02 - Winterreise D911

    • Offizieller Beitrag

    Winterreise.
    Von Wilhelm Müller.
    In Musik gesetzt für eine Singstimme mit Begleitung des Pianoforte
    von Fanz Schubert. 89stes Werk.


    Dies ist der Titel der bei Tobias Haslinger verlegten Erstausgabe [Teil I: 14.01.1828, Teil II: 30.12.1828]. Die Winterreise D 911 (op. 89) ist ein Zyklus in zwei Teilen zu je 12 Liedern nach Gedichten von Wilhelm Müller (07.10.1794-01.10.1827). Für den ersten Teil, von Schubert datiert mit Februar 1827 als Beginn der Komposition, verwendete der Tonmaler Texte aus Urania. Taschenbuch auf das Jahr 1823. Neue Folge, fünfter Jahrgang, worin die Wanderlieder von Wilhelm Müller. Die Winterreise. In 12 Liedern publiziert wurden. Nachdem es zunächst bei der Vertonung dieser 12 Lieder bleiben sollte, was an Schuberts Fine-Vermerk am Ende des 12ten Liedes erkennbar ist, entschloß er sich, als zweiten Teil (Kompositionsbeginn im Oktober 1827) weitere 12 Lieder (auch hier als Nr. 1-12 numeriert), diesmal aus Gedichte aus den hinterlassenen Papieren eines reisenden Waldhornisten. Herausgegeben von Wilhelm Müller. Zweites Bändchen. (Dessau, 1824) zu verkomponieren. Dieses Bändchen war dem Meister des deutschen Gesanges Carl Maria von Weber gewidmet (sic!) und beinhaltete als Text sowohl den von Schubert bereits vertonten ersten als auch den folgen sollenden zweiten Teil, gleichwohl in einer anderen Anordnung, lt. Deutschverzeichnis war diese: 1-5, 13, 6-8, 14-21, 9-10, 23, 11-12, 22, 24. Der Widmungsträger hat diese Gedichte nie vertonen können, da er am 5. Juni 1826 verstarb, aber ich denke, diese Texte haben einen mehr als würdigen Ersatzkomponisten gefunden. Gleichwohl weiß man, daß Schubert v. Weber als Komponisten (beispielsweise von Klaviersonaten) überaus geschätzt hat und der geneigte Leser mag seine eigenen Rückschlüsse aus dieser Tatsache ziehen.


    Zu Schuberts Lebzeiten (oder unmittelbar danach) nachweislich (ur)aufgeführt wurde Nr. 1 Gute Nacht am 10.01.1828 durch den Tenor Ludwig Tietze im Musikverein, die Nrn. 5 Der Lindenbaum und 17 Im Dorfe ebenda am 22.01.1829 (also posthum) durch den Bassisten Johann Karl Schoberlechner (1800-1879), bekannt unter seinem Künstlernamen Schober, der nicht identisch mit Schuberts Freund Franz von Schober (1796-1882) ist. Ludwig Tietze war ein langjähriger Freund Schuberts, seines Zeichens Widmungsträger des Offertorium C-Dur op. 46 (D 136) aus dem Jahre 1815.


    Der Zyklus gliedert sich wie folgt:


    Teil I


    Nr. 01 Gute Nacht [Mäßig, 2/4, d-moll]
    Nr. 02 Die Wetterfahne [Ziemlich geschwind, 6/8, a-moll]
    Nr. 03 Gefrorne Tränen [Nicht zu langsam, 2/2, f-moll]
    Nr. 04 Erstarrung [Ziemlich schnell, 4/4, c-moll]
    Nr. 05 Der Lindenbaum [Mäßig, ¾, E-Dur]
    Nr. 06 Wasserflut [Langsam, ¾, e-moll]
    Nr. 07 Auf dem Flusse [Langsam, 2/4, e-moll]
    Nr. 08 Rückblick [Nicht zu geschwind, ¾, g-moll]
    Nr. 09 Irrlicht [Langsam, 3/8. h-moll]
    Nr. 10 Rast [Mäßig, 2/4, c-moll]
    Nr. 11 Frühlingstraum [Etwas bewegt, 6/8, A-Dur]
    Nr. 12 Einsamkeit [Langsam, 2/4, h-moll]


    Teil II


    Nr. 13 Die Post [Etwas geschwind, 6/6, Es-Dur]
    Nr. 14 Der greise Kopf [Etwas langsam, ¾, c-moll]
    Nr. 15 Die Krähe [Etwas langsam, 2/4, c-moll]
    Nr. 16 Letzte Hoffnung [Nicht zu geschwind, ¾, Es-Dur]
    Nr. 17 Im Dorfe [Etwas langsam, 12/8, D-Dur]
    Nr. 18 Der stürmische Morgen [Ziemlich geschwind, doch kräftig, 4/4, d-moll]
    Nr. 19 Täuschung [Etwas geschwind, 6/8, A-Dur]
    Nr. 20 Der Wegweiser [Mäßig, 2/4, g-moll]
    Nr. 21 Das Wirtshaus [Sehr langsam, 4/4, F-Dur]
    Nr. 22 Mut [Mäßig, kräftig, 2/4, g-moll]
    Nr. 23 Die Nebensonnen [Mäßig, ¾, A-Dur]
    Nr. 24 Der Leiermann [Etwas langsam, ¾, a-moll]


    Die Tonartenangaben entsprechen dem Erstdruck und weichen teilweise von den autographen Partituren ab (Nr. 6 originär fis-moll, Nr. 10 d-moll, Nr. 12 d-moll, Nr. 22 a-moll, Nr. 24 h-moll). Die Abweichungen sind wohl durch Schubert authorisiert, zumal er bei Nr. 10 handschriftlich (für die Druckausgabe) BN Ist ins Cmoll zu schreiben vermerkte. Von folgenden Liedern gibt es Erstfassungen: Nrn. 7, 10, 11, 22 und 23. Die Nrn. 7, 10 und 11 sind dabei gleich an Taktzahlen, Nr. 22 war um 34 Takte (was mehr als die Hälfte ist) kürzer, Nr. 23 war um einen Takt länger gewesen.


    ~ ~ ~


    Von Isak Albert Berg (1803-1886), einem schwedischen Tenor und Komponisten, stammt das Lied Se solen sjunker, welches Schubert bei einem Gastspiel des Sängers in Wien zu Gehör bekam und welches ihn sehr deutlich inspirierte, wie sich ein Zeitgenosse erinnerte.


    Neben dem Oktavsprung auf Färvel (Leb wohl), welcher vornehmlich den 2. Satz des Trios D929 charakterisiert und so spannend macht, finden sich mehrere Stellen, die in Schuberts Winterreise wiederkehren: Der Beginn des Liedes z.B. erinnert ebenso an Gute Nacht (dieses wiederum an den Beginn des Andante con moto) wie auch besonders an Der Wegweiser - die Melodie wird beinahe eins zu eins zitiert:


    Isak Albert Berg (1803-1886): Se solen sjunker


    Franz Schubert: Der Wegweiser D911, 20


    Bergs Oktavsprung Farväl (was nichts anderes als Lebewohl bedeutet) taucht in Schuberts Gute Nacht als 'extented Version' an der Textstelle ...fremd zieh ich wieder aus... auf, wobei dieser Passus bei Schubert ebenfalls ein Oktavsprung nach unten ist (fremd <--> aus) und der verkomponierte Text nichts anderes als ein Abschied ist:


    Isak Albert Berg


    Franz Schubert


    Auch der Dezim-Terz-Sprung auf brud (Braut) kommt im Finale des Trios vor - bei der fantastischen Auflösung von moll nach Dur. Aus dem 'Lalala', welches jenem wenig heiteren Tralaléra Osmins ähnelt, kehrt bei Schubert der Akkord (im Lied: Es-B-g'-d' / unverminderter Septakkord) wieder. Dieser (Trugschluß-) Akkord gehört ohnehin zu meinen liebsten.


    Das Lied wurde zweifach eingespielt:



    Torsten Meyer (Bariton), Gerrit Zitterbart (Klavier) – zu beziehen über www.abegg-trio.de
    Diese CD enthält zudem die von Schubert später revidierte Erstfassung des 2. Satzes des Claviertrios Es-Dur (Empfehlung!). Leider nonHIP.


    Von der Singstimme her gefällt mir die folgende Interpretation allerdings wesentlich besser, da sie sich auch korrekter an den (mir vorliegenden) Notentext hält und zudem HIP ist:



    Salzburger Hofmusik, Wolfgang Brunner (whatever...)


    Diese 28 Takte des Komponisten Berg sind wirklich auf kleinstem Raum komprimierter Schubert, wenn man so will...


    ~ ~ ~


    Weiterführende Links
    Einspielungen auf historischen Instrumenten
    Einspielungen auf modernen Instrumenten

    • Offizieller Beitrag

    Hallo,


    bei der "Wetterfahne" stolpere ich jedes Mal über dieser Stelle:



    Wie ist der Triller hier auszuführen? Als kleine Terz (f-gis)? Da das gis neben (über, unter) dem Trillerzeichen nicht aufgelöst wurde, gilt es (eigentlich)... Das wäre dann nach meinen Gedanken eher ein Tremolo denn ein Triller und ich empfände dies als sehr ungewöhnlich, wenn auch Ungewöhnliches nichts Ungewöhnliches bei Schubert ist. Oder wird nur verlangt, das gis als Vorschlag zu spielen und einen gewöhnlichen Triller auf f/g anzuschließen? Und wie wäre in der Konsequenz der triolische Vorschlag zu spielen: e-f-gis oder e-f-g? Das gis ist ja (auch hier) nicht aufgelöst worden, gilt also (immer) noch... allerdings wäre dann ein e-fis-gis logischer... Durch die Singstimme darüber kann man dies leider bei diversen Aufnahmen nur relativ schlecht erhören.


    *hä*

    • Offizieller Beitrag

    Die Zahl 50 scheint wohl eher als Metapher für "mehr als üblich" (wobei: was ist schon üblich?) zu stehen. Ich weiß z.B. sicher, daß es von der 7. Sinfonie D849 mehr als 200 Aufnahmen gibt, weil ein College von mir die sammelt und die 200 inzwischen überschritten hat... bei der WR würde ich als bauchgefühlte Untergrenze mal 250 in den Raum werfen... (wobei sich stets die Frage stellt, ob (Eigen-) Mitschnitte sowie Präsentationen auf Youtube dazu zählen - oder wirklich nur offizielle CDs/DVDs).

    • Offizieller Beitrag


    Mal eine Frage zu diesem schönen Buch, das im Forum schon häufiger erwähnt wurde: Ist in eurer Ausgabe das Druckbild auch so schlecht, dass ihr es kaum lesen könnt ohne Augenschmerzen?


    Und bei der Gelegenheit: Gibt es noch weitere wichtige Bücher zum Zyklus?