als E-mails. Ich erinnere mich an unseren steten Facebook-Kontakt. Immer wieder mochte er, was ich dort machte, zuletzt den blöden Witz über Mozart, Gott und Bach am 27. Januar. Er war geradezu ein Fan meiner Reihe "Essen gegen Rechts" und der Virus-Zitate dort und gab immer locker ein Like für meine kleinen musikalischen Gehversuche. Ende Oktober schrieb er mir einen Kommentar, der mir sehr gefallen hat und den ich nun behalte: "Ich finde auf jeden Fall bemerkenswert, dass Du dieses Plapperformat FB intellektuell aufrüstest. Vielleicht ist es ja doch durchaus sinnvoll".


    Er versorgte seine Facebookcommunity mit Hinweisen zu seinen aktuellen Sendungen im Onlineradio Allclassic.Berlin, mit Fotos von seinen Wanderungen in Berlin, mit bissigen Gedanken zur Degeneration des Radioprogramms. Seit 1979 beim SFB 3 (später rbb) hat er viel für die Originalklangszene, für ein hohes Bildungsniveau bei gleichzeitiger Mitnahme des durchschnittlichen Hörers, für die Präsenz dieser angeblichen Nischenmusik in den Medien getan. Da war er leidenschaftlich und angesichts der jüngeren Entwicklung leidend. Seine Formate waren modern, unkonventionell, lebhaft und tradierte Grenzen überbrückend. Er hat mich mit seinen Kenntnissen der sogenannten Alten Musik, die für ihn zu Recht hoch aktuell war, sehr bereichert, schreibend und sprechend, humorvoll, unbeirrt, kritisch, zugewandt. Von seinem Geburtsort Leiwen an der Mosel hatte es ihn zum Studium der Musikologie nach Saarbrücken (Doktorarbeit über Mozarts Messen) und schließlich ins Berliner Radio verschlagen, im fundierten Gepäck alles, was er seinen Hörern, seinem Gegenüber, dann gerne zur Verfügung stellte, interessiert und anspruchsvoll, aber nie schulmeisterlich akademisch von oben sondern im Leben geerdet. Wie ein guter Riesling von der Mosel. Seine Live-Sendungen mit Roland Götz oder Ludwig Finscher sind auch heute noch ein unverkrampfter Genuss und eine Bereicherung.


    Ich erinnere mich an den Tag im Sommer '19, den wir zusammen in Berlin verbrachten. Wir wollten eigentlich zusammen ein wenig spazierwandern, aber er hatte eine Fußverletzung und so klingelte ich an seiner Haustür, heller Berliner Altbau. Es war unser beider erstes internetgeborenes Blind-date. Er drückte mir, kaum war ich durch die Tür, Suzukis h-moll Messe schenkend in die Hand. Ich meinte: "Willst Du damit nicht warten, bis ich wieder gehe? Vielleicht wird's ja nix". Nun, es wurde was. Wir unterhielten uns einige Stunden, hörten, fragten, Musik, Beruf, Savall, Reinhard Goebel, Radiogeschichte, Erziehung, Riesling. Dann zogen wir weiter, mit der S-Bahn in sein liebstes italienisches Restaurant. Es war ein wunderbarer Tag, denn Bernhard sprach direkt, auch mal barsch, und er hörte zu, menschlich leidenschaftlich. Als ich am Bahnhof Zoo in den Bus gestiegen war, schaute ich ihm hinterher. Langsam, etwas alt, ging er, zwischen all den Berliner Gestalten, zur U-Bahn und verschwand.


    Im rbbKultur gibt es heute Nacht um 22 Uhr eine Sondersendung zu seinem Tod. Wer kann und mag, möge reinhören. Der rbb trauert, heißt es nun. Wer ihn kannte, weiß: Bernhard trauerte zuerst. Eine erneute Ausstrahlung seiner Sendungen ist dringend angeraten, will man sich dort ernsthaft für seine Arbeit bedanken und entgegen des Qualitätssinkfluges doch noch etwas ihm und den Hörern zuliebe steigen lassen.


    Lieber Bernhard, den nächsten Moselriesling trinke ich auf Dich und danke Dir!



    Berhard Morbach

    Es gibt viele, die nicht reden, wenn sie verstummen sollten, und andere, die nicht fragen, wenn sie geantwortet haben.
    Johann Georg August Galletti (1750-1828)

  • Sehr schade! Ich hätte ihm noch viele Jahre Rente und schöne Wanderungen gegönnt. Ich habe seine Bücher gern gelesen und in den CD-Rom herumgestöbert, er hat mir damit bei meinen ersten ernsthaften Schritten auf dem Gebiet der Alten Musik sehr geholfen. Als er beim rbb aufhörte, fehlten mir seine Sendungen und Rezensionen. Seine Nachfolger haben ihn nie erreicht, fand ich. Eine "Konifere der Alten Musik" sei er, schrieb mal jemand launig in einem wohlwollenden Bericht über ihn. Ich werde ihn vermissen


    lg vom eifelplatz, Chris

  • Ich kannte den Mann leider gar nicht; für mich liest sich aber sehr interessant, was du schreibst.

    Eine Sorge hatte ich, da er einige Tage nicht online war

    Das ist die neue Art der sozialen Kenntnisnahme.

    ...

    die der Grund waren, warum ich ihn kennenlernen wollte.


    Ich erinnere mich an den Tag im Sommer '19, den wir zusammen in Berlin verbrachten.

    Wie lernt man jemanden völlig Fremden einfach so kennen? Und besucht ihn?

    zuletzt den blöden Witz über Mozart, Gott und Bach am 27. Januar. Er war geradezu ein Fan meiner Reihe "Essen gegen Rechts" und der Virus-Zitate dort

    Ich dachte, du bist aus Köln.

    Ich erinnere mich an seine erstklassigen Bücher über die Musikwelt des Mittelalters, der Renaissance und des Barock

    Die kenne ich alle nicht.

    Langsam, etwas alt, ging er, zwischen all den Berliner Gestalten, zur U-Bahn und verschwand.

    Lebte er ganz allein?

    "Mit der Vielzelligkeit kam der Tod, mit dem Nervensystem der Schmerz, mit dem Bewusstsein die Angst, mit dem Besitz die Sorge." Rupert Riedl

  • Lieber Yorick, nein, er lebte nicht allein und war auch nicht einsam. Er hatte eine Menge lebhafte Kontakte und war bis zuletzt aktiv, wie gesagt auch mit seinen Sendungen im Internetradio. Manche kannten ihn, manche gut und sehr gut, manche nicht, das macht nichts. Mich hat er aufgrund seiner Bücher interessiert.


    Wie man Fremde kennenlernt? Na, zum Beispiel wie hier im Forum: da meldet man sich an, nachdem man schon längere Zeit mitgelesen und ein gewisses ungewisses Bild von manchen Personen gewonnen hat; dann nimmt man teil, wo es einen interessiert, nimmt wahr, trägt bei, man kommt ins (nennen wir den Weg der neuen Medien ruhig so) Gespräch und irgendwann steht man vielleicht mit einem Typen aus Karlsruhe und seinem chinesischen Mann am Kölner Dom und trinkt Glühwein. Oder auch nicht. Oder demnächst wieder. Das ist heute leichter denn vor zwanzig, dreißig Jahren und früher. Und wenn's passt, dann passt's halt. Oder man lässt es. Wenn man Lust darauf und Platz dafür hat, Menschen kennenzulernen, lernt man welche kennen. Bernhard hätte ich sicher in Berlin mal wiedergetroffen, vielleicht wäre er auch mal nach Köln gekommen, er fragte, ob sich das für die Karnevalstage lohne (da rate ich nunmal immer ab), Corona stellte ein gutes halbes Jahr später und andauernd alles auf Pause. Ich bin nicht nur aus Köln, sondern sogar in Köln, die Distanzen lassen sich aber locker überwinden, wir beide könnten uns ja auch mal treffen.


    Die sozialen Medien haben ihre Vor- und Nachteile, manches geht, manches geht nur im verbalen Dialog und in der Begegnung, es gibt immernoch Telefone und Eisenbahnen. Ich bin jedenfalls froh, dass ich über Clemens Goldbergs Facebookseite von ihm erfahren habe, was geschehen ist, weil ich ganz sicher nicht zu Bernhards nahen Leuten gehörte, die benachrichtigt würden, und auch nicht die Berliner Tageszeitungen oder den Webauftritt des rbb lese.


    *sante*

    Es gibt viele, die nicht reden, wenn sie verstummen sollten, und andere, die nicht fragen, wenn sie geantwortet haben.
    Johann Georg August Galletti (1750-1828)

  • Er drückte mir, kaum war ich durch die Tür, Suzukis h-moll Messe schenkend in die Hand.

    Masaaki Suzuki scheint in der Tat sein bevorzugter Bachinterpret gewesen zu sein, jedenfalls was die geistlichen Kantaten anbetrifft. Schau mal in die Folge 4 seiner Gespräche mit Clemens Goldberg. Darin geht es u.a. um die Lesarten des Purcell Quartetts, von Masaaki Suzuki und Christoph Spering:


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    Leider bleibt die Sendung ganz im Gegenteil zu den Mittelalter-, Renaissance- Mozartproduktionen (Kirchenmusik) etwas blass, da sich die Diskutanten, jedenfalls zum Teil, auf altbekannte Adjektive zur Beschreibung des musikalischen Geschehens beschränken. Gleichwohl gibt es auch hier Highlights der detaillierten Auslegung, insbesondere dann, wenn es um den Textbezug der Musik Bachs geht.


    Insgesamt sind die aufgezeichneten 16 Gespräche zwischen Bernhard Morbach und Clemens Goldberg, die man auf dem YT-Channel von Herrn Morbach nachverfolgen kann, zur Erhörung außerordentlich empfehlenswert.