VerWERFliche Alma?

  • Alma geb. Schindler (1879-1964)



    Alma (geb.) Schindler war nicht nur Ehefrau des heute berühmten und wieder geschätzen Gustav Mahler (1860-1911), sondern auch mit Künstlern, die noch heute als Größen ihrer Fakultät gelten, liiert; darunter die Maler Gustav Klimt und Oskar Kokoschka sowie die Komponisten Franz Schreker (der heute allmählich wieder bekannter wird), Hans Pfitzner und der etwas im Abseits stehende Alexander von Zemlinsky, der vornehmlich und offiziell ihr Kompositionslehrer war. Erste 'Erfahrungen' auf ihrem 'Fachgebiet' machte Alma Schindler 17jährig mit Gustav Klimt, den sie 3 Jahre lang quälte. Abgelöst wurde Klimt von ihrem Lehrer Zemlinsky, die Liaison löste sich erst allmählich durch die Heirat mit Gustav Mahler. Aus der Ehe gingen zwei Töchter hervor: Maria Anna (1902-1907) und Anna Justine (1904-1988). Bereits in der Zeit, als Mahler vom Tode gezeichnet war, unterhielt Alma eine Beziehung zu Franz Schreker, Hans Pfitzner und dem Architekten und Bauhausbegründer Walter Gropius, inzwischen auch zu Oskar Kokoschka, von dem sie 1914 schwanger war, das werdende Kind aber (gegen den Willen des Vaters) abtrieb. 1915 heiratete Alma Walter Gropius; aus der Ehe ging die Tochter Manon Gropius hervor, die sehr früh verstarb (1935) und Anlass für Alban Bergs Violinkonzert Dem Andenken eines Engels war. Noch als Alma Gropius und während der parallelen Beziehung zu Franz Werfel gebar Alma 1918 einen Sohn von ihm: Martin Carl Johannes, der allerdings nur ein Jahr lebte. 1920 willigte Gopius nach längerem Zögern in die Scheidung ein, 1929 heiratete Alma Franz Werfel. Die Verbindung endete durch Werfels Tod (1945).


    Eine kleine (nicht erschöpfende) Grafik soll die Beziehungen etwas veranschaulichen (zum Vergrößern anklicken):



    Mir waren war diverse Ansätze von Almas (Un)Triebigkeiten aus verschiedenen Gustav-Mahler-Biogafien bekannt, so richtig real wurden diese aber erst nach meiner Lektüre von Françoise Girouds Briographie ALMA MAHLER - oder: die Kunst, geliebt zu werden:



    Der Originaltext der französischen Literaturpreisträgerin und Begründerin der Frauenzeitschrift Elle wurde von Ursel Schäfer in äußerst direktes, scharfes, unverblümtes, aber auch einfühlsames und verständnisvolles (und verständiges) Deutsch übertragen. Das war eine sehr krasse, aber nicht minder spannende Erfahrung! So sehr mich das Geschriebene oftmals verunsicherte, gar abschreckte, so sehr fesselte mich auch diese Schrift Girouds - ein Buch, daß man trotz der eher unangenehmen Tatsachenpräsentationen lechzend bis um Ende lesen muss.


    Wie viele Fotos noch heute erkennen lassen, war Alma sicherlich eine optisch (und wohl auch erotisch) sehr anziehende Person, die es verstand, selektierte Persönlichkeiten in ihren Bann zu ziehen und nur nach ihrem Ermessen wieder aus ihren Tentakeln frei zu geben (wenn sie nicht verstarben). Dabei war sie immer wieder die unabdingbare Inspirationsquelle für das Schaffen der von ihr erwählten Künstler: viele Werke Mahlers sind allein ihr gewidmet (nicht nur die 8. Sinfonie, was allgemein bekannt ist, sondern eben auch die 6., das Lied Liebst du um Schönheit und nicht zuletzt verarbeitete Mahler seine Frau in der unvollendet gebliebenen 10. Sinfonie). Oskar Kokoschka portraitierte Alma mehrfach bis unaufhörlich und ließ sich sogar eine lebensgroße Almapuppe basteln... was er mit ihr anstellte, soll besser im Dunkeln bleiben. Ihren Architekten Walter Gropius setzte Alma ebenso gezielt unter Schaffensdruck wie den Schriftsteller Franz Werfel. Letzterer war durch seinen Aufenthalt (mit Alma) auf der Flucht (1940) in Lourdes gelandet und löste 1941 sein Versprechen ein, den Roman Das Lied von Bernadette zu schreiben, wenn er die erlösende Küste Amerikas erreichte.


    Alma schrieb einmal über die anstehende (aber nicht vollzogene) Heirat Gustav Klimts über dessen Braut: Sie ist ohne Fehl und Tadel. Schönheit und Charme, es ist alles da. Doch sonst ist sie ein Nichts. Das sind wohl extrem harte Worte, die in gewisser Weise auch auf Alma anzuwenden sind. Doch ein Nichts war sie nun offensichtlich wirklich nicht, wie ihre Biographie beweist.


    Gustav Mahler selbst war im Übrigen ja auch nicht gerade sehr freundlich ihr gegenüber: er verbot seiner Frau das Komponieren.


    Ich hoffe auf eine durchaus kritische, aber bitte nach allen Regeln der Kunst durchzuführende Diskussion.


    :wink:

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790


    Plaudite, amici, comedia finita est. Finis coronat virus. (Covid)

  • Ich muss offen zugeben, dass sich zumindest auf den Fotos mir bisher die Erotik entzogen hat... ich glaube, dazu hätte man sie in persona gekannt haben müssen.


    Das Buch von Giroud habe ich nicht gelesen, dem Thema Alma Schindler habe ich mich mit der ausgesprochen mitreißenden Biographie von Oliver Hilmes erarbeitet: Witwe im Wahn.


    Hilmes bemüht sich, nicht zu einseitig Partei zu ergreifen, zitiert Quellen und ordnet sie ein, läßt Almas und Gustavs überlebende Tochter zu Wort kommen. Die Zeitbilder um Alma herum werden lebendig und farbig gezeichnet, ohne zu sehr in Gemeinplätze und Klischees abzugleiten.


    Kurz, Ulli, wenn Du noch eine Urlaubslektüre suchst:


    Die zehn Euro ist das Buch allemahl wert...


    In der Einleitung steht eine Liste aller Personen, die sie in ihrem Umfeld gekannt bzw. zu denen sie Kontakt hatte. Ein komplettes Who is Who der ersten Hälfte des XX. Jahrhunderts.


    Und die Erzählungen von Almas faschistisch-antisemitischen Ansätzen, und wie sie dennoch als verfemte vor den Nazis fliehen muss, die abenteuerliche Flucht mit Werfel, der nicht gerade ein Athlet war, über die Grenze nach Spanien und Portugal... hochspannend.

    Lucius Travinius Potellus
    Those who would give up essential Liberty, to purchase a little temporary Safety, deserve neither Liberty nor Safety. (B.Franklin)

  • Auf Empfehlung geordert und auf Befehl gelesen:



    Erich Rietenauer
    Alma, meine Liebe


    Wer möchte nicht einmal bei seinen Lieblingen der Kunst ein unentdecktes "Mäuschen spielen"? Nun, Erich Rietnauer war zwar nicht unentdeckt, sondern ein gern gesehener Gast, aber die (Musik-) Geschichte hat ihn glatt übersehen - und das macht ihn doch wieder zum "Mäuschen". Die Quasi-Autobiografie, die (zumindest mir) bislang Unkenanntes (darunter Faszinierendes wie Schreckliches) zu Tage fördert, ist zugleich eine Biografie der Mahler-Witwe ohne Anspruch auf Vollständigkeit; sie entstammt den Erinnerungen eines eigentlich völlig normalen und belanglosen Durchschnittsmenschen des frühen 20. Jahrhunderts und ermöglicht bislang unbekannte und sehr pittoreske Einblicke in das Leben der Alma Mahler-Werfel, deren Tochter, Ehemänner, Liebhaber und Besucher, zu denen Berühmtheiten wie Furtwängler, Alban Berg, Thomas Mann, Carl Zuckmayr u.v.a. gehörten. Der Autor selbst, Erich Rietenauer, entdeckte zu jener Zeit sein Faible für Fotografie; demzufolge ist das Buch mit seltenen Fotografien aus dem sehr nahen Circle der Post-Mahlers bebildert - hinzu gesellen sich Ausschnitte aus dem Autogrammheft des Autors...


    Sehr schön, solches erlebt und die Erinnerungen für die Nachwelt konserviert zu haben: was für ein Schatz! Dabei reduziert der Autor sein Leben nicht auf die Begegnungen mit Alma Mahler-Werfel und deren Tochter Manon Gropius, sondern lässt sie beinahe bei- und zwangsläufig erscheinen. Die Perspektive einer zur Musik quasi nicht in Bezug stehenden dritten Person ist sehr erhellend und interessant, vor allem unverblümt und direkt, manchmal regelrecht kindisch. Dabei ist nicht alles in samtenes Futter gefasst - die Umstände, unter denen Rietenauer dies alles erlebte, waren sicher mehr als "nicht einfach"... und prägend für das künftige Leben.


    Der "Stoff" ließe sich sicherlich sehr gut verfilmen: Erzählender Werthers-Echte-Opa in Ohrensessel mit seinen Aufzeichnungen in der Hand, Sepia-Überblendung: und los gehts...

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790


    Plaudite, amici, comedia finita est. Finis coronat virus. (Covid)