Gänsehautlieder

  • Etwas was mich schon immer sehr bewegt hatte,
    habe ich jetzt als Gedicht für euch gefunden...
    ich hoffe, es gefällt...


    und damit, gute Nacht... :sleeping:



    "Das Mädchen mit den Schwefelhölzern"


    Die halbe kalte Silvesternacht,
    Hat draußen ein Mägdelein zugebracht,
    Muss hungrig, müde auf der Straße stehn.
    Kein einziges Holz hat verkauft sie heut,
    Grausam eilten vorbei die Leut;
    Vor Angst wagt sie nicht nach Hause zu gehn.
    Aus allen Fenstern strahlt Lichterglanz
    In der Neujahrsnacht,
    Köstliche Düfte erfüllen ganz ihren Sinn
    Mit Zaubermacht.
    Ein Schwefelhölzchen schnell,
    Das wärmt mich auf der Stell.
    Ritsch, ritsch, wie brennt es so schön,
    Warm und hell ist es anzusehn,
    Die Flamme wächst immer höher an,
    Wie ich daran mich doch wärmen kann.
    Ritsch, ritsch, wie brennt es so schön,
    Warm und hell ist es anzusehn,
    Doch plötzlich das leuchtende Feuer verschwand,
    Das Hölzchen war ausgebrannt.


    Ein zweites Hölzchen nahm sie zur Hand,
    Strich es an der Mauerwand,
    Da branntes wie Gas und wie Kerzenschein.
    Die Mauer schien wie ein Flor so weich,
    Ach, ihr schien's wie im Märchenreich,
    Voll Neugier steckt sie das Köpfchen hinein.
    Die Kleine schaut in ein Zimmerlein
    In der Neujahrsnacht,
    Drinnen stand wohl ein Tisch gar fein
    Voll der wunderschönen Pracht;
    Gedeckt ganz blendend weiß,
    Voll Gänsebraten und Speis:
    Ritsch, ritsch, wie brennt es so schön,
    Warm und hell ist es anzusehn,
    Die Gans mit Messer und Gabel drin
    Watschelt direkt zum Mädchen hin.
    Ritsch, ritsch, wie brennt es so schön,
    Warm und hell ist es anzusehn,
    Doch plötzlich die Gans und das Feuer verschwand,
    Das Hölzchen war ausgebrannt.


    Das dritte Hölzchen, noch brannt es kaum,
    Da saß sie unterm Weihnachtsbaum,
    Der strahlte hell unterm Kerzenschein.
    Die Sternlein schimmern am Himmelstor,
    Sieh, im Glanze steht mild davor
    Und freundlich ihr liebes Großmütterlein.
    Großmütterlein, nimm mich auf zu dir
    In der Neujahrsnacht,
    All meine Hölzchen verbrenn ich hier,
    Sieh die goldne Lichterpracht.
    Mein liebes Großmütterlein,
    Führ mich zum Himmel hinein.
    Ritsch, ritsch, wie brennt es so schön,
    Warm und hell ist es anzusehn,
    Großmütterchen nahm sie in ihren Arm,
    O wie war ihr so wohl und so warm.
    Ritsch, ritsch, wie brennt es so schön,
    Warm und hell ist es anzusehn,
    Verschwunden der Hunger, die Kälte und Not,
    Am Neujahrstag fand man sie tot.


    Hans Christian Andersen
    (* 02.04.1805 , † 04.08.1875)


    "Wenn du von allem dem, was diese Blätter füllt,
    Mein Leser, nichts des Dankes wert gefunden:
    So sei mir wenigstens für das verbunden,
    Was ich zurück behielt."
    (Lessing)

  • Ist eine Arie ein Lied? Hoffentlich ja...


    einen mächtigen Gänsehaut habe ich nämlich immer, wenn ich "Fra l'ombre e gl'orrori" aus 'Aci, Galatea e Polifemo' von Händel höre... ich meine die Originalfassung der Arie mit der ungewöhnlich großen Stimmumfang... :jubel:



    Laurent Naouri singt die Arie fantastisch!


    LG
    Tamás
    :wink:

  • Also ich bin schon der Meinung, dass man den Thread-Titel nicht aus den Augen verlieren sollte. Für mich verbindet sich der Begriff „Lied“ zuallererst mit dem „Kunstlied“, also dem Lied für eine Singstimme mit Klavier-Begleitung von Schubert, Schumann, Brahms, Wolf, Debussy bis hin zu Schönberg, Webern und Reimann. Sodann mit den Orchesterliedern z.B. von Strauss oder Mahler. Die Gurre-Lieder von Schönberg sind für mich schon wieder ein Grenzfall, da man sich hier angesichts des gewaltigen Aufwands bereits in sinfonischen und nicht mehr liedhaften Gefilden bewegt. Entsprechend würde ich auch Opern-Arien nicht als in diesen Thread gehörend empfinden, bestenfalls vielleicht noch sehr liedhafte Stücke wie z.B. das „Leise, leise, holde Weise“ aus dem Freischütz. Und auch die Tatsache, dass einer Arie eine literarische Liedform (nämlich das „Sonett“; s. Beitrag Nr. 26 von Travinius) zugrunde liegt, berechtigt für sich allein genommen noch nicht dazu, das musikalische Produkt als „Lied“ zu bezeichnen. Genauso wenig gehören auch für meine Begriffe die Ausschnitte aus den genannten Requien von Brahms, Fauré usw. in diesen Thread (Die betreffenden Schreiber mögen mir verzeihen, aber so sehe ich das nun einmal). Aber – gleiches Recht für alle: Wenn ich aus diesem Bereich eine Gänsehaut-Stelle benennen darf, dann ist es das „Agnus Dei“ aus dem Verdi-Requiem. Meine „richtigen“ Liedfavoriten diesbezüglich sind als Klavierlied „Der Leiermann“ (für mich unübertroffen in der frühen Fischer-Dieskau-Interpretation) aus Schuberts Winterreise und als Orchesterlied(er) die „Kindertotenlieder“ von Mahler (da suche ich noch nach der Ideal-Interpretation).

    Was im Thread nach meiner Erinnerung noch gar nicht angesprochen wurde, ist das „Chorlied“, und davon gibt es speziell von Mendelssohn („Lieder im Freien zu singen“) und Brahms (u.a. die herrlichen Volkslied-Bearbeitungen) eine ganze Menge. Auch hier habe ich ein ausgesprochenes Gänsehaut-Stück, nämlich die „Waldesnacht“ von Brahms. Aufnahmen davon gibt es wie Sand am Meer, also am besten reinhören (für mich erste Wahl: Frieder Bernius mit dem Stuttgarter Kammerchor – Interpretationen auf musikalisch höchstem Niveau, die nicht versuchen, aus den Stücken mehr zu machen als sie sind. Es ist einfach ein Genuss, hier zuzuhören).

    Viele liebe Grüße aus dem schönen Odenwald,
    harry

    PS. Ich habe gerade entdeckt, dass Melina das „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ genannt hat. Das ist per se schon mal ein ganz tolles Lied, und in der Chorbearbeitung von Bach (s. die gleichnamige Kantate) sowieso. Die Melodie ist übrigens nicht von Bach, sondern von Philipp Nicolai (auf der „Liederdatenbank“-Seite wird auch Hans Sachs genannt). Aber im Prinzip sollten ja Namen keine Rolle spielen; so ist es mir auch völlig egal, ob nun die Melodie von „Komm, süßer Tod“ in Schemellis Gesangbuch von Bach stammt oder nicht – sie ist einfach nur wunderschön.

  • Meine liebsten Zyklen:


    Schubert: Winterreise
    Schumann: Liederkreis op. 39
    Brahms: Vier ernste Gesänge
    Wagner: Wesendonck-Lieder
    Mahler: Kindertotenlieder
    Strauss: Vier letzte Lieder

    "Je edler das Ding und je allmächtiger, desto fürchterlicher und teuflischer ist der Mißbrauch. Brand und Ueberschwemmung, die schädlichen Wirkungen von Feuer und Wasser, sind nichts gegen das Unheil, das die Vernunft stiften wird – wohl zu merken, die Vernunft ohne Gefühl, wie sie nach den Merkmahlen dieser Zeit uns bevorsteht …“ Georg Forster aus Paris an seine Frau am 16. April 1793

  • "Je edler das Ding und je allmächtiger, desto fürchterlicher und teuflischer ist der Mißbrauch. Brand und Ueberschwemmung, die schädlichen Wirkungen von Feuer und Wasser, sind nichts gegen das Unheil, das die Vernunft stiften wird – wohl zu merken, die Vernunft ohne Gefühl, wie sie nach den Merkmahlen dieser Zeit uns bevorsteht …“ Georg Forster aus Paris an seine Frau am 16. April 1793

  • Carl Loewe hat es komponiert


    Ich trage, wo ich gehe,
    Stets eine Uhr bei mir;
    Wieviel es geschlagen habe,
    Genau seh ich an ihr.


    Es ist ein großer Meister,
    Der künstlich ihr Werk gefügt,
    Wenngleich ihr Gang nicht immer
    Dem törichten Wunsche genügt.


    Ich wollte, sie wäre rascher
    Gegangen an manchem Tag;
    Ich wollte, sie hätte manchmal
    Verzögert den raschen Schlag.


    In meinen Leiden und Freuden,
    In Sturm und in der Ruh,
    Was immer geschah im Leben,
    Sie pochte den Takt dazu.


    Sie schlug am Sarge des Vaters,
    Sie schlug an des Freundes Bahr,
    Sie schlug am Morgen der Liebe,
    Sie schlug am Traualtar.


    Sie schlug an der Wiege des Kindes,
    Sie schlägt, will's Gott, noch oft,
    Wenn bessere Tage kommen,
    Wie meine Seele es hofft.


    Und ward sie auch einmal träger,
    Und drohte zu stocken ihr Lauf,
    So zog der Meister immer
    Großmütig sie wieder auf.


    Doch stände sie einmal stille,
    Dann wär's um sie geschehn,
    Kein andrer, als der sie fügte,
    Bringt die Zerstörte zum Gehn.


    Dann müßt ich zum Meister wandern,
    Der wohnt am Ende wohl weit,
    Wohl draußen, jenseits der Erde,
    Wohl dort in der Ewigkeit!


    Dann gäb ich sie ihm zurücke
    Mit dankbar kindlichem Flehn:
    Sieh, Herr, ich hab nichts verdorben,
    Sie blieb von selber stehn.

  • Draußen in der weiten Nacht
    Steh ich wieder nun,
    Ihre helle Sternenpracht
    Laßt mein Herz nicht ruhn!


    Tausend Arme winken mir
    Süß begehrend zu,
    Tausend Stimmen rufen hier,
    »Gruß dich, Trauter, du!«


    O ich weiß auch, was mich zieht,
    Weiß auch, was mich ruft,
    Was wie Freundes Gruß und Lied
    Locket,locket durch die Luft.


    Siehst du dort das Hüttchen stehn,
    Drauf der Mondschein ruht?
    Durch die blanken Scheiben sehn
    Augen, die mir gut!


    Siehst du dort das Haus am Bach,
    Das der Mond bescheint?
    Unter seinem trauten Dach
    Schläft mein liebster Freund.

    Siehst du jenen Baum,
    Der voll Silberflocken flimmt?
    O wie oft mein Busen schwoll
    Froher dort gestimmt!


    Jedes Plätzchen, das mir winkt,
    Ist ein lieber Platz,
    Und wohin ein Strahl nur sinkt,
    Lockt ein teurer Schatz.


    Drum auch winkt mir's überall
    So begehrend hier,
    Drum auch ruft es, wie der Schall
    Trauter Liebe mir.


    LG palestrina

    „ Die einzige Instanz, die ich für mich gelten lasse, ist das Urteil meiner Ohren. "
    Oolong