1798 - Der Zauberfloete zweyter Theil: Das Labyrinth oder Der Kampf mit den Elementen

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    Das Labyrinth oder: Der Kampf mit den Elementen
    Der Zauberflöte zweyther Theil

    Heroisch-komische Oper
    Libretto: Emanuel Schikaneder
    UA: 1798, Wien

    Christof Fischesser, Sarastro (Baß)
    Julia Novikova, Königin der Nacht (Sopran)
    Malin Hartelius, Pamina (Sopran)
    Michael Schade, Tamino (Tenor)
    Thomas Tatzl, Papageno (Bariton)
    Regula Mühlemann, Papagena (Sopran)
    Anton Scharinger, Alter Papageno (Baß)
    Ute Gfrerer, Alte Papagena (Sopran)
    Nina Bernsteiner, Erste Dame (Sopran)
    Christina Daletska, Zweite Dame (Mezzo)
    Monika Bohinec, Dritte Dame (Mezzo)
    Klaus Kuttler, Monostatos (Bariton)

    Salzburger Bachchor
    Salzburger Festspiele Theater und Kinderchor
    Mozarteumorchester Salzburg

    Ivor Bolton

    Die Aufnahme hatte ich vor Urzeiten mal gesehen und gehört und habe dies als eher mühsames Unterfangen in Erinnerung; die Besetzung hingegen bietet ja auf den ersten Blick einige Pluspunkte - ich werde das zu gegebener Zeit nochmals nachhören/sehen und ggfs. revidieren resp. konkretisieren. Ich habe mir zu dem Thema heute entsprechende Literatur geordert.

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    Die Absicht, vermittelst eines effektlüsternen Titels an den Ruhm der von Erfolg gekrönten Zauberflöte unmittelbar anzuschließen, war (um es mit Schikaneders Worten zu sagen)1 edel, lauter und rein.

    Versuche Schikaneders, sich ohne direkten Bezug zum Sujet an den leuchtenden Kometenschweif der Zauberflöte anzuheften, gab es früh: Die Waldmänner (1793, Henneberg), Der Höllenberg (1795, Wölfl), Der Spiegel von Arkadien (1794, Süßmayr). Mit der Schaffung eines echten Sequels befasste sich wohl als erster niemand geringerer als Johann Wolfgang von Goethe: 1795 begann er mit der Arbeit an einer Fortsetzung des Zauberflötenstoffes, ebenfalls unter dem Arbeitstitel "Der Zauberflöte zweyter Theil". Der Text blieb Fragment und qualifiziert sich allenfalls zur Vorstufe eines Librettos2. Carl Friedrich Zelter (1758-1832) hielt das "Libretto" für vertonbar und empfahl es Karl Eberwein 1816 ausdrücklich zur Vertonung, wie Waldura eruierte. Von Zelters Kompositionsansätzen ist lediglich die Existenz einer Ouvertüre verbürgt, behauptet Wikipedia ohne Quellenangabe.

    Der von Goethe skizzierte Plot will sich dann meinem bescheidenen persönlichen Empfinden nach auch nicht recht in die Zauberflötenwelt integrieren, stellt sich mir als unwegsam und wenig geeignet dar: daß Sarastro dem bislang kinderlosen Paar Papageno und Papagena aus einem goldenen Ei drei Küken herzaubert, mag gerade noch mit sehr viel Goodwill durchgehen ... daß aber das inzwischen geborene Kind Paminas und Taminos in einem Sarg versteckt wird, der ständig in Bewegung bleiben muß, damit das Kind nicht verstirbt ... also echt: Ach, du meine Goethe!

    Inzwischen hat aber Schikaneder selbst das Potential erkannt und kam zusammen mit Johann Mederitsch, genannt Gallus (Akt 1) und Peter von Winter (Akt 2) 1797 mit seiner ersten (Kon)Sequenz an den Markt: Die Pyramiden von Babylon.

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    Was es hiermit weiter auf sich hat, habe ich noch nicht weiter verfolgen können. Es muß sich dabei, wie bei der Vorlage zur 1791er Zauberflöte (Der Stein der Weisen) um ein Potpourri-Werk handeln, wie es Schikaneder oftmals mit großem Aufwand zu produzieren pflegte.

    Schließlich jedoch kam der (heute offizielle) 2. Teil der Zauberflöte 1798 auf die Bühne. Im Nachwort von Manuela Jahrmärker und Till Gerrit Waidelich zu deren Erstveröffentlichung des vollständigen Textbuches nach den zeitgenössischen Quellen (verlegt bei Hans Schneider, 1992) ist zu lesen:

    Zitat

    An vernichtenden Urteilen fehlte es wahrlich nicht, als Schikaneder seine Fortsetzung der Zauberflöte vorstellte [...]

    Darunter auch jener Carl Zelter, 1803: "Außer dem ist das Gedicht von der unbegreiflichsten Schlechtheit". Weiters ist berichtet von "uninteressanter Verworrenheit", einem faden und unsinnigen Sujet, "hinter anderen Werken derselben Männer weit zurückgeblieben", so daß die neue Maschinenoper "dem blossen Zuschauer nothwendig ein peinliches Gefühl erregen muß".

    Meine persönlichen Eindrücke zu der im Eingangspost gezeigten Produktion habe ich hier ab Post 4 niedergeschrieben.

    :wink:

    1 Mozart/Schikander: Die Zauberflöte, 1. Akt, 15. Auftritt (Tamino)
    2 Markus Waldura: "Der Zauberflöte Zweyter Theil" - Musikalische Konzeption einer nicht komponierten Oper.

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    Regisseure der Vergangenheit, Jetztzeit und der Zukunft irr(t)en, wenn sie bei der Umsetzung des „ersten Teils“ der Zauberflöte (1791) den finalen, vollständigen Untergang der Königin-der-Nacht-Armada in Szene setzten:

    Zitat

    Der Kampf der „lichten“ und „dunklen“ Mächte schien mit dem „Zernichten der Heuchler“, ihrem „Sturz in ewige Nacht“ keineswegs abgetan. Die relative „Offenheit“ des Schlusses ist von Schikaneder sicherlich bewußt angelegt [...].

    Dies meint Till Gerrit Waidelich (T.G.W.) in Das Labyrinth zwischen Nachahmung und Originalität, S. 100, und weiter:

    Zitat

    Auch eine weitere bewährte Technik für Sequenzen wendet er [Schikaneder; Anm. d. A.] an: Beide Brautpaare sind am Schluß der Zauberflöte noch nicht ausdrücklich miteinander vermählt.

    Die Option zur Fortsetzung des Wiener Erfolgsstücks war also von Beginn an einkalkuliert, um nicht vollständig ausgeschlossen zu sein, wie dies bei Schikaneders Bühnenwerken oft zu beobachten war und ist; zudem:

    Zitat

    Immerhin hatte das Labyrinth im Bewusstsein von Autor und Publikum solchen Stellenwert1, daß Schikaneder seit 1798 Mozarts Oper im allgemeinen mit dem Zusatz „Erster Theil der Zauberflöte“ ankündigte. Mehrfach wurde zwischen 1799 und 1804 Erster und Zweiter Teil an aufeinanderfolgenden Tagen gegeben.

    [Zitiert aus: Nachwort (T.G.W); Maschinenoper und Ausstattungsspektakel: Rezensionen und Zeugnisse, S. 88]

    Das Potential zur Fortführung des Plots erkannten gleichwohl nicht bloß Autor und Publikum; in Anmerkung 160 listet T.G.W. folgende wohl bislang eher weniger bekannte mittelbare wie unmittelbare Nachkommen:

    • J. Algarotti: Die neue Zauberflöte, oder Emilie und Solden, Leipzig 1799 (unvertont)
    • Franz Grillparzer: Der Zauberflöte zweiter Teil, 1826 (unvertont)
    • Dr. Martin Schulze / Heinrich August Schulze: Nitokris, der Zauberflöte zweiter Theil, Darmstadt 1886
    • Gottfried Stommel / Karl Goepfart: Sarastro, 1891
    • Ludwig Rintel / Wilhelm Rintel: Die Zauberflöte, II. Teil, 1886


    1Anmerkung 147: „Das Labyrinth zählte zu den zwölf erfolgreichsten Zugstücken des Freihaustheaters und wurde allein im Jahr 1798 bereits 34 mal gespielt, 1799 folgten weitere 8 Wiederholungen“.

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    Mich irritiert und fasziniert immer wieder, daß in der Vergangenheit eine Zukunft erfunden wurde, von der kaum jemand etwas mitbekommen hat. Die erwähnten, zwanghaft wirkenden, Fortsetzungsversuche diverser Autoren(gemeinschaften) sind sicherlich auch eine Erkundung wert - was aber kann konsequenter, „richtiger“ und originaler sein, als Schikaneder selbst?

    Häufig liest man von einem „Bruch“ im Plot der Zauberflöte (Teil 1), den ich nie nachvollziehen konnte. Besser als TGW in Das Labyrinth zwischen Nachahmung und Originalität kann man es kaum (im Vergleich zum „zweyten Theil“) beschreiben:

    Zitat

    Die finsteren und hellen Mächte werden [im 2. Teil; Anm. d. A.] nicht irreführend exponiert wie in der Mozart-Oper.

    Dergleichen soll auch in modernen Krimis und Serien schon beobachtet worden sein ...

    *birne* - also kein Bruch, sondern bewusstes Stilmittel (Schikaneders).

    Später im Kapitel Die Sphäre Lunas:

    Zitat

    Jene differenzierte Sicht des Charakters der Königin und ihres Gefolges, wie sie sich in der neueren - wenn nicht szenischen, so doch literaturgeschichtlichen - Rezeptionsgeschichte der Oper inzwischen durchzusetzen scheint, kann man für das Labyrinth nicht konstatieren, vielmehr mutiert die Königin in der Fortsetzung recht eindimensional zur bloßen Intrigantin [...]

    (... was sie von vorneherein war).

    Die Musik von Winters ist dem „ersten Theil“ spürbar nah: gespickt mit auffälligen und versteckten Zitaten aus der Mozartoper findet er sich in die Zauberflötenwelt ein und bleibt doch musikalisch mitunter eigen(willig). Ich empfinde seine Musik als überaus passend, kann sie doch - wie zuvor Meister Mozart - den zum Teil abstrusen Text in eine musikalisch kaum angreifbare; um nicht zu sagen: in Stein gemeißelte; Form geben. Wahrscheinlich hätte Mozart, wäre er mit der Komposition betraut und zum Komponieren noch hinreichend lebendig gewesen, revidierend auf das Libretto und dessen Plot eingewirkt (wie bei Zauberflöte und Entführung). Wenn ich das Libretto losgelöst von der Musik betrachte, könnte ich auch auf die Idee anspringen, daß es sich um plumpen Stuss handelt - aber sobald sich die Musik hinzugesellt, sieht das ganz anders aus! Vielleicht ein bewährtes Konzept Schikaneders? Ein Text eben, der ausschließlich mit der Musik funktioniert und sich somit; dem Komponisten „verzehrfertig“ aufgetischt; einer losgelösten Betrachtung entzieht: wenn ich den Text für sich genommen lese, höre ich sogleich (in Unkenntnis der eigentlichen Komposition) im inneren Ohr die dazugehörige Musik. Es wird dann schnell klar: daß Schikaneder eine ganz konkrete musikalische Umsetzung im Sinn hatte; und so erklärt es sich, daß von Winters Musik sich dem Libretto anschmiegt: sie passt wie „Faust auf's Auge“ oder; wie wir im Rheinländer gewählter zu sagen pflegen: „wie Arsch auf Eimer!“

    Zelter an Goethe (10. August 1803; zitiert nach TGW):

    Zitat

    Die Musik paßt zum Stück ungefähr so, wie der zweite Teil der 'Zauberflöte auf den ersten. Sie ist reich gearbeitet und voll von Effekten, die das Ohr und den Sinn betäuben und überrennen.

    Herzallerliebst ist das neu erfundene Glöckchenspielthema, welches auch gleich in der Ouvertüre (nach dem dreimaligen Akkord) anklingt und - empfinde bloß ich das? - wie auch zuvor in der Zauberflöte erstem Teil den Focus des Geschehens mehr auf das Glockenspiel denn auf die Zauberflöte richtet:

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    Aber auch ganz im gewohnten Gewande erklingt der Flöte Zauberton: untermalt mit den bekannten und geheimnisschwer gedämpften Paukentönen.

    Auf Youtube kursiert derweil eine Aufzeichnung der Oper in leider schlechter Bild-, dafür aber m. E. recht ordentlicher Tonqualität; eine Liveaufzeichnung, der es an Esprit, Witz, Tiefe und gar herausragenden Akteuren absolut nicht mangelt:

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    Salzburg Festival 2012 (Residenzhof Salzburg)
    Besetzung: siehe Eingangsposting

    Ich kann dem Stück doch einiges mehr abgewinnen, als zunächst vermutet (und falsch erinnert). Wer sich in der Zauber(flöten)welt Schikaneders mit dem Herzen daheim fühlt, wird hier definitiv auf seine Kosten kommen - ich kann allerdings auch verstehen, daß die Rezeptionsgeschichte der „alten“ Zauberflöte das Erlebnis negativ beeinflussen kann.

    Bis auf die BDSM-Masken von Eis.de ist die Inszenierung/Kostümierung auch ganz nett geworden.

    Ganz entsetzlich und enttäuschend hingegen finde ich; und das ist die Ausnahme; den Schlußchor Finale II, der mich (zumindest harmonisch) eher an schlecht vorausgeahnten Beethoven erinnert. Den müsste ich neu schreiben. Ebenso muß ich mit einem Kollegen aus einem kleinen gallischen Dorf, Netflix, in Kontakt treten wegen des von Schikaneder geplanten - aber nie zur Ausführung gelangten - dritten Theils ...

    Zitat von AmZ, 12. Oktober 1803

    Da der zweyte Theil der Zauberflöte, das Labyrinth, in Berlin so ungemein Glück gemacht hat, so hat sich der unerschöpfliche Dichter, Schikaneder, hierdurch gestärkt, vorgenommen, die Welt auch mit einem dritten Theile zu versorgen [...]

    Zu gegebener Zeit werde ich noch eine Inhaltsangabe verfassen und explizit auf musikalische Besonderheiten und Parallelen zum ersten Theil hinweisen. Wenn ich mir das Sujet anschaue, wirkt doch einiges sehr befremdlich und unpassend; sobald aber von Winters zauberhafte Musik dazu erklingt, fühle ich mich geborgen und daheim.

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    P E R S O N E N

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    Sarastro
    Königinn der Nacht (Luna)
    Pamina, ihre Tochter
    Tamino
    Tipheus, König zu Paphos
    Sithos, sein Freund
    Oberpristerinn
    Erste Priesterinn
    Zweyte Priesterinn
    Papageno
    Papagena
    Papagenos Vater
    Papagenos Mutter
    Erster Priester
    Zweyter Priester
    Erste Dame der Königinn der Nacht (Venus)
    Zweyte Dame der Königinn der Nacht (Amor)
    Dritte Dame der Königinn der Nacht (Page)
    Monostatos, ein Mohr
    Gura, eine Mohrin
    Erster Genius
    Zweyter Genius
    Dritter Genius

    Mehrere Priester und Priesterinnen
    Mehrere Krieger des Tipheus
    Viele kleine Papagenos und Papagenas
    Viele Mohren, und Volk