03 - Schwanengesang D957

    • Offizieller Beitrag

    Schwanengesang.
    In Musik gesetzt für eine Singstimme mit Begleitung des Pianoforte
    von Franz Schubert. Letztes Werk.


    Dies ist der Titel der bei Tobias Haslinger verlegten Erstausgabe (04. Mai 1829), der auch die beiden 'Abtheilungen' der Lieder nach Heinrich Friedrich Ludwig Rellstab (1799-1860) und Christian Johann Heinrich Heine (1797-1856) in einem 'Zyklus' zusammenfasste und ihm den Titel 'Schwanengesang' verlieh. Der Verleger wollte den Titel als zusammenfassende Bezeichnung der letzten Blüten seiner edlen Kraft verstanden wissen: Es sind jene Tondichtungen, die er im August 1828, kurz vor seinem Dahinscheiden, geschrieben.


    'Schwanengesang' ist hier das Synonym für Schuberts 'letztes Werk', was aus heutiger Sicht nicht (mehr, auch nicht allein auf Gesangskompositionen bezogen) stimmt: die drei letzten Claviersonaten c-moll D958, A-Dur D959 und B-Dur D960 waren im September 1828 vollendet, es folgen im Oktober noch 2 Chorwerke sowie Der Hirt auf dem Felsen D965. Wenn man davon ausgeht, daß Schubert noch weitere Lieder zu diesem Zyklus resp. den beiden Zyklen hinzustellen wollte, muß man den Schwanengesang als unvollendetes Werk betrachten. Die 13 Lieder entstanden im Sommer 1828: möglicher Weise waren Lebensmut D937 (Fragment) und Herbst D945 (beide jeweils nach Rellstab) auch für die Liedersammlung geplant. Schubert soll die Rellstab-Heine-Lieder zusammenhängend seinen Freunden zu widmen die Absicht gehabt haben, behauptet Josef von Spaun. Dem Erstdruck folgend wird heute in der Regel Die Taubenpost D965A den 6 Heine-Liedern, die Schubert Im Oktober 1828 separat dem Verleger Probst in Leipzig anbietet, angehängt. Die Taubenpost ist ebenfalls nicht ganz fertiggestellt und ihr Text stammt von Johann Gabriel Seidl (1804-1875). Es handelt sich lediglich um einen Entwurf, wobei die Singstimme vollständig ausgeführt, zum Ende hin jedoch untextiert ist. Die Klavierstimme ist in den Zwischenspielen angedeutet. Die Ergänzungen in der Klavierstimme sowie das Vor- und Nachspiel stammen von fremder Hand, initiiert sicherlich von Tobias Haslinger, dem Verleger des Erstdruckes. Durch das Anhängen der Taubenpost wird der Zyklus wohlproportioniert in zwei mal sieben Lieder geteilt, die 13 als Unglückszahl wird somit geschickt umgangen. Die Taubenpost kann nach derzeitiger Foschungslage durchaus als Schuberts letztes Lied - wenn auch unvollendet - gelten. Dieser Umstand rechtfertig gewissermaßen auch heute noch den Titel Schwanengesang, zumal Die Taubenpost an letzter Stelle mit dem Abschied der Relltab-Lieder korrespondiert.


    Der Zyklus gliedert sich wie folgt:


    Abteilung I Lieder nach Rellstab


    Nr. 01 Liebesbotschaft [Nicht zu langsam, 2/4, G-Dur]
    Nr. 02 Kriegers Ahnung [Nicht zu langsam, 3/4, c-moll]
    Nr. 03 Frühlingssehnsucht [Geschwind, 2/4, B-Dur]
    Nr. 04 Ständchen [Mäßig, 3/4, d-moll]
    Nr. 05 Aufenthalt [Nicht zu geschwind, doch kräftig, 2/4, e-moll]
    Nr. 06 In der Ferne [Ziemlich langsam, 3/4, h-moll]
    Nr. 07 Abschied [Mäßig geschwind, C, Es-Dur]


    Abteilung II Lieder nach Heine und Seidl


    Nr. 08 Der Atlas [Etwas geschwind, 3/4, g-moll]
    Nr. 09 Ihr Bild [Langsam, 2/2, b-moll]
    Nr. 10 Das Fischermädchen [Etwas geschwind, 6/8, As-Dur]
    Nr. 11 Die Stadt [Mäßig geschwind, 3/4, c-moll]
    Nr. 12 Am Meer [Sehr langsam, 2/2, C-Dur]
    Nr. 13 Der Doppelgänger [Sehr langsam, 3/4, h-moll]
    Nr. 14 Die Taubenpost [Ziemlich langsam, 2/2, G-Dur]


    Die erste öffentliche Darbietung fand am 30. Januar 1829 während eine Privatkonzerts der Anna Fröhlich im Musikverein, Wien, durch Johann Michael Vogl. statt.


    Weiterführende Links:
    Einspielungen auf historischen Instrumenten
    Einspielungen auf modernen Instrumenten

    • Offizieller Beitrag

    Im Rahmen der Abstimmung über Schuberts beliebtesten Liederzyklus kam die Diskussion auf, ob der sogenannte Schwanengesang überhaupt ein Zyklus sei.


    Dafür spräche zunächst die Quellenlage: Schubert schrieb die 13 vollendeten Lieder (7 nach Rellstab, 6 nach Heine) zusammenhängend in einem Manuskripte nieder. Schubert soll außerdem nach Angaben Joseph von Spauns die Absicht gehegt haben, diese Liedersammlung zusammenhängend seinen Freunden zu widmen. Ich sehe keine Veranlassung, an der Aussage Joseph von Spauns Zweifel zu errichten. Mangels Vollendung kam es weder zu der beabsichtigten Dedikation, noch zu einer oberbegrifflichen Betitelung der Sammlung durch den Komponisten.


    Dagegen spricht, daß Schubert die sechs Heine-Lieder im Oktober 1828 separat dem Verleger Probst in Leipzig anbietet, der sie allerdings nicht veröffentlichte. Eventuell hat Schubert also seinen ursprünglichen Plan (aus monetären Gründen?) aufgegeben. Zudem wurde die Sammlung unter dem Titel Schwanengesang vom Verleger Tobias Haslinger unter Beigabe des unvollendeten Liedes Taubenpost D965A herausgegeben, um dadurch der Sammlung ein äußeres Gleichgewicht zu verschaffen (2 mal sieben Lieder); außerdem vereinte der Herausgeber unter dem Titel Schwanengesang Schuberts letzte (damals bekannte) Liedkompositionen, wozu eben auch die unvollendete Taubenpost gehört.


    Wikipedia erläutert den Begriff Liederzyklus so:


    Zitat von Wikipedia

    Ein Liederzyklus oder Liederkreis ist ein vom Komponisten selbst zusammengestellter Zyklus von Liedern, aus dem einzelne Lieder nicht ohne Verlust herausgelöst werden können. Nicht selten stammen die Texte aus Gedichtzyklen.


    Der inhaltliche innere Zusammenhang ist schon durch die Textvorlage angelegt, und wird durch offene oder verdeckte musikalische Gestaltungsmittel vertieft. Ein Zusammenhang kann dabei durch melodisch-motivische Mittel hergestellt werden, dabei werden Motive aus anderen Teilen des Zyklus zitiert oder wieder aufgenommen. Auch auf harmonischer Ebene bestehen oft Zusammenhänge, etwa durch die Tonartenfolge der einzelnen Teile; die Geschlossenheit des Zyklus wird häufig durch eine Rückkehr zur Ausgangstonart am Ende des Werks angedeutet. Diese Merkmale sind nicht zwingend für einen Liederzyklus. Das Fehlen eines dieser Merkmale kann aber selbst bedeutungstragend sein. So kann man die Tatsache, dass Schuberts Schöne Müllerin und Winterreise weit entfernt von der jeweiligen Ausgangstonart enden, als Zeichen dafür deuten, dass für den Protagonisten kein Weg zurück führt.


    Daß einzelne Lieder z.B. aus der Winterreise oder anderen Zyklen 'nicht ohne Verlust herausgelöst werden können' sehe ich nicht so. Auch werden die übrigen Merkmale eines Liederzyklus nicht als zwingend beschrieben, weshalb diese Beschreibung von eher allgemeiner - auf Beobachtungen fußender - und nicht bindender Art ist. Den angesprochenen inneren Zusammenhang halte ich allerdings für bedeutend. Ein solcher liegt m. E. bei den Liedern des Schwanengesang sicher vor.


    Die sieben Rellstab-Lieder weisen alle einen gemeinsamen Themenpool auf: (Liebes-)Sehnsucht und Hoffnung:


    • Liebesbotschaft – Der Sender der Liebesbotschaft sitzt am Ufer des Baches und wünscht, daß dieser seine Botschaft der am entfernten Ufer wartenden Geliebten übermittelt.
    • Kriegers Ahnung – Der Krieger äußert seine Sehnsucht nach der von der Schlacht sehr fernen Geliebten.
    • Frühlingssehnsucht – Hier ist es die Sehnsucht nach einer (noch nicht bekannten) Geliebten an sich – Frühlingsgefühle.
    • Ständchen – In dieser Canzonetta wird das Liebeswerben auf innigste Weise beschrieben.
    • Aufenthalt – Auch hier wird wiederum Trennungsschmerz beschrieben.
    • In der Ferne – Der offenbar enttäuschte Liebende flieht sehnsüchtig und schmerzverzerrt.
    • Abschied – Aus diesem Abschiedslied, das (auch inhaltich) nahtlos an In der Ferne anschließt, klingt Endgültigkeit aber auch Hoffnung.


    Die sechs Heine-Lieder haben eine ganz ähnliche Thematik, die das Verlassensein am Ende des ersten Teils aufgreift und vertieft:


    • Der Atlas – Hier beschreibt der liebestolle Atlas sein Unglück, aus dem es keinen Ausweg gibt. Hoffnungslosigkeit.
    • Ihr Bild – Eine Anti-Bildnis-Arie. Der Protagonist trauert einer vergangenen Liebe nach.
    • Das Fischermädchen – Liebessehnsucht durch das Erblicken einer Fischerin auf einem Kahn.
    • Die Stadt – Die (in Teil I?) verlassene Stadt wird aus der Ferne wehmütig betrachtet.
    • Am Meer – Die Seele stirbt vor Sehnen.
    • Der Doppelgänger – Schmerzverzerrte Erinnerung an alte Zeiten.


    Lebensmut D937 (Fragment) und Herbst D945 – beides Texte von Rellstab - würden den Zyklus m. E. gut ergänzen:


    Lebensmut
    Fröhlicher Lebensmut
    Braust in dem raschen Blut;
    Sprudelnd und silberhell
    Rauschet der Lebensquell.
    Doch eh' die Stunde flieht,
    Ehe der Geist verglüht,
    Schöpft aus der klaren Flut
    Fröhlichen Lebensmut!


    Mutigen Sprung gewagt;
    Nimmer gewinnt, wer zagt;
    Schnell ist das Wechselglück,
    Dein ist der Augenblick.
    Wer keinen Sprung versucht,
    Bricht keine süße Frucht,
    Auf! Wer das Glück erjagt,
    Mutigen Sprung gewagt.


    Mutig umarmt den Tod!
    Trifft Euch sein Machtgebot.
    Nehmt Euer volles Glas,
    Stoßt an sein Studenglas;
    Des Todes Brüderschaft
    Öffnet des Lebens Haft.
    Neu glänzt ein Morgenrot:
    Mutig umarmt den Tod!



    Herbst
    Es rauschen die Winde
    So herbstlich und kalt;
    Verödet die Fluren,
    Entblättert der Wald.


    Ihr blumigen Auen!
    Du sonniges Grün!
    So welken die Blüten
    Des Lebens dahin.


    Es ziehen die Wolken
    So finster und grau;
    Verschwunden die Sterne
    Am himmlischen Blau!


    Ach wie die Gestirne
    Am Himmel entflieh'n,
    So sinket die Hoffnung
    Des Lebens dahin!


    Ihr Tage des Lenzes
    Mit Rosen geschmückt,
    Wo ich die Geliebte
    Ans Herze gedrückt!


    Kalt über den Hügel
    Rauscht, Winde, dahin!
    So sterben die Rosen
    Der Liebe dahin!


    Die Tatsache, daß Schubert diese Liedersammlung offenbar unvollendet hinterlassen hat und infolge des durchgerieselten Sandes seines Stundenglases nicht mehr in eine beabsichtigte zyklische Form hat bringen können, lässt mich wegen des inneren Zusammenhanges der Texte dennoch nicht daran zweifeln, daß der Komponist hier ursprünglich einen Zyklus geplant hatte.


    Man müsste hier vielleicht nochmal eine tiefere (als die von mir w.o. oberflächlich vorgenommene) Durchleuchtung der einzelnen Texte vornehmen und diese ggfs. sinnvoll anordnen, wie dies Dr. Chrisian Eschweiler mit der Kapitelfolge bei Kafkas Process erfolgreich tat.