Guten Abend, gute Nacht (Brahms)

  • Ein sehr bekanntes und berühmtes Kinder-Wiegenlied ist das Lied "Guten Abend, gute Nacht" von Johannes Brahms.


    Guten Abend, gute Nacht. So ähnlich wie auch in dem Lied 'Aber heidschi bumbeidschi', wird viel spekuliert was das "Näglein" betrifft. Der Eine definiert ein Totenlied, ein Anderer ein Wiegenlied. Meine Frage, was bedeutet "Näglein"? Meiner Meinung nach Nelken, woanders las ich Näglein als Sargnägel.... *hmmm*

    1. Guten Abend, gute Nacht, mit Rosen bedacht,
    mit Näglein besteckt, schlüpf unter die Deck:
    Morgen früh, wenn Gott will, wirst du wieder geweckt,
    morgen früh, wenn Gott will, wirst du wieder geweckt.


    2. Guten Abend gute Nacht, von Englein bewacht,
    die zeigen im Traum dir Christkindleins Baum:
    Schlaf nur selig und süß, schau im Traum's Paradies,
    schlaf nur selig und süß, schau im Traum's Paradies.


    Worte: Die erste Strophe ist ein altes Volksied aus "Des Knaben Wunderhorn" (1808), die 2. Strohphe ist von Georg Scherer (1849)
    Weise: Johannes Brahms, op.49, Nr 4 (1868)

  • KLUGES Etymologisches Wörterbuch (das ich liebe):


    Zitat

    Nelke
    Über neilke entstanden aus negelken, dessen hochdeutsche Entsprechung Nägelchen, Nägelein ist [...]. Gemeint waren ursprünglich die Gewürznelken, die wegen ihrer Form mit kleinen handgeschmiedeten Nägeln verglichen wurden [...] Im 15. Jahrhundert wurde die Bezeichnung auf die Gartennelken wegen ihres Duftes übertragen.



    Getrocknete Gewürznelken (Quelle: Wikipedia)


    Ich nehme schon an, daß hier die Gartennelken (neben den Rosen) gemeint sind, und zwar (vermutlich) in gestickter Form auf dem Oberbett. Aber eine gewisse Doppeldeutigkeit ist natürlich nicht von der Hand zu weisen (wäre aber doch ziemlich makaber...). Wobei Nelken heute auch eher die Funktion der Friedhofsblume innehaben... ich fand als Kind vor allem die Passage: 'Morgen früh, wenn Gott will...' nicht so wirklich beruhigend... :huh: Vielleicht ist es tatsächlich so gemeint, daß sich die hübschen Nelken auf dem Kissen bei Gottes Unwillen in Sargnäglein verwandeln... soll alles schon vorgekommen sein. Man könnte den Text unter diesen Bedingungen als ein Gebet einer Mutter im Hinblick auf den plötzlichen Kindstod ansehen...


    :wink:

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790


    Plaudite, amici, comedia finita est. Finis coronat virus. (Covid)

  • Ja, eine andere Version der Näglein/Nelken:


    Bei den Nägelein handelt es sich um die uns heute bekannten Gewürznelken. Sie wurden früher an die Wiege gesteckt, um Krankheiten und Insekten fern zu halten.


    Wenn man an die Gartennelke mit ihrem intensiven Duft denkt, oder auch an das Gewürz, könnte es so sein. Doch warum "mit Rosen bedacht" mit "Näglein" besteckt? Warum beide Blumen, warum nicht nur die Rosen oder die Nelken?

  • Bei den Nägelein handelt es sich um die uns heute bekannten Gewürznelken. Sie wurden früher an die Wiege gesteckt, um Krankheiten und Insekten fern zu halten.


    Das könnte sich in der Tat hinter dem 'besteckt' verbergen (alternativ zu: bestickt). Das würde auch einen Sinn ergeben, nämlich das Kind vor Ungeziefer und Krankheiten schützen zu wollen.


    Wenn man an die Gartennelke mit ihrem intensiven Duft denkt, oder auch an das Gewürz, könnte es so sein. Doch warum "mit Rosen bedacht" mit "Näglein" besteckt? Warum beide Blumen, warum nicht nur die Rosen oder die Nelken?


    Ganz profan: weil sich's sonst nicht reimen tät :rolleyes: Und weil doppelt gemoppelt immer besser hält.


    Tante Vicky meint:


    Wikipedia schrieb:

    Rote Rosen gelten seit dem Altertum als Symbol von Liebe, Freude und Jugendfrische. Die Rose war der Aphrodite, dem Eros und Dionysos geweiht, später der Isis und der Flora. Bei den Germanen war sie die Blume der Freya. Antike Sagen beschreiben die Entstehung der Rosen als Überbleibsel der Morgenröte auf Erden, als zusammen mit Aphrodite dem Meerschaum entstiegen, oder aus dem Blut des Adonis entstanden. Mit der Rose war auch die Vorstellung des Schmerzes verbunden (Keine Rose ohne Dornen) und wegen ihrer hinfälligen Kronblätter auch mit Vergänglichkeit und Tod. Die rote Farbe wurde auf das Blut der Aphrodite, die sich an den Stacheln verletzte, zurückgeführt, oder auf das Blut der Nachtigall, die die ursprünglich weiße Rose mit ihrem Herzblut rot färbte.


    Und da isser wieder, der Tod...


    :huh:


    Wikipedia schrieb:

    Im Mittelalter war die Nelke ein Symbol für die Gottesmutter Maria. Sie war zudem ein Symbol der Passion Christi, da die Form von Blatt und Frucht bildhaft als „Nagel“ interpretiert wurde. Das Wort „Nelke“ entstand aus dem mittelniederdeutschen „negelken“, was so viel wie „Nägelchen“ bedeutete. In dem Lied „Guten Abend, gute Nacht“ erscheinen Nelken unter der Bezeichnung „Näglein“.


    Ich hätte nicht gedacht, daß diese paar Zeilen je so interessant sein könnten.


    8o

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790


    Plaudite, amici, comedia finita est. Finis coronat virus. (Covid)

  • Also könnten die Näglein doch Tod bedeuten? Die 2. Strophe deutet eigentlich auch darauf hin.
    "Von Englein bewacht,
    die zeigen im Traum
    dir Christkindleins Baum.
    Schlaf nun selig und süß,
    schau im Traum 's Paradies".


    Doch warum "Christkindels Baum?" Ist es ein Trost, um das Kind an das Christkind zu erinnern? Dann das Paradies, ist es wirklich das Ende?

  • Ich liebe dieses Lied! Wird mich für immer und ewig an meine Mama erinnern.


    Zitat

    von Ulli
    ich fand als Kind vor allem die Passage: 'Morgen früh, wenn Gott will...' nicht so wirklich beruhigend.


    Zum Glück, gab es auf kroatisch solch' verwirrende Aussagen nicht. Oder ich nam sie einfach nicht wahr, denn meine Mama hat so eine wunderschöne Stimme, ich wußte nie wovon sie singt, ich war mit Melodie zu sehr beschäftigt. Es klang so einzigartig und zauberhaft, dass ich lange Zeit geglaubt habe: Es sei ein besonderes Lied, die niemand auser mir und meine Mama, kennt.


    Tja... das wäre dann der Stoff, aus welchen ein Kindertraum bestand.
    Und irgendwie, es für immer bleiben wird... ;(


    "Wenn du von allem dem, was diese Blätter füllt,
    Mein Leser, nichts des Dankes wert gefunden:
    So sei mir wenigstens für das verbunden,
    Was ich zurück behielt."
    (Lessing)


  • Oh Musica, da hast Du VIEL bei mir er/ge-weckt... gluecklicherweise >wollte es der liebe Gott immer, denn schliesslich bin ich Jahrgang 44 und bin noch da.


    Dieses Gute - Nacht - Lied ist ein Teil in und von mir geworden. Natuerlich hat es meine Mutter (jeden Abend ???) fuer mich gesungen. Sie sang sehr schoen, deshalb habe ich sie ja bei Ferdinand Leitner (Dirigenten-Forum) auch erwaehnt.


    ...und Ulli, Dein philosophischer Exkurs trifft in seiner Doppeldeutigkeit zumindest auf die Situation der Kriegskinder (und wohl auch Nachriegskinder) in einem Punkte zu, dem mit den >NAEGLEIN<... im Moment assoziiere ich den Erlkoenig >und bist du nicht willig...<. Schwierig zu erklaeren, aber mehr oder weniger war fast jede Deutsche Mutter durch die Philosophie der Frau Harrer (un)bewusst gepraegt. Diese Dame wuerde man heute Familienministerin nennen, Chefideologin Hitlers.


    In > Adolf Hitler, die Deutsche Mutter und ihr erstes Kind<, nimmt das >Brechen des Willen des Kindes< durch standardisierte Versorgungsmechanismen einen ausserordentlichen Stellenwert ein, ja steht im Vordergrund. Es ging darum, NICHT auf subjektive Belange des Kindes einzugehen. Der Saeugling war- aus dieser Sicht - noch kein eigenstaendiges Lebewesen... erst durch Gehorsam und Anpassung wurde er zu einem vollwertigen Menschen im Sinne der Volksgemeinschaft. Das (versteckt) Sadistische passt zu den Naeglein. Ich belasse es dabei... aber zu dem Gefuehl, das ich mit dem Brahms-Lied verbinde, gibt es eben auch ein sehr ambivalentes.


    Guten Abend, gute Nacht , liebe EROICAeaner/innen :evil:*motz*?(
    Arnulfus (z.Zt. in Ohio)

  • Ich befürchte, wenn ihr es weiter analysiert, ist es aus mit ganze Schönheit des Liedes!
    Ich (als jemand der nicht hier geboren ist) wäre nie auf all das gekommen.
    Vielleicht ist auch besser so...
    Aber jetzt, jetzt bleibt mir nur die Melodie.
    Text finde ich jetzt nicht mehr schön.


    :(


    "Wenn du von allem dem, was diese Blätter füllt,
    Mein Leser, nichts des Dankes wert gefunden:
    So sei mir wenigstens für das verbunden,
    Was ich zurück behielt."
    (Lessing)

  • Liebe Melina,


    sieh doch einfach das Schöne, die Musik in dem Lied, es hat ja auch etwas Tröstendes und Beruhigendes im Text. Heute singt kaum eine Mutter noch ein Wiegenlied, da werden Kassetten eingelegt und das ist es dann.


    Ich habe viel mit meinen Kindern und Enkeln gesungen, doch immer lustige Lieder, davon konnten sie nie genug bekommen.


  • Ja, das stimmt: heutzutage gibt es nur dämlichen Kassetten mit oft noch dämlicheren Inhalten!
    Dabei ist Mamas Stimme unersätzlich.


    Und stimmt:
    Die Melodie bleibt. Das kann mir niemand wegnehmen!


    P.S.Ich singe Kindern oft vor. Am meisten etwas von Bach (Ruht wohl..., zum Beispiel!)
    Und es kommt super an. Die hören ganz aufmerksam zu. Und schlafen ein...oder beruhigen sich.
    Die anspruchsvolleren wollen, dass ich spiele! Wenn die aber anfangen zu sagen: "Das nicht!", dann wird es für mich schwierig! Aber wir finden immer eine Lösung! Bach, Grieg, Satie, Chopin... etwas davon ist immer richtig! :)


    LG
    Melina


    "Wenn du von allem dem, was diese Blätter füllt,
    Mein Leser, nichts des Dankes wert gefunden:
    So sei mir wenigstens für das verbunden,
    Was ich zurück behielt."
    (Lessing)

  • Doch warum "Christkindels Baum?" Ist es ein Trost, um das Kind an das Christkind zu erinnern? Dann das Paradies, ist es wirklich das Ende?


    Also: zunächst finde ich diese 2. Strophe, die ja zig oder huntert(e) Jahre später entstand als die Zeilen, die in des Knaben Wunderhorn verewigt wurden, etwas unpassend, sollte hier wirklich der 'klassische' Weihnachtsbaum gemeint sein. Dann nämlich wäre das Lied in dieser zweistrophigen Form m. E. nicht alltagstauglich, mithin kein Wiegen- sondern ein Weihnachtslied. Es spräche hingegen einiges dafür, daß hier der Paradies-Baum gemeint ist, zumal das Paradies explizit erwähnt wird. Das Christkind selbst hat ja im ursprünglichen Sinne auch nichts mit dem frisch geschlüpften Jesus (Christus) zu tun, es ist vielmehr eine engelsgleiche Erscheinung, zumeist in der Darstellung ein junges Mädchen (!).


    Wikipedia zur Historie des Christ-, Weihnachts- resp. Tannenbaums:


    Wikipedia schrieb:

    Schon im Mittelalter bestand vielerorts der Brauch, zu bestimmten öffentlichen Festlichkeiten ganze Bäume zu schmücken, wie zum Beispiel der Maibaum oder Richtbaum. Zu Weihnachten wurden in der Kirche Paradies-Spiele aufgeführt, weil der 24. Dezember nach cisalpinem Brauch dem Gedächtnis der Stammeltern Adam und Eva gewidmet war, zu denen ein Paradiesbaum, der durchaus auch ein Laubbaum sein konnte, mit Äpfeln behängt wurde. Der Apfel diente dabei als Zeichen der verbotenen Frucht vom Baum der Erkenntnis und erinnerte an den Sündenfall und an die Befreiung des Menschen von der Erbsünde durch Jesus Christus. Noch bis ins 19. Jahrhundert schmückte man in Norddeutschland seinen Christbaum mit Adam und Eva, inklusive der Schlange, aus Holz oder gebacken.


    Nach dieser Darstellung jedenfalls entfernt sich der Christbaum (mal unabhängig vom Datum des Einsatzes, durch den hier einige religiöse und heidnische Bräuche mehr oder weniger absichtlich vermischt wurden) doch ziemlich deutlich von Weihnachten und neigt eher (wenn auch gemahnend?) in Richtung Paradies.


    :wink:

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790


    Plaudite, amici, comedia finita est. Finis coronat virus. (Covid)

  • Ich befürchte, wenn ihr es weiter analysiert, ist es aus mit ganze Schönheit des Liedes!
    Ich (als jemand der nicht hier geboren ist) wäre nie auf all das gekommen.
    Vielleicht ist auch besser so...


    Naja, das wäre nicht das erste Lied, welches von schöner, beruhigender Melodie ist, aber einen grausamen Inhalt hat. Als Kind registriert man den Text wohl nicht so wirklich. Ich denke da z.B. an:


    Maikäfer flieg!
    Der Vater ist im Krieg,
    Die Mutter ist im Pommerland,
    Und Pommerland ist abgebrannt.
    Maikäfer flieg!


    (Es kursieren diverse textliche Varianten).


    Das Lied wurde ebenfalls in die Wunderhorn-Sammlung aufgenommen und stets als 'Gute-Nacht-Lied' von Müttern gesungen. Ich erinnere mich jedenfalls noch genau (und gerne!) daran.


    Außerdem - das wäre aber wirklich einen separaten Thread wert, da es zu weit abschweift - geht es vielen Menschen so, daß die Analyse (nicht nur von Texten, auch von musikalischen Strukturen), ihnen die Schönheit des Werkes zerstören. Ich persönlich kann dies für mich nicht nachvollziehen, sehe aber, daß dies wohl in vielen Fällen so ist. Die ernüchternde Erkenntnis daraus ist (für mich), daß es keinen Zauber, kein Genie oder göttliche Eingebung und vergleichbare Dinge in der Kunst gibt. Man interpretiert sie hinein und ist dann überrascht, wenn man das Gegenteil erfährt...


    Aber bitte, das ist ein anderes Thema.


    :beatnik:

    Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes – verliere es auf ewig, wenn ich diesmal nicht Gebrauch davon machen kann.

    W. A. Mozart an Michael Puchberg, Wien Anfang April 1790


    Plaudite, amici, comedia finita est. Finis coronat virus. (Covid)

  • Was mir an diesem Lied auch gefällt, ist, dass der Text sich nicht auf ein bestimmtes Geschlecht bezieht. Es gibt mehrere Wiegenlieder, wo allerdings nur von einem männlichen Kind die Rede ist, ich erinnere an "Schlafe mein Prinzchen, schlaf ein" von Mozart, oder "Schlafe du treuester Knabe mein" aus Peer Gynt.


    Auch gefällt mir, dass der Text, unabhängig davon ob er nun zweideutig zu verstehen ist oder nicht, keine Stellen hat, die auf die Zukunft hinweisen - oft lese ich irgendwelche Wiegenlieder, wo die Mutter singt, dass die Zukunft schwer wird, dass man dann nicht mehr so gemütlich zusammensein kann etc. Da frage ich mich, will man sowas hören? Eine Prognose, dass mein Leben eh scheiße wird und ich das hier jetzt noch genießen soll?



    Nebenbei, mir fällt auch ein anderes Lied ein: "´s kommt ein Vogerl geflogen". Auch da gibt es die Theorie, dass die Mutter, von der die Rede ist, bereits tot ist, und ihrem Kind einen Brief schreibt, den der Vogel bringt.



    ´s kommt ein Vogerl geflogen
    setzt sich nieder auf mein´ Fuß,
    hat ein Brieflein im Schnabel,
    von der Mutter einen Gruß.


    Lieber Vogel, flieg weiter,
    nimm ein Gruß mit und ein´ Kuss,
    denn ich kann dich nicht begleiten,
    weil ich hierbleiben muss.


    Denn ich kann dich nicht begleiten - wohin? Ist der Vogel quasi etwas "übersinnliches", also kein normaler Vogel wie eine Brieftaube?
    Weil ich hierbleiben muss - unter den Lebenden?